Straßburg-Passage Görlitz - erbaut 1908

Straßburg-Passage Görlitz - erbaut 1908

Denkschrift der Firma Otto Straßburg
Gewidmet anläßlich der Einweihung der Straßburg-Passage sowie der Eröffnung der erweiterten Geschäftsräume
1908 - Görlitz im Dezember

Inhalt:

  • Vorwort
  • Die Entstehungsgeschichte der Straßburg-Passage
  • Die Erbauung der Straßburg-Passage
  • Eine Wanderung durch die Straßburg-Passage
  • Einiges über Bautechnik und Architektur der Straßburg-Passage und des Erweiterungsbaues
  • Die Größenverhältnisse der Passage, ihrer Grundstücke und Räume
  • Die Beleuchtung der Straßburg-Passage
  • Welche Einrichtungen die Straßburg-Passage ihren Besuchern bietet
  • Von der Begründung 1887 bis zum Tage der Passage-Eröffnung 1908
  • Firmentafel
  • Die Feier zur Eröffnung der Straßburg-Passage - Sonntag, den 13. Dezember 1908
  • Die offizielle Feier
  • Stadtplan

Vorwort

Die bis auf den heutigen Tag erhaltenen, fast historisch geworbenen Hausdurchgänge und Handelshöfe unserer altehrwürdigen Handelsstädte beweisen, daß man schon in alter Zeit eine Konzentration der verschiedenen Handelszweige für richtig erkannt hatte.

Welche gewaltigen Umsätze sind an diesen Handelsstätten, insbesondere z.Z. der Messen, erzielt worden. Was sind unsere modernen Passagen im Grunde genommen  anderes, als diese Durchgänge und Höfe der alten Zeit? Ihr Zweck ist derselbe – wenn auch äußerlich von den anderen grundverschieden. Denn wie sich die Durchgänge und Höfe der alten Zeit durch besondere Einfachheit auszeichneten, glänzen unsere heutigen Passagen, dem Zuge der Zeit folgend, neben moderner Einrichtung durch moderne Eleganz.

Von einander unabhängige leistungsfähige Spezialgeschäfte bieten, unter einem Dache vereint, die Annehmlichkeit des Warenhauses – nämlich – vieles beieinander zu finden, unter der Gewähr sachgemäßer individueller Bedienung in jeder Branche, wodurch sie die Einrichtungen des Warenhauses zweifelsohne weit übertreffen.

Die Passage bietet somit den verschiedenen Geschäftsinhabern Gelegenheit, sich im Wetteifer der einzelnen Branchen zu entwickeln und nach jeder Richtung hin zu entfalten, ohne daß die Geschäfte ihre Selbstständigkeit einbüßen und das wirtschaftliche Interesse des Mittelstandes in Handel und Industrie gefährden.

Die Entstehungsgeschichte der Straßburg-Passage

Ein im öffentlichen Verkehrsinteresse seit langem gehegter Wunsch hat durch die Verwirklichung der Straßburg-Passage endlich seine Erfüllung gefunden.

Dieser neue Verkehrsweg zwischen den beiden Hauptstraßen, Berliner- und Jakobstraße und Wilhelmsplatz, inmitten des vom Postplatz und von der Hospitalstraße begrenzten Häuserblocks, war infolge der steten Zunahme moderner Geschäfte und des damit verknüpften regen Verkehrs zur dringenden Notwendigkeit geworden.

Aber nicht nur eine wichtige Verbindung dieser beiden Hauptstraßen erschließt die Straßburg-Passage, sondern auch den Verkehr mit der im steten Wachsen begriffenen östlichen Außenstadt.

Als im Herbst des Jahres 1907 von Herrn Otto Straßburg mit Herrn Emerich Freytag, dem Vorbesitzer der heutigen Passagengrundstücke Berliner Straße 8 und Jakobstraße 34, die ersten Kaufverhandlungen gepflogen wurden, dachte außer dem Inhaber der Firma Otto Straßburg wohl niemand daran, daß nach Jahresfrist ein stolzer Passagebau das große Areal einnehmen würde.

Galt es doch zur Zeit durch Hinzunahme der Nachbargrundstücke lediglich eine Erweiterung der Geschäftsräume der Firma Otto Straßburg nach jeder Richtung hin zu schaffen, die durch das immer wachsende, teils nach dem Auslande, ausgedehnte Versandgeschäft und den sich entwickelnden Engrosverkehr längst als notwendig erkannt war. Ebenfalls bedurften die Ateliers für die eigene Anfertigung sowie die Räume für den Verwaltungsdienst einer wesentlichen Erweiterung. Am 30. September vorigen Jahres gingen die Passagegrundstücke in den Besitz des Herrn Otto Straßburg über.

Schon drei Tage später legte Herr Straßburg in vertraulicher Konferenz Herrn Oberbürgermeister Snay die von ihm selbst gefertigten Passagepläne in flüchtiger Skizze vor, worauf ihm weitgehendstes Entgegenkommen und Förderung der Sache von Seiten des Magistrats zugesichert wurde und mit Recht.

War doch bereits früher an Stelle der heutigen Straßburg-Passage ein Durchgang für Fußgänger von dem Vorbesitzer Herrn Freytag gestattet, dessen Aufhebung zur Zeit allgemein bedauert wurde.

Im Dezember erließ Herr Straßburg nebenstehende Annonce in den hiesigen Tageszeitungen, welche seine leitenden Gedanken klarlegte.

Dies geschah, um Fühlung zu gewinnen, ob für das Unternehmen auch in der Geschäftswelt des hiesigen Platzes dasjenige Interesse vorhanden, welches zur Durchführung des Projektes nötig war. Denn nur ungern und erst in zweiter Linie sollten auswärtige Geschäfte in Betracht kommen.

Viele Projekte fanden gründliche Bearbeitung. Galt es doch, eine nach jeder Richtung hin zweckentsprechende, mustergültige Schöpfung nicht nur der eigenen Geschäftsräume – sondern auch der in der Passage vertretenen Geschäfte, des Restaurants und Cafés zu erreichen, wobei nicht zum mindesten einer modernen großstädtischen, der Firma sowie der Stadt Görlitz gleich würdigen Ausgestaltung der Passage Rechnung getragen wurde.

Licht, Luft und Geräumigkeit durften nirgends fehlen, weil nach Ansicht des Begründers diese Faktoren zur Lebensfähigkeit seines Unternehmens von größter Wichtigkeit sind.

Im Februar dieses Jahres erwarb Herr Straßburg zum Zwecke der Vervollkommnung seines ganzen Unternehmens das benachbarte Grundstück Berliner Straße 9 mit seinem großen Hinterland, nachdem dem Antrage des Magistrats gemäß die Stadtverordneten in ihrer Sitzung  vom November 1907 die Straßburg-Passage als öffentliche Straße anerkannt hatten.

Dieselbe bleibt jedoch im Privatbesitz des Herrn Otto Straßburg.

Die Stadtgemeinde leistet einen Zuschuß zur Herstellung des Wegekörpers, übernimmt auf ihre Kosten dauernd die Lieferung des elektrischen Stroms für die Beleuchtung der Passage sowie die Bewachung derselben.

Nach all diesen Festlegungen ist die Straßburg-Passage als öffentlicher Verkehrsweg von der Berliner Straße nach dem Wilhelmsplatz für den Fußgängerverkehr anzusehen und ist zunächst Tag und Nacht für denselben geöffnet.

Entgegen schon oft geäußerten Wünschen nach einem Erfrischungsraum innerhalb des Geschäftshauses, wie es in den großen Warenhäusern der Fall ist, ist von dieser Einrichtung abgesehen worden. Dafür ist aber in der Passage ein Restaurant und ein Café mit Konditorei, dem allgemeinen Interesse dienend, eingerichtet, auch von dem Gedanken geleitet, dadurch eine Belebung der ganzen Straße zu erreichen.

Abgesehen von ihrer außerordentlich günstigen Lage für den praktischen Durchgangsverkehr, dürfte es wohl keinem Zweifel unterliegen, daß die Straßburg-Passage einen dauernden Anziehungs- und Treffpunkt von allen Einheimischen und Fremden bilden wird, umsomehr als ein in jeder Beziehung vornehm eingerichtetes Café mit Konditorei, verbunden mit Restaurant, vertreten, sowie eine bürgerliche Bierhalle vorhanden ist, welche dem jeweiligen Geschmack Rechnung tragen.

Zum Schlusse sei noch dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß alle die Hoffnungen des Begründers und al der Geschäftsinhaber, welche sich vertrauensvoll ihm angeschlossen haben, ihre eigenen Interessen mit denjenigen der Öffentlichkeit und der Stadt zu vereinigen, erfüllen mögen, und zwar dem Unternehmen zum Segen und der Stadt zum Aufblühen und Nutzen.

Die Erbauung der Straßburg- Passage

Nur durch das außerordentliche Entgegenkommen des Magistrats und der

Polizeiverwaltung der Stadt Görlitz war es möglich, das als richtig erkannte Projekt, welches nicht unwesentliche Abweichungen von der Bau-Polizeiordnung mit sich brachte, durchzuführen.

Soweit es sich mit den Sicherheitsvorschriften in Einklang bringen ließ, wurden alle Gesuche seitens der Polizeiverwaltung beim Königlichen Bezirksausschutz zu Liegnitz, als höhere Instanz, befürwortet, und eine große Anzahl von Baudispensen erteilt.  Wenn auch nur mit einer vorläufig genehmigenden Verfügung seitens des Bezirksausschusses zu Liegnitz, so konnte doch wenigstens Ende Juni d.J. mit dem ersten Spatenstich begonnen werden. Die gesamte verantwortungsvolle und besonders schwierige Bauleitung fand in Herrn Architekt H. Rump, die Innen- und Außen-Architektur-Entwürfe sowie die künstlerische Leitung in Herrn Architekt E. von Wachtel eine selbständige würdige Vertretung. Beide Herren der Bauleitung haben das ihnen vom Bauherrn entgegengebrachte Vertrauen in vollstem Maße gerechtfertigt. Teilweise Benützung fanden die Ideen des Herrn Architekten G. Röhr, die sich außer dem Entwurf des Passageportals Berlinerstraße auch auf die Raumeinteilung des Passage- und Erweiterungsbaues bezogen und zu Beginn der Bauverhandlungen entworfen waren.  Als erste große Arbeitsleistung waren die Schachtarbeiten anzusehen, durch welche infolge der vorhandenen Terrainverhältnisse sowie der umfangreichen Unterkellerungen große Erdmassen von der Baustelle beseitigt werden mußten.  In verhältnismäßig kurzer Zeit war diese Leistung durch Herrn Baumeister Aug. Kaempffer durch Beförderung von zirka 8.000 Fuhren Erde erfüllt, so daß nunmehr an allen Teilen der Baustelle mit den Fundamenten begonnen werden konnte.

Der energischen und umsichtigen Bauleitung des Herrn Architekten Rump gelang es, unterstützt von den Herren Maurermeister Oscar Voigt, Baumeister Aug. Kaempffer, Zimmermeister Bruno Voigt und Zimmermeister Reuschel, sowie Polieren und ca. 250 Arbeitern, das gewaltige Bauwerk, welches teils in Rohbackstein, teils in Eisenbeton durch die Lolat-Gesellschaft, vertreten durch Herrn Maurermeister Oscar Voigt, sowie in Glas- und Eisenkonstruktion ausgeführt ist, schnell in die Höhe zu bringen, daß bereits am 5. September das Hebefest durch eine würdige Feier begangen werden konnte.  Mit Gottes Hilfe war dieser wichtige Bauabschnitt ohne nennenswerten Unfall glücklich erreicht.  Vom herrlichsten Herbstwetter begünstigt, ging es rastlos vorwärts, und bald krönten die gewaltigen Glasdächer den Bau und schützten ihn vor den zu erwartenden Unbilden der Witterung.

Die Erreichung des vom Bauherrn Otto Straßburg vorgeschriebenen Zieles, die Straßburg -Passage sowie die erweiterten Geschäftsräume im Dezember 1908 dem Verkehr übergeben zu können, erforderte nunmehr erst recht tiefes Denken, weitschauende Dispositionen und energisches Handeln für den Bauherrn und Bauleiter über die Tagesstunden hinaus. Auch galt es jetzt mit großem Eifer die künstlerischen Entwürfe, Zeichnungen und Details hierfür fertigzustellen, um mit den vorwärtsstrebenden Arbeiten Schritt zu halten.

Dieser Aufgabe hat sich Herr Architekt von Wachtel mit großem Interesse und viel Verständnis selbständig entledigt.

Die Tage nahmen ab und mit ihnen auch die normalen Arbeitsstunden.

Auch die bisher äußerst günstige Witterung mußte leider schon Mitte Oktober und Anfang November einigen rauhen Frosttagen weichen, so daß eine ernstliche Gefahr bestand, daß wichtige Arbeiten unterbrochen werden mußten.

Aber auch dieser Gefahr wußte man zu begegnen.  Ohne große Kosten zu scheuen, wurden sofort umfangreiche Vorkehrungen zur künstlichen Erwärmung der Arbeitsstätte getroffen.  Um das Versäumte nachzuholen und das noch Fehlende sicher zu erreichen, wurde Über- und Nachtstundenarbeit eingerichtet und eine provisorische elektrische Beleuchtung für die gesamte Baustelle installiert.  Durch eiserne Energie, großes Interesse, Umsicht und Arbeitskraft aller Beteiligten, vom Bauleiter, dem Architekten, den Meistern und Polieren bis zu den Arbeitern ist es gelungen, heute das Ziel zu erreichen, welches sich der Bauherr gestellt hatte. In kaum sechs Monaten ist ein Bauwerk entstanden, das nicht allein der Stadt Görlitz zur Zierde gereichen, sondern auch weit über die Grenzen der Stadt seine Bewunderer finden wird.

Eine Wanderung durch die Straßburg-Passage.

Durch das Hauptportal der Berlinerstraße gelangt man zunächst in denjenigen Teil der Passage, welcher das Grundstück Berlinerstraße 8 durchschneidet. Linker Hand befindet sich die Fortsetzung der großen Schaufenster der Firma Otto Straßburg sowie der zweite Haupteingang zu den Verkaufsräumen - rechter Hand Schaukästen und Schaufenster, sowie später Eingänge zu den Läden des Passage-Grundstücks Berlinerstraße 9.  Eine kurze Glashalle, welche die Verbindung zwischen dem Vorderhause, Berlinerstraße 8, und dem eigentlichen Passagebau herstellt, führt in den Überführung in den großen Lichthof.
In beiden Passageteilen setzen sich links die prächtig dekorierten Schaufenster der Firma Otto Straßburg fort, während sich rechter Hand Geschäftsläden, das Kinematographen-Theater und die Passage-Bierquelle befinden.
Die Passage-Bierquelle ist ebenso einfach bürgerlich, als originell und zwar als Bauernstube ausgestattet und wird den Besuchern der Straßburg-Passage, Einheimischen sowie Fremden, bei kleinen Preisen jederzeit vom Guten das Beste bieten.
Nicht automatisch, sondern frisch vom Faß und frisch aus Keller und Küche werden Speise und Trank verabreicht, ebenso wie in den berühmten Aschinger-Bierquellen in Berlin.
Während in dem großen Lichthofe der Passage, auch im ersten Obergeschoß, Ausstellungszwecken dienende große Fenster die Fassade zieren, sind es in dem anderen Teile der Passage herrliche Teppiche aus der Spezialabteilung der Firma Otto Straßburg, deren Arrangement diesem Teile der Passage mit Recht die Bezeichnung "Teppichgalerie" verleiht.
Eine reizend wirkende Veranda am Ausgang des Lichthofes, die als lauschiges und interessantes Plätzchen den Gästen des Passage-Restaurants und Cafés dienen soll, verdient besondere Beachtung.
Durch eine den Lichthof auch auf der andern Seite begrenzende Überführung gelangt man durch eine Verbindungshalle in den das Grundstück Jakobstraße 34 durchschneidenden Teil und dann an den Passage-Ausgang am Wilhelmsplatz. Auf der linken Seite dieses letzten Passageteiles befindet sich das ca. 35 Meter tiefe, hochelegante Passage-Restaurant, Café und die selbständige Konditorei, welche sich an der Jakobstraßenfront fortsetzen. - Dies aus Erd- und erstem Obergeschoß bestehende erstklassige Restaurant und Café mit eigener Konditorei wird für Görlitz eine Sehenswürdigkeit sein.
Stilgerechte und hochaparte Ausstattung der Gasträume sowie musterhafte, der Neuzeit entsprechende Einrichtung der Arbeitsräume, als Küche, Backstube usw., waren die leitenden Grundgedanken bei der Errichtung dieses Etablissements.  Die Konditorei liefert als Spezialität nur erstklassige Backwaren, Eis und Eisfiguren usw. über die Straße.  Grundsatz: Verwendung von nur reiner Naturbutter und besten Zutaten. Im Café ist zu jeder Tages- und Nachtzeit stets frisches Gebäck zum Aussuchen in der Konditorei zu haben.
Ein interessantes Tee-, Klub- und Billardzimmer im ersten Obergeschoß werden eine besondere Anziehungskraft auf die Besucher ausüben.
An der rechten Seite des Passage-Ausgangsteiles bieten eine Reihe moderner Schaukästen interessante Auslagen der verschiedensten Branchen.
Wenn schon eine Wanderung durch die Straßburg-Passage am Tage des Sehenswerten genug bietet, so übertrifft die Passage abends durch ihre feenhafte Beleuchtung jede Erwartung.

Einiges über Bautechnik und Architektur der Straßburg-Passage und des Erweiterungsbaues

Die Fassade des Erweiterungsbaues und Passagegrundstücks Berlinerstraße Nr. 8 hat den gotischen Charakter der im Jahre 1898 von Herrn Architekt Röhr entworfenen alten Fassade Berlinerstraße 7 erhalten, um die Einheitlichkeit und den monumentalen Eindruck der gesamten Front zu erzielen. Einige ändernde und ausgleichende Eingriffe in die alte Fassade machten sich notwendig.
Das Eingangsportal der Passage ist der Form der Außenarchitektur angepaßt und die Lösung als eine glückliche, harmonische zu bezeichnen. Entworfen ist das Portal ebensalls durch Herrn Architekt Röhr, ideal aufgefaßt und ausgeführt in echtem Sandstein durch Herrn Bildhauer Armbruster, Dresden. Die äußere Höhe des Portals beträgt ca. 12 Meter bei einer Breite von ca. 5 Metern.
Durch diese Abmessungen sowohl wie durch die Architektur des Portals im besonderen wird der Eingang zur Passage und den inneren Räumlichkeiten würdig markiert.
Die haupttragenden Konstruktionsteile des Galeriebaues, Lichthofes und der Passagehalle wurden aus Eisenbeton hergestellt, die Binderbögen haben eine freie Spannweite von 9 Metern bei einer Höhe von 13 Metern.
Um möglichst große Lichtflächen für die Verkaufsräume wie für die Passage zu erhalten, mußte für einige Teile die Oberlicht-Konstruktion anstatt aus Eisenbeton aus reinem Eisen konstruiert werden.

Die architektonische und technische Lösung der aus dem alten Gebäude zum Teil sich ergebenden Höhenverhältnisse ist vorzüglich gelungen.

Ebenso wurde die schwierige Aufgabe, die schweren Eisenbeton-Konstruktionen architektonisch auszubilden und hierdurch die erzielten Wirkungen zu schaffen, in hohem Maße erreicht.
Die Wirkung und Schönheit der Innenräume ist durch einfache Behandlung der Flächen erzielt ohne Überhäufung mit Profilen und Stuckornamenten.

Dagegen wurde als Belebung der Architekturflächen, welche in Terranova geputzt sind, in reichem Maße Glasmosaik und Majolika verwandt.

Das Portal des Einganges zur Passage von der Jakobstraße bringt äußerlich den im Innern der Räume und der Passage durchgeführten einheitlichen Architektur-Charakter, welche Aufgabe Herrn v. Wachtel gestellt wurde, zum Ausdruck, und mußte naturgemäß dieser Teil der alten Fassade ganz unabhängig für sich behandelt werden.

Dies war im Gegensatz zum Portal Berlinerstraße 8 möglich, da hier eine monumentale Einheitlichkeit der gesamten Fassade nicht erzielt werden sollte.

Die in der Mitte der Passage angebrachten gewölbten Überführungen wurden in erster Linie aus architektonischen Gründen ausgeführt. Es ist hierdurch eine Begrenzung der einzelnen Passageteile geschaffen, wodurch eine Steigerung der Raumeffekte erzielt wird. Auf den Grundstücken Berlinerstraße 8 und 9 und Jakobstraße 34 wurden durch die Umänderungen sehr schwere Absteifungsarbeiten der Gebäude notwendig.

Die Maurer- und Zimmerpoliere, welche diese Arbeiten speziell ausführten, haben sehr gewissenhaft und umsichtig gearbeitet, denn es ist weder ein Unglück noch eine  Verschiebung der Konstruktionsteile der Gebäude in seinen einzelnen Teilen eingetreten.

Es sei noch erwähnt, daß für die Ausführung des Passage- und Erweiterungsbaues der Firma Otto Straßburg eine Zeit benutzt worden ist, in der in Görlitz die wirtschaftliche Lage besonders in der Bautätigkeit eine sehr gedrückte war.

Mit den Ausführungsarbeiten des Baues sind mit ganz wenigen Ausnahmen nur hiesige Firmen betraut worden.

Die Größenverhältnisse der Passage, ihrer Grundstücke und Räume.

Der Gesamtflächeninhalt der die Passage umgebenden und im Eigentum der Firma Otto Straßburg sich befindenden Grundstücke beträgt ca. 5.600 qm.

Von diesem gewaltigen Areal entfallen ca. 3.400 qm auf die für den Passagebau neu erworbenen Grundstücke.

Die entstandene Häuserfront an der Berlinerstraße beträgt 56 Meter, diejenige der Jakobstraße 42 Meter. Die Straßburg-Passage selbst hat eine Länge von zirka 115 Metern und eine Breite von ca. 5 Metern, welch letztere sich bei einer Länge von ca. 35 Metern auf ca. 7,50 Meter erweitert und einen ca. 260 Quadratmeter großen architektonisch interessant ausgestatteten Lichthof bildet. Die dem öffentlichen Verkehr dauernd zur Benutzung überlassene Passagefläche beträgt ca. 600 qm. Die aus vier Geschossen bestehenden bisherigen Geschäftsräume der Firma Otto Straßburg umfaßten ca. 3.600 qm. Die durch den Passage- und Erweiterungsbau hinzugenommenen Räume, als großer Lichtsaal, Galeriebau und Arbeitsräume usw. betragen ca. 1600 qm, so daß der Firma heute 5200 qm zu geschäftlichen Zwecken zur Verfügung stehen.

Die Beleuchtung der Straßburg-Passage

Wie bereits in der Entstehungsgeschichte der Straßburg-Passage kurz erwähnt, hat die Stadtgemeinde Görlitz die Lieferung des elektrischen Stromes für die Beleuchtung der Passage übernommen.

Die offizielle Beleuchtung der Passage geschieht durch 15 Differential-Bogenlampen à 8 Ampere.

Das Hauptportal Berlinerstraße erhellen 6 Sparbogenlampen, und dem Eingang Jakobstraße spenden 2 gewaltige mit je 15 Glühlampen versehene Laternen ihr Licht. Im großen Lichthof ist eine Effektbeleuchtung angebracht und zwar an den gewaltigen 8 Eisenbetonbögen ca. 120 Glühlampen und an den seitlichen Pfeilern 12 große mit vielen Glühlampen versehene sogenannte Ochsenaugen, welche durch ihre bunte Mosaikverglasung magisch wirken. Ihren Höhepunkt erreicht die geradezu feenhafte Beleuchtung, wenn während der Geschäftsstunden die in den Schaufenstern der Firma Otto Straßburg sowie in den Verkaufsläden einheitlich angebrachten ca. 30 Intensiv Flammenbogenlampen à 10 Ampere der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft ihr brillantweißes Licht spenden. Die Nachtbeleuchtung der Passage, welche von 11 Uhr abends in Kraft tritt, wird durch 20 Metallfadenlampen à 50 Kerzen versehen, welche von stilgerechten eleganten Laternen umgeben sind. Die Bedienung der gesamten Passagebeleuchtung einschl. der einheitlichen Schaufensterbeleuchtung erfolgt durch die Firma Otto Straßburg.

Die vom städtischen Werk bei einer Netzspannung von 220 Volt erforderliche Stromstärke beträgt für die Passage, die Verkaufsläden, das Café, das Kinematographen-Theater und die neuen Geschäftsräume der Firma Otto Straßburg einschl. Kraftstrom ca. 450 Ampere.

Welche Einrichtungen die Straßburg-Passage ihren Besuchern bietet

Die Straßburg-Passage ist mit allen Einrichtungen der Neuzeit ausgestattet.

Geöffnet ist die Passage für den Fußgängerverkehr zunächst Tag und Nacht und bietet durch ihre vollkommene Überglasung auch bei ungünstigem Wetter eine ebenso angenehme als interessante Promenade.

Die Beleuchtung erfolgt durch elektrisches Licht, welches auf Seite 23 dieses Büchleins bereits näher besprochen wurde.
Die Reinigung und Unterhaltung des mit Mettlacher Fliesen belegten Wegekörpers übernimmt die Firma Otto Straßburg und wird durch Angestellte des Passagedienstes ausgeführt.
Ein Entstäubungsapparat mit elektrischem Betrieb ermöglicht eine schnelle, gründliche, den Verkehr nicht belästigende Reinigung.

Das Reinigen und Putzen der gesamten Spiegelscheiben in der Passage und ihren Grundstücken erfolgt durch eigens dafür eingerichteten Fensterputzdienst.

Die Bewachung erfolgt durch einen von der Firma angestellten Nachtwachmann und außerdem durch Polizeibeamte des Sicherheitsdienstes für den öffentlichen Straßenverkehr.

Die Sicherheit bei Feuergefahr ist die denkbar größte. Zahlreiche Hydranten und Löschapparate sowie eine eigene 15 Meter hohe Feuerleiter dienen jeden Augenblick dem Sicherheitsdienst. Eine Abteilung des Dienerpersonals der Firma Otto Straßbnrg ist für den ersten Rettungsdienst ausgebildet, außerdem ist die städtische Berufsfeuerwehr durch Feuermelder Tag und Nacht sofort zu erreichen.

Als Einrichtungen sind ferner in Aussicht genommen:

  • Ein Postwertzeichen-Automat. Derselbe ermöglicht die Entnahme kleiner Quantitäten Marken und Karten in der Passage zu jeder Tages- und Nachtzeit.
    Ein Postbriefkasten der Reichspost bietet die Bequemlichkeit, Briefsendungen sofort der Weiterbeförderung überliefern zu können.
  • Eine elektrische Passage-Normaluhr mit vielen Nebenuhren zeigt genau die Görlitzer Lokalzeit an und wird von allen pünktlichen Passanten mit Freuden begrüßt werden.
  • Eine Plakatsäule berichtet täglich über die neuesten Tagesereignisse und Lokalnachrichten. ist von der Passage zugänglich.

"Das Verkehrs-Bureau" ist von der Passage zugänglich und befindet sich im Parterre in der Nähe der Hauptkasse des Geschäftshauses Otto Straßburg. Kurs- und Adreßbücher sowie Vergnügungs- und Wohnungs-Anzeiger liegen aus. Verkauf von Postwertzeichen, Tagesverkauf von Theater- und Konzert- Billetts, Auskunfterteilung und Benutzung der Fernsprechstelle. Diese mit der Passage verbundene Einrichtung wird dem hiesigen und auswärtigen Publikum einer regen Benutzung empfohlen. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, noch die vielen andern Annehmlichkeiten der Straßburg -Passage aufzuzählen. Erwähnt sei jedoch, daß die Verwaltung der Straßburg-Passage bemüht sein wird, ihren Besuchern stets Abwechslung und Interessantes zu bieten, so daß sich ein häufiger Besuch der Straßburg -Passage immer lohnen wird.


Otto Straßburg
Geschäfts-, Versand- und Engroßhaus.

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Von der Begründung 1887 bis zum Tage der Passage-Eröffnung 1908  

Als im Jahre 1887 die Firma Otto Straßburg in dem einst bescheidenen Laden Berlinerstraße 7 begründet wurde, hat wohl niemand geahnt, welche Bedeutung das junge Unternehmen bald erlangen sollte.

Jedoch schon nach kaum 1 1/2 Jahren erwiesen sich die Geschäftsräume für den stetig wachsenden Verkehr als längst nicht mehr ausreichend, so daß man sich kurzer Hand entschloß, in das nebenan gelegene größere Lokal Berlinerstraße 9, wo drei Läden zu einem vereinigt wurden, überzusiedeln. Aber auch hier mußte sehr bald die erste Etage Geschäftszwecken weichen und wurde durch eine Freitreppe mit den Parterreräumen verbunden.

Im Jahre 1894 verlegte die Firma ihr Unternehmen wieder in das inzwischen käuflich erworbene Grundstück Berlinerstraße 7 zurück und vergrößerte ihre Geschäftsräume in den Jahren 1896, 1898 sowie 1902 bis 1908 durch ganz bedeutende Um- und Erweiterungsbauten. Eine vollkommene Umgestaltung der Fassade verlieh dem vier Geschosse umfassenden Gebäude den Charakter eines vornehmen Kaufhauses. Um sich in der Ausdehnung nicht beschränkt zu sehen, erwarb die Firma im Jahre 1901 das rückwärts angrenzende Grundstück Jakobstraße Nr. 35, "Schwarzer Adler".

Im Jahre 1907 erfolgte dann der Ankauf der mit der Straßburg-Passage im engen Zusammenhange stehenden Grundstücke Berlinerstraße 8 und 9 und Jakobstraße 34. Durch die Hinzunahme dieser Grundstücke und Ausführung bedeutender Erweiterungsbauten, welche mit dem heutigen Tage dem Verkehr übergeben wurden, verfügt die Firma über Geschäftsräume, welche einen Flächeninhalt von 5200 qm darstellen.

Die Firma Otto Straßburg betreibt außer ihrem bedeutenden Detailgeschäft ein ausgedehntes Engros- und Versandgeschäft.
Sie befaßt sich ferner im großen Maßstabe mit eigener Anfertigung von Wäsche usw. für Damen, Herren und Kinder in den unter fachkundiger Leitung stehenden Ateliers.
Braut- und Erstlingsausstattungen von der einfachsten bis zur elegantesten Ausführung bilden ihre Spezialität.
Kostenanschläge und diesbezügliche Kataloge bereitwilligst. Auf Wunsch auch nach auswärts Besuch fachkundiger Herren und Damen behufs mündlicher Besprechung und Vorlage von Mustern.
Die Firma unterhält stets reichhaltige Sortimente sich gut tragender Kleiderstoffe, womit sie vermöge ihrer erstklassigen Geraer und Glauchauer aber auch ausländischen Fabrikate ihren Ruf begründet hat. In enger Verbindung hiermit steht das Lager hervorragender Neuheiten in Seidenstoffen für Brauttoiletten usw., Sammeten, Spitzen, Posamenten und Schneiderei-Bedarfsartikeln.

Immer größeren Zuspruchs erfreuen sich die umfangreichen Spezialabteilungen für Konfektion als: Damenmäntel, Kostüme, Blusen, Kostümröcke, Staubmäntel, Boas, Schleifen usw. sowie Baby-, Knaben- und Mädchen-Garderobe in reicher Größen- und Musterauswahl. Dieser Abteilung, welche eine besondere Spezialität der Firma bildet, wurde bei dem jetzigen Erweiterungsbau besondere Beachtung geschenkt. Diese Abteilung umfaßt heute 650 Quadratmeter Raum für den Verkauf im Parterre und 150 Quadratmeter Arbeitsraum für die eigene Anfertigung von Kostümen feinsten Genres (Schneiderarbeit) sowie Blusen, Röcken und Mänteln.
Den Konfektionsräumen im Parterre angegliedert ist die Abteilung Pelzwaren mit besonders reichen Sortimenten.
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Spezial-Trauer-Abteilung

Großer Vorrat aller Größen und Fassons
Anfertigung nach Maß binnen 24 Stunden.

Bequem und elegant eingerichtete Anprobierräume schließen sich den Verkaufsräumen direkt an.

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Die Spezial-Abteilung für Möbelstoffe, Portieren, Gobelins, Teppiche, Läuferstoffe, Linoleum und Innendekorationen sei ihrer Vielseitigkeit wegen besonderer Beachtung empfohlen.
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Es besteht die Annehmlichkeit, daß sämtliche Artikel dieser Abteilung in einer Etage vereinigt sind.  Namhafte Lieferungen an Stadt- und Kommunalbehörden für Verwaltungsgebäude, Krankenhäuser usw. sowie Lieferungen für Privatneubauten, Hotels und Logierhäuser bürgen für die große Leistungsfähigkeit dieser als auch der Leinen-, Wäsche- und Betten -Abteilungen und schaffen erhebliche Umsätze.

Die Firma Otto Straßburg beschäftigt heute ein Personal von ca. 200 Personen, sowie für die eigene Anfertigung ca. 150 Arbeiter und Arbeiterinnen.

Die Verkaufs-, Bureau- und Arbeitsräume sind sämtlich mit bestem Tageslicht sowie in bezug auf Hygiene und Ausstattung mit den vorzüglichsten Einrichtungen der Neuzeit versehen.

Eine Haustelephon-Zentrale mit 20 Stationen und 2 Fernsprechanschlüsse mit 10 Nebenstellen sind als unentbehrliches Verkehrsmittel vorhanden. Ein direkter Fernsprechanschluß auch während der Nacht mit dem Feuerwehr-Hauptdepot, sowie eigene Hydranten und Löschapparate bieten dem Publikum im Falle einer Gefahr die schnellste Hilfe. Die elektrische Beleuchtung wird von 150 Bogenlampen und über 500 Glühlampen bewirkt. Die Stromlieferung geschieht teils von der dem Geschäftshause benachbarten Blockstation "Elektron", teils vom Städtischen Elektrizitätswerk. Eine Niederdruck-Dampfheizungs-Anlage mit 6 Kesseln dient zur Erwärmung sämtlicher Räume. 3 Aufzüge befördern die Waren zwischen den einzelnen Stockwerken, während Geschirr, Handwagen und Fahrräder in den Dienst des Stadtpacket-Verkehrs gestellt sind. Im eigenen Verlage der Firma erscheinen in einer Auflage von ca. 50.000 Exemplaren ein ca. 170 Seiten umfassender Haupt- und 2 Saison-Kataloge, sowie eine Zusammenstellung von Braut- und Erstlings-Ausstattungen, reich illustriert, welche über ganz Deutschland und Österreich verbreitet, fast alle geführten Artikel enthalten. Die Zusendung der Kataloge erfolgt bereitwilligst kostenlos. Interessenten bitte ich denselben einzufordern.

21 große Schaufenster und 26 Schaukästen am Hause, in der Passage und im Vestibül bieten täglich wechselnde Auslagen in Neuheiten und Bedarfsartikeln.

In allen Warengattungen sind billigste, mittlere und eleganteste Ausführungen stets vorhanden. Bei denkbar größter Auswahl in nur soliden und bewährten Qualitäten.

Dies im allgemeinen über den Werdegang und die Einrichtungen des Geschäftshauses Otto Straßburg.

Bei einem Rundgang durch die einzelnen Räume und Abteilungen vom Vestibül des Haupteinganges Berlinerstraße 7 aus betreten wir links die Spezialabteilung für Herrenartikel mit anschließendem Anprobierraum. Oberhemden nach Maß bilden einen Hauptzweig dieser Abteilung. Für tadelloses Sitzen wird Garantie geleistet. Kragen, Manschetten, Krawatten, Nadeln und Knöpfe, Handschuhe, Schirme, Stöcke, Hosenträger, Trikotagen aller Systeme und Strümpfe usw. sind in reicher Auswahl letzterschienener Neuheiten vertreten. Von hier aus haben wir den Blick in den im Jahre 1902 eröffneten Verkaufsflügel für die Abteilungen: Schürzen, Hauskleider, Züchen, Hemdenbarchente sowie tägliche Bedarfs- und Geschenkartikel. Vom Haupteingang rechts an den Tageskassen und Packereien vorüber gelangt man in den großen Hauptverkaufsflügel.
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Reiche Auslagen in farbenprächtigen Seiden-, Woll- und Waschstoffen sowie eine Ausstellung von Saison-Neuheiten in Damenmänteln, Kostümen, Blusen, Knaben- und Mädchen-Garderobe bieten dem Auge eine angenehme Abwechslung.

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Am Ende dieses Verkaussraumes befindet sich das mit Spiegelwänden versehene vornehm wirkende Lichtzimmer.

Duftige Ball- und Gesellschaftsstoffe in überraschender Auswahl können bei allen Beleuchtungseffekten der modernen Ball- und Gesellschaftssäle vorgelegt werden, so daß die Annehmlichkeit geboten ist, sich bereits beim Kauf von der vorteilhaftesten Farbenwirkung eines lichten Stoffes zu überzeugen.

Am Podest der sich teilenden Freitreppe zum ersten Obergeschoß befindet sich rechts der Dispositions- und Auszeichnungsraum für die Leinen- und Wäsche- Abteilung sowie dem gegenüber das gediegen ausgestattete Privatkontor. Die die Wände dieses Raumes schmückenden Erinnerungszeichen, Diplome und photographischen Aufnahmen geben Zeugnis von dem schnellen Aufblühen und der erfreulichen Entwickelung der Firma.

Vermöge des sich im Privatkontor zentralisierenden Haustelephons ist jeder einzelne der zahlreichen Angestellten durch einen Ruf des Chefs zu erreichen. Wichtige Beratungen und Entschlüsse im engsten Zusammenhange mit dem Wohl und Wehe der Firma finden hier statt. Im ersten Obergeschoß angelangt, ist es zunächst der eine Sehenswürdigkeit bildende Wäscheraum, von wo aus man einen prächtigen Blick in das große Parterrelokal hat. Der Wäscheraum ist vom großen Trubel des Verkehrs vollständig abgeschlossen und bietet somit die Annehmlichkeit, in Ruhe mit fachkundigen und erfahrenen Kräften Ausstattungs- und Wäsche- Einkäufe beraten und besorgen zu können. Bei dem Wäsche-Verkaufsraum befindet sich die Wäsche- und Betten-Ausstellung.
In aller Nähe liegen die Wäsche-Ateliers, in denen unter Leitung geschulter Direktricen viele fleißige Hände mit Zuhilfenahme der verschiedensten Maschinen in den Dienst der Abteilung "Eigene Anfertigung" gestellt sind. Hieran schließt sich ein Rundgang durch den Teppich- und Linoleumraum, sowie die Abteilungen für Möbelstoffe, Portieren, Gardinen und Innendekoration. Ferner ein Rundgang durch die Ausstellung für echt orientalische Teppiche, welche durch ihr farbenprächtiges Bild auffällt und in welcher Kenner echter Sachen bald besonders wertvolle Stücke herausfinden.

Nicht uninteressant dürfte auch der im zweiten Obergeschoß vollkommen trocken gelegene große Bettfedernsaal sein, welcher infolge seiner praktischen Einrichtungen und peinlichen Sauberkeit die denkbar größte Garantie für staubfreie Ware bietet. Umfangreiche Reserveläger nehmen den übrigen Teil des zweiten Obergeschosses ein. Über die Galerien des ersten Stockwerkes, auf denen sich rechts die Abteilungen für Leinen- und Tischzeuge und links das Bettdrellager befinden, gelangen wir durch eine Verbindung in einen der neuen Geschäftsräume und zwar in den Galeriebau, auf dem sich das Leinen- und Tischzeuglager weiter ausdehnt. Setzen wir unseren Weg fort, so befinden wir uns nach einem kurzen Rundgang auf der Galerie des andern neuen Geschäftsraumes, nämlich des großen Lichtsaales. Eine hervorragende Ausstellung von eisernen Bettstellen, welche mit dem Leinenlager in engster Verbindung steht, wird allgemein interessieren. Diese Abteilung für Bettstellen ist im Parterre von der Passage aus, sowie vom Haupteingang der Berlinerstraße rechts beim Eintritt zu erreichen. Ein Blick von der Galerie in das Parterre des großen, prächtig ausgestatteten Lichtsaales sowie in den Galeriebau zeigt die in diesen Räumen in großer Ausdehnung untergebrachten Abteilungen für Damenmäntel, Kostüme, Blusen, Kostümröcke, Staubmäntel und Matinees, sowie Baby-, Knaben- und Mädchen-Garderobe. Ferner Hütchen, Mützchen, Schleifen, Gürtel, Pompadours und Pelzwaren, denen sich elegante Anprobierräume anschließen.

Die Ateliers für Anfertigung befinden sich im ersten Obergeschoß.

Durch den Parterreraum des Galeriebaues gelangen wir zu dem Vertreterraum und dann nach der Berlinerstraße zu in das sich auch auf die neuen Geschäftsräume ausdehnende Seiden- und Spitzenlager sowie die Abteilung Damenschneiderei-

Bedarfsartikel als: Besätze, Posamenten, Knöpfe, Nadeln, Zwirne und Garne usw. Die Aufnahme dieser Artikel ist von dem Kundenkreise mit besonderer Freude begrüßt.

Wir befinden uns jetzt am zweiten Haupteingange des Geschäftshauses nach der Passage und hätten die Verkaufsräume im wesentlichen kennen gelernt. Von nicht weniger Interesse dürften aber auch die übrigen nicht direkt dem Verkauf dienenden Räume und Abteilungen sein.

Begeben wir uns daher zunächst in das Untergeschoß und besichtigen das Versandbureau.

Das Versandbureau ist derjenige Raum, in dem alle von auswärts eingehenden schriftlichen und persönlichen Aufträge zur Ausführung gelangen. Vormittags eingehende Bestellungen gehen im Laufe des Tages, solche vom Nachmittag erst am nächsten Tage heraus, sofern nicht die Bestellung per Eilboten oder Telegramm eingegangen oder besonderer Hinweis im Briefe enthalten ist. Das Versandgeschäft erfreut sich großen Zuspruchs und erreicht an lebhaften Saisontagen einen Ausgang von 250 bis 300 Sendungen. Eng verbunden mit der Versandabteilung ist die Musterei. Hier wird mit Schneide-, Heft- und sonstigen Maschinen sowie eigener Buchbinderei das gesamte Mustermaterial verarbeitet. Ca. 100 fertige und täglich mit Neuheiten ergänzte Kollektionen liegen für den Versand bereit. Muster jeder Art werden auf Wunsch gern kostenlos zugesandt. Bei dieser Gelegenheit bittet die Firma bei Musterbestellungen um die genaue Angabe der gewünschten Art bezw. um die Geschmacksrichtung und die Preislage usw., bei fertigen Gegenständen um die Angabe der Figur und nähere Bezeichnung der Stoffart, und zwar ob hell oder dunkel gewünscht wird. Im beiderseitigen Interesse dürften durch gütige Beachtung des Vorstehenden zeitraubende Rückfragen ausgeschlossen und schlanke Erfüllung der Wünsche möglich sein. Der mit besten Einrichtungen für die Konservierung des Spezialartikels Linoleum

versehene Reserveraum, der Kesselraum für die Dampfheizung nehmen einen weiteren Teil des Untergeschosses ein. Aber auch für das leibliche Wohl ist im Geschäftshause Otto Straßburg gesorgt, was ein Blick in die mit der Herren- und Damengarderobe verbundene Kantine zeigt. Hier können die Personalmitglieder früh und nachmittags je ein Viertelstündchen nach getaner Arbeit der Ruhe pflegen und sich stärken. Durch den im Parterre gelegenen Dispositions- und Auszeichnungsraum für Kleiderftoffe gelangen wir in den im Winter mit Pflanzen und Palmen geschmückten zwei Stockwerke hohen alten Lichthof.

Zu besichtigen sind nun noch die verbesserten Räume des Hauptkontors mit dem neu erbauten großen Konferenzzimmer und des Stadtversands mit der Kontrollstelle. In dem sich durch lautlose Stille auszeichnenden Hauptkontor befindet sich gleichzeitig die Hauptkasse, sowie die Zentralisation der gesamten Buchhaltungs- und Verwaltungsgeschäfte einschließlich der Statistik. Die gesamte ein- und ausgehende Post, zu deren Bewältigung 8 Schreibmaschinen in den einzelnen Ressorts arbeiten, findet ebenfalls hier ihre Erledigung.

Der Stadtversand trägt die Verantwortung für pünktliche Zusendung gekaufter Waren. Die Zuschickung erfolgt im Laufe des Tages bezw. am nächstfolgenden Tage durch den Paketwagen, sofern nicht ausdrücklich eilige Zusendung zur Stunde gewünscht wird. Für diese Fälle existiert die Expreß-Paketbeförderung. Weihnachtsgeschenk-Pakete werden gern reserviert und allen Spezialwünschen wird weitestgehend Rechnung getragen. Mit dem Stadtversand verbunden ist die Kontrollstelle für ein- und ausgehende Güter und Pakete, sowie für Gegenstände eigener Fabrikation der Arbeiter und Arbeiterinnen außer dem Hause. Auch haben alle Personalmitglieder beim Kommen und Gehen gegen Legitimation die Kontrollstelle zu passieren und den Personal-Ein- und Ausgang nach der Passage zu benutzen. Alle Personen, welche der Firma irgend einen Dienst zu leisten haben, müssen sich an dieser Kontrollstelle melden.

Vertreter und Reisende dagegen, welche ihre Offerten anbringen wollen, haben sich an den von der Passage aus zugänglichen Vertreterraum, in dem während der Annahmestunden eine Vertreter-du-iour eingerichtet ist, zu wenden.

Dieses von dem Leben und Treiben im Geschäfts-, Versand-, Engros- und Fabrikationshause der Firma Otto Straßburg.

Jedenfalls ist es eine bekannte Tatsache, daß das Vertrauen des verehrten Kundenkreises zu seinem Kaufhause dadurch befestigt wird, wenn Gelegenheit geboten ist, auch die innere Einrichtung, Organisation und Leitung eines großen Geschäfts-Getriebes näher kennen zu lernen und sich von den streng reellen Grundsätzen, wodurch die Firma ihre heutige Bedeutung erreicht hat, zu überzeugen.
 

Autor: 
Straßburg-Passage
Veröffentlichungsdatum: 
1908