Meyer Optik Görlitz Firmenprospekt März 1939

Meyer Optik Görlitz Firmenprospekt März 1939

Firmendarstellung aus dem Prospekt:

Görlitz, das Tor der Sudeten,

berühmt einst als wichtigste der sechs Städte der Oberlausitz, liegt inmitten herrlicher Grünflächen und Waldungen. Kunstvolle Bauwerke mancher Jahrhunderte, alte Mauern, Türme und Zinnen sind die ehrwürdigen Zeugen einer stolzen Vergangenheit. Heute durchflutet die Trutzfeste ein blühendes Wirtschaftsleben, das in Industriewerken von Weltbedeutung seinen sichtbaren Ausdruck findet.

Zu diesen Werken zählte bereits im vorigen Jahrhundert eine Reihe der ältesten deutschen Kamerafabriken, deren Ruf weit über die deutschen Grenzen hinausging und schon für die damalige Fotowelt einen guten Klang besaß. Für die Gründung eines optischen Werkes waren daher in Görlitz die besten Voraussetzungen gegeben. So entschloss sich im Jahre 1896 der Meister der Optik Hugo Meyer sen. Zur Herstellung fotografischer Aufnahmeobjektive und entwickelte mit Tatkraft und Weitblick in wenigen Jahren ein optisches Unternehmen von Weltgeltung: die Optischen und feinmechanischen Werke Hugo Meyer & Co., Görlitz. Meisterarbeit, Facherfahrung und Wissenschaft boten Gelegenheit, an der Schöpfung, Entwicklung und Verbesserung moderner Foto-, Kino-, Aufnahme- und Projektionsobjektive hervorragenden Anteil zu nehmen. Der Name „Meyer-Optik“ ist daher bei Amateuren und Fachleuten in aller Welt ein Begriff von Präzision, Zuverlässigkeit und optische Spitzenleistungen.

Ein Blick in das vorige Jahrhundert

gibt Aufschluss darüber, mit welcher Energie auch um die Vervollkommnung der Foto-Optik gekämpft wurde. Die Zahl der verdienten Forscher und Gelehrten aufzuzählen, bedeutet die Geschichte der Fotografie zu schreiben.

Wir erinnern daher lediglich an die Verdienste unseres früheren Mitarbeiters, den genialen Konstrukteur Herrn Dr. P. Rudolph, der mit Recht als der Schöpfer der modernen Foto-Optik bezeichnet werden darf.

Mit dem Beginn des Jahres 1889 gelang es ihm, zum ersten Male unter Verwendung der von Abbé und Schott, Jena, entwickelten neuen Glassorten einen unsymmetrischen Anastigmaten zu errechnen, der nur noch geringe astigmatische Fehler aufwies.

In den weiteren Jahren, insbesondere 1892, 1895, 1896 und 1897 folgten neue Konstruktionen. Im Jahre 1902 gelang Dr. Paul Rudolph endlich die Schaffung eines unsymmetrischen Anastigmattyps (ähnlich Meyer Primotartyp), der in gleicher  und abgeleiteter Ausführung heute in der ganzen Welt verbreitet ist. In diese Zeit fällt auch die Gründung der Optischen und feinmechanischen Werke Hugo Meyer & Co. (damals Optisch-mechanische Industrie-Anstalt genannt), die am 1. April 1896 ins Leben gerufen wurden. Hugo Meyer sen., der als Meister der Optik mit einigen Gehilfen und Lehrlingen in den ersten Jahren lediglich aplanatische Objektive und entsprechende Objektivsätze herstellte, erkannte frühzeitig, dass nur ein großzügiger Ausbau des Fabrikationsprogrammes zu einem schnellen Aufstieg führen würde. So konnte im Jahre 1898 der vierlinsig unverkittete Aristostigmat zum Patent angemeldet und sofort zur Herstellung der Optik (zunächst in der Lichtstärke 1:7,7) geschritten werden. Die Lichtstärke erfuhr schon nach kurzer Zeit eine Steigerung auf 1:6,8, wodurch die von Fachleuten in ihrer Leistung als hervorragend erkannte Optik wesentlich schneller und in großen Mengen in Gebrauch kam. Als im Jahre 1901 eine weitere, für damalige Verhältnisse schon sehr hohe Lichtstärke von 1:5,5 geschaffen wurde, steigerte sich die Nachfrage so gewaltig, dass der Betrieb immer mehr erweitert werden musste. Die Entwicklung der Firma wuchs von Jahr zu Jahr, um den riesigen Anforderungen aus Amateur- und Fachkreisen Rechnung tragen zu können.

Im Jahre 1903 wurde die Herstellung eines Aristosigmatsatzes, bestehend aus Objektivhälften mit vier verkitteten Linsen, aufgenommen. Auch dieses Objektiv fand Anerkennung und trug wiederum zur Hebung des Rufes der Firma bei. Der Aristosigmatsatz besonders von Fotografen sehr begehrt und auch für die damals sehr verbreitete Stereofotografie viel verlangt. Im Jahre 1904 wurde der bekannte Atelierschnellarbeiter 1:3 (Vorläufer des heutigen Porträt-Trioplans) aufgenommen. 1908 wurde ein sechslinsig verkitteter Anastigmattyp hergestellt. Auch dieser fand sofort Anklang, zumal die Serie 1909 auch in der Lichtstärke 1:5,5 hergestellt wurde und die relative Öffnung 1910 sogar auf die damals außerordentliche Lichtstärke 1:4,2 erhöht werden konnte. Im gleichen Jahr gelang es uns, den Aristostigmatsatz in einer Sonderausführung in der Lichtstärke 1:9 als Weitwinkelobjektiv mit einem Bildwinkel bis 100 Grad zu konstruieren und in den Handel zu bringen. Zur Erweiterung des Betriebes wurde im November 1911 die optische Anstalt Schulze und Billerbeck angegliedert und von  deren Objektiven die bekannten Euryplane und Euryplansätze aufgenommen und weiterentwickelt.

Nach dem Kriege trat die Firma mit Dr. Paul Rudolph in Verbindung und übernahm die Fabrikation des rühmlichst bekannt gewordenen Plasmatobjektivs, das auch heute noch einen wesentlichen Teil unserer Fabrikation darstellt. In rascher Folge erschienen die Plasmatkonstruktionen bin den Ausführungen; Doppelplasmatserien 1:4, 1:5,5, Satzplasmat 1:4,5 (drei Objektive in einem), und Plasmatsätze 1:4 und 1:5,5 (sechs verschiedene Brennweiten). In das Jahr 1922 fällt die Konstruktion des bekannten Kinoplamaten 1:2, der im Jahre 1925 auf die Lichtstärke 1:1,5 verbessert wurde.

Dr. Rudolph schuf damit als erster ein verwendungsfähiges ultralichtstarkes Foto- und Kino-Aufnahmeobjektiv, das heute nach wie vor in erster Linie in bekannten Kinoapparaten des Weltmarktes als Aufnahmeobjektiv feinster Bildplastik und Farbkorrektion Verwendung findet. 1927 kam der Makroplasmat heraus, der frei von sphärischen Zonen als Kleinbild- und Kino-Objektiv hervorragende Bedeutung gewonnen hat. (Lieferbar in Spezialfassungen für bedeutende Kleinbildmodelle 24x36 mm, 4x6,5 cm, 6x6 cm u.a. Der Plasmat hat sich in den verschiedenen von uns hergestellten Konstruktionen (Kinoplasmat, Makroplasmat, Doppelplasmat, Satzplasmat, Reproplasmat usw.) inzwischen nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt durchgesetzt, und gilt insbesondere bei ernsthaften Amateuren und Fachleuten als eines der besten Objektive des Weltmarktes.

Nachdem der Gründer der Firma, Hugo Meyer sen., bereits zur Errichtung eines eigenen Fabrikgrundstückes geschritten war, musste durch die hervorragenden Leistungen der Firma im Jahr 1923 ein Fabrikneubau errichtet werden, der nach vollständig neuen Gesichtspunkten und mit den modernsten Maschinen eingerichtet ist. Der Ausbau und die maschinellen Einrichtungen wuchsen nun von Jahr zu Jahr, und im Frühjahr 1939 kann zu einer weiteren baulichen Vergrößerung der Werke um mehr als die Hälfte des Gesamtbetriebes geschritten werden. Von den neuen Konstruktionen mögen folgende Objektivtypen, die wir als moderne Kinoaufnahme- und Kleinbildoptiken in Spezialfassungen für führende Schmalfilm- und Kleinbildmodelle sowie in allen Ausführungen für Atelierkameras herstellen, besondere Erwähnung finden.

Im Anfang des Jahres 1939 konnte die erfreuliche Tatsache vermerkt werden, dass in unseren Werken bis heute insgesamt über 1.500.00 Objektive hergestellt wurden. Als weiteres Merkmal unserer Leistungsfähigkeit und Vielseitigkeit mag es von Bedeutung sein, dass wir unsere bekannten Objektivtypen heute noch katalogmäßig (Sonderanfertigungen nicht eingerechnet) in über 1100 Ausführungen und 380 verschiedenen Brennweiten liefern.

OPTISCHE UND FEINMECHANISCHE WERKE - MEYER & CO.

Görlitz. Im März 1939

Autor: 
Meyer Optik Görlitz
Veröffentlichungsdatum: 
1939