Görlitz in der Franzosenzeit 1806-1815

Görlitz in der Franzosenzeit 1806-1815

mit einem Titelbild, drei Vollbildern und einem Stadtplan von 1813, von Prof. R. Jecht, Dr. phil. und Dr. jur. h.c.

Druck und Verlag Görlitzer Nachrichten und Anzeiger, Görlitz 1934

______ vollständiger Text des Buches  _______

Die Stadt Görlitz zählte um 1810 etwa 8600 Einwohner und 1100 Häuser. Sie war noch vollständig mit Mauern und Gräben umgeben, und die Tore der eigentlichen Stadt wurden noch jeden Abend geschlossen. Die Verwaltung wurde von 1 Bürgermeister, der jedes Jahr mit einem zweiten wechselte, 8 Schöppen und 7 Ratsmännern geleitet. Die seit 1801 eingerichteten bürgerschaftlichen Deputierten und Votanten - die Vorläufer der jetzigen Stadtverordneten - hatten fast gar keinen Einfluß. Von führenden Leuten traten damals die hochverdienten Männer Samuel August Sohr (gest. 1838, 87 Jahre alt), von dem die jetzige Sohrstraße ihren Namen hat, und Samuel Traugott Neumann (gest. 1831, 72 Jahre alt) hervor. Die Bürgerschaft nährte sich kümmerlich, es gab wenig reiche Leute. Die geistigen Interessen wurden durch die im Jahre 1779 gegründete Oberlausitzische Gesellschaft vertreten, die bis 1806 eine glänzende Tätigkeit entwickelte. Das Auftreten des großen Korsen und seine welterschütternde Tätigkeit zeigte zum ersten Male für unsere sonst so stille Stadt ihren Einfluß im Jahre 1806. Damals stand Kursachsen, zu dem ja unsere Stadt gehörte, Schulter an Schulter mit Preußen gegen die immer ungebärdiger werdende Macht Napoleons. Im Sommer und Herbst 1806 erfolgten von Schlesien aus große Truppendurchzüge, auch das zweite Bataillon des Infanterie-Regiments von Niesemeuschel, das damals in Görlitz lag, zog nach dem Westen. Es erfolgte dann bekanntermaßen der Zusammenbruch der preußischen und sächsischen Macht bei Jena und Auerstädt am 14. Oktober. Die rückwärts getriebenen Truppen passierten wiederum die Gegend von Görlitz und ihnen folgten Franzosen, Bayern und Württemberger. Nur spärlich erzählen die Quellen von diesen Verhältnissen. Zwar erschien damals in Görlitz seit 1799 der Görlitzer Anzeiger und zwar jeden Donnerstag, umfassend 4 Seiten in Quart (beim Wechsel des Redakteurs nannte er sich von 1803-1814 Neuer Görlitzer Anzeiger, die Buchhandlung von Schirach, Brüdergasse Nr. 5, gab ihn heraus, 1807 war die Expedition auf dem Fischmarkte), aber er bringt fast gar nichts über die politischen Verhältnisse, nur daß man aus den genauen Fremdenlisten die Namen der führenden Offiziere kennen lernt. Nach der Schlacht bei Jena flüchtete "der kursächsische Silberwagen" mit zahlreicher Begleitmannschaft durch Görlitz; er kehrte aber bald nach Dresden zurück. Denn der damalige sächsische Kurfürst Friedrich August trat kurz nach der Niederlage zu Napoleon über, und schon am 24. Oktober 1806 wurde von Dresden aus bekannt gemacht, daß Sachsen von den siegreichen Truppen keinerlei Feindseligkeiten zu besorgen hätte. Jeder solle bei seinem Besitztum, Gewerbe und Handel, Amt und Beruf ruhig bleiben und keinerlei unzeitige Furcht zeigen. Die fremden Truppen seien mit der nötigen Ordnung und ohne unnötige Beschwerung zu verpflegen. Der Rat zu Görlitz schärfte am 11. November 1806 diesen Befehl noch einmal ein und ordnete an, daß vorrätiges Getreide bereit zu halten und der Ausdrusch deshalb zu beschleunigen sei; jedes Auflehnen gegen französische Truppen und ihre Verbündeten wurde bei Vermeidung der härtesten Ahndung untersagt. Am 17. Dezember erfolgte der wirkliche Friede zwischen Napoleon und Kursachsen, und "die Freude hierüber wurde noch durch die am 20. Dezember erfolgte Ausrufung des durchlauchtigsten Kurfürsten zum Könige erhöht".

Ein Herold verkündete nachmittags um 3 Uhr im Schloßhofe zu Dresden unter dem Donner der Kanonen dies denkwürdige Ereignis. Am 8. Februar 1807 wurde wegen des Friedens und der Annahme der Königswürde in allen kursächsischen Landen ein Dankfest gefeiert. In Görlitz hielt man einen feierlichen Gottesdienst ab, wozu von dem damaligen Kantor Döring eine passende Musik aufgeführt wurde. Abends speisten in der Ressource, die sich damals zur Miete Obermarkt Nr. 3 befand, gegen 80, in der Societät 120 Mitglieder. Vielfach hatten die Bürger illuminiert, in der Krischelgasse las man die Worte: Napoleon der große Kaiser, bringt Sachsen Friedensreiser. Übrigens war man in den nächsten Wochen nicht ohne Angst in Görlitz wegen eines Zusammenstoßes der Feinde in der Umgegend. Ein preußisches Streifkorps nämlich beunruhigte die Lausitzer Grenzen. Eine dieser Abteilungen wurde nun durch einen Überfall in Penzig in der Nacht vom 19. zum 20. Februar 1807 aufgehoben, und 44 preußische Gefangene nebst 90 Pferden wurden nach Dresden transportiert. Am 19. März erschien im Zusammenhange damit im Neuen Görlitzer Anzeiger folgende Erklärung: Es hat sich unter einem großen Teile des Publicums zu Dresden und in hiesiger Gegend das Gerücht verbreitet, daß von dem preußischen Truppencorps, welches vor einiger Zeit mehrere Lausitzer Grenzorte beunruhigte, aber von einem Detachement des Infanterie-Regiments von Niesemeuschel und einem unter meinem Kommando gestandenen Detachement der Gardes du Corps in der Nacht vom 19. zum 20. Februar j. J. gefangen wurde, der mitgefangene preußische Hr. Lieutenant von Prittwitz Husaren hart ausgeplündert und diese Behandlung durch meinen Zuruf: "Laßt ihm nicht das Hemde!" veranlaßt worden sei; ferner, daß, als ein Trabant dem gedachten preußischen Husaren-Offizier den Pallasch abgenommen, ich ihm solchen zurückzuhändigen auf mein Ehrenwort versprochen, dieses Versprechen aber nicht erfüllt hätte. Es ist aber ausgemacht und selbst erwähnter preußischer Herr Lieutenant versichert, daß ihn keineswegs ein Trabant, sondern ein gemeiner Infanterist (Namens Brückner) gefangen gemacht und dieser ihm sowohl den Pallasch abgenommen, als auch selbigen an einen Offizier seines Regiments verkauft hat. Da überdies mehr gedachter preußischer Herr Lieutenant ebenfalls zufolge seiner eigenen Versicherung nach seiner Gefangennehmung eine beträchtliche Summe an barem Gold- und Silbergelde sowie auch Tresorscheine gehabt und nach Dresden gebracht hat, hieraus aber eine bei solchen Gelegenheiten wohl seltene Behandlung hervorleuchtet, so wird hoffentlich jeder Unbefangene und Redliche urteilen, daß die Verbreitung jener Gerüchte und der blinde Glaube daran höchst unschicklich und ungerecht gewesen sei. Görlitz am 19. März 1807. Carl Maximilian von Berge, Premierlieutenant von der Kgl. Sächs. Garde du Corps.

Im Laufe des Jahres 1807 gingen fernerhin viele Truppenzüge und Gefangenentransporte aus Schlesien durch Görlitz. Jetzt wird nun auch der Neue Görlitzer Anzeiger zum ersten Male benutzt, um, wie scheint, im französischen Hauptquartier redigierte Nachrichten vom Kriegsschauplatz zu veröffentlichen, so von der Belagerung von Danzig, an der ja sächsische Truppen teilnahmen, und von der Schlacht bei Preußisch-Friedland, und dem Frieden zu Tilsit, dagegen fehlen bezeichnenderweise solche von der Schlacht bei Preußisch-Eylau. Am 17. Juli erschien Napoleon in Görlitz. Der Anzeiger berichtet darüber: Heute sahen wir Se. Majestät den Kaiser der Franzosen und König von Italien, Ihro kaiserliche Majestät den Großherzog von Berg, Se. Exzellenz den Großmarschall des Palastes Duroc und den Staatssekretär Maret etc. in unserer Stadt. Se. Majestät kamen früh auf 6 Uhr an, traten bei dem Kaufm. Herrn Oettel (Untermarkt 2) ab, nahmen daselbst ein Frühstück ein und setzten halb 9 Uhr die Reise nach Bautzen wieder fort. Desgleichen sahen wir Sonntags den 19. Se. Kaiserl. Hoheit den Prinzen Jerome hier durchfahren. In Bautzen wurde Napoleon vom König von Sachsen empfangen, er setzte dann über Dresden seine Reise eilends weiter fort, so daß er schon am 27. Juli in Paris eintraf. - Mitten in diesen kriegerischen Beunruhigungen wurde Görlitz durch eine fürchterliche Feuersbrunst aufgeschreckt. In der Nacht vom 2. zum 3. Juni brach bei dem Korduanermeister Stephan in der Hotergasse ein Feuer aus, das nicht nur die vordere Hälfte der Gasse auf beiden Seiten, sondern auch über der Neiße ebenfalls beide Seiten angriff; in kurzer Zeit wurden 49 Häuser in Asche gelegt und über 100 Familien, bestehend aus 348 Köpfen, verloren ihre Habseligkeiten; auch verbrannten 5 Menschen. Die Not war groß. Erfreulich war die Hilfe, die von nah und fern edel denkende Menschen leisteten. Zunächst strömten Gaben an Getreide, Brot, Erdbirnen (Kartoffeln), Graupen, Butter usw. zusammen, dann bares Geld. So gab die Freimaurerloge 50 Taler, Dr. v. Anton auf Ober-Neundorf und Waldau, der eine Gründer der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften, 60 Taler, der Rat zu Lauban 50 Taler, der Stadtrichter v. Modrach 100 Taler, das Städtchen Schönberg 42 Taler, Niesky 54 Taler, der Landesbestallte v. Schindel 60 Taler, der Rat zu Bautzen 358 Taler, die Dorfgemeinden

Friedersdorf, Niklasdorf, Kunnersdorf je 7 Taler, 13 Taler, 23 Taler. Es gibt ein Bild dieser Feuersbrunst, gemalt von Oldendorp; sein Original birgt die Gedenkhalle, eine Aetzung von Johann Friedrich Wizani dem Jüngeren besitzt die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften. - Die gesundheitlichen Verhältnisse von Görlitz im Jahre 1807 ließen sehr zu wünschen übrig. Die durchziehenden Truppen brachten das Nervenfieber mit. Ihm erlag auch am 6. November ein weit berühmter und hochbedeutender Arzt, Christian August Struve, der neben vielen andern das unvergessene Verdienst hat, daß er zuerst systematisch die Impfung der Kuhpocken in unserer Gegend einführte und der unheimlichen Pockenerkrankung dadurch eine Schranke setzte. Sein Vater war Benjamin August Struve (gest. 1789), der die Görlitzer Ratsapotheke 1771 von der südwestlichen Rathausecke (an der Apothekergasse) an ihre jetzige Stelle verlegte.

Höchst interessant sind etliche statistische Angaben für unser Görlitz aus dem Jahre 1808 verglichen mit den entsprechenden aus dem Jahre 1908. 1908 betrug die Bevölkerungsanzahl rund 85 000, hundert Jahre früher rund 8500; die Einwohner hatten sich also verzehnfacht. 1808 wurden geboren 343, 1908 dagegen 1992 Kinder; 1808 starben 381, 1908 dagegen 1553 Personen, und endlich wurden 1808 kopuliert 110, 1908 dagegen 674 Paare. Die Zahl der Geburten und Eheschließungen ist also verhältnismäßig in unsrer Zeit ganz bedeutend zurückgegangen, ebenso hat sich die Zahl der Todesfälle verhältnismäßig sehr verringert. Die besseren Lebensbedingungen und die sanitären Maßnahmen zeigen hier ihren segensreichen Einfluß. Von einer "Verelendung der Massen" ist dabei in unserer Zeit nichts zu spüren. - Während nun in den Zeiten unmittelbar nach der Niederwerfung der österreichischen und preußischen Macht fast alle Staaten Deutschlands von dem Geiste einer neuen Zeit erfüllt wurden und Preußen alle Mittel und Hebel zu seiner Wiedergeburt in Bewegung setzte, zeigte sich im Königreich Sachsen keinerlei moderner Fortschritt. Der König Friedrich August I. bestätigte am 20. Mai 1807 den Ständen ausdrücklich die bisherige Landesverfassung, die als ein altersgrauer und unwohnlicher Bau schon längst überständig geworden war. An dem schwerfälligen Organismus der inneren Verwaltung wurde nichts geändert; die beiden einflußreichen Minister Graf Mareolini und Graf Hopfgarten hielten nur gar zu gern an den nicht vorwärts schreitenden Tendenzen des Königs fest, da sie von jeder Neuerung nur eine Vermehrung ihrer Geschäfte oder eine Abnahme ihrer Bezüge zu erwarten hatten. Die Rittergüter blieben noch immer nahezu steuerfrei, auch die Vereinigung der verschiedenen das Königreich bildenden Gebiete und Landschaften zu einem einheitlich verwalteten Ganzen wurde nicht erreicht.

Wie dem ganzen Königreich Sachsen, so schlug auch unserm Görlitz die Kontinentalsperre, durch welche Napoleon jeden Handel mit England und dessen Kolonien verbot, die schwersten Wunden. Durch die Gegenmaßregeln Englands, denen zufolge alle Häfen in Europa, sofern sie französisch oder franzosenfreundlich waren, für blockiert erklärt und alle dahin bestimmten oder daher kommenden Schiffe für Prisen erklärt wurden, war ein überseeischer Handel unmöglich gemacht. Und Görlitz hatte zu Anfang des Jahrhunderts 12000 bis 14000 Stück Tuch alljährlich zu Schiffe nach Dänemark, Italien und der Levante versandt; auch ging von unsrer Neißestadt aus nach England, Holland, Spanien, Italien, Amerika und Surinam Leinwand, vornehmlich unter der Marke Garlix, Zwillich und Damast im Werte von 300000 Talern. Diese Quelle des Wohlstandes wurde durch die Gewalt Napoleons mit einem Male vernichtet.

Ferner hatte auch 1808 die Stadt durch Truppenmärsche wiederholt zu leiden. So rückte am 31. August 1808 ein französisches Korps in die Stadt ein. Viel Aufsehen in der Bürgerschaft erregte damals die Sitzung eines Kriegsgerichtes. Ein Dragoner nämlich hatte sich in Liegnitz während des Dienstes an einem Offizier vergriffen und ihm mit dem Säbel eine Wunde beigebracht. Am 1. September wurde er von Ebersbach, wo er in Gewahrsam gehalten, früh nach 8 Uhr auf die Hauptwache in Görlitz (auf dem Obermarkte) gebracht, und um 10 Uhr wurde auf dem Rathause im Prätorium (früher Zimmer des Herrn Stadtverordnetenvorstehers) bei offenen Türen ein öffentliches Kriegsrecht über ihn gehalten. Das Urteil wurde nachmittags nach 3 Uhr auf der Viehweide (jetzt Park) vor einer ansehnlichen aufmarschierten Truppen-Versammlung zu Roß und Fuß vollstreckt. Mit größter Ruhe stand der Aermste vor den drohenden Gewehren, und er fiel, ohne merklich zu zucken, von den Kugeln hingestreckt, darnieder. Sein Leichnam wurde auf einer Abseite des Frauenkirchhofes begraben.

Am 10. Juni 1808 kam von Polen her die erste Infanteriebrigade unter dem Kommando des Generalmajors v. Oebschelwitz mit der Suite des Generalstabs durch Görlitz in das Vaterland zurück. Sie hatte in den blutigen Kämpfen in Polen und Preußen, die sie für Napoleon führte, nicht weniger als 2/3 ihres Bestandes verloren. Festlich wurde sie in unserer Stadt empfangen. Der Garnisonskommandant v. Brochowsky, der Stadthauptmann Christoph Gottlob Jähne (wohnte Fleischergasse 3) und 20 Honoratioren nebst dem Skabin Götzlof ritten ihnen entgegen. An der Neißebrücke war eine Ehrenpforte mit entsprechender Inschrift errichtet. Das freie bürgerliche Jägerkorps, die bürgerliche Grenadier- und Musketiergarde mit den Stadtoffizieren waren zum Empfange aufgestellt. Für die Stabsoffiziere veranstaltete der Görlitzer Rat im Hause des Herrn Bürgermeisters Sohr (wohnte Brüderstraße 4) ein Deujeuner, abends fand ein Ball im Kleinertschen Garten (jetzt Vereinshaus) statt. - Am 23. Dezember wurde, wie üblich, der Geburtstag des Landesherrn feierlich begangen: Vormittags um 10 Uhr erscholl von den Stadtmusikern vom Rathausturme ein feierliches Te Deum gegen Abend marschierte das hiesige Etappenkommando unter Anführung des Kommandanten v. Brochowsky und die sämtlichen Schützenkorps mit klingendem Spiele auf den Obermarkt, bildeten einen Zirkel, beleuchtet durch Fackeln, und sangen, begleitet von dem Singechor und den Stadtmusikern "Herr Gott, dich loben wir", worauf ein dreimaliges  v i v a t  erfolgte.

Auch von Feuersbrunst blieb unser Görlitz im Jahre 1808 nicht verschont: Am 22. Mai um die Mittagsstunde entstand in der Teichmühle (Nikolaigraben 15) ein Feuer, das binnen einer Stunde nicht weniger als 19 Häuser vernichtete; am 26. April legte ein Brand in dem nahen Kunnerwitz, das damals dem Aug. Christoph Wilhelm v. Linnenfeld gehörte, das Herrenhaus und sämtliche Wirtschaftsgebäude nieder. Am 29. Juni traf ein sogenannter "kalter Schlag" das Rathaus, warf 9 Personen am Eingang des großen Saales, ohne sie weiter zu schädigen, darnieder und ließ überall die Spuren abgesprengten Kalkes, Löcher in den Mauern und zersprungene Fenster zurück.

In dem Jahre 1809 erregte in unserem Görlitz der Krieg von fern und nah die Gemüter. Es kam bekanntlich damals von neuem zu einem Zusammenstoß zwischen Napoleon nebst seinen Verbündeten und Oesterreich. Auch Sachsen mußte dem Korsen Hilfstruppen an die Donau schicken, und so zogen auch die Garnisontruppen der Oberlausitz Ende Februar zu blutigem Streite aus. Wieder verkündet der Görlitzer Anzeiger die in französischem Sinne redigierten Kriegsnachrichten und die bombastischen eitlen Proklamationen Napoleons. Ueber die Schlacht bei Aspern, in der Napoleon seine erste Niederlage erlitt, suchen die offiziellen Berichte mit Phrasen hinwegzukommen. - Sodann spielte sich aber auch ganz in der Nähe von Görlitz ein Stück Krieg ab. Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig Oels, ein Sohn des 1806 gefallenen Herzogs von Braunschweig, voller Erbitterung über das Unglück, das Napoleon über sein Haus gebracht hatte, und erfüllt von Vaterlandsliebe und rechtem Heldensinn, stellte beim Ausbruche des Krieges an der Donau ein eigenes Freikorps auf, warb in Schlesien und Böhmen Truppen und hoffte Norddeutschland gegen den fremden Eroberer mit sich fortzureißen. Seine Schar kündete sich durch ihre Kleidung selbst als Rachekorps an: jeder Soldat trug eine schwarze Uniform, und am Tschako war ein weißer Totenkopf mit zwei kreuzweis gelegten Totengebeinen zu sehen, weshalb man diese Schar die Schwarze Legion nannte. Es war am 21. Mai 1809, als eine ihrer Abteilungen ganz unerwartet in der alten Sechsstadt Zittau einrückte. Da die Garnison abgezogen war, fand der Herzog keinen Widerstand. Seine Truppen hielten auch die im Gebirge liegenden Dörfer besetzt und regulierten allenthalben. Am 27. Mai feierte er in der Stadt mit seiner Schar den Sieg bei Aspern. Die geringe Truppenzahl, die er in Zittau beließ, wurde unvermutet von 600 Mann Sachsen, die unter dem Obersten Thielemann von Dresden herbeigeeilt waren, überfallen und nach Grottau hin vertrieben. Aber die Braunschweiger kamen verstärkt zurück, trieben in einem Nachtgefecht wiederum ihre Gegner aus der Stadt und legten am 31. Mai dem Rate 6000 Taler Schadenersatz auf. Da sie nun weiter nach der Elbe vorrückten und ihnen zur Seite ein österreichisches Korps gegen Dresden marschierte, so lag ihnen Sachsen offen; auch eine Hilfsabteilung unter Jerome, König von Westfalen, mußte sich vor ihnen zurückziehen. Da traf aber von der Donau die Nachricht von der Niederlage bei Wagram und von einem Waffenstillstand ein. Damit war die Aussicht auf Erfolg verschwunden. Ueber Leipzig, Halle, Halberstadt, Braunschweig und Hannover erreichte die schwarze Schar in einem prächtigen Gewaltmarsche, indem sie nach links und rechts kräftige Hiebe austeilte, die Weser und wurde dort am 7. August von englischen Schiffen aufgenommen. Voller Angst war der sächsische König Friedrich August vor den Braunschweigern geflohen. Zu Frankfurt am Main erließ er am 18. Juni 1809 an seine getreuen Untertanen eine Proklamation, über die die vaterländische Geschichtsschreibung am besten schweigt. Bei seiner Rückkehr erging von der "guten" Stadt Leipzig ein Aufruf, der zur Feier der glücklichen Zurückkunft die Bewohner aufforderte, zur Unterstützung der Witwen und Waisen der Krieger Beiträge beizusteuern. Auch in Görlitz geschah vom 28. August an eine Büchsensammlung, die namhafte Summen lieferte. - Aus der eigentlichen Stadtgeschichte des Jahres 1809 ist zunächst der Tod des Gymnasialrektors Christian August Schwarze am 12. Februar zu melden. Er verband Ernst mit Liebe, Gelehrsamkeit mit Heiterkeit, zeigte trotz seines schwachen Körpers ein rastloses Streben. Ein großer Feind von Schulstrafen hielt er doch gute Schulzucht. Sein Ansehen bei seinen Schülern, bei seinen Bekannten und in der gelehrten Welt war groß. Anfang Mai wählte der Görlitzer Magistrat in seine Stelle den bisherigen Konrektor Gottlieb Anton. Die Feierlichkeiten bei seiner Einführung erstreckten sich über 3 Tage (31.Mai bis 2.Juni), vornehmlich erregte dabei Aufsehen der glänzende Aufzug, den die Primaner, schwarz gekleidet und mit Degen, von schön uniformierten Offizieren und Marschällen angeführt, mit Musik vom Vogtshofe (hinter der Peterskirche) durch die Stadt bis zum Kloster hielten. Anton, der schon seit 1803 in Görlitz als Konrektor wirkte, hat dann das Rektorat bis Ostern 1854 zu großem Segen der Anstalt bekleidet, er starb am 11. September 1861 in einem Alter von 84 Jahren.

Vom 31. August bis 9. Oktober eröfnete eine Schauspiel- und Operngesellschaft in unserm Görlitz ihre Pforten. Ueberwiegend wurden Stücke von Kotzebue gegeben, einmal auch eins von Iffland; am 5. Oktober ging über die Bretter Schillers Jungfrau von Orleans, am 6. und 9. Oktober Mozarts Don Juan und Entführung aus dem Serail.

Am 12. August weilte Theodor Körner in unsern Mauern und besichtigte die Sammlungen der Oberlausitzischen Gesellschaft, die Peterskirche, die er für die schönste gotische Kirche erklärte, und das heilige Grab. Er kam von Reichenbach, wo er im Stern übernachtete, und bestieg auf dem Wege nach Görlitz die Landeskrone (s. den Gedenkstein oben auf dem Berge).

Am 2. Februar 1810 hielt das Bataillon von Niesemeuschel, das unter Napoleons Fahnen gegen Oesterreich im Kampfe gestanden hatte und seit länger als einem Jahre aus der Stadt Görlitz weg war, seinen Einzug in der Neißestadt unter dem Kommando des Oberstleutnants von Jeschky. Der Stadthauptmann Jähne und der Stadtadjutant Kaufmann Maurer begaben sich den Tag vor dem Einmarsche nach Nostitz (nördlich Löbau), dem letzten Quartierstande des Bataillons, um die Truppen einzuholen. In Reichenbach begrüßte im Namen der Landstände der Landeskommissar von Herzberg auf Moholz (gest. 1810) die Heimkehrenden. Bei ihrem Marsche durch Holtendorf lud sie der damalige Besitzer von Nieder-Holtendorf, Dr. Christian August Stölzer, später unter dem Namen Lindner von Stölzer geadelt, der in Görlitz Schöppe und Besitzer des Hauses Petersgasse 10 war, auf ein Frühstück ein. Vor der Stadt warteten des Bataillons mehrere Honoratioren und Bürger; am äußeren Reichenbacher Tore standen die Stadtsoldaten in Parade, weiterhin das bürgerliche Jägerkorps und die Bürgergarde. Mehrere Ehrenpforten mit bezeichnenden Aufschriften waren errichtet. Im Saale der Freimaurerloge (Neißstraße 30, Haus der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften) gab der Magistrat ein Festessen, zu dem nebst den Offizieren und dekorierten Unteroffizieren und Gemeinen die Honoratioren von Land und Stadt geladen waren. Medaillons mit den Inschriften: "Willkommen, seltne Gäste" und "Gott segne den König, das Vaterland und seine braven Krieger" zierten den Saal. Am folgenden Tag veranstaltete die Ressource einen glänzenden Ball, wobei wiederum der Saal mit einer Ehrenpforte und Medaillons geschmückt war. Am 4. Februar aber lud die Bürgergarde und Feuerkompanie die Truppen unter Beteiligung weiterer Kreise zu einem Abendessen und Ball im Kleinertschen Garten ein. Am 2. März endlich fand, veranstaltet durch den Oberstleutnant von Jeschky, ein militärisches Volksfest, wozu sämtliche Unteroffiziere und Gemeine nebst Weibern und Kindern zugezogen waren, im Gasthofe zum Blauen Hecht (früher Stadt Wien, Breslauer Straße 10) statt. Auch der Jahrestag bei Wagram wurde am 5. Juli durch einen Tanz auf dem Schießhaussaale (jetzt Lindenweg Nr. 12) gefeiert. - Für die verwundeten Soldaten und für die Witwen und Waisen der Gebliebenen hatten die Stände des gesamten Markgraftums Oberlausitz 1000 Taler bewilligt, die im Juni verteilt wurden.

Von Feuersbrunst blieb unser Görlitz 1810 verschont, dagegen brannten am 3. Juli des Jahres in Deutschossig 16 Häuser, bei welcher Gelegenheit freche Gesellen Unfug trieben, und am 28. Oktober in Penzig nicht weniger als 8 Bauernhöfe ab.

Interessant ist, daß der hiesige "privilegierte" Weinkeller nebst der dazu gehörigen Branntweinbrennerei und dem Inventar bis 1810 ein jährliches Pachtgeld von 3280 Talern brachte.

In den Monaten September und Oktober wirkte wiederum eine Schauspielertruppe hier in Görlitz, die auch Menuette und Ballette aufführte; bemerkenswert ist die Darbietung von Schillers Räubern (am 29. September); für den 13. Oktober empfahl der erwähnte Dr. Stölzer einen recht regen Besuch eines Konzertes in der Ressource, das die ausgezeichnete Virtuosin auf der Harfe Demoiselle Weber aus Berlin gab.

Im Mai des Jahres drohte von Schlesien aus eine Blatternepidemie, weshalb die 3 Aerzte der Stadt Lauban, darunter Heinrich Traugott Schindler (sein Nachkomme praktiziert jetzt in Görlitz) dringend die Impfung der Schutzpocken empfahlen. Es ist überhaupt bezeichnend für die Zeit, daß die damaligen Aerzte der Oberlausitz all ihren Einfluß anwandten, um die segensreiche Erfindung Jenners in unsrer Heimat einzuführen.

Eine Neuerung wurde für die Chorschüler des Gymnasiums beim Martinssingen eingeführt. Während früher unter Anführung des Kantors (er hieß damals Döring) die Chorschüler 3 Wochen und länger in den Gassen der Stadt und der Vorstädte vor einzelnen Häusern ihren Gesang ertönen ließen und sich die Gaben ausbaten, sollte jetzt der Chor bloß an einzelnen bequemen Stellen seinen Gesang anstimmen und durch zwei Schüler in verschlossenen Büchsen das Umgangsgeld einsammeln lassen. Der Rektor Anton bittet dringend, daß die Einwohner es nicht verübeln möchten, wenn sie nicht mehr einzeln besungen würden; des guten Zweckes willen möchten sie auch fürderhin reichlich und willig geben. Er bürge auch für guten Gesang. Arm an Ereignissen wichtigerer Art ist das Jahr 1811 in unsrer Stadt. Am 23. Mai früh gegen 2 Uhr entstand auf dem Töpferberge in einem Schuppen ein Feuer, das 10 Häuser in Asche legte. Die Bewohner konnten fast gar nichts von ihrer Habseligkeit retten. Stadt- und Dorfspritzen eilten zur Rettung herbei, dem Kupferschmiedemeister Bertram, der von dem Brandunglück mit betroffen war, wurden beim Räumen verschiedene Kupferwaren entwendet. In dem nahen Ludwigsdorf brannten am 24. September durch Verwahrlosung vier Bauerngüter, eine Gärtner- und zwei Häuslernahrungen nieder. - Wie noch heute, wunderten die Görlitzer Bürger damals gern auf die benachbarten Dörfer, um sich in den Gastwirtschaften mit Essen und Trinken zu vergnügen. Vornehmlich bot in Großbiesnitz Jens Johann Meerbach alles auf, um die Spaziergänger zu locken, so veranstaltete er Bolzenschießen nach dem Vogel, Hahnschlagen und Stangenklettern. In Moys fand auf dem Eichberge bei guter Witterung eine Reihe Konzerte statt; Konzerte wurden auch des öfteren in der Stadt im Kleinertschen Garten, im Saale des Hirsches und in der Ressource abgehalten. Der Kantor Döring, der Stadtmusikus Bischofs und Haase führten neben anderem am 20. Dezember die Glocke von Schiller und Romberg auf. Der Hauptteil der Annoncen im Anzeiger wurde ausgefüllt durch Buchanzeigen der Handlungen von Christian Gotthelf Anton (Obermarkt 29), Karl Gottlob Schirach und Gotthold Heinze, welche beiden zugleich Buchdrucker waren. - Monate lang war ein Komet zu sehen, der im Oktober seinen größten Glanz hatte. Niemand wird, so heißt es im Anzeiger, darin die aufgesteckte Strafrute einer erzürnten Gottheit oder einen Herold, der der Erde Krieg, Pest oder sonstiges Unglück ankündigt, sehen. - Schließlich mag noch angemerkt werden, daß am 16. September der berühmte Professor Schleiermacher auf einer Reise von Berlin nach Schlesien unser Görlitz berührte. - Von Truppendurchzügen wird nur einer erwähnt: Am 17. November hielten 2 Kapitäns und 430 Mann polnischer Kavallerie hier Nachtquartier, am folgenden Tage zogen sie nach Löbau ab.

Der Görlitzer Anzeiger des Jahres 1812 bringt zu Anfang folgenden Neujahrswunsch:

 

Ein neues Jahr! - Wir eilen ihm entgegen

Mit hoffnungsvollem, heitrem Blick.

O, brächt es uns verflossener Jahre Segen

Und ungestörte Ruh zurück!

Heil unserm König! unserm Vaterlande!

Des Friedens Segenfolgen jedem Stande

Und Nahrung und Gedeihn,

Um wahrhaft uns zu freuen!

 

Leider erfüllte das Jahr den Wunsch nicht. Napoleon zog mit gewaltigen Truppenmassen nach Rußland; Sachsen, Preußen und Oesterreich mußten ihm Heeresfolge leisten, eine große Menge deutscher junger Männer ließen auf dem unwirtlichen Kriegsschauplatz, hingerafft durch das Schwert und durch Naturgewalt, ihr Leben. So erzählt man, daß von 21000 Mann Sachsen, die mit nach Rußland zogen, nur 1800 den heimischen Boden wieder betreten haben. - Von Ereignissen, die die Bürger unsrer Stadt sonst er- regten, ist nicht viel zu erzählen. Das Markgraftum Oberlausitz hatte sich um der durch die Zeitereignisse beförderten Unsicherheit des Landes zu steuern, genötigt gesehen, eine besondere Polizeijägermiliz einzurichten. Vom 1. November 1810 bis letzten Februar 1812 wurden durch diese Landespolizei nicht weniger als 425 Bettler und 615 Vagabunden, vom 1. März bis letzten Juli 1812 127 Bettler und 127 Vagabunden, und vom 1. August bis 31. Oktober desselben Jahres 152 Bettler, 169 Vagabunden und 27 Verbrecher aufgegriffen; am 11. Oktober geschah zwischen Moys und Görlitz ein Raubanfall; um dieselbe Zeit brachen Diebe in Ober-Schwerta bei einem Leinwandhändler gewaltsam ein und raubten eine große Masse Waren. - Für das Musikleben unserer Stadt wurde äußerst wichtig, daß Johann Gottlieb Schneider, gebürtig aus Alt-Gersdorf bei Zittau, der bis dahin als Organist an der Universitätskirche in Leipzig angestellt war, im Mai 1812 an unsere Peterskirche als Organist berufen wurde. Er war ein Bruder des berühmten Komponisten Friedrich Schneider, selbst aber einer der ausgezeichnetsten Orgelvirtuosen der Neuzeit; er hat bis zum Jahre 1825 hier in großem Segen gewirkt. Zu Anfang des Jahres wurden Teile aus der Schöpfung von Haydn aufgeführt, am 25. März das erst jüngst erschienene große Oratorium von Beethoven Christus am Oelberge (das Eintrittsgeld betrug acht Groschen); Konzerte im Kleinertschen Garten, im Hirsch, Blauen Hecht und in der Ressource sorgten für die Unterhaltung breiterer Massen. Daß auch damals trotz der trüben Zeiten Sinn für Literatur in unserem Görlitz herrschte, beweist eine Bücherauktion, die vom 15. Juni an der Buchhändler Anton in dem Hause Obermarkt 27, eine Treppe hoch, abhielt. - Die brauberechtigte Bürgerschaft in Görlitz, die bekanntlich einen Bierzwang für die Stadt und die Umgebung besaß, hatte in Rauscha ein Brauhaus neuerbaut, das neben dem Rechte, Bier zu brauen und zu schenken, auch das Vorrecht, Branntwein zu brennen und zu verkaufen, für die Heidedörfer hatte; sie bietet dieses Haus an die Meist- und Bestbietenden zum Pachte aus.

Seit 1787 hatte unsere Stadt die Wohltat der Beleuchtung durch 200 Straßenlaternen, 1794 wurden sie vermehrt, indem auch in den Vorstädten solche aufgestellt wurden. Die Versorgung dieser Oellampen wurde im Sommer 1812 an den Mindestfordernden ausgeboten. Ebenso geschah damals ein neues Pachtangebot der Vierradenmühle. Sie gehörte bis 1822 der Stadt, dann ging sie in Privatbesitz über, 1826 kaufte sie Samuel Geisler. - Daß damals die Königl. sächsische Staatsregierung schon die Wohltat der Schuhblatternimpfung voll erkannte, geht daraus hervor, daß der König an Männer, die sich um die Einführung dieser segensreichen Erfindung verdient machten, die goldne Verdienstmedaille verlieh. Es erhielten eine Reihe Landpastoren, die selbst impften, diese Auszeichnung, so die Pastoren in Königshain, Langenau, Lichtenberg, Hohkirch, Leippa. Vor allem werden hierbei die Verdienste des Pastors Menzmann in Leippa gerühmt. - In der Nacht vom 1. bis 2. August war in der westlichen Oberlausitz ein ziemlich starkes Erdbeben zu verspüren, begleitet von einem unterirdischen Getöse, so lebhaft, daß Fenster und Gläser klirrten und die Möbel in den Zimmern heftig sich bewegten.

Seit Ende März 1812 erfolgte nun der Durchzug gewaltiger Truppenmassen durch unser Görlitz, die Napoleon nach Rußland schickte. Die Bayern unter den Generälen Deroy, Wrede (logierte im Hirsch), Breißing, Vicenti in einer Stärke von 40000 Mann, die italienisch-französische Armee unter Junot, Herzog von Abrantes, und General Goubart, 60000 Mann stark, dazu französische und sächsische Truppen berührten unsere Gegend. Mit ihnen kamen ungeheure Wagenzüge voller Bagage und Kriegsgerätschaften. Am 8. April logierte sich der westfälische König Jerome im Hirsch ein, am 15. April der Herzog von Württemberg im Weißen Roß; er kam damals von Schlesien und kehrte am 22. Mai über Görlitz zur großen Armee zurück. Am 5. Mai kam der Marschall Lefebvre, Herzog von Danzig, hier an. Napoleon selbst hatte vom 16. Mai an in Dresden die von ihm abhängigen Fürsten Deutschlands versammelt, um ihre Huldigungen entgegenzunehmen. Hier fanden sich auch die kaiserlichen Schwiegereltern aus Wien und der preußische König Friedrich Wilhelm (begleitet von Hardenberg) ein. Am 29. Mai, früh 4 Uhr, reiste der Korse von Dresden ab; in Bautzen, wo er um 9 Uhr eintraf, stieg er nicht ab und fuhr über Reichenbach, wo er beim Apotheker Schneider eingekehrt sein soll, nach Görlitz. Hier traf er bald nach 1 Uhr ein. 400 Bürger waren, um ihn zu empfangen, in Parade aufmarschiert, und der Rat der Stadt machte ihm an dem Reisewagen seine Aufwartung. "Ich sah", schreibt ein Augenzeuge, "den Kaiser in einem großen Wagen ankommen. Er war von mittlerer Größe, sah sehr gelb aus, etwas dick, mit feurigem Blicke, trug ein rotes Mützchen oder Tuch auf dem Kopfe und grüne Chauffeur-Uniform. Auf dem Obermarkte wurde umgespannt." Die Reise ging nach kurzem Aufenthalte über Bunzlau und Haynau nach Glogau weiter. Im Gefolge des Kaisers befanden sich unter anderen Massena, Prinz von Eßlingen, Bessières, Herzog von Istrien, Maret, Herzog von Bassano, Berthier, Duroc, Herzog von Friaul, Caulaineourt, Herzog von Vicenza. Der General von Gersdorff, Kammerherr von Friesen, Finanzrat von Schönberg begleiteten den Kaiser bis an die sächsische Grenze. In den folgenden Monaten folgten noch mehrere Generäle und kleinere Heeresabteilungen. - Während des Sommers und Herbstes erwartete man in ängstlicher Spannung die Ereignisse auf dem fernen Kriegsschauplatze. Bezeichnend war es, daß der Görlitzer Anzeiger von 1812 nur eine etwas unklare Nachricht über den Verlauf des Feldzuges brachte. Im November kamen einzelne unsichere Berichte; man flüsterte sich zuerst in der Ressource zu, daß der Kriegszug unglücklich ausgefallen, die Armee geschlagen, zerstreut und durch Frost und Mangel übel zugerichtet sei. Napoleon war denn auch nach seinem Vordringen bis Moskau und nach mehr als vierwöchentlichem Aufenthalte in der öden und von Feuer stark heimgesuchten Stadt gezwungen, seinen Rückzug anzutreten. Verfolgt von den Feinden und überfallen von einer starken Kälte, die bis zu 28 Grad stieg, erlitt das Heer entsetzliche Verluste; es begann nach und nach sich aufzulösen. Der Übergang über die Beresina brachte das Heer in solchen Zustand, daß nur noch 9000 streitfähige Mannschaften zusammen waren. Mit allen Nachschüben dürften im ganzen 619000 Mann nach Rußland marschiert sein. Davon sind mit Einschluß der Oesterreicher und Preußen 50000 Mann zurückgekehrt, in Rußland sind also tot oder gefangen geblieben 552000 Mann; von 182000 Pferden sind etwa 15000 zurückgekommen, von 1108 Geschützen 150. Am 5. Dezember 1812 verließ Napoleon die Armee, nachdem er am 3. ein Bulletin, das berühmt gewordene neunundzwanzigste, hatte ausgehen lassen, in dem er, wenn auch mit Beschönigungen, den Untergang der großen Armee eingestand. Zum Schlusse stehen die drastischen Worte: "Das Befinden Sr. Majestät ist niemals besser gewesen." Der Kaiser reiste, nicht ohne zweimal ernstlich im Leben bedroht zu werden, in der Verkleidung eines Sekretärs Caulainourt mit diesem und Duroc allein über Wilna, Warschau, Dresden, wo er nur 5 Stunden am 14. Dezember früh verweilte, und Mainz nach Paris, wo er am 18. Dezember nachts eintraf. Auf dieser Fahrt kam er am 13. Dezember (die Kälte betrug 18 Grad Reaumur) unter dem Namen eines Grafen von St. Vincent in Bunzlau an und speiste im Schwarzen Adler. Rastlos ging es nach Westen; in Waldau wurde umgespannt, wobei ein "Männlein in Pelz gehüllt, über zu langes Umspannen fluchte und schimpfte". Der mit 6 Pferden bespannte Schlitten, auf welchem ein Kutschkasten mit großen zum Teil gebrochenen Glasfenstern stand, fuhr um die Mittagszeit am 13. Dezember in Görlitz vor der Post, die sich damals auf dem Obermarkt Nr. 6 (Ecke der Steinstraße) befand, vor und hielt dort etwa eine Viertelstunde, um die Pferde zu wechseln. Der Kaiser, der als Herzog von Vincenza angemeldet war und den der Görlitzer Anzeiger auch unter den Passanten des 13. Dezember unter diesem Namen bringt, stieg nicht aus, und niemand erkannte ihn. Die Pferde verwickelten sich gleich nach der Abfahrt am Reichenbacher Tore, und das Gefährt hätte leicht umgeworfen werden können. Dabei bemerkte man, daß Caulaincourt, den mehrere kannten, den linken Sitz einnahm, und verwunderte sich darüber. Neben ihm zur Rechten saß ein kleiner Mann, der den größten Teil des Gesichts in einen grünen Mantel gehüllt hatte und dessen Kopf mit einer grauen Pelzmütze bedeckt war. Hinten auf dem Schlitten standen zwei Personen, ein Dragoner und ein Bedienter; auf einem zweiten Schlitten folgte das Gepäck. Zwischen Markersdorf und Holtendorf, wo die Landstraße auf beiden Seiten des Weges mit hoch ausgeworfenem Schnee bedeckt war, sollen einige Bauern, die nicht schnell genug ausweichen konnten, heftig von dem Schlittenführer gescholten und Miene gemacht haben, die Insassen des Schlittens zu verprügeln. Ein anderer Bericht verlegt diese Szene in die Gegend östlich von Görlitz. Erst abends ½ 9 Uhr kam Napoleon in Bautzen an, vielleicht hat er also unterwegs irgendwo Aufenthalt genommen. Der Görlitzer Anzeiger läßt am 13. Dezember noch den Marschall Lefebvre, erst am 14. Dezember aber den Marschall Duroc mit Suite und die folgenden Tage andere französische Generäle durch unsere Stadt eilen. - Am 22. Dezember wurde einem französischen Kurier aus seinem Wagen, der vor der Post stand, ein Beutel mit 440 Franks in Napoleonsdor und 1050 Franks in Fünffrankstücken entwendet. - Schon vorher hatte Karl Gottlob von Anton (er wohnte Langegasse 43), einer der reichsten Bürger von Görlitz und ein überaus tätiges Mitglied der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften, im Namen der Freimaurerloge einen Aufruf zu einer Sammlung zu Gunsten der verwundeten sächsischen Soldaten und der hinterlassenen Witwen und Waisen der Gebliebenen erlassen mit der Bitte, Beiträge an den Oberstleutnant Karl Otto Ernst von Kiesenwetter, Bürgermeister Sohr, Stadthauptmann Conrad und Senator Häunke abzuliefern. Bis Ende Januar 1813 waren 360 Taler eingegangen. -

 

1813

 

Das Jahr 1813 brachte unser Görlitz mitten in den Kriegsstrudel hinein, und zwar hatte es in beiden Feldzügen, von Februar bis Mai und dann seit der zweiten Hälfte des August, Entsetzliches zu leiden. Der Verlauf der Heeresbewegungen war derart, daß die Stadt bald von den vorwärts, bald von den rückwärts flutenden Freunden und Feinden besetzt und durchströmt wurde. Einquartierungen, Lieferungen, Plünderungen folgten Schlag auf Schlag. Noch mehr freilich hatten die umliegenden Dörfer wegen der endlos zu leistenden Spannfuhren, Furagierungen und Feuersbrünste zu dulden. In den Dörfern Leschwitz, Ebersbach, Halbendorf gingen viele Wohn- und Wirtschaftshäuser in Flammen auf, am 26. Mai wurden in Waldau 118 Wohnungen, darunter 2 Schulen und 21 Bauerngüter, durch einen Brand, der allerdings wohl nicht von den Soldaten veranlaßt war, niedergelegt.

Reich sind die Quellen für diese Kriegsdrangsale in unserem Görlitz. Abgesehen von allgemein darstellenden Schriften besitzen wir zwei handschriftliche Tagebücher, eins von dem Buchhändler Christian Gotthelf Anton, bestehend aus zwei Bänden und voll der genauesten, von Tag zu Tag gehenden Nachrichten, das andere vom Superintendenten di. Johann Christian Jancke (1757 bis 1834), ebenso wichtig und sorgfältig. Das erste reicht bis in den Mai 1816, das zweite nur bis zum 30. Oktober 1813. Ferner erschien schon im Jahre 1815: "Kriegsdrangsale von Görlitz und der benachbarten Städte und Dörfer" von Joh. Maaß, ein Buch, das in der ersten Abteilung die Ereignisse in Görlitz, in der zweiten und dritten die in den Dörfern erzählt. Sodann gab der ehemalige Pastor in Siegersdorf, Flössel (1784 bis 1869), 1863 ein Büchlein heraus: "Erinnerungen an die Kriegsdrangsale der Stadt Görlitz 1813". Endlich liegt mir, zum Teil gedruckt, zum Teil ungedruckt, eine Briefschaft dieser Zeit aus unserem Görlitz von dem erwähnten Bürgermeister Sohr vor.

In den ersten Tagen des Jahres 1813 war von Soldaten nichts zu sehen, man hörte aber viel von dem Rückzuge der großen Armee und dem Jammer und Elend, mit dem er vorging. Die Furcht vor den kommenden Ereignissen war natürlich groß.

Am 8. Februar - eben war es Jahrmarkt - kamen die ersten Bayern an. Es war die Einrichtung eines großen Lazaretts vom Vizekönig von Italien und dem General v. Wrede anbefohlen. Große Krankentransporte auf 50, 60, 80 bis 100 Wagen trafen ein. Die ganz gefährlich Kranken wurden in die Hospitäler, die man im Kleinertschen Garten (Vereinshause) und in den beiden Schießhäusern an der Neiße aufgeschlagen hatte, untergebracht, die halb Kranken und die Rekonvaleszenten bei den Bürgern einquartiert. Das Elend dieser Leute, die meist an Nervenfieber und erfrorenen Gliedmaßen litten, war unbeschreiblich. Wer starbt, wurde in Gruben zu 6 bis 10 Leichen ohne Särge in ungelöschtem Kalk auf einem Platze der Viehweide, dort, wo jetzt im Parke der schlichte Gedenkstein mit der Jahreszahl 1813 steht, begraben. Ende Februar nun ergriff das Lazarettfieber, an dem viele der Aermsten erkrankt waren, auch die Einwohner der Stadt Görlitz. Während in gewöhnlichen Zeiten die Anzahl der Begrabenen wöchentlich sich nur auf 3 bis 6 Personen belief, starben jetzt zu Zeiten jede Woche 10, 17, 28, ja vom 7. bis 13. März gar 67 Personen. 1812 hatte man aus Görlitz und Moys 346 Tote beerdigt, jetzt im Jahre 1813 nicht weniger als 913 Personen. Viele Krankenwärter und von den 10 hier befindlichen Aerzten ihrer 3, nämlich der Etappenarzt Dr. Schmidt, Dr. Fielitz (gest. 18. November, er war designierter Landphysikus und zugleich Sekretär und Bibliothekar der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften) und Dr. Ziegler wurden dahingerafft. Gerade die Leute in den besten Jahren erlagen der Krankheit, so der Senator und Stadthauptmann Conrad, der Pachtinhaber der Struveschen Apotheke Thieme, der Oberälteste der Nagelschmiede Johann Sebastian Rösler. Am 3. März schreibt der regierende Bürgermeister: "Unser Hauptfeind ist das in einigen 100 Häusern ausgebrochene, mit unglaublicher Schnelligkeit tötende Petechialfieber. Die Anzahl der Kranken im Zivilstande kann sich heute leicht auf 700 belaufen. Rothenburg und Muskau haben fast keinen gesunden Bewohner mehr." Auch in Löbau und Bautzen hauste die fürchterliche Krankheit. Sie dauerte, wenn auch zeitweis scheinbar nachlassend, in Görlitz bis ins Jahr 1814. Der Rat richtete als Abwehr dagegen in dem Hause Obermarkt 3 ein Gesundheitsbüro ein, an dessen Spitze Dr. Stölzer und der Syndikus Christian Gottwald Lessing (1779-1853) standen, und ließ die infizierten Häuser mit weißen Kreuzen bezeichnen. Die Zahl der begrabenen Militärpersonen soll sich im Jahre 1813 in unserem Görlitz auf 1600 belaufen haben.

Bis Ende Februar kamen viele hohe bayerische, französische und polnische Offiziere mit Truppenabteilungen aus der Gegend von Rothenburg durch und in die Stadt, so am 11. Februar der bayerische General v. Wrede; die Zahl der Zurückflutenden wurde von Tag zu Tag größer und drängender, denn die Russen saßen ihnen auf dem Nacken.

Mitten in dieser Aufregung erscholl am 1. März, früh um 3 1/4 Uhr, die Sturmglocke; in der Neugasse gingen 2 Stadtgärten in Rauch auf, wobei leider zwei Kinder ihren Tod fanden. Inzwischen beschleunigte die Annäherung der Russen den Abmarsch der bayerisch-französischen Truppen und das Wegschaffen der transportablen Kranken. So räumten am 25. Februar alle Bayern die Stadt, ließen aber 200 schwer Kranke zurück.

Der 6. März war der denkwürdige Tag, an dem die ersten Kosaken in Görlitz einrückten. Sie kamen von Lauban her, wo sie seit dem 25. Februar gestanden hatten. 3/4 auf 12 Uhr sprengten ihrer 3 die Neißstraße herauf bis zum Reichenbacher Turm, andere folgten. Im ganzen waren es etwa 300 Mann Kosaken und Dragoner unter dem Kommando des Obersten Prendel. Dieser guartierte sich zunächst bei dem Weißgerber Pätzold (jetzt Breslauer Straße 4) ein. Dort empfing er den Bürgermeister Sohr, den Scabinus Jähne und Stadthauptmann Conrad. Er ließ sie zunächst streng an, denn er hatte einen zurückreitenden Postillon, den die Kosaken vergebens einzuholen sich gemüht hatten, für eine Stafette an die nahe liegenden Franzosen gehalten. Bald beruhigte er sich aber. Die Manneszucht der Russen war sehr streng, und es bekamen 2 Kosaken, die einer Bauernfrau 10 Groschen genommen hatten, vor dem Blauen Hecht arge Knutenhiebe. Zunächst hatten die Kauf- und Handelsleute aus Furcht vor Plünderung ihre Läden geschlossen. Aber bald trat Beruhigung und freier Verkehr ein. Die Kosaken flößten mit ihren ehrlichen Gesichtern und großen Bärten bald das beste Zutrauen ein. Sie ließen sich das gereichte Bier und Branntwein, Brot, Sauerkohl und Heringe gut schmecken. Der Anblick der buntscheckig gekleideten Reiter, die mit Säbeln, Pistolen und langen Piken bewaffnet waren, zog viele Zuschauer an, die sich bald mit ihnen befreundeten. Der Oberst schickte zunächst bis in die Gegend von Löbau Reiter vor, um die Sachsen, Franzosen und Polen, deren Kommandant der General Reynier war, zu beobachten. Er selbst begab sich in der Nacht auf die Post und öffnete alle Briefe, ließ sie aber ungehindert abgehen. Die Soldaten legte er ins Weiße Roß und die Sonne, er selbst zog am 7. März in Wohnung beim Stellmacher Christian Friedrich Rudolph (Demianiplatz 501, jetzt Nr. 46). Am 8. März nahm er alle königlichen Kassen in Beschlag; dem Privateigentum wurde aber aller Schutz zuteil. Sein Vorgehen richtete sich ganz nach der Proklamation, die er bei seinem Einzuge in Lauban am 25. Februar erlassen hatte und die folgendermaßen lautete: Von dem Augenblicke an, da meine Kosaken in der Stadt Lauban einrücken, hört alles Einvernehmen der Stadt mit der Königl. Sächsischen Regierung auf. Wenn jemand aus der Stadt mein Dasein verrät, so lasse ich die Stadt an allen Ecken in Brand stecken. So wie meine Kosaken einrücken, darf kein Mensch mehr ans der Stadt. Der Bürgermeister wird für mich und meine Avantgarde für 300 Pferde Quartier anweisen, das Essen für die Mannschaft bestellen und die erforderliche Furage zusammenbringen lassen. Den Bewohnern ist bekannt zu machen, daß, wenn sie mir keinen Anlaß geben, ich die strengste Manneszucht halten werde, niemandem soll ein Haar gekrümmt werden. Dies ist der Befehl meines allergnädigsten Kaisers, folglich hängt es bloß von den Bewohnern ab, was geschehen wird.

Prendel verließ am 11. März mit seinen Reitern unser Görlitz und zog nach Bautzen.

Die dem Abzuge der Kosaken folgenden Tage verliefen in der Stadt ruhig, nur daß das Nervenfieber erschreckende Opfer forderte. "Die Hand des Herrn liegt immer noch schwer auf Görlitz", so schreibt der Bürgermeister Sohr am 13. März. "Die Stadt konnte kein härteres Schicksal als der Aufenthalt des bayerischen Lazaretts treffen. Der (feindliche) Besuch schreckte uns wenig, vielmehr gab er uns Anlaß, weniger zu fürchten als vormals." Am 14. März blieb die Leipziger Post aus, und der Fuhrwerksverkehr nach Meißen wurde durch das Abbrennen der Elbbrücke zu Meißen unterbrochen. Am 17. März mußten alle königlichen Kassengelder an den russischen Obersten Prendel in der Höhe von 570 Talern nach Bautzen abgeliefert werden.

In der Nacht vom 17. auf den 18. März lagerten sich weitere 30 Kosaken im Weißen Roß ein. Durch Rothenburg und Muskau gingen ungeheuer viel Russen, in Hennersdorf stand eine Eskadron preußischer blauer Husaren vom Regiment Brandenburg, die sich wegen der Gefahr der Ansteckung zunächst nicht nach Görlitz wagten, aber doch am 19. durch die Stadt nach Reichenbach weiter zogen. Für den 20. März wurde folgende russische Einquartierung angesagt: General von Winzingerode (logierte im Hirsch), General Eugen Prinz von Württemberg (beim Kaufmann Oettel, Untermarkt 2), 7 andere Generäle, 18 Obersten, 60 andere Offiziere, 950 Mannschaften zu Roß und Fuß; in Königshain, Kunnersdorf und Ebersbach lagerten je 700 Mann, in Hennersdorf und Sercha Artillerie mit 600 Pferden, in Markersdorf ein Regiment zu 1000 Mann, in Holtendorf und Girbigsdorf ein Regiment, in Leopoldshain Artillerie mit 600 Pferden. Von vormittags 9 Uhr bis gegen Mittag dauerte der Durchzug von Kavallerie, reitender Artillerie und des Geschützes, nachmittags der einer unzähligen Menge Infanterie mit schöner Musik. Es war den ganzen Tag ein entsetzlicher Lärm, doch wurde gute Manneszucht gehalten. Am 26. März, wo Rasttag war, wurde in der Ressource Ball abgehalten, bei dem die russischen Hauboisten Musik

machten. Die Lieferungen betrugen auf 25 000 Taler; beim Buchhändler Anton entnahm ein General eine Unmenge Landkarten, für die die Stadt Görlitz nicht weniger als 83 Taler zu bezahlen hatte.

Am folgenden Tage rückten die Russen ab, wobei von Leopoldshain und Hennersdorf aus die Artillerietruppen mit 68 Kanonen und Munitions- und Pulverwagen durch die Stadt zogen. Die Geschütze waren alle in gutem Zustande; ihnen schloß sich ein Regiment russischer Infanterie mit klingendem Spiele an.

Den russischen Truppen des Generals Winzingerode folgte am 23. und 24. März die preußische Armee unter Blücher, doch vermied sie wegen der ansteckenden Krankheit möglichst die Stadt. Um so mehr hatte die Umgebung zu leiden, wie denn auch dort die Russen wegen der mangelnden Lebensmittel und der Schwierigkeit, sich mit den Landleuten zu verständigen, arg gehaust hatten. Am 24. März war das preußische Hauptquartier in Schönberg; am 25. März lagen Blücher und Gneisenau in Leschwitz und in Moys 4 Prinzen, nämlich der Prinz Wilhelm, Bruder des Königs von Preußen, Prinz Karl von Mecklenburg und die Prinzen August Ferdinand und Friedrich von Preußen. Der Bürgermeister Neumann und der Scabinus Götzloff wurden vom Rate beauftragt, den Prinzen im Namen der Stadt ihre Aufwartung zu machen und 2 Stücke Hirsche und Rehe in die Küche nach Moys zu liefern.

Blücher hatte am 23. März von Bunzlau aus Proklamationen an seine in Sachsen einrückenden Truppen und an Sachsens Einwohner erlassen, worin er seine Soldaten zur Milde und Menschlichkeit ermahnte, den Sachsen aber die preußische Bruderhand bot. "Auf! Ihr Sachsen! Vereinigt Euch mit uns, erhebt die Fahne des Aufstandes gegen die fremden Unterdrücker! Euer Landesherr ist in fremder Gewalt. Die Freiheit des Entschlusses ist ihm genommen. Befriedigt die billigen Bedürfnisse unserer Krieger und erwartet dafür von uns die Handhabung der strengsten Manneszucht." Diese 2 Proklamationen mit andern 4 wurden in Görlitz von dem Buchdrucker Heinze gedruckt; ,,sie wurden zunächst aber nicht öffentlich ausgegeben, weil der deutsche Mut auch von hochweisen Herren nicht unterm linken Knopfloche, sondern ganz wo andere zu sitzen scheint". Erst am 8. April bringt sie der Görlitzer Anzeiger.

Die letzten Tage des März waren fortdauernd mit Durchmärschen durch die Stadt angefüllt, so passierten am 26. zwei preußische Dragoner-Regimenter, am 27. russische Jäger, am 28. ein Regiment preußischer Kürassiere, wovon eine Eskadron in Hennersdorf gestanden hatte, am 30. März ein preußisches Ulanenregiment, reitende Artillerie und viel Infanterie mit klingendem Spiel. Am 31. März kamen 100 russische Rekonvaleszenten hier ins Quartier, sowie die preußische Feldapotheke. An demselben Tage nahmen die Russen in Leschwitz ein paar Franzosen gefangen, die sich für Ueberläufer ausgaben; man führte sie nach Rußland. Den letzten März schreibt der Bürgermeister Sohr an seinen Sohn Wilhelm: "Die pestartige Seuche, deren Wut jetzt etwas nachgelassen hat, die ungeheure Menge Durchzüge und die ungeheuren Entkräftungen dabei, die uns getroffen haben, haben auf Deinen Vater so gewirkt, daß Du ihn vielleicht nicht kennen würdest, vielleicht wirst Du ihn nicht mehr lange haben. Zwar habe ich bis hierher ununterbrochen, selbst unter den größten Aengsten, mein Amt fortgeführt, aber es ist mir sauer geworden; meine Kräfte sinken dahin, und ich weiß nicht, wie ich noch mein Leben dahinschleppe unter Furcht und Warten der Dinge, die wir kommen sehen. Die Einquartierung und viele andere Lasten haben mich so herunter gebracht, daß Du mit (Geld) Unterstützung Geduld haben mußt."

Ueber die Ereignisse bis zum 5. April läßt sich ebenfalls ein Brief Sohrs von diesem Tage aus, der hier im Auszuge mitgeteilt werden mag: Der Druck, den wir leiden, ist außer Schilderung. Gänzlich von aller Barschaft entblößt, sind wir allen erdenklichen Requisitionen bloß gestellt. Tägliche Einquartierung entkräftet uns. Gestern lagen über 1000 Mann, ein Bataillon Preußen von 800 Mann und 250 rekonvaleszierende Russen und noch obendrein Kosaken hier, heute sind über 1400 Mann in der Stadt, lauter Russen. Binnen wenigen Tagen muß ein Lazarett zu 1500 bis 2000 Mann Blessierter eingerichtet werden. Dazu muß Dein Bruder, der Doktor, - es ist Samuel August Sohr der Jüngere, der damals Senator in Görlitz war - über Hals und Kopf Baracken auf der Viehweide, jede zu 200 eingerichtet, 200 Ellen lang, 12 Ellen breit, erbauen lassen. Die Verpflegung der Kranken wird aufs geringste gerechnet täglich 1000, monatlich 30000 bis 31000 Taler kosten; wo diese herkommen sollen und ob nicht alle Einwohner werden auswandern müssen, das steht bei den Göttern. Gestern haben wir angefangen, Bettstellen, Decken, Strohsäcke, Kissen, Hemden, Betttücher einzusammeln, ich habe 6 Hemden und soviel Betttücher geliefert. Die ungeheuren Furagelieferungen sind vollends unerschwinglich, und bis zum 9. d. M. muß Görlitz ein ganzes preußisches Bataillon equipieren und auch mobil machen. Kurz, unser Elend ist ohne Schilderung. Schon sagt man uns von 30000 Russen und 15000 Preußen, die künftige Woche durchziehen sollen. Posottendorf - das damals dem Bürgermeister Sohr gehörte - ist aufs härteste mit Einquartierung belegt; der Pächter kann keine Pachtgelder zahlen; die Untertanen muß ich, sollen sie nicht zu Grunde gehen, mit baren Geldvorschüssen unterstützen. Gestern nachmittag kam ein Regiment Kosaken an, welches mit Gewalt auf dem Obermarkte, der ganz mit preußischem Fuhrwerk besetzt war, herbergen und biwakieren wollte. Mit Mühe ließen sie sich nach Markersdorf weisen.

Wegen der Eguipierung der Infanterie lief am 1. April vom kommandierenden General Blücher der Befehl ein, daß die Ober- und Niederlausitz in 8-tägiger Frist für 3 Bataillone Infanterie 801 Tschakos, 801 Röcke für Offiziere und Gemeine, 801 weiße Säbelgehenke mit Schnallen, 801 Tornister, 801 Paar Schuhe, 60 Unteroffizierkartuschen, 728 Patronentaschen, 60 Büchsenriemen, 788 Pfannendeckel, 788 Regendeckel, 801 Koch- und Trinkgeschirre, dazu Fahrzeuge, Geschirre, Packsättel, Schanzzeug, Pferde und Knechte zur Mobilmachung dieser Bataillone, ferner in das Depot 6000 Tornister, 6000 Koch- und Trinkgeschirre, 12000 Paar lange Beinkleider, 600 Paar Schuhe, 12800 Paar Sohlen, 600 Paar Dienststiefeln, 6000 Hemden, 3000 Paar Socken, 3000 schwarze Tuchhalsbinden, außerdem 450 Pferde zu liefern habe. Man rechnete aus, daß diese Lieferungen für Görlitz einen Kostenaufwand von mindestens 70000 Talern verursachen würden, wobei die Städte Görlitz, Zittau und Lauban mit den Landgebieten für 1 Bataillon zu sorgen hatten. Man kann sich denken, wie solcher Aufwand und die fortdauernden Einquartierungskosten die finanzielle Kraft der Stadt und der Bürger in Anspruch nahmen. Dazu liefen fortdauernd von den Dörfern der Stadt Gesuche um bare Vorschüsse ein, und wohl oder übel mußte man diesen Bitten nachkommen; so erhielten Deschka 100, Rothwasser 300, Lauterbach 50, Penzig 600, Heidewaldau 150 Taler, dazu auch einzelne bedrängte Bauern kleinere Summen. Der Rat sah sich in die Notwendigkeit versetzt, überall her Kapital aufzunehmen. Am 4. April wurden der regierende Bürgermeister Sohr und der Senator Häunke beauftragt, alsbald nach Dresden zu reisen, um daselbst Gelder zu erborgen; doch kamen sie am 10. des Monats, ohne ihren Zweck zu erreichen, zurück.

Unter den Truppenzügen, die sich in diesen Tagen in und bei Görlitz nach Westen bewegten, befand sich auch das Lützowsche Freikorps. Am 28. März hatte es, zunächst 1200 Mann stark, zu Rogau den Fahneneid geleistet, am 3. April stand es in Lauban, vom 3. bis 5. April in Schloß Joachimstein und Radmeritz. Dort lagerte unter anderen der Chef des Korps Adolph v. Lützow, der Major v. Petersdorf, der edle Friesen, der Turnvater Jahn und Theodor Körner. Am Abend des 3. April vereinigte ein wunderschöner Ball die Stiftsdamen mit den schmucken Lützowschen Jägern. Am Morgen des folgenden Tages reiste Körner mit seinem Freunde Otto Heinrich Graf v. Löben (als Dichter genannt Isidorus Orientalis), dessen Vater sächsischer Kabinettsminister gewesen war und das nahe Niederrudelsdorf bis zu seinem Tode (1804) besessen hatte, nach Görlitz, erneuerte dort alte und knüpfte neue Bekanntschaften, kehrte mittags zu einem großen Diner nach Radmeritz zurück und verbrachte den Abend wieder bei Ball und Spiel im herrlichen Stiftsschlosse. Neben dieser Fröhlichkeit trieb sein von Begeisterung durchglühtes Herz ihn auch zu praktisch patriotischer Betätigung, indem er schon am 2. April zu Lauban seinen "Aufruf an die Sachsen" drucken ließ, der die Vermehrung seiner Schar um mehr als 500 zur Folge hatte.

Die Not steigerte sich in Görlitz, als vom 5. bis 12. April der russische General St. Priest mit seinen 8000-10000 Mann in der Stadt und Umgegend lagerte, und zwar vornehmlich deshalb, weil die Kriegszucht dieser Truppen sehr locker war. "Die Russen erlauben sich alle Büberei, weil sie sehen, daß es ihre Offiziere nicht anders machen und ihnen also durch die Finger gesehen wird. Hierzu kommt noch der stinkendste Müßiggang, denn es wird nicht die geringste militärische Uebung mit ihnen vorgenommen. Wie die Kerls früh aufstehen, so sind sie fertig, treiben sich mit unerträglichem Müßiggang herum, fressen und saufen und verüben Exzesse. Und wenn die ganze Armee so beschaffen sein sollte, wie es diese Avantgarde ist, da ist wenig Hoffnung zu einem glücklichen Ausgange; da helfen auch alle schönen Proklamationen nichts. Der Deutsche muß den Russen abgeneigt werden. Kein Mädchen oder hübsche Frau ist vor ihnen sicher. Sie kommen ganz unangemeldet auf die Dörfer. Natürlich ist dann keine Einrichtung und Vorkehrung getroffen, und nun fangen sie an zu fluchen, zu wüten und zu prügeln." In Köslitz wollten sie die Weiber von etlichen Gärtnern schänden. Und als die Männer sich widersetzten, so banden sie diese auf Befehl ihres Offiziers an ein paar Pulverwagen mit der Drohung, sie am folgenden Morgen zu erschießen. So standen sie die Nacht und auch den folgenden Tag halbnackt angebunden. Am Tage kamen die Weiber herein, heulten und schrien und wollten Hilfe haben, aber niemand getraute sich etwas dazu beizutragen. "Der Senator Brotze, der nur Kurage hat, wenn er der Bürgerschaft übers Maul fahren kann, hatte das Herz in den Hosen. Zuletzt ging ich zum Herrn v. Gersdorff; an diesem fand ich einen braven, echten deutschen Mann, der selbst den Teufel in der Hölle nicht scheut. Durch ihn wurden diese armen Menschen von ihrer Qual und Furcht erlöst. Vom Kommandeur bis zum Subalternoffizier ist alles im Vergnügen." So schreibt voller Entrüstung der brave Buchhändler Christian Gotthelf Anton. Der erste Wunsch des kommandierenden Generals St. Priest, der zuerst im Hirsch, dann aber Obermarkt 29 im Quartier lag, war, daß man ihm Unterhaltung schüfe. Schon am Abend des 5. April wurde deshalb ein Ball auf der Ressource abgehalten, wobei die Stadtmusiker und die russische Musikbande aufspielten; andere Vergnügen, bestehend in Konzerten und Bewirtungen, folgten. Der General selbst gab am 10. April "eine Gegenfete" in Hennersdorf, wobei man bis früh um 5 Uhr sich an Speise und Trank vergnügte. Am 9. April machte St. Priest mit seinem Stabe einen Ritt nach dem Stifte Radmeritz; des Nachts war seine Wohnung der Schauplatz wilder Exzesse. Ein russischer Oberst, dem die schöne Köchin der Frau Subrektor Grosser (wohnte Neißstraße 28) allzusehr gefiel, warf seine Quartiergeberin, die der Köchin zu Hilfe eilte, zur Treppe herab. Am 11 . April fuhr der General nach Jauernick, um zu kommunizieren. Glücklicherweise verließen am folgenden Tage diese bösen Gäste unsere Stadt. Das nachfolgende russische Korps unter Miloradowitsch hielt bessere Manneszucht. Der Fürst Miloradowitsch war kaum in seinem sechsspännigen Wagen eingezogen und hatte sein Quartier Obermarkt 29 bezogen, als abends 7 Uhr am 12. April ein Feuer auf dem Steinwege entstand. 6 Häuser, nämlich die Nr. 546-551, jetzt Steinweg 15-20, wurden ein Raub der Flammen, und 7 durch Einreihen der Dächer und Einschlagen der Giebel mehr oder minder beschädigt. Die eben erst eingerückten Russen unter Leitung ihres Oberkommandierenden halfen wacker löschen, kletterten wie die Katzen auf die Häuser und trugen viel zur Dämpfung des Feuers bei.

Am 13. und 14. April bis früh um 8 Uhr zogen unzählig viel Russen durch die Stadt. Es waren eigentliche Russen, Kalmücken, Kirgisen und wer weiß was anderes mehr, bald Kavallerie, bald Infanterie; es kamen auch ein paar Kamele mit. Schier unübersehbar waren die Wagen, zahlreich auch die Musikbanden; ein Korps Sänger ließ vor des Generals Quartier eine Stunde lang vorzüglich eingeübte Lieder, zum Teil unter Begleitung einer Guitarre, erschallen. - Die Tage vom 15. bis 19. April verliefen in unserem Görlitz verhältnismäßig ruhig; zweimal kamen gefangene Franzosen durch die Stadt. Am 1 8. April ging man daran, ein ungeheuer großes Magazin im Vogtshofe hinter der Peterskirche anzulegen, wobei sich in der Nikolai- und Peterstraße ein großer Fuhrverkehr entwickelte. Am 19. zeigten sich die Vorboten der Ankunft des russischen Kaisers Alexander, indem die ersten russischen Garden, dazu viele Wagen und Munitionskolonnen die Stadt passierten. Der Kaiser war am 19. April von Bunzlau aus in Lauban eingetroffen und übernachtete daselbst. In Görlitz hatte man zu seinem Empfange große Vorbereitungen getroffen. Schon früh um 9 Uhr des denkwürdigen Tages - es war der 20. April und zwar der dritte Osterfeiertag - versammelte sich die Bürgergarde und das Jägerkorps. Die wunderschöne Frühjahrswitterung hatte von weit und breit viel Volks vor und in der Stadt zusammengebracht, dazu gingen unaufhörlich Militär zu Roß und Fuß und große Wagenparks durch. Vier Ratsdeputierte mit noch 8 oder 10 Honoratioren, alle gleich uniformiert, ritten dem hohen Gaste bis Lichtenberg entgegen und erbaten sich kurzen Aufenthalt in dem Quartier Obermarkt 29. Er antwortete: "Wenn es der Stadt Vergnügen macht, werde ich absteigen." Schon vor Leopoldshain empfing ihn das Zujauchzen der ihm entgegenströmenden Menge. Sobald er die äußere Vorstadt betrat, begrüßte ihn das Läuten aller Glocken, am Neißtore die Bürgermiliz mit Fahne und klingendem Spiele. Ohne militärische Begleitung, bloß von einigen Adjutanten und dem englischen Gesandten umgeben, traf er etwas nach 3 Uhr vor dem Nostitzschen Hause (Obermarkt 29) ein. Dort stand das Ratskollegium, das geistliche und das Schulkollegium, vor ihnen 24 weißgekleidete Mädchen, von denen ihm Fräulein Konstanze von Kiesenwetter, eine Tochter des Landesältesten Ernst Gottlob v. Kiesenwetter auf Gruna und Waldau, mit wenig Worten einen Rosenstrauß mit einem niedlichen auf Atlas gedruckten Gedicht überreichte. Die Mädchen streuten ihm Blumen vor, und er ging, von den beiden Bürgermeistern Sohr und Neumann in der Mitte geführt, ins zubereitete Zimmer, ward hier von Sohr, der schon vor der Tür ein paar Worte an ihn gerichtet hatte, nochmals angeredet und dankte in französischer Sprache. Dann trat er auf den Balkon heraus und zeigte sich der Menge, die ihm aufs freudigste zujauchzte. Sodann fragte er den regierenden Bürgermeister nach Einwohner-, Häuser-, Militäranzahl und nach dem Krankheitszustande der Stadt. Darauf nahm er im Zimmer eine Tasse Kaffee an. Nun sprach ihn der Pastor prim. Herrmann in einer rührenden Rede an, die er mit Geduld anhörte und die seine Augen feucht machte. Der Schluß lief auf ein Lebehoch aus, in das das Volk auf dem Markte jauchzend mit einstimmte. Er begrüßte noch einmal alle gegenwärtigen Personen und, wie er hinunter ging und aus dem Hause hinaustrat, die Bürgergarde und das Volk und ritt langsam den Obermarkt hinauf. An der Weißen Mauer, einem Vorwerk, das die Nummer 902, jetzt Rauschwalder Straße 56, trägt, schickte er die Begleitung der berittenen Bürgerschaft zurück. Er übernachtete in Mengelsdorf; hier überreichte ihm die Frau Kaufmann Geister - ein Zweig ihrer Familie blüht noch jetzt in Leopoldshain - einen Lorbeerkranz und einen selbstgefertigten Beutel, wofür sie einen schönen Brillantring erhielt. Der Kaiser machte am folgenden Tage einen Abstecher nach Herrnhut. "Er ist ein schöner langer Mann von 37 Jahren, sein Betragen war sehr herablassend und freundlich; so hat er alle Herzen gewonnen." Sein Bruder Großfürst Constantin war am 20. April in Hennersdorf einquartiert, eine Unpäßlichkeit hielt ihn ab, die Stadt zu betreten. Der Rat schickte eine Deputation zu seiner Bewillkommnung nach dem Dorfe, wo er noch 4 Tage weilte.

Am 22. April zogen mehrere Regimenter russischer Kürassiere - alles ausgezeichnet schöne Menschen und Pferde - dann auch Ulanen und Husaren und Trainzüge durch die Stadt; 114 französische Gefangene, denen bald weitere folgten, waren im Schießhause (Lindenweg Nr. 12) untergebracht.

Den folgenden Tag früh um 8 Uhr zog König Friedrich Wilhelm III. in Görlitz ein. Er hatte am 22. April Breslau verlassen und war über Liegnitz, Haynau und Bunzlau bis Waldau gereist; in diesem Orte empfing ihn der Besitzer des Dorfes Karl Gottlob von Anton. Schon vor 23 Jahren am 25. August 1791 hatte er die Neißestadt besucht. Jetzt empfing man ihn mit gleichen Ehrenbezeugungen wie den Kaiser Alexander. Uniformierte Honoratioren ritten ihm entgegen, die Bürgergarde und weißgekleidete Mädchen standen vor dem ihm bereiteten Absteigequartier Obermarkt 29. Aber er stieg nicht aus, sondern nahm ernst und sorgenvoll die Glückwünsche des Magistrats, der Geistlichen und Lehrer im Wagen entgegen. Auch ihm streuten die Mädchen Blumen und überreichten ihm ein Gedicht. Er ward aber dabei von der Neugierde und Zudringlichkeit des Volkes so beschwert und man warf ihm soviel Blumen in den Wagen, daß er kaum eine Tasse Schokolade trinken konnte. Nach dem Pferdewechsel befahl er schleunigst fortzufahren; um Mittag stattete er in Bautzen dem russischen Kaiser einen kurzen Besuch ab und traf am Abend in seinem Quartier, dem Weißen Hirsch bei Dresden, ein. - Die Unkosten für Verzierung des Neiße- und Reichenbacher Tores sowie für Vorrichtung der Illumination bei der Durchreise der beiden Majestäten betrugen über 267 Taler. Während in der Nacht vom 8./9. April der Minister Stein durch unsere Stadt geeilt war, um die Verwaltung Sachsens zu übernehmen, passierte der preußische Staatsminister v. Hardenberg am 24. April unser Görlitz.

Sonntag, den 25. April, feierten die Russen ihr Osterfest (nach dem Gregorianischen Kalender fiel es acht Tage früher), und nach ihrer Sitte herrschte bei ihnen großer Jubel. Man umarmte und küßte sich, man beschenkte sich mit Eiern und sang und tanzte auf den Straßen. Auch führten zwei Parteien auf dem Obermarkte ein Kriegsspiel auf und bewarfen sich unter fröhlichem Geschrei mit Steinen.

Die letzten Tage des April und die ersten des Mai verliefen im allgemeinen ruhig. Die Durchzüge hörten natürlich nicht auf, oftmals kamen von Westen Züge von Rekonvaleszenten. Ein Gerücht jagte das andere. So sollten bei Erfurt und Weimar die Franzosen gänzlich geschlagen sein. Noch am 5. und 9. Mai sprach man von großen Siegen. Und als gegenteilige Nachrichten einliefen, da schreibt der deutsche Patriot, der Buchhändler Christian Gotthelf Anton, der seinen Sohn Eduard und seinen Handlungsgehilfen Zobel bei den freiwilligen Jägern hatte eintreten lassen: "Solche Gerüchte sind wohl mehr ein Werk der Phantasie furchtsamer Gemüter oder solcher Menschen, die ihr deutsches Vaterland so sehr vergessen, daß sie wünschen, die Russen und Preußen möchten alle zusammen nur einen Hals haben, damit ihn Napoleon mit einem Hiebe abhauen möchte, welche weinen, wenn französische Gefangene eingebracht werden, und die in ihrem Herzen frohlocken würden, wenn die Russen und Preußen dieses Schicksal träfe. Solche Leute können diejenigen mutlos machen und zur Verzweiflung bringen, die noch immer einen Funken von deutschem Mute sich zu erhalten suchen. An das Vertrauen an eine ewige Vorsehung ist bei diesen Menschen vollends gar nicht zu denken, denn sie vertrauen am Ende doch nur auf die Allmacht Napoleons und fürchten für ihr eigenes Fell; denn wahrer Patriotismus und Menschenliebe beseelt sie nicht im mindesten." Am 3. Mai wurde ein russisches Lazarett für 2000 Mann hier angelegt, wozu die Bürger Bettstellen, Strohsäcke, Hemden, Decken, Mützen usw. zu liefern hatten, am 8. Mai traf Befehl ein, noch ein Lazarett einzurichten, und am Abend desselben Tages kamen hier eine ungeheure Menge Wagen mit Verwundeten an, und da das Lazarett noch nicht fertig war, richtete man die Ober- und Nikolaikirche, wobei alle Bänke abgebrochen werden mußten, und das Kloster, das aufs schleunigste von den Gymnasiallehrern geräumt werden mußte, die Ratsscheunen auf der Viehweide und mehrere Schenkstuben der Brauhöfe ein. Die leicht Verwundeten wurden weiter transportiert. "Ich ging heute früh, den 9. Mai", schreibt ein Zeitgenosse, "ins Kloster, half dem Conrektor Gröbel (wirkte seit 1811 hier, sodann seit 1814 als Rektor der Kreuzschule in Dresden über 30 Jahre) ausräumen, wobei ich das größte Elend der Verwundeten sah. Es war schauderhaft anzusehen, wie die schönen langen Leute, meist Preußen, zugerichtet waren, wie sie auf allen Vieren im Klosterhofe herumkrochen, um nur endlich in eine Stube zu kommen, wie sie wimmerten, wenn sie sich an ihre Wunden stießen und wenn ihnen die Kugeln aus den Beinen und Armen geschnitten wurden. Die Tränen sind mir bei dem Anblick aus den Augen gestürzt; ich konnte es nicht lange ansehen, die meisten Verwundeten waren in die Füße und Beine geschossen. Über 5000 Blessierte lagen in der Stadt und mußten verpflegt werden. Die Bäcker mußten fortwährend backen, dazu wurden auch neue Backöfen erbaut. Vom 9. bis 12. Mai glich die Stadt einem Pferdestalle. Der Raum unter den Lauben war förmlich dazu eingerichtet, indem dort Stroh gestreut und die Pferde in 2 Reihen aufgestellt waren. Vom Reichenbacher Tore bis in die Neißgasse standen Hunderte von Wagen mit Verwundeten und Bagage. Überall war ein fürchterliches Geschrei und Gedränge, nur mit Gefahr konnte man passieren. Viele Vermögende flohen in das benachbarte Böhmen, besonders war das Bad Liebwerda von Flüchtlingen voll, die freilich durch stete Angst und tausend falsche Nachrichten aus ihrer Heimat ein noch viel herberes Los als die Zurückgebliebenen hatten. Am 13. Mai wurde die Oberlausitz für eine eroberte kaiserlich-russische und königlich-preußische Provinz erklärt, der Bürgergarde der Säbel abgenommen, und unter dem Vorsitz des Grafen von Reisach-Steinberg eine Verwaltungsbehörde mit Beamten, wozu Landesältester von Gersdorff Budissinschen, Landesältester von Kiesenwetter Görlitzischen Kreises, Syndikus Roux von Bautzen, Bürgermeister Neumann von Görlitz, Bürgermeister Haupt von Zittau gehörten, eingerichtet. Vom 12. bis 21. Mai zog das russische und preußische Ministerium mit allen Gesandtschaften nach Görlitz. Beim Bürgermeister Sohr Brüderstraße 4 logierte neben den geheimen Staatsräten von Beguelin, Jordan und Hippel (dem berühmten Verfasser des Aufrufs an mein Volk) der Staatskanzler von Hardenberg, der sich übrigens oftmals nach Niedermoys zu Linke begab. Der Minister Stein wohnte im Hause des Arztes Dr. Schmidt, der am 2. März 1813 als Opfer seines Berufes am Nervenfieber gestorben war und seine Wohnung Steinstraße 12 hatte. Der russische Minister Fürst Alopeus hatte seine Behausung bei der Frau Scabinus Petri (Kränzelstraße 30), der österreichische Gesandte Stadion beim Kaufmann Oettel (Untermarkt 2), der englische Gesandte Stuart beim Senator Häunke (Weberstraße 9). Am 13. Mai schlug man mehrere Brücken über die Neiße, und alle Magazine mußten geräumt und das Mehl usw. fortgeschafft werden, wozu jedes Haus einen Mann stellen und 4 Säcke mitschicken mußte. Überall streiften russische Reiter umher und nahmen Wagen und Pferde, wo sie sich sehen ließen, weg, wobei die Besitzer noch oftmals Prügel erhielten. So wurden am 1 7. Mai dem Dr. Karl Gottlob v. Anton auf einer Reise seine Schimmel vom Wagen genommen, und er mußte Ochsen dafür einspannen. Diese Maßregel mußte die fürchterlichsten Folgen auch für die Verpflegung der Armee haben, weshalb der Minister von Stein sich dagegen ins Mittel legte. Da die Bäcker bloß für die Truppen backen durften, hatten viele Bürgersleute am 16. Mai keinen Bissen Brot im Hause. Vom 17. bis 19. Mai hörte man täglich von Westen her Kanonendonner. Alles ging verwirrt durcheinander; bald kam Militär und Gepäck von Osten, bald von Westen. Eine große Anzahl russischer Müßiggänger trieb sich in der Art von Marodeurs in der Stadt herum und verzehrte alle Vorräte.

Am 20. Mai nahm der Rückzug über Görlitz seinen Anfang. Es mußte schnell auf der Viehweide noch eine Brücke - eine war schon früher erbaut - geschlagen werden. "Von der ungeheuren Menge Wagen und Equipagen, die den 21. nachts und 22. vormittags durchpassierten, wobei Kaiser, König, Großfürsten, hohe Generalität in aller Eile sich durchdrängten, ist keine Beschreibung zu machen. In drei Reihen nebeneinander zogen die Wagen die Brüdergasse herunter. Mittendrin bewegte sich Infanterie und Kavallerie. Fortwährend wurden noch Requisitionen gemacht. Alle Früchte, die erlangt werden konnten, wurden aufgepackt. Aller nur erdenklicher Vorspann wurde zur Transportierung der Kranken und Blessierten gebraucht. Kurz es war ein Wesen, ein stetem Drängen und Tosen, was uns nie aus dem Sinn kommen wird."

Der Rückzug war durch die Schlacht bei Bautzen am 20. und 21. Mai bedingt. Hier siegte Napoleon abermals, aber er gewann keinen vollen vernichtenden Sieg, sondern die verbündeten Preußen und Russen gingen in ungebrochener Kraft zurück, sie waren nicht einmal erschüttert. Ihr Verlust blieb bei weitem hinter dem der französischen Armee zurück, kein fahrbares Geschütz, keine Fahne fiel den Gegnern in die Hände. Auch am 22. und 23. Mai, wo die Verbündeten vom Löbauer Wasser her sich langsam nach Osten zogen, gelang es Napoleon, der selbst die Führung übernommen hatte, nicht, seinen Gegnern, die Gewehr bei Fuß in vollster Ordnung abmarschierten, einen nennenswerten Schaden zuzufügen. Durch Zerstörung aller Brücken und durch geschickte Verwendung ihrer starken Kavallerie und durch ihre Arrieregarden hielten die Verbündeten das Vorgehen der Franzosen derart auf, daß diese am 22. Mai nur 23 Kilometer (bis Markersdorf) vorwärts kamen, ohne daß es ihnen dabei geglückt wäre, Gefangene zu machen oder auch nur eine Trophäe zu erbeuten. Die Hauptmasse der Zurückgehenden war für sie unerreichbar und blieb in fließendem Marsche. Bei Reichenbach verwandte der Korse zum ersten Male in diesem Feldzug seine Kavallerie in Masse, aber zu seinem Schaden. Die Kavallerie der Verbündeten zeigte sich weit überlegen, und der treffliche russische General Eugen von Württemberg benutzte die beherrschende Höhe des Töpferberges so gut, daß er die Franzosen lange aufhielt und ihnen beträchtlichen Schaden zufügte. Bei seinem weiteren langsamen Zurückgehen fand er halbwegs zwischen Reichenbach und Markersdorf an einem Walde bei der "Kanone" eine weitere günstige Stellung und machte hier aufs neue Front. Es kam zu einer lebhaften Kanonade mit dem verfolgenden Feinde, wobei die Kugeln dicht neben Napoleon einschlugen. Hier soll er ausgerufen haben: Ces gens là ne me laisseront pas meme un clou! (Diese Leute lassen mir nicht einmal einen Nagel! – d.Red.) Sobald Eugen von Württemberg merkte, daß seine Flügel umfaßt wurden, ging er, nachdem er wiederum fast eine Stunde lang standgehalten hatte, bis Markersdorf-Holtendorf zurück, um hier das gleiche Spiel zu erneuern. Markersdorf besetzte er mit 2 Jägerregimentern, eine Brigade stellte er dahinter als Reserve auf. Bei dem Kampfe, den er mit den gegnerischen Truppen bestand, behauptete er bis in die Nacht den östlichen Teil von Markersdorf, wo an diesem Tage und der folgenden Nacht 4 Häuser in Flammen aufgingen. Am Abend dieses verhängnisvollen 22. Mai hatte nun der General Nikitin weiter rückwärts auf dem Hoterberge bei Holtendorf eine schwere Batterie aufgestellt, und als nun die Franzosen in Markersdorf einrückten, gab dieser ein paar Schüsse ab. Napoleon war eben ins Dorf hineingeritten, vom Pferde gestiegen, das er bei der Kirchmühle getränkt hatte, und nun mit seinem Gefolge auf der Straße vorgegangen, um einen Kampf zu beobachten, der sich unweit des Gasthofes in Nieder-Markersdorf mit der Nachhut der Verbündeten erhoben hatte. Die dritte und letzte Kugel aus der Batterie schlug etwa 50 Meter hinter dem Kaiser ein, prallte an einem Baume ab und traf zunächst den Ingenieur-General Kirchener, dann den Großmarschall Duroc, Herzog von Friaul. Duroc befand sich, als er getroffen wurde, zu Fuß neben Mortier und Taulaincourt und hatte eben zu letzterem gesagt: ,,Mon ami, observez-vous I´empereur? Il vient d`avoir, des victoires après des revers – Ce serait le cas de profiter de la lecon du malheur, mais vous le voyez, il n`est pas changé, i lest insatiable des combats. La fin de tout ceci ne serait etre heureuse." (Mein Freund , hast du den Kaiser gesehen? Nach jedem Sieg kommt ein Rückschlag. Dies würde gelten, um von der Stunde des Unglücks zu profitieren, aber Sie sehen , es hat sich nichts geändert, ich bin es satt, mit Ballast zu kämpfen. Am Ende ist alles gut.) Kirchener starb bald darauf auf demselben Flecke und wurde hinter der Gartenmauer des Tempelschen Bauerngutes, an der Stelle, wo jetzt eine Fichte steht, begraben. Duroc, dem das rechte Bein dicht am Unterleibe zerschmettert war, endete erst nach 14 Stunden qualvollsten Leidens in der Gesindestube des Hanspachschen jetzt Tempelschen Bauerngutes. Napoleon war über Durocs Verwundung tief ergriffen, daß er bald darauf - die Sonne ging eben unter - die Einstellung der Verfolgung befahl. Nach Anordnung der nötigen Vorsichtsmaßregeln besuchte er seinen todwunden Freund, der als Großmarschall des Palastes zu den höchsten Würdenträgern des Kaiserreiches gehörte und seit 1796 sich in Napoleons nächster Umgebung befand. Es gibt eine etwas sentimental gefärbte und vielleicht nicht ganz glaubwürdige Schilderung des französischen Moniteurs über den letzten Besuch Napoleons bei Duroc. Danach fand ihn der Kaiser bei völligem Bewußtsein, die größte Kaltblütigkeit zeigend. Der Ärmste drückte die Hand seines Herrn und führte sie an seine Lippen. "Mein ganzes Leben", sagte er zu ihm, "war Ihrem Dienste geweiht, und ich verliere es nur deshalb ungern, weil es für Sie noch hätte nützlich sein können." - "Duroc", sagte der Kaiser, "es gibt ein anderes Leben. Dahin gehen Sie, mich zu erwarten, da werden wir uns dereinst wieder finden." - "Ja Sire, in 30 Jahren wird dies geschehen, wenn Sie über Ihre Feinde gesiegt und alle Hoffnungen unseres Vaterlandes verwirklicht haben. Ich habe als rechtschaffener Mann gelebt; ich mache mir keinen Vorwurf. Ich hinterlasse eine Tochter; Ew. Majestät wird ihr Vater sein." Der Kaiser, mit der Rechten den Marschall haltend und auf die Linke sein Haupt gestützt, beobachtete eine Viertelstunde das tiefste Stillschweigen. Der Großmarschall brach es am ersten. "Ach, Sire, begeben Sie sich weg! Dies Schauspiel verursacht Ihnen Schmerz." Der Kaiser, auf den Herzog von Dalmatien (Soult) und den Großstallmeister gestützt, verließ den Herzog von Friaul, ohne etwas sagen zu können, als die Worte: "Leben Sie denn wohl, mein Freund!" Se. Majestät begab sich in das Zelt (das auf dem Felde des Dominickschen Kretschams direkt gegenüber der Kirche und Pfarre aufgeschlagen war) und ließ die ganze Nacht niemand vor. - Duroc starb am folgenden Morgen des 23. Mai früh 10 Uhr, ohne daß ihn Napoleon wieder gesehen hatte. Seine Leiche wurde nach Görlitz Brüderstraße 3 (nach anderen Nachrichten in den Kleinertschen Garten) gebracht, dort am 24. Mai einbalsamiert und sofort nach Paris geschafft. Zwei Gardekompanien gaben das Geleit; sie kamen auf ihrem Wege zwischen Görlitz und Reichenbach bei Nieder-Markersdorf am 24. Mai gerade zurecht, um einer Abteilung Kosaken, die sich hinter und zwischen den französischen Truppen beutemachend herumtrieb und die 2 Kanonen bereits fortgeführt hatte, entgegenzutreten. Als am 18. August Napoleon wieder durch Markersdorf kam, befahl er auf den Abend den Pfarrer von Markersdorf Hermann, den Ortsrichter Schäfer und die Bauersfrau Hanspach - Hanspach selbst lag am Nervenfieber darnieder - in sein Quartier nach Görlitz. Er war bei der Audienz abends um 10 Uhr sehr freundlich und gab für den Bauer Hanspach eine Anweisung auf 4000 und für ein Denkmal Durocs eine über 1000 Taler. Statt dieser 1000 Taler zahlte aber der betrügerische Zahlmeister Peyrusse in dem Hause Brüderstraße 11 den Abgeordneten nur 750 Taler aus. Das Denkmal wurde bei einem Steinmetzen in Mariental bestellt, kam aber wegen der Zeitverhältnisse nicht zustande. Die auf 500 Taler verminderte Summe wurde schließlich der schrecklich ausgeplünderten Kirchgemeinde Markersdorf ausgezahlt und ,,so hat jedes Individuum an Bauern, Gärtnern, Häuslern in Markersdorf, Holtendorf und Pfaffendorf einen, wenn auch geringen Teil erhalten". Der Stein, der jetzt an der Stelle, wo Duroc fiel - es ist ein mächtiger Granitwürfel, auf den 4 Stufen führen - steht, ist um 1830 von fünf Privatpersonen, die die Chaussee von Görlitz nach der sächsischen Grenze als Unternehmer bauten, errichtet worden. Der Sohn Kircheners besuchte 1833 das Grab seines Vaters in Markersdorf, das übrigens nach einem glaubwürdigen Berichte während des Waffenstillstandes von einem französischen Offizier, wahrscheinlich um ein Andenken zu entnehmen, geöffnet wurde. Die Stelle auf dem Hoterberge, von der aus der verhängnisvolle Schuß fiel und die sich etwas ostwärts von den 11 dort stehenden Linden befindet, ist nicht weniger als 2,7 Kilometer von dem Treffpunkte entfernt; der Herzog Eugen von Württemberg spricht deshalb auch nur von "Probierschüssen", die man abgegeben habe.

Am Abend des 22. Mai waren die Stellungen der gegnerischen Truppen vor Görlitz folgende: Ober-Markersdorf, wo Napoleon mit der Garde und die Generäle Ney, Reynier und Marmont mit einer ungeheuren Anzahl Truppen lagen, Gersdorf, Friedersdorf, Königshain (hier befand sich Lauriston), Girbigsdorf, Ebersbach hatten die Franzosen inne, dagegen war Nieder-Markersdorf (zum Teil), Holtendorf, Schlauroth (dessen Besitzerin am 12. Juni 1813 ihren damaligen Schaden auf 10000 Taler angibt), Biesnitz und Pfaffendorf von den Verbündeten besetzt; am weitesten nach Osten waren die Franzosen mit 2 Bataillonen bis Kleinneundorf vorgedrungen. In Ludwigsdorf stand ein Detachement Kavallerie der Verbündeten. Die Hauptmasse der Preußen und Russen war schon auf der Altstadtbrücke und anderen geschlagenen Pontonbrücken über die Neiße gegangen; in Hennersdorf quartierte sich Blücher beim Bauer Popig (an der Niedermühle), Wittgenstein und Barlay de Tolly, York beim Kirchbauer Kießling, Prinz Wilhelm auf dem Schlößchen ein, in dem abseits gelegenen Bernstadt lagen Russen unter St. Priest. - Die Nacht vom 22. bis 23. Mai war in unserer Gegend schaurig. "Ich ging mit meiner Schwester auf den Ratsturm und hatte hier einen imposanten Anblick. Der ganze Horizont gegen Westen ringsherum war von Wachtfeuern erleuchtet, und in der Ferne glühte eine mächtige Feuersäule gleich einem Vulkan gen Himmel. Diese setzte sich endlich, aber es entstand ein neues großes Feuer, das wiederum den ganzen Himmel erleuchtete und die andern kleinen Brände und Feuer verdunkelte, in der Ferne blitzte es - und es war furchtbar schön. Die Russen illuminierten schrecklich! Sie lagerten überall in den Gärten und auf den Feldern, wie die Flammen bewiesen."

Die preußischen und russischen Monarchen hatten sich am 22. Mai nach Lauban begeben. Der weitere Rückzug der Verbündeten geschah von 22 Uhr an in der Nacht des 23. Mai. Da die Franzosen zunächst stehen blieben, konnte das Gros der Russen und Preußen unbehelligt abmarschieren und die Arrieregarden sich in Muße hinter der Neiße aufstellen, um den Franzosen den Übergang zu erschweren. Am Vormittag des 23. Mai standen bei Hennersdorf die Arrieregarden unter Tschaplitz, Kleist und Werder, etwa 7600 Mann mit 26 Geschützen, den rechten Talrand der Neiße bei Görlitz hielten St. Priest und Melissimo mit 11800 Mann und 63 Geschützen besetzt, bei Moys stand Emanuel mit 1000 Mann und 6 Geschützen, zwischen Leopoldshain und Görlitz Eugen von Württemberg mit 4900 Mann und 20 Geschützen, weiter oberhalb Kaissarow und Orlow. Nach Überschreitung des Flusses wurden ebenso wie in Deschka und Nieder-Bielau die Brücken aufgehoben und die feste Neißebrücke früh um 9 Uhr angezündet, indem 400 mit Pech begossene Schütten Stroh in die Pfeiler unter der Brücke gesteckt wurden. Schlimme Stunden erlebte der Görlitzer Bürgermeister Sohr. Unter heftigem Drohen war befohlen worden, Stroh, Pech und Bretter auf die Brücke bringen zu lassen, weil sie niedergebrannt werden müsse. Zweimal wurde Sohr arretiert, weil angeblich nicht schnell genug die Vorbereitungen zur Verbrennung geschahen. Da lief nun der alte Mann des Morgens auf der Straße umher, rief und bat die Bürger, mit dazu behilflich zu sein. "Ich ging um 9 Uhr zur Brücke, und sie brannte schon. Ein Kosak hatte den mittleren Pfeiler mit einer Fackel angezündet, und Pechkränze waren nachher auf sie geworfen worden. Es sah schrecklich schön aus, wie das Feuer immer weiter um sich griff, in der Mitte hoch über der Brücke zusammenschlug und zu beiden Seiten unter den Bogen hinleckte. Auf einmal rief man: Es kommen Sachsen! und im Augenblick kam auch schon ein sächsischer Dragoner durch das Ochsentor hereingesprengt, den Säbel im Munde, die Pistole in der Hand. Dieser nahm gleich 2 russische Offiziere, die sich verspätet hatten, und noch ein paar andere Russen, die dem Feuer zusahen, gefangen, indem er seine Pistole gegen sie hielt. Um 10 Uhr waren schon die Sachsen in größeren Massen da und zogen unter Hörnerschall und Trommelschlag zum Reichenbacher Tore ein. Es waren ein paar Kompanien leichte Infanterie und ein Bataillon Garde zu Fuß. Sie wurden froh vom Volke begrüßt und mit Butterbrot und Schnaps bewirtet." Die angekommenen Truppen rückten an die Neiße und schossen von da an allen Ecken über den Fluß, von dessen jenseitigem Ufer auch mit Kanonen wieder geschossen wurde. Ein versuchtes Durchreiten des Flusses mißlang zunächst. In ungeheuren Massen drangen nun Franzosen in die Stadt, und bald gelang es ihnen, auf den wiederhergestellten Schiffsbrücken, die bei der Eile nicht vollständig demoliert werden konnten, beim Schießhause das andere Ufer zu gewinnen und die nächste Umgebung von Feinden zu säubern. Zwischen 11 und 12 Uhr zog nun auch der gewaltige Korse in die Stadt ein. Auf der Brüderstraße begegnete ihm die junge Frau des Tuchmachers Rehfeld. Er fragte sie: "Wo Baumeister?“ Sie führt ihn zu dessen Hause in der Rosengasse Nr. 4. Dort stieg er ab und besuchte den bei Reichenbach am 22. Mai schwer verwundeten Reitergeneral la Brière (Der Besuch wird – wohl wahrscheinlicher – von einer anderen Quelle auf den 25. Mai verlegt, eine dritte Quelle erzählt von einem zweimaligen Besuche.), dem beide Beine abgeschossen waren und der nach qualvollen Leiden bald starb und am 6. Juni unter großem Gepränge beerdigt wurde. Von der Rosenstraße ritt der Kaiser ganz allein voran, hinter ihm das glänzende Gefolge der Marschälle durch die Peter- und Neißstraße. Er war mit einem grauen Oberrock bekleidet, trug einen ganz kleinen dreieckigen Hut und saß auf einem Schimmel. Am Neißtore haltend, sah er durch sein kleines Fernrohr nach dem jenseitigen Ufer, von wo die Russen herüberschossen. Dann ritt er langsam durch die Kahle und den Schrickelschen Garten und ließ sich am Schießhause von dem ortskundigen Dragoner Flemming die Furt zeigen. Die Kugeln, die ihn umschwirrten, schien er nicht zu achten. Sodann wandte er sich wieder in die Stadt und stieg um 12 Uhr Obermarkt 29 ab. Bald eilte er wieder in die Gegend von Leopoldshain. Nach seiner Rückkehr empfing er die Landesdeputation, bestehend aus dem Landesältesten von Kiesenwetter (auf Gruna) und dem Stiftsverweser von Fehrentheil und Gruppenberg (auf Bellmannsdorf), sowie den Rat der Stadt, nämlich die beiden Bürgermeister Sohr und Neumann, Dr. Straphinus, Modrach, Götzloff (die übrigen Ratsmitglieder - Stölzer, Buchwald, Lessing, Hermann - bis auf 2 waren nach Böhmen geflüchtet), und unterhielt sich durch den deutsch sprechenden Marschall Soult etwa 20 Minuten mit ihnen.

Der Truppen, die durch die Tore hereinkamen, wurden immer mehr; es sollen in der Stadt und in den Vorstädten an diesem Tage 110 Generäle, 451 Stabsoffiziere, 802 Subalternoffiziere, 686 Sergeant-Majors, 11682 Korporale und Gemeine gelegen haben. Die Häuser waren natürlich mit Soldaten überfüllt. Beim Buchhändler Anton, der Büttnerstraße 10 wohnte, seinen Buchladen aber im Quartier Napoleons Obermarkt 29 hatte, wurde im Laden eine lange Tafel zu 20 Gedecken aufgeschlagen, an der abends 8 Uhr Generäle und Stabsoffiziere speisten. Jeder nahm als Sitzgelegenheit, was er fand, der eine ein Bücherbrett, der andere einen Stoß Papier. "Ich fuhr des Nachmittags mit zwei Freunden über die Neiße; wir gingen auf die Höhe vor dem Laubaner Tore, und auch hier sahen wir nichts als Himmel und Franzosen. Im Leopoldshainer Walde schoß man sich noch immer herum. Leopoldshain, Hennersdorf und mehrere Brücken brannten. Es war ein greulicher Anblick. Das ganze Korn war zertreten, alle Vorwerke und Häuser waren verlassen. Es kamen Leute, die Flinten, Säbel, Patronentaschen, Mützen usw. gefunden hatten und trugen. Als wir in die Stadt zurückkamen, hörten wir ein entsetzliches Lamentieren. Man wußte nicht, woher man Lebensmittel für die Einquartierten nehmen sollte, und die Franzosen waren halb verhungert." Abends war die Stadt auf Befehl des Rates illuminiert; die Sache fiel aber ziemlich kümmerlich aus. - Während es in der Stadt noch einigermaßen ordentlich herging, fanden in den Vorstädten und auf den Dörfern fürchterliche Zügellosigkeiten statt, vornehmlich wüteten hier die italienischen Truppen arg, die in einer Stärke von 25000 Mann über Gersdorf, Pfaffendorf, Leschwitz, Posottendorf, Moys, Hermsdorf, Leopoldshain, Troitschendorf, Gruna zogen. Sie plünderten alles aus, zerschlugen die Türen, Schränke, Kommoden und jedes kleine Behältnis in Stücken. In Hennersdorf gingen die Schule und Michels und Warnsts Häuser in Brand auf; ein Soldat zerschlug daselbst am 24. Mai die Türe an der Kirche, nahm das Geld ans dem Gotteskästchen, die Altarkerzen, 2 Alben und das Kirchensiegel. Ähnliches geschah in Langenau und Nieder-Bielau. Das Getreide wurde von den Böden genommen, ein großer Teil des Viehs geschlachtet oder weggeführt. Das Zugvieh an Pferden und Ochsen hatten die Russen schon mitgeschleppt. Fast überall wurde das grüne Korn von den Feldern wegfuragiert, die Hafersaat und Wiesen abgehütet. Freilich gingen infolge des Fütterns mit grünem Roggen viele Pferde zugrunde, so sollen zwischen Görlitz und Bunzlau 5000 französische Pferde gefallen sein. Viele Tausende verloren an diesen schrecklichen Tagen all ihr Hab und Vermögen.

Der Görlitzer Rat hatte sich, da seine baren Mittel ausgingen, genötigt gesehen, eine Zwangsanleihe bei den reicheren Bürgern nach bestimmten Grundsätzen anzubefehlen. Hiergegen kamen nun Einwendungen auf Einwendungen, die aber alle abgeschlagen werden mußten. Am 18. Mai erfolgte ein Ratsbeschluß, daß die Beiträge binnen 6 Tagen unweigerlich geleistet werden mußten. Ärmere Bürger waren durch die ununterbrochenen Einquartierungen so erschöpft, daß ihnen von seiten des Rates wohl oder übel Vorschüsse gegeben werden mußten.

Am 23. Mai entwickelten sich nun östlich von Görlitz Rückzugsgefechte. Der französische General Bertrand ging bei Leschwitz, Reynier, Latour-Maubourg sowie Marmont bei Görlitz, Lauriston bei Sercha über die Neiße. Dieser hatte vorher die in Ludwigsdorf stehenden feindlichen Truppen durch eine Kanonade von dem Berge bei Klingewalde verscheucht. Auf dem rechten Neißeufer bei Görlitz nisteten sich zunächst zwei Kompanien vom leichten Bataillon Lecog ein, und unter ihrem Schutze wurden die Laufbrücken beim Schießhause hergestellt; und da nun mehrere Truppen folgten, entwickelte sich auf der ganzen Linie ein Feuergefecht. Endlich gab der russische General Pahlen, der für den erkrankten Miloradowitsch eingetreten war, die Stellung bei der Stadt auf, ließ durch Eugen von Württemberg Leopoldshain besetzen und nahm selbst hinter Troitschendorf bis nach Lichtenberg eine gestaffelte Stellung ein. Nun ging Reynier gegen Leopoldshain und Latour-Maubourg rechts von ihm vor. Doch kamen sie nicht recht vorwärts. Um 2 Uhr erschien Napoleon selbst mit der jungen Garde in der dortigen Gegend und gab, da das Gefecht nicht vorwärts rückte, Ney den mündlichen Befehl, sich zu Lauriston zu begeben, dessen Vorgehen zu beschleunigen und ihn gegen den Rücken des Feindes "anzusetzen". Lauriston war eben, als Ney bei ihm eintraf (nachmittags 4 Uhr) damit fertig, sein Korps bei Sercha über die Neiße zu setzen, und sein linker Flügel war gegen Sohra und Sohrneundorf, sein rechter etwas weiter südlich auf das Plateau zwischen Hennersdorf und Sohra vorgedrungen; die Blüchersche Arrieregarde unter Oberst von Werder ging vor ihm nach einigen Kanonenschüssen über Hohkirch auf Güntersdorf zurück. Da inzwischen Reynier östlich von Leopoldshain weiter vorkam, so wandte sich Lauriston nicht nach Süden, sondern nach Osten auf Hohkirch. Hier entwickelte sich ein Kavalleriegefecht, indem ein preußisches leichtes Kavallerieregiment, das einen Angriff auf eine Infanteriekolonne gemacht hatte, von der rechtzeitig herbeieilenden französischen Kavallerie über Schützenhain zurückgeworfen wurde. Am Abend war Sohrneundorf und Florsdorf von französischer Kavallerie, Hermsdorf von dem General Marmont, der hinter Reynier Görlitz passiert hatte, besetzt. Von Leopoldshain, wo die Franzosen zunächst Schwierigkeiten fanden, schickte Reynier, nachdem er die russische Artillerie zum Abfahren gezwungen und die russischen Jäger aus dem Orte vertrieben hatte, seine Avantgarde gegen 4 Uhr nachmittags gegen den östlich vom Dorfe gelegenen Wald vor. Das dortige Gelände, das vielfach auch heute noch von sumpfigen Wiesengründen durchzogen wird, wurde von Eugen von Württemberg, der durch einige Bataillone von St. Priest verstärkt war, in geschickter Weise benutzt, und es gelang ihm mit seinen in Staffeln aufgestellten Truppen die Gegner über eine Stunde aufzuhalten. Schließlich mußte er jedoch, da Repniers Korps durch eine andere französische Brigade Hilfe fand, bis über Troitschendorf zurück. Aber zwischen hier und Lichtenberg nahm ihn der oberkommandierende General von Pahlen auf, der bis zum Abend den heftig nachdrängenden Sachsen Widerstand leistete. Der Rückzug ging bis ostwärts Lichtenberg, wobei eine Attacke der Kosaken Löwensterns 2 Regimenter Jäger davor bewahrte, abgeschnitten zu werden. - Der rechte Flügel der Franzosen unter Macdonald war über Deutsch-Ossig, Radmeritz und Ostritz vorgegangen, und seine Avantgarde erreichte, von allen Seiten von leichten feindlichen Truppen umschwärmt, am Abend Schönberg.

Hier möge die Erzählung des sächsischen Dragoners Elias Eichler, dessen Vater Gottfried Eichler das Bauerngut Nr. 79 in Ebersbach in der Lehmgasse besaß, eingeschaltet werden: "Als wir (am Morgen des 23. Mai) in Görlitz einrückten, machten wir an der Neiße auf der Viehweide Halt und fütterten die Pferde ab, während eine Schiffsbrücke über den Fluß geschlagen wurde. In wenigen Stunden war sie fertig. Wir saßen auf, passierten die Neiße und stellten uns auf den Höhen jenseits der Stadt auf. Unter den Plänklern, die in die Gegend nach Leopoldshain vorgeschickt wurden, befand auch ich mich. Ohne einen Feind vor uns zu haben, ritten wir langsam vorwärts. Plötzlich erhob sich um die Kirche eine ungeheure Rauchwolke, aus der nur die Kirche noch teilweise herausragte. Als wir auf Schußweite uns der Kirche genähert hatten, jagte plötzlich in gestrecktem Galopp eine ganze Schar Kosaken mit einem fürchterlichen Hurra aus ihrem Versteck hinter der Kirche hervor. Den Karabiner abdrücken, das Pferd wenden, ihm die Sporen tief in die Seiten bohren und in schnellstem Galopp zurückjagen, das war Sache eines Augenblicks. Doch mein nächster Kamerad, mein bester Freund und steter Zeitgenosse, ward von den nachsetzenden Feinden erreicht und dicht hinter mir von ihren Piken durchbohrt. Ewig wird mir sein letzter Angstschrei in der Seele widerhallen! Da ich ein leichtfüßiges Tier hatte und die Angst mir Flügel gab, gelang es mir, meinen Verfolgern, die dicht hinter mir waren, bis an den Stadtgraben zu entkommen, und schon hoffte ich, mein Regiment, das nicht mehr weit war, glücklich zu erreichen, als ich plötzlich von meinem treuen Tiere herabgerissen wurde. Die Kosaken, die mich verfolgten, hatten mir eine Furagierleine geschickt über den Kopf geworfen und mich in einer Schlinge gefangen. Kaum war ich vom Boden aufgestanden, kaum hatte ich bemerkt, daß ich mich zwischen zwei Kosakenpferden befand, so wurde ich jäh mit fortgerissen und mußte mit den Pferden galoppieren. Denn die Kosaken waren heftig von den Unsrigen angegriffen und geworfen worden. Nicht lange vermochte ich freilich im Laufe auszuharren, ich stürzte atemlos nieder. Doch von den Piken der Kosaken mehrfach gestochen, raffte ich mich in höchster Seelenangst auf und begann wieder den schrecklichen Lauf. Wenige Schritte mochte ich gemacht haben, da wankten meine Knie unter mir, Todesschweiß brach aus allen Poren meiner Haut, und ich stürzte wiederum fast leblos unter die Hufe der Kosakenpferde. Noch einmal riß ich mich auf, da ich mehrere Stiche schmerzlich empfand. Noch sah ich einen meiner grausamen Feinde die Pike zum Todesstoße in meine Brust erheben - ich tat einen Schrei und suchte mit der rechten Hand den Stoß abzuwehren und besinnungslos sank ich zu Boden. Als ich erwachte, war es Abend, und ich lag in einem Bette. Ich fühlte brennenden Schmerz am ganzen Leibe. Ich hatte 17 Stiche erhalten, von denen aber nur einer, der in den Unterleib gedrungen war, gefährlich schien. Die Kosaken, die immer heftiger bedrängt worden waren, hatten mich für tot liegen lassen gerade an der Stelle, wo kurz vorher mein treuer Kamerad von ihnen erstochen war. Mitleidige Hände hatten mich, da ich noch Leben zeigte, in ein verlassenes nahes Haus getragen, in ein Bett gelegt und verbunden. Nach zwei Tagen, als ich durch die liebreiche Pflege wieder einigermaßen zu Kräften gekommen war, fand ich Gelegenheit, meinen guten Vater in Ebersbach von meiner traurigen Lage zu benachrichtigen. Er kam sofort, reichte mir etliche Erquickungen und legte mich behutsam auf einen Karren, den er mitgebracht hatte. Jede Berührung und Erschütterung verursachte mir noch heftigen Schmerz, und die Fahrt von Leopoldshain bis nach Ebersbach, die nicht weniger als fünf Stunden dauerte, war mir eine rechte Qual. Endlich aber lag ich in den Armen meiner lieben Mutter und fand Ruhe und Erquickung unter dem heimatlichen Dache, bald auch volle Genesung."

Die Stellung und die Stärke der Verbündeten war am Abend des 23. Mai folgende: 43300 Mann mit 230 Geschützen lagerten unter Barclay de Tolly bei Waldau, 41 650 Mann mit 390 Geschützen unter Wittgenstein bei Lauban mit der Nachhut bei Lichtenberg; das Hauptquartier der Monarchen war Löwenberg; im Norden dieser Truppen streiften unabhängig von diesen Truppen 2800 Mann mit 6 Geschützen, im Süden 1800 Mann. Die ganze Armee betrug noch an 90000 Mann mit 630 Geschützen. Das französische Heer stand mit seinen Spitzen bei Schützenhain, Lichtenberg und Schönberg und zählte etwa 104000 Mann mit 404 Geschützen, wobei die weiter zurückstehenden Truppen bei Weißenberg und Krobnitz in der Stärke von etwa 40000 Mann mit 111 Geschützen nicht eingerechnet sind. Das Ergebnis der Verfolgung am 23. Mai war ebenso wie tags zuvor gering. "Sie war mit geringerer Energie und schwächeren Kräften als am 22. Mai geführt, und die Verbündeten hatten es auch verstanden, die Franzosen durch ihre Arrieregarden und die Zerstörung der Übergänge geraume Zeit an der Neiße aufzuhalten. So hatten die Hauptkräfte der Verbündeten wieder ungestört im Marsch bleiben können. Aber auch ihre Arrieregarden hatten ihre Aufgaben ohne irgendwelche Gefährdung lösen können, da die Franzosen auch heute keinen Versuch gemacht hatten, sie zu überflügeln, sondern ihnen einfach nachgezogen waren und nicht vermocht hatten, sie festzuhalten."

Schlimm war es, daß mit dem Abzuge des preußischen und russischen Hauptheeres unsere Gegend keineswegs vor Streifzügen der Kosaken sicher war. Bei Rothenburg standen bis zum 24. Mai noch über 600 dieser unglaublich schnellen und kecken Reiter; von dort vertrieb sie der französische General Sebastiani und warf sie bis auf Diemsdorf nördlich von Kohlfurt zurück, zugleich rückte der Marschall Viktor bis Nieder-Bielau. Eine Abteilung Kosaken überrumpelte am 23. Mai bei Herrnhut einen französischen Zug und nahm ihm einige Kanonen und etliche kaiserliche Bagagewagen ab; am folgenden Tage streifte eine Abteilung bei Markersdorf (gest. S. 30); auch am 26., 28., 29. Mai zeigten sich solche Reiter in der Umgebung, so in Zodel, Nieder-Neundorf, Mückenhain, ja in der Vorstadt bei Görlitz. Am 28. Mai nahmen sie bei Lauban den Franzosen 5000 Brote weg. Am 4. Juni erscholl in Görlitz der Ruf: Die Kosaken kommen, sie seien in Waldau, ja schon in Hennersdorf. Es ward Generalmarsch geschlagen, die Kanonen auf die neue Schanze, die man vor dem Laubaner Tore aufgeführt hatte, gebracht, alle Tore bis auf die Pforte gesperrt. Aber es war nur blinder Lärm. Die Kosaken waren allerdings an diesem Tage in Sohrneundorf und zwei Tage später in Königshain in einer Stärke von 500 Mann, wo sie eine Kontribution forderten und mit Anzünden drohten; auch hoben sie bei Holtendorf 2 Kuriere mit Begleitmannschaft auf.

Unmittelbar nach dem Abzuge der Verbündeten tritt in Görlitz Mangel an Lebensmitteln ein. Da war kein Bissen Brot, keine Butter, kein Fleisch, kein Branntwein zu haben. Die Russen hatten die Magazine ausgeleert, ganze Herden Vieh, Mehl, Gemüse, Korn, Hafer, Salz, Heu, Stroh mitgenommen; was übrig blieb, verbrauchten die Franzosen. Das Schlachten, Kochen, Backen hatte kein Ende. Bei 50 Taler Strafe sollte niemanden außer den Soldaten etwas an Lebensmitteln verabreicht werden, und bei allen Fleischern und Bäckern standen deshalb Schildwachen. Die Stadt sah sich daher genötigt, an der böhmischen Grenze Lebensmittel einzukaufen, um den Mangel in etwas zu steuern. Der Bürgerschaft wurden diese erkauften Vorräte zu angemessenen Preisen zur Verfügung gestellt.

Dem französischen Hauptheere folgten fortwährend noch Truppen über die Neiße. Man hatte nach und nach 5 Brücken über den Fluß geschlagen, 3 oberhalb des Schießhauses, 2 unten auf den Bleichen. Die zerstörte Hauptbrücke sollte binnen 3 Tagen wiederhergestellt werden, aber, obwohl beim Bau von Stadt und Land 125 Leute zur Hilfe beigegeben werden mußten, war sie erst am 3. Juni wieder fahrbar; man hatte die Leitung des Baues dem Baudirektor Eschke aus Zittau übertragen.

Napoleon blieb den 23. und 24. Mai in Görlitz. Vor seinem Quartiere standen 4 Gardisten Schildwache, 2 zu Fuß, 2 zu Pferde. Er hatte die Garden in Görlitz bei sich zurückgehalten, von denen der ganze Obermarkt, wo sie unter freiem Himmel biwakierten, voll war. Am 25. mittags 12.30 Uhr ritt der Kaiser durch das Nikolaitor über die Schiffsbrücke bei den Bleichen zur Laubaner Straße. Hinter ihm zog seine Garde und eine Menge Regimenter, welche beim Reichenbacher Tore aus der Erde zu quellen schienen. Kaum hatten die Franzosen die Stadt verlassen, da rückten 9000 Mann rheinische Bundestruppen, Badener, Würzburger und Hessen-Darmstädter, in und um die Stadt. Der Prinz von Hessen-Darmstadt logierte Obermarkt 29. Napoleon hatte den Leuten in diesem Hause für ihren Schaden 200 Franks anweisen lassen, sie erhielten aber durch den betrügerischen Zahlmeister nur 100; der Buchhändler Anton, dessen Laden in diesem Gebäude war, bekam trotz seines vielen Verlustes gar nichts. "Ich ging nachmittags auf die Viehweide und auf einer der 3 Brücken nach Kummers- (jetzt Fetters-) Vorwerke und sah unterwegs den schrecklichsten Greuel. So lagen z.B. überall tote Pferde, die sich an dem grünen Korne zuschanden gefressen hatten, überall standen Strohhütten, worinnen Soldaten gelegen hatten, überall sah man Hörner, Klauen, Gedärme von geschlachtetem Vieh, Stroh, Heu, Mist durcheinander, Lappen Scherben, Knochen, halbverbranntes Reisig und Holz an den unzähligen Brandplätzen. Es sah ekelhaft aus. Alle Zäune waren niedergerissen." Noch übler war der Zustand auf dem Leontinenhofe (damals Reichsches Vorwerk genannt). Schon bei der Retirade der russischen und preußischen Armee büßte der Vorwerksbesitzer Traugott Reich 4 Pferde und einen mit Lebensmitteln beladenen Wagen ein. Weit größer aber war der Verlust, den er beim Vorrücken der Franzosen durch die Württembergische Kavallerie erlitt. Den 23. Mai abends lagerten sich 2 Württembergische Husarenregimenter bei dem Vorwerk. Der General und mehrere Offiziere blieben auf dem Hofe, welcher leer stand, indem sich der Besitzer mit seiner Familie in die Stadt geflüchtet hatte. Die Regimenter hatten sich in die schönsten Weizenfelder gelagert, nachdem sie vorher den größten Teil abgemäht und zu Futter verbraucht hatten. 60 Schock Stroh und 40 Schock Garben unausgedroschenes Getreide wurden ins Lager der französischen Infanterie bei der Weißen Mauer, einem Vorwerke an der Rauschwalder Straße, abgeholt, um im Biwak Hütten und Baracken davon zu bauen. Der ganze Holzvorrat, das Spalier an der Mauer und der Scheune, die Dielen aus der Gesindestube, die übrigen Wagen, Pflüge, Backtröge, alle Wirtschaftsgeräte, kurz, was nur von Holz anzutreffen war, wurde zerhackt und im Biwak verbrannt. 69 Schöpse spanischer Art wurden geschlachtet und der halbe Viehstamm, aus 15 Kühen und jungem Vieh bestehend, mitgenommen. Alles Getreide, Korn, Weizen, Gerste, Erbsen, ohngefähr 70 Scheffel, schleppten die Württemberger mit fort, auch wurde vieles Möblement, Wäsche und Kleidungsstücke geplündert, so daß der Verlust dieser einen Nacht des 23./24. Mai gegen 3000 Taler geschätzt wurde. Reich konnte das Vorwerk deshalb nicht halten und verkaufte es bald an den bekannten Rechtsgelehrten, Historiker und Germanisten Dr. Karl Gottlob von Anton.

Am 27. Mai ganz frühe zogen zwar diese Rheinbundtruppen ab, aber die Durchzüge hörten auch jetzt nicht auf. Es kam der Befehl, daß man 25000 Brote zur Armee zu schaffen habe. In der Stadt wurde eine Nationalgarde von 120 Mann zur Aufrechterhaltung der Ordnung aus der Bürgerschaft ausgehoben, freilich sahen die Leute wie Spießbürger aus, und wurden schließlich auch vom Kommandanten "verworfen". Allenthalben nämlich trieben Nachzügler und Marodeurs ihr trauriges Handwerk. So zog der Advokat Hortschansky am 3. Juni mit 20 bewaffneten Leuten nach Neuhammer ab, um 10 solcher Gesellen, die dort von den Bauern gefangen waren, abzuholen, unterwegs griff man noch 15 andere in den Dörfern Hennersdorf, Sercha und Sohra auf. Viel geschah übrigens solchen Halunken nicht; sie kamen einen Tag bei Wasser und Brot ins Gefängnis, und dann wurden sie wieder entlassen. Die Zügellosigkeit unter den Franzosen war überhaupt arg, und weil die Grenze Böhmens nicht fern war, desertierten ihrer viele dorthin.

Noch am 29. Mai lagen auf den Straßen und Wegen bei der Stadt soviel tote Pferde herum, daß der Rat den Besitzern bei einer Strafe von 5 Talern strengstens befahl, dieselben binnen 24 Stunden einzugraben, wobei für jeden Kadaver 12 Groschen bewilligt wurden.

Am 30. Mai erklärte sich der Bürgermeister Sohr wegen der auf ihn eindrängenden Geschäfte, die sich über seinem Haupte konzentrierten und die ihn schließlich um alle Fassung, Mut und Kräfte brachten, außerstande, die Direktorialgeschäfte weiter zu führen. Schon vom 18. Mai an zeigen die Ratsprotokolle und die Diaria consularia, welch letztere Sohr eigenhändig führte, große Lücken. Der Aermste war eben am Ende seiner Kräfte angelangt. Für ihn trat der Prokonsul Neumann ein.

Am 1. Juni stand der Obermarkt voll Wagen mit Verwundeten, die man von Haynau her nach der Stadt transportiert hatte. Dort hatte nämlich am 26. Mai Blücher hauptsächlich mit seiner Kavallerie den nachrückenden Franzosen beträchtliche Verluste beigebracht, bestehend in 18 Offizieren, 1345 Mannschaften und 5 Geschützen. An diesem Tage ging der Frevel der bei Görlitz lagernden Franzosen so weit, daß sie die Gräber auf dem Nikolaikirchhofe erbrachen, die Kreuze und Särge verbrannten, die Leichen herauswarfen, ihnen die Köpfe abschnitten und auf die Bajonette steckten; was die Toten an Schmuck trugen, wurde ihnen abgenommen. Solch widerliches Schauspiel wiederholte sich am 15. Juni, so daß eine Wache auf dem Kirchhofe aufgestellt werden mußte. Auch in der Nikolaikirche wurde solch Greuel getrieben.

Mittlerweile sah sich Napoleon trotz seinem Verrückens gezwungen, Waffenstillstandsverhandlungen einzugehen. Der innere Zustand seiner Truppen, die immer schwächer wurden und allmählich zur Zuchtlosigkeit und Auflösung sich neigten, die ununterbrochene Sorge um Flanken- und Rückendeckung, der entschlossene Ernst der Politik Österreichs, das sich den verbündeten Preußen und Russen anzuschließen drohte, bewog ihn am 4. Juni, den Waffenstillstand zu Pläswitz (nicht Poischwitz) abzuschließen, zunächst bis zum 5. Juli, dann bis zum 10. August. In Schlesien wurde eine neutrale Zone vereinbart, die von keiner Partei besetzt werden durfte. Auf beiden Seiten dieser Linie häuften sich natürlich große Truppenmassen. Die französischen Streitkräfte bezogen in Niederschlesien und der Lausitz Barackenlager, in denen fleißig die Ausbildung und die Festigung der Disziplin gefördert wurden.

Infolge des Stillstandes kehrte nun Napoleon nach Dresden zurück. Er verließ am 5. Juni Neumarkt, lag vom 7. bis 8. In Bunzlau und traf am 8. Juni, am dritten Pfingsttage, gegen 11 Uhr vormittags in einem Wagen, in dem noch Berthier saß, in Görlitz ein. Zu seinem Empfang wurden die Kanonen gelöst und mit allen Glocken geläutet. Das Neißtor war grün dekoriert und ein von Blumen gefertigtes N, von einem Lorbeerkranze umschlungen, dort angebracht. Am Balkon seines Absteigequartiers (wiederum Obermarkt 29) las man die Inschrift: Vivat, vivat! semper vivat Napoleon. (Leben, Leben. Napoleon soll ewig leben.) Als der Kaiser bei dem Hause, dessen Eingang mit Girlanden bedangen war, ankam, treuten eine Anzahl weißgekleideter Mädchen Blumen und überreichten ihm auf Seidendruck folgende Zeilen: Napoleonti Victori Pollenti Potenti Invicto S. Civitas Gorlicensis a.d. VIII Juni MDCCCXIII. 

Der Kaiser empfing alle, welche ihm die Aufwartung machten, sehr gnädig; dem Magistrate soll er seinen Dank für die Aufnahme gesagt und dabei sich geäußert haben, er wolle Europa einen dauerhaften Frieden verschaffen. Nach seinem Eintritt erschien er einen Augenblick auf dem Balkon mit dem Perspektiv in der Hand. Darauf arbeitete er mit seinen Vertrautesten und schlief dann von 9 Uhr abends bis früh 7 Uhr, also 10 Stunden, "ein fast unerhörter Fall, wie seine Dienerschaft versicherte". Abends war die Stadt erleuchtet, am besten sah der Obelisk mit dem N an der Oberkirche, das Salzhaus (auf dem Obermarkt), das Rathaus und die Börse (mitten auf dem Untermarkt) aus. Am 9. Juni früh gegen 11 Uhr ritt der Kaiser wieder fort. Der Magistrat und die Geistlichkeit hatten sich in seinem Quartier versammelt. Er bestieg in dem Hausflur an der Treppe seinen Schimmel, grüßte freundlich und entfernte sich schnell unter dem Geleite einer großen Menge seiner Generäle und seines Hofstaates. Vor der Tür stürzte der Marschall Berthier, wie es schien, sehr gefährlich, doch stieg er unversehrt wieder auf und sprengte rasch davon. Mit ihrem Kaiser ritt auch die Garde, die sich zur großen Last der Stadt einquartiert hatte, davon. Im ganzen lagerten am 8. und 9. Juni 6000 Soldaten in der Stadt, in jedem Hause waren außer der stehenden Garnison 15 bis 20 Mann einquartiert. Ferner biwakierten noch sehr viele vor der Stadt. - Auch in den folgenden Tagen hörten die Durchzüge von Truppen und Munitionskolonnen nicht auf. Am12. Juni schreibt der Bürgermeister Sohr: "Wir sind mit Einquartierung überladen. Vier Generäle haben wir (in meinem Hause) seit Freitag bewirtet. Heut rückt der General Reynier und Durutte mit dem Hauptguartier des 7. Armeekorps hier ein, morgen das ganze Korps, das um die Stadt lagert und stehen bleibt. Zu uns kommt Generalleutnant von Sahr und Suite und bleibt stehen. Dies gibt mir den Garaus und macht mich zum Bettler. Fast grenzt mein Zustand an Verzweiflung. Erholt habe ich mich zwar etwas, aber der Gram und Kummer wirft mich zu Boden. Und nun vollends der Zustand der Stadt und des Gemeinwesens! Dies ist der gänzlichen Auflösung näher als man glaubt. Hilfe scheint fast unmöglich. Noch immer schwebt mir Hungersnot im Prospekt, und ich weiß nicht, wie wir ihr entgehen sollen. Kurz, unsere Lage ist die schrecklichste. Dein Bruder (der Senator August Sohrs wird von einem Ingenieur gepeinigt, der die Fortifikationen angibt. Backöfen und Lazarette muß er erbauen und noch überdem für die Ungeheures verlangende Verpflegung des Generals Reynier und des Platzkommandanten Oberst Tascher, eines nahen Verwandten des Kaisers, sorgen. Dieser gibt heute auf Kosten der Stadt Tafel von 25 Couverts, wovon dein Bruder eins bezieht. Diese Verschwendung geht ins Unbegrenzte."  Ruhten jetzt auch die Waffen, Görlitz bekam während des Waffenstillstandes kaum Erleichterung. Denn ganz in seiner Nähe bezog das 7. Armeekorps zwei stehende Feldlager. Zunächst richtete ein Teil, wobei sich sächsische Infanterie und Kavallerie befand, seinen Lagerplatz von dem Kummerschen (jetzt Jäger-) Wäldchen bis an den Jäkelsberg hinter Moys ein; es waren das zunächst 4000 Mann, dann aber 10000, der Kommandant war der General von Sahr, der im Schlosse zu Niedermoys, daneben aber auch beim Bürgermeister Sohr lag. Das andere französische Lager, in dem sich auch ein Regiment Würzburger befand, erstreckte sich weiterhin bis Schönbrunn und Schönberg derart, daß auch die Felder bis beinahe hinter Posottendorf von den Truppen eingenommen wurden. Es stand unter dem General Durutte. Oberkommandant des Ganzen war General Reynier, der seit dem 12. Juni Obermarkt 29 wohnte, aber auch viel im Schrickelschen Garten an der Neiße weilte. Es war ein äußerst artiger Mann, der vornehmlich bei den Sachsen in großer Achtung stand; viel Spaß machte es den Leuten, daß er eine Meerkatze bei sich führte. Beliebt war auch der General Gressot, dem freilich der Ausspruch zugeschrieben wurde: Ehe ein Soldat hungert, müssen 20 Bürger verhungern. Durutte, der nur ein Auge hatte, nahm sein Quartier auf dem Schlosse in Schönberg und unterhielt sich viel mit Musik. Der General Jarry lag in Schönbrunn und war mehr mit Verschönerung des Lagers, mit Erbauung großer, sogar zweistöckiger Lustgebäude, Tempel u. dergl. beschäftigt, als mit Exerzieren der Soldaten. Das gesamte Armeekorps betrug an 25000 Mann. Ende Juni aber erwartete man noch 14000 Mann. Außerdem lagen von Zittau, bei und in welcher Stadt 15000 Mann Polen kantonierten, bis nach Görlitz herunter die französischen Kavalleriedepots, deren Kommandant, der Divisionsgeneral Bouvier des Eclats, beim Bürgermeister Sohr in Görlitz wohnte.

Die beiden Lager, für die große Getreidefelder abgemäht werden mußten, bestanden aus Hütten, die aus Stangen und Brettern erbaut und mit Stroh bedeckt waren. Dazu geschahen ungeheure Requisitionen, und neben den Holzvorräten, die man aus den Hermsdorfer, Schönbrunner, Leopoldshainer und Lichtenberger Wäldern entnahm, wurde manche Scheune und Tenne entleert und abgebrochen. Die Stadt aber mußte fortdauernd große Fleisch- und Brotvorräte hinliefern. In Moys wurde ein Magazin angelegt, in das für 20 Tage 2460 Zentner Roggenmehl, 600 Ochsen, 15000 Kannen Branntwein, 15000 Pfund Reis, 30000 Pfund Grütze oder Graupen, 2400 Kannen Essig, 2500 Scheffel Hafer und gewaltige Massen Heu und Stroh verlangt wurden. Dazu hatte die Stadt den gesamten französischen Generalstab zu verpflegen, wobei nicht gespart werden durfte. Die Last war schon am 15. Juni so groß, daß Sohr in einem Briefe nach Dresden schreibt: "Es kann kühn behauptet werden, daß kein Ort in diesem Kriege in keinem Lande, wo der Kriegsschauplatz ist, so hart mitgenommen wird wie Görlitz, dessen gewisser Untergang nunmehr vor der Tür sein muß, da auch das kleinste Gewerbe total darnieder liegt und die Tuchfabrikation so gänzlich kassiert ist, als noch nie der Fall war, indem weder Käufer sich einfinden noch auch Bestellungen ins Ausland eingehen, dieser Nervus aber einzig und allein unserer Stadt ihr Bestehen gewährte." Viele Bürger wollten ihre Häuser ganz verlassen und dem Rate übergeben. Viel Schrecken erregten auch die gewaltsamen Rekrutierungen; Sachsen mußte 11000 Mann stellen; auf die Stadt Görlitz fielen 30, auf die Landsassengüter 19, auf die Ratsdörfer 28, auf die Dörfer der milden Stiftungen 10 Mann.

Das neue Schauspiel lockte die Einwohner der Stadt hinauf mitten in das Getriebe des Lagerlebens. Die Hütten mit ihren Rasenbauten, Balken, Brettern, Reisern boten einen interessanten, vielfach malerischen Anblick; zwischen ihnen führten förmliche Gassen, die ordentlich mit Sand bestreut waren; sie trugen mehrfach Fähnchen und Inschriften, hatten zwischen sich Garten- und Rasenbänke. Der berühmte Breslauer Professor Steffens beschreibt das Lager, das er am 1. September besuchte, folgendermaßen: Ich entdeckte eine leichte, ja anmutige französische Sommerstadt. Sie bestand aus zierlichen Laubhütten, die regelmäßige Straßen bildeten. Viele Hütten hatten Vorhallen, aus blumigen Gewinden bestehend. Noch waren die Laubhütten nicht verwelkt und hatten noch immer ein lebendiges heiteres Aussehen. Einzelne lagen abgesondert und waren größer; ich fand sie, als ich hineintrat, in mehrere Räume geteilt, ohne allen Zweifel die Sommerwohnungen der Befehlshaber; sie waren von Blumengärten, zierlich in Beete geteilt, umgeben, und noch standen viele Pflanzen in frischer Blüte, so daß diese Anlagen keineswegs ein verwildertes Ansehen hatten. Dieses Sommerstädtchen hatte einen ziemlich bedeutenden Umfang, und fast zauberhaft erschien es mir in seiner stillen Einsamkeit. Das nächste Dorf - fährt Steffens fort in das ich hineinritt, war eben erst von den Feinden verlassen. Ich erblickte einen Franzosen, der natürlich in die Gewalt meiner Kosaken geriet, entdeckte einen ansehnlichen adligen Landsitz (Schönbrunn) und zog durch das große, mit einem Turm versehene Tor über den ansehnlichen Hof mit meinen Kosaken gerade auf das Hauptgebäude zu. Der Besitzer mit einem Teile seiner Familie erschien furchtsam am Eingange. Ich stieg vom Pferde ab und näherte mich freundlich. Der Hausherr schien in Verlegenheit, wie er mich anreden sollte, und sah mich ängstlich an. Ich betrachtete ihn genauer und glaubte ihn zu kennen. "Herr v. Schindel", sagte ich, "ängstigen Sie sich nicht." Dieser Herr von Schindel ist der Großonkel der jetzigen Besitzerin des Rittergutes, wurde dann später Landesältester und Präsident der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften.

In diesen Sommerlagern nun sang und spielte man, war heiter und suchte sich die Zeit, so angenehm es ging, zu vertreiben. Aus dem französischen Lager bei Schönbrunn überliefert ein Chronist die wenig geschmackvolle Aufschrift an einer Baracke. Dieu règne au ciel, Napoleon sur la terre. (Gott regiert im Himmel, auf der Erde Napoleon.) Die Gegend um das Lager war nicht immer sicher, mehrere Personen wurden beraubt und gemißhandelt; am 17. Juli wurde im Schönbrunner Busche ein Bauer von den Franzosen tödlich verwundet, er trug bei der Besichtigung 18 Kopfwunden; ein Bewohner von Hennersdorf wurde von einem Soldaten im Leopoldshainer Busche totgeschossen.

Etwas Ordnung in die Verpflegung, die den Bewohnern schier unerträgliche Lasten aufbürdete, suchte ein kaiserliches Mandat vom 14. Juni zu bringen. Es lautete:

1 . Die Herren Generäle und Majors und Obersten sollen mittelst ihres Gehaltes selbst für ihren Tisch sorgen; sie haben kein Recht, vom Einwohner beköstigt zu werden und sollen von diesem nur Wohnung, Feuer und Licht empfangen. 2. Die Offiziere bis mit dem Grade der Bataillonschefs, welche von den Einwohnern beköstigt werden, sollen sich mit dem Tische ihrer Wirte begnügen und können in keinem Falle mehr verlangen als nämlich zum Frühstücke Suppe oder Brot und Butter; zum Mittagessen Suppe, gekochtes Rindfleisch mit Zugemüse und Braten oder Ragout, eine halbe Bouteille Wein oder eine Flasche Bier; zum Abendessen Braten, einen Teller voll Zugemüse, eine halbe Bouteille Wein oder eine Flasche Bier. 3. Die Unteroffiziere und Soldaten, welche, dafern sie aus den Magazinen keine Lebensmittel erhalten, von den Einwohnern beköstigt werden, können von ihrem Wirte weiter nichts verlangen, als wie folgt, nämlich: Für den ganzen Tag 1 ½ Pfand Brot; zum Frühstück eine halbe Portion Zugemüse; zum Mittagessen Suppe, ½ Pfund Fleisch mit Zugemüse und einer Flasche Bier; zum Abendessen einen Teller voll Zugemüse. - Wenn die Offiziers und Soldaten Lebensmittel aus den Magazinen erhalten, sollen sie nicht von den Einwohnern beköstigt werden. Es ist verboten, die Bedienten von den Einwohnern beköstigen zu lassen. - Die Herren Marschälle und kommandierenden Generale en chef. der Herr Generaldirektor der Armeeverwaltung werden, soviel einem jeden besonders angeht, für gehörige Vollziehung des Reglements Obsicht tragen.

Mit dieser Verpflegungsordnung waren nun mehrere der Generäle und Stabsoffiziere sehr unzufrieden, machten allerlei Schwierigkeiten und suchten ihre Quartiergeber auf alle Weise zu quälen. Große Anforderungen stellte der Platzkommandant Taschen dem am 5. Juni die Schlüssel zu allen Stadttoren ausgeliefert werden mußten und der sich alle Abende um 9 Uhr von den Gasthofbesitzern die Fremdenlisten vorlegen ließ. Er hatte sich schon Anfang Juni von der Stadt ein Paar Pferde ausgebeten und sie natürlich auch erhalten; ein Siegel, das er sich von dem Görlitzer Uhrmacher Richter fertigen ließ, mußte der Rat mit 6 Taler 12 Groschen bezahlen; obwohl er nun täglich von der Stadt 60 Taler zu seiner Verpflegung bekam, machte er immer größere Anforderungen, und da man ihn um etwas Einschränkung bat, nahm er das gewaltig übel und sagte, daß er es die Stadt entgelten und sogleich 3000 Mann einrücken lassen würde. Diese kamen denn auch wirklich am 11. Juli an und blieben über Nacht hier.

Überhaupt ließen es sich die Herren Offiziere zu dieser Zeit in der Stadt gar wohl gefallen. Da es vielfach Sachsen waren, so luden sie ihre Frauen zu sich nach Görlitz auf Besuch, auch die Gemahlin des obersten Kommandanten Reynier erschien, ebenso die des Platzkommandanten Tascher, die auch 2 Knaben mitbrachte. 2 Musikchöre sorgten für die Unterhaltung. Luftfahrten und Bälle gehörten zu der Tagesordnung.

Die Stadt bekam nach und nach ein etwas ruhigeres Aussehen. Die Läden waren wieder geöffnet, die Straßen gesäubert, für Geld bekam man auch wieder das Notwendigste. Die Schule (Gymnasium) nahm ihre Tätigkeit wieder auf, freilich in Bürgerhäusern, da im Kloster ein Lazarett war; erst am 3. August konnte man die alten Räume beziehen. Freilich ächzte man unter der Last der Einquartierung und unter dem Drucke der französischen Anforderungen, doch, so schreibt Sohr, fängt man an auch das Elend gewohnt zu werden.

Der Kommandant ließ inzwischen durch den Ingenieurkapitän Le Mut die Stadt immer mehr befestigen; an der Schanze, die seit Ende Mai auf der Höhe hinter dem Laubaner Tore nach dem Hennersdorfer Wege zu, natürlich auf Kosten der Stadt, gebaut wurde, wurde weiter gearbeitet, doppelte Tore mit Schießscharten gefertigt, in die Mauern Schießlöcher gebrochen; die Obstbäume in den Stadtgräben, die schon seit 20 bis 30 Jahren gestanden hatten, wurden unerbittlich umgehauen, die Backöfen, die bis dahin vor dem Neißtore gestanden hatten, an die Peterskirche beim Renthause verlegt, wobei des Magisters Jancke Garten in zwei Stunden demoliert wurde. Alle Klagen und Vorstellungen der Stadtbehörde halfen nichts. "Solltest Du", schreibt Sohr am 14. Juli, „jetzt zu uns kommen, so würdest Du Görlitz kaum kennen. Der so schöne Park, der neue Weg genannt, ist großen Teils verwüstet. Die grüne Nische und die dahinter stehenden Scheunen bis auf den Grund demoliert. Die Scheunen und Gärten bis zur Obermühle hin sind alle abgedeckt, alle Zäune und die Dielenwände verbrannt. Dagegen sind vor der Vogelstange hölzerne Baracken, mehrere 100 Ellen lang, Küchen, Apotheken und mehr dergleichen errichtet. Die Allee vom Frauen- zum Reichenbacher Tor ist verwüstet, so auch der größte Teil der Gärten vor dem Teichtore. In der Stadt ist es ungemein lebhaft. Alles wimmelt, und die vielen Marketenderbuden geben das Ansehen eines beständigen Jahrmarktes. Des Trommelns und Blasens ist kein Ende. Am lebhaftesten ist es in unseren Gärten. Das Plätzchen unter den Linden, wo wir so oft traulich und vergnügt vor dem Hause den Kaffee einnahmen, ist öfters von mehr denn 100 Offizieren besetzt."

Die Sterblichkeit in den Monaten Juni und Juli nahm wieder zu. Neben dem Nervenfieber, das wieder mehr Opfer kostete, herrschten Scharlach und Ruhr.

Der 3. August als Namenstag des sächsischen Königs Friedrich August wurde mit großen Festlichkeiten begangen. Im sächsischen Lager war Vogelschießen, Tanzmusik und abends eine große Illumination, die sich vom Jäkelsberge prächtig ausnahm. In Haufen strömten die Bürger hinaus. Abends gab Reynier im Schrickelschen Garten ein großes Fest, wozu 200 Offiziere und viele Honoratioren aus Stadt und Land geladen waren. Erst gegen 3 Uhr morgens wurde glänzend supiert und mit Tagesanbruch auseinandergegangen.

Noch größer war die Feier des Napoleonstages, der wegen des nahen Ausbruches des Kampfes auf den 10. August zurückgelegt war. Schon am Abend des 9. wurden in den Lagern 100 Schüsse abgegeben, ebenso am 10. früh. Um 11 Uhr versammelte sich die sächsische und französische Garnison auf dem Obermarkte und zog mit klingendem Spiele nach der Peterskirche. Von der Waage war über den Heringsmarkt und durch die Petersgasse bis in die Kirche hinein bis zum Altar ein Spalier von Soldaten aufgestellt, durch welches die Generalitäten und Stabsoffiziere sowie der Magistrat in schwarzer Kleidung mit Degen in feierlicher Weise in die Kirche einmarschierten. Dort wurde evangelisch-katholischer Gottesdienst abgehalten, indem erst Kyrie, dann Gloria, dann Credo mit Meßmusik abgesungen wurde. Magister Jancke sprach vom Altare ein Gebet, dann wurde ein Sanctus intoniert, der Segen gesprochen und das Tedeum angehoben. In derselben Ordnung ging der Zug wieder auf den Obermarkt. Um 1 Uhr war beim Kommandanten Oberst Tascher große Tafel, ferner auch beim General von Sahr. Auf dem Obermarkte wurde die ganze Garnison an 3 ungeheuer langen Tafeln, die vom Salzhause herab aufgestellt waren, gespeist. Jeder Wirt mußte seiner Einquartierung gutes Essen mit reinlichem Geschirr und Tischwäsche, auch auf den Kopf Kanne Branntwein zubringen; der Kaiser gab jedem Manne ½  Kanne Wein, der Rat noch eine Portion Bier. Die Wirte erhielten eine Vergütigung von 8 Groschen. Während der Mahlzeit ertönte Musik, und das Ausbringen der Gesundheiten, das Abfeuern kleiner Böller schien kein Ende nehmen zu wollen. Abends war die Stadt auf hohen Befehl erleuchtet, meist freilich nur die öffentlichen Gebäude. Am Salzhause war ein E (empereur - Kaiser), am Rathause ein N in leuchtenden Flammen angebracht. Noch festlicher wurde der Tag in den Lagern gefeiert. Um 10 Uhr des Morgens formierte jede Division ein großes Viereck, in dessen Mitte sich die Stabsoffiziere und die Musiker befanden. Nach dem Gesange "Nun danket alle Gott" wurde unter dem Donner der Geschütze ein Hoch auf die Gesundheit des Kaisers, der Kaiserin und des jugendlichen Kaisersohns, des Königs von Rom, ausgebracht. Um 1 Uhr war große Tafel in 8 oval aufgestellten Zelten. Die gemeinen Soldaten speisten im Freien. Nach Tische fand Tanz vor den Zelten statt, und es rückte sodann ein Teil der Truppen zu militärischen Paradeübungen aus, welche den Zuschauern eine interessante Unterhaltung gewährten. Die Generäle Reynier und Sahr hatten auf dem Jäkelsberge einen großen Saal mit Laub behangen und geschmückt und gedielt - freilich auf der Stadt Kosten - erbauen lassen; des Mittags speiste hier der General Reynier mit 300 Gästen, darunter der Bürgermeister Neumann. Bei Sonnenuntergang schritt man, nachdem 25 Kanonen gelöst waren, zur Eröffnung des Balles. Der Saal mochte etwa 500-600 Personen fassen, von denen immer 70-80 Paare auf einmal tanzten. Um 10 Uhr wurde ein prächtiges Feuerwerk abgebrannt, das 2000 Taler gekostet haben soll. Der Teich am Jäkelsberge, auf dem Tausende von "Wasserkegeln" schwammen, glich einem Feuermeere. Auf den Berg führte ein breiter Weg, der auf beiden Seiten mit Kienfeuern beleuchtet war, geradewegs auf den Saal, über dessen Pforte ein großes N in Feuer erglänzte. Auch ein Luftballon stieg auf, der beinahe noch schweres Unglück anrichtete, indem er in Brand geriet und unfern der Pulverwagen niederfiel.

Noch heute steht in Schönbrunn nördlich vom Pfaffenberge ein Gedenkstein an dieses Fest mit der Aufschrift: Erinnerung an traurige Zeiten. Während des Waffenstillstandes 1813 am 13. Juni schlug das 6. (soll heißen 7.) Armeekorps unter Marschall Rynier in dieser Gegend ein Lager auf. Auf dieser Stelle stand ein Altar. Hier wurde katholischer Gottesdienst das letzte Mal am 10. August 3 Tage vor Aufbruch des Lagers gehalten. 1827.

Mit dem 10. August nämlich ging der Waffenstillstand zu Ende, und das Reyniersche Korps brach am 14. nach der Niederlausitz auf, den Tagen von Großbeeren (23. August), Dennewitz (6. September) und Leipzig entgegen, die für dasselbe so verhängnisvoll werden sollten.

Ueber die Zustände, die in den letzten Wochen des Waffenstillstandes in Görlitz herrschten, mögen noch einige Auszüge aus Sohr´schen Briefen sprechen: Unbegreiflich ist mir, wie wir die immer sich mehrenden Lasten ertragen haben, ertragen konnten und noch ertragen. Unser Generalkriegszahlmeister - sei dem 14. Juli befand sich in dem Sohrschen Hause (Brüderstraße 4) die Kriegskasse des 7. Armeekorps, die mit ihrem ungeheuren Geldvorrat alle Schränke und Kommoden des Hauses füllte - gefällt sich bei uns, ebenso wie sich die Herren der sächsischen Administration und die Anzahl der französischen und sächsischen Offiziere, die sich immer mehr steigern, in der Stadt gefallen. Dazu liegen über 1400 Mann Gemeine stehend im Quartiere, und am 19. Juli ist noch das sächsische Bataillon Leibgarde ins Standquartier eingerückt. Hierzu kommt noch ein nahe an 1000 Mann angewachsenes französisches Lazarett, dem täglich 7 bis 8 Kühe und 150 Pfund Reis nebst 60 auch wohl mehr Kannen Wein, mehrere Eimer Branntwein und Bier und anderes mehr geopfert werden müssen. Der Bedarf des Lagers, welches am 19. Juli mit 4 Bataillons sächsischer Infanterie und am 21. Juli durch das sächsische Husarenregiment und vorher täglich durch französische Truppen verstärkt worden ist, beträgt täglich bis 50 und mehr Kühe und einige 100 Schafe. Die Forderungen der Kriegskommissarien und Hospitaldirektoren gehen ins Ungeheure und nötigen uns mit Ernst uns entgegenzusetzen, was uns am 19. Juli die härtesten Drohungen zugezogen hat. Von der Lebhaftigkeit, die hier herrscht, kannst Du Dir kaum einen Begriff machen, schwerlich kann es in Dresden volkreicher sein.

Napoleon ließ unmittelbar nach Ablauf des Waffenstillstandes in Görlitz und Umgebung seine Garde, das Korps Viktor und das Kavalleriekorps Latour-Maubourg, alles in allem an 100000 Mann, einrücken. Bei Zittau verblieb Poniatowski mit seiner aus etwa 7600 Mann bestehenden Truppe; bei Bautzen lagerte das Korps Vandamme und das Kavalleriekorps Kellermann, etwa 37000 Köpfe stark. Noch bis zum 15. August hatte der Korse gehofft, Oesterreich für sich zu gewinnen oder es wenigstens neutral zu sehen. Hierin getäuscht, brach er am 15. August von Dresden, wo er während des Waffenstillstandes sein Hauptquartier genommen hatte, auf; über Pirna, Königstein, wo er die Befestigungen um den Lilienstein besichtigte, Stolpen, Bischofswerda traf er auf 4 Uhr früh am 16. August in Bautzen ein, wo er bis zum 17. blieb.

Die vereinigte Macht der Russen, Preußen und Oesterreicher in einer Stärke von etwas über 250000 Mann befand sich am 18. Aug. hinter der Egerlinie, nur eine Division war rechts der Elbe geblieben. In Schlesien waren unter Blüchers Leitung zwei russische Korps unter Sacken und Langeron und das preußische 1. Armeekorps unter York im ganzen 105000 Mann zum Kampfe bereit. Diese beiden großen Armeen im Verein mit der Nordarmee, die etwa 153000 Mann stark unter dem Kronprinzen von Schweden stand und unter anderen die Korps Bülow und Tauentzin umfaßte, operierten nun nach einem gemeinsamen Plane, der im wesentlichen darin bestand, eine Schlacht nur dann anzunehmen, wenn der Feind seine Streitkraft geteilt habe und die Ueberlegenheit entschieden auf Seiten der Verbündeten sei, sich aber zurückzuziehen, sobald der Feind sich in Masse gegen eine der alliierten Armeen wende; als Sammelpunkt aller Armeen sei das feindliche Hauptguartier anzusehen. Dieser Plan war keineswegs dem französischen Kaiser bekannt. Er war überhaupt damals über die Bewegungen der Verbündeten schlecht unterrichtet. Bis zum 20. August faßte er daher keinen endgültigen Entschluß; erst damals hatte er sich über die Stellung der Verbündeten in Böhmen vergewissert und beschloß, zur raschen Offensive gegen die schlesische Armee Blüchers vorzugehen. Aus dieser Sachlage sind denn auch die Ereignisse zu erklären, die in diesen schrecklichen Tagen der zweiten Hälfte des August unser Görlitz trafen.

Napoleon brach am 17. August, nachmittags ½ 5 Uhr, von Bautzen auf und nahm in der Nacht vom 17. auf den 18. seine Wohnung in Reichenbach beim Apotheker Schneider, am folgenden Tage - es war ein Mittwoch - traf er über Markersdorf (s. oben S. 30) in der Neißestadt nachmittags ein.

Dort herrschte natürlich in diesen Tagen vornehmlich durch die Bewegungen der Truppenkörper in hiesiger Gegend eine große Verwirrung und Schrecken der Einwohner. Am 12. August kam der Befehl an die Stadt und die Mitleidenheitsgüter, binnen drei Tagen 1000 Scheffel Korn und 262 Schock Gebund Stroh zu liefern; am 15. August zogen 10000 Mann neue Garde durch die Stadt nach dem noch stehenden Lager des 7. Armeekorps und weiterhin am 17. Aug. nach Schönberg; der Zug dauerte, ob sie gleich 10 Mann nebeneinander marschierten, 2 Stunden. Der ganze Obermarkt, die Brüdergasse, der Untermarkt, die Neißgasse waren zeitweise mit Wagen voll französischer Lazarettkranken besetzt. Am 15., 16. und 17. fanden starke Truppenmärsche seitwärts von Görlitz zum Teil durch die westlichen und südlichen Görlitzer Vorstädte nach Zittau zu statt. Es war das Korps des Marschalls Viktor, das etwa 25 000 Mann betragen mochte; der Marschall selbst, ein großer schöner Mann mit einem weißen Federhute auf einem Schimmel mit goldner Trense, stieg im Strauß (später Friedländersches Warenhaus) vor dem Frauentore ab. Seine Armee biwakierte von Leschwitz bis Ostritz. Viele andere Truppen, die zum Teil auch nach Schlesien rückten, gingen durch und neben der Stadt weg. So stand am 16. August die ganze Kavallerie unter dem General Latour-Maubourg in der Gegend von Königshain, auch in Ludwigsdorf waren 3000-4000 Mann, die den Besitzern alles wegnahmen; Posottendorf erhielt 2 Generäle, 8 Obersten, 2 Majors und 145 Mann Einguartierung. Man nahm dort dem Bürgermeister Sohr, dem Besitzer des Gutes, den größten Teil des Schafviehes, alles eingeerntete Heu und Hafers auch machte man die noch stehende Gerste zu nichte. Zu aller Not kam, daß der Platzkommandant Tascher Görlitz als Festung einzurichten begann; alle Bäume und Sträucher im Graben und im Zwinger wurden niedergehauen, Pallisaden eingesetzt, Schießscharten in den Mauern und Türmen eingerichtet, die Pforte (Ausgang an der südlichen Weberstraße) zugemauert, vorübergehend auch das Frauentor, ja 50 Häuser der Vorstadt sollten niedergerissen werden. Am 18. August erreichte der Wirrwarr seinen Höhepunkt. Ueberall ritt, fuhr und marschierte man. Die alte Garde, gegen 9000 Mann, kam und bedeckte den ganzen Obermarkt, blieb dort während der Nacht und noch länger biwakierend und auf Stroh sich lagernd; Musikbanden ließen ihre Weisen ertönen; viele Pontons aus Kupfer und Holz kamen von Schlesien und wurden links von Rauschwalde aufgestellt. Um die Stadt lagen wenigstens 40000 Mann mit großen Wagenburgen in Biwaks.

Am 18. August, also um 4 Uhr, kam unter dem Geläute der Glocken der Kaiser mit dem König von Neapel Murat in Görlitz an. Er ritt, begleitet von Caulaincourt und dem Generalstabe (darunter zwei sächsische Offiziere von Einsiedel und von Odeleben), mitten durch seine Garden den Obermarkt in die Neißstraße herunter, zum Tore hinaus, besah die Verschanzungen und umritt die Stadt zunächst im Osten und Süden. Durch die Kahle hindurch begab er sich darauf hinter die Jakobsgasse und hielt dort auf einer Anhöhe, die hinter dem Garten Nr. 844 (jetzt Bahnhofsgebäude) gelegen ist, rechter Hand des nach Biesnitz führenden Weges (also etwas südlich der Jakobus-Kirche). Das Gesicht nach dem böhmischen Grenzgebirge gerichtet, fragte er den hiesigen Tuchmacher Köhler, der als Wegweiser diente, nach den Namen etlicher hervorragender Berge; auch mehrere von Leschwitz und Biesnitz kommende Bauern wurden ausgefragt, ob sie Russen oder Oesterreicher gesehen hätten, was sie verneinten. Als nun der Kaiser das Wort Hoeswede hören ließ und der Wegweiser nach der Gegend von Hoyerswerda zeigte, ging der Zug nach der Stadt hin durch die Jakobsgasse bis an das Hospitaltor (am jetzigen östlichen Hindenburgplatz), dann links nach dem Siechenhause hin (jetzt Ecke der Adolf-Hitler-Straße und des Hindenburgplatzes), weiter durch die sog. Kuhgasse (jetzt Horst-Wessel-Straße) bis zur Bautzener Straße, dann nach rechts und etwa durch die jetzige Brunnenstraße, links um des Tuchmachers Johann Gottlieb Neumann Garten (jetzt Wumag, Nr. 471) herum nach den Teichen. Hier setzte er, da keine Brücke da war, mit seinem kleinen Schimmel über den sumpfigen Graben, ritt durch die Kummerau, an der westlichen Seite des jetzigen Turnplatzes (Nr. 923, wo Friedrich der Große am 25. Oktober und 10. November 1758 in Quartier lag), bis an das Theurichsche, später Lehmannsche, jetzt Jäkelsche Vorwerk (Nr. 935) und wandte sich von dort am heiligen Grab vorbei der Stadt zu, wo er sein Quartier, das Berthier schon eingerichtet hatte, Obermarkt 29, gegen 7 Uhr abends bezog. Nach ungefähr einer halben Stunde wurden die Landstände, der Magistrat, die Geistlichkeit und die Lehrer des Gymnasiums vorgelassen. "Unser Zug ging durch die vier Schildwachen in das Kaiserhaus die Treppe hinauf. Der Treppe gerade gegenüber war die Tür zum kaiserlichen Zimmer. Aber wir durften nicht durch dieselbe eintreten, sondern wurden durch die Stubentür rechts eingeführt, so daß wir auf einem Umwege erst durch zwei Zimmer gehen mußten, ehe wir in des Kaisers Stube traten. Und bemerkenswert war es, daß an jeder der 3 Türen, durch die wir gingen, 1 oder 2 lichtblau gekleidete Ordonnanz-Offiziere standen, die jeden Durchgehenden scharf musterten und ihm in die Augen sahen. Sie wollten verhüten, daß nichts Unrechtes eingehe, hielten die Hände über uns, wie die Schäfer über die Schafe, wenn er sie ausläßt. In dem Zimmer war der Kaiser fast allein. Er ging, die Hände auf den Rücken gelegt, ruhig auf und ab und sah oft auf eine Landkarte, die mit bunten Nägeln auf dem Tisch befestigt war. Einer der Herren Landstände, Karl Wilhelm Ferdinand von Ferentheil und Gruppenberg auf Bellmannsdorf, redete ihn französisch an und stellte ihm die Not des Landes vor; er kam aber in seiner Rede nicht fort. Kein Wunder, der Blick des Allgewaltigen durchbohrte ihn. Da sagte der Kaiser: Rede deutsch, und ein Oberoffizier, der, wie es schien, voll Teilnahme dastand, mußte es übersetzen. Ich sah den Kaiser natürlich sehr genau. Er war von mittlerer, untersetzter Statur, hatte sehr feurige, aber nicht wilde Augen und eine etwas rauhe, aus der Brust gehende Stimme. Die Audienz dauerte nicht länger als 5 bis 7 Minuten, und die letzten Worte des Kaisers waren: „J`ai aussi beaucoup de besoins. Ne perdez pas la tete, tont ira bien!" („Ich habe auch viele Bedürfnisse. Den Kopf nicht verlieren, alles wird in Ordnung sein!") Abends war die Stadt illuminiert, am Salzhause auf dem Obermarkt sah man eine Sonne, in deren Mitte ein L (Luise, Gemahlin des Kaisers), an der Klosterkirche einen Obelisk, worüber ein N und eine Krone, zu beiden Seiten aber Opferaltäre brannten; sonst fiel die Beleuchtung nur spärlich aus.

Der König von Neapel, Murat, hatte sein Quartier wie gewöhnlich beim Kaufmann Karl Gotthelf Geißler (Nr. 44, jetzt Weberstraße 14). Das Haus war mit Blumen, Vasen und Birken ausgeziert und prächtig erleuchtet. Ein Kapitän mit 50 Mann Gardegrenadieren hatten die Wache vor dem Hause, zwei Mann standen vor der Haustür und zwei auf dem Saale vor dem königlichen Zimmer. Der prachtvoll, freilich auch etwas theatralisch gekleidete Mann mit seinen dunklen Augen und schwarzen, bis auf die Schultern hängenden Locken und schwarzem Backenbart war voller Artigkeit; nachdem er schon bis um 10 Uhr beim Kaiser geweilt und mit ihm meist auf dem Altan des kaiserlichen Quartiers sich aufgehalten hatte, wurde er schon wieder früh um 2 Uhr zu einer Konferenz mit ihm befohlen.

Am 19. August früh begab sich der Kaiser mit Murat von Görlitz nach Zittau; in seinem sechsspännigen Wagen langte er daselbst unter Glockengeläute und Pauken- und Trompetenschall nach 10 Uhr an. Auch jetzt war er noch ungewiß, ob er das Gros seiner Truppen bei Zittau über das Gebirge rücken lassen solle. "Es ist nicht unmöglich", schrieb er tags zuvor, "daß ich morgen in Böhmen einrücke und daß ich mich auf die Russen und Prag werfe." Um nun Sicherheit über die Stellung der böhmischen Hauptarmee zu erlangen, ließ er das Korps Poniatowski und das Kavalleriekorps Kellermann über das Gebirge und über Grottau in Böhmen einbrechen. Die schwachen Kräfte der Österreicher, die nur die Grenze beobachten sollten, leisteten keinen ernsthaften Widerstand. Napoleon selbst eilte über den Gabler Paß und Lückendorf bis zum Städtchen Gabel. Hier mußten ihm zwei Magistratspersonen und der Pfarrer über die Stärke der in dieser Gegend aufgestellten österreichischen Truppen Auskunft geben. Ihre Aussagen deckten sich mit denen seiner Kundschafter, daß das Hauptheer der Verbündeten sich an den Pässen des Erzgebirges befand. Sein Zug über Zittau nach Böhmen war also zunächst ein Luftstoß gewesen und er hatte kostbare Zeit verloren. Die jetzt erst erkannte Sachlage erforderte neue Dispositionen, und der Kaiser beschloß nunmehr, sich an der böhmischen Grenze defensiv zu verhalten und sich sofort mit seinen Garden zu der Boberarmee zu begeben, um Blücher anzugreifen. Bei Reichenberg, Zittau und Rumburg ließ er unter dem Marschall Victor und Vandamme beträchtliche Truppen zurück.

Erst ½ 2 Uhr nachts kam der Kaiser über das Gebirge unter Fackelschein nach Zittau zurück. Am 20. August früh wurde er auf einmal sehr unruhig; ½ 11 Uhr eilte er von Zittau weg; mehrere Abteilungen Garden, welche sich dahin auf dem Marsche befanden, mußten bei Ostritz umkehren und nach Görlitz und Lauban marschieren. Ein Teil des Gefolges wurde geradezu über Schönberg nach Lauban gewiesen. Auf der Fahrt erhielt Napoleon die Bestätigung, daß sein alter Feind Moreau wirklich bei den Verkündeten angelangt sei, ferner brachte ein Kurier aus Schlesien ärgerliche Nachrichten, endlich sah er sich gezwungen, weil der Schlüssel zu der Chiffresprache an einen seiner Marschälle (Macdonald) in Feindeshand geraten war, sofort durch schnellste Befehle dem daraus entstehenden Unglück vorzubeugen. In einem Wäldchen auf freier Erde wurde von Berthier und Caulaincourt eine Art Kanzlei errichtet; der Kaiser diktierte gehend und Caulaincourt schrieb auf der Erde sitzend. Das alles, vornehmlich auch die ihm entgegenströmende Garde, verschlechterte natürlich noch seine Laune. Er ließ entsetzlich schnell fahren und kam gegen 2 Uhr in Görlitz an. Zu seinem großen Ärger hatten sich erst kurz vorher die Garden nach Osten in Bewegung gesetzt. Voller Unmut lief er in seinem Zimmer auf und ab und ließ sich alle Augenblicke auf dem Balkon sehen. Dabei griff er mit Gewalt an eine eiserne Stange, als wolle er sie umreißen, und rief der abziehenden Garde oft und unwillig zu: Vite! Vite! Tout Vite! (Schnell! Schnell! Alle Schnell!) Um 4 Uhr setzte er sich mit dem König von Neapel in seinen Wagen, der hinten mit der silbernen Kaiserkrone geziert war, und fuhr nach Lauban, wo er, wie scheint, besserer Laune, da er Blücher zu einer Schlacht zu bringen hoffte, sein Nachtquartier nahm.

Kaum war der Kaiser fort, da ward Sturm geläutet: es brannten sieben Gebäude, die Nr. 76-81 und 34, jetzt Nonnenstraße 1-4 und Klosterplatz 12, 13 und 14, ab. Um der Flamme zu wehren und um das Gymnasium zu retten, mußten dabei Firsten eingeschlagen werden. Während des Feuers ging ein großer Munitions- und Pulvertransport hart bei den brennenden Stellen vorbei, und es hätte leicht ein noch weit größeres Unglück geschehen können; übrigens halfen die Truppen beim Löschen getreulich, und der Kaiser Napoleon ließ den Abgebrannten 1500 Taler auszahlen.

"Die heutige Nacht (20./21. August), schreibt Sohr, gingen die stärksten Transporte an Pontons, Artillerie, Kavallerie und Infanterie durch und zwar von drei Seiten, durch die Kahle, die Hotergasse und durch die Stadt. Am Neißtore versackte sich alles und mußte auf drei Stunden lang warten. Es war eine Nacht, die ich wie jene vom 21. bis 22. Mai nicht vergessen werde. Der Magistrat zu Sorau ist wegen Unmöglichkeit, die Requisition erfüllen zu können, abgeführt worden. Ob uns nicht gleiches Schicksal bevorstehen kann? Mein Kohlgarten ist verwüstet. Die schöne Fichte an der Bastei, die mein seliger Vater (Johann August Sohr, Advokat und Kauf- und Handelsmann, gest. 1788) gepflanzt hat, und alle Obstbäume und Weinstöcke, so an der Stadtmauer und im Zwinger stunden, wurden vorgestern früh ohne Schonung umgehauen.) Heute haben wir im Quartier einen Brigadegeneral, drei Adjutanten und acht Bediente."

Inzwischen war seit dem 14. August die schlesische Armee unter Blücher im Vorrücken gewesen und hatte die französische Boberarmee, obwohl diese etwa 30000 Mann stärker war, genötigt, sich hinter den Bober zurückzuziehen. Am Abend des 20. August standen die Verbündeten auf einer Linie von Bunzlau über Löwenberg nach Hirschberg, im Norden das Korps Sacken, bei Löwenberg die Korps York und Langeron, bei Hirschberg das Korps Pahlen. Nun wurde es am Morgen des 21. August der preußisch-russischen Oberleitung bekannt, daß Napoleon mit der Garde bei Löwenberg zu seinen Truppen gekommen sei. Er hatte in der Nacht vom 20. auf den 21. August in Lauban im Hüllesheimschen Hanse, der jetzigen Zieglerschule, sein Nachtquartier gehabt und war guten Muts. "Alles kündet eine große Schlacht an", schreibt er an Murat, "der Feind rückt, wie es scheint, 80000 bis 90000 Mann stark, gegen den Queis vor; das würde wahrscheinlich ein sehr glückliches Ereignis geben." Es war denn auch alles auf eine große Entscheidungschlacht vorbereitet, 180000 Mann harrten auf den Befehl des Gewaltigen, um die um die Hälfte schwächere schlesische Armee zu zertrümmern. Der Tag sollte jedoch für den Kaiser, der früh um 9 Uhr des 21. August vor Löwenberg erschien, zu einer großen Enttäuschung werden. Blücher, der sofort die veränderte Sachlage erkennt, nimmt den Kampf nicht an, sondern beschließt den sofortigen Rückzug. Dieser vollzieht sich für das Gros, das durch ein stundenlanges Rückzugsgefecht der bisherigen Avantgarde gedeckt war, in Ruhe und Ordnung bis zur Schnellen Deichsel (westlich Liegnitz). So war der eigentliche Zweck des kaiserlichen Eilmarsches nach Schlesien nicht erreicht. Und als es Napoleon auch am 22. nicht gelang, den Feind zum Halten und zur Schlacht zu bringen, befahl er deshalb noch an demselben Tage, daß nicht bloß die Garde und das Kavalleriekorps Latour-Maubourg, sondern auch das Korps Marmont sich wieder eilends nach Westen in der Richtung Lauban, Görlitz, Dresden begebe. Denn er hatte die Meldung erhalten, daß die böhmische Hauptarmee in Sachsen eindringe und für das wichtige Dresden, dessen Verteidigung dem Marschall Gouvion St. Cyr mit schwachen Truppen oblag, Gefahr bestände. Er übergab also den Befehl über die Boberarmee, die nunmehr aus drei Korps nebst der Reiterei des Generals Sebastiani bestand, an den Marschall Macdonald und fuhr am Nachmittage von Löwenberg nach Görlitz ab.

In Görlitz hörte man am 21. August von Osten her eine starke Kanonade, herrührend von den Rückzugsgefechten Blüchers. Den ganzen Tag kamen viel Blessierte an. Neue Schiffsbrücken wurden über die Neiße, z.B. beim Galgen hergestellt, und bald lag der ganze Untermarkt voller Franzosen. Auf der Laubaner Straße wurden zwei Bauern erschlagen. Ohne ausdrückliche Erlaubnis des Kommandanten Tascher durfte kein Pferd und Wagen aus der Stadt. Am 22. August wurde die neue Schanze an der Laubaner Straße mit 4 Kanonen besetzt, weil sich Kosaken in Waldau, also im Rücken der französischen Hauptarmee, hatten sehen lassen. Der folgende Tag brachte infolge der veränderten Marschordnung Napoleons ungeheure Massen Truppen in und durch die Stadt. Es war fortwährend ein ungeheurer Lärm; die Soldaten suchten meist ihre alten Quartiere, die sie vor ein paar Tagen verlassen hatten, wieder auf. Der Kaiser erschien selbst nach ½ 5 Uhr nachmittags, begleitet von einer großen Suite. Zu seinem Empfange bildete die Garnison am Untermarkt ein Spalier. Er stieg wieder Obermarkt 29 ab, die Garden lagerten abermals auf dem Obermarkt. Als es dunkel ward, läutete man Sturm, es brannte das Wohnhaus des Wagnerschen Gartens in den Teichen (jetzt Christoph-Lüders-Straße Nr. 924) ab. Der König Murat, dessen Quartier wieder bei dem Kaufmann Geißler, Weberstraße 14, angesagt war und dessen Suite mit zahlreicher Dienerschaft auch dort eintraf, mußte beim Kaiser bleiben und reiste schon abends 10 Uhr nach Dresden ab. Er überbrachte dem dortigen Kommandanten St. Tyr ein Schreiben, worin Napoleon meldete, daß er in allerkürzester Zeit dort erscheinen und den Befehl über die 200000 Mann, die sich dort konzentrierten, übernehmen würden. Habe der Feind wirklich eine Hauptunternehmung auf Dresden eingeleitet, so werde dies Gelegenheit bieten, in wenigen Tagen eine große Schlacht zu liefern. Die frohe Hoffnung, die er hegte, kommt auch in den Worten Berthiers zum Ausdruck, der heiter und voller Zuversicht sagte: ,,Eh bien; nous gagnerons une belle bataille, nous marcherons sur Prague – sur Vienne!" (Gut; wenn wir diese große Schlacht gewinnen, werden wir auf Prag zu marschieren – und Wien ")

Der Kaiser wollte in Görlitz seinen Garden, denen an diesem Tag vielleicht der ermüdendste Marsch des ganzen Feldzuges zugemutet wurde, wenigstens eine Erquickung verschaffen und suchte für bare Bezahlung 20000 Flaschen Wein zu erhalten, aber kaum der 10. Teil der Forderung konnte befriedigt werden. Am 24. August früh gegen 11 Uhr fuhr der Korse von Görlitz fort. Mitten durch seine in dichten Kolonnen marschierenden Truppen gelangte er nachmittags in der dritten Stunde unter dem Geläute aber Glocken und Pauken- und Trompetenschall in Bautzen an und stieg dort im Paulischen Hause am Markt ab, um in der Nacht vom 24./25. Früh ½ 3 Uhr nach Stolpen aufzubrechen, der Schlacht bei Dresden entgegen, wo er seinen letzten großen Sieg in Deutschland erfocht. Görlitz hat er nicht wieder gesehen.

In Görlitz setzten sich den ganzen 24. August bis in die Nacht die großen Truppendurchmärsche fort. Ein Chronist schätzt die Durchziehenden auf 60000; zunächst waren es Garden, sodann passierte am Abend bis tief in die Nacht das Korps Marmont. Die Soldaten brachten ganze Herden von Ochsen, Kühen, Schafen und Ziegen mit, die sie in Schlesien und hiesiger Gegend zusammengetrieben hatten, und verkauften das Vieh zu Spottpreisen, einen Schöps für einen Zwanzigkreuzer (etwa sieben Silbergroschen), eine Kuh oder einen Ochsen für drei bis elf Taler. Bei ihrem Durchmarsche hausten die Franzosen in den Vorstädten und auf den Dörfern wieder schrecklich, viel ärger als im Mai. Auch am 25. August hörten die Durchzüge von Schlesien her noch nicht auf. Nachmittags ½ 5 Uhr kam der Marschall Ney und stieg Obermarkt 29 ab. Er hatte zunächst infolge eines Mißverständnisses sein ganzes Korps von Liegnitz her zum Abmarsch nach Dresden in Bewegung gesetzt. Ehe dies sein Korps wieder zu dem Hauptheere der Boberarmee zurückkommen konnte, verging geraume Zeit, und Macdonald mußte deshalb seinen Vorstoß gegen Blücher auf zwei Tage verschieben, was dann für die Zeit und den Verlauf der Schlacht an der Katzbach von wesentlichster Bedeutung wurde. Jetzt kam Ney nur mit drei Chasseurregimentern in Görlitz an, das er abends um 10 Uhr (nach anderen Nachrichten erst am folgenden Tage früh um 7 Uhr) verließ. Die Schanze vor dem Laubaner Tore wurde wieder mit Kanonen besetzt und den Hausbesitzern in den Vorstädten gesagt, sie möchten ihre Türen verschlossen halten, weil jeden Augenblick ein preußisches Streifkorps kommen könnte. Viele Leute räumten deshalb ihre Besitzungen vor der Stadt. Auch wurden alle Tore der Stadtmauer stark befestigt und von spanischen Soldaten besetzt. Wirklich erschienen auf der Straße nach Siegersdorf und Waldau und auch in Langenau um diese Zeit verschiedene Male Kosaken. Neue Ausschreibungen erfolgten von der französischen Heeresleitung: Görlitz mit seinen Ortschaften sollte 5600 Zentner Mehl und ebensoviel an Heu und Stroh aufbringen. Am 26. August war es etwas ruhiger. Auf dem Rathause wurde eine Verordnung verlesen, daß die Einquartierung bestens zu verpflegen sei, daß man bei Einbringung von Kranken Hand anzulegen habe, Scharpie zupfen, sich zu Botschaften bereit halten, schanzen, rammen usw. solle. Man hörte an diesem Tage der Schlacht an der Katzbach und bei Dresden stark von Osten und Westen her kanonieren. Folgenden Tages brachten die Franzosen gegen 300 Gefangene, Preußen und Russen, denen mitleidige Seelen zum Verdrusse der Franzosen Brot und Geld gaben; die acht Offiziere quartierte man im Gasthof zum "Goldenen Stern" (spät. Obermarkt 23), die Gemeinen in der Nikolaikirche ein. Da es seit drei Tagen fortwährend geregnet hatte, war am 28. August die Neiße ungeheuer angeschwollen, so daß die Kahle und ein Teil der Rabengasse überschwemmt und die beiden Schiffsbrücken weggerissen wurden. Am Abend kam die erste Nachricht von der Niederlage der Franzosen an der Katzbach; verwundete Offiziere erzählten, daß alles verloren sei und sich die ganze französische Armee auf der Retirade befände. "Ich lag, so erzählt der spätere Pastor von Siegersdorf Flösset, am 29. August nachmittags im Fenster (des Hauses Neißstraße 27), und da sah ich recht den Anfang. Es kamen zuerst einzelne Franzosen ohne Gewehre und ohne Taschen in erbärmlichem Zustande die Neißstraße heraufgehinkt. Ach, dachte ich, nun kommt die Bestätigung von dem Gerücht, das ist die Avantgarde des gedemütigten Heeres, das vorher hier sich so übermütig geriert hat. Möchten nur noch mehr kommen! Ich kann es nicht leugnen, ich freute mich mit andern, denn der Abscheu vor den Franzosen vermehrte sich täglich. Und es kamen auch immer mehr solche Elende langsam hergekeucht, nicht nur Infanterie, sondern auch Kavalleristen, aber ohne Pferd, barfuß und an Stecken, meistens verwundet. Nachmittags sah man demontierte Kanonen und Equipagen von Offizieren mit Eskorte, die schnell durchjagten. Zum Abend brachte man einige Franzosen, die ein oder zwei Stunden vor der Stadt verwundet worden waren. Das Blut lief an den Füßen oder Armen hinunter, denn sie waren noch nicht verbunden. Andere kamen mit ganz durchfeuchteten Kleidern und ohne Mühen. Sie waren fliehend durch den angeschwollenen Bober oder Queis geschwommen. Alle mußten durch die Stadt ziehen, da die Schiffsbrücken weggeschwemmt waren. Ein Offizier sagte, daß er seit drei Tagen nicht mehr als ein paar Kartoffeln zur Nahrung gehabt habe. Die Soldaten waren jetzt bescheiden in ihren Forderungen, verlangten zum Teil nur ein Obdach, um ruhig liegen und ihre Kleider trocknen zu können. Und die Deutschen hatten Mitleid mit diesen unglücklichen Fremdlingen, der Sieg milderte bei vielen den Franzosenhaß. Vor dem Laubaner Tore sah man die Reste von mehreren Regimentern; Trainknechte hatten die Stränge durchschnitten und die Kanonen stehen lassen. Der Kommandant Tascher ließ nur die Verwundeten in die Stadt, deren Anzahl groß genug war, die Gesunden mußten sich sammeln, um dann in Abteilungen weiter zu marschieren.

Bevor noch das preußisch-russische Hauptheer auf seiner Verfolgung in unsere Gegend kam, hatte das Streifkorps des Majors Boltenstern von Flinsberg über Friedeberg und Marklissa einen Zug nach Katholisch-Pfaffendorf gemacht und dort am 30. August einen großen französischen Artillerietrain überfallen. Mit 56 Gefangenen und 72 angeschirrten Pferden zog dasselbe dann nach Neustadt a.d. Tafelfichte, wo es tags darauf eintraf. Ein sich weit vorwagendes Streifkorps, wahrscheinlich von dem Korps St. Priest, dessen Hauptmasse damals noch bei Hirschberg lag, war es wohl auch, das schon am 28. August plötzlich in Marklissa erschien und dort 760 Taler Kontribution auflegte. Trotzdem es gute Mannszucht hielt, wurde damals dem Verwalter und Richter von Gerlachsheim übel mitgespielt. Hierbei möchte ich nachtragen, daß dasselbe Städtchen schon am 9. Juni des Jahres von dem russischen Freikorps Fiegner - Legion der Rache genannt - arg zu leiden hatte, indem Vieh und Viktualien im Werte von 1000 Talern requiriert wurden.

Am 1 . September rückte die siegreiche preußisch-russische Armee bis an den Queis. Am Abend stand das Korps Sacken mit der Avantgarde in Hohkirch, mit dem Gros in Paritz (Siegersdorf), das Korps Yorck mit seiner Spitze schon in Hennersdorf, mit der Hauptmasse in Naumburg a.Qu., das Korps Langeron mit der Vorhut zwischen Görlitz und Lauban, mit dem Gros in Seifersdorf östlich Lauban, das Korps St. Priest mit den Vortruppen in Seidenberg, mit der Hauptmacht in Marklissa. Die retirierende französische Armee war in und um Görlitz vereinigt, nur die Division Marchand war bis Reichenbach zurückgegangen. Sacken meldete an Blücher: ,,Ich glaube, der Feind setzt sich bei Görlitz. Meinem Dafürhalten nach greife man ihn an, ohne Berücksichtigung auf uns fern liegende Dinge." Um ½ 9 Uhr erreichte der Kavallerieführer Katzeler vom Yorckschen Korps Waldau; um 3 Uhr nachmittags meldete er: ,,Der Feind hatte sich hinter Sohrneundorf förmlich aufgestellt, so daß ich schon glaubte, er würde die jenseits dieses Ortes gelegenen Anhöhen eine Zeitlang halten. Allein die Kolonne zog sehr bald wieder ab. Ich folgte dem Feinde mit zwei Eskadrons Leibhusaren, den brandenburgischen Ulanen und etlichen Pulks Kosaken auf der Straße nach Görlitz. Die Kosaken umschwärmten mit ihren besseren Pferden den Feind, wichen aber jedesmal zurück, wenn er Halt machte. Der Feind geht indessen im ganzen sehr schnell zurück. Den Major von Hiller habe ich angewiesen, mit der Infanterie und den Batterien bis auf die Höhen von Hohkirch nachzufolgen und sich dann nach den Bewegungen des Armeekorps zu richten. Ich vermute, daß der Feind sich bis Görlitz zurückziehen wird!" ½ 5 Uhr setzt Katzeler seine Meldung fort: "Der Feind ist mit dem Gros über die Neiße gegangen und hat nur noch einige Kavallerietrupps zwischen Hennersdorf und Görlitz nahe vor der Stadt ausgestellt. Nach Aussage mehrerer Einwohner sollen vor Görlitz einige Schanzen aufgeworfen sein. Der Rittmeister von Strantz ist mit mir in gleicher Höhe und hat den befohlenen Weg für den Marsch eines Armeekorps praktikabel gefunden. Ich werde vor Hennersdorf eine Vorpostenchaine ziehen und den Feind beobachten."

So hatten am 1. September die Franzosen das Land bis zur Lausitzer Neiße geräumt, und Blücher konnte mit Recht an diesem Tage folgenden Tagesbefehl an seine Armee richten:

 

Schlesien ist vom Feinde befreit. Euer Tapferkeit, brave Soldaten, eurer Anstrengung und Ausdauer, eurer Geduld im Ertragen von Beschwerden und Mangel verdanke ich das Glück, eine schöne Provinz den Händen des gierigen Feindes entrissen zu haben. Bei der Schlacht an der Katzbach trat euch der Feind trotzig entgegen. Mutig und mit Blitzesschnelle bracht ihr hinter euren Anhöhen hervor. Ihr verschmähtet, ihn mit Flintenfeuer anzugreifen; unaufhaltsam schrittet ihr vor; eure Bajonette stürzten ihn den steilen Talrand der Wütenden Neiße und Katzbach hinab. Seitdem habt ihr Flüsse und angeschwollene Regenbäche durchwatet. Ihr littet zum Teil Mangel an Lebensmitteln, da die grundlosen Wege und der Mangel an Fuhrwerk deren Nachfuhr verhinderten. Mit Kälte, Nässe und Entbehrungen und zum Teil mit Mangel an Bekleidung habt ihr gekämpft; dennoch murrtet ihr nicht, und ihr verfolgtet mit Anstrengung euren geschlagenen Feind. Habt Dank für ein so hochlebenswertes Betragen! Nur derjenige, der solche Eigenschaften vereinigt, ist ein echter Soldat. Laßt uns dem Herrn der Herrscharen, durch dessen Hilfe ihr den Feind niedermachtet, einen Lobgesang singen und im öffentlichen Gottesdienst ihm für den uns gegebenen Sieg danken. Ein dreimaliges Freudenfeuer beschließe die Stunde, die ihr der Andacht weihtet. Dann suchet euren Feind aufs neue auf.

 

Die letzten Tage des August und die des anfangenden September gehören zu den schlimmsten, die Görlitz je erlebt hat.

Am 30. August ging die Retirade weiter. Aus der Gegend bei Waldau hörte man vormittags starken Kanonendonner. Auf den Höhen hinter Eislers (jetzt Lorentzens) Vorwerk befand sich ein großes Biwack, von welchem aus kleinere Haufen sich auf die arme Neißevorstadt ergossen, um dort zu plündern und Holzvorräte zu holen. Vom Rathausturme sah man eine ungeheure Menge Kavallerie auf dem Laubaner Wege nach Görlitz zu herankommen, sie ging aber neben der Stadt über die Neiße. Artillerie zog westwärts durch die Kahle. Bei Kummers (jetzt Fetters) Vorwerk hatten sich Truppen mit Kanonen in Schlachtordnung aufgestellt. In Oberneundorf und Ludwigsdorf ließen sich Kosaken sehen, die sich musterhaft betrugen (einer, der einem Bauer etliche Gurken gestohlen hatte, bekam 100 Hiebe) und den Weg nach Weißenberg zeigen ließen. Zwischen elf und zwölf Uhr mittags brannten zwei Gärten vor dem Laubaner Tore ab, das jetzige Höhnesche (Laubaner Straße 19, Nr. 104) und Kindlersche (Bunzlauer Straße 1, Nr. 1023) Gehöft; man gab den Franzosen schuld, sie hätten sie angezündet, um besser aus der dort angelegten Schanze schießen zu können! "Gegen Abend wagte ich mich wieder vor das Laubaner Tor, und welchen Anblick hatte ich da! Viele hundert Flüchtlinge, Reiter und Fußgänger, Franzosen und Deutsche von allen Regimentern und Sorten, hatten sich dort gesammelt und gelagert. Wer nicht blessiert war, mußte hier die Nacht unter freiem Himmel zubringen und sollte wieder zur Armee kommen. Da gab es ein Geschrei, ein Gewimmer, ein Jammern, ein Laufen durcheinander, ein Plündern und Verwüsten in Gärten und Häusern! Auch der aus der Stadt Hinkommende war nicht sicher vor Beraubung und Beleidigung. Was wollt ihr? flämschte mich ein Deutsch-Franzose an, bringt uns lieber Brot für eure Neugierde. Wo ist´s bougre (Kerl)! Ich machte, daß ich fort kam; denn bald gesellten sich zu dem Schmähenden noch andere mit bösen Gesichtern. Sie hätten mir wohl können mein trockenes Röckchen ausziehen. Die Not war groß bei ihnen; ausgehungert, entkräftet, verwundet, erfroren, stellten sie ein Bild des Jammers dar, suchten sich zu helfen, wie sie konnten, und Not kennt kein Gebot. In der Stadt blieben viele mit dem Tode ringend hilflos liegen, und auch das bereitwilligste Mitleid konnte nur einen Teil ihres Elends lindern."

In der Nacht vom 30. auf den 31. August entstand in dem nahen Girbigsdorf ein heftiges Gefecht, in dem die daselbst liegenden Franzosen von den Preußen überfallen wurden. Im Dorfe nämlich standen einige 100 Mann französischer reitender Artillerie. Der kommandierende Offizier übernachtete auf dem Gutshofe Mittel-Girbigsdorf damals einem Besitzer namens Kläbisch, jetzt Schuster gehörig, die übrigen Offiziere aber auf den andern herrschaftlichen Höfen und die Mannschaft in den Bauernhöfen. Sie glaubten sich ganz sicher, obwohl man schon aus Kodersdorf und Rengersdorf Kosaken gemeldet hatte. Diese kamen zwar nicht, wohl aber sprengten preußische Ulanen mit verhängten Zügeln ins Dorf; sie griffen den erwähnten Hof, wo die meisten Offiziere und Pferde sich befanden, mit Entschlossenheit an und machten, ehe diese zur Gegenwehr fertig waren, etliche 30 Mann nebst einigen Offizieren zu Gefangenen, erbeuteten eine Kanone und über hundert Pferde. Durch das Schießen wurden die übrigen im Dorfe liegenden, besonders die auf dem Hofe des Dominialbesitzers Münnich einquartierten Offiziere und Soldaten munter gemacht, sie warteten keine Befehle ab, sondern sprengten in der größten Eile nach der Stadt zu und entkamen so der Gefangenschaft. Die Preußen aber verließen mit ihrer Beute schleunigst das Dorf.

Am 31. August von nachmittags 5 Uhr an geschah die Retirade der Masse des Macdonaldschen Korps und dauerte die ganze Nacht und den folgenden Tag hindurch. "Und welch eine Retirade war das! Sie glich gar nicht der geordneten preußischen und russischen in den Maitagen. Da ging alles wild durcheinander und im Fluge, und auf allen Gesichtern war die Angst zu lesen. Die Brücke hätte brechen mögen unter der Last der ohne Unterlaß und gedrängt darüber Gehenden, und die Häuser hätten mögen weichen, um Platz zu machen. Die Ordnung war aufgelöst und alles strömte mit lautem Rufen durch die Straßen. Kanonen und Pontons bemerkte man nur wenige, aber viel Bagagewagen, auch die des Marschalls Macdonald, der denselben folgte und Obermarkt 29 abstieg. Er rekognoszierte noch abends ½ 9 Uhr die Schanze bei dem Wege nach Hennersdorf und die Gegend vor dem Neißetore. Fast seine gesamte Armee lag hinter Görlitz von Ludwigsdorf an hinter Klingewalde, Rauschwalde bis auf die Weinberge und umgab die Stadt in einem Halbzirkel. Und daß nun die Stadt selbst ungeheure Einquartierung bekam, läßt sich denken. Alle Räume lagen voll Truppen. Mancher Bierhof bekam 30 bis 40 Mann, manches kleine Haus 3 bis 4 Offiziere und Bediente. Viele Offiziere suchten sich wieder ihre vorigen Quartiere oft mitten in der Nacht auf, und da half nichts, wenn sie auch schon besetzt waren, sie blieben da, und es mußte Rat geschafft werden. Es lagerten die Nacht über in der Stadt 780 Offiziere und gegen 5000 Mann. Welche unbeschreibliche Not entstand da in manchen Haushaltungen! Der Mangel an Lebensmitteln stieg aufs höchste. Die Franzosen kamen wie ausgehungerte Wölfe; die Bäcker sollten deshalb nur für die Armee backen, und bei Strafe durfte den Einwohnern nichts von der Backware gereicht werden, wenn sie auch das Haus voll Einquartierung hatten. Dazu kamen noch viele Franzosen, die in den Dörfern und Biwaks lagen, in die Stadt und kauften alles, was nur eßbar war, um den teuersten Preis auf, und Geld hatten die Kerls genug, aber kein Brot. Und woher das nehmen? Es wurde wohl gebacken in den Militäröfen, aber was war das unter so viele? Oft wurde auch von den Halbverhungerten das heiße Brot weggeraubt und verschlungen. Hunger tut weh! War die Angst und Not gestern (31. August) groß, so ward sie heute noch viel größer. Ging man auf die Türme, so sah man überall Feuer. Den armen Dorfbewohnern an der Militärstraße erging es noch schlimmer als den Städtern. Jene konnten gar nicht in den Häusern bleiben, sie mußten in die Wälder oder in entlegene Orte fliehen. So brachten die Bewohner von Siegersdorf a.Qu. tagelang in der Heide zu, die von Hennersdorf in Sercha-Grund (südlich Lissa).

Viel Schrecken erregte das Gerücht, daß die Stadt verteidigt werden würde, und Macdonald dachte sicher daran. Empfing er doch wohl schon am 1. September ein Schreiben Napoleons, daß es von größter Wichtigkeit sei, Görlitz zu behaupten, daß er (der Kaiser) sich in Dresden bereit halte, ihn zu unterstützen oder ihm als Reserve zu dienen, daß schließlich Fürst Poniatowski Zittau besetzt halte und dadurch seinen rechten Flügel decken würde. Deshalb auch die Befestigungen der Stadt und vor der Stadt und die Konzentrationen dicht westlich bei Görlitz. Die Einwohner sollten Feuerlöschgeräte und Wasser auf den Böden bereit halten, Bretter herbeibringen und an den Schiffsbrücken arbeiten. Alle Türen und Kaufläden waren und blieben geschlossen. Schon am 31. August waren sehr viel Truppen durch das Nikolaitor nach Norden geschickt, angeblich nach Rothenburg, in Wahrheit aber in die Gegend von Ludwigsdorf und Klingewalde, um dort Stellung einzunehmen. Macdonald mochte sich nun auf seinem Erkundigungsritte und durch die vor Augen liegende traurige Verfassung seiner Truppen überzeugt haben, daß es unmöglich war, die Stadt Görlitz zu behaupten. Er zog weiter nach Westen. Am 2. September schreibt er bereits von Nostitz (zwischen Weißenberg und Löbau) an den Kaiser: "Ich habe hier mit dem bei Zittau verfügbaren 8. Korps 60000 bis 70000 Mann, jedoch viele ohne Waffen und ganze Abteilungen ohne Munition. Der Feind greift die Nachzügler an, die keine Disziplin zusammenhalten kann. Seine Majestät muß diese Armee an sich heranziehen, zu dem Zwecke, ihr eine bessere Verfassung zu geben und die Geister wieder zu beleben."

Am Abend des 1. September nahm man auch die letzten jenseits der Neiße stehenden Truppen in die Stadt zurück und zündete um 9 Uhr die Neißebrücke wieder an. Man behing sie mit Pechkränzen und, da es an Pech mangelte, mußte noch für 300 Taler Talg dazu geliefert werden. Die Brücke brannte diesmal nicht ganz nieder, es blieb noch ein Teil am Neißtore stehen. Als sie noch in Flammen stand, kamen schon jenseits Kosaken, die herüber schossen, sich aber bald wieder entfernten. Der Kommandant Tascher, der sich nun glücklicherweise am Ende seiner Tätigkeit in Görlitz sah und der des öfteren erklärt hatte, er wolle die Stadt bis auf den letzten Mann verteidigen, hatte auch die Drei- und Vierradenmühle abzubrennen in Absicht, weil es nur Spitzbubennester wären; sie blieben aber wegen ihrer Mehlvorräte erhalten.

Mit großen Ängsten wurde die Nacht vom 1. bis 2. September erwartet. Doch geschah nichts Schreckenerregenderes. Die Franzosen zogen, nachdem sie noch in den Vorstädten alles ausgeplündert hatten, vollends am Morgen, die letzten um 6 Uhr, ab. Die ersten verbündeten Truppen, die die Neiße unter Katzelers Führung durch eine Furt überschritten, fanden die Stadt geräumt und ließen sie deshalb zunächst außer acht; sie stellten sich in einer Linie von den Weinbergen bis Klingewalde auf und verfolgten die vor ihnen zurückgehenden Franzosen, deren letzte Züge an der Weißen Mauer (auf der Rauschwalder Straße) und bei der Landeskrone zu sehen waren.

Bis um 8 Uhr herrschte große Stille in der Stadt. Da drangen Ulanen und schwarze Husaren zum Nikolaitore herein, und bald darauf folgten einige 1000 Mann preußische und russische Infanterie. Man hatte schnell eine Laufbrücke über die Neiße geschlagen; die verbrannte Hauptbrücke konnte man zwar nicht passieren, viele aber stiegen jenseits auf Leitern hinunter auf den Fußboden, auf welchen man Bretter gelegt hatte, und kletterten diesseits bei der Vierradenmühle wieder herauf. Die Kavallerie blieb zunächst rechts der Neiße stehen, bis Schiffsbrücken hergestellt waren, was mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit geschah. Anfangs ging es bei dem Einmarsch etwas wild her. So drangen in der Neißgasse einige Preußen in die Kaufläden und nahmen dort Tabak und Brot; manche schlugen mit den Kolben an die verschlossenen Haustüren, schimpften und nannten uns Franzosenfreunde. "Ich eilte", erzählt Anton, ,,früh um 8 Uhr in mein Gewölbe (Obermarkt 29), da kamen acht bis zehn Kosaken gesprengt und rannten hin ins Gewölbe und schrien mich an. Auf einmal riß mir der eine meine hübsche goldene Uhr aus der Tasche, der andere nahm mir das Schnupftuch; da er aber ein paar Butterschnitten fand, so gab er mir dieses wieder. Die andern nahmen mir mit Gewalt mein schönes Perspektiv von Dollond aus der Tasche. Endlich brachte ich sie mit Kummer und Not fort, schmiß mein Gewölbe zu und ging nach Hause. Es wurde den Grundbesitzern befohlen, einen Mann augenblicklich zur Neißebrücke zu stellen; ich schickte meinen Richard. Zu Mittag war schon der ganze Markt voller Truppen. Der preußische Prinz Friedrich, der bei Nostitz (Obermarkt 29) logierte, kaufte viele Karten bei mir." Nachmittags kam Befehl, daß die Gewölbe wieder geöffnet werden sollten, weil jeder Soldat bei Strafe bezahlen müsse, und daß jeder Wirt für sieben Soldaten Essen auf den Markt schicken solle. Den Tuchhändlern Täschner, Stiller, Noak, Tzschaschel wurden Tuche genommen; Tzschaschel (Brüderstraße 11) rechnete seinen Schaden auf 300 Taler. Das Gros der Verbündeten kam am 2. September bis Hohkirch (Sacken), Kieslingswalde und Katholisch-Pfaffendorf (Yorck); St. Priest gelangte bis Radmeritz. Poniatowsky räumte Zittau und zog sich näher an die Elbe nach Rumburg und Schluckenau. Ihm drängte der österreichische General Bubna nach. Im Rücken der feindlichen Armee griff das Streifkorps des Fürsten Madatow in Wurschen (zwischen Bautzen und Weißenberg) ein Bataillon an, das einen Transport Verwundeter, Kranker und Gefangener führte und nahm es vollständig gefangen. Da Blüchers Landwehr zum Teil ohne Fußbekleidung war, wurde am 2. September nachmittags der Befehl bekannt gemacht, daß ein jeder Wirt ein Paar Stiefeln und ein Paar Schuhe, wenn sie auch nicht ganz neu wären, aufs Rathaus liefern solle. Außerdem erging im Namen Blüchers folgende Verordnung:

 

Allen Einwohnern der Stadt Görlitz wird hiermit anbefohlen, alles französische Eigentum, welches sich in ihren Händen befinden sollte, als Waffen aller Art, Munition, Wagen usw., mir sofort anzuzeigen, mir auch zu melden, ob Militärpersonen gesund oder verwundet sich in ihren Häusern aufhalten oder verborgen haben. Wer dies zu tun unterläßt6, der wird aufs strengste bestraft werden.

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Für den 3. September erließ Blücher von Lauban, wo am 2. sein Hauptquartier war, folgenden Befehl an die drei kommandierenden Generäle Yorck, Sacken und Langeron: Da es noch ungewiß ist, ob der Feind der Böhmischen Armee von Dresden aus folgt oder sich gegen die Schlesische Armee dirigiert, muß ich mit Vorsicht zu Werke gehen, jedoch ihn glauben machen, daß wir mit aller Energie folgen und überall angreifen. Es ist aus den drei Avantgarden ein Avantkorps zu bilden, das die Stärke des Feindes, seine Stellungen und Bewegungen zu erforschen hat und sich mit dem General Priest, der sich auf Bautzen zu wendet, und dem General Bubna (bei Zittau) in Verbindung setzt. Alle drei Korps setzen sich früh um sieben Uhr in Bewegung und nehmen ihre Stellung jenseits Görlitz mit dem linken Flügel an die Landeskrone, den Schöpsfluß vor der Front, dergestalt, daß die Chaussee nach Bautzen zwischen dem Korps von Yorck und dem Korps Graf Langeron bleibt. Das Korps des Barons von Sacken hat den rechten Flügel. Das Korps von Langeron wird eine Brücke dergestalt über die Neiße schlagen, daß die Stadt Görlitz ihm rechts bleibt. - Die französische Boberarmee hatte am 2. September unter dem Schutze einer Brigade der Division Gerard ihren Rückzug von der Neiße bis hinter das Löbauer Wasser fortgesetzt und stand am Abend zwischen Bautzen und Hochkirch gestaffelt mit Arriergarden bei Hochkirch und Wurschen. Poniatowski nahm bei Schluckenau Aufstellung, behielt indessen Rumburg noch mit einer Arriergarde besetzt. Das preußisch-russische Avantkorps unter General Wassiltschiko nahm abends Stellung in der Höhe der Straße Weißenberg-Löbau, die Spitzen auf die Linie Stromberg-Pitschen(Wohlaer)berg vorgeschoben. Das Gros des Schlesischen Heeres lagerte am Abend auf der Linie Ebersbach-Landeskrone. Blücher war entschlossen, seinen Vormarsch bis zur Elbe anzutreten, sich jedoch vor überlegenen Kräften zurückzuziehen.

Die preußisch-russische Hauptarmee ging also am 3. September den ganzen Tag auf drei Schiffsbrücken bei Görlitz zum Teil unter den Klängen einer schönen Musik über die Neiße. Aufsehen erregten vier Kamele sowie viele Kalmücken. Die Stadt war überfüllt von Militär, so bekam der Kandidat Flösset für seine enge Wohnung in Neißstraße 27 sechs Mann Russen als Einquartierung. Gegen elf Uhr früh zog der preußische General Yorck mit dem Prinzen Friedrich von Preußen, einem Neffen des Königs, und um 11 Uhr der Oberkommandant Blücher in einem Wagen mit sechs Rappen bespannt ein. Er quartierte im Hirsch. Es erschienen auch die preußischen und russischen Generäle von Horn, Rauch, St. Priest, der eigentlich in Radmeritz lag, Sacken, Langeron u. a. Die Not in der Stadt war etwas gemildert, da die Preußen Lebensmittel mit herein brachten und in den Backöfen an der Peterskirche, die zum Glück nicht zerstört waren, fortdauernd Brot hergestellt wurde. Auch erließ der preußische Generalkriegskommissar Ribbentrop eine scharfe Verordnung gegen alle Requisitionen einzelner Militärs. Lebensmittel und Fourage dürften, wenn die Kriegskommissarien und deren Bevollmächtigten sie forderten, nicht verweigert werden; es verstehe sich aber von selbst, daß der Empfänger gehörig darüber quittieren müsse.

Inzwischen hatte der traurige Zustand seiner geschlagenen Boberarmee den Kaiser Napoleon zu dem Entschlusse gedrängt, ihr zu Hilfe zu kommen. Die Garden und das Kavalleriekorps Latour-Maubourg sowie das Korps Marmont eilten mit ihm nach der Oberlausitz. Er brach am frühen Morgen des 4. September von Groß-Harthau (westlich Bischofswerda) nach Bautzen auf. Was er dort sah, übertraf seine schlimmsten Erwartungen. Es strömten ihm unbewaffnete Infanteristen in buntem Gemisch haufenweise mit bleichem Antlitz entgegen. Er ließ sie, so gut es ging, ordnen und verteilte an die Hungernden, die Lebensmittel erwartet hatten, neue Gewehre. Nach einem halbstündigen Aufenthalte in Bautzen ritt er um ½ 2 Uhr, in stummes Nachdenken versunken und geführt von dem Marschall Macdonald, auf der Löbauer Straße gegen Steindörfel (westlich von Hochkirch) und Hochkirch vor, wo er sich über die Umgegend orientierte. Er erblickte die Avantgarde der Schlesischen Armee, die an diesem Tage ans ihrem Lager an der Landeskrone in drei Kolonnen gegen Wurschen, Rodewitz und Hochkirch vorging. Sofort ließ er den König von Neapel mit dem 3. Armeekorps und der Kavallerie Latour-Maubourgs auf dem linken Flügel auf der großen Straße von Bautzen-Wurschen nach Görlitz, Macdonald mit dem 5. und 11. Korps, 2. Kavalleriekorps und der Garde rechts auf der Straße über Hochkirch vorgehen. Das Korps Poniatowski und das 4. Kavalleriekorps sollte von Südwesten auf Löbau marschieren, um von dort in der Flanke einzugreifen. Darauf gingen die Verbündeten über das Löbauer Wasser zurück. Die Nacht brachte der Kaiser im Pfarrhause in Hochkirch zu. In der Frühe des 5. September ritt er querfeldein nach dem Wohlaer Berge, wo tags zuvor eine preußisch-russische Stellung gewesen war. Die einlaufenden Meldungen berichteten den eiligen Rückzug der Schlesischen Armee und ließen wenig Hoffnung, sie einzuholen. Dem Kaiser aber wurde es immer klarer, daß Blücher sich planvoll der erwünschten Schlacht entzog, und er sah ein, daß er es nicht wagen durfte, sich in nutzloser Verfolgung von diesem Gegner immer weiter nach Schlesien hinein von Dresden und von seiner Armee bei Wittenberg unter Ney weglocken zu lassen. Er ritt über Kittlitz mit der Kavallerie bis Reichenbach. Unterwegs setzte er sich bei einem verlassenen Meierhofe ermüdet auf Stroh und brachte über eine Stunde lang in dem ernstesten tiefsten Nachdenken zu. Seine Truppen drangen unterdessen über Glossen nach Reichenbach vor, die andere Kolonne bewegte sich gegen Löbau, das die Gegner noch bis nachmittags inne hatten. Zu einem ernsthaften Zusammenstoß kam es nicht, nur bei Reichenbach fand ein Kavallerieangriff statt. Um 10 Uhr abends speiste Napoleon noch in Reichenbach, jedenfalls in seinem früheren Quartier beim Apotheker Schneider (1. Stock), schon in derselben Nacht kam er früh nach 2 Uhr über Cunnewitz und Weißenberg in Bautzen an, von wo er am 6. September mittags über Stolpen nach Dresden reiste, um dem weiteren Vormarsch Schwarzenbergs dorthin entgegenzutreten. Seine Garden und das Korps Marmont gingen ebenfalls nach Westen zurück. Bevor er die Oberlausitz verließ, gab er noch, um der Unordnung in der Boberarmee entgegenzutreten, folgenden Tagesbefehl: "Jeder Soldat, der seine Fahne verläßt, verrät die erste seiner Pflichten. Deshalb wird jeder Soldat, der seine Fahne ohne triftigen Grund verläßt, dezimiert. Darum lassen die Korpskommandanten, wenn zehn einzelne Herumstreifende aufgegriffen sind, diese losen und einen davon erschießen." Natürlich suchte Napoleon seinen und seiner Truppen Rückmarsch nach Westen zu verschleiern, deshalb wurden, wie offiziell angesagt war, in Görlitz noch am 8. September 70000 Franzosen erwartet, die auf 2 Tage mit Brot und Fleisch zu versorgen seien.

In Görlitz erregte es am 4. September große Bestürzung, als die Forderung Blüchers an den Kreis Görlitz bekannt wurde. Er verlangte 300000 Taler (s. unten). Überhaupt traten die Verbündeten jetzt in der Oberlausitz als einem feindlichen Lande strenger auf. Der Stadthauptmann Jähne (wohnte Fleischerstr. 3) und der Advokat Eifler (wohnte Obermarkt 19) wurden wegen ihrer französischen Gesinnung festgenommen und unter einer Bedeckung von Husaren nach Breslau gebracht. Als der Görlitzer Rat sich für Jähne verwandte, wurde das von der preußischen Regierung sehr übel ausgenommen. Erst am 23. November kehrten die beiden zurück, sie waren aber sehr anständig und human behandelt worden. Beide zeigten sich übrigens später als gute deutsche Patrioten. Eifler trat am 27. Februar 1814 zur Landwehr. Am Abend des 4. September hörte man gegen Bautzen eine starke Kanonade, in der Nacht kamen Blessierte und Wagenzüge von dort an; wie scheint verschob das preußische Heer jetzt seine Stellung mehr nach den Königshainer Bergen.

Nach Blüchers Befehl sollte am 4. September das Korps Sacken von Ebersbach über Holtendorf und Mengelsdorf – Reichenbach links lassend - auf Meuselwitz marschieren, beim Wasserkretscham (südöstlich Weißenberg) das Löbauer Wasser überschreiten und sich dann auf Wurschen wenden; Yorck über Reichenbach, Schöps und Glossen auf Niethen (östlich Pommritz) und Pommritz, Langeron von

der Landeskrone aus über Gersdorf, Reichenbach nördlich lassend, auf Hochkirch, St. Priest über Löbau auf Schirgiswalde, südlich Bautzen, rücken, während Bubna über Neustadt gegen Stolpen des Feindes rechte Flanke umgehen sollte. Nun kamen, wie berührt, diese Vorwärtsbewegungen wegen des Eintreffens Napoleons nur zum Teil zur Ausführung. Das Blüchersche Avantkorps kam bei Hochkirch, am Pitschen- oder Wohlaer Berge, auch bei Wurschen mit dem Feinde ins Gefecht und zog sich vor dessen überlegenen Streitkräften erst dann zurück, bis der Rückzug der Masse des Heeres gesichert war. Blücher hatte nämlich unterdessen in seinem Hauptquartier zu Glossen (nördlich Löbau) die Ankunft Napoleons mit seinen frischen Truppen erfahren und gab sofort, dem allgemeinen Kriegsplan entsprechend, den Befehl zum Rückzuge. Die 3 Korps Sacken, York und Langeron zogen in einem beschwerlichen Marsche in der Nacht vom 4. bis 5. September in ihre Stellungen an der Landeskrone ab. Das Avant- oder jetzt Arrierekorps unter Wassiltschikow ging am 5. September bei Tagesanbruch von Glossen auf Reichenbach und nahm dort Stellung auf dem Töpferberge.

Seine Kavallerie hatte dabei noch heftige Kämpfe mit dem nachdrängenden Feinde, wobei Katzeler unter dem Jubel der auf der Höhe zusehenden Infanterie eine französische Division zurückwarf. Unter dem Schutze dieser Kavalleriekämpfe trat die Infanterie des Avantkorps den Rückzug an, verfolgt von heftigem Geschützfeuer. In der Höhe der Landeskrone war Wassiltschikow gezwungen, nochmals Stellung zu nehmen, da das Gros der Armee den Übergang über die Neiße noch nicht ausgeführt hatte. Es war eine Stockung an den Brücken entstanden. Die Wagen verfuhren sich in und neben der Stadt, es war Konfusion an allen Ecken, Wagen fuhren durch den Fluß, viele blieben stecken. Die Sache sah verzweifelt gefährlich aus, wäre es auch gewesen, wenn der Feind unmittelbar gefolgt wäre. Um der Unordnung zu steuern, gab der greise Blücher den Truppen ein Beispiel und ging etwa um 9 Uhr morgens an der Spitze der Kavallerie durch den Fluß. Eine preußische Brigade und zwei russische Infanteriekorps machten hinter den Flußübergängen Front, um die unmittelbar folgende Arrieregarde aufzunehmen. Bei Görlitz hatten in der Nacht zum 6. September die beiderseitigen Armeen folgende Stellung: Das schlesische Avantkorps unter Wassiltschikow auf der Linie Moys-Leopoldshain, das Korps Langeron bei Pfaffendorf (zwischen Görlitz und Lauban), das Korps York bei Kieslingswalde, das Korps Sacken bei Hohkirch weiter im Süden bei Seidenberg stand das Korps St. Priest. Bei dem Rückzuge dieses Korps war es wohl auch, daß am 6. September mittags die hölzerne Neißbrücke beim Kloster Marienthal in Flammen aufging, wobei noch 8 Wohnhäuser mit in Brand gerieten. Von der französischen Armee stand die Avantgarde in und um Görlitz, das Gros an der Landeskrone. Poniatowski lagerte bei Löbau, seine Avantgarde bei Ebersdorf, südlich Löbau. Er nahm gegen die österreichische Division Bubna, die zwischen Zittau und Rumburg sich befand, eine beobachtende Stellung ein.

Bei dem Zurückzuge der Verbündeten am 5. September - es war ein Sonntag - hatte natürlich unser Görlitz wieder stark zu leiden. Dabei kam die innere Stadt verhältnismäßig leidlich weg, weil die Hauptbrücke noch nicht wieder hergestellt war. Nachmittags langten viele verwundete Preußen an. Einer war in den Kopf gehauen und hing schwebend auf dem Pferde; ein anderer war durch den Arm gestochen, saß aber ebenfalls zu Pferde, das durch ihn ganz blutig geworden war; ein dritter konnte sich vor Blutverlust kaum auf seinem ebenfalls verwundeten Tiere halten, ritt ganz langsam an den Wänden der Häuser hin und stützte sich mit der einen Hand. Die große Masse ging durch die westliche und südliche Vorstadt der Schiffsbrücke zu. Die Soldaten zeigten große Ruhe und Besonnenheit und kamen Dank der Maßnahmen des Oberkommandos glücklich über die Neiße, ehe die Franzosen sie erreichten. Jenseits des Flusses aber waren zur Abwehr des Überganges Kanonen aufgepflanzt. Die stärksten Kolonnen der Franzosen nahten sich zwischen Schlauroth und der Landeskrone und nahmen ihre Richtung auf den Weinberg und die Obermühle. Ein Viertel nach 6 Uhr abends verließen als die Letzten die Kosaken die Stadt, denen ein Regiment Westpreußen und preußische Landwehr vorangegangen waren. Die geängstigten Einwohner hatten Wasser in Bereitschaft, da durch das Einschlagen der Sprengkugeln Brände befürchtet wurden.

Fast den ganzen Tag hörte man in Görlitz Kanonendonner. Zwischen 5 und 6 Uhr abends war er ganz nahe und furchtbar laut, daß Türme und Häuser erbebten und viele Fenster zersprangen, auch die Stadt mit Pulverdampf erfüllt war. Gleichzeitige Berichte erzählen von französischen Kanonen, die gegen Abend am südwestlichen Ende der Melanchthonstraße, etwa dort, wo die Volksschule sich erhebt, feuerten, ferner von einer russischen Batterie auf der Viehweide, die sich bald über den Fluß zurückzog. Während der starken Kanonade platzte eine Granatkugel neben der Frauenkirche, andere Kugeln schlugen in die Häuser an dem Obermühlwege und in die Lazarettscheunen auf der Viehweide ein. Als die Franzosen herannahten, fingen die 3 Batterien der Verbündeten bei Fetters Vorwerk, auf der Anhöhe weiter nördlich zwischen dem Fetterschen und Zschiegnerschen, damals Benadischen Vorwerk (Nr. 1071a, jetzt Prager Straße 90) und auf dem Rabenberge furchtbar zu feuern an. "Man sah auf dem linken Neißeufer eine große Reitermasse (wohl 60 Schwadronen) sich bilden und auf eine Furt zurücken, hinter der nur ein Kavallerieregiment der Verbündeten stand. Als jene Reitermasse, vom König von Neapel geführt, sich hinreichend genaht, schwenkte rechts der Neiße jenes Regiment rechts und links ab, und eine zahlreiche schwere Artillerie eröffnete ihr Feuer in die dicht gedrängte französische Masse. Man sah bei derselben einige Bewegung her und hin, dann ging sie in gestrecktem Trabe aus der Schußweite." Auch eine französische Batterie auf dem Obermühlberge wurde verscheucht. Erst gegen 8 Uhr, als die Stadt in französischem Besitze war, hörte das Schießen aus den großen Geschützen auf; die ganze Nacht aber dauerte das Kleingewehrfeuer an, indem die preußischen Jäger und die Husaren, in der Neißevorstadt und den Gärten versteckt, mit ihren Büchsen herüberschossen und die Franzosen das Feuer erwiderten.

Gegen Abend dieses 5. Septembers sah man auf einem Balken einer zerstörten Schiffsbrücke mitten in der Neiße einen preußischen Jäger mit seinem Gewehre. Wäre er bis ans Wehr gekommen, so war er verloren. So aber rettete ihn mit einem Kahne ein braver Gerberlehrling, Johann Gottfried Günzel, später Besitzer des Hauses Nikolaistraße 12. Gegen ½ 7 Uhr drangen schon einzelne Franzosen in die Stadt; auf der Büttnerstraße fanden sich noch einige preußische Jäger, die sie gefangen nahmen; der eine wurde auch verwundet und erhob ein erbärmliches Geschrei. Noch am Abend erschienen auch der König von Neapel und Macdonald, die beide Obermarkt 29 ihr Quartier nahmen. Die Hauptarmee der Franzosen blieb zwischen Biesnitz und Rauschwalde. "Abends 9 Uhr ging ich wieder auf den Ratsturm, von wo ich in der Nähe 9 bis 10 Feuer sah. Es brannte das Reichsche Vorwerk (jetzt Leontinenhof), 4 Stadtgärten auf der Laubaner Straße (es waren die Nummern 1027, 1028, 1029 und 1036, jetzt Laubaner Straße 4, 5, 6 und 14), der Deutschmannsche, sonst Seligersche Stadtgarten (jetzt Biesnitzer Straße 860, W. Brose gehörig), ein Haus auf dem Stockberge (zwischen Rothenburger Straße und Neugasse), eins auf der Rabengasse (jetzt nördlich Prager Straße); es brannte in Leopoldshain, Hennersdorf, Moys, Schönberg, Leschwitz, Troitschendorf; es brannten die Brücken, ein Teil der alten Lager (bei Moys), unzählige Wachtfeuer. Vielmal ward von den Türmen gestürmt, aber niemand kam zum Löschen, denn immer noch ward geschossen, und jedermann hatte mit seiner Einquartierung zu tun." Diese Nacht vom 5. zum 6. September hatten die Vorstädte fürchterlich zu leiden. Vornehmlich plünderte das 10. Husaren-Regiment, das sich in der Nähe des Heiligen Grabes gelagert hatte, alle Häuser des Steinwegs, der Boggasse und der Lunitz rein aus. Hilfe konnten die armen Bewohner nicht herbeischaffen, weil am Nikolaitore, am Kreuztore (wo der Obersteinweg mit der Lunitz zusammentrifft) und am Niedertore (wo die Finstertorstraße in die Rothenburger Straße einmündet) französische Wachen standen. Die ersten dieser Husaren waren etwas nach 9 Uhr abends auf den Steinweg gekommen und suchten Lebensmittel. Beim Bäcker Finster (Nr. 587, Boggasse 8) und beim Tuchmacher Petzold (Nr. 532, Boggasse 7) drangen sie mit Gewalt ein und schleppten alle Sachen fort; ein Tuchmacher Müller erhielt einen starken Hieb ins Bein, dessen Heilung ein halbes Jahr brauchte. Petzold flüchtete in seinen Garten, wo unter den Tuchrahmen diese Nacht 18-20 Personen sich versteckten. Und als ihre Anwesenheit durch das Geschrei der Kinder verraten war, wollten die Soldaten, die im Wohnhause alles bis zu dem obersten Boden durchstöberten, in den Garten dringen, wurden aber von den Tuchmachergesellen, die mit Stangen sich verteidigten, daran verhindert. In der Nachbarschaft, in die die Franzosen zu Hunderten drangen, ging es ebenso zu, Schränke und Kommoden wurden aufgesprengt und zerhackt, alles, was von Wert schien, herausgerissen, Türen, die verschlossen waren, aufgesprengt; den Tuchmacher Rehfeld plünderte man bis aufs Hemd aus und zwang ihn, alle Behältnisse aufzuschließen. Die Plünderung dauerte bis früh um 4 Uhr. Der Schaden, den in dortiger Gegend 50 bis 60 Häuser erlitten, wurde auf 10000 Taler geschätzt. Die armen Einwohner verließen ihre teilweise sehr beschädigten Häuser und zogen mit ihrer Habe in die Stadt, bis wieder Ruhe eintrat. Sie wandten sich am 6. September an den König von Neapel und dann mit einer Bittschrift an den Marschall Macdonald. Diese Eingabe lautete folgendermaßen:

 

An Sr. Durchlaucht den Herzog von Tarent!

Wenn wir Unterzeichnete es wagen, Euer Durchlaucht eine untertänigste Bitte vorzutragen, so kann nur die höchste Not oder hoher Befehl unsere Kühnheit entschuldigen, da wir wohl wissen, daß Ew. Durchlaucht zu sehr mit dem großen Zweck Ihres Kommandos beschäftigt sind, um den Beschwerden einzelner Gehör schenken zu können.

Beides ist gegenwärtig vorhanden; denn Se. Königliche Hoheit der König von Neapel hat uns allergnädigst an Ew. Durchlaucht verwiesen und unsern Notstand wird die folgende Darstellung zeigen, für die wir Ew. Durchlaucht gnädiges Gehör erbitten:

Wir find friedliche Bürger der hiesigen (sogenannten) Nikolaivorstadt, größtenteils von der Tuchmacherei lebend, haben seit acht Jahren alle Lasten des Krieges ertragen und durch Fleiß und Mühe einiges Wenige erübrigt. Um so schmerzhafter ist es uns jetzt, unsern sauer erworbenen Verdienst auf einmal zu verlieren. Wie dies geschehen, erlauben Ew. Durchlaucht uns im folgenden der Wahrheit gemäß vorzutragen:

Am gestrigen Abend nach 9 Uhr erschienen einzelne Trupps von Husaren des 10. kais. franz. Husarenregiments, verlangten die Türen geöffnet zu haben und forderten Brot und Branntwein. Wir, von französischen Truppen nichts Arges erwartend, öffneten willig unsere vor den feindlichen Truppen geschlossenen Haustüren und gaben den eindringenden Husaren, zu welchen sich in der Folge Infanteristen gesellten, Branntwein, Brot und Bier. - Als sie dies empfangen, verlangten sie noch mehr und bestanden darauf, alle Türen, Schränke und Kasten geöffnet zu haben. Wer von uns diesem Verlangen nicht sogleich sich offerierte, ward entweder durch Mißhandlungen dazu gezwungen oder die Soldaten schlugen Türen, Kommoden, Schränke usw. selbst auf. Nun nahmen sie alles, was sie fanden, Lebensmittel aller Art, Kleider, Wäsche, Geld, fertige ganze Tuche, Uhren, - kurz, was sie nur immer vorfanden. Wer nicht alles gutwillig nehmen ließ, ward mißhandelt, ihm der Säbel auf die Brust gesetzt, auch wohl gar verwundet, wie das besonders Graupnern begegnete, der nach dem Inhalte des beiliegenden Attestats eine nicht unbedeutende Kopfwunde erhalten hat. Dabei waren wir noch in der größten Gefahr, unsere Häuser durch Brand zu verlieren, indem die Plünderer mit brennendem Lichte höchst unvorsichtig bis unter die Dächer unterer Häuser und in alle Gemächer sich begaben. Mehrmals sind wir ausgegangen, eine Sauvegarde zu holen, allein die Torwache ließ uns nie in die Stadt passieren. Offiziere, welche diesem Unfug gesteuert hätten, waren nicht zu erlangen, vielmehr kam ein Militär in blauem Oberrock, dreieckigem Hute mit Kordons, mit einem Offizierdegen versehen, mit in unsere Häuser, und war beinahe der schlimmste unter den Plünderern; hat auch vor Habbegierde seinen Degen zurückgelassen, welchen wir anbei mit überreichen. - Diese Plünderung dauerte bis früh um 1 Uhr fort, da die plündernden Trupps sich unaufhörlich ablösten und so manches Haus sieben Mal ausgeplündert worden ist. Der uns hierdurch verursachte Schaden ist für uns bedeutend, in manchen Häusern beträgt er 7 bis 800 Taler, und viele Häuser sind ausgeplündert worden. - Allein nicht genug, daß wir diese fürchterliche Nacht unter wahrer Todesangst überstanden haben, nun fürchten wir noch mehr für die jetzt kommende. Außerstande, den Soldaten etwas zu geben, müssen wir mit Gewißheit nicht nur erwarten, daß wir, wenn sie bei uns nichts finden, auf das fürchterlichste gemißhandelt werden, sondern wir müssen auch fürchten, daß man unsere Häuser anzünde, womit wir schon gestern bedroht worden sind. In dieser Not wenden wir uns, dem hohen Befehle Sr. Majestät des Königs von Neapel gemäß, an Ew. Durchlaucht mit der untertänigsten und angelegentlichsten Bitte; die Nikolaivorstadt noch heutigen und künftige Abende durch hinlängliche Sauvegarde gnädigst schützen zu lassenl Da unsere Vorstadt ziemlich weitläufig ist, so finden wir nicht für undienlich zu bemerken, daß wenige Mannschaft  uns zu schützen, nicht zureichen dürfte.

Von Ew. Durchlaucht allbekannter Milde und Gerechtigkeit erwarten wir zuversichtlich Hülfe durch Gewährung unserer Bitte, wofür wir mit den dankbarsten Gesinnungen verharren werden.

Euer Durchlaucht

Untertänigste,

die Bürger der hiesigen Nikolaivorstadt

Görlitz, den 6. September 1813

 

Diese Bittschrift wurde von dem wohlwollenden Macdonald, dessen edle Charaktereigenschaften auch von den Gegnern anerkannt wurden, sehr gnädig aufgenommen. Ob aber den armen Leuten eine Schutzwache gegeben wurde, ist nicht bekannt.

Bevor ich weiter auf die für Görlitz so verhängnisvollen Tage vom 6. bis 9. September eingehe, sei die allgemeine Lage der Kriegführenden in unserer Gegend kurz berührt.

Macdonald rechnete damit, daß die Rückkehr Napoleons und der Abmarsch der Garden nicht sofort dem Blücherschen Hauptquartier bekannt wurde. Um den Schein hervorzurufen, als beabsichtige er den Vormarsch fortzusetzen, ließ er am 6. September durch verschiedene kleine Kolonnen die Neiße überschreiten, die Masse der Armee dagegen an der Landeskrone halten. Blüchers Korps brachen um 5 Uhr des 6. September auf: Sacken ging bei Siegersdorf über den Queis nach Paritz, Yorck rückte über Katholisch-Hennersdorf und Haugsdorf nach Naumburg am Queis, Langeron überschritt den Queis bei Lauban, St. Priest blieb bei Seidenberg stehen; die Avantgarde (das Avantkorps war aufgelöst) blieb in der Höhe von Hohkirch und Gruna, die äußersten Vorposten bei Görlitz. Nun erfuhr die Oberleitung der Verbündeten gar bald, daß der Kaiser mit seiner Garde zurückgegangen sei; vornehmlich gab darüber Gewißheit die Aussage eines Sekretärs des Generals Taulaincourt, den der ewig rastlose Streifkorpsführer Fiegner zwischen Reichenbach und Bautzen gegen 5 Uhr aufgebracht hatte. Blücher gab zunächst am 7. September Ruhetag, dann aber beschloß er auf Grund dieser Nachrichten wieder die Offensive zu ergreifen, den Feind bis Bautzen zurückzumanöverieren oder, wenn er an der Neiße standhalten sollte, ihm eine Schlacht zu liefern. Er wollte am 8. September Macdonald in der Front beschäftigen, mit dem Gros der Armee bei Ostritz und Radmeritz die Neiße überschreiten und den Gegner in der Richtung auf Löbau und Reichenbach im Rücken angreifen, falls er sich verleiten ließ, standzuhalten. Dementsprechend rückte das Korps Sacken am 8. September nach Hohkirch, Yorck nach Kieslingswalde, Langeron nach Ostritz; St. Priest, der die Avantgarde Langerons führte, überschritt die Neiße bei Ostritz, warf eine französische Abteilung bis hinter Tauchritz zurück und gelangte bis Bernstadt. Am 9. September sollte Sacken den Feind vor Görlitz beschäftigen, die andern Korps aber ihn womöglich im Rücken fassen und etwa bei der Landeskrone angreifen. Diese Absicht wurde wegen der schlechten Wege - den ganzen 7. September hatte es stark geregnet - und weil Macdonald wohl von der Höhe der Landeskrone diese Gefahr hatte erkunden lassen, nicht erreicht. Macdonald eilte, über Reichenbach Bautzen zu gewinnen; bei und südlich von Löbau hielt das polnische Korps unter Poniatowski vornehmlich durch das ernste Gefecht bei Ebersdorf die Truppen St. Priest auf, wodurch dem Heere Macdonalds ein sicherer Rückzug von Görlitz her verschafft wurde. Am Abend des 9. September befand sich das Korps St. Priest, das nachmittags 4 Uhr Löbau besetzt hatte, aber vor sich noch nördlich von Löbau feindliche Truppen stehen sah, zwischen Löbau und Eiserode, das Korps Langeron bei Bernstadt, das Korps York bei Grunau nördlich Ostritz, das Korps Sacken bei Görlitz; von der feindlichen Armee war das Korps Poniatowski nach Bautzen gerückt, das Korps Lauriston hielt bei Plotzen nordwestlich Löbau, der Rest der Armee bei Glossen und Weißenberg, nördlich Löbau.

Am 8. September, abends 9 Uhr, kam Blücher von Lauban nach Stift Joachimstein; begleitet war er von dem Prinzen Wilhelm von Preußen (dem späteren deutschen Kaiser), den Generälen Gneisenau und Rauch. Das Stift war schon seit dem 1. September von Truppen fortdauernd heimgesucht; jetzt mußte für eine viel größere Menge Einquartierung gesorgt werden: 56 Offiziere mit 60 Bedienten, ein ganzes Bataillon Garde, die am Portal biwakierten, lagen in und dicht bei dem Schlosse, im Wirtschaftshofe 320 Pferde. Der liebenswürdige Prinz Wilhelm lud die Stiftsdamen nebst den sämtlichen Offizieren abends zu Tee und Ball ein; die Küchenwagen wurden abgepackt und die Tische mit Tee, Bäckereien, Punsch und Wein reichlich besetzt. Einige Damen aus der Nachbarschaft waren schnell noch geladen und durch sichere Geleitmannschaft abgeholt. Der Prinz, der General Blücher, alle Generäle tanzten mit. Der oben erwähnte Professor Steffen, der einen Kosakenzug führte, erzählt: "Ich ward (bei meiner Ankunft in Joachimstein) in eine Lage versetzt, die mir in der Tat peinlich war. Eine Flügeltür wurde eröffnet, die alte ehrwürdige Abtissin - damals die verwitwete Kabinettsminister Gräfin von Löben - erschien, ein Teil der Fräulein, die eben nicht tanzten, bildeten einen Zug und schritten so feierlich auf mich zu. Die Abtissin begrüßte mich durch eine Anrede, die mich in die größte Verlegenheit setzte. Blücher war zugegen und erstaunt, ich selbst konnte durchaus nicht einsehen, wie ich zu dieser unerwarteten            Ehrungbezeigung kam. Da trat ein jüngerer Mann auf mich zu, der mir völlig unbekannt war, er nannte sich Graf von Löben, bekannt als Dichter unter dem Namen Isidorus Orientalis (s. oben S. 22), der sich ganz an die neuere Schule und besondere an Novalis angeschlossen hatte und in seinem Sinne dichtete; er war der Sohn der Abtissin und brachte diese bedenkliche Zeit im Kloster zu als Ratgeber und Beschützer der Frauen. Er glaubte, unter so außerordentlichen Verhältnissen seinen philosophischen und poetischen Geistesverwandten feierlich empfangen zu müssen und hatte den Zug veranstaltet. Blücher schien verdrießlich, die übrigen Offiziere sahen erstaunt zu, begegneten zwar den Damen mit großer Höflichkeit, wünschten mir wohl auch Glück zu einer solchen Huldigung, die doch von den meisten mit scharfer Ironie behandelt wurde. Einige Offiziere hatten die Gedichte des Grafen zum Teil gelesen, seine christelnden Überschwenglichkeiten wurden Gegenstand des derben Spottes, und er hat nie eine wohlmeinende Huldigung auf eine für mich unangenehmere Weise stattgefunden." - Steffens kam am folgenden Tage nach Herrnhut, wo er bei einem liebenswürdigen Wirte Burckhardt, dessen Nachkommen jetzt noch dort blühen, Quartier nahm. Auch Blüchers Hauptguartier befand sich vom 10. bis 15. September in Herrnhut.

Nun zurück nach Görlitz! Noch am Abend des 5. September gegen 9 Uhr ließ der König Murat, der Obermarkt 29 einquartiert war, den Kaufmann Karl Gotthelf Geißler, dessen Wohnhaus (Weberstr. 14) er sonst bezogen hatte, zu sich bitten. Dieser fand den König auf seinem Bette lang ausgestreckt liegen, und ehe er ihm noch seine Untertänigkeit bezeigen konnte, rief er ihm entgegen: "Haben Sie Einquartierung?" - "Noch nicht." - "Gleich 2 Oberste von meiner Suite hin zu Herrn Geißler; sie sichern ihm das Haus; die Nacht kann unruhig werden, und ich kann es nicht übersehen." (Die beiden Obersten gingen sogleich nach Weberstraße 14.) - "Ich bedaure, daß ich nicht das letzte Mal zu Ihnen kommen konnte, indem ich noch den nämlichen Abend nach Dresden mußte (s. unten S. 53). Es ist heute scharf zugegangen; ich habe mit meiner Kavallerie dem Feinde vielen Schaden getan und eine neue Dekoration erhalten, indem eine Kanonenkugel hart vor meinem Pferde einschlug und mich über und über mit Erde bespritzte. (Noch war er voller Schmutz.) Welche Meinung hat man bei der feindlichen Armee von mir?" - "Die höchste und beste." (Das war in der Tat der Fall.) - "Aber welche vom Kaiser?" - Geißler holte beklommen Atem, lügen wollte er nicht, endlich sagte er ohne Scheu: "Gerade das Gegenteil von Ihnen." - "Ich weiß es, ich weiß es."

Schon in der Nacht zum 6. September hatten sich mehrere französische Plänkler über die Neiße bis in das Büschchen bei dem Lorentzschen Vorwerke gewagt; da sie aber auf die russischen Vorposten, die nur 200 bis 300 Schritt vor ihnen standen, stießen, gingen sie zurück. Am Morgen schoß man von beiden Seiten der Neiße aufeinander, wobei z.B. Franzosen auf der Stadtmauer bei der Peterskirche standen. "Ich ging auf den Hausboden des Hauses Nr. 382 (Kränzelstraße 27), welches alle Häuser am linken Neißeufer überragt, und konnte durch ein Klappfenster des Daches das Plänkeln der Nachhut so recht sehen. Es war auch interessant zu beobachten, wie die preußischen Jäger einzeln auf der Rabengasse umherliefen, sich bald verkrochen, dann schnell hervorkamen, losplatzten und sich wieder verbargen. Aber es mochte mich und noch einen andern ein Jäger jenseits gewahrt haben, und dieser schoß mit seiner Büchse über die Neiße nach dem Fenster, so daß die Kugel uns ganz nahe einen Ziegel sprengte und breit geschlagen herein auf die Diele des Söllers fiel. In der Ferne auf dem hohen Ufer stand ein Regiment Ulanen und Kosaken." Man arbeitete rastlos an der Hauptbrücke, sowie auch an 4 Schiffsbrücken. Um ½ 10 Uhr gingen französische Tirailleurs über den Fluß, worauf sich die Feinde zurückzogen; gegen 12 Uhr standen die Franzosen, von denen große Massen von Biesnitz her sich über den Obermühlberg nach der Viehweide bewegt hatten, auf dem Rabenberge. Bei Hennersdorf, Hermsdorf und Leopoldshain sah man die Verbündeten in Schlachtordnung stehen, die Franzosen nach Leschwitz zu, und man fürchtete einen ernsten Kampf bei der Stadt. Glücklicherweise täuschte man sich, keine Partei machte einen ernstlichen Vorstoß. Gegen 11 Uhr vormittags ging das noch stehende Lager bei Moys in Flammen auf; die Menge Brennstoff, die sich dort befanden, verursachte einen schwarzen dicken Rauch, der den ganzen Horizont verdunkelte.

Auch am 7. September verhielten sich die beiden Gegner ruhig, zumal es den ganzen Tag regnete. Die Lage der Stadt, die mit Einquartierung sehr stark belegt war - man sprach allein von 1500 Offizieren - wurde immer trauriger, auch die nächste Umgebung, in der angeblich 15000 Mann biwakierten, wurde vollständig ausgesogen. An den Brücken mußte fortwährend gebaut werden. Stadtkommandant war Gérard, ein überaus tüchtiger General, der 1812 nach dem Unglück an der Beresina sich ausgezeichnet hatte. Murat verließ am 7. September für immer unser Görlitz.

Am 8. September zeigten sich schon Anzeichen des beabsichtigten Rückzuges der Macdonaldischen Armee, obwohl man, um eine Täuschung zu verursachen, den Bürgern noch 70000 Mann neue Einquartierung ansagte und 300 Mann zur Errichtung einer Schanze bei Klingewalde verlangte. Die Vorplänkler der Verbündeten erschienen wieder auf der Anhöhe rechts der Neiße, ja 20 Kosaken wagten sich über die Neiße, wurden aber aufgehoben; die Arbeiten an den Brücken wurden von den Franzosen eingestellt; die Magazine wurden aufgeladen und weggebracht; auch besetzte ein Bataillon Franzosen das Neißeufer auf der Viehweide, um den Rückzug zu sichern. Um 11 Uhr sendete der Marschall Macdonald einen polnischen Parlamentär mit einem Trompeter an die russischen Vorposten, den die Kosaken auf dem Moyser Wege empfingen und "ins Hauptquartier nach Hermsdorf" begleiteten. In der Stadt sah es greulich aus, überall lagen Stroh- und Misthaufen; obwohl der Regen aufgehört hatte, konnte man vor Schmutz kaum gehen.

Am 9. September begann nun der eigentliche Rückzug. Schon ganz früh um 2 Uhr fing es an allenthalben unruhig zu werden, man packte in den Biwaken und in der Stadt ein und schickte sich an, wegzumarschieren. Der rechte Flügel der Franzosen auf den Weinbergen setzte sich zuerst in Bewegung, der linke bei Klingewalde erst später. Gegen 10 (nach anderen Quellen 11) Uhr verließ der Marschall Macdonald mit seinem Generalstabe die Stadt, er hatte eine starke Kavalleriebedeckung bei sich. Die Generale Souham, der damals über das Neysche 3. Armeekorps den Befehl führte, und Sebastiani, der Führer des 2. Kavalleriekorps, folgten ihm. Die Neißebrücke, die für Fußgänger noch gangbar war, wurde zerstört; das Holz, das mit großer Mühe zum Bau der Brücke zusammengefahren worden war, wurde zerhackt und verbrannt, die Schiffsbrücken selbst in Brand gesteckt. Selbst Kranke und Blessierte suchten zu entkommen. So kamen 2 arme Franzosen, die an den Füßen verwundet waren, vom Kloster her gekrochen und harrten mitleidiger Leute, die sie vielleicht auf einem Wagen mitnehmen wollten. Doch alles floh in stürmischer Eile zu dem Tore hinauf und achteten ihrer nicht. Bis 12 Uhr herrschte nach dem Abzuge eine große Stille in der Stadt. Dann kamen die Kosaken. Die ersten schwammen über den Fluß; dann erschienen sie in größerer Masse zwischen dem Frauen- und Reichenbacher Tore, vor ihnen sah man viele flüchtende Franzosen. Mehrere wurden eingeholt und samt ihrem Raube, den sie aus der Stadt mit fortschleppten, abgefaßt. Ein Kosak fand an der Mauer eines Hauses in der Vorstadt einen Franzosen angelehnt. "Kaput?" fragte er, und der Franzose antwortete: "Kaput!" Eiligst griff der Kosake in die Tasche und in mitleidigen Tone das Wort "Kaput" wiederholend, reichte er dem angstvollen Franzosen einen Zehrpfennig, ließ ihn ruhig hinter sich in der Vorstadt und eilte dann zum Tore hinaus dem Feinde nach. Um 2 Uhr erschienen dann die behenden Gesellen auch in der Stadt, ½ 4 Uhr rückte die erste russische Infanterie mit gefälltem Bajonette herein, die übrigen blieben noch in der Neißevorstadt, bis die Brücken hergestellt waren. Dazu mußten sofort die Einwohner aus jedem Hause 2 Männer schicken; es wurden an diesem Tage 2 Schiffsbrücken fertig, die Hauptbrücke wurde notdürftig durch Bretterbelag für Fußgänger passierbar gemacht.

Ein Denkmal, das an diesen Rückzug vom 9. September erinnert, steht noch jetzt auf dem Kapellenberge bei Kunnersdorf. Es hatte sich an diesem Tage ein beträchtlicher Teil französischer Truppen auf dem Berge mit Kanonen aufgestellt und drohte die im Tale liegenden Ortschaften, in denen sich verfolgende Truppen zeigten, zu beschießen. Doch wichen sie schleunigst vor den durch Ebersbach kommenden Verbündeten zurück. Am 27. Oktober 1814 ließ zum Gedächtnis daran die damalige Besitzerin von Kunnersdorf, Frau Friederike Amalie von Kleist, geb. Gräfin von Hoffmannsegg, ein eichenes großes Kreuz dort errichten mit der Inschrift: "Ehre sei Gott in der Höhe" usw. Das Kreuz fand eine Erneuerung 1866.

Die Franzosen hatten natürlich in den Tagen des 6. bis 9. September ihre Plünderungen wacker fortgesetzt. Außer der oben berührten schrecklichen Durchraubung der Nikolaivorstadt litten alle übrigen Vorstädte entsetzlich. Fast kein Haus blieb unbeschädigt. Die von Hunger geplagten zügellosen Soldaten, deren Kriegszucht in den schrecklichen Tagen nach der Niederlage an der Katzbach ganz zerrüttet war, durchwühlten alle Stadtgärten, rissen die Feld- und Gartenfrüchte aus dem Boden, erbrachen die Scheunen, schleppten alle Vorräte an Getreide und Heu heraus, verfütterten oder verdarben sie. Eine Menge Gebäude gingen in Flammen auf, mehr noch wurden zerstört, das Holz im Biwak und beim Kochen verbrannt. Vor allem litten die Galgengasse (jetzt Rothenburger Str.) und die Laubaner Straße. Wo das französische Lager gestanden hatte (Zittauer Straße), war alles zertreten und vernichtet. Kurz alles, was Görlitz und seine Umgebung im Frühjahr bei der Retirade der Russen und Preußen erlitten hatte, war mit den Kriegsdrangsalen des Herbstes und insonderheit der 4 Tage, als die Franzosen von neuem vorgerückt waren, nicht zu vergleichen. "Ich bin draußen gewesen heute (9. September) in den Vorstädten, wohl in 20 Gärten, und wie sieht das aus! Da ist alles wüste, leer, tot, kein Mensch, kein Tier, kein Obst, kein Fenster, keine Türe mehr zu finden. Alle Häuser auf der Sommer- (Moltke-), Jakobs- und Kohl- (Konsul-) Straße stehen leer, sind abgedeckt, und der Wind bläst durch die zertrümmerten Wände, Fenster und Türen. Kein Ofen ist ganz, kein Topf, Tisch, Stuhl, Schrank zu finden. Die schönsten Obstbäume sind umgehauen, die Gartenbeete zerwühlt, die Bienenstöcke umgeworfen und ausgebrannt. Grausen erregt der Anblick. Wie gut ist es, daß die Kerls fort sind. Möchten sie nie wiederkehren!" So schreibt ein Zeitgenosse in sein Tagebuch. Der Leontinenhof, der ja früher schon fürchterlich zu leiden hatte (s. oben S. 38 f.), war auch jetzt wieder die Stelle wüster Tumulte, er verlor seine letzten Pferde und 168 Stück Schafe. Am Abend des 5. September, wo eine französische Wagenburg bei der Weißen Mauer lag, machten Trainknechte bei einer Linde unfern eines Schuppens des Leontinenhofes Feuer; die Linde fing bald zu brennen an, und das Feuer teilte sich den Gebäuden sehr schnell mit, so daß der ganze Hof mit dem Inventar, was etwa nach den Plünderungen noch vorhanden war, von Grund aus abbrannte. Auch das weibliche Geschlecht blieb nicht verschont; Mißhandlungen kamen gar oft vor, auch von seiten der Offiziere. In dieser Not wehrten sich denn auch die Leute mit Knütteln. Ging es in und bei der Stadt so schrecklich zu, um wie vielmehr in den Dörfern! In Leschwitz wurde am 7. September die Neißebrücke mit ihrem uralten Pfahlwerk bis auf den Grund im Wasser niedergebrannt. Am 5. September drangen eine große Anzahl Franzosen in dem Dorfe sowie in dem benachbarten Posottendorf ein und biwakierten in den Feldern. Da die Soldaten unachtsam mit dem Feuer umgingen, brannten zunächst 4 Gärtnerwohnungen ab. "Sodann wollten tags darauf malitiöse Burschen", so schreibt der Bürgermeister Sohr, "dem Bauer Straube die Bienen mit Feuerbränden berauben, und weil sie darüber gestört wurden, warfen sie die Feuerbrände auf das Scheunendach. Dadurch kam Leschwitz in Brand, wobei meine Bauern Straube und Doterrath (Deckwroth) und mehrere Gärtner und Häusler und der größte Teil von Herrn Müllers Untertanen ingleichen die Pfarrerwohnung (Pfarrer war damals August Traugott Leberecht Haike) und meine erst vor sieben Jahren wieder aufgebaute, mit Ziegeln gedeckte Schäferei und anstoßende Scheune mit 150 Schock des besten Kornes in Feuer aufgingen. Die Franzosen schauten dem Feuer ruhig zu und geruhten bloß einen Teil der geretteten wenigen Habseligkeiten sich zuzueignen. Die Einwohner von Leschwitz mit mir sind total ruiniert, zumal da das die beiden folgenden Tage biwakierende 11. Armeekorps sich zwei Dritteile meines bis jetzt geretteten Schafviehs zu Gemüte zog und den auf den Wiesen aufgeschoberten Heuschlag aufzehrten, in Posottendorf aber die Kosaken den eingeernteten Hafer selbst ausdraschen. Wie weit ich durch diese Unfälle zu Grunde gerichtet sein werde, wird die Folge erst darstellen. Da ich alles Zugviehs beraubt war, hat kein Acker bestellt und statt vormals 130 bis 140 Scheffel Korn nur 21 Scheffel Korn ausgesät werden können. Die Mühle ist auch beschädigt und der Wasserlaufzins und die Mühlmetze ziemlich ganz in Wegfall zu bringen. Weniger beschädigt sind meine Gärten in Görlitz (jetzt Friedrich-Wilhelm-Straße Nr. 1, 2 und Ressource nebst den östlich dahinter liegenden Flächen), welche durch die Schrickelschen (Nr. 1077, 1078 und 1079, das Gelände vom Evangelischen Vereinshause bis zur Neiße) und von Antonschen (Nr. 1081, jetzt katholische Kirche und das Gelände um die Otto-Müller-Straße) Gärten, die greuliche Verwüstungen erlitten haben, in etwas gedeckt wurden. Die Sturmglocke ertönte kontinuierlich; niemand achtete darauf, keine Spritze konnte wegen Mangels an Zugvieh zu Hilfe eilen. Während die Sturmglocken angezogen wurden, blieb in der Stadt jeder ruhig auf seinem Posten und sah höchstens, wie schön die Flammen an den Turm anschlugen. Was von den Häusern in der Vorstadt den Flammen entgangen war, wurde bei dem totalen Mangel an Brennholz, welches aus Mangel an Zugvieh schlechterdings nicht herbeizubringen war, zu den Bäckereien, in die Lazarette und auf den vielen Biwaks konsumiert." - In diesen schrecklichen Tagen herrschte bei dem Zusammendrängen ungeheurer Menschenmassen natürlich auch großer Mangel an Nahrungsmitteln. Brot durfte an die Bürger nicht abgelassen werden; die Bäcker und Müller hatten Wachen, und nur des Nachts konnte man etwas von ihnen erlangen.

Glücklicherweise sah unser Görlitz am 9. September die Franzosen zum letzten Male, erst 1870 und 1871 sind sie wieder in größeren Mengen als Gefangene in unseren Mauern eingezogen.

Die Anführer und Mannschaften des Sackenschen Korps, das am Nachmittag des 9. September Görlitz besetzte, zeigten sich anfangs etwas ungestüm und grob. Man hatte die Stadt im Verdacht, daß sie französisch gesinnt sei. Die Bürger sollten gelacht und in die Hände geklatscht haben, als die Russen sich vor wenig Tagen vor Macdonald zurückziehen mußten. Den Bürgermeister Neumann ließ deshalb der russische Korpsführer Sacken sehr hart an und nannte ihn und die Bürger Kanaillen, die er schon züchtigen wolle. Manches Fenster und manche Straßenlaterne wurde von den erbosten Mannschaften zerschlagen. Aber der Groll legte sich bald. Auch war es ein rechtes Glück für unser Görlitz, daß die Hauptmasse der Verbündeten südlich von Görlitz über die Neiße ging. Die Nacht auf den 10. September marschierten zwar viele Truppen durch die Stadt, aber sie zogen bald weiter nach Westen, und die Last der Einquartierung war gering. Die Franzosen hielten auch Bautzen nicht, und das Blüchersche Korps folgte ihnen nach. Mithin wurde Görlitz und zwar für immer dem Kriegsschauplatz entrückt und konnte allmählich aufatmen. Unsere Darstellung aber, die vom Anfang des Jahres 1813 an sich viel mit den allgemeinen Kriegsereignissen beschäftigen mußte, weil die Stadt wesentlich von ihnen betroffen wurde, vereinfacht sich und kehrt meist wieder in die ruhigeren Bahnen der örtlichen Geschichte zurück.

Viel böses Blut machte in Görlitz die Blüchersche Kontribntion, die in der Höhe von 300000 Taler dem Kreise Görlitz am 4. September auferlegt war (s. oben). Dabei fielen auf die Stadt 53394, auf die Mitleidenheitsgüter 35683 Taler, also hatte man etwa 90 000 Taler aufzubringen. Nun wurden zwar die Requisitionen mit eingerechnet; weil sie aber zu einer niedrigen Taxe veranschlagt waren, so erhöhte sich voraussichtlich die Summe wohl auf 100000 Taler. Dazu kam noch, daß von den Dorfschaften wenig einzutreiben war und daß Blücher die ganze Summe von der Stadt verlangte, die sich dann wieder an die Mitleidenheit halten könne. Die Stadt sah sich daher, weil sie die Mittel zunächst nicht schaffen konnte, in die unangenehme Lage versetzt, den Bürgern eine unverzinsliche Zwangsanleihe aufzuerlegen. Man hatte zwar schon im Mai, um für die Einrichtung eines Hospitals 20000 Taler zusammenzubringen, solch einen Schritt unternommen (s. oben), hatte aber wenig Erfolg gehabt. Denn die meisten Bürger weigerten sich, und da man mit Exekution drohte, wandten sie sich an die königlich-sächsische Regierung, und schließlich verlief die Sache im Sande. Jetzt war die Lage viel ernster und dringender. Blücher drohte einfach mit Plünderung. 15 Deputierte vom Rate und der Bürgerschaft - ich nenne darunter Samuel Aug. Sohr, Dr. Straphinus, Friedrich Jonathan Demisch, Karl Gotthelf Geißler, Johann Gotthelf Schüttig, Karl Gotthelf Oettel, Christian Gotthelf Anton, Karl Gottfried Finster - versammelten sich am 5. September auf dem Rathause und berieten, und noch an demselben Tage abends 7 Uhr mußte die Kaufmannschaft sich zu einer Summe von 20000 Taler verpflichten. Da aber die Verbündeten schon am 6. September Görlitz zu räumen gezwungen waren, so wurde das Geld zunächst nicht gezahlt. Doch nachdem 3 Tage später die schlesische Armee wieder einrückte, so mußten schon am 10. September 10200 Taler, am 11. September 9526 Taler 21 Groschen und am 14. September 3200 abgeliefert werden, am 6., 8. und 12. Oktober desgleichen 2022, 3600 und 388 Taler. An ,,Traktement" für die in Görlitz liegenden Offiziere, das aus dieser Kontribution mit bestritten wurde, wurden bis Ende 1813 entrichtet 1525 Taler. Mithin gab die Stadt bis zum 31. Dezember 1813 an der Blücherschen Forderung 30462 Taler.

Durch die Zwangsanleihe wurden meist schon im September 1813 - einzelne Posten gingen erst später, die letzten gar erst 1820 ein - von den städtischen Einwohnern rund 80000 Taler, von den Stadtdörfern (im Besitz der Stadt befindlichen, stadtmitleidenden und den Dörfern der milden Stiftungen) rund 33200 Taler aufgebracht. Die Einnahme im ganzen betrug also 113200 Taler, und die Ausgabe, da 1814 ff. die Stadt weiter keine Zahlungen an dieser Kontribution zu leisten hatte, 30462 Taler. Mithin behielt die Stadt zu anderer Verfügung 82738 Taler. Der Summe war sie aber auch sehr benötigt, denn die Anforderungen, die der Krieg an die Stadtkasse stellte, waren ungeheuer. Wie die Stadtgemeinde diese große, wenn auch unverzinsliche Summe nach und nach abgestoßen hat, gehört nicht hierher.

Höchst interessant ist nun eine kurze Betrachtung der Liste, die man für die Zwangsanleihe anlegte. Sie führt den Titel: Kataster der im Jahre 1813 von Wirten und Hausleuten der Stadt Görlitz erforderten Zwangsanleihen und unverzinsbaren Beiträge zur Spezialkasse (280 Bl.). Sie gibt, nach Hausnummern geordnet, den Bestand aller Besteuerten an, und da sich am Schlusse ein sehr dankenswerter alphabetischer Personenindex findet, so kann man mit Leichtigkeit den Wohnsitz eines jeden Görlitzer Einwohners im Jahre 1813 finden. Leute, die ein Vermögen besaßen, wurden mit 5 Prozent herangezogen, die anderen, die von der Hand in den Mund lebten, wurden nach ihrem Einkommen taxiert und danach besteuert. So zahlte der Zeichenmeister Hortzschanski (Nonnenstr. 17) 2 Taler 12 Groschen, eine Köchin, die 20 Taler Lohn bekam, 2 Taler 12 Groschen Beitrag, ein Laufmädchen bei 10 Taler Lohn 1 Taler 6 Groschen, eine Dienstmagd und 1 Kindermädchen 18 Groschen, ein Hausknecht 5 Taler, ein Postillon 4 Taler, ein Markthelfer 2 Taler 12 Groschen, ein Tuchmachergesell 1 Taler 6 Groschen, ein Knecht 1 Taler, ein Stadtsoldat 5 Groschen. Auf den Kaufmann Uhse (Untermarkt 18, jetzt neues Rathaus) kamen 3000, auf den Stadtrichter Heinrich Gottlob v. Modrach (Untermarkt 3) 2500, auf die Blumenthalsche Handlung (Kränzelstraße 27) 2500, auf den Weißbäcker Böricke (Obermarkt 26) 2000, auf Christian Friedrich von Schrickel (Langestraße 41) 1500, auf Großmanns Erben (Untermarkt 5) 1000, auf Friedrich Jonathan Demisch (Weberstraße 18) 1000, auf Kaufmann Karl Benjamin Wolf (Brüderstraße 1) 1000, auf Dr. Christian August Stölzer (Peterstraße 10) 1000, auf Frau verwitwete Dr. Struve (Struve-Apotheke) 500, auf Johann Gottlieb Tzschaschel (Brüderstraße 11) 400, auf Frau Subrektor Tzschoppe (Brüderstraße 10) 300, auf den Diakonus M. Jancke (Bei der Peterskirche 9) 200, auf den Advokaten Zille (Demianiplatz 3) und Sebastian Röslers Erben (Steinstraße 8) 150, auf den Tuchmacher Christian Friedrich Matthäus (Fischmarkt 10) 100, auf Friedrich Temmler (Brüderstraße 5) und den Riemer Karl Gottlob Zimmermann (Obermarkt 5) - beider Nachkommen wohnen noch jetzt in den Häusern - je 50, auf den Rektor Anton, der aus seiner Amtswohnung im Kloster nach Rosenstraße 2 vorübergehend einquartiert war, 30, auf Dr. Vogelgesang (Brüderstraße 10) 25, auf den Advokaten Neitsch (Nikolaistraße 14), dessen Nachkommen noch jetzt in Görlitz blühen, 10 Taler. Leute, die ihren Besitz auch auf dem Lande hatten, wurden natürlich nur mit einem Teilvermögen in der Stadt herangezogen, so der Bürgermeister Sohr (Brüderstraße 4) mit 500 Taler (für sein Gut Posottendorf zahlte er 200 Taler), Dr. Karl Gottlob von Anton (Langenstraße 43) mit 500, der Landesälteste von Nostitz (Obermarkt 29) mit 250 Talern. Zwei Juden fand ich Untermarkt Nr. 1 und Fischmarkt Nr. 14 (früher Inquisitoriat) wohnend: Samuel Mayer und Hirsch, die 100 und 75 Taler zu zahlen hatten.

Weil bares Geld in Gold und Silber sowie Kassenbillets und russische Banknoten nicht genug vorhanden waren, stellte man auch Wechsel aus und lieferte Silberwerk ab. Es gibt eine Berechnung der bis zum 13. Oktober eingekommenen Silbersachen (Kannen, Schalen, Büchsen, Becher, Leuchter, Tassen), ausgestellt von dem damaligen Oberältesten der Gold- und Silberarbeiter Wilhelm Immanuel Tietze. Danach kamen 25 Mark 10 ½  Lot Kölnische feine Mark ein im Werte von 335 Taler 16 Groschen Pfennig. Damals wurde manch altes liebes Wertstück, so z.B. vom Bürgermeister Sohr, zum Einschmelzen fortgegeben.

Zum Schlusse führe ich noch, um einen Begriff von der Anlage der Liste zu geben, die steuernden Personen vom Untermarkt 2 an: Karl Gotthelf Oettel 1800 Taler, zwei Handlungsdiener Hartmann und Stengel zusammen 10 Taler, eine Ausgeberin mit 20 Taler Lohn 2 Taler 12 Groschen, eine Köchin mit 12 Taler Lohn 1 Taler 12 Groschen, ein Laufmädchen mit 10 Taler Lohn 1 Taler 6 Groschen, Herr Kaufmann Pitthorn 5 Taler, dessen Köchin mit 10 Taler Lohn 1 Taler 6 Groschen.

Der Bürgermeister Sohr, dem die Verteilung der Kontribution hauptsächlich oblag und der in Aufregung darüber und infolge einer Erkältung über 3 Wochen schwer krank daniederlag, richtete in dieser Zeit der großen Not direkt an den Staatskanzler von Hardenberg, der im Mai in seinem Hanse gewohnt hatte (s. oben), ein Schreiben, in dem er um Minderung der Blücherschen Kontribution bat. Er erhielt freilich eine zwar sehr liebenswürdige, aber doch abschlägige Antwort, in der der Kanzler wenigstens für die Folge der Stadt seine besondere Fürsorge versprach.

Die Tage vom 10. bis 16. September verliefen in Görlitz in leidlicher Ruhe. Die Kaufleute öffneten wieder ihre Gewölbe (Läden); Marketender brachten Lebensmittel aus Schlesien; die Gärtner und Bauern begannen, so gut es mit dem wenigen übrig gebliebenen Zugvieh auszuführen war, die Herbstsaat zu bestellen.

Freilich ohne Gewalttaten ging es immerhin nicht ab. Überhaupt war die Gegend im Rücken der Blücherschen Armee um diese Zeit sehr unsicher. Die Kosaken vornehmlich verwüsteten alles, was sie nicht mitschleppen konnten; sie nahmen auch das Zugvieh weg, daß keine Transporte mehr möglich waren. Dadurch wurde die Zufuhr aus Schlesien sehr gefährdet; selbst Abgeordnete aus schlesischen Städten, die der Armee Geschenke bringen wollten, wurden bis aufs Hemd beraubt. So wurden auch der Görlitzer Kandidat Zimmermann und der Pfefferküchler Glauer (sie wohnten Büttnerstraße 11) auf dem Wege von Girbigsdorf am 11. September abends 8 Uhr von Kosaken überfallen und ihrer Kleider, Stiefeln und Halstücher beraubt und Friedrich Temmlers Köchin wurde genotzüchtigt. Am 11. September erging der strengste Befehl, daß alles Pulver, Blei und Schießgewehr abgeliefert werden solle, ein Gebot, das am 17. und 19. September wiederholt wurde. Zwei Tage später kam vom General Blücher die sonderbare Verordnung, daß bis zum Abend 1200 Pfund Tee geschafft werden sollten, und wenn das Pfund 1 Rubel kostete, anderenfalls solle der Bürgermeister Neumann ins russische Lager abgeführt werden. Tags zuvor verbot der russische Kommandant alles Geläut der Glocken, weil Napoleon zu Ehren deren Klang von den Türmen erschallt war. Diese Verordnung wurde erst am 28. September wieder aufgehoben. Am 14. September befahl der Generalgouverneur der Ober- und Niederlausitz Graf Reisach-Steinberg, alle Forderungen einzelner Militärs, die keinen Auftrag der kommandierenden Generäle oder der Oberkriegskommissarien vorweisen könnten, abzuweisen; bei Drohungen und Gewalt habe man die Betreffenden festzunehmen. Fast täglich wurden Gefangene durchgeführt. Den 15. September und die beiden folgenden Tage erschienen Baschkiren und Kirgisen, gehörig zu dem nachrückenden Korps Bennigsen; sie hatten außer Flinten und Säbeln auch Piken, Pfeile und Bogen; ihr Hauptlager war bei der Tischbrücke. Sie plünderten, fraßen und stahlen, wo es nur ging, neckten die Leute, ließen sich aber auch ihren Raub wieder abjagen. Ihr Hetmann in einer mit Pelz verbrämten Mühe und roten Hosen, die mit Gold lang herunter besetzt waren, hielt lange an der Ecke Obermarkt und Steinstraße und ließ mit seinen Offizieren, die meist rot gekleidet waren, seine Leute, die spitze Filzmützen und weiße Mäntel trugen und vielfach Kinn und die Nase wegen der kalten Witterung verbunden hatten, auf ihren kleinen Pferden, denen die Hufeisen fehlten, vorbeimarschieren.

Der 17. September war wieder ein recht böser Tag. Es erschien ein Teil des Bennigsenschen Korps, das von Breslau und Steinau her durch unsere Gegend zur Schwarzenbergischen Hauptarmee zog - Bennigsen selbst lag am 19. September in Lauban, am 20. In Zittau -, ohne Anmeldung: um 11 Uhr 2 russische Regimenter Husaren, um 2 Uhr Ulanen, um 6 Uhr abends russische Infanterie, dann Artillerie untermischt mit anderen Truppen zu Fuß und Roß, auch russische Landwehr, Bauern in grauen groben Kitteln mit einem Spieß. Die Soldaten quartierten sich selbst ohne Ordnung ein. Auf manches Haus kamen 50, 80, ja 100 Mann. Der Ober- und Untermarkt, die Brüder-, Langen-, Nonnen-, Stein-, Breite und Peterstraße lagen gepreßt voll; die Büttner- und andere Straßen waren dagegen leer. Frau Dr. Struve (Peterstraße 1) hatte 30, Johann Daniel Winter (Peterstraße 5) 90, der Kandidat Starke (Peterstraße 6) 8 Mann. Manche Wirte bekamen Prügel. Doch ging die Nacht ohne größere Gewalttätigkeiten vorüber. Ein Glück, daß diese Scharen am nächsten Tage früh 7 Uhr abmarschierten; vielen Einwohnern war so übel mitgespielt, daß sie entschlossen waren, lieber ihre Häuser zu verlassen, als sich dieser Last zum zweiten Male auszusetzen. Um 9 Uhr früh des 18. September kam anstelle der 160 Russen, die bisher die Besatzung ausgemacht hatten, ein preußisches Bataillon Landwehr unter dem Major von Bissing zum Reichenbacher Tore hereinmarschiert, und blieb 5 Wochen als Garnison hier. Abends nach 9 Uhr rückten 800 Kosaken zum Nikolaitor herein, wollten in der Büttnerstraße einquartiert sein und erhoben einen fürchterlichen Lärm, weil ihnen ans Angst niemand öffnete. Viele Haustüren wurden gesprengt. Die Schmiede sollten bis zum nächsten Tage 1400 Hufeisen mit Nägeln fertigstellen, der Drechsler Johann Heinrich Mönnich (Krischelstraße 8) 850 Formen zu Kanonenkugeln. Es wurden große Herden Viehs aller Art durch die Stadt getrieben, das jämmerlich brüllte. Des Oberamtskanzlers K. K. Gottfried Hermanns Sohn zu Bautzen war so unvorsichtig gewesen, bis an die preußischen und russischen Vorposten bei Bautzen heranzureiten; von Kosaken aufgegriffen wird er vor Blücher geführt und scharf ausgefragt; nach seiner Abführung plünderten ihn die Kosaken bis aufs Hemde aus; so kam er gänzlich bloß nach Görlitz, wo ihn Dr. Stölzer neu bekleidete.

Die folgenden Tage bis zum 23. September vergingen ziemlich ruhig. Die Kosaken, die sich übrigens wenigstens bei Tage recht harmlos zeigten, zogen am 19. früh 11 Uhr wieder ab; dabei erregte ein kleiner Knabe in Kosakentracht, der Sohn des Obersten, wegen seines geschickten Reitens die Aufmerksamkeit und Freude der Einwohner. Viele russische Truppenmassen vom Bennigsenschen Korps bewegten sich über Schönberg nach Zittau und Böhmen zu; den 26. September standen ihre Spitzen in Leitmeritz. Der Görlitzer Rat erließ am 20. eine Verordnung, wonach die vielen Pferdekadaver, die an den Landstraßen und in den Vorstädten lagen, gegen Entgelt von 12 guten Groschen zu verscharren seien. Am 21. September wurden Getreidelieferungen ausgeschrieben, desgleichen sollten die Landleute ihre vierte Kuh hergeben, ferner waren binnen drei Tagen von der Oberlausitz 500000 Ellen Tuch, die Elle zu 1 Taler, zu liefern. Ein preußischer Hauptmann von Lynker fing an, ein Bataillon sächsischer Fußgänger für preußischen Dienst zu werben; die ersten 16 Rekruten kamen aus Marklissa; es gab vielen Zulauf, selbst Knaben von 15 Jahren beteiligten sich, so des Buchhändlers Anton zweiter Lehrbursche, ein ganz junger Mensch, der, ohne seinem Lehrherrn etwas zu sagen, am 9. Oktober sich siebte; Mitte Oktober waren 2 Kompanien, etwa 500 Mann, zusammen, die nach Bautzen abmarschierten. Der General Thielemann nahm diese Werbung des v. Lynker sehr übel auf und verabschiedete ihn, ob er gleich sich auf einen Befehl Blüchers berief; von den jungen Leuten wurden etwa 100 als zu klein oder sonst untauglich wieder entlassen. Am 19., 22. und 23. September kamen Wagen mit Verwundeten und Kranken an, auch Gefangene, darunter der Oberst Ziegler. Die schönen Linden vor dem Frauentor wurden teilweise niedergehauen, um Patronen für die Kanonenkugeln daraus zu fertigen.

Noch einmal vom 22. bis 25. September schwebte man in Görlitz in Angst vor einem neuen Vorrücken der Franzosen in hiesiger Gegend. Die Verbündeten hatten um diese Zeit ihre Spitzen bis etwas westlich von Bischofswerda (Pulsnitz, Neustadt, Hohnstein) vorgeschoben. Am 22. September unternahm nun Napoleon gegen sie einen Vorstoß. Er selbst weilte in Fischbach (südöstlich Radeberg), auf dem Kapellenberge bei Schmiedefeld (südwestlich Bischofswerda) und Hartha (westlich Bischofswerda). Es kam am 22. September bei Bischofswerda, am 23. bei Rotnauslitz und Göda (nordöstlich Bischofswerda) zu Gefechten, infolge deren die Verbündeten sich langsam zurückzogen. Aber Napoleon hatte gar nicht die ernstliche Absicht weiter vorzurücken, und ein Angriff auf die starke Stellung Blüchers bei Bautzen erschien ihm wegen der ganzen Kriegslage untunlich. Die Folgen dieses französischen Vorrückens zeigten sich auch in unserem Görlitz. Die Schiffsbrücken über die Neiße wurden in Ordnung gebracht, die russische Bagage, so erzählte man angstvoll, sei schon bis Reichenbach zurück, entfernte Donnerschläge hielt man für Kanonenschüsse. Doch am 26. September atmete man wieder auf, da man sichere Nachricht von einem Vormarsche Blüchers nach Westen hörte; auch legte man es als ein gutes Zeichen aus, daß am 24. und 25. viele Gefangene, meist Westfalen - sie waren am 23. September in einer glanzvollen Kavallerieattacke bei Göda durch Katzeler erbeutet worden - eingebracht wurden, daß ferner die Feldbäckerei am 27. September der Armee nachrückte. Am 28. September erging vom Generalgouverneur Graf Reisach-Steinberg die strengste Anordnung, daß niemand eine Verbindung mit den sächsischen Behörden unterhalten und ebensowenig etwas über die Bewegungen der verbündeten Armeen mitteilen dürfe. In diesen Tagen trat in Görlitz ein großer Mangel an Holz ein; wegen des fehlenden Spannviehes konnte es aus der Heide nicht herbeigeschafft werden, so daß längere Zeit das Brauen ausgesetzt werden mußte. Um dem notwendigen Mangel abzuhelfen, brachten die Heidebewohner viel Holz auf Schubkarren, 21 solcher Fuhren ergaben ein Klafter. Während des Wochenmarktes Donnerstag, den 30. September, erhob sich ein großer Lärm, weil Soldaten den Bauern die Pferde wegnehmen wollten; die Besitzer setzten sich zur Wehr und behielten ihre Tiere.

Die Monate seit dem August waren um deshalb auch noch voller Schrecken, weil das Nervenfieber, dessen Ausbreitung sich etwas gemindert hatte, wieder mehr Opfer forderte: im August wurden 54, im September 99 Personen, im Oktober 101, im November 76, im Dezember 89 Personen in Görlitz beerdigt; am 4. Oktober erlag der Krankheit der erst 32 Jahre alte Ernst Wilhelm von Richthofen, Kanonikus des Domstiftes zu Magdeburg, aus dem Hause Maltsch bei Jauer. Ebenfalls am Nervenfieber, aber zu Dresden, wo er sich seit Ende Oktober in der Stadt in Geschäften befand, starb der Görlitzer Stadtsyndikus Christian Traugott Buchwald im Alter von 43 Jahren (sein Nachfolger im Görlitzer Amte war Christian Gottwald Lessing, ein Verwandter des berühmten Dichters Lessing; er hat bis Ende 1832 hier in großem Segen gewirkt und ist 1853 in Dresden gestorben). Die Zahl der während des ganzen Jahres begrabenen Militärpersonen belief sich auf 1600, nach einer anderen Quelle sogar auf 1798. Somit starben - da 913 Einheimische (s. oben) eine Beute des Todes wurden - in Görlitz und Moys im Jahre 1813 im ganzen 2513 Personen. In keinem Jahre des vorhergehenden 18. Jahrhunderts hatte der Tod solche Ernte gehalten, selbst in dem schlimmen Jahre 1757 hatte man nur 544 Zivil- und 514 Militär-, also im ganzen 1058 Tote eingebettet. Auch in Lauban und an der ganzen Heerstraße in den Dorfschaften raffte fast während des ganzen Jahres 1813 das böse ansteckende Fieber viele Leute hinweg. So starb der Chirurg Rieschke am 21. November in Markersdorf.

Über die Vorgänge des Monats Oktober in unserer Stadt will ich mich kurz fassen. Es ermüdet schließlich, zu erfahren, wieviel Truppen durchmarschierten, wie viel Gefangene, Kranke und Verwundete eingebracht wurden, welche Forderungen man an die Einwohner stellte. Am 18. Oktober wurde das Waisenhaus (jetzt Mädchen-Mittelschule) zum Lazarett eingerichtet. Die Neißbrücke war am 6. Oktober leidlich wieder hergestellt, doch noch wochenlang wurde an ihr gebaut. Am 19. des Monats wurde die Kontinentalsperre aufgehoben. Längere Zeit einquartierte Truppen gab es in der Stadt ununterbrochen; am 21. Oktober befanden sich etwa 700 russische und preußische Offziere hier, "die nur auf der Bärenhaut liegen, das Kanonenfieber haben und den Bürger auffressen", am 28. Oktober rückten 600 Russen als Besatzung ein. Der Graf von Reisach-Steinberg, der seit dem wieder erfolgten Einmarsch der Verbündeten Generalgouverneur der Ober- und Niederlausitz war und in Görlitz seinen Sitz hatte - er wohnte bei Christian Friedrich v. Schrickel, jetzt Langestraße 41(Dort suchte ihn Ernst Moritz Arndt, der von Reichenbach in Schlesien auf einem mit vier Pferden bespannten Wagenüber Schweidnitz und Goldberg nach Görlitz gekommen war, etwa am 25. oder 26. Oktober auf.) verließ mitsamt dem preußischen Kommandanten v. Bissing am 31. Oktober unsere Stadt und ging nach Bautzen. Von Anfang November an war der russische Kapitän v. Nordberg Kommandant. Auch lag zu Zeiten ein russischer Polizeigouverneur mit 8 Adjutanten hier. Am 7. Oktober, zum Geburtstage des österreichischen Kaisers Franz, wurde ein Ball auf der Ressource abgehalten, ebenso am 17. Oktober. Die Zustände durch marodierende russische Truppen hatten sich in unserer Gegend noch nicht gebessert. So mußte am 2. und 3. Oktober ein Teil der Landwehr aufgeboten werden, weil 6 russische Marodeure, die in der Tischbrücke einquartiert waren, in Hennersdorf übel hausten; jeder dieser sauberen Kerls bekam 150 Prügel auf die Fußsohlen; ja am 5. Oktober schrieb ein Kosakenmajor in Oberneundorf ohne jede höhere Ordre Lieferungen aus; er wurde durch eine preußische Abteilung aufgehoben und zum Stadtkommandanten geführt. Selbst in der Stadt erlaubten sich russische Offiziere Übergriffe. Kein ehrbares Mädchen oder Frau, schreibt Anton am 18. Oktober, darf es mehr wagen, ohne männlichen Beistand abends auf die Gasse zu gehen. Sogar von der Seite ihrer Männer werden die Weiber weggerissen. Selbst in Familien sollen Abscheulichkeiten verübt worden sein, die von den Verwandten aufs sorgfältigste verschwiegen gehalten werden. Ein russischer Arzt, der den Titel Major hatte und bei Anton im Quartier lag, ohrfeigte, weil er um 26 Taler Schulden gemahnt wurde, einen Mann, der sich mit einem starken Backenschlage revanchierte, worauf der Arme mit Frau und Tochter zur Türe herausgeworfen wurde. Ebenso bekam der Ressourcenwirt von einem russischen Offizier eine Maulschelle und gab sie zurück. Weil der Russe darauf den Mann erstechen wollte und dieser sich kaum rettete, entstand zwischen Zivil und Militär ein arger Krawall, so daß am 24. Oktober die Ressource auf einige Zeit geschlossen wurde; da aber der russische Gouverneur sich selbst als Mitglied der Ressource aufnehmen ließ, wurde der Zwist beigelegt. An demselben Tage entstand auch auf dem Obermarkte ein Streit zwischen Russen und Preußen, woran auch Offiziere teilnahmen. Ferner standen die Preußen einem Bauern bei, dem die Russen widerrechtlich die Pferde wegnehmen wollten. Es kam von Worten zu Tätlichkeiten, und russische und preußische Patrouillen mußten den Tag und die Nacht die Ordnung aufrecht erhalten. - Am 22. Oktober abends erhielt man die ersten Berichte von dem Siege bei Leipzig. Da sich in den nächsten Tagen die Nachricht bestätigte, so ,,ist alles trunken vor Freude". Jetzt erst konnte man voll in Görlitz aufatmen, die Gefahr eines neuen Vordringens der Franzosen war nunmehr endgültig beseitigt. Wie immer, so auch in den

Oktobertagen ist es höchst interessant, in dem Tagebuche des patriotischen Anton, das jeden Tag gewissenhaft die allenthalben herkommenden Nachrichten verzeichnet, die unglaublichsten, sich oft widersprechenden Gerüchte nachzulesen. Am 18. Oktober, also am Tage der Völkerschlacht, schreibt er: "Es ist nicht recht geheuer. Die Franzosen sind vorgestern bis Bischofswerda gewesen. Es soll wieder eine französische große Armee von der Rheingegend her in Anmarsch sein. General Blücher hat vermutlich in der Gegend von Jüsnich (?) Prügel bekommen und ist wieder über die Elbe hinüber. Vielleicht ist er zu voreilig gewesen und hat die Magazine zu weit vorausgeschickt. Die Franzosen, die alle Not leiden, sind mit verstärkter Macht als heißhungrige Wölfe darüber hergegangen, haben sie weggenommen und dabei haben die Preußen einige 1000 Mann verloren. Indessen haben sich die Franzosen nachher wieder zurückgezogen, und die Preußen haben nicht eine Kanone dabei verloren."

Am 21. Oktober erzählte man sich, daß zwischen Teplitz und Görlitz die Franzosen den Russen mehrere Wagen mit 1 Million Rubel, halb in Gold, halb in Papiergeld, abgenommen hätten. Wie wenig man in Görlitz noch am 21. Oktober auf einen sicheren Sieg der Verbündeten rechnete, geht ans folgender Notiz hervor: "Die Landesältesten und der Magistrat scheinen zu befürchten, daß sich das Blättchen wohl gänzlich wenden möchte, und daher hatten die Landesältesten und der Bürgermeister Neumann gestern eine Zusammenkunft gehabt. Der Graf Reisach und der Kriegsrat Lehmann erfuhren das und waren über diese Behörden äußerst aufgebracht, da man sie für Männer hielt, die gern noch das französische Joch fernerhin tragen wollten, damit sie dabei nur immerfort herrschen könnten."

Am 2. November wurde in Görlitz, wie in ganz Sachsen, das Fest wegen des Sieges bei Leipzig gefeiert. Trotz der bedrängten Lage und trotz der Zugehörigkeit der Stadt zu Sachsen kam überall die Freude über die Befreiung Deutschlands zum Ausdruck. Früh um 8 Uhr ritt der Platzadjutant Baron von Rosen mit 4 blasenden Trompetern und 16 Mann Dragonern durch alle Straßen und verkündete den Festtag. Von den Türmen wurde geblasen, und die Glocken ertönten. Um 10 Uhr stand die Garnison, 800 Mann russische Infanterie, 2 Glieder hoch in Parade, und die Hautboisten ließen eine schöne Musik erschallen. Sodann wurde im Börickschen Brauhofe (jetzt Obermarkt 26) ein griechischer Gottesdienst abgehalten, dem die Offiziere mit ihren Gemahlinnen beiwohnten; zugleich erschallten mehrere Salven. Nach dieser kirchlichen Feier ging der Pope in prachtvollem, grünsamtenem Meßgewande an der Front der Soldaten herunter, neben ihm mit dem Weihkessel der Küster, der mit einem großen Pinsel die Soldaten besprengte; dahinter folgten alle russischen Offiziere mit entblößtem Haupte. Nach dieser Zeremonie und vielem Hurrarufen zerstreute sich das Militär. Abends um 8 Uhr gab der Generalmajor Berdiajeff und das russische Offizierkorps einen Ball in dem Hause der Ressource, wozu der Adel der Umgegend und viele angesehene Bürger geladen waren. Um 12 Uhr erst setzte man sich zur Tafel, wobei beim Ausbringen der Gesundheiten der verbündeten Monarchen das auf dem Obermarkte versammelte Militär mehrere Salven abgab. Durch freiwillige Beiträge erhielten die Kranken und Verwundeten in den Lazaretten ein gutes Abendessen mit Wein. Die Stadt war herrlich erleuchtet. Die Wohnung des Gouverneurs in dem Bauerschen Brauhofe (Obermarkt 31) war mit Lampen bis an den obersten Giebel übersät, der Buchstabe A (Alexander) und die russische Krone erglänzten in Feuerflammen. Diesem Hause gegenüber, nahe am Mönchsturme, hatte man einen großen Säulentempel errichtet, in dessen Innern man 3 Adler und einen (schwedischen) Löwen Blitze auf eine unten liegende Hydra schleudern sah; über den Adlern prangten im Sternenglanze die Anfangsbuchstaben der 4 Verbündeten; an den Seiten standen 2 Obelisken nebst kleinen Altären und Opferschalen, die mit hängenden Girlanden und bunten Lampen verbunden waren. Die Türme, das Rathaus, alle öffentlichen Gebäude strahlten von bunten Lampen, auch die Lazarette und Wachen. Durch prachtvolle Beleuchtung zeichneten sich aus: die Post (Obermarkt 6), der Hirsch, das Conradsche Haus (Untermarkt 23), das v. Stöltzersche Haus (Peterstraße 10, wo der russische Major v. Kohl lag), das v. Schrickelsche Haus (Langenstraße 41, wo die Gräfin Langeron wohnte), das des Seifensieders Heyne (Untermarkt 19, noch jetzt im Besitze der Familie), das Lötsche Haus (Peterstraße 17), das Wolfsche (Brüderstraße 1), das Glauersche Haus (Büttnerstr. 11); in dem Hause Brüderstraße 10 hatte Dr. Vogelsang 3 Fenster seiner Wohnung transparent erleuchtet und man las dort:

 

Franz Wilhelm Alexander – Heilige Drei – Du riefest! – und Deutschlands Fessel sprang entzwei.

Andere Inschriften lauteten:

In illa concordia salus Germaniae; Germania reflorescens; D. XVIII + XIX Oktobris MDCCCXIII Hydra extinct aetas aurea Diluxit; A.F.I.F.W. Felicitas temporum.

 

Abends ließen vor dem Hause des Gouverneurs Berdiajeff russische Musiker Hornmusik eigner Art erschallen. Alle Augenblicke wurden Freudenschüsse abgefeuert, auch zum Fenster hinaus ertönte überall Jubelgeschrei; doch kamen keine Ausschreitungen vor.

In den letzten zwei Monaten des Jahres 1813 marschierten durch Görlitz des öfteren preußische und russische Truppen zu der Hauptarmee, so am 14. Dezember viel Kosaken, am 28. zwei Regimenter Preußen, die zwei Tage in der Stadt lagerten. Mitte November kamen auch Italiener und Spanier hierher; am 28. desselben Monats rückten Russen, Italiener und Spanier fort, so daß die Stadt beinahe leer von Militär war; auch der Stadtkommandant, der Kaiserlich russische Hauptmannn von Nordberg, verließ am 28. November die Stadt; er war mit großem Takt und Milde aufgetreten und sprach öffentlich den Einwohnern seinen Dank und seine Anerkennung aus. Zwei Tage nach ihm reiste der Gouverneur v. Berdiajeff zur Armee ab. Am 8. Dezember verordnete der Görlitzer Rat, jedermann, welcher mit kaiserlich russischem Militär in Mißverständnis komme, solle sich aller Tätlichkeiten und jeder Selbsthilfe enthalten und die etwaigen Beschwerden den kommandierenden Offizieren vortragen.

Auf eine Bekanntmachung des Generalleutnants Freiherrn v. Thielemann, der im Mai aus sächsischen Diensten in die der Verbündeten getreten war und als Führer eines Streifkorps in dem Rücken der Franzosen ganz erhebliche Erfolge aufzuweisen hatte, wurden alle in der sächsischen Armee gestandenen Offiziere und Gemeine, welche sich von der Armee entfernt hatten, ohne ihre wirkliche Entlassung zu haben, vom russischen Kommandanten aufgefordert, sich sofort wieder zum Dienste zu melden; zugleich wurde

ein Generalpardon für die aus sächsischen Kriegsdiensten desertierten Leute verkündet, wenn sie sich bis zum 1. Februar 1814 freiwillig stellten.

Im November wurde nun eine "Landesbewaffnung" des Königreichs Sachsen und insonderheit der Oberlausitz in Angriff genommen. Das Direktorium für unsere Provinz hatte seinen Sitz in Bautzen und bestand aus Johann Ferdinand von Metzradt auf Niethen, Heinrich von Röder auf Daubitz und Neuhammer (seit 1816 Landrat des Kreises Rothenburg) und Dr. Christian August v. Stöltzer auf Holtendorf. Dieselben ersuchten am 18. November alle gedienten und verabschiedeten Offiziere der sächsischen Armee, sich binnen 6 Tagen zu stellen. Man errichtete auch ein "Sächsisches Banner" freiwilliger Offiziere und Gemeiner. Meldeorte für dieses Banner waren Bautzen, Görlitz (Obermarkt 3), Löbau, Kamenz. Der Eintritt zu diesem Freiwilligenkorps stand bis zum 27. November offen, nachher fand die (zwangsweise) Aushebung zur Landwehr statt. Auch jetzt folgten ähnlich wie schon vor der Niederlage der Franzosen zahlreiche Oberlausitzer dieser Aufforderung. Es sind 102 Namen, die uns überliefert werden. Aus Görlitz stellten sich, soweit bekannt, 18, darunter Dr. v. Stölzer, der Zeichenmeister Hortzschansky, der Gymnasiast Johann Gottfried Horter (später Pastor in Ludwigsdorf bei Schönau, gest. 1859), der Riemer Karl Friedrich Zimmermann. Sonst nenne ich die schon erwähnten v. Röder und v. Metzradt, den Landesältesten des Fürstentums Görlitz Heinrich Nostih-Drzwiecky auf Ullersdorf (gest. 1833), Bernhard Adolph von Gersdorff (Sohn des späteren Landrates Adolph Ludwig v. Gersdorff) zu Kieslingswalde, Ernst Philipp von Kiesenwetter auf Reichenbach (später Stiftsverweser und Vizepräsident der zweiten Kammer, gest. 1840), Karl Friedrich Hermann, der Wissenschaft Beflissener, und Johann Friedrich Wauer, Maler, beide zu Markersdorf, Karl Benjamin Preusker (später hochberühmt als Altertumsforscher und Volksfreund, gest. 1871), Ernst August Friedrich v. Uechtritz, Student der Rechte aus Tzschocha (er wurde krank und gab deshalb, weil er den Fahnen nicht folgen konnte, 150 Taler, gest. 1877 zu Hirschberg). Den Ruhm, als erster in der Oberlausitz diesem Freiwilligenkorps beigetreten zu sein, hat "der ehrenwerte" junge Mann Franz Adolph Hühnefeld aus Niesky. Dienstknechte, Bauern, Weber, Maurer, Handwerker, Tuchmacher, Handlungsdiener, Kaufleute, Jäger, Musiker, Gymnasiasten (darunter 5 aus Görlitz), Studenten und Kandidaten, Großgrundbesitzer traten voller Eifer für Deutschlands Ehre in den Dienst ein. Der Kaiser Alexander ehrte dieses Korps, indem er es im März 1814 zu seiner Garde und Leibwache erhob. Am 12. April 1814 traf die 4. und 3. Kompanie das Unglück, daß beim Übergang über den Main nicht weniger als 61 Personen durch Reißen der Fährkette ertranken, darunter aus Ludwigsdorf Ferdinand Friedrich Schmidt, 18 Jahre alt, Schüler des Görlitzer Gymnasiums. Übrigens wurden auch noch in diesem Monate neue Freiwillige für das Banner aufgenommen.

Daneben fand nun auch eine Aushebung zur Landwehr statt, zu der Ende November eine gedruckte Verordnung verbreitet wurde. Schleunigst wurden von Haus zu Haus Listen ausgenommen, und um Mitte November begann die Musterung, am 12. Januar 1814 die endgültige Annahme. In Niesky, wo, wie ein Chronist erzählt, sich 2000 Bauern versammelten, die man Tage lang hungernd warten ließ, kam es zu argen Ausschreitungen, auch zu Lauban, wo der Landeskommissarius und spätere Landrat v. Bose auf Oberrudelsdorf angeblich willkürlich verfuhr und beinahe totgeschlagen wurde. In Görlitz ging am 30. und 31. Dezember die Stellung und Einschreibung ruhig vor sich. Am 18. Januar 1814 fand die feierliche Vereidigung der aus dem Görlitzer und Laubaner (Seidenberger) Kreise Ausgehobenen statt. Früh wurde Reveille geschlagen und mit allen Glocken geläutet. Vom Obermarkt 3, dem Sitze der Ressource, wo zugleich der Bewaffungsausschuß tagte, ging der Zug in die Peterskirche, voran die Bürgergarde, der Magistrat, Geistlichkeit und Behörden, dann die Landwehr und zuletzt das bürgerliche Jägerkorps. Der Archidiakonus Jancke hielt eine kräftige patriotische Ansprache, sodann erinnerte Dr. v. Stöltzer die Landwehr an die Wichtigkeit ihres Berufes, und der Landeskommissarius v. Bose las die Eidesformel vor, welche die Schwörenden unter Aufhebung zweier Finger nachsprachen. Nach dem Eide wurden Kanonen gelöst, und der Zug begab sich zurück auf den Obermarkt. Abends war ein großes Fest in der Ressource. Dieses 1. Oberlausitzer (später Schlesische) Landwehrbataillon rückte am 31. Januar über Bernstadt seinem Berufe entgegen. In der Oberlausitz wurde außerdem ein 2. und 3. Bataillon Landwehr in Bautzen (unter dem Major v. Unwerth) und Zittau (unter dem Hauptmann v. Brochowsky) gebildet.

Für die Ausrüstung des freiwilligen Banners und der Landwehr wurde nun zu freiwilligen Gaben aufgefordert; Geld, Pferde, Kostbarkeiten, Montierungsstücke und Armaturen seien auch in den geringsten Beiträgen willkommen. Zur Empfangnahme bestimmte der Görlitzer Rat den Skabin Jähne, den v. Schrickel (wohnte Langenstraße 41), den Senator Bauer (wohnte in der Kränzelstr. 2) und den Zolleinnehmer Lötsch, und in einzelnen Stadtvierteln gingen um Mitte Dezember besondere Einsammler herum. Es sind uns nun die Listen von der Gesamtoberlausitz und der Stadt Görlitz erhalten. Wenn auch während des Jahres 1813 die Einwohner schon bis zum äußersten ausgepreßt waren, so trugen doch in opfere wütigster Weise die Magistratspersonen, die Kauf- und Handelsleute, die Handwerker und sonstigen Stadtbewohner, die adligen Großgrundbesitzer, die Bauern usw. bei. Da fehlen nicht die Witwen, "die deutschen Mädel, die nicht genannt sein wollen", "die ungenannten Patrioten". Neben barem Gelde wurden abgeliefert goldene Ketten und Schaustücke, silberne Denkmünzen, goldene Uhren und Uhrketten, goldene Trauringe, goldene Halsketten, Damenuhren, silberne Becher, silberne Vorlege-, Suppen-, Eß-, Kaffeelöffel, silberne Messer, Gabeln, Rahmschöpfer, Salzfäßchen, Bruchsilber; Pferde mit Sattel und Reitzeug; Büchsen, Flinten, Pistolen, Pallasche, Säbel, Bajonette, Bajonettscheiden, Sporen, Feldflaschen, Tschakos, Patronentaschen, Trommeln; Tuche, Hemden, Hüte, Mützen, Handschuhe, Socken, Leinwand zu 1 Paar Beinkleidern, Der Bürgermeister Sohr gab einen Bierkrug von weißem Milchglas, schwer mit vergoldetem Silber beschlagen, und 12 Taler, der Bürgermeister Zobel (wohnte Neißgasse 7) eine goldene Uhrkette, Frau Bürgermeister Neumann eine goldene Halskette aus 46 Kugeln bestehend, Kaufmann Dehmisch 3 Stück Napoleonsdor, Stadtrichter Dr. Stravinus (wohnte Petersgasse 8) einen silbernen Becher und einen Napoleonsdor, Major v. Schick auf Kosma (seine Mutter wohnte Obermarkt 4) ein Paar gezogene Pistolen, einen Dukaten und einen Speziestaler, der Schullehrer Burghardt in Friedersdorf an der Landeskrone 2 Taler. An barem Gelde gingen in der Stadt über 603 Taler ein. - Außerdem wurde für die Oberlausitz mit dem Hauptsitze in Bautzen ein Frauenverein gegründet, an dessen Spitze die Damen der obersten Beamten und sonstiger Honoratioren standen, in Görlitz die Frau Dr. v. Stöltzer. Sein Zweck war hauptsächlich, weibliche Handarbeiten zu sammeln; die feineren wurden in Geld umgesetzt, die für den Zweck passenden an die Landwehrmänner und deren Frauen und Kinder abgeliefert. Da gab man Leibbinden, Decken, Jacken, Bettücher, Hemden, Handschuhe, Socken, Müffchen, Gürtel und dergl. In Auktionen, die damals veranstaltet wurden, konnte man für billiges Geld die prächtigsten Kunstgegenstände kaufen. - In verschiedenen Erlassen wurden ferner die Besitzer von militärischen Gegenständen aufgefordert, diese an das Direktorium der Landesbewaffnung gegen Vergütung abzuliefern. - Um nun auch die Männer und Frauen, die durch Einsetzung ihrer Arbeitskraft und durch Darreichung solcher patriotischer Gaben sich für das Vaterland große Verdienste erworben hatten, zu ehren, wurde höheren Orts bestimmt, daß das grüne Tuchkreuz, das ursprünglich nur die freiwillig eintretenden Landwehrleute erhalten hatten, auch an solche in ihren bürgerlichen Verhältnissen wirkenden Personen verteilt wurde. In Görlitz erhielten das Kreuz z.B. Senator Schlegel (wohnte Breite Gasse 1), Advokat Zille (Demianiplatz 3), Advokat und späterer Bürgermeister Demiani (gest. 1846), Amtsaktuar Heino, Skabin Götzloff, die Damen Frau Kriegsrat Dr. v. Stöltzer, Frau Dr. v. Anton geborene v. Kiesenwetter, Demoiselle Christiane Starke, die für das Zittauer Landwehrbataillon köstliche Stickereien zu der Fahne lieferte, sonst Frau Stiftshofmeisterin Gräfin v. Löben in Joachimstein, Frau Oberamtshauptmann v. Kiesenwetter geb. v. Buch auf Reichenbach, Frau Landesälteste v. Gersdorff, Frau Landesälteste v. Nostitz auf Ullersdorf, Frau Landesälteste v. Kiesenwetter auf Gruna, Fräulein Konstanze v. Kiesenwetter aus Gruna.

 

1814

 

Im Monat Januar marschierten Tausende von Russen durch unsere Stadt zu der Hauptarmee nach Frankreich, so am 3. 3000 - sie hielten hier 2 Tage Rast - ferner am 6., 9. und 31. Januar. Als am 26. Dezember 1813 die französischen Truppen die Festung Torgau übergeben hatten und sie kriegsgefangen in einer Anzahl von rund 4250 am 12. Januar 1814 nach Schlesien abgeführt wurden, hatte unser Görlitz die große Last und Gefahr ihres Durchmarsches zu kosten, Gefahr um deshalb, weil die Epidemie in der Festung stark geherrscht hatte und leicht in unserer Stadt, wo das Fieber allmählich erlosch, eine neue Ansteckung erfolgen konnte. Der erste Trupp lagerte hier vom 18. bis 20. Januar, der zweite vom 20. Januar bis 3. Februar, der dritte vom 3. bis 6. Februar. Die Offiziere erregten am 29. Januar auf dem Schießhause einen Tumult, weil ihnen das Essen nicht gut genug war, und konnten nur mit Strenge beruhigt werden. Ihr Aufenthalt verlängerte sich, weil tiefer Schnee die Wege unpassierbar machte und die Schlesier den gefährlichen Leuten mit Gewalt ihre Grenzen sperrten, ja, um sie abzuhalten, die Landwehr aufbieten und Kanonen gegen sie gebrauchen wollten. Auch Nachzügler gab es, die aufgegriffen und weiter transportiert werden mußten. Seit dem 11. Januar war der russische Jägerkapitän Baron Casimir v. Danowsky zum Platzkommandanten ernannt. Er nahm seine Wohnung Obermarkt 29 und blieb bis zum 4. Dezember des Jahres in dieser Stellung, in der er sich durch mildes und gerechtes Auftreten den Dank aller Einwohner erwarb, wie ihm denn die Tuchmacherinnung ein Stück feinsten Tuches und die Bürgerschaft ein schönes Reitzeug verehrte. Sein Abschied wurde ihm sehr schwer; die Bürgergarde und eine große Menge Einwohner brachte ihm auf dem Obermarkte ein Vivat und die Honoratioren begleiteten ihn bis Lichtenberg, wo sie ihm ein Frühstück gaben. Er hatte die Stadt um so lieber gewonnen, weil er sich mit einer Görlitzerin, der Tochter des Bürgers und Seifensieders Zuschke, am 26. September verheiratet hatte. Übrigens kam er am 28. Mai 1815 bei dem erneuten Vormarsche der Russen gegen Napoleon mit seiner Frau wieder hierher und kehrte nach einer Reise nach Bamberg am 12. Juni dieses Jahres zurück, worauf er Kommandant von Lauban wurde. Am 20. Januar abends kamen 50 Wagen russischer Lazarettkranker aus Zittau in unsere Stadt. Ende des Monats wurde der Gouverneur Graf Karl August von Reisach-Steinberg abgesetzt und sollte arretiert werden, er entzog sich dem aber durch die Flucht und wurde steckbrieflich verfolgt; er starb nach einem bewegten Leben erst 1846 zu Koblenz als preußischer Archivrat. Im Februar, März und April erfolgen weitere Durchzüge von Russen und Preußen nach Westen, so am 9. März, wo vor des russischen Generals Quartier (Untermarkt 18) gebetet, gesungen und musiziert wurde. Am 31. März mußten fast alle Russen, die hier im Standquartier gelegen hatten, fort nach Dresden, nur wenige Kosaken blieben zur Verfügung des Kommandanten. Um die Ordnung aufrecht zu erhalten, wurde daher die Bürgergarde wieder neu eingerichtet - sie trug blauen Frack, blaue Weste und graue Hosen - und übernahm zunächst bis zum 12. Juli die Wache. Seit dem 9. Februar kehrten arme Soldaten, die seit 1812 in russischer Gefangenschaft geschmachtet hatten, durch unsere Stadt zurück. Zunächst Sachsen, so ein Teil des Regiments König, das 2100 Mann stark ausmarschiert war und von dem 1600 Mann vornehmlich am Nervenfieber in Kiew gestorben waren; noch am 20. Mai kamen gegen 80 Mann ganz verwilderter Sachsen aus Rußland, sie wollten nicht in den Baracken bleiben und spielten ein bißchen Rebellion, wurden aber bald durch derbe Prügel zur Vernunft gebracht. Den Sachsen folgten Bayern; ein bayrischer Offizier konnte am 12. April die traurige Lage, in der er sich während der Gefangenschaft mit seinen Kameraden befunden hatte, und die Härte der Behandlung gar nicht genug beschreiben. Am 21., 22. und 23.     April, auch noch am 11 . Juni trafen Züge von Kriegsgefangenen aus Glogau, das sich am 10. April ergeben hatte, hier ein. "Sie trugen die Nase so hoch wie vorher. Einer sagte, in 6 Jahren wären sie wieder in Moskau", ein anderer: "Wenn sie wieder kämen, würden sie sich bessere Quartiere ausbitten, einem dritten genügte Fleisch und Zugemüse nicht, er wollte Braten haben. An Napoleons Mißgeschick wollten sie nicht glauben." Am 11. April kam nach unserm Görlitz zuerst die Nachricht von der Einnahme von Paris (30. März). Sofort ward die Trommel gerührt und die Kanonen gelöst. Die eigentliche Feier fand am 18. April statt. Früh war nach militärischen Aufzügen Gottesdienst; bei dem Gesange "Herr Gott dich loben wir" wurde Viktoria geschossen und abends auf der Ressource Ball und Festessen abgehalten, wozu der Kommandant und sämtliche Offiziere geladen waren; außerdem fand schöne Illumination statt, vornehmlich erglänzten die Wohnung des Kommandanten und das Salzhaus. Der Magistrat ließ sämtliche Kranken in dem Lazarett speisen und mit Wein bewirten. Auf der Hauptwache war die gesamte blaue Bürgergarde aufmarschiert. Noch bis Ende Mai setzten sich die Durchzüge von Preußen und Russen nach

Westen fort; dagegen erfolgten seit dem 31. Mai und fast alle Tage im Juni, Juli und zeitweise im August die Rückmärsche der siegreichen Truppen nach Osten hin. Bis zu 19000 Mann lagen sie mitunter in und bei der Stadt, wodurch natürlich die armen Einwohner viel zu leiden hatten. Am schlimmsten ging es am 1. Juli zu; "überall nichts als Teufeleien, es müssen nur immer Patrouillen ausgeschickt und Soldaten in den Quartieren arretiert werden". Musterhaft dagegen benahm sich das den 4. Juli und die folgenden Tage einrückende Langeronsche Korps; trotzdem es in einer Stärke von 16000 Mann in und bei Görlitz lagerte, "war alles so ruhig, als ob kein Mensch hier wäre". Am 12. Juli war hier das Hauptquartier des Großfürsten Konstantin. Sein Bruder, der Großfürst Nikolaus, der später 1825-1855 über das Zarenreich herrschte, verweilte am 22. Juli früh von 8-9 Uhr in unserer Stadt. In der Frühe des 13. Juli reiste der russische General Langeron, den seine Frau seit fünf Tagen hier erwartete, durch, tags zuvor der General v. Sacken; den 24. bis 26. Juli machte hier der russische Generalfeldmarschall Barclay de Tolly Rast, dem zu Ehren man illuminierte, Zapfenstreich und Parade abhielt. Er logierte Obermarkt 31, während der General Oldenkop, der das ganze Korps kommandierte, Weberstraße 14 beim Kaufmann Geißler wohnte. Im August und September wurden Marodeurs eingebracht. Auch russische Deserteure trieben sich herum, gegen die strenge Anordnungen erlassen wurden; so wurden am 10. Oktober ihrer 27 zusammengekoppelt wie Pferde nach Lauban fortgeführt; sie waren trotz ihrer bevorstehenden härtesten Leibesstrafe guter Dinge. Um dieselbe Zeit passierten die Stadt oftmals Franzosen, die aus russischer Gefangenschaft kamen und die am 6. Oktober mit Kosaken auf dem Untermarkt in eine Prügelei gerieten. Am 16. September stieg der russische Fürst Platow mit seiner Gemahlin beim Kommandanten v. Danowsky ab. Zur Erinnerung an den vorjährigen Sieg bei Leipzig wurden am 18. und 19. Oktober in der Stadt und auch auf den Dörfern, so vornehmlich in Sohra, Lissa, Penzig und Zodel, Erinnerungsfeiern veranstaltet. Nachdem vom 14. bis 29. November ein Bataillon Sachsen, aus 13 Offizieren und 145 Mann bestehend, als Besatzung hier gelegen hatte, wurde es am 30. November durch 1000 Mann sächsischer Landwehr mit 8 bis 10 Offizieren abgelöst. Bei ihm befand sich als Regimentsquartiermeister Karl Benjamin Preusker, der große Volksfreund und Altertumsforscher, der damals seine Mußestunden dazu benutzte, um sich mit den literarischen Schätzen der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften bekannt zu machen (er war von 1817 bis zu seinem Tode 1871 ihr treues Mitglied).

Seit dem Herbste 1814 wurden in unserer Stadt die mannigfachsten Gerüchte über das Schicksal der Oberlausitz und des sächsischen Königs verbreitet; man hörte, daß man österreichisch oder preußisch werden würde, daß Friedrich August gänzlich abgesetzt oder mit einem andern Lande abgefunden werden solle; auch von einer Teilung der Oberlausitz war schon die Rede. Durch diese Nachrichten wurden die Görlitzer, die bei all ihrem deutschen Patriotismus doch treu an ihrem Könige und ihrem liebgewordenen Vaterlande Sachsen hingen, in ängstlicher Spannung gehalten. Als Vorbote der staatlichen Veränderung ging die Verwaltung des Königreichs Sachsen, die bis jetzt der russische Generalleutnant Fürst Repnin geleitet hatte, am 10. November auf den König von Preußen über, der hierfür den Staatsminister Freiherrn von der Reck und den kommandierenden General Freiherrn von Gaudi bestimmte.

Um eine Übersicht des Verlustes an Gebäuden durch Brand und Zerstörung, der Verwüstung der Felder und Gärten durch Biwaks, des Verlustes an Feldfrüchten und Futter, an Pferden, Ochsen, Kühen, Schafen, an Wagen, Geschirr, Ackergeräten und Handwerkszeug zu bekommen, wurden die Bürger im August des Jahres aufgefordert, wahrheitsgemäße Angaben zu machen und den Wert in Geld anzuschlagen. Schon im Februar wurden für diese ungeheuren Schäden Geldsammlungen vorgenommen, wobei in Stadt und Land Görlitz sich v. Ferentheil-Gruppenberg auf Bellmannsdorf, Dr. von Anton auf Ober-Neundorf, der Senator Herrmann, Müller auf Leschwitz sich an die Spitze stellten. Am 28. Februar gingen die Stadtoffiziere überall in der Stadt zum Sammeln herum; jeder Einwohner bis zu 14 Jahren mußte zum mindesten 8 Groschen für 6 Monate geben, Eltern für ihre Kinder. Im Herbst wurden an Bedürftigste unverzinsliche Geldvorschüsse zur Anschaffung von Vieh und Samengetreide bis Ostern und in dringenden Fällen bis Martini 1815 abgegeben. Es wurden Getreidemagazine in Görlitz, Radmeritz, Lauban und Waldau angelegt und von dort Vorräte verteilt. Aus Sammlungen, die in England für Kinder, die der Krieg elternlos gemacht hatte, veranstaltet waren, erhielt der Görlitzer Kreis 1925 Taler; da aber in der Stadt Görlitz allein 158 und im ganzen Kreise an 900 solcher Waisen vorhanden waren, war die Summe ganz unzulänglich, und es wurde dringend am 19. August um weitere Gaben gebeten.

Im übrigen fing man im Jahre 1814 in der Bürgerschaft an wieder aufzuatmen und gute Hoffnung zu fassen. Der sehr verdiente Kantor Blüher und der treffliche Organist Johann Gottlob Schneider konnten es seit 1812 das erstemal wieder wagen, am 16. Oktober 1814 dem Publikum einen lang entbehrten musikalischen Genuß zu verschaffen. Unterstützt von gesangsliebenden Personen beiderlei Geschlechtes ans den angesehendsten Familien in Stadt und Land und von Künstlern ans der Zittauer Gegend, führten sie vor zahlreicher Zuhörerschaft Mozarts Don Juan auf.

 

1815

 

Die ersten Monate des Jahres vergingen ohne bemerkenswerte Ereignisse, nur daß die Spannung über das endgültige Geschick der Stadt Görlitz und der Oberlausitz noch mehr stieg. Ob preußisch, ob sächsisch? Ob getrennt oder zusammen Die erste der Wahrheit entsprechende Nachricht kam Ende Februar. Viele Flugschriften, anonyme Briefe und Pamphlete wurden verbreitet und von der Zensur scharf überwacht; vorsichtig raunte man sich allenthalben die unkontrollierbarsten Nachrichten, Hoffnungen und Befürchtungen zu. Da Napoleon zunächst beseitigt und Deutschland von der Fremdherrschaft frei war, so wünschte man, daß man bei dem liebgewonnenen Sachsen verbliebe; ja man gab dem sozusagen offiziell

Ausdruck, indem man den Landesältesten v. Gersdorff und den Stiftsverweser v. Ferentheil-Gruppenberg am 3. März an den Wiener Kongreß schickte, um die Zerstückelung Sachsens abzuwenden. Privatim weilte um dieselbe Zeit in Wien der Görlitzer Kaufmann Karl Gotthelf Geißler, der bis in die höchsten Kreise Beziehungen hatte und dem der Kaiser Alexander auf seine Klage, daß des sächsischen Königs Schicksal hart sei, antwortete, das sei freilich wahr, allein er habe den verbündeten Mächten auch in keinem einzigen Stücke sein gegebenes Wort gehalten. - Wie eine Bombe durchfuhr nun ganz Europa und insonderheit Sachsen im März die Nachricht von der Landung Napoleons in Frankreich. Zuerst kam nach unserm Görlitz die Kunde hiervon am 13. März. Man knüpfte von vielen Seiten daran die vagsten Hoffnungen. Die veränderte politische Lage brachte natürlich wieder starke Truppendurchmärsche für unsere Stadt. Die ersten Preußen erschienen auf ihrem Marsche nach Westen schon am 29. März, die ersten Russen am 3. April, und diese Züge dauerten bis in den Juli, ja vereinzelt noch später. Das Sackensche, Barclay de Tollysche und Wittgensteinsche Korps durchquerten wiederum unsere Oberlausitz; ein Glück, daß sie mit großer Eile vorrückten, daß ihnen Fleisch, Brot und Gemüse aus den Magazinen geliefert und daß im großen und ganzen gute Manneszucht gehalten wurde. Nach der Niederwerfung des Korsen war wiederum die Oberlausitz in den letzten 4 Monaten 1815 und in den

Anfangsmonaten des Jahres 1816 Durchgangsland. Damit hörten endlich die Truppenmärsche auf, die vier Jahre hindurch hintereinander das Land so furchtbar belastet hatten. Am 4. Mai und 13. November quartierte, wie so oft, der russische General v. Sacken hier (im Weißen Roß), am 11. September und 17. Oktober durchfuhr unsere Stadt ein auch schon öfters gesehener Gast Großfürst Constantin.

Am 18. Mai des Jahres 1815 entschied sich nun das Geschick der Oberlausitz und unserer Stadt zu Wien, indem der sächsische König Friedrich August den Friedenstraktat abschloß. In ihm wurde unter anderem die Oberlausitz geteilt, und der größte Teil derselben mit Görlitz und Lauban fiel an Preußen; 4 Tage später entließ der bisherige Landesherr die abgetretenen Untertanen, und der neue Landesherr Friedrich Wilhelm III. übernahm sie.

Mit dieser Zugehörigkeit zu den Ländern des Hohenzollernstaates begann nun für unsere Stadt eine neue Zeit. Freilich kostete es viele Mühe von seiten des Staates, der Stadtverwaltung und der Bürger, die Schäden, die der Krieg geschlagen, zu überwinden und noch nach Jahrzehnten wollte keine rechte Erholung kommen; aber allmählich erstarkte doch das Gemeinwesen und nahm seit etwa 1850 eine staunenswerte Entwicklung.

 

Heute nach 120 Jahren ist im Gedächtnis der Lebenden kaum noch eine Spur der großen Leiden der damaligen Bewohner, nur alte Akten, Berichte, Tagebücher und hier und da ein Gedenkstein erinnern daran. Wir wissen heute gar nicht mehr, was es heißt, den Feind im Lande und im Hause zu haben. Und wenn es heute gilt, das Waffenkleid zu stärken, damit kein fremder Frechling in unsere gesegneten Städte, Fluren und Häuser eindringt, so wollen wir gern die Lasten tragen und daran denken, daß solche Lasten gar nichts bedeuten gegen die rohe Gewalt und die unerhörten Übergriffe, denen unsere Vorfahren vor 120 Jahren ausgesetzt waren.

 

Anhang

I.

Übersicht der Schäden in Görlitz während des Jahres 1813 (und 1814).

A) Gänzlich abgebrannte Gebäude 32 im Werte von 50409 Taler. Darunter Neugasse 4 und 11 (Nr. 990 und 997) (s. oben); ferner auf dem Steinwege Nr. 15-20 (s. oben); Klosterplatz 12, 13 und 14, sowie Nonnenstraße 1-4 (s. oben); der Leontinenhof und 4 Stadtgärten auf der Laubaner Straße (s. oben); am 20. Dezember brannten die Häuser Hotherstraße 2-7 (Ur. 685-690) nieder.

B) Teilweise durch Feuer beschädigt wurden 29 Häuser, der

Verlust wurde geschätzt auf 2691 Taler.

C) Eingerissene, zerstörte oder sonst ruinierte Häuser 212. Der Verlust wurde geschätzt auf 125967 Taler. Darunter Biesnitzer Straße 860 (jetzt H. Brose gehörig) (s. oben); die Weiße Mauer auf der Rauschwalder Straße (Nr. 902), in der Ponte 2 (Nr. 906), die Tischbrücke (Nr. 1019), Bunzlauer Chaussee 3/4 (das Schwarze Vorwerk, damals Andreas v. Nitsche gehörig), Lorenzsches Vorwerk (Nr. 1049, jetzt der Stadt gehörig).

D) Durch Furagierung und Plünderung verursachte Schäden 17521 Taler. Darunter Breslauer Straße 20 (Gasthof zur Stadt Breslau), die Obermühle (Nr.800), die damals einer Frau Thieme gehörte, die Walkmühle (bei der Obermühle, Nr. 801), wo der Tuchwalker F.S. Geißler wohnte.

 

Der Gesamtschaden in diesen 4 Rubriken betrug also 196588 Taler. Groß war der Schaden auf der Viehweide, in der Sommer- (Moltkestraße), Konsuls-, Jakobs- (jetzt Helmuth-Brückner-Straße), Salomons- (umfaßt auch einen Teil der Berliner Straße (jetzt Adolf-Hitler-Straße), Krölsgasse, Bautzener Straße, Laubaner Straße, Rabengasse (jetzt Prager Straße), Galgengasse (Rothenburger Straße). Vom 23. bis 25. Mai 1813 wird der Verlust in den Vorstädten auf 76471 Taler eingeschätzt, die Nikolaivorstadt erlitt in der Nacht vom 5. bis 6. September durch die Franzosen einen Schaden von 5637 Talern, die Neißevorstadt in den ersten Tagen des September durch die Russen einen von 5302 Talern.

Vom 10. Februar 1813 bis 24. November 1814 befanden sich in der Stadt Militärlazarette. Es wurden daselbst, natürlich auf Kosten der Stadt, an kranken und verwundeten Bayern, Russen, Preußen, Franzosen und ihren Verbündeten 1813 201303, 1814 28553 Soldaten, im ganzen also 229856 verpflegt, was sicherlich über 150000 Taler erfordert hat. - In den Lazaretten starben vom 10. Febr. bis Mitte Mai 900, von Mitte Mai bis Ende Juni 206, vom 1. Juli bis Ende Dezember 1813  692, vom 1. Januar bis Ende August 1814 87 Mann, in Summa also 1885 Mann. - Eine Aufstellung der Einquartierten ergibt für das Jahr 1813 eine Summe von 552950 Mann: im Mai 63108, im Juni 54267, im Juli 57440, im August 49661, im September 95049, im Oktober 66701 Mann, wozu noch für die Tage vom 1. und 2. und 5. bis 9. September 34924 Franzosen kamen. 1814 fanden in der Stadt 100095 Russen und Preußen Quartier; die höchste Belegung zeigt der Januar mit 17493, der Juni mit 13366, der Juli mit 27208 Köpfen. In den beiden Jahren 1813 und 1814 quartierten also in Görlitz an 700000 Mann, für deren Beköstigung, wenn man täglich 12 Groschen ansetzt, etwa 350000 Taler aufliefen. Rechnet man hinzu die Lazarettkosten und den Wert der abgebrannten und zerstörten Gebäude und der Plünderungen, so kommt die runde Summe von 700000 Talern heraus, die die Stadt Görlitz an Kriegskosten zu tragen hatte. Ein Taler mag damals die Kaufkraft von einem jetzigen Zehnmarkstück besessen haben. An unmittelbarem Aufwand für den Freiheitskrieg hatte also die Stadt etwa 7 Millionen Mark und jeder Einwohner im Durchschnitt, die Bewohneranzahl auf 8600 gerechnet, 814 Mark aufzubringen.

 

Angabe der 1813 durch den Görlitzer Kreis gegangenen und von ihm und dessen einbezirkten Städten Görlitz, Zittau und Lauban verpflegten Truppen (aus Janckes Tagebuch Seite 63, 64 und 66)

Benennung der Truppen

Mindeste Zahl der Mannschaft

Zeit des Durchmarsches

  1. Durch die Herrschaft Muskau

8000

Januar, Februar

  1. Zurückkehrende Kgl. Sächsische, bayrische und französische Soldaten

4000

Januar, März

  1. Aus dem Herzogtum Warschau das zurückkehrende Armeekorps Reynier

6000

März

  1. Eine Division Polen

6000

März

  1. Die russische Avantgarde unter dem Obersten v. Prendel

300

März

  1. Das Korps von Winzingerode

10000

März

  1. Das Korps des Generals von St. Priest

8000

April

  1. Die Hauptarmee unter dem Feldmarschall v. Blücher

40000

April

  1. Das Korps des Generals Miloradowitsch

12000

April

  1. Die große Kutusowsche Armee

36000

April

  1. Das Korps des russischen Generals Barclay de Tolly

27000

April

  1. Die ganze Armee der verbündeten hohen Mächte von Budissin nach Schlesien

121000

Mai

  1. Die kaiserliche französische Armee inkl. Die Verbündeten und was während des Waffenstillstandes nach Schlesien gegangen

150000

Mai bis Ende des Waffenstillstandes

  1. Die französischen Garden aus Schlesien und Dresden

20000

Juni 1813 gleich nach dem geschlossenen Waffenstillstand

  1. Das französische 7. Armeekorps Reynier aus Schlesien

12000

Juni in dem Lager bei Moys und Schönbrunn

  1. Das französische 8. Armeekorps Poniatowsky aus Polen durch Böhmen

13999

Juni, kantonierte im Zittauer Kreise

  1. Verstärkung des 7. Armeekorps

9000

Während des Waffenstillstandes

  1. Verstärkung des 8. Armeekorps

3000

Während des Waffenstillstandes

  1. Kgl. Württembergische Truppen aus Schlesien

6000

Kantoniert. Während des Waffenstillstandes in der Herrschaft Muskau

  1. Französische alte und junge Garde

20000

Nach Ablauf des Waffenstillstandes von Dresden nach Schlesien

  1. Französ. Kavalleriekorps Latour-Maubourg

16000

den 14. August aus Schlesien bis Königshain und wieder nach Schlesien

  1. Französische alte und junge Garden

20000

den 21. August aus Schlesien nach Dresden

  1. Französ. Korps Victor, Maubourg und andere Truppen

wenigstens 130000

den 22. und 23. August aus Schlesien zum Teil nach Zittau und Dresden

  1. Armeekorps Ney, Macdonald und Lauriston

60000

den 29. bis 31. August aus Schlesien

  1. Die Armee der verbündeten höchsten Mächte

mind. 60000

den 2. u. 3. September aus Schlesien

  1. Dieselbe

60000

den 5. u. 6. September

  1. Die französische Armee

100000

den 5. bis 8. September in der Position v. Reichenbach bis Görlitz

  1. Die Armee der verbündeten höchsten Mächte

60000

den 9. u. 10. September

  1. Die russische Armee unter Bennigsen, Tolstoy, Muranzoff, Sultoff, Ismalow usw.

wenigstens 80000

im Oktober

  1. Das Korps des Generals Gladkow

16000

im November

  1. Ein russisches Armeekorps durch Muskau

10000

im Dezember

  1. Die Kgl. Preußische Landwehr

3000

im Dezember

 

1125659

 

 

 

Angabe der ungefähr zu übersehenden Kriegsschäden und Leistungen des Görlitzer Kreises und der 3 Städte (Görlitz, Zittau, Lauban)

im Jahre 1813.(aus Janckes Tagebuch Seite 65)

 

  1. Truppenverlegungsaufwand bei Durchmärschen und stehenden Einquartierungen, in Kantonierung und Lägern auch auf den Biwaks mit Einschluß dessen, was hierzu geliefert, von den Quartierständen gegeben und erkauft worden ist

4.000.000 Taler

  1. Teil bar, teils in erfüllten Requisitionen bezahlte Kriegskontribution

152.743 Taler

  1. Die Requisitionen, die nicht auf die Kriegskontribution abgerechnet werden dürfen

100.000 Taler

  1. Lazarett-Unterhaltungskosten

189.564 Taler

  1. Verlust durch Entnehmung der Kassengelder

3.886 Taler

  1. Den Untertanen beschehene Unterstützung und Vorschüsse

30.000 Taler

  1. Sonst durch den Krieg herbeigeführter Aufwand an Baukosten, Kommandantur, Kommissariat, Magazin, Büro- und Reisekosten, Diäten, Estafetten, Gebühren, Botenlöhnen, Porto, Kopialien, Schreibmaterialien, Holz, Licht und andern insgemein zu berechnenden Ausgaben

73.212 Taler

  1. Durch Furagierung, Plünderung, Brand, Verlust des Vorspann- und Nutzviehs, Wagen, Schiff und geschirr und sonst eingetretene Kriegsschäden wenigstens

2.000.000 Taler

Summa rund

6.550.000 Taler

 

 

 

 

 

 

IV.

Die Erinnerungstafeln an die Freiheitskriege in der Görlitzer Peterskirche. (Zobel im Evangel. Gemeindeblatte für Görlitz 1913 Nr. 36 ff.)

 

1. Tafel. Sie bringt vom 1. Schles. Landwehrregiment:

a) die Ritter des Eisernen Kreuzes und zwar 3 (Oberstleutnant v. Fischer, Premierleutnant Herzog, Premierleutnant Torppe) erster und 49 zweiter Klasse;

b) die Gefallenen, 56 Namen.

2. Tafel. Sie nennt von demselben Regiment 44 Ritter des Eisernen Kreuzes. Es sind anscheinend die Dekorierten, denen nach dem Absterben früherer Besitzer das Kreuz zufiel.

3.  Tafel. Sie weist auf von der ersten und zweiten Eskadron des zweiten Schlesischen Landwehr-Kavallerie-Regiments, welches dem ersten Schlesischen Infanterie-Regiment zugeteilt war,

a) die Ritter des Eisernen Kreuzes, an Anzahl 8;

b) die Gefallenen, 5 Personen.

4.  Tafel. Sie bringt vom ersten Schles. Schützenbataillon erster und zweiter Kompanie (erste Schützenabteilung)

a) Ritter des Eisernen Kreuzes und zwar 5 (Major von Neumann, Kapitän von Rudorff, Oberstleutnant von Streit, Kapitän von Thümmel, Kapitän Vollquad) erster und 69 zweiter Klasse;

b) die Gefallenen, 108 Personen.

5. Tafel. Auf ihr liest man die Namen der Veteranen, die in Görlitz ansässig waren und verstarben. Es sind ihrer 32, von denen der erste 1815, der letzte (Georg Schmidt) am 24. Januar 1890 beinahe 95 Jahre alt starb.

 

 

V.

Schäden und Leiden der Ortschaften um Görlitz im Jahre 1813.

 

Arnsdorf.

Einquartiert waren 10 Generale, 86 Stabsoffiziere, 241 Oberoffiziere, 10250 Unteroffiziere und Gemeine, 8581 Pferde.

Gesamtverlust: 200 Zentner 46 Pfund Mehl, 134 Scheffel 13 Metzen Korn, 216 Scheffel Kartoffeln, 1237 Scheffel 12 Metzen Hafer, 1481 Zentner 66 Pfund Heu, 164 Schock 37 Gebund Stroh, 1829 Brote, 124 Schlachtstücke, 1090 Pfund Fleisch, 8 Pferde, 26 Ochsen, 30 Schafe usw.

Biehain, Bremenhain, Lodenau, Sänitz, Zoblitz bei Rothenburg.

Einquartiert: 12 Generale, 90 Stabsoffiziere, 381 Oberoffiziere, 14353 Unteroffiziere und Gemeine, 6819 Pferde. Viel Furage wurde verbraucht, viel requiriert und ins Landmagazin geliefert; 119 Schlachtstücke, 11 Zentner 51 Pfund Fleisch, 396 Schafe, 19 Pferde, 93 Ochsen, 21 Wagen usw. mußte man hergeben. Am 17. September plünderten 70 Kosaken Sänitz.

Biesig.

Erfuhr Plünderung am 22. und 23. Mai hauptsächlich durch Italiener. Einquartiert: 4 Generale, 20 Stabsoffiziere, 87 Oberoffiziere, 4358 Unteroffziere und Gemeine, 6937 Pferde.

Biesnitz.

Hatte vornehmlich vom 5. bis 9. September, als die Franzosen hier lagen, zu leiden. Am 5. (nach anderen Quellen am 7.) September plünderten 100 Franzosen den Bauernhof des Johann Georg Neumann zu Groß-Biesnitz, und da sie mit dem Feuer unvorsichtig umgingen, gingen dieser Hof und der des Elias Meißner in Flammen auf; acht Tage zuvor brannten die Gärtner Kirchhof und Hüttig nieder.

Ebersbach.

Schon 1806 war bei dem Vormarsche der Preußen das Dorf stark belegt, am 9. September standen hier über 1500 Mann, die Hufe Landes mußte 64 Köpfe aufnehmen. Im Juni 1809 hatte jeder Bauer auf die Hufe zu liefern 1 Scheffel Hafer, 1 Scheffel Mehl, 100 Pfund Heu, ½  Schock Stroh und nach Zittau zu schaffen. In den ersten Monaten des Jahres 1813 hatte das Dorf sehr viel durch das Nervenfieber zu leiden. Schrecklich war der 22. Mai. Die hungrigen russischen und preußischen Truppen, die sich auf dem Rückzuge nach der Schlacht bei Bautzen befanden, brachen in die Häuser ein und plünderten. Am Abend kamen die Franzosen. Sie zerschlugen und verstümmelten alles, was sie fanden. Gegen Mitternacht ging das Bauerngut der Frau Maria Rosina Mühle, die selbst mit den Ihrigen mißhandelt war und sich auf der Flucht nach Siebenhufen befand, in Flammen auf. Der Hauptarmee der Franzosen folgten Schwärme von plündernden Nachzüglern. Während des Waffenstillstandes dauerte das Hin- und Hermarschieren fort, auch mußten große Lieferungen in das Landmagazin nach Görlitz geschehen. Um den 18. August war das Dorf stark von französischen Truppen belegt. Am 1. September machten sich die Franzosen gegen die vordringenden Verbündeten zur Abwehr bereit, am Abend kamen Kosaken, die wiederum plünderten, und am folgenden Tage bezog die verbündete Armee ein Lager von Nieder-Ebersbach bis zur Landeskrone, um dann weiter nach Westen zu marschieren. Am 5. September kamen die Franzosen zurück, und das Durchplündern und das Mißhandeln begann aufs neue. Zwei Tage später rückten 6000 Mann Kavallerie ins Dorf, die bis zum 9. hier blieben und schrecklich hausten. Ihnen folgten Kosaken, die abermals die Häuser durchsuchten. Einquartiert waren im Jahre 1813 11 Generale, 54 Stabsoffiziere, 551 Oberoffiziere und Chirurgen, 16052 Unteroffiziere und Gemeine, dazu 13167 Pferde.

Friedersdorf an der Landeskrane.

Nach der Schlacht bei Bautzen trieben die Bewohner ihr Vieh ins Oberdorf, das weiter abseits der Straße liegt, auch in die Büsche und in das Clam Gallassche Dorf Engelsdorf in Böhmen. Vormittags am 23. Mai kamen Franzosen vom Macdonaldschen Korps und jagten die Russen nach Jauernick und Schönau. Das Schulhaus wurde geplündert, die erbeuteten Vorräte ins Lager bei der Landeskrone gebracht. Am 24. und 25. Mai standen hier 1600 Husaren und Dragoner. Vom 23. Juni bis 2. August mußten nach und nach 43 Offiziere, 3052 Gemeine und 2256 Pferde verpflegt werden. Die Bauern mußten viel Transportfuhren leisten und waren oft wochenlang unterwegs. Zur Schanzarbeit und zur Einrichtung der Bäckerei in Görlitz waren 47 Mann 4 Tage, 200 Mann 2 Tage, 42 Mann 1 Tag abwesend. Stark war die Einquartierung am 19. August. In den ersten Septembertagen wetteiferten die beiden kriegführenden Parteien im Plündern. Am 3. September wurde die Kirche erbrochen und die Sakristei beraubt und die ganze Nacht furagiert. Der große Wald westlich von Friedersdorf stand voll von geflüchteten Rindern, Schafen und Pferden. Wegen Mangels an Zugvieh wurde das Brot zur Ablieferung nach Bernstadt, der Hafer nach Markersdorf auf Schubkarren gefahren, ebenso kranke Russen auf Karren nach Lauban gebracht. Die Gemeinde borgte im Jahre 1813 für Lieferungen und andere Ausgaben 1477 Taler. Die Zahl der Todesfälle war in dem Jahre doppelt so groß als sonst, wenngleich das Lazarettfieber hier milder als anderwärts auftrat.

Gersdorf bei Reichenbach.

Einquartiert waren in Schloß und Dorf 6 Generale, 192 Stabsoffiziere, 283 Oberoffiziere, 8094 Unteroffiziere und Gemeine, 4703 Pferde. Am 22. Mai verwüsteten und plünderten die eindringenden Franzosen das Dorf und vernichteten das Schloßarchiv. Im Herbst mußte die Gemeinde 683 Taler, das Rittergut 342 Taler zur Blücherschen Kontribution bezahlen. Wochenlang weilten die Bauern mit ihrem Vieh in den Waldungen von Friedersdorf und Paulsdorf. Zwei Häuser wurden von den Russen in Brand gesteckt. An den Kriegen von 1805-1815 nahmen 19 Gersdorfer teil, von denen 3 in russische Gefangenschaft gerieten.

Girbigsdorf.

Von dem Gefecht in der Nacht zum 31. August, s. oben S. 58. Am 6. und 7. September zerstörten zwei Brände das Gehlersche Haus und das zum Schröterschen Bauerngute gehörige Ausgedingehaus in Ober-Girbigsdorf; drei andere Häuser wurden von den Franzosen weggerissen und im Biwak verbrannt. Einquartiert waren 23 Stabsoffiziere, 284 Oberoffiziere und Chirurgen, 19678 Unteroffiziere und Gemeine, 11299 Pferde. 26 Schlachtstücke, 51 Pferde, 11 Ochsen, 95 Kühe, 41 Kalben, 23 Ziegen, 143 Schafe, 4 Schweine usw. gingen verloren.

Glossen, Mauschwitz, Schöps, Goßwitz (nordwestlich Reichenbach).

Einquartiert waren 24 Generale, 254 Stabsoffiziere, 516 Oberoffiziere, 29835 Unteroffiziere und Gemeine, 18548 Pferde. Die Lieferungen an Furage, die gewaltsamen Erpressungen und die Lieferungen in das Landmagazin waren ungeheuer. In Mauschwitz gerieten während eines Gefechtes am 2. September die Gebäude des Kleingärtners Johann Friedrich Hofmann in Brand.

Gruna

wurde im März und April 1813 sehr belastet; es lagen damals 4 Generale, 102 Offiziere und 2115 Mann, sowie 1739 Pferde im Quartier; am 23. Mai wurde das Dorf durch Italiener arg verwüstet; von Mitte Juni bis Mitte Juli hielten sich stehend hier auf 30 Offiziere, 963 Mann mit 635 Pferden der französischen Armee. Vom 5. bis 9. September mußten ungeheure Lieferungen ins Lager (bei Troitschendorf) geschehen. Der Besitzer des Rittergutes, Regierungsrat und Landesältester Ernst Gottlob von Kiesenwetter, empfing im Namen der Landstände am 19. April den Kaiser Alexander bei Ullersdorf a. Qu. und am 22. April den König Friedrich Wilhelm in Waldau.

Halbau.

In diesem Städtchen waren einquartiert 15 Generale, 106 Stabsoffiziere, 641 Oberoffiziere, 13378 Unteroffiziere und Gemeine, 10773 Pferde. 1812 und 1813 kosteten Lieferungen, Einquartierungen, Vorspanne usw. wohl 16831 Taler.

Hennersdorf.

Das Dorf mußte 1807 1600 Taler Kontribution geben, es stellte auch 1812 etliche Soldaten, die mit nach Rußland zogen und unversehrt zurückkamen. Bei dem Vorrücken der Russen und Preußen kam am 24. März der Prinz von Hessen-Philippstal, Oberst in preußischen Diensten, hier an und blieb mehrere Tage. Am 20. April erschien der Bruder des russischen Kaisers Konstantin (s. oben) mit seinem Schwager, dem Prinzen von Koburg. Am 13. Mai rückten 2000 Mann russische Infanterie auf ihrem Marsche zur Armee ins Dorf, alle Häuser waren natürlich sehr stark belegt. Am 22. Mai befand sich das russische und preußische Hauptquartier hier. Auf dem Hofe lagen die Prinzen Wilhelm und August von Preußen, der Prinz Karl von Mecklenburg-Strelitz, beim Bauer Elias Witschel (jetzt Popig Nr. 32) Blücher, beim Kirchbauer Kießling (Nr. 6) Yorck; auch der russische General Barclay de Tolly (beim Schankwirt Bertram) und Graf Wittgenstein übernachtete hier. Früh um 8 Uhr am 23. Mai brach alles auf; schon kamen französische Kanonenkugeln geflogen, die Geschütze der Verbündeten auf der Höhe gen Sohra antworteten. Um ihren Rückzug zu decken, zündeten die Russen die Brücke bei der Kirche an, wodurch die Schule, der jetzige Gasthof "Zur Stadt Berlin" und die jetzige Postagentur (1813 Gastwirt Zimpel und Häusler Warnst) mit in Flammen aufgingen. Inzwischen hatten gegen 2 Uhr die Franzosen dem Vorwerke gegenüber bei Ludwigsdorf Brücken über die Neiße geschlagen. Sie nahmen bei ihrem Eindringen alles Vieh weg; im ganzen gingen damals 1300 Stück verloren. Der Pächter von Hennersdorf und Ober-Sohra, Johann Daniel Brase, verlor alles Zug- und Nutzvieh, seine Vorräte an Getreide, Schiff und Geschirr und die ganze Hoffnung auf die künftige Ernte. Die Gesamtsumme des Verlustes am 23. und 24. Mai wurde auf 13477 Taler eingeschätzt. Nach dem Abzuge der französischen Hauptarmee hielten noch die Marodeurs eine Nachlese und raubten vollends alles aus. Zeitweise herrschte ein großer Mangel an Lebensmitteln. Bei der Retirade nach der Schlacht an der Katzbach stellten sich am 1. September zunächst die Truppen der Franzosen auf dem Kirchberge auf, verließen aber, nachdem sie weidlich geplündert hatten, das Dorf. Um 3 Uhr nachmittags kamen die ersten Preußen und Kosaken an, die ein Biwak nicht weit vom Hofe aufschlugen und am 3. weiter nach Westen zogen. Am 5. September beim neuen Rückzuge der Verbündeten schien es, als ob es hier zu einem Gefecht käme; man hatte, wahrscheinlich, um das Vordringen der Feinde aufzuhalten, die Teiche bei Leopoldshain früh um 9 Uhr abgestochen. Am Abend zogen Preußen und Russen ab, und es wurden im Oberdorfe 4 Bauernhöfe und eine Häuslerwohnung (jetzt Altmannsches Haus) und im Mitteldorfe 2 Bauernhöfe in Brand gesteckt (jetzt die Höfe von Laßmann, Alfred Kießling, Förster, Schubert, Bärsch (s. die Inschrift am Hofe) und einer zwischen Bärsch und der Mühle). Die Nacht war schrecklich; es schien alle Manneszucht aufzuhören; auf dem Hofe wurden alle Fenster, Spiegel, Kommoden, Stühle, Tische entzwei geschlagen, die Betten zerschnitten und alles weggenommen und verwüstet. Die Einwohner hatten sich in den großen Garten geflüchtet, andere in die Kirche, noch andere nach dem versteckt liegenden Dorfe Sercha-Grund, so der Pastor Häsner, der, bis aufs Hemd ausgeplündert, mit seiner zehnköpfigen Familie schließlich einen Unterschlupf in Görlitz fand und 4 Wochen keinen Gottesdienst abhielt. Bis zum 9. September stand die russische und preußische Armee bei Hennersdorf, Leopoldshain und Troitschendorf, und es waren schon die Kanonen zur Schlacht aufgeführt, die sich auch sicher entwickelt hätte, wenn die Franzosen nicht rechtzeitig Görlitz verlassen hätten. Der Pächter Brase gab seinen Verlust in diesen schrecklichen Septembertagen auf 7561 Taler an und erklärte sich außerstande, die Pacht unter den zeitherigen Bedingungen - er zahlte für Hennersdorf und Ober-Sobra 3900 Taler Pacht - fortzusetzen. Er bat um Nachlaß. "Sollte der Rat der Stadt nicht darauf eingehen, so verlasse ich" - wie er am 1. Mai 1814 schreibt - "die Fluren, auf welchen ich mir ein sorgen- und kummerloses Alter als Frucht zu erbauen hoffte, mit den Meinigen völlig arm und bloß - ich lasse nicht bloß mein und der Meinigen ganzes, letztes Vermögen zurück, sondern auch den Lebensmut und die Kräfte, die es mir erwarben." Der Rat war geneigt, seiner Bitte nachzugeben; da starb der unglückliche Mann. 1814 zahlte das Dorf 1400 Taler zur Blücherschen Kriegskontribution, und dasselbe Jahr baute sie die Schule wiederum neu auf mit 1800 Taler (jetzt etwa 18000 Mark). Eine Tafel in der Kirche verkündet die 5 Namen wackerer Hennersdorfer, die sich das Eiserne Kreuz erwarben. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, daß ein Hennersdorfer Musiker, Petzold mit Namen, im Jahre 1831 ein höchst interessantes Büchlein herausgab, worin er seine merkwürdigen Reisen und Schicksale bei der russischen Armee - er begleitete diese vom 12. April 1813 bis 2. Juli 1814 - erzählt. Hermsdorf. In der Kirche befindet sich eine Gedenktafel mit der Inschrift: Für König und Vaterland starb Gottfried Müller aus Hermsdorf, Musketier im 31. Linien-Infanterie-Regiment, in der Affäre bei Vavre am 19. Juni 1815. - Im Mai 1813 wurde Christoph Schmidt von einem Soldaten auf der Flucht in den Wald erschossen. Infolge des Schrecks bei der Plünderung am 23. Mai 1813 starben 3 Personen.

Hohkirch und Pommerseite.

Ein Teil des französischen Korps Lauriston lagerte im Mai 1813 in und bei Hohkirch, 261 Offiziere, 5281 Unteroffiziere und Gemeine, 5100 Pferde stark. 39 Ochsen, 74 Kühe, 206 Schafe und viele Vorräte gingen verloren.

Klingewalde.

Die Felder wurden im Frühjahr ganz verwüstet; das Dorf rechnete sich damals seinen Schaden auf 1302 Taler, das Rittergut auf 1378 Taler. Im Herbst war das französische Lager vom 5. bis 9. September überaus schädlich; alles Holzwerk an Zäunen, Türen, Tischen, Bänken, ja Dächern und Häusern wurde weggeschleppt und verbrannt; auch wurden 5000 Taler bares Geld geraubt. In dem kleinen Dorfe, das nur einen herrschaftlichen Hof und 22 Gärtner enthielt, waren 2 Generale, 12 Stabsoffiziere, 72 Oberoffiziere, 1947 Unteroffiziere und Gemeine und 1481 Pferde einquartiert. 71 Stück Schlachtvieh mußten hergegeben werden.

Kohlfurt.

Aus den Gemeinderechnungen, die viele Einzelheiten, aber keine allgemeine Zusammenstellungen enthalten, sei erwähnt: Im März, April und Mai mußten an Preußen und Russen Lieferungen nach Ober-Langenau, Penzig und Görlitz geschehen. Am 23. Mai plünderten Kosaken, am 25. Mai Soldaten des Korps Ney, am 8. Juni regulierte französische Garde. Bis zum Waffenstillstand betrugen die Verluste

1. an Plünderungen und gewaltsamen Lieferungen 1048 Taler;

2. an 90 Stück Vieh und 2 Pferden 1598 Taler;

3. an verlorenen Wagen 187 Taler;

4. an Lieferungen, die der Rat zu Görlitz ausschrieb, 464 Taler, in Summa 3297 Taler. –

Am 24. August regulierten im Rücken der französischen Armee Kosaken. Zur Blücherschen Kontribution mußte das Dorf am 30. Dezember 1813 und am 3. März 1814 746 Taler 16 Groschen zahlen.

Königshain.

Einquartiert waren während des Jahres 7 Generale, 45 Stabsoffiziere, 338 Oberoffiziere, 18714 Unteroffiziere und Gemeine, 12034 Pferde. Am 22. Mai überfielen Tausende von ausgehungerten Soldaten das Dorf, raubten und zerschlugen, was sie nicht wegbringen konnten. Die Kirche und der Gotteskasten wurden erbrochen und Altartücher und Predigergewand weggenommen. Die Bewohner flohen auf die Berge und in die Büsche und fanden bei ihrer Rückkehr 2 Häuslernahrungen eingeäschert. Das Rittergut büßte 8 Zugpferde, 7 Zugochsen, 40 Melkkühe, 5 Saugekälber, 45 Stück sogenanntes Geldevieh, 6 gute Wirtschaftswagen, eine Kutsche usw. ein. Dem Pfarrer wurden 270 Taler bares Geld gestohlen, dazu die Schulkasse mit 74 Talern. Der Verlust der Gemeinde wurde auf 12000 Taler geschätzt. Am 24. August wurde der Richter Daniel Flex, als er bittend und vermittelnd einem Holtendorfer seine Pferde wieder verschaffen wollte, westlich am Steinberge niedergeschossen. Als Erinnerung daran wurde auf der Stelle ein Gedenkstein errichtet, der einmal erneuert worden ist. Bis in den September hinein fanden neue Plünderungen und Mißhandlungen statt. 1814 wurde eine außerordentliche Steuer von 850 Talern abgefordert. 1813 wurde von einem russischen Popen in der Schule Gottesdienst und Abendmahl gehalten, im Juni 1814 lag im Pfarrhause ein mohammedanischer Priester, ein großer starker Mann mit einem langen Barte, der auch Ehrerbietung gegen die christliche Religion zeigte.

Krischa, Tetta, Rotkretscham

waren, weil an einer Hauptstraße befindlich, stark mit Einquartierung belastet. So lagen vom 1. Juni bis 28. Juni 6585 Mann und 3948 Pferde hier. Auf dem Vorwerke Tetta blieb im September ein Wagenpark von über 100 Pferden beinahe 4 Wochen liegen und verbrauchte alle Hafervorräte. Im Mai 1813 brannten 2 Gebäude in Rotkretscham nieder, am 4. September in Krischa 2 Bauergüter, 2 Gärtner- und 2 Häuslernahrungen.

Kuhna und Thielitz

beherbergten 2 Generale, 46 Stabsoffiziere, 74 Oberoffiziere, 2580 Unteroffiziere und Gemeine, 867 Pferde. War diese Einquartierung verhältnismäßig niedrig, so war der Furageverbrauch, die Requisitionen und die Anforderungen des Landmagazins bedeutend genug.

Kunnerwitz

hatte während des Jahres 8 Stabsoffiziere, 72 Oberoffiziere, 2011 Unteroffiziere und Gemeine und 441 Pferde im Quartier.

Langenau.

Schon am 22. Februar 1813 zeigten sich hier Kosaken, die Vorboten weiterer Durchzüge von Russen und Preußen. Beim Rückzuge der Verbündeten nach der Schlacht bei Bautzen flohen viele Bewohner mit Vieh und Habe in die Heide, im Dorfe wurde geplündert, zertrümmert, Vorräte fortgeschleppt. Am 28. Mai wurde eine Frau von einem Italiener erschossen. 5 Nachzügler brachen in die Kirche ein und stahlen 80 Taler (s. oben). Fortwährend, auch während des Waffenstillstandes, geschahen Durchzüge und Requisitionen. Schlimme Tage folgten nach der Schlacht an der Katzbach. Im September hausten vornehmlich Russen hier arg. Drei Leute starben infolge der Mißhandlungen, viele andere an der Ruhr und dem Nervenfieber. Zwei Häuser wurden von den Soldaten angezündet. Von 1813 bis 1815 lagen hier in Quartier 30621 Mann.

Leippa nördlich Rothenburg

wurde am 17. September von den Kosaken ganz ausgeplündert.

Leopoldshain.

Weil an der Militärstraße nach Lauban gelegen, hatte das Dorf viel zu leiden. Schon 1812 und im März und April 1813 viel Durchzüge. Am 23. Mai Gefecht zwischen Leopoldshain und Troitschendorf (s. oben); dabei brannten 10 Häuser ab: die Pfarrwohnung nebst Scheune, Schuppen und Pferdestall, das Schulhaus, der Gerichtskretscham, das Gut des Bauers Förster, 2 Gärtner- und 4 Häuslernahrungen. Der damalige Verlust betrug nach einer Taxe für die Herrschaft (v. Modrach) 7000 Taler, für die Gemeinde und Pfarre 20 000 Taler. Darin liegen unter anderem für das Dorf 510 Scheffel Getreide, 710 Zentner Heu, 280 Pfund Honigs 21 Pferde, 7 Ochsen, 59 Kühe, 47 Stück junges Rindvieh, 941 Ellen Leinwand, bares Geld 1359 Taler usw.; für das Dominium: 946 Scheffel Getreide, 6 Schock Karpfen, 6 Pferde, 4 Samenochsen, 2 Zugochsen, 63 Kühe, 4 Stück junges Rindvieh, 10 Wagen usw. Der herrschaftliche Garten wurde ganz ausgeplündert. Anfang Juni fand man im Busche, entblößt aller Kleidung, 20 tote Soldaten und einen jungen Bauernburschen aus Katholisch-Hennersdorf (s. oben). Als am 5. September die Russen ins Dorf einrückten, versteckten sich die Bewohner in den Büschen. Damals gingen in Flammen auf: das Herren- und Gesindehaus des Oberhofes nebst Pferde-, Kuh- und Schafstall, das herrschaftliche kleine Bauerngut mit Stall, Scheune und Gedingestube, Gottfried Fiebigs Bauerngut, dann noch 4 Gärtner- und 3 Häuslernahrungen. Der Gärtner Gründner wurde von den Franzosen so mißhandelt, daß er starb; seine Frau, die sich in den Willen der Franzosen nicht fügen wollte, mit dem Seitengewehr in den Leib gestochen. Auf der Höhe am Stadtgraben, etwas südlich der Chaussee neben der Eisenbahn haben am 10. März 1913 die Schüler der Quarta A des Gymnasiums unter Leitung ihres Lehrers Prof. Bernhard Schmidt zur Erinnerung an die große Zeit 1813 zwei Linden gepflanzt und am 3. Juli des Jahres einen einfachen Stein mit der Aufschrift gesetzt.

Leschwitz und Posottendorf.

In dem Dorfe war, wohl im März und April, ein Lazarett, in dem an 600 Mann 7 Wochen lang untergebracht waren. Am 25. März kam der Generalstab des Blücherschen Korps dahin, auf dem Niederhofe lag Blücher, auf dem Oberhofe Gneisenau, auf der Pfarre Major v. Oppen und der Rittmeister und Adjutant des Prinzen Wilhelm von Preußen v. Heidemann. Den 27. gingen die Königlichen Prinzen Wilhelm, August, Ferdinand von Preußen und Prinz Friedrich von Mecklenburg hier durch (s. oben). Am 5. April rückte ein Teil des St. Priestschen Korps ein; den 11. wurde von einem russischen Popen griechischer Gottesdienst in der Kirche gehalten, am folgenden Morgen Beichte gehört. Am 23. Mai rückten den abziehenden Preußen und Russen die Franzosen nach, sie plünderten 3 Tage lang. Der Verlust betrug auf dem Dominium Nieder-Leschwitz 3183 Taler, bei der Gemeinde 1570 Taler. Die schlimmsten Tage aber waren der 5. und 6. September. Die Franzosen plünderten in der Kirche, raubten die Chorröcke und Altarkerzen, erbrachen die beiden Gotteskasten, das Tischkästchen und die Kommode in der Sakristei, schlugen die Kirchtüren ein und nahmen den Klingelbeutel sowie die von den Einwohnern in die Kirche versteckten Sachen mit. Im Oberdorfe gingen 4 Gärten und am folgenden Tage gar 20 oder 21 Wohnungen und Wirtschaftsgebäude in Flammen auf (s. oben). Damit waren zwei Dritteile des Dorfes Ober- und Nieder-Leschwitz mit Posottendorf in Asche gelegt. Diejenigen Wirte, deren Wohnungen stehen geblieben, waren verarmt und größtenteils an den Bettelstab gebracht. Der Schaden, der den Besitzer von Nieder-Leschwitz Johann Christian Müller (gest. 12. Juli 1814) im September traf, wurde auf die große Summe von 7127 Taler eingeschätzt, an Vieh allein ging für 2723 Taler verloren (6 Pferde, 8 Zugochsen, 27 Kühe, 350 Schafe). Auch die sogenannte Feldmühle wurde durch russische Truppen angezündet.

Leuba.

Am 4. April lag ein Teil des Lützowschen Korps hier (s. oben), am 19. und 20. August durcheilte Napoleon den Ort. Die Blüchersche Kontribution betrug allein für Ober-Leuba 253 Taler. Einquartiert waren 107 Offiziere, 8405 Unteroffiziere und Gemeine, 3149 Pferde. Gesamtverlust unter anderem 47 Schlachtstücke, 30 Pferde, 68 Kühe.

Ludwigsdorf.

Im Februar des Jahres 1813 kamen die Überreste der bayerischen Armee durch, wovon 200 Mann nebst 4 Offizieren einquartiert wurden. Sie verbreiteten, fast alle krank, das Nervenfieber, so daß auf einmal 30 Einwohner darniederlagen. Anfang März kamen die ersten Russen, die gute Manneszucht hielten. Den 22. Mai retirierten in großen Massen Russen und Preußen durch das Dorf, die alles Vieh nahmen und plünderten. Folgenden Tages schossen die französischen Batterien von dem Klingewalder Berge in das Dorf, und die eindringenden französischen Truppen, vornehmlich Württemberger und Italiener, mißhandelten die Menschen, erbrachen die Kirche und raubten allenthalben. In der Folgezeit kamen starke Einquartierungen, und während des Waffenstillstandes mußte das Dorf fast täglich Vieh und Getreide ins Lager bei Moys liefern. Am 16. und 17. August waren die hier lagernden französischen Truppen sehr zahlreich und ihre Ausschreitungen arg. Anfang September zeigten sich die Folgen der Schlacht an der Katzbach und die Anforderungen des großen Biwaks von Ludwigsdorf bis zur Landeskrone und die Erpressungen der Franzosen waren ungeheuer. Den Franzosen folgten Russen und Preußen und diesen wiederum Franzosen, und alle waren hungrig und preßten mit Gewalt aus, was sie nur erhalten konnten. Wegen des Honigs wurden zahlreiche Bienenstöcke ausgebrannt, und es war große Gefahr, daß das Dorf in Flammen aufging. Am 9. September wurde man endlich die französischen Truppen los. In der Folge gab es noch häufig russische Einquartierungen und Furagierungen. Nur einer erbetenen preußischen Sauvegarde hatte man es zu verdanken, daß nicht vollständige Vernichtung eintrat. Ludwigsdorf, das 60 quartierfähige Häuser, darunter 13 Bauerngüter, hatte, bekam in dem Jahre 20000 Mann ins Quartier und 12000 Pferde. 31 Pferde, 31 Ochsen, 105 Kühe und 30 Stück Schlachtvieh gingen verloren. 600 Stück Zugvieh wurden als Vorspann gefordert. Die Einbuße an barem Gelde und Möbeln betrug 2000 Taler.

Markersdorf

hat wohl von allen Ortschaften in unserer Gegend am meisten gelitten. Nach einer äußerst mäßigen Angabe erlitt das Dorf einen Schaden von weit über 100000 Talern. Auf kommissarische Anweisung waren 35361 Mann und 19032 Pferde einquartiert, aber die Summe reicht bei weitem nicht, da bei dem mehrfachen Hin- und Herrücken sich viele Tausende selbst einquartierten und verpflegen ließen. Requieriert wurden unter anderem 97 Pferde, 24 Ochsen, 314 Kühe, 53 Schafe, 96 Kalben, 73 Schweine, 172 Ziegen, 604 Gänse, 590 Hühner. Der größte Teil der Feldfrüchte und Wiesen wurde durch immerwährendes Lagern von Truppen aller Art gänzlich verwüstet, das meiste Vieh, sofern es nicht durch Lieferung und Vorspanne verloren ging, hinweggetrieben, die Vorräte an Mehl, Hafer, Heu, Kartoffeln und Kleidungsstücken geraubt oder verwüstet, ein großer Teil der Wohnungen nebst Hausgerät ruiniert, 2 Bauern-, eine Gärtner- und eine Häuslerwohnung gänzlich eingeäschert. Viele Bewohner des Dorfes flüchteten nach Jauernick, Friedersdorf, ja sogar nach Böhmen: wer zurückblieb, hatte Mißhandlungen zu erwarten. Das Nervenfieber ergriff die Bewohner, und die Sterblichkeit, die sonst die Zahl 50 jährlich kaum überstieg, hob sich 1813 auf 106.

Mengelsdorf.

Einquartiert waren Kaiser Alexander vom 20. bis 21. April, sodann während des Jahres 2 Generale, 25 Stabsoffiziere, 248 Oberoffiziere, 10055 Unteroffiziere und Gemeine, 5346 Pferde. Außer dem, was diese Truppen an Fourage gebrauchten und was ins Landmagazin geliefert werden mußte, betrug der Verlust an barem Gelbe, Kleidern, Gebäuden und Wirtschaftsgegenständen usw. 8854 Taler.

Moys.

Etwa 50 Schritte nördlich von der Abzweigung der Schönbrunner Chaussee von der Seidenberger Chaussee findet sich östlich am Dorfwege ein 45 Zentimeter hoher und ebenso breiter Denkstein mit der Aufschrift: Grabstätte eines donischen Kosaken 1813. Nach einer Überlieferung lagen einst im Jahre 1813 einige Abteilungen Kosaken auf dem Hofe Ober-Moys; da sie nun plötzlich abmarschieren mußten, so nahmen sie einen todkranken Kameraden, um ihn nicht zurückzulassen, mit, brachten ihn jedoch bloß bis zu der Stelle, wo er starb. Man begrub ihn hier und errichtete ihm ein hölzernes Kreuz, um das man 3 Pappeln pflanzte. Die Pappeln wurden dann später gefällt und aus ihrem Erlöse das steinerne Denkmal gesetzt.

Neusorge, nordwestlich Rothenburg,

hatte vornehmlich vom 16. bis 17. August durch 14000 Mann französische Kavallerie und Artillerie, die in und bei dem Orte lagen, zu leiden. Sonst war die Einquartierung nicht hoch.

Nieder-Halbendorf.

Am 23. Mai 1813 gingen infolge Verwahrlosung französischer und italienischer Truppen 2 Häuslerwohnungen in Flammen auf. Starke Einquartierungen (22 Generale, 77 Stabsoffiziere, 151 Oberoffiziere, 5679 Unteroffiziere und Gemeine, 3662 Pferde), sowie zahlreiche Biwaks um das Dorf brachten er heblichen Schaden.

Ostritz.

Einquartiert waren 23 Generale, 60 Stabsoffiziere, 548 Oberoffiziere, 17035 Unteroffiziere und Gemeine, 711 Pferde, viele biwakierten auf den Fluren. Die Furagierungen, Reguisitionen und Lieferungen ins Landmagazin waren sehr beträchtlich, so an Brot 6230 Stück und 52 Zentner 51 Pfund, an Schlachtvieh 47 Stück, an Pferden 16 Stück, an Ochsen 5 Stück.

Penzig.

1813 mußten gegeben werden 480 Pfund Fleisch, 94 ½  Scheffel Korn, an Milizgeldern 2034 Taler. Vor der Schlacht bei Bautzen befand sich hier ein Magazin, in welches Vorräte an Fleisch, Schlachtvieh, Getreide usw. geliefert werden mußten. Nach derselben Schlacht lag Marschall Ney eine Nacht hier im Quartier, während seine Soldaten auf den Feldern biwakierten, im Dorfe aber plünderten. Kosaken erbrachen nachts die Kirche und beraubten den Gotteskasten. 1812 starben in der Gefangenschaft zu Kiew 7 Soldaten aus Penzig, 1813 ihrer drei im Lazarett.

Rauschwalde,

am Hauptwege gelegen, hatte entsetzlich zu leiden, doch fehlen nähere Nachrichten. Vom 5. bis 9. September, wo die Einwohner zumeist geflüchtet waren, wurde alles mögliche ins Biwak geholt, 8 Häuser gänzlich zerstört, 2 Häuser abgebrannt, die anderen sehr beschädigt. Im Herbst konnte wenig ausgesät werden. Das Dominium verlor 20 Kühe, im ganzen Dorfe blieben nur fünf Kühe übrig. Ein wenig östlich von dem das Dorf nach Görlitz zu begrenzenden Wege, der von der Hauptstraße nach Süden führt, steht die Napoleonslinde. Napoleon soll dort am Vormittage des 23. Mai eine Weile Rast gehalten haben, doch beruht die Nachricht nur auf mündlicher unsicherer Quelle.

Reichenbach, Stadt und Dorf Ober- und Nieder-Reichenbach, mit Gehlisch

haben, weil der Hauptverbindungsweg durchführte, fürchterlich die Kriegsschrecknisse und Greuel zu kosten gehabt. Leider hat sich kein gleichzeitiger Chronist gefunden, der uns Einzelheiten angäbe. Bei den Gefechten müssen die Bewohner in großen Ängsten geschwebt haben; so drang eine Haubitzgranate in ein Strohdach; zum Glück zündete sie nicht. Der Hof Nieder-Reichenbach ist zwar nicht, wie angegeben, 1813 abgebrannt, er ging vielmehr schon 1804 in Flammen auf, ein Kosak aber versuchte die Hofscheune anzuzünden, ward aber gestört. Im Mai fiel eine Dorfscheune dem Feuer zum Opfer. Der durchziehenden Truppen sind viele Tausende, wenn nicht Hunderttausende gewesen. Die Einquartierungslisten scheinen unvollständig zu sein, sie geben 3 Generale, 20 Stabsoffiziere, 73 Oberoffiziere, 12133 Unteroffiziere und Gemeine, 3222 Pferde an. An Furage, Requisitionen und Lieferungen ins Landmagazin werden verzeichnet unter anderem 220 Zentner Mehl, 1785 Scheffel Korn, 60 Scheffel Weizen, 3642 Scheffel Hafer, 4044 Zentner Heu, 1298 Schock Stroh, 998 Stück und 78 Zentner Brote, 337 Schlachtstücke, 34 Zentner Fleisch, 38 Pferde, 39 Ochsen, 156 Schafe. Am Ostsaum des Parkes von Nieder-Reichenbach ließ im Sommer 1896 der Majoratsherr und Landeshauptmann Dr. Damm von Seydewitz einen Stein mit der Inschrift setzen: Von hier aus leitete Napoleon I. das Gefecht bei Reichenbach am 22. Mai 1813. Gewährsmann für diese Stelle war der greise Veteran Altmann, der zu der sächsischen Batterie hinter der Scheune des Hofes, wo Napoleon vorher gehalten hatte, gehörte. Zur Erinnerung an das Rückzugsgefecht am 22. Mai 1813 wurde auf dem Töpferberge seitlich der Windmühle am 25. Mai 1913 ein Gedenkstein errichtet.

Rengersdorf mit Torga

hat 6 Generale, 25 Stabsoffiziere, 198 Oberoffiziere, 6574 Unteroffiziere und Gemeine, 5473 Pferde als Einquartierung gehabt. Als Gesamtverlust findet sich unter anderem: 146 Schlachtstücke, 21 Pferde, 89 Ochsen, 22 Wagen, 2521 Taler bares Geld. Ein Teil des geraubten Viehes wurde in Nieder-Rengersdorf von den Einwohnern wieder zurückgekauft.

Reutnitz.

Es lagerten außer denen, die im Biwak standen, im Dorfe 6 Generale, 18 Stabsoffiziere, 52 Oberoffiziere, 1578 Unteroffiziere und Gemeine, 2650 Pferde. Sehr groß waren die Lieferungen. Man mußte nach Waldau, Lauban, Görlitz, ins Lager zu Moys, nach Ober-Rudelsdorf, nach Nieder-Rudelsdorf, wo sich im Juli ein Lazarett befand, nach Seidenberg, Radmeritz Korn, Hafer, Gerste, Mehl, Brote, Graupen, Grütze, Heu, Stroh, Fleisch, Schlachtvieh, Branntwein usw. führen. Die schlimmsten Tage waren der 8. und 9. September, wo eine ungeheure Masse Russen und Preußen bei Reutnitz ein Lager bezogen, die Wohnungen verwüsteten und alles Holz, Dielen, Bänke, Türen, Wäsche, Kleider, Leinwand, Schuhwerk usw. wegschleppten. Bei der Blücherschen Kontribution im September mußte der "Rauch" 18 Taler bezahlen.

Rietschen, Nieder-Prauske, Tränke

haben zwar, weil abseits gelegen, nicht allzuviel Einquartierung gehabt, jedoch war der Gesamtverlust an Erpressungen und Lieferungen ziemlich stark, z.B. mußte man 207 Zentner Mehl, 284 Scheffel Korn, 486 Scheffel Hafer, 58 Schlachtstücke, 4 Pferde, 26 Ochsen, 8 Wagen geben. In Prauske ging im Mai ein Gebäude in Flammen auf.

Rothenburg.

Von allen Ortschaften des Görlitzer Landkreises hat das Städtchen Rothenburg die stärkste Einquartierung gehabt, es werden 25 Generale, 225 Stabsoffiziere, 1161 Oberoffiziere, 134656 Unteroffiziere und Gemeine und 51 927 Pferde angegeben. Dabei ist zu berücksichtigen, daß Rothenburg damals nur 124 Häuser und mit Noes, Tormersdorf und Gehege nur 1200 Seelen zählte. Noch hatte sich das an und für sich arme Städtchen nicht von der großen Feuersbrunst vom 21. Juli 1798, wo außer dem Schlosse nur etwa 20 Häuser verschont wurden, erholt, da kam die böse Franzosenzeit mit ihrer vernichtenden Kontinentalsperre, mit ihren Kriegsleistungen und mit ihren den Ort unmittelbar treffenden Kriegsdrangsalen. Am 9. Februar 1813 übernachteten hier zuerst ein Teil der kranken Bayern, die aus Rußland kamen, fast alle vom Nervenfieber ergriffen, viele mit erfrorenen Händen, Füßen und Nasen. Sie steckten mit ihrer Krankheit die Einwohner an, und die Seuche räumte erschreckend unter den Bewohnern auf. Noch im Februar langten auch die Trümmer des 7. französischen Armeekorps in und bei Rothenburg an, um dann weiter in der Richtung auf Niesky zu marschieren. Am 17. März erschienen Kosaken, denen sich dann weiter Russen und Preußen anschlossen; im März, April und Mai wurden hier 17500 Mann russisches und preußisches Militär und 10600 Pferde einquartiert. Im Mai lag hier ein Kommissariat des russischen Generals Barclay de Tolly, das starke Lieferungen aus der Gegend eintrieb. Am 22. Mai traf auf dem Rückmarsche nach Osten das Korps des russischen Generals Lanskoi hier ein und erlaubte sich arge Plünderungen, es überschritt sodann die Neiße. Nur etwa 500 Mann Kosaken blieben als Arrieregarde zurück. Am Montag, dem 24. Mai, nachmittags gegen 3 Uhr, nahte von Niesky her das Korps des Generalfeldmarschalls Victor. Die Kosaken zogen sich langsam von Uhsmannsdorf auf die Rothenburger Brücke zurück, stellten sich noch einmal vor derselben und gaben sie erst auf, als 3 feindliche Kavallerieregimenter erschienen. Nun wurde rechts der Neiße bis gegen 7 Uhr abends der Kampf mit großer Erbitterung fortgesetzt. Erst als über die Nieder-Neundorfer Brücke ein Bataillon Infanterie mit Kanonen den Russen in die Flanke geschickt wurde, zogen sich diese durch die Heide ostwärts zurück. Zur Erinnerung an die in diesem Gefecht Gefallenen wurden am 25. Mai 1902 in dem Walde bei Tormersdorf Kreuze auf den drei Kosakengräbern errichtet, wobei der Rothenburger Oberpfarrer Stock die Festrede hielt. - Während des Waffenstillstandes hörten die beschwerlichen Einquartierungen nicht auf, der Ort hatte in dieser Zeit 4800 Soldaten und 900 Pferde zu verpflegen, überdies mußte Furage und das 5. Stück Rindvieh in das Lager bei Görlitz geliefert werden. Gleich nach Beginn der Feindseligkeiten im August geschah hier eine Zusammenziehung französischer Truppen, Schanzen wurden aufgeworfen, Kanonen aufgestellt, auf Geheege und Nieder-Neundorf zu ein großes Lager für die Infanterie errichtet und Kavallerie bereit gehalten. Die Truppen standen unter Marschall Victor, dann, als dieser nach Görlitz abging, unter General Corbineau. Diese Sammlung dauerte 6 Tage, in denen die Gegend natürlich fürchterlich zu leiden hatte. Das ärgste wendete damals von dem Städtchen der brave Brigadier und Generalmajor Prinz Reuß ab, der wenige Tage später bei Dresden fiel. Ebenso edelmütig und gerecht handelte der Chef der russischen Kosaken und Ulanen, die nach der Schlacht an der Katzbach in einer Stärke von 2300 in die Gegend einrückten, Fürst Bagration. Seine plündernden Horden hatten sich die schlimmsten Erpressungen und Mißhandlungen erlaubt, der Pfarrer in Leippa wurde z.B. auf die Erde geworfen und grausam geschlagen. Da ließ denn der Fürst ein schweres Gericht ergehen. Ein Kapitän wurde, weil er in Zoblitz und Leippa Ausschreitungen geduldet hatte, zum Gemeinen degradiert; 17 Kosaken, welche die Herrschaft und den Pfarrer in Leippa beraubt und persönlich gemißhandelt hatten, bekamen die Knute, zwei derart, daß sie nicht mehr gehen konnten und blutend auf Wagen nachgefahren werden mußten. Diese Kosaken waren im Rücken der französischen Boberarmee erschienen. Nunmehr kamen französische und badische Kavallerie als Flüchtlinge nach der Katzbachschlacht. Hungrig fielen sie in die Häuser ein und plünderten, wie sehr auch der badenische General dem wehrte. Währenddessen lag rechts der Neiße auf dem Sandberge bei Tormersdorf noch eine Kosakenabteilung. Auch im Oktober und November hatte die Stadt durch die Durchmärsche bedeutender russischer und preußischer Reserven zu leiden.

Tormersdorf, Noes, Geheege, Bremenhain, Nieder-Neundorf, Lodenau, Zoblitz, Neusorge hatten natürlich ähnlich wie Rothenburg zu leiden, ja vielfach noch ärger, da in dem Städtchen die Gegenwart der Oberleitung mehr Zucht schaffte. Die Lieferungen, Requisitionen, Erpressungen und Plünderungen wurden 1813 in Rothenburg auf 11320 Taler, in Noes auf 6278 Taler, in Tormersdorf auf 3475 Taler, in Geheege auf 1546 Taler geschätzt, wobei der Verlust der Herrschaft (damals besaß Rothenburg und Noes Fr. Joh. Aug. Erdmann von Kutzschenbach) nicht eingerechnet ist.

Schönberg.

Hatte das Städtchen schon seit dem 21. März 1813 von durchziehenden Preußen und Russen zu leiden, so steigerte sich die Not nach der Schlacht bei Bautzen. Am 23. Mai abends rückte die Avantgarde des Marschalls Macdonald, etwa 8000 Mann, ein. Der Marschall nahm sein Quartier auf dem Schlosse bei dem Baron von Rechenberg; 6 Generale, 8 Obersten, 200 Offiziere und an 3000 Gemeine herbergten in dem Städtchen. Der Marktplatz und fast alle Gassen des Städtchens waren mit Menschen und Pferden bedeckt. Die Soldaten drangen gewaltsam in die Häuser, durchsuchten die Stuben, Kammern, Böden, Ställe und Scheunen und nahmen, was sie nur fanden. Die biwakierenden Truppen lagen in 3 Abteilungen bei der herrschaftlichen Ziegelscheune, am Berge und oberhalb der Stadt. Alles Gesträuch und Holz wurde abgehauen und zu Baracken verwandt, das Getreide zu Strohdächern benutzt. 3 Tage lang dauerte solche Schädigung. Während des Waffenstillstandes befand sich bei Schönberg ein Teil des Lagers des 7. Armeekorps. Holz, Bretter, Nägel, Furage mußte dorthin geliefert werden. Im Städtchen selbst lag bei einem Bürger der Oberst Le Blanc, ferner 12 Offiziere und 200 Unteroffiziere und Gemeine. Der Oberst stellte ungeheure Forderungen, und da ihm laut der Verpflegungsordnung die Rechnung für die neue wöchentliche Beköstigung überreicht wurde, wurde er grob und wollte den Quartiergeber arretieren lassen. Bei Beginn der Feindseligkeiten im August überschwemmten an Stelle des 7. Armeekorps andere französische Truppen die Gegend und saugten sie aus. Nach der Schlacht bei der Katzbach zogen zwar die retirierenden Franzosen nicht durch das Städtchen, aber Russen und Preußen nahmen ihren Marsch durch die Gegend, später dann um den 20. September das Bennigsensche Korps. An Lieferungen und Requisitionen fehlte es natürlich auch damals nicht. Die Quartierzettel des Jahres 1813 ergaben als Einquartierung: 9 Generale, 122 Stabsoffiziere, 389 Oberoffiziere, 8904 Unteroffiziere und Gemeine, 935 Pferde, wobei natürlich die in den Biwaks lagernden Truppen nicht eingerechnet sind.

Schönbrunn.

Vornehmlich durch das französische Lager hatte der Ort zu leiden, indem der größte Teil der Felder verwüstet wurde. Einquartiert waren 60 Generale, 393 Stabsoffiziere, 1120 Oberoffiziere, 24449 Unteroffiziere und Gemeine, 14604 Pferde. Als Verlust werden unter anderem aufgeführt 149 Stück Schlachtvieh, 79 Pferde, 83 Ochsen, 15 Wagen, 559 Schafe, 6795 Taler bares Geld.

Seidenberg.

Da das Städtchen abseits der Heeresstraße lag, hatte es verhältnismäßig wenig zu leiden. Zunächst blieb es von dem Nervenfieber fast ganz verschont. Am 11. Mai kamen Verwundete an, vom 15. bis 23. Mai hielt sich ein schwaches Freikorps hier auf, das seine Bestände aus allerlei Gesindel verstärkte und der Stadt 1086 Taler kostete. Am 23. Mai kamen auf dem Rückzuge nach der Schlacht bei Bautzen die ersten Kosaken an; während des Waffenstillstandes lag hier französische Einquartierung, auch wurde ein französisches Lazarett angelegt; um Mitte August stand ein französisches Lager in der Nähe der Stadt, an das große Vorräte an Brot, Fleisch, Holz und dergl. geliefert werden mußten. Am 19. September rückten Russen ein und belegten die Häuser mit zahlreichen Mannschaften. Während des Jahres 1813 mußten aufgebracht werden: 1237 Scheffel Hafer, 1212 Zentner Heu, 90 Schock Stroh, 279 Zentner Brot, über 30 Eimer Branntwein, 261 Ellen Leinwand, 437 Ellen Tuch und dergl. Dazu kamen noch die Verluste durch Verwüstungen der Felder, durch gewaltsame Wegnahme und durch anbefohlene Fuhren. Einquartiert waren 69 Generale, 167 Stabsoffiziere, 1222 Offiziere, 9505 Unteroffiziere und 29052 Gemeine. Die Kommune erhielt durch all das eine Schuldenlast von 22255 Talern.

Niederfeifersdorf und Attendorf

haben 1 General, 38 Stabsoffiziere, 183 Oberoffiziere, 8842 Unteroffiziere und Gemeine, 6219 Pferde im Quartier gehabt. 91 Schlachtstücke, 34 Pferde, 46 Ochsen, 35 Wagen, 2479 Zentner Heu usw. werden in Verlust gestellt.

Sohland am Rothstein.

In den Tagen nach der Schlacht bei Bautzen hausten hier die vorrückenden Franzosen arg. Besonders litt der Hof zu Mittelsohland: die Herrschaft und die Gemeinde Mittelsohland schätzte ihren Verlust damals über 10000 Taler. Nach dem Waffenstillstande waren ebenfalls die Verluste arg. Felder, Scheunen, Gehöfte, Häuser, Gärten, Holzungen wurden verwüstet, schrecklich geplündert und die Bewohner gemißhandelt, so auch der Dorfpastor. 4 Generale, 29 Stabsoffiziere, 537 Oberoffiziere, 17806 Unteroffiziere und Gemeine, 11979 Pferde lagen während des Jahres im Quartier. 228 Schlachtstücke, 54 Pferde, 38 Ochsen, 114 Schafe, 5 Wagen, 8548 Taler bares Geld gingen verloren.

Sohra.

Bald nach Mitte Mai verkündeten schlimme Gerüchte eine Niederlage der Preußen und Russen, und da das Zurückgehen des Gepäckes diese Nachricht zu bestätigen schien, kam alles in Angst. Viele Einwohner flüchteten, mehrere, so die Herrschaft von Mittelsohra und Sercha, nach Böhmen; der Pastor Braun schickte seine Familie nach Kohlfurt. Bald darauf fielen 2 Marodeure in das Pfarrhaus und nahmen dem Pastor seine goldene Uhr, die er am 20. Mai durch einen glücklichen Zufall und das Eingreifen eines edlen russischen Rittmeisters wieder erhielt. Als am 22, Mai die Lage immer gefährlicher wurde, flüchtete Braun mit seiner Familie, die wieder von Kohlfurt zurückgekehrt war, über Penzig und Niederbielau mitten durch Kosakenschwärme nach Brand, wo er beim Förster liebevolle Aufnahme fand. Inzwischen ging in Sohra alles drüber und drunter, eine Truhe mit Sachen des Pastors wurde von einem elenden Dorfbewohner ausgeraubt. Am 27. Mai fand der Zurückkehrende sein Haus von oben bis unten verwüstet, die Betten zerschnitten, die Bücher umhergeworfen, Wäsche, Kleider und Hausgeräte geraubt und demoliert. Nach der Schlacht an der Katzbach drangen am 1. September französische Soldaten in das Pfarrhaus, fingen an zu plündern, zogen dem Pfarrer den Rock vom Leibe und nahmen ihm sein Geld. ähnliches geschah auf dem Hofe zu Sohrneundorf, wo man der Besitzerin Frau Brase die goldene Kette vom Halse riß und die Eß- und Teelöffel wegnahm. Der Pastor flüchtete mit den Seinen nach Lissa und von da nach Zodel, und da er auch dort nicht sicher war, nach Niesky, jeden Sonntag aber kehrte er, sein Amt zu verrichten, nach Sohra zurück. Endlich konnte er nach mehreren Wochen wieder sein Pfarrhaus beziehen.

Trebus und die dazu gehörigen Güter Stannewitsch, Spreehammer und Neuhof

hatten, wie die reichhaltigen Gutsakten zu Trebus ausweisen, von Ende Februar bis in den November 1813 gewaltige Lieferungen zu leisten. So mußten sie am 26. Februar 900 Pfund Brot, 360 Pfund Fleisch, 11 ½  Scheffel Hafer, 9 Zentner 30 Pfund Heu und 45 Kannen Branntwein für die Verpflegung des 7. französischen Armeekorps unter General Reynier geben. Dasselbe Armeekorps, das während des Waffenstillstandes bei Moys und Schönbrunn lag, stellte im Juni, Juli und August große Anforderungen. Für die Blüchersche Kriegssteuer hatten die Rittergüter 1/3, die Untertanen 1/3 zu steuern.

Troitschendorf

litt besonders am 23. Mai, als sich hier ein Rückzugsgefecht entspann. In der Nacht zum 24. hielten beide Gegner Teile des Dorfes besetzt, die Sachsen lagerten links nach der Windmühle und Ziegelscheune hin, im Niederdorfe Franzosen, nach Lichtenberg zu Russen. Die Kloßsche Wassermühle ging in Flammen auf, das Nachbarhaus, einem gewissen Klimt gehörig, wurde vor den Augen des Besitzers, der angstvoll aus seinem Versteck herbeigeeilt war, von Franzosen durch ein brennendes Scheit in Flammen gesetzt. Während die sich zurückziehenden Russen schonend verfuhren, hausten um so ärger die ihnen nachdrängenden Franzosen. Das ganze Unterdorf wurde ausgeplündert. Nach dem Gefecht fand man mehrere Tote. Bei diesem Rückzuge im Mai ging verloren: an Mobilien, Betten, Wäsche, Kleidern, Haus- und Wirtschaftsgeräten für 4236 Taler, an Viktualien, Flachs, Leinsamen usw. für 1006 Taler, an Getreide für 1391 Taler, an Heu 628 Zentner für 622 Taler, an Stroh 78 Schock 20 Gebund für 315 Taler, an Kostbarkeiten für 272 Taler, an Garn 11 Schock 9 Gebund für 345 Taler, 25 Pferde für 1410 Taler, 36 Ochsen für 1012 Taler, 110 Kühe für 2057 Taler, 42 Schweine für 226 Taler, 35 Kalben für 330 Taler, 25 Wagen mit Zubehör für 676 Taler, an Kornaussaat für 1026 Taler, an Kleeaussaat für 560 Taler usw., im ganzen 17539 Taler ausmachend. 4 Häuser nebst Wirtschaftsgebäuden, dazu noch am 7. September 1813 eine Scheune, die Kosaken anzündeten, gingen in Flammen auf.

Zodel.

Am 13. Februar kamen mehr als 100 Wagen kranker und verwundeter Bayern durch Zodel, für die man Vorspanndienste nach Görlitz leisten mußte; in der Nacht zum 25. Februar sprengte polnische Reiterei (249 Mann und 241 Pferde) ins Dorf, um bald nach Rothenburg zu rücken. Zwei Tage später mußte man für das 7. Armeekorps unter Reynier, das bei Rothenburg Stellung genommen hatte, eine beträchtliche Lieferung binnen Stundenfrist zusammenbringen, ebenso am 11 . März Hafer und Heu nach Penzig. Am 19. März erschienen die ersten Kosaken, 533 Mann mit 554 Pferden; sie hielten treffliche Manneszucht. Lieferungen nach Penzig und Hennersdorf und Einquartierungen schlossen sich an. Seit dem 15. Mai bemerkte man Anzeichen des Rückzuges der Verbündeten. Am 21. Mai ging ein starkes russisches Korps durch Zodel und stellte sich bei Lissa und Sohra auf, nachdem es zuvor die Brücke über die Neiße abgebrochen hatte. Am 11. Juni bekam Zodel die erste französische Einquartierung, 76 Mann Artillerie mit 130 Pferden, am 16. Juni folgten Württemberger, am 21. französische Kavallerie. Die Einquartierung hörte von Ende Juni bis Ende Juli überhaupt nicht auf, es mußten in dieser Zeit 1345 Mann mit 388 Pferden verpflegt werden. Vom 9. bis 13. August quartierten hier auf ihrem Zuge nach der Niederlausitz Truppen des 7. Armeekorps. Die größte Last der Einquartierung erlitt das Dorf, als das Korps Viktor den 16. und 17. August in der Richtung auf Görlitz durchmarschierte. Ihm folgten 1487 französische Dragoner mit 1496 Pferden, die 2 Tage und 2 Nächte hier blieben, ihnen schlossen sich plündernde Nachzügler an. Nach der Schlacht an der Katzbach kamen als flüchtige Truppen 370 Mann hessen-darmstädtische Garde an, die sich gut betrugen, sonst spielte sich der Rückzug weiter im Süden ab. Die nachsetzenden Russen und Preußen verfuhren nicht allzu gelinde, so war der 4. September ein Tag

der Angst; am 5. September hörte man von Süden her nahen Kanonendonner und sah bei Görlitz Tausende von Wachtfeuern, dazu 11 Feuerscheine größerer Brände. Am Abend des 6. September rückten unversehens 4000 Mann Franzosen ein. Da man für die Mannschaft und Pferde die Lebensmittel nicht liefern konnte, so gab der Kommandant Befehl, sie selbst zu suchen. Und nun nahm die schrecklichste Plünderung ihren Anfang. Alles wurde geraubt und geplündert. Mit brennenden Spänen liefen die Soldaten im Dorfe herum, drangen in die Stuben, bestiegen die Kammern und Böden, schlugen die Türen, Kisten, Laden entzwei. Die Kirche wurde gewaltsam erbrochen. Die Bewohner des Pfarrhauses - unter ihnen mehrere Familien aus Görlitz, die sich hierher geflüchtet hatten - wurden mit dem Säbel gezwungen, das Haus zu verlassen; auch ein kleines Gebüsch an der Neiße, das man als Schlupfwinkel benutzte, wurde von den Wütenden aufgesucht und die Ärmsten auseinander gejagt. Mit Tagesanbruch konnte man, da die Franzosen sich entfernt hatten, ins Dorf zurückkehren. Welch ein Anblick! Alles zerstört und durchraubt, überall die schrecklichsten Spuren von Barbarei und Wut. Am schrecklichsten hauste das 10. Husarenregiment, das in Görlitz nachts zuvor so arge Ausschreitungen begangen hatte. Mit dem Morgen des 7. September war das Dorf die wilden Horden auf immer los. - An Blücherscher Kontribution hatte die arme Gemeinde 2240 Taler zu zahlen.

 

Außer diesen Nachrichten, die sich aus den Gemeinde-, Kirchen- und Gutsarchiven zweifelsohne noch ergänzen lassen, liegen noch zusammenfassende Übersichten über die Einquartierungen von 105 Dörfern, die unter dem Amte Görlitz standen und ihre Angaben an das Landeskommissariat gelangen ließen, vor. Danach betrug in diesen Dörfern im Jahre 1813 die gesamte Einquartierung 335 Generale, 2933 Stabsoffiziere, 14745 Oberoffiziere, 605051 Unteroffiziere und Gemeine, 326229 Pferde und 153 Ochsen. An Furage verbrauchten diese Truppen 697 Scheffel 10 Metzen Korn, 10 Scheffel Gerste, 37891 Scheffel 13 Metzen Hafer, 59088 Zentner 92 Pfund Heu, 2740 Schock 15 Gebund Stroh. Am stärksten war das Städtchen Rothenburg mit Soldaten belegt, s. oben, die geringste Einquartierung (5 Oberoffiziere, 233 Unteroffiziere und Gemeine, 48 Pferde) hatte Großkrauscha, freilich bestand es damals nur aus 20 Häusern, dagegen hatte das noch kleinere Nieda mit 11 Häusern 13 Stabsoffiziere, 17 Oberoffiziere, 2345 Unteroffiziere und Gemeine und 2078 Pferde als Belegschaft. Freilich fehlt in allen diesen Angaben die Dauer des Aufenthaltes. - In 112 Rittergütern und Dörfern des Görlitzer Bezirkes wurden ohne Anweisung von den Truppen selbst requiriert und zum Teil gewaltsam erpreßt: an 3000 Zentner Mehl, 13410 Scheffel Korn, 828 Scheffel Erbsen, 12600 Scheffel Kartoffeln, 51160 Scheffel Hafer, 79100 Zentner Heu, 7634 Schock Stroh, 83633 Brote, dazu 6212 Zentner Brot, 5263 Stück Schlachtvieh, größtenteils Kühe und Kalben, 450 Zentner Fleisch, 1387 Pferde, 1858 Ochsen, 6637 Schafe, 503 Wagen, 71662 Taler bares Geld usw. Die vom Landeskommissariat ausgeschriebenen Lieferungen betrugen unter anderem 4900 Zentner Mehl, 3089 Scheffel Korn, 319 Scheffel Kartoffeln, 12672 Scheffel Hafer, 10882 Zentner Heu, 774 Schock Stroh, 2618 Brote, dazu 1028 Zentner Brot, 1759 Stück Schlachtvieh, größtenteils aus Ochsen und Kühen bestehend.

 

Aus einem Tagebuche des Kreisgerichtsrats Anton Theodor Pius Fritsch, geboren 1785 zu Reinerz, gestorben 1868 in Görlitz.

 

Fritsch meldete sich bei der Kommission zur Organisation der Landwehr in Breslau und wurde als Leutnant dem 3. Bataillon des 5. Schlesischen Landwehr-Infanterie-Regiments unter dem Hauptmann v. Borwitz zugeteilt. Im Frühjahrsfeldzug kam das Bataillon, das erst am 31. Mai aus Breslau ausmarschierte, nicht mehr vor den Feind. Im August nahm das Bataillon teil an der Schlacht bei der Katzbach, überschritt am 2. September ganz frühe bei Naumburg den Queis und noch vormittags die Neiße unterhalb Görlitz unweit des Galgens und lagerte sich hinter der heiligen Grabkirche in der Nähe von Rauschwalde. Hier kamen abends unerwartet zwei Frachtwagen, beladen mit Lebensmitteln, Kleidungsstücken und Schuhwerk, von Breslau an, und die hochwillkommenen Liebesgaben wurden mit Hurra in Empfang genommen. Am 3. September ging es über Reichenbach, Löbau bis Rodewitz (nordöstlich Pommritz), wo Fritsch den Rittergutsbesitzer (von Warnsdorf) vor Ausschreitungen schützte. In der Nacht vom 3. zum 4. September erfolgte der Rückzug bis zur Landeskrone, nachmittags am 4. September der Übergang über die Neiße bei Fetters Vorwerk und der Marsch bis Naumburg a. Qu. Das Bataillon blieb hier bis zum 16. September und lagerte vom 17. September bis 27. Oktober in Görlitz. Von dort ging es zur Hauptarmee Blüchers und am 1. Januar 1814 bei Taub über den Rhein. Fritsch zeichnete sich bei Montmirail am 11. Februar, wo er nach der schweren Verwundung des Kapitäns Humbrecht als ältester Offizier das Bataillon führte, hervorragend aus, so daß er das Eiserne Kreuz 2. Klasse erhielt, wurde aber gefährlich verwundet. Er mußte zurück und kam am 15. Juli 1814 in Görlitz an.

 

Aus seinem Tagebuche seien die Notizen vom 15. September bis 27. Oktober 1813, die auf Görlitz Bezug haben, entnommen:

 

Am 15. September kam die erfreuliche Order Yorks aus Schluckenau zu Böhmen an, der gemäß wir dem Korps über Lauban, Schönberg, Ostritz, Zittau folgen sollten, wozu es aber nicht kam. Der Abmarsch erfolgte zwar am 16. September unter Zurücklassuug des Leutnants Sacher als Kommandanten von Naumburg und einiger Mannschaften; in Schönberg erhielten wir eine andere Order, nach der wir über Görlitz die Richtung nach Bautzen einschlagen sollten, weil die Armee sich inmittelst dorthin gewendet habe. Auf dem Marsche war ich mit dem Major aus dem Schlosse zu Holzkirch hinter Lauban einquartiert gewesen. Am 17. September nachmittag trafen wir vor Görlitz ein, setzten unterhalb der Obermühle auf einer Notbrücke über die Neiße und lagerten dann unterhalb der an der Viehweide angrenzenden Promenade ohnweit des Schießhauses. Ich erhielt den Auftrag, die Ankunft des Bataillons bei dem derweiligen Zivilgouverneur der Lausitzen, Grafen von Reisach, anzumelden, führte denselben auch aus. Weil die Stadt mit russischen Truppen vollbesetzt war, konnten wir in die Stadt nicht einquartiert werden, mußten daher biwakieren, erhielten aber aus der Stadt ausreichende Lebensmittel. In Gemeinschaft mit dem Major brachte ich die Nacht auf einem Strohlager unter einem damals noch auf der Promenade vorhandenen kleinen Tempel zu.

Als wir am anderu Morgen - 18. September - uns in Marschbereitschaft gesetzt hatten, kam unerwartet eine Aufforderung an den Major, nicht weiter zu rücken, vielmehr zu Görlitz als Garnison zu bleiben und während der starken Durchzüge der Russen die Ordnung zu handhaben, und umsomehr, als bereits mehrfache und darunter grobe Exzesse vorgekommen waren. Die Genehmigung Blüchers zum Zurückbleiben des Bataillons sollte von Blücher schleunigst eingeholt werden. Der Major ging hierauf ein und der Weitermarsch unterblieb. Auf dem Einquartierungsbüro, wohin ich den Quartiermacher Leutnant Bauch begleitet hatte, traf ich einen freundlichen, zuvorkommenden, jovialen Mann in einem grünen Jagdrocke, den Advokat Holler, ein wegen der Folgen sehr denkwürdiges Zusammentreffen. Er wählte als Quartiergeber sich den Major; und als er erfahren hatte, daß ich sein Adjutant sei, erklärte er sich bereit, auch mich noch ins Ouartier zu nehmen, dem ich nicht widersprechen wollte, obwohl ich willens gewesen war, den Versuch zu machen, einmal allein ein Ouartier zu beziehen. Um 16 Uhr denselben Tag rückten wir mit klingendem Spiel zum Frauentor hinein in die Stadt. Hier wurden die vier Tore, die Pforte und die Hauptwache von unserm Bataillon besetzt. Noch vor Tisch erfolgte die Präsentation des Offizierkorps bei dem Graf von Reisach und vor dem preußischen Kommandanten Major von Bissing. Von ersterem wurde das Offizierkorps zur Mittagstafel gezogen und von ihm mit vieler Zuvorkommenheit und Aufmerksamkeit behandelt. Das Quartier bei p. Holler entsprach dessen Freundlichkeit. Es bestand aus einer großen Stube mit drei Fenstern, welche auf die Brüdergasse hinausgingen, und aus einer kleineren Stube mit einem Fenster über dem Gäßchen, das von der Brüdergasse nach der ... gasse führte. (Nach den Steuerlisten und der Blücherschen Kontributionsliste wohnte der Advokat Karl Gottfried Holler Brüderstraße 12 (Hypothekennmmer 10). Der Sohn des Tagebuchverfassers ergänzte im Mannskripte unrichtig Apothekergäßchen und schrieb in die Lücke unrichtig Langegasse; das Gäßchen ist das Schwarze Gäßchen, das nach dem Fischmarkt führt.) In dieser Stube waren für uns zwei Betten aufgestellt. Mit gleicher Freundlichkeit kam uns die Frau des p. Holler entgegen. Wir kamen mit dem biedern Ehepaare - Kinder hatten sie nicht - schon in den ersten Tagen in ein recht trauliches Verhältnis, das auch in der Folge durch nichts gestört worden ist. Wir brachten daher die Abende und die Stunden, die am Tage vom Dienst freiblieben, meist in ihrer Gesellschaft zu. Von den letzteren waren nur wenige, denn es gab einen schweren Dienst, nachdem das Bataillon schon während des Waffenstillstandes sehr durch Krankheiten dezimiert worden und auch seitdem Krankheiten fortgedauert hatten, daher es durch Ersatzmannschaften komplettiert wurde, diese aber einexerziert werden mußten. Außer den täglichen Wachtmannschaften kamen Eskorten bei Transporten von Lebensmitteln, Waffen, Munition zur Armee nach Bautzen, Patrouillen auf die umliegenden Dörfer während der täglichen Durchmärsche der Russen aus Schlesien, auch Transporte von Gefangenen und übergegangenen westfälischen Soldaten vor. Es mußten auch Mannschaften zu einem Kordon, der an der böhmischen Grenze bei Seidenberg wegen ausgebrochener Viehseuche gebildet wurde, verwendet werden. Die russischen Durchzüge bildeten meistens irreguläre Kosaken, Kalmücken, Kürgiesen, Baschkiren, Kamschadalen und noch sonst allerlei nordische Füchse mit grinsenden bleichen Gesichtern unter den hohen spitzigen Mützen, platter Nase und breitem Munde, von denen fast immer der eine wie der andere anssah, als ob sie Zwillinge, Drillinge und Hundertlinge wären. Ihr allgemeiner gewöhnlicher Gruß war; dobri Camerad. Außerdem wurde fast täglich im ganzen exerziert. Ich war dabei weniger beteiligt, weil mich das Schreibwerk, Berichte, Rapporte, Listen usw. aus der Stube beschäftigten. War ich damit fertig, so ritt ich wohl auch auf den Platz, auf dem das Bataillon exerzierte und wo der Major die Parole ausgab. In Verbindung damit stehen nachstehende Vorfälle; Eines Vormittags komme ich eben auf den Exerzierplatz, als das Bataillon deplaciert. Ich reite meiner Funktion als Adjutant gemäß an den ersten Unteroffizier heran, vergesse den Säbel zu ziehen und richte mit dem Kantschu, den ich in der Hand hatte. Dies gab dem Major Veranlassung zu einer öffentlichen Rüge, die, weil sie mit etwas harten Worten erfolgte und ich dazu, wenn auch nur aus großer Eile, gerechte Veranlassung gegeben hatte, ich mir dennoch hinter die Ohren schrieb.

An einem späteren Vormittage reite ich mit meinem Braunen über den Obermarkt, um auch wieder auf den Exerzierplatz zu gelangen. Ich begegne zwei sächsischen Postillonen und vernehme von dem einen die Äußerung zum andern; „Ei sieh doch, der reitet ja unsern Braunen!“ Als ich später vom Exerzierplatze zurückkomme uud mein Bursche mich vor der Haustüre erwartet, um mir das Pferd abzunehmen, macht er mir die Mitteilung, daß ein preußischer Kriegskommissar auf dem Wege von der Armee nach Schlesien vor dem Neißetor mit einem Wagen und zwei Pferden, Rappen, Mittag mache und die Pferde, welche gut geritten seien, zu verkaufen oder zu vertauschen geneigt sei. Ich ritt bald vor das Neißetor, und es kam zwischen dem Kriegskommissar und mir ein Abkommen zustande, auf Grund dessen ich gegen den Braunen und noch bar Geld, einige 66 Taler, die ich nachträglich durch meinen Burschen herausschickte, einen der Rappen eintauschte. So war ich den Braunen los und hatte dafür einen gut zugerittenen Rappen, vierjährig, um den mich alle beneideten, als ich mich das erste Mal darauf zeigte, und es war das allgemeine Urteil Sachverständiger, daß ich ein ganz gutes Geschäft gemacht hatte. Einige Tage später reklamierte der Posthalter zu Waldau durch ein Schreiben an den Major einen Braunen, weil er ihm durch Russen gestohlen worden. In betreff der Identität war umso weniger ein Zweifel, weil der Posthalter den Braunen als Zungenschläger bezeichnet hatte. Ein solcher Brauner befand sich aber zur Zeit der Reklamation nicht mehr beim Bataillon, wovon der Posthalter benachrichtigt wurde.

Unser Aufenthalt in Görlitz, der wie ich hier noch erwähnen muß, eine Folge der Genehmigung Blüchers war, die dem Grafen Reisach zugekommen und dem Major mitgeteilt worden, wurde auch zur Verbesserung der Bekleiduug sowie zur Bewaffnung benützt, wozu Reisach die Geldmittel beschaffte. Die Offiziere verbesserten auch ihre Kleidung, die zeither auch gelitten hatte, wozu die Bemittelten den Unbemittelten Vorschüße machten, die umso nötiger waren, als seit dem August Gage noch nicht bezahlt worden war.

Zusammen fanden sie sich meistens in einem damals in der Kahle unterhalb des jetzigen Ressourcengartens etablierten Kaffeehause. Es wurden von ihnen auch der Ressourcen- und Sozietätsgarten und andere dergleichen Gärten besucht und dort mit Görlitzer Bewohnern Bekanntschaften angeknüpft. Es erfolgten auch Einladungen zu Bällen, die, weil auch russische Offiziere auf den Durchmärschen geladen wurden, recht zahlreich besucht waren uud mancherlei Vergnügen gewährten.

Auch einige Ausflüge machte ich nach Schönberg mit Leutnant von Taubadel, wo ich seine Braut kennen lernte. Ins Fräuleinstift Radmerjtz mit von Bissing und von Borwitz. Ersterer bezeigte sich sehr freundlich gegen mich. Ich wurde mehrere Male von ihm zu Tisch geladen, auch sonst zu Besuchen, besonders als bekannt geworden, daß ich Musik triebe, für die sich vorzüglich Bissings Frau interessierte.

Hollers hatten auf mein Ersuchen von einer Nichte eine Gitarre geliehen, mit der ich bei Bissings manches Lied begleitete, auch Hollers durch Gesang und Gitarrebegleitung in den Abendstunden erfreute.

Den einen Nachmittag besuchte ich mit Kameraden die Landeskrone und blickte tiefbewegt nach Schlesien hinüber, dem Lande aller meiner Lieben. Auch das heilige Grab vor dem Bautzener Tor mit der Kreuzkirche wurde eines Tages wieder besucht, nachdem ich schon 1866, aus der Fußreise von Breslau nach Halle, dasselbe in Augenschein genommen hatte.

Unterhaltung militärischer Art gewährte die Organisation des sächsischen Banners, eines freiwilligen Korps aus allen Gegenden Deutschlands, wodurch Görlitz doppelt belebt wurde. Zu demselben trat auch ein mir bekannt gewordener Maler Hortzschansky, ein kleines, etwas verwachsenes, joviales Männchen, ein, der sich in der Uniform gar possierlich ausnahm. Ein Bild, Görlitz, das er gemalt, kam später in meinen Besitz. Einige Tage verrichtete ich auch bei dem Kommandanten von Bissing Adjutantendienste. Innerhalb derselben wagte ich es unter Beihilfe des Leutnants Wradermann aus der Nikolaikirche, in welcher Gefangene auf dem Transport nach Schlesien untergebracht wurden, einen westfälischen Unterleutnant, ein junges, gepreßtes Blut, den einzigen Sohn einer alten Kaufmannswitwe zu Kassel, auf sein flehentliches Ansuchen eines Abends zur Flucht aus der Kirche behilflich zu sein. Ob er wohl glücklich fort gekommen sein mag? Ich hatte seinen Namen auf einen Zettel notiert, der mir abhanden gekommen ist. So gut es uns zu Görlitz gefiel, insbesondere mir, nachdem ich so glücklich gewesen. am 28. September bei Holler die liebe Eigentümerin der Gitarre, meine nachherige langjährige treue Lebensgefährtin, kennen zu lernen, und wir sodann noch manchen Abend in musikalischen Unterhaltungen mit einander auch Hollers und den Major erfreuten, so regte sich denn auch bei unserm Bataillon allgemein der Wunsch, der Armee nachzufolgen. Es hatten ja auch bereits die übrigen Bataillone unseres Regiments bei Bischofswerda, bei Wartenburg, bei dem Übergange über die Elbe und später bei Möckern, an einem der heißesten Kampfestage, wacker gekämpft und unverwelkliche Lorbeeren gesammelt. Alle sehnten daher den Tag herbei, an dem auch sie würden beweisen können, daß sie den preußischen Brüdern in der Bravour nicht nachstehen, und fanden Trost in dem Gedanken, daß aller bisherigen blutigen Kämpfe ungeachtet noch neue denselben folgen, Siege noch errungen werden müßten, bevor der Krieg für Prenßen ein ruhmreiches Ende nehmen, die Sonne des goldenen Friedens aufgehen und die preußischen Krieger, mit Preis und Ruhm gekrönt, in die geliebte Heimat zurückkehren könnten.

Die Order zum Abmarsch des Bataillons aus Görlitz, datiert aus Schkeuditz, hinter Leipzig, dem Hauptquartier Blüchers, traf endlich am 26. Oktober ein, wonach den 27. Oktober schon der Marsch angetreten werden sollte. Die Order wurde vom Bataillon freudig aufgenommen, von mir mit bangem Herzen, nachdem der Abend des 26. Oktobers für meine Zukunft entschieden, ich die Geliebte meiner Seele fest in den Armen gehalten hatte.

Am 27. Oktober wurden die Bewohner des Stadtteils, Handwerk genannt, in aller Frühe auf meine Veranlassung durch eijn Ständchen, welches die Bataillonshoboisten dort ausführten, aus dem Schlaf geweckt. Es galt meiner geliebten Braut und ihrer Mutter.

Die Aufstellung des Bataillons, zu dem schleunigst alle auswärts kommandierten Mannschaften eingezogen, früher auch schon die Rekonvaleszenten nachgekommen waren, auch neuer Ersatz für die noch Zurückgebliebenen eingetroffen war, so daß das Bataillon die volle Stärke hatte, erfolgte auf dem Obermarkt, wo halb Görlitz sich versammelt hatte. Um 1 Uhr wurde abmarschiert in Begleitung des Grafen von Reisach und des Kommandanten von Bissing. Zentnerschwer fiel mir der Abschijed auf die Seele, als wir die Brüdergasse entlang bei Hollers Hause vorbeijkamen und von den dicht besetzten Fenstern aus Scheidegrüße von meiner Braut unter Tränen zugesandt wurden, die ich nur durch Senken meijnes Kopfes und meines Säbels zu erwidern vermochte. - Durch die Nikolaigasse, zu deren Ende die oben genannten Begleiter Abschied nahmen, nachdem ihnen und der Stadt Görlitz allgemeine, lebhafte Hurras gebracht worden, ging der Marsch über Eberbach, Lijebsteijn, Torgau, Ullersdorfer Feldhäuser, hinter denen sich die Türme von Görlitz nochmals zeigten, durch Fichten- und Tannenwälder in tiefem Sande bis nach Niesky, (einer) Herrnhuter Kolonie, fort, wo wir übernachteten.

Vor unserm Ausmarsche aus Görlitz hatte ich vom Major den Auftrag bekommen, nachstehendes in die Redaktion des Anzeigers - Stadtblattes - zur Aufnahme zu befördern;

Bei meinem heutigen Ausmarsch aus Görlitz zur Armee erfülle ich mit Vergnügen den Auftrag meines Offizierkorps, einer hohen Noblesse sowohl als den sämtlichen Bewohnern Görlitzs für die wohlwollende und gütige Aufnahme, welche uns während unsres Hierseins zu Teil geworden, den herzlichsten Dank mijt dem innigen Wunsche abzustatten, daß es allen recht wohl gehen und unser Andenken fortleben möge.

Görlitz, den 27. Oktober 1813.

Der Major und Kommandeur
vou Borwitz

im Namen des Offizierkorps vom 8. Batajllon des 3. Schlesischen Landwehr-Infanterieregiments.

 

 

Quellen und Literatur

 

Handschristliches :

Christian Gotthelf Antons, Buchhändlers in Görlitz, Tagebuch über die Kriegsereignisse vom 6. März 1813 bis in den Mai 1816.

Das Manuskript, eine Abschrift von Dr. Nicolai, liegt auf der Milichschen Bibliothek, Handschrift 74. Hier ist benutzt eine saubere Kopie dieser Abschrift in der Magistrats-Bibliothek auf dem Rathause. 2 Bände. Anton schrieb jeden Tag seine Erlebnisse, Beobachtungen und Gerüchte ein, und dadurch, sowie durch die temperamentvolle Auffassung wird das Tagebuch zu einer wichtigen und fesselnden Quelle.

M. Johann Christian Janckes (1757-1834) Tagebuch der Kriegsereignisse in Görlitz und Umgebung vom 13. März bis 30. Ok- tober 1813. Auf der Bibliothek der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften, Ü. 351.

Ratsprotokolle 1812 Juli bis 1813 Juli. Im Ratsarchive. Eine Fortsetzung ist nicht zu finden.

Diarium oonsuiaro (Eingangsjournal des regierenden Bürgermeisters) 1812 Juli bis 1813 Juli. Im Ratsarchive. Eine Fortsetzung fehlt.

Kataster der Blücherschen Kontribution. Im Ratsarchive. Siehe oben S. 76 ff.

Rechnungen und Belege aus dem Jahre 1812 ff., Ratsarchiv.

Samuel August Sohrs (1751-1838) Briefe an seinen Sohn Wilhelm 1813. Archiv der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften, 139. Zum Teil gedruckt im Neuen Laugest. Magazin 60 (1884) S. 201 bis 245.

Über Duroes Denkmal. Archiv der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften, 141, meist Originalia.

Tagebuch des Kreisgerichtsrats Fritsch. Auf der Bibliothek der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften, G. XII. 160, s. oben S. 117.

 

Gedrucktes:

Johann Maaß, Kriegsdrangsale von Görlitz und der benachbarten Städte und Dörfer. Dresden und Görlitz bei dem Verfasser und in Kommission bei Fr. Bruder in Leipzig. 1. Abteilung 1815, 200 SS. 2. Abteilung 1815, 104 SS. 3. Abteilung 1816, 132 SS. Die Abteilungen haben auch einen allgemeinen Titel: Wanderungen über die verödeten Gefilde Sachsens und der Oberlausitz. Maaß, geb. 1755 in Herrnhut, studierte in Wittenberg, lebte seit 1815 in Görlitz, wo er Mitglied des Kreispredigerkollegiums war. Er sammelte unmittelbar nach dem Kriege allerlei Nachrichten und benützte auch offizielles Material.

Flösset (1784-1869), Erinnerungen an die Kriegsdrangsale der Stadt Görlitz im Jahre 1813. Flössel war seit November 1813 Pfarrer in Siegersdorf, vorher 1811 Mitglied des Predigerkollegiums in Görlitz und 1812 Kolloborator am Gymnasium. Während des Krieges führte er ein Tagebuch, das er, durchsetzt mit anderen Nachrichten, 1863 im Selbstverlage und in Kommission bei Remer erscheinen ließ. 109 SS.

Memorabilien aus den Kriegsjahren 1812-1815. Auf der Bibliothek der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften, L. II. 306 (Flugschriften, Proklamationen, Zeitungsausschnitte usw.).

Görlitzer Anzeiger 1806-1815, s. oben S. 3.

Budissinische Nachrichten 1813 und 1814. Die Zeitung war das Hauptblatt für die Gesamtoberlausitz.

Otto v. Odeleben, Napoleons Feldzug in Sachsen im Jahre 1813. Mir lag vor die 3. Auflage 1840.

Tobias, Begebenheiten und Erlebnisse in Zittau 1813. Zittau 1863. 135 SS.

Korschelt, Kriegsereignisse der Oberlausitz zur Zeit der französischen Kriege im Neuen Lausitzischen Magazin 60 (1884) S. 246 bis 336. Vergleiche ebenda 67 (1891) S. 202-223.

Moschkau, Theodor Körner und Lützows Freikorps in der Oberlausitz in den Blättern für heimische Geschichte (Beilage zu den Zittauer Stimmen) iil (1908) S. 65, 70, 75, 78.

v. der Osten-Sacken und vom Rhein, Militärisch-politische Geschichte des Befreiungskrieges i.J. 1813. Band IIb: Der Frühjahrsfeldzug. Bautzen. 1906. Vossische Buchhandlung, Berlin.

Geschichte des Frühjahrsfeldzuges 1813 und seine Vorgeschichte. Erster Band bis Ende April 1813 von v. Holleben. 2. Band bis zum Waffenstillstand von Cämmerer, Berlin 1904 und 1909 bei Ernst Siegfr. Mittler de Sohn.

Geschichte des Herbstfeldzuges 1813 v. Friederich. 1. Band 1903, 2. Band 1904, 3. Band 1906, Berlin, bei Ernst Siegfr. Mittler & Sohn.

Henrich Steffens, Was ich erlebte, 7. Band, Breslau 1843.

Eugen v. Württemberg, Memoiren 3. Teil, Frankfurt an der Oder 1862.

 

Die beiden Bilder des Kosakenoberst Prendel und General Graf Reynier sind mit gütiger Erlaubnis der Verlagsbuchhandlung entnommen dem trefflichen Werke: In und um Dresden 1813 von Arthur Brabant, 1913, Verlag von Alexander Köhler in Dresden. Das Original von dem Bilde des Kosakenoberst Prendel befindet sich in der Bienerschen Sammlung in Dresden-Plauen (Vorsteher Herr Kunstmaler Eckardt), das vom General Reynier in der Kgl. Kupferstichsammlung in Berlin.

 

Autor: 
Prof. Dr. R. Jecht
Veröffentlichungsdatum: 
1934