Geschichte der Lutherkirche und des Lutherdenkmals in Görlitz

Inhaltsverzeichnis

  • Wie es vormals am Drachenfelsen aussah
  • Die Vorgeschichte zum Bau der Lutherkirche in Görlitz
  • Das Sammelkomitee zum Bau der ersten evangelischen Kirche in Görlitz
  • Der Kirchbau-Verein
  • Verträge zwischen Stadt- und Kirchengemeinde
  • Die Grundsteinlegung der Lutherkirche
  • Weiherede bei der Grundsteinlegung der Lutherkirche
  • Urkunde für den Grundstein der Lutherkirche
  • Worte bei der Grundsteinlegung der Lutherkirche
  • Urkunde für den Turmknopf der Lutherkirche
  • Einweihung der Lutherkirche
  • Abschied vom Zentral-Hospital
  • Weiherede des General-Superintendent Nehmiz
  • Die Kaiserin-Bibel
  • Weihepredigt des Pastors Nithack-Stahn
  • Einnahme und Ausgabe beim Bau der Lutherkirche
  • Das Innere der Lutherkirche
  • Stiftungen für die Lutherkirche
  • Die Pastoren an der Lutherkirche
  • Abschiedspredigt des Pastors Nithack-Stahn
  • Abschiedsgrüße an die Pastoren Nithack-Stahn und Lie. Wendland von E. Barber
  • Abschiedspredigt von Pastor Steinmetz

 

  • Die Geschichte des Lutherdenkmals in Görlitz
  • Die Urheber zur Errichtung des Lutherdenkmals
  • Aufruf zur Errichtung des Lutherdenkmals
  • Aufruf zur Vollendung des Lutherdenkmals
  • Modellausstellung für das Lutherdenkmal
  • Die Enthüllungsfeier des Lutherdenkmals
  • Weiherede des Pastors Nithack-Stahn
  • Rede des Superintendent Pastor primarius Kirchhofer
  • Lutherbilder in der Lutherkirche
  • Ehrung der Urheber zur Errichtung des Lutherdenkmals
  • Schlußwort

 

Lutherkirche

Da, wo jetzt unsere schöne Lutherkirche sich erhebt, befand sich bis (Ende des 19. Jahrhunderts ein öder, nackter Felsen, vom Volksmunde "der Drachenfels" genannt. Seine Umgebung, welche uns heute durch schöne gärtnerische Anlagen erfreut, war ehedem ein Tummelplatz für spielende Kinder, ein Anger, auf welchem besonders zu Jahrmarktszeiten Schaubuden, Karussells usw. aufgestellt waren. Der angrenzende Dresdener Platz mit seiner freundlichen Häuserreihe, die Landeskronstraße und die anderen des jetzt ausgebauten und stark bevölkerten westlichen Stadtteils entstanden nach der in dieser Gegend im Jahre 1885 stattgefundenen Gewerbe- und Industrieausstellung für die Oberlausitz. Mit der schnellen Entwicklung dieses Stadtteils wuchs in demselben das Bedürfnis nach einem evangelischen Gotteshause. Bereits am 19. Juni 1885 richtete im Auftrage des Gemeinde-Kirchenrates der Superintendent Pastor primarius Siegmund Schultze ein Schreiben an den Magistrat der Stadt Görlitz, als den Patron der evangelischen Gemeinde, in welchem er anfragte, ob Aussicht vorhanden sei, daß nach beendeter Gewerbe-Ausstellung der evangelischen Gemeinde ein Platz zum Kirchbau in der Gegend des Dresdener Platzes zur Verfügung gestellt werden könnte. Darauf antwortete der damalige Oberbürgermeister Reichert am 25. Juni 1885, daß der Magistrat zurzeit die Notwendigkeit der Errichtung einer neuen Kirche für die evangelische Gemeinde noch nicht anerkenne, daß aber in der Nähe jenes Platzes genug Baustellen zu finden seien, welche zum Bau einer Kirche geeignet wären. Über die Hergabe eines Platzes könnte man sich jedoch erst schlüssig werden, wenn die Auswahl der beteiligten Körperschaften vorangegangen sei, weshalb er einem desfalligen Antrage entgegensieht. Damit war der Stein für den Bau eines neuen evangelischen Gotteshauses ins Rollen gebracht. Am Himmelfahrtsfeste, dem 30. Mai 1889, bat der evangelische Gemeinde-Kirchenrat den Magistrat, zum Bau der neuen Kirche den Drachenfelsen am Siechenhaufe, den Dresdener Platz oder den Platz gegenüber dem Hauptsteuergebäude an der Bahnhof- und Krölstraße zu nennen. Am 2. Dezember 1889 teilte der Magistrat dem evangelischen Gemeinde-Kirchenrate folgenden Beschluß mit:

"Der Magistrat erachtet als den für eine künftig zu erbauende Kirche im Südwesten der Stadt am meisten geeignet erscheinenden Bauplatz den auf dem hinter dem Siechenhause gelegenen Fels und ist auch nicht abgeneigt unter Zustimmung der Stadtverordneten-Versammlung seinerseits diesen Platz zum Bau der Kirche unentgeltlich zu überweisen, wenn nicht in der Zwischenzeit der Platz zu anderen öffentlichen oder kommunalen Zwecken dringender gebraucht werden sollte."

Im Jahre 1888 bildete sich ein Sammelkomitee für den Bau einer neuen evangelischen Kirche in Görlitz. Dasselbe veröffentlichte am 31. März 1890 folgenden Aufruf:

"Die städtischen Behörden unserer Stadt haben in dankenswerter Bereitwilligkeit den Felsenplatz gegenüber der Diakonissen-Anstalt als Bauplatz für eine evangelische Kirche in Aussicht gestellt. Hiermit ist die Grundlage für einen Bau dargeboten, der sich bei dem außerordentlich schnellen Wachstum der Stadt nach Südwesten hin mit jedem Jahre als dringender herausstellt. Ein Blick auf den Stadtplan zeigt, daß die gesamte Neustadt, insonderheit aber der Südwesten der Stadt, kirchenlos ist; die Zahl der evangelischen Gemeindeglieder hier hat die 50.000 bereits überschritten; insbesondere ist der Frauenkirchenbezirk, als der nach Südwesten gelegene Teil der Parochie, in stärkster Zunahme begriffen; die Frauenkirche aber bietet für eine Seelenzahl von nahezu 20.000 nur 720 Sitzplätze, ist also bloß den zwanzigsten Teil der ihr zugewiesenen Mitglieder zum Gottesdienste aufzunehmen imstande, während man unter gesunden Verhältnissen den fünften Teil der Seelenzahl als regelmäßige Kirchenbesucher rechnet.

Es tut daher aufs dringendste not, in der bezeichneten Stadtgegend, welche neben vielen Eisenbahnbeamten auch einer fortdauernd sich mehrenden Arbeiterbevölkerung Wohnstätten bietet, einen Mittelpunkt gottesdienstlichen Lebens und seelsorgerischen Wirkens zu schaffen, von dem aus eine geordnete kirchliche Arbeit den segnenden Trost, wie die sittliche Förderung der christlichen Religion, verbreiten möchte. Dieser Wunsch lebt, wie wir wissen, in sehr vielen Herzen hierorts; sie wollen gern ein Opfer zu dem guten Zwecke bringen, Frieden in die Herzen, in die Häuser und in die sozialen Verhältnisse möglichst aller unserer Gemeindegenossen durch die Predigt und Uebung des Evangeliums Jesu zu bringen.

In Rücksicht darauf und in der eigenen Erkenntnis der Notwendigkeit eines Anfangs in dem Kirchbauwerke, eröffnen wir, ohne in die spätere Arbeit der amtlichen Organe irgendwie einzugreifen, in Christi Namen eine Sammlung zu dem schönen Friedensmerke des Baues der neuen evangelischen Kirche am Dresdener Platz.

Jeder der Unterzeichneten ist bereit, Gaben für diesen Zweck, sei es einmalige, oder Jahresbeiträge, entgegenzunehmen. Ueber den Empfang derselben wird unser mitunterzeichneter Kassierer, Fabrikbesitzer Otto Müller, im hiesigen Kirchenblatte quittieren. Die 701,40 Mark, welche unser mitunterzeichneter Vorsitzender, Superintendent Schultze, bisher gesammelt hat, sind als Sammelfonds im Sparbuche A. 66950 unserer Kasse überwiesen.

Dr. Wilhelm Boldt, Königlicher Oberamtmann, Jochmannstraße 6; G. Hagspihl, Stadtrat und Fabrikbesitzer, Bautzenerstraße 34; Kirchhofer, Diakonus im Frauenkirchenbezirke, Louisenstraße 4; Julius Mühe, Krölstraße 37; Otto Müller, Fabrikbesitzer, Schützenstraße 7; Napp, Diakonus im Frauenkirchenbezirke, Moltkestr. 5; E. Rothenburg, Zimmermeister, Bautzenerstraße 42; P. W. Sattig, Buchhändler, Jochmannstraße 8;  Schultze, Pastor primarius und Königl. Superintendent, Langenstraße 42; Freiherr von Türcke, Major z. D., Zittauerstraße 842."

 

Seit dem 16. Oktober 1892 wurde der sonntägliche Gottesdienst im Saale des Zentral-Hospitals von einem Geistlichen des erweiterten Frauenkirchenbezirks, Diakonus Blindow, gehalten.

Jener Aufruf fand in der evangelischen Bevölkerung eine freudige Aufnahme, so daß am 3. April 1895 bereits 33.000 Mark gesammelt und 38.000 Mark fest zugesagt waren. Superintendent Pastor primarius Schultze, welcher den Bau der neuen Kirche in die Wege geleitet hatte, konnte jedoch sein begonnenes Werk nicht vollenden; er verließ am 1. Mai 1895 Görlitz und folgte einem Rufe als Pastor primarius der St. Elisabethkirche in Breslau. Mit derselben Wärme nahm sich nunmehr sein Nachfolger Superintendent Pastor primarius Schönwälder, der Förderung des Kirchbaues an. Am 16. Februar 1896 gründete er den Kirchbau-Verein, aus welcher segensreichen Einrichtung nicht nur die in Aussicht genommene neue Kirche mehr als 56.000 Mark, sondern auch die Dreifaltigkeitskirche zu der im Jahre 1910 stattgefundenen umfassenden Renovation und die zurzeit im Bau begriffene Kreuzkirche in der Südstadt erhebliche Zuwendungen erhielten. Am 21. März 1896 erließ der Kirchbau-Verein folgenden Aufruf zum Eintritt in denselben:

„Abermals hat die Volkszählung vom Dezember 1895 einen Zuwachs der evangelischen Gemeinde unserer Stadt um ungefähr 6.000 Seelen ergeben; immer neue Straßen nicht nur, nein, Stadtteile steigen empor, ohne daß in ihrer Mitte eine evangelische Kirche als sammelnder Mittelpunkt sich erhebt. Die Frage des Baues einer neuen Kirche wird eine immer brennendere.

Seit dem Jahre 1888 ist ein Komitee damit beschäftigt, Geldmittel für diesen Zweck zu sammeln. Ueber 40.000 Mark hat die freiwillige Liebestätigkeit von Arm und Reich in diesen Jahren zusammengebracht, wozu noch etwa 36.000 Mark an festen Zusicherungen kommen. Aber Eile tut not, soll nicht eine weitgehende Entfremdung von der Kirche sich als Folge dieser Kirchennot einstellen.

Darum hat sich zu schnellerer Förderung der Angelegenheit am 16. Februar d. J. ein Kirchbau-Verein gegründet, welcher das bisherige Komitee vorläufig mit der Führung der Geschäfte betraut und die von demselben angesammelten Gelder übernommen hat.

Dieser vorläufige Vorstand wendet sich nun vertrauensvoll an alle diejenigen unserer evangelischen Mitbürger, welche den baldigen Bau einer neuen Kirche für ein dringendes Bedürfnis erachten und bittet sie, dem Vereine dadurch beizutreten, daß sie ihre Namen zugleich mit der Höhe des Jahresbeitrages in die alsbald in Umlauf zu setzende Listen einzeichnen. Diejenigen, welche schon seit Jahren feste Beiträge gezahlt haben, sind bereits in der Liste als Mitglieder eingezeichnet. Ein Exemplar der Satzungen des Vereins ist der Bote auszuhändigen beauftragt.

Wir hoffen, daß unsere Bitte nicht ungehört verhallen und daß unsere Stadt, welche, als sie kaum 1O.OOO Einwohner zählte, es möglich gemacht hat, einen Dom zu errichten, der zu den schönsten und großartigsten des östlichen Deutschlands gehört, bald auch in die Lage kommen wird, die für das religiöse Bedürfnis Tausender unumgänglich nötigen Andachtsstätten zu errichten.

 

Der provisorische Vorstand des Kirchbau-Vereins.

Blindow, Diakonus; Dr. Boldt, Königlicher Oberamtmann; Dr. Festner, Diakonus; G. Hagspihl, Stadtrat und Fabrikbesitzer; Kirchofer, Diakonus; Julius Mühle, Rentier; Otto Müller, Königlicher Kommerzienrat; Napp, Diakonus; H. Prollius, Fabrikbesitzer; E. Rothenburg, Zimmermeister; P. W. Sattig, Buchhändler; Schmidt, Diakonus; Schönwälder, Pastor primarius; Freiherr von Türcke, Major z. D.; Weise, Lehrer an der Realschule."

 

Im Magistrat und somit im Patronat der evangelischen Gemeinde war eine Aenderung eingetreten, Oberbürgermeister Reichert war am 29. November 1893 gestorben. Sein Nachfolger, Oberbürgermeister Büchtemann, hatte für den Bau einer neuen Kirche gleichfalls ein großes Interesse, so saß die Verhandlungen zwischen Kirchgemeinde und Magistrat nunmehr schnell zum Abschluß gebracht wurden. Schon Weihnachten 1896 brachte er dem evangelischen Gemeinde-Kirchenrate folgenden Beschluß des Magistrats-Kollegiums zur Kenntnis:

„Als Eigentümerin des zwischen Dresdener Platz, Landeskronstraße, Jochmannstraße und dem Siechenhausgrundstück gelegenen Grundstücks Görlitz Nr. 1365 räumt die Stadtgemeinde Görlitz der evangelischen Kirchengemeinde zu Görlitz das unentgeltliche und unveräußerliche Recht ein, über die zu diesem Grundstücke gehörige auf der Skizze vom 15. Juni 1896 verzeichneten Fläche von 2 Morgen 162 Quadrat-Ruten zu kirchlichen Zwecken derartig zu verfügen, daß darauf eine evangelische Kirche, ein Pfarrhaus und sonstige zu kirchlichem Dienste erforderlichen Gebäude errichtet werben.

Jedes dieser Gebäude soll so wohl hinsichtlich der Berechtigung zur Anlage überhaupt, als hinsichtlich der Ausführung nach jeder Richtung hin, als z. B. Wahl der Baustelle, bauliche Ausstattung der Gebäude usw. der Genehmigung der städtischen Körperschaften unterliegen, so daß letzteren vor der Ausführung des Baues sämtliche Baupläne, Bauskizzen usw. zur Prüfung und Genehmigung vorzulegen sind; dasselbe gilt auch von den baulichen Aenderungen.

Die evangelische Kirchengemeinde ist verpflichtet, die unbebauten Teile des unbebauten Grundstückes mit gärtnerischen Anlagen zu versehen und die Anlagen zu unterhalten, desgleichen ist die evangelische Kirchengemeinde verpflichtet, auf Verlangen der städtischen Körperschaften das Grundstück mit einer Umzäunung von vorzuschreibender Art zu versehen. Das der evangelischen Kirchengemeinde eingeräumte Recht erlischt sobald das Grundstück oder die darauf errichteten Baulichkeiten nicht mehr zu den erwähnten Zwecken des kirchlichen Dienstes der evangelischen Kirchengemeinde benützt oder zu anderen Zwecken gebraucht werden. Hierüber, sowie bezüglich aller Differenzen aus den durch diesen Vertrag vereinbarten Rechtsverhältnissen haben allein die städtischen  Körperschaften zu Görlitz endgültig zu entscheiden, und zwar unter Ausschluß des Rechtsweges. Für den Fall des Aufhörens des eingeräumten Rechts steht der Stadtgemeinde das Recht zu, entweder den Abbruch der errichteten Baulichkeiten zu verlangen, oder die eigentümliche Ueberlassung der Gebäude zu fordern. Wird der Abbruch verlangt, so hat derselbe binnen Jahresfrist zu erfolgen, widrigenfalls die Stadtgemeinde Görlitz berechtigt ist, den Abbruch auf Kosten der evangelischen Kirchengemeinde zu bewirken. Behufs Vermeidung späterer Zweifel wird ausdrücklich hervorgehoben, daß die Stadtgemeinde Görlitz Eigentümerin des oben erwähnten Grundstückes bleibt.”

 

Hierauf beschloß der Gemeinde-Kirchenrat das Anerbieten mit der Bitte um folgende Abänderungen der gestellten Bedingungen dankbar anzunehmen:

  1. Das Eigentum auf dem Grund und Boden, auf welchem die kirchlichen Gebäude errichtet werden, soll an die Kirchengemeinde übergehen; dagegen ist letztere bereit, in Abteilung II des neu zu bildenden Grundbuchblattes das Recht der Stadtgemeinde dahin eintragen zu lassen, daß, falls die auf diesem Grund und Boden errichteten kirchlichen Gebäude nicht mehr dem Zwecke der evangelischen Kirchengemeinde dienen, das Eigentum von Grund und Boden an die Stadtgemeinde zurückfällt;
  2. daß die gärtnerischen Anlagen in der Umgebung der Kirche auf dem nicht verwendeten Terrain von der Stadt angelegt und unterhalten werden;
  3. daß der Magistrat von dem Verlangen Abstand nehme, etwaige Differenzen nur durch die städtischen Behörden allein entscheide;
  4. daß derselbe von einer Mitwirkung der Stadtverordneten-Versammlung, insoweit sie in dem Magistratsbeschluß vorgesehen ist, absehe, mit Ausnahme der Zustimmung zur Schenkung selbst.

 

Da der Magistrat nur die Bedingung fallen ließ, daß bei etwaigen Differenzen die städtische Behörde allein endgültig zu entscheiden haben soll, an den andern Bedingungen jedoch festhielt, beschloß der evangelische Gemeinde-Kirchenrat am 4. Januar 1897, das Anerbieten des Magistrats in dieser Form anzunehmen.

Um den Bau der neuen Kirche nunmehr nach Möglichkeit zu fördern, wählten Gemeinde-Kirchenrat und Gemeinde-Vertretung am 29. März 1897 eine Bau-Kommission von zehn Mitgliedern, und zwar Superintendent Pastor primarius Schönwälder als Vorsitzenden, ferner Diakonus Blindow, Dr. med. Freise, Maurermeister Fehler, Maurermeister Gock, Stadtrat Hagspihl, Bürgermeister Heyne, Maurermeister Koritzky, Kommerzienrat Müller und Landgerichts-Direktor Geh. Justizrat Reimann.

Dem Antrage der Bau-Kommission entsprechend beschloß der Gemeinde-Kirchenrat am 14. Juni 1897, daß für den Kirchenbau auf dem Drachenfelsen ein Zentralbau wesentlich im Anschluß an das vom Architekten Fritsche in ElberfeId eingereichte Kirchenbau-Projekt gewählt und der Gemeinde-Vertretung, sowie dem Magistrat zur Annahme empfohlen werde. Diesem Beschluß trat die Gemeinde-Vertretung am 30. Juni 1897 bei.

Am 29. November 1897 beschloß der evangelische Gemeinde-Kirchenrat, dem Magistrat mitzuteilen, daß auf dem Drachenfels ausschließlich eine Kirche, aber keine Pfarrhäuser aufgeführt werden.

Am 21. Dezember 1897 teilte der Magistrat dem evangelischen Gemeinde-Kirchenrat mit, daß Einsprüche gegen das Kirchenbau-Projekt des Architekten Fritsche nicht erhoben werden. Desgleichen sei beschlossen worden, zum Bau der neuen Kirche einen baren Betrag von 50 000 Mark beizusteuern.

Auf die Berichte vom 12. und 19. Februar 1898 an den Minister der geistlichen Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten, den Kirchbau betreffend, teilte derselbe am 31. März 1898 durch das Königliche Konsistorium der Provinz Schlesien der Kirchgemeinde mit:

„Der Beschluß der vereinigten kirchlichen Körperschaften zu Görlitz vom 30. Juni 1897 betreffend den Bau einer vierten evangelischen Kirche in Görlitz wird von Staatsaufsichtswegen genehmigt."

I. V. gez. Weyrauch.

 

Am 24. Mai 1898 wurde im Grundbuche auf das Grundstück Nr. 3227 in der II. Abteilung Nr. 2 eingetragen:

„Auf diesem Grundstück dürfen ohne Zustimmung des Magistrats Görlitz keine anderen Bauten aufgeführt werden, als die Kirche."

 

Nach Genehmigung des Kirchenbaues aller Instanzen wurden nun die letzten Vereinbarungen mit dem Architekten Fritsche getroffen, und am 10. November 1898, am Geburtstage des großen Reformators, wurde unter freudiger Beteiligung der gesamten evangelischen Gemeinde der Grundstein der neuen Kirche auf dem Drachenfelsen gelegt. Sie wurde Lutherkirche genannt. War sie doch die erste evangelische Kirche, die nach Einführung der Reformation im Jahre 1525 in unserer Gemeinde Görlitz gebaut wurde; denn alle unsere jetzigen evangelischen Kirchen, die altehrwürdige Peterskirche - der herrliche Dom der Oberlausitz - die Dreifaltigkeitskirche - die ehemalige Klosterkirche der Franziskaner - die Frauen- und die Nikolaikirche, waren vorreformatorischen Ursprungs,

Die Grundsteinlegung der Lutherkirche fand an genanntem Tage vormittags 11 1/4 Uhr in feierlicher Weise statt. Schon lange vor der festgesetzten Zeit hatte sich eine unübersehbare Menschenmenge um den abgegrenzten Platz geschart, auf welchem die Redner-Tribüne, mit Tannengrün umrankt, und das erste Mauerwerk errichtet waren. Die von dem evangelischen Gemeinde-Kirchenrate geladenen Festteilnehmer hatten sich im Saale des Zentralhospitals versammelt, von wo aus sich um 11 1/4 Uhr ein feierlicher Zug unter Vorantritt der gesamten Geistlichkeit in vollem Ornat und der Spitzen der Behörden zum Festplatze bewegte. Als Vertreter der städtischen Behörden waren Oberbürgermeister Büchtemann, Bürgermeister Heyne, Stadtverordneten-Vorsteher Bethe und von der Kommunal-Landständischen Verwaltung Landeshauptmann von Seydewitz erschienen. Nachdem sich die Festteilnehmer um den Grundstein gruppiert hatten, wurde die Feier mit dem alten Lutherliede „Ein feste Burg ist unser Gott" unter Begleitung der städtischen Kapelle eingeleitet. Darauf hielt Superintendent Pastor primarius Schönwälder folgende Weiherede:

„Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, Amen. Da nahm Samuel einen Stein und setze ihn und nannte ihn Ebenezer und sprach: „Bis hierher hat der Herr geholfen!" Teure Festgenossen, liebe Gemeinde! Aehnlich wie dieser Priester des alten Bundes ist auch uns zu Mute, heute, in dieser Stunde, da wir zusammen gekommen sind, um den Grundstein zu legen zu einer Kirche, die wir so lange ersehnt, um die wir so lange geworben haben. Bis hierher hat der Herr geholfen. Das klingt heute durch alle Herzen und darum sei das erste Wort, das hier an dieser Stelle gesprochen wird, von wo aus einst Gottes Wort erschallen soll, ein Wort des Dankes. Dank sei dargebracht vor allem unsern Behörden, aber auch jedem Einzelnen, der mit großer oder kleiner Gabe und im opferfreudigen Sinne dazu beigetragen hat, daß wir nunmehr den ersten Schritt zum Bau der neuen Kirche tun können. Unser aller Dank gilt aber vor allen Dingen Gott dem Herrn, ohne dessen Segen alle Mühe verloren gewesen wäre. Wir, die wir hier zusammengekommen, sind die ersten, wenigstens wohl nach Jahrhunderten, die den Grundstein zu einer evangelischen Kirche legen können. Denn die Kirchen, die wir hier besitzen, stammen aus der Zeit vor der Reformation. Der Grundstein einer evangelischen Kirche redet für uns eine besondere Sprache, mich dünkt eine solche, wie wir sie in dem Worte des Apostels Paulus hören: „Erbauet euch als die lebendigen Steine zu einem geistigen Hause, erbauet euch zu einer lebendigen Priesterschaft, darzubringen geistige Opfer, die Gott angenehm sind durch Jesum Christum!" Eine evangelische Kirche wollen wir bauen zur Vereinigung einer Gemeinde im Geiste und in der Wahrheit. Wir alle wissen als evangelische Christen, daß Gott nicht wohnt in Tempeln von Menschenhand gemacht. Die Gemeinde allein ist der wahre Tempel Gottes, die Gemeinde, die auf dem einen Grunde aufgebaut ist: Jesus Christus und zusammengefügt ist Glied an Glied in evangelischem Glauben und evangelischer Liebe. Einen besonderen Tag auch, teure Gemeinde, der Geburtstag Martin Luthers. Eine Lutherkirche soll dieser Bau werden, den wir errichten. Nicht nur den Namen Luthers soll sie tragen, sie soll auch dem Geiste dienen, der durch ihn gedeckt worden ist, dem Geiste einer wahrhaft evangelischen Gemeinde, evangelischen Glaubens und evangelischer Liebe. Vor wenigen Tagen erst haben wir hier das Denkmal eines Mannes geweiht, der vor den Menschen ein Geringer, aber ein Großer war im Reiche Gottes: „Jacob Böhme!" Auch er war wie wenige ein Priester des inneren Christentums, das erst den wahrhaften Glauben kennt. Auch sein Beispiel möge in dieser Zeit der Zerstreuung und Zersplitterung in taufendfältige Interessen dazu mahnen, daß wir zurückkehren zur Stille und Einkehr. Und teure Festversammlung, zu den Worten des Dankes und der Mahnung fügen wir das Wort des Gebetes. Hilf, o Herr, auch ferner zu diesem Werke und laß es wohlgelingen. Noch länger als zwei Jahre werden mir ausharren müssen, ehe von diesem Felsen hernieder die Glocken zum Gottesdienst rufen werden. Noch viele Schwierigkeiten gibt es zu überwinden und vielen Opfermut christlichen Gemeinsinnes zu beweisen. Hilf, o Herr, daß dieser nie erlöschen möge in unserer Gemeinde. Und auch den Bau selbst, der sich hier erheben wird, nehme Gott, der Herr, in seinen Schutz. Er beschirme die Werkleute und Arbeiter, damit sein Unfall den Bau störe. Gott, der Herr, gebe, daß das Werk als Denkmal opferfreudigen GIaubens und als ein Schmuck unserer Stadt einst hier erstehen werde.

Sprich ja, o Herr, zu unsern Taten, Hilf selbst du sie beraten!

Den Anfang, Mitt’ und Ende:

O, Herr, zum besten wende! Amen."

Hierauf verlas Superintendent Schönwälder die in den Grundstock einzumauernde Urkunde:

„Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes! Amen. Am heutigen Tage, dem 10. November 1898, als dem Geburtstage unseres großen Reformators Martin Luther, unter der Regierung Sr. Majestät des deutschen Kaisers Wilhelm II., ist der Grundstein zu dieser Kirche gelegt worden.

Der erste Gedanke, auf diesem Felsen eine Kirche zu errichten, tauchte auf, als nach dem Tode Sr. Majestät Kaiser Wilhelms I. es sich darum handelte, demselben ein würdiges Denkmal zu errichten. Damals vereinigte sich eine Anzahl evangelischer Männer zu dem Zwecke, Gaben für eine Gedächtniskirche zu sammeln. Später, als die Errichtung eines Reiterstandbildes des großen Kaisers und der Bau einer Ruhmeshalle zum Andenken an die beiden ersten Kaiser des neuen Deutschen Reiches, Wilhelm I. und Friedrich III., beschlossen wurde, trat der Gedanke, auch eine Kirche diesem Andenken zu widmen, in den Hintergrund. Die Sammlungen aber wurden fortgesetzt und hat besonders der damalige Pastor primarius und Superintendent S. Schultze sich große Verdienste um dieselbe erworben. Als derselbe im Jahre 1895 nach Breslau berufen wurde und der bisherige Archidiakonus Schönwälder an seine Stelle trat, wurde der freie Sammelverein in einen Kirchbau-Verein verwandelt. Nachdem die Patronats-Behörde hierauf im Jahre 1897 den Grund und Boden der Kirchgemeinde geschenkt, konnte endlich das von der Gemeinde langersehnte Werk in Angriff genommen werden.

In dem Sohne eines des vor wenigen Jahren in der Diözese Görlitz I tätigen Geistlichen, dem Architekten Fritsche, gelang es, einen Baumeister zu finden, welcher mit langjähriger Erfahrung im Kirchenbau das lebendigste Interesse für die ihm so nahestehende Gemeinde vorfand. Ihm wurde, nachdem sein Projekt die Billigung der Behörden, sowie der kirchlichen Körperschaften gefunden, der Bau übertragen.

Möge denn Gottes Segen auf demselben ruhen; möge er heranwachsen Gott zur Ehre, der Stadt zur Zierde, als ein würdiges Seitenstück zu dem großartigen Kirchengebäude, das der Väter Opferfreudigkeit geschaffen, und als Zeichen davon, daß auch in der Enkel Herzen die Liebe zu Gottes Wort, die Treue gegen das Werk Luthers fest und unerschütterlich steht.

Das walte Gott! Amen.

Görlitz, den 10. November 1898.

 

Der evangelische Gemeinde-Kirchenrat.

Schönwälder, Anderson, Blanck, Blindow, von Bülow, Dr. Festner, Francke, Gock, Heyne, Kirchhofer, Köhler, Koritzky, Lätsch, Nithack-Stahn, Nobiling, Schiller, Schmidt, E. Senff, Zimmermann.

 

Die Evangelische Gemeinde-Vertretung.

Albinus, E. H. Bescheerer, Bühne, Dammann, J. Dobschall, H. Fehler, Dr. W. Freise, Groß, Heppner, Höhne, Hoffmann, Kleinschmidt, E. Knothe, Krause, Lange, Rehfeld, Lissel, Minzlaff, Mühle, A. Nahmmacher, Radisch, Lemke, Reiber, Reimann, Ritter, Rösler, Schlehan, W. Schmidt, C. Schmidt, Skerl, Stiller, Täschner, Trillmich, Vierling, Zander."

 

Während des weihevollen Gesanges des 100. Psalms: „Jauchzet dem Herrn alle Welt" von Mendelssohn, vorgetragen von den drei Kirchenchören, wurde die Urkunde vermauert und der Grundstein geschlossen. Es wurden hierauf unter den üblichen Hammerschlägen folgende Worte gesprochen:

 

Oberbürgermeister Büchtemann:

„Als Vertreter des Patronats und als Vertreter der Bürgerschaft folgenden Spruch:

„Der hohe Dom, der sich über diesem Grundstein erheben wird, sei eine Stätte der Erbauung und Aufrichtung für jeden evangelischen Christen. Er sei eine Stätte der Vereinigung von Religion und Wissenschaft zum Segen der evangelischen Lehre und sei eine Stätte des Friedens, von der die Duldsamkeit gegen Andersgläubige ausgehen möge zum Segen der Stadt!"

Stadtverordneten-Vorsteher Justizrat Bethe:

„Eine feste Burg des Glaubens möge hier erstehen zum Schutze und Trost aller, die in dieser Kirche sich einfinden werden!"

Landeshauptmann von Seydewitz:

„Wo der Herr nicht das Haus bauet, da arbeiten umsonst, die daran bauen!"

Superintendent Pastor primarius Schönwälder:

„Auf einem anderen Grunde kann keiner bauen, der fester sei als Jesus Christus!"

Bürgermeister Heyne:

„Möge die Kirche, die über diesem Stein sich erheben wird, ein Sinnbild werden für die Befestigung Gottes in aller Herzen, in welchem Jesus Christus der Grund- und Eckstein ist!"

Diakonus Blindow:

„Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’ und Dank für seine Gnade!"

Diakonus Nithak-Stahn:

„Jesus aber sprach: Wer diesem meinem Worte folgt und darauf bauet, den vergleiche ich einem klugen Manne, der sein Haus auf einem Felsen gebaut hat!"

Maurermeister Koritzky:

„Gegründet ist das Gotteshaus; möge der Bau emporwachsen uns sich weiter entwickeln!"

Landgerichts-Direktor Reimann:

„Der Bau ergebe sich zur Ehre Gottes, zur Zierde unserer Stadt und zum Segen der gesamten Menschheit!"

 

Sodann folgten Worte von Dr. med. Freise, Kommerzienrat MüIIer, Architekt Fritsche, Maurermeister Rothenburger und Bauführer Lange. Diakonus Blindow sprach hierauf das Schlußgebet, Gott dankend und seine fernere Hilfe an dem Bau und seinen Segen für den Landesherrn und die Stadt erflehend. Mit dem gemeinsamen Gesange „Lob, Ehr’ und Preis sei Gott" schloß die erhebende Feier.

Am Abend des 10. Novembers veranstaltete der am 13. Dezember 1888 gegründete Lutherkirchenbezirks-Verein im großen Saale des Konzerthauses eine würdige Nachfeier zur Grundsteinlegung der Lutherkirche. Schon eine Stunde vor der Feier war der Saal so überfüllt, daß hunderte keinen Einlaß mehr erhalten konnten. Mit dem gemeinsamen Gesange „Ein feste Burg ist unser Gott", mit Posaunen begleitet, wurde die Feier eröffnet. Die Kapelle des 19. Infanterie-Regiments von Courbiere brachte alsdann die Fest-Ouvertüre von Nicolai in vortrefflichster Weise zu Gehör. Diakonus Blindow hielt die Festrede, in welcher er ein lebensvolles Bild des großen Reformators gab. Aus dem tatenreichen Leben Luthers wurden folgende lebende Bilder gestellt: Luther als Kurrendefänger bei Frau Cotta, Luther schlägt die 95 Thesen an und Luther auf der Wartburg. Diakonus Nithack-Stahn sprach zu den Bildern den einleitenden Text. Zuletzt leitete er über zu einer Darstellung aus dem Devrient’schen Lutherfestspiel „Der letzte Weihnachtsabend Luthers 1545". Mit dem Schlußgesange des Bühnenspiels: „Das Wort, sie sollen lassen stahn" schloß die Feier in würdiger Weise.

Viele hundert Hände waren nun beschäftigt, den Kirchenbau zu vollenden. Am 6. Juni 1900 konnte schon das Richtfest der Lutherkirche erfolgen. Bei dieser Gelegenheit wurde folgende mit den Unterschriften der Mitglieder der kirchlichen Körperschaften versehene Urkunde in den Turmknopf der Lutherkirche auf genommen:

„Nachdem bei der stetigen Zunahme der evangelischen Gemeinde schon seit Jahren das Bedürfnis einer neuen, vierten Kirche empfunden worden war, bildete sich im Jahre 1888 ein Sammelverein zur Erreichung dieses Zieles, welcher sich im Jahre 1895 in einen Kirchenbau-Verein erweiterte. Die städtischen Behörden bewilligten für den Bau den sogenannten Drachenfels am Dresdener Platz und schenkten außerdem eine Summe von 50.000 Mark. Außerdem beschlossen die kirchlichen Körperschaften die Aufnahme einer zu 3 1/4 % verzinslichen mit 1 % amortisierenden Anleihe von 200.000 Mark. Nachdem die finanziellen Grundlagen hergestellt waren, wurde Architekt Fritsche z.Z. in Berlin, später in Elberfeld, beauftragt, Bauplan und Kostenanschlag, welch letzterer mit circa 300.000 Mark abschloß, auszuarbeiten. Dieselben fanden mit einigen Aenderungen die Genehmigung seitens der kirchlichen, sowie der städtischen und staatlichen Behörden und konnte unter Teilnahme einer zahlreichen Gemeinde am 10. November 1898 feierlich der Grundstein in denjenigen Pfeiler gelegt werden, über welchem sich dereinst die Kanzel erheben soll. Rüstig schreitet der Bau fort, so daß noch vor Eintritt des strengen Frostes die Grundmauern fertiggestellt waren. Im Jahre 1899 wurde die Kirche bis zum Turmringe vollendet, und am 6. Juli 1900 konnte das Richtfest stattfinden. Bis zum heutigen Tage ist durch Gottes Gnade ein größerer Unfall uns erspart geblieben. Und so blicken wir mit freudiger Hoffnung in die Zukunft und geben uns der getrosten Zuversicht hin, daß die treue Vaterhand, welche bisher über diesem Bau gewaltet hat, ihn auch ferner beschirmen und ihn zu seiner Vollendung führen wird, damit er unserer Gemeinde eine gesegnete und geliebte Stätte der Andacht werde."

Nach noch nicht Jahresfrist am 6. Mai 1901, dem Geburtstage des deutschen Kronprinzen Friedrich Wilhelm, wurde die Lutherkirche geweiht. Es war ein großer Festtag für die evangelische Gemeinde der Stadt Görlitz. Hell und warm flutete die Maiensonne über die Stadt. Die Klänge der Glocken sämtlicher evangelischer Kirchen luden in der 10. Stunde vormittags zur Weihefeier ein. Um 1/2 10 Uhr versammelte sich ein engerer Kreis von Festteilnehmern im Saale des Hospitals, der bisher zu gottesdienstlichen Zwecken des erweiterten Frauenkirchen-Bezirks gedient hatte, zu einer Abschiedsfeier. Es waren die Vertreter königlicher, kirchlicher und städtischer Behörden erschienen, u. a. Regierungspräsident Dr. von Heyer-Liegnitz, Konsistorialpräsident Dr. Stolzmann-Breslau, General-Superintendent Nehmiz-Breslau, Oberbürgermeister Büchtemann, Bürgermeister Heyne, Stadtverordneten-Vorsteher Bethe, Landeshauptmann von Wiedebach- Nostitz, Landrat von Roeder, Oberst von Issendorff, die gesamte evangelische Geistlichkeit, die Mitglieder des Gemeinde-Kirchenrates und der Gemeindevertretung, die Direktoren der höheren Schulanstalten, die Rektoren und Lehrer der evangelischen Gemeindeschulen. Der eifrige Förderer des Lutherkirchen-Baues, Superintendent Pastor primarius Schönwälder, war wegen Erkrankung an der Teilnahme der Feier behindert. Nachdem die Versammlung „Unsern Ausgang segne Gott" gesungen hatte, hielt Archidiakonus Kirchhofer die Abschiedsrede. Er legte ihr die Worte des 121. Psalms zu Grunde:

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchem mir Hilfe kommt. Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. Siehe, der Hüter Israels schläft, noch schlummert nicht. Der Herr behütet dich, der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand, daß dich des Tags die Sonne nicht steche, noch der Mond in der Nacht. Der Herr behüte dich vor allem Uebel; er behüte deine Seele. Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit."

Darauf fortfahrend:

„Am 16. Oktober 1892 ist in diesem Saale zum ersten Male öffentlicher Gottesdienst gehalten worden. Ein Mittelpunkt war hier geschaffen, aus dem heraus sich der vierte Gemeindebezirk bilden konnte. Wir können darum diesen Saal nicht verlassen, ohne der Pflicht eines Dankes gegen den Magistrat zu gedenken, der uns diese Stätte erschlossen und bis heute in freundlichstem Entgegenkommen offengehalten hat."

Der Redner hielt weiter einen Hinblick auf das Wachsen der evangelischen Gemeinde in Görlitz, in der schon ein fünfter Gemeindebezirk entstanden sei und die Zahl der Geistlichen von sieben auf neun sich erweitert habe. Er wies alsdann mit Dank gegen Gott auf das Entstehen des eben vollendeten Gotteshauses hin, das einen Denkstein darstelle, von dem es in goldenen Zeichen leuchtet: „Bis hierher hat der Herr geholfen!" Hierauf wurde die Strophe „Ach bleib mit deinem Segen" gesungen, und dann bewegte sich unter Vorantritt der Geistlichkeit und Vorantragung der kirchlichen Geräte der Zug am Hospitalgarten entlang zum Drachenfelsen, von dem herab das neue Gotteshaus, selbst geschmückt und mit prächtigem Schmuck umgeben, grüßte. An der zur Lutherkirche hinaufführenden Freitreppe prangte eine fahnenumrankte Eingangspforte mit den Inschriften:

„Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein" -

„Der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich."

Die Häuser in den benachbarten Straßen waren mit Fahnen reich geschmückt. Dicht gedrängt stand die Menschenmenge bis in die Mitte des Dresdener Platzes in seiner ganzen Ausdehnung von der Krölstraße bis zur Landeskronstraße. Der Festzug nahm vor dem Hauptportale der Lutherkirche Aufstellung. Der Baumeister, Architekt Fritsche, überreichte mit kurzer Ansprache, in welcher er auf die Lutherkirche als Pflanz- und Pflegestätte echt protestantischen Geistes hinwies, den Schlüssel des Gotteshauses dem General-Superintendenten Nehmiz. Dieser überreichte ihn mit den Worten des 118. Palms:

„Danket dem Herrn; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich!“

dem Archidiakonus Kirchhofer, der mit Worten des Dankes gegen Gott die Tür des Gotteshauses öffnete. Die Kirche wurde bis auf den letzten Platz gefüllt. WeihevoII war die Stimmung. Während die Orgel das herrliche Gotteshaus in rauschenden Akkorden durchtönte, schritten in langem Zuge die Geistlichkeit, die Spitzen der Behörden und die übrigen Festteilnehmer nach dem Altarraume, wo und in dessen Nähe sie Platz nahmen. Tausendstimmig erscholl voll und mächtig der Gemeindegesang „O heil’ger Geist, kehr’ bei uns ein!" Nach der letzten Strophe hielt General- Superintendent die Weiherede:

„Unser Anfang geschehe im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen."

Mit diesen Worten begann der Redner, dessen Amen der Chor mit dreimaligem Amen beantwortete. Nach einem Gebet, in dem er Gottes Segen zur Weihe dieser Stätte erflehte, überreichte der  General-Superintendent die auf die Bitte des evangelischen Kirchenrates von der Kaiserin Auguste Viktoria gestiftete Kanzelbibel im Allerhöchsten Auftrage von den besten Segenswünschen der Kaiserin begleitet mit der eigenhändig in die Bibel geschriebenen Inschrift: Psalm 86, Vers 11:

„Weise mir, Herr, deinen Weg, daß ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem Einigen, daß ich deinen Namen fürchte".

Darauf fortfahrend:

„Es ist ein großer Festtag, der heute der Stadt und Gemeinde Görlitz erschienen ist. Zum erstenmale wieder nach der Reformation weiht man hier ein neuerbautes evangelisches Gotteshaus. An der Stätte, wo einst eine Industrie-Ausstellung die blühende Regsamkeit dieser Landschaft zeigte, steht heute ein zu sabbatlicher Stille einladendes Gotteshaus. Auf dem Drachenfelsen hat man eine Lutherkirche errichtet; das ist, als sollte Luther in der Verkörperung einer drachenbezwingenden Heldengestalt vor Augen geführt werben. An einem für unser patriotisches Empfinden bedeutungsvollen Tage, am Geburtstage unseres Kronprinzen, vollziehe ich die Weihe.

Die Weihworte für diese Stunde empfangen wir durch die Hand der erlauchten Mutter des Kronprinzen in dem Psalmwort: „Weihe mir, Herr, deinen Weg, daß ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem Einigen, daß ich deinen Namen fürchte". Ein Wegweiser zur göttlichen Wahrheit, zur lebendigen Gottesfurcht soll die  Lutherkirche für uns sein. Wie der Bau aus dem Gewirr der Gassen und Straßen, aus dem Wald von Schornsteinen sich erhebt und zum Himmel strebt, so soll diese Kirche eine Stätte sein, uns zur göttlichen Wahrheit zu führen; vor allem zur Wahrheit über uns selbst. Durch dieses Gotteshaus soll der Grundton der Wahrheit klingen. Wenn die Binde der Selbsttäuschung von unsern Augen fällt, fällt auch der Schleier, der uns Gottes Antlitz verhüllt. Zur Wahrheit über uns selbst gesellt sich die Wahrheit über Gott, den Herrn. Laut und froh verhallt in dieser Kirche auch der Grundton des seligmachenden evangelischen Glaubens. Auf dieser Kanzel werde kein anderes je verkündet, als das Evangelium von dem menschgeborenen Sohne Gottes. Allen durch Sünden bekümmernden Seelen möge hier Trost im Namen Christi geboten, allen Mühseligen und Beladenen das Wehen des heiligen Geistes aus der Höhe zugetragen werden. Das neue Gotteshaus das uns aber auch ein Wegweiser zur echten, lebendigen Gottesfurcht. Mögen Unwissende oft auch die heilige evangelische Glaubenssache herabsetzen; mag das Reformationswerk auch durch Uebelwollende verdächtigt und als Ursache der Gottlosigkeit und Unbotmäßigkeit der Völker geschmäht werden - für das ungetrübte Auge, für das wahrheitsliebende Urteil liegt das Gegenteil sonnenklar zu Tage. Wie von Anfang an bleibt auch heute der evangelischen Wahrheit Ruf, daß sie mit wahrer Gottesfurcht, die eins ist mit Gottesliebe, im engsten Bunde steht. Als Wegweiser zu dieser Gottesfurcht soll das neue Gotteshaus dienen. Alle Besucher desselben sollen auch daheim in ihren Familien, im ehelichen, elterlichen, kindlichen, oder geschwisterlichen Verhältnis ihr Haus in wahrem Geiste Gottes zu erbauen wissen. Mögen sie alle in herzlichster Eintracht, in schönem Frieden bei einander wohnen. Möge um diese Kirche sich eine Bevölkerung scharen, die den teuren Glauben der Völker getreu, im heiligen Geiste, im Festhalten an alter christlicher Sitte beharrt, im Gehorsam gegen alle staatliche Autorität und vor allem in herzlicher Königstreue sich bewährt. Möge dieses neue Gotteshaus wirken der Gemeinde zum Heil, der ganzen Stadt zum Segen, zur Förderung des Reiches Gottes und zur Ehre seines heiligen Namens! Mit Gottes Wort und Gebet ist dies Haus nun geweiht und mit seiner Kanzel, seinem Altar und Taufstein, seinen Gefäßen, Geräten, Orgel und Glocken in den Dienst Gottes und zur Ehre seiner heiligen Kirche gestellt. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, Amen."

Dem Gemeindegesang „Herr, Jesu Christ, dich zu uns wend’ " folgte die feierliche Liturgie von Archidiakonus Kirchhofer unter Assistenz des Diakonus Dr. Festner und des Diakonus Lic. Wendland. Nach einem Chorgesang aller Kirchenchöre unter Leitung des Musikdirektors Fleischer und dem Gemeindegesange „Ein feste Burg ist unser Gott" hielt Diakonus Nithack-Stahn die Weihepredigt, der er die Worte Offenbarung Johannes 1, Vers 8, zugrunde legte:

„Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, spricht der Herr, der da ist, und der da war, und der kommt, der Allmächtige".

„Das erste Wort auf dieser Kanzel habe er, dem wir das Haus gebaut haben, dem es nun übergeben ist. Und er meldet sich zum Worte, das große „Ich", vor dem alles Irdische verstummt. Mit Luthers deutscher Zunge redet er, aber der hier redet, ist nicht Luther. Er würde es sich verbeten haben, daß eine Kirche seinen Namen trage - es sei denn unter der Bedingung, daß nur der eine hier zu Worte kommt, der Luthers A und O gewesen, sein Anfang und sein Ende. Und nur dann wird dieser stolze und kühne Bau mehr sein als ein prunkvoller, leerer Raum, wenn ihn die Stimme dessen durchhallt, der ihn zu einem Gotteshause macht. - Denn wir Nachfolger Luthers sind nicht des Glaubens, daß eines Priesters Wort imstande ist, einen Ort zu weihen; wir, von Christus selbst gelehrt, meinen nicht, daß in einem Tempel, den Menschenhand erbaut, und sei er schön, daß er die Sinnen berauscht, Gott lieber wohne als in ärmlicher Kammer. Wir wissen, es haftet nicht an den Wänden, es liegt nicht auf dem Altare - auf uns liebe Gemeinde, auf uns kommt es an. Wir weihen oder wir entweihen. In uns kehrt Gott ein - oder er wohnt auch hier nicht. - Liebe Lutherkirchengemeinde, wie ziehen wir den ewigen Unsichtbaren herab in diese Mauern? Wie schließen wir ihn ein in diese Pforten? Wie bannen wir ihn an diese Stätte? oder - daß wir nicht gar zu menschlich reden - was sollen wir tun, daß wir Gott hier finden? daß eine arme Seele, die hierher kommt, nach Wahrheit suchend, hier Gottes inne werde? daß der Himmelssegen, der hier ausgeteilt wird, auch Segen sei? daß das Wort, das man hier predigt, von Gott herstamme? daß, wenn die Orgeltöne durchbrausen und die Lichter feierlich glühen, wenn tausendstimmiger Gesang an den hohen Gewölben sich bricht - daß dann alle fühlen: "Gott ist gegenwärtig?" Liebe Gemeinde, was tun wir, damit es also sei? Das ist die große Frage dieses Weihetages. Da weist uns der Name "Lutherkirche" den rechten Weg. Was der Mann wollte, dem wir dieses steinerne Denkmal errichten, das wollen auch wir. - - Sein A und sein O sei auch das unsere: Gott, der Herr. Er unser Anfang. - Ja, es ist ein altes Lied, das wir in dieser neuen, mit aller Kunst und Technik der Neuzeit erbauten Kirche singen werden. "Ein feste Burg ist unser Gott". - Auf ihn kommen wir immer wieder zurück. Auch an der Schwelle des 20. Jahrhunderts fangen wir von vorne an. Und das ist eben lutherische Art. Mit einem "Zurück" begann die "Reformation". - Aus dem verwachsenen Dickicht menschlicher Irrungen zurück den Weg, den wir gekommen, ins Lichte und Freie! Zurück zu den Ursprüngen unseres Glaubens! Aus dem bedrückenden Gewimmel menschlicher Autoritäten zurück zu der einen, die es in der Religion nur geben kann. Und also rückwärtsschreitend durch die Jahrtausende und emporsteigend zu den Quellen des Christentums fand Luther den wahren Christus wieder, entdeckte er von neuem den alten Gott und warf sich ihm in die Brust, dem Alleinen, der nur geglaubt sein will, indem man ihm sich völlig ergibt.- So war Luther ferne davon, etwas Neues, Niedagewesenes zu verkünden - noch viel ferner davon, nur das Veraltete niederreißen zu wollen - wie alle wahrhaft großen Menschen war er nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. -

Und in solchem Geiste, liebe Gemeinde, sammeln wir uns um diese Lutherkirche. Das erste Gotteshaus, das evangelischer Glaube in unserer Stadt sich errichtet - es rage über das bunte Gewirre neuzeitlichen Lebens hinaus als ein gewaltiges Mal, das weithin die stumme Mahnung trägt: Zurück zu Christus! Zurück zu seinem Gott und zu unserm Gott!

Ich denke, wir haben alle Ursache, diese Losung auszugeben. Wir täuschen uns nicht über die allgemeine Stimmung der Zeit. Wir wissen wohl, daß das Kirchenbauen in unsern Tagen zwar in Blüte steht und schöne Früchte der Kunst getragen hat, daß es aber noch kein Beweis ist für einen neuen Frühling des Christenglaubens. Wir sehen es voraus, auch an diesem herrlichen Bau werden Tausende, für die er bereitet ist, vorübergehen und die Achseln zucken: "Was soll uns das? wie überflüssig, eine neue Kirche"! Und andere, die hineingehen, werden ihre Augen sättigen an diesen Formen und Farben, und wenn sie das Sehenswürdige genossen, wieder hinausgehen. - Wir verhehlen es uns nicht: Gerade in diesem Stadtteil, wo der Rauch der Fabriken den hohen Turm umweht, wird der Ruf: "Zurück zu Christus"! vielfachen Widerspruch begegnen. Das Wort "Zurück" hat in den Ohren unserer Zeitgenossen einen üblen Klang.

"Eben das wollen wir nicht", wird man uns sagen. Vorwärts strebt der Menschengeist, fort schreitet die Entwickelung zu immer höheren Stufen der Erkenntnis. Eine "Lutherkirche" stellt ihr uns hin? - Ja, sagt ihr nicht selbst, daß Luther rückwärts trachtete zum Glauben des Altertums? Zurück zu Christus sollen wir? - Ja, er war gut und groß, aber er ist vergangen, wie alles menschliche seine Zeit hat. Zurück zu dem Gott der Bibel wollt ihr uns führen? - Nein, brauchte denn eine Religion, so predigt uns eine neue, dem neuen Geschlecht einen neuen Gott! -

Liebe Gemeinde, der Boden, auf dem unsere Kirche steht, hat eine merkwürdige Geschichte. Um diesen Felsen her baute man vor Jahren eine Ausstellung, die einen Triumph der Industrie und des Gewerbes unserer engeren Heimat bedeutete; hier breitete rastlose Kulturarbeit ihre Erzeugnisse aus, hier sauste die Maschine, die Beherrscherin der Neuzeit. - Und heute an derselben Stätte der mächtige Dom, der seine Mauern übereinander türmend am Ende sich zuspitzt und verläuft in ein Kreuz! - Ist das, vom Standpunkt der Menschheitsentwicklung gesehen, ein Fortschritt oder ein Rückschritt? Ich meine, es ist beides. Wir müssen einmal zurückkommen - es ist die höchste Zeit und die Zeichen mehren sich, daß es geschieht - mir müssen zurückkommen von der Zersplitterung in tausend einzelne Erkenntnisse und Wissenszweige, die dem heutigen Menschen so eigentümlich ist. Wir müssen wieder lernen, uns innerlich zu sammeln auf eine Gewißheit, die vor allem andern feststeht und in der Hoch und Niedrig, Gelehrte und Ungelehrte sich die Hände reichen. Wir müssen zurückkommen von der Überschätzung der sinnlichen Welt, in deren Erforschung und Ausnutzung wir es so herrlich weit gebracht haben. Wir müssen wieder suchen nach dem ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht, an dem auch wir die Ruhe der Seelen finden. Wir müssen zurückkommen von dem Hasten und Drängen nach Geld und Geldesmacht das alle Adern und Nerven auch dieser großen Stadt in unaufhörlicher Spannung hält. Wir müssen wieder lauschen auf die Stimme der Sehnsucht in uns, die nach etwas Höherem seufzt, nach wirklichem Glück, nach echtem Frieden. - Wir müssen zurück - zu Gott. - Zu welchem Gott? Nun, liebe Gemeinde, weiß jemand einen anderen, der göttlicher wäre als Gott, den Jesus aus Nazareth seinen Vater nannte? Weiß jemand einen, der sich ihm von ferne vergleichen ließe? der rede! Kann einer mit aller Anspannung menschlichen Begriffsvermögens, mit dem kühnsten Fluge der Einbildungskraft zu etwas Größerem empordringen als zu dem: "Also hat Gott die Welt geliebt"? - Darum müssen wir zurück zu Christus.- Ist das ein "Rückzug" - wohl, so rühmen wir uns dessen. Ein solcher Rückzug war auch die Reformation, die größte Geistestat der Geschichte im letzten Jahrtausend; denn wie alle entscheidenden Fortschritte der Menschheit war sie eine Vereinfachung, eine Zurückführung verworrener Gedanken auf einen einzigen. "Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, spricht Gott der Herr". Von ihm ist Luther ausgegangen, für ihn eröffnen wir diese Lutherkirche: Zurück zu Gott! - Und damit: Vorwärts in der Wahrheit! Denn, liebe Gemeinde, wir dürfen den großen und gefährlichen Irrtum nicht aufkommen lassen, als hätten wir dieses Gotteshaus auf Luther getauft, als sei er für uns Protestanten der unfehlbare Heilige, auf dessen Worte wir schwören, als sei die Reform der christlichen Kirche durch ihn für ewige Zeiten abgeschlossen und über ihn hinaus eine Fortentwickelung nicht mehr möglich. - Das hieße den Reformator schlecht verstehen. Das hieße das evangelische Christentum in den Kirchen begraben. - In diesen Lenzestagen zwischen Ostern und Pfingsten ziehen durch die Christenheit wie Frühlingsklänge jene prophetischen Worte Jesu: "Ich habe euch noch viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber der Geist kommen wird, den ich euch senden werde, der wird euch in aller Wahrheit leiten." - Es gibt keinen stärkeren Beweis dafür, daß in der Tat das Christentum auch nach Christo sich entwickelt hat, daß sein Geist Zeugungskraft gehabt auch nach Jahrhunderten, als Martin Luther. Er, ohne Zweifel ein Apostel, nicht geringer als die der Urzeit, die in des Meisters Spuren gingen; er, ein Prophet, wohl vergleichbar den Gott entstammten, von denen wir in den heiligen Schriften lesen; er auch ein Wundertäter, der Uebermenschliches möglich machte. - Und mit Luther wären die Offenbarungen Gottes im Menschengeiste plötzlich abgebrochen? und Jesus Christus wäre nun ein erschöpftes Thema? und über Gottes Wesen und Walten wäre nichts mehr zu sagen, als was gesagt worden ist? und die Formen und Formeln, in die man den persönlichen Glauben Luthers eingefaßt hat, seien die unverbrüchlichen Gesetze in denen sich das christliche Denken zu bewegen hätte in alle Ewigkeit? Und das sollten wir sagen - wir, in der Stadt Jakob Böhmes? - Nein, sondern wir sagen: Vorwärts in der Wahrheit! Das sei der zweite Wahlspruch unserer Lutherkirche, der verkörpere sich uns in den kühn und frei aufstrebenden Linien dieses eigen gedachten Baues! Was einst den Doktor von Wittenberg zum Reformator machte, das war nicht nur seine wundervolle Glaubensenergie, es war auch die Wissenschaft seiner Zeit, mit der er sich verbündete. Ohne Wissenschaft keine deutsche Bibel, keine Wiederherstellung des Urbildes der christlichen Religion. Und das heißt lutherisch deutsch allezeit: den Christusglauben verbinden und versöhnen mit der fortschreitenden Erkenntnis der Welt. Darin besteht die ewige Tugend des evangelischen Glaubens! - Fürchtet etwa einer für den Glauben? so hat er keinen. - Der seine Maiensonne aufgehen läßt und neues Leben blühe an tausend Zweigen und doch immer die alte Offenbarung seiner Schöpferkraft - er ist das A und das O, der Anfang und das Ende! Ja, auch das Ende. - Wohin in aller Welt sollten wir gelangen, wenn wir überhaupt vorwärtskommen, als zu ihm? Wir können nichts wider die Wahrheit, sondern nur für die Wahrheit. - Und die Lutherkirchenglocken läuten. Sie läuten von Jahrhundert zu Jahrhundert das alte, ewige Lied, wie es in Erz gegossen auf ihnen steht: "Ein feste Burg ist unser Gott," - "Mit unsrer Macht ist nichts getan," - "Das Wort sie sollen lassen stahn." - Und die Zeiten kommen und gehen - das Antlitz der Erde verwandelt sich; die Stadt, in der wir wohnen - wir würden sie nicht wiedererkennen. Anders sehen die Behausungen der Menschen aus, anders die Mittel des Verkehrs. Umgestaltet haben sich die staatlichen Ordnungen, die Formen der Gesellschaft. Dieses Steingefüge steht, fest wie der Granit, auf dem seine Fundamente ruhen; und noch immer hebt es das Kreuz zum Himmel empor. Und ich sehe sie daherwandeln, die späten Geschlechter der Menschen; anders ist ihre Tracht als die unsere. Anders ihre Sprachweise. Anders sind die Gedankengänge, die ihr Hirn durchkreuzen, Abkömmlinge einer Geschichte, von der wir nichts ahnen. Und sie steigen hinauf die Stufen zur alten Lutherkirche. Da steht noch immer über dem Portal das trotzige Wort von der festen Burg; und darüber das Monogramm, das Zeichen, in dem einst die Urkirche eine heidnische Welt besiegt. Und sie treten ein in die hohe Halle; da grüßt vom Tische des Herrn hernieder das Kreuz von Golgatha: "Zurück zu Christus! Zurück zu seinem Vater und zu unserm Vater! zu seinem Gott und zu unserm Gott!" - Hoch oben aber, wo die Gewölbe zusammenlaufen, den Himmel abbildend, der über alles sich spannt, umschwebt das Zentrum der Welt, den undarstellbaren Gott, der Reigen seliger Geister. Hinauf zu ihm, vorwärts in der Wahrheit! -

So wird man ihn anbeten auf diesem Berge durch unausdenkliche Zeiten - ihn, "der da war und der da ist und der da sein wird, der Allmächtige." Anbeten wird man ihn, wenn anders Christi Wort sich erfüllt, den ewig-persönlichen Geist, auf immer bessere geistigere Art - und doch dankbare Gott, der uns in Christus aufgegangen ist, der Luthers Burg gewesen. - Und wenn einmal auch diese Türme und Zinnen zerbrechen; wenn die Berge weichen und die Hügel hinfallen - er hat das erste Wort hier gehabt, er wird das letzte haben! - Liebe Kameraden! Noch einmal: Was tun wir, daß es also sei? Daß dieses vergängliche Menschenwerk würdig werde, ein Haus des Ewigen zu heißen? daß es nicht umsonst gebaut sei? - Füllen wir es mit einem evangelisch glaubenden Volke! Es sei eine Stätte, wo ursprüngliche Gottesoffenbarung höher gilt als Menschenlehre. Eine Hochburg sei es, wo man den heiligen Gral unseres Volkes, das Evangelium, hütet; ein Bollwerk gegen alle seine Verächter, die alten wie die neuen. - Von diesem Felsen sprudle die Quelle ungetrübten Christenglaubens hernieder in unsere Stadt. Hierher mögen pilgern die Mühseligen und Beladenen, Erquickung zu finden. Hierher lasse man die Kinder kommen, denen das Himmelreich versprochen ist. - Und wie diese eine Halle schrankenlos in mächtigem Ring den ganzen Raum umfaßt, so schließt sich hier eine Gemeinde zusammen, unzertrennt in der Liebe, eins vor Gott, eine allgemeine Priesterschaft, die sich hier geheimnisvoll begegnet mit dem, in dem wir leben und weben, der unser A und O ist, unser Anfang und Ende. So seis geschworen auf Luthers Bibel. Gott helfe es halten! - Amen! -"

Nachdem General-Superintendent Nehmiz die Schlußliturgie gehalten und den Segen über die Gemeinde gesprochen hatte, fand die herrliche Feier mit dem Gesange "Nun danket alle Gott" ihren Abschluß. An die Einweihungsfeier schloß sich nachmittags 2 Uhr im Saale der Ressource ein Festmahl, an welchem sich 92 Personen beteiligten.

In der kurzen Zeit von 2 1/2 Jahren wurde die Lutherkirche gebaut. Wahrlich, ein stolzer und wuchtiger Bau, der mit seinem 58 Meter hohen Turme das Stadtbild von Görlitz beherrscht. Die Zahl der Sitzplätze beträgt 1200. Ein Vermieten derselben, wie es in den anderen Kirchen bisher üblich war, findet auf Beschluß der evangelischen Gemeinde-Körperschaften vom 10. April 1901 in der Lutherkirche nicht statt. Nach dem Rechnungs-Manual der evangelischen Kirchenverwaltung wurden für den Bau der Lutherkirche vereinnahmt aus Ueberweisung der Allgemeinen Verwaltung 7.211,30 Mark, aus den Opferkästen 427,34 Mark, aus Abhebungen vom Sparbuch, bezw. Erlös verkaufter Wertpapiere 60.503,69 Mark, vom Kirchbau-Verein 56.206,52 Mark, Zuwendungen von Behörden etc. 14.310,- Mark, zum innern Ausbau, bezw. zur Schmückung gestiftet 17.945,65 Mark, Bau-Darlehn 200.000,- Mark, verschiedene Einnahmen 235,10 Mark, aus Zinsen 6.310,03 Mark, in Summa 363.151,83 Mark. Dagegen wurden verausgabt für Erdarbeiten 990,70 Mark, für Maurerarbeiten 110.818,09 Mark, für Steinmetzarbeiten 8.357,23 Mark, für Form- und Verblendsteine 37.970,03 Mark, für Zimmerarbeiten 11.903,33 Mark, für Eisenarbeiten 15.828,90 Mark, für Dachdeckerarbeiten 10.330,70 Mark, für Tischler- und Schlosserarbeiten 17.734,67 Mark, für Verglasungen 5.486,97 Mark, für Maler- und Anstreicharbeiten 12.864,50 Mark, insgemein 83.753,10 Mark, für nicht im Kostenanschlag ausgeführte Arbeiten etc. 40.991,98 Mark in Summa 362.718,03 Mark, so daß ein Ueberschuß von 433,80 Mark verblieb. Die Lutherkirche erhielt eine Mitteldruck-Dampfheizung, welche von der Firma Dormeyer & Lange-Berlin zum Preise von 7.337,75 Mark angelegt und eine elektrische Beleuchtungs-Anlage, welche von der Firma Siemens & Halske zum Preise von 6.586,30 Mark ausgeführt wurde. Die Glocken wurden von der Firma C. Friedrich Ullrich, Inhaber Franz Schilling in Apolda i. Th. gegossen. Zum Guß waren 3.200 Kilogramm Geschützbronze erforderlich, welche das Artillerie-Depot in Cüstrin zum Preise von 1,50 Mark pro Kilogramm lieferte. Die Glocken haben eine Stimmung in Des-Moll. Die Gesamtanlage für das Glockengeläut kostete 16.140,88 Mark. Die Glocken tragen folgende Inschriften:

  • Große Glocke: "Ein feste Burg ist unser Gott".
  • Mittelglocke: "Mit unsrer Macht ist nichts getan".
  • Kleine Glocke: "Das Wort sie sollen lassen stahn".

Den kompletten schmiedeeisernen Glockenstuhl, 4.927 Kilogramm schwer, lieferte die Firma Albinus & Lehmann in Görlitz, welche Firma auch die allgemeine Eisenkonstruktion für die ganze Kirche, die der Turmkonstruktion und die Emporenverankerung ausführte, so daß in ganzen 38.375,5 Kilogramm Eisen gebraucht wurden. Die Turmspitze besteht aus einem schmiedeeisernen Kreuz mit vier schmiedeeisernen Blättern und einem vergoldeten kupfernen Stern mit einem Gesamtgewicht von 725 Kilogramm.

Der Altar ist aus Terrakotten mit den Reliefs aus Kalkstein: das heilige Abendmahl, sowie Christus am Kreuze mit 2 sitzenden Engeln am Fuße desselben, die trauernde Christenheit symbolisierend, aufgemauert. Desgleichen sind die Kanzel und der Taufstein aus Terrakotten unter Verwendung der Formen des Altars hergestellt. Das Taufbecken besteht aus Bronze. Der Schalldeckel zur Kanzel aus Eichenholz und Gehängen, alles in einfacher Form gehalten, wurde von dem Tischlermeister Foerster in Görlitz geliefert. Im Altarraum hielten die vier Evangelisten Matthäus, Marcus, Lucas und St. Johannes Aufstellung. Sie sind aus Kalkstein vom Bildhauer  Haverkamp in Berlin für 3.150,- Mark gefertigt. Die Orgel wurde von Schlag & Söhne in Schweidnitz zum Preise von 14.732,- Mark bezogen; sie hat ein röhrenpneumatisches System mit 33 klingenden Stimmen. Die Turmuhr, acht Tage gehend, stündlich schlagend, kostete 1.474,79 Mark; sie wurde von dem Turmuhrmacher Richter in Berlin geliefert. Es wurden an Gehalt bezahlt für den Bauführer Lange 8.085,60 Mark, für Büro-Inventar, Porto, Telegramme, Frachten, Vervielfältigungen, Submissionskosten und Schreibhilfe 1.421,98 Mark, für Reisen und sonstige Kosten der Bauleitung 309,95 Mark, für Architekten-Honorar an die Firma Cornehls & Fritsche in Elberfeld 14.977,51 Mark, für Anlage der Terrasse 13.085,40 Mark, für gärtnerische Anlagen 15.734,95 Mark, für Anlage des Fahrweges 2.000,- Mark etc. An die Wandflächen der Vierungspfeiler zu beiden Seiten des Altars wurden vom Kirchenmaler Barg -Berlin in Graffitto-Malerei die Bilder "Lasset die Kindlein zu mir kommen" und "Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid" zum Preise von je 900,- Mark gemalt. Von besonderer Schönheit sind die Kirchenfenster, welche sämtlich von freundlichen Gebern aus der Gemeinde gestiftet wurden. Ueberhaupt war die Opferwilligkeit zur Ausschmückung der neuen Kirche groß und freudig. U.a. wurden folgende Stiftungen gemacht: Vom Görlitzer Lehrer-Gesangverein der Ertrag eines Konzertes in Höhe von 200 Mark, von den Kantor Lachmanischen Erben 50 Mark, von Fräulein Noricatis für die Kanzel 300 Mark, von Frau Stadtrat Löschbrand 40 Mark, von Max Opitz zum Taufsteinbecken 175 Mark, ungenannt für einen Hostienteller 20 Mark, von Frau Fabrikbesitzer Fünfstück 200 Mark, von Frau Roegner für den Altar 6.000 Mark, von Rentier Hugo Stiller 40 Mark, von Rentier Otto Lange für Portaloberlicht 60 Mark, von den Frauen des Lutherkirchen-Bezirksverein für den Taufstein 550 Mark, von Kommerzienrat Meißner und Frau Berta Krause für die Kanzel 1.800 Mark, von den evangelischen Lehrern und Lehrerinnen zu einer Orgelrosette 400 Mark, von Fabrikbesitzer Raupach zu dem Bilde ,,Kommet her zu mir" 900 Mark, von Pastor Mühle zu einer Hostienschachtel 50 Mark, von den Frauen Henriette Ringel und Julianne Neumann zu einem Kirchenfenster je 110 Mark, von den Frauen des Lutherkirchen-Bezirksvereins zu einem Altarbilde 934,30 Mark, von Marmorwaren-Fabrikant Scholz für eine Fenstergruppe 190 Mark, von Familie Hansbach 300 Mark, von der Görlitzer Tuchmacher-Innung für ein Querschiff- Fenster - Moses und das Gesetz - 1.150 Mark, von der Görlitzer Waggonfabrik 1.000 Mark, von Frau Jockisch 300 Mark, von Pastor em. Neumann zu einem kleinen bunten Fenster 25 Mark, von Frau Emmy Conti 200 Mark, von den Konfirmanden des Diakonus Nithack-Stahn zu einer Tauflampe 40 Mark, von Maurermeister Koritzky für eine Altarrose 440 Mark, von Fräulein v. Vogten zu einem Hostienteller 50 Mark, vom Lutherkirchen-Bezirksverein für ein Querschiff-Fenster - der Prophet Jeremias - 1.150 Mark, von Frau Martha Petasch und Richard Hoffmann zu einem Fenster je 25 Mark etc.

An der Lutherkirche amtierten folgende Geistliche:

Nithack-Stahn vom 6. Mai 1901 bis 1.Oktober 1906; er folgte dem ehrenvollen Rufe als Pfarrer an die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin;

Lic. Wendland vom 6. Mai 1901 bis 1. Oktober 1905; er übernahm eine Professur der Theologie in Basel;

Tietze vom 1.Oktober 1905 an;

Lic. Macholz vom 1.Januar 1907 bis 1.Oktober 1910; er übernahm die 2. Geistlichenstelle am Gemeindesaal des fünften Kirchenbezirks;

Steinmetz vom 1. Oktober 1910 bis 1. April 1914; er siedelte in seine Heimat über und übernahm die Pfarrstelle in Groden bei Cuxhaven.

Kindler vom 1. April 1914 an.

Sie alle wirkten mit großem Segen in der Lutherkirchen-Gemeinde.  Pastor Nithack-Stahn verabschiedete sich am 23. September 1906 in der Lutherkirche mit folgender Abschiedspredigt:

Philipper 1,27.

,,Wandelt nur würdig dem Evangelium Christi, auf daß, ob ich komme, und sehe euch, oder abwesend von euch höre, daß ihr steht in einem Geist und einer Seele und samt uns kämpfet für den Glauben des Evangeliums."

In der Welthauptstadt weilt der Apostel, dort im unruhigen Getriebe der Millionen die Botschaft des Friedens zu predigen. Aber seine Gedanken eilen weit über die Lande rückwärts in eine Stadt, die er auf Europas Boden zuerst besucht, zu seiner Erstlingsgemeinde, mit der ihn besondere Liebe verband. Ist es anmaßend, wenn ich aus diesem Briefe einen Ton herausgreife und darin einen leisen Anklang vernehme an das, was mich heute bewegt? Es ist gewiß richtig, daß ein Prediger nicht von sich selber sprechen soll, sondern von der großen Sache, die er vertritt. Aber wie sollte er sie vertreten, spräche er nicht aus sich selber, durchdrängte er nicht seine Predigt mit der eigenen Persönlichkeit? Und wie sollte ein großer Wendepunkt seines Lebens nicht in seinem Munde laut werden? Zehn Jahre habe ich dieser Gemeinde angehört von euch erwählt zu einem eurer Sprecher und Verwalter der heiligen unsichtbaren Güter, die wir haben. Zehn Jahre, was bedeuten sie am Ende im Leben einer großen Bürgerschaft, gar in der Geschichte einer evangelischen Volkskirche! Aber von dem Leben des Einzelnen sind sie ein großes Stück; vielleicht waren sie sein bestes, inhaltsschwerstes. Was haben wir nicht alles miteinander erlebt!

Es ist die Eigentümlichkeit unseres geistlichen Berufes, daß wir sehr intensiv leben. Unser inwendiger Mensch, Herz und Gemüt, wird fortwährend aufs härteste mitgenommen. Denn nicht das Alltagsleben führt uns mit den Menschen zusammen, immer sind es Höhe- und Tiefpunkte des Daseins, wo wir eintreten, wo wir mitfühlen sollen, trauern mit den Traurigen, uns freuen mit den Fröhlichen. Niemals handelt es sich bei uns um Kleinigkeiten, um gleichgültige Dinge, die man tun oder lassen, denken oder nicht denken mag - immer gehts um den ganzen Menschen, um seine innerste Seligkeit oder seine innerste Verdammnis.

Und selbst diejenigen, die von äußerer Not getrieben sich an uns wenden, appellieren gleichfalls an uns als an die Vertreter einer göttlichen Liebe.

Und stehen wir im Amtskleide vor euch, so ist immer Fest- und Feierstunde; es gilt immer die Seele in die höchsten Sphären zu heben, in denen sie atmen kann. So darf auch ich sagen im Rückblick auf dieses Jahrzehnt: ich habe gelebt. Mit euch gelebt. Es ist mir, als sähe ich einen großen Menschengarten vor mir, in dem ein Blühen und Welken war, ein Reifen und Abfallen, über dem bald die Sonne lachte, bald düstere Wolken ihre Schauer übersandten. An wieviel Särgen haben wir gestanden! Es waren mehr als ein und ein halbes Tausend. Aber mehr noch waren die Kinder, die wir in Gottes Namen willkommen geheißen haben am Taufstein, ebensoviele, die vom Altar ins Leben hinausgingen; und viele hundert Paare, für die wir Segen erbaten.

Es gibt wohl in diesem großen Bezirke bis hinaus zu den Grenzen der Stadt kein Haus, das ich nicht wenigstens einmal besucht und wo wir nicht von großen, ernsten Dingen gesprochen hätten. Und was man so erlebt hat, das vergißt sich nicht. Es kann wohl im Bewußtsein zurücktreten, von neuen Eindrücken scheinbar verdrängt werden - aber es bleibt aufbewahrt in der dunklen Tiefe der Seele und baut mit an ihrem geheimnisvollen Wesen.

Aber, liebe Freunde, nicht was wir erleben, in das Entscheidende, sondern was aus dem Erlebten wir für uns gewonnen haben.

Ich habe kürzlich den Versuch gemacht, in dichterischer Form die Gedanken zum Ausdruck zu bringen, daß jeder Mensch dem Anderen ein ,,Mittler" sein solle, ihm etwas von dem Höchsten vermitteln, das wir glaubend, fühlend zu erfassen vermögen. Wohl ist uns Christen Jesus ,,der" Mittler in einzigartigem Sinne; wir kennen keine Persönlichkeit, die uns so wie er ein Medium ewiger Güter wäre.

Aber in schwächerem Maße können auch wir es sein, kann auch durch uns, das große heilige Licht des Gottes, der die Liebe ist, hindurchleuchten. Ein jeder soll dem anderen ein Beweis des Daseins Gottes sein. Bin ich es euch gewesen, meine Freunde? Wart ihr es mir? Und wäre ich es einem nur gewesen, einem unter den Tausenden, diese zehn Jahre wären nicht verloren. Jedoch, meine Freunde, das würde doch nicht genügen, daß unter uns da und dort einer ist, dem die Wahrheit des Evangeliums aufgegangen. Sondern das war meine Absicht mit euch, als ich dieses Amt übernahm, daß wir eine rechte evangelische Gemeinde bildeten. Darum laßt mich noch einmal den Ton anschlagen, für den ich in eure Seele einen Widerhall gesucht habe, solange ich unter euch war: ,,Wandelt würdig dem Evangelium Christi, so daß ihr in einem Geiste steht und in einer Seele und samt uns kämpfet für den Glauben des Evangeliums!".                                Als ich hierher kam, ein Neuling im geistlichen Amte, wenn auch als Sohn eines Pfarrhauses von Jugend an mit dessen Geist vertraut, da hatte ich zunächst den Eindruck, daß dieser Stadtteil, in dem zu wirken ich berufen worden, gar keine ,,evangelische Gemeinde" war. Oder kann man eine Ansammlung von Häusern, bewohnt von 10.000 Menschen, die anscheinend nur durch gemeinsame materielle Bedürfnisse, durch Handel und Wandel durch den Nutzen, den sie voneinander ziehen, zusammengehalten werden - kann man die eine ,,evangelische Gemeinde" nennen? Ja eine "Gemeinde" wohl, denn sie ordnen sich gemeinsamen Gesetzes des Lebens unter, und wie ein Straßennetz sie alle umschließt, wie aus einer Quelle Wasser und Licht in alle Häuser fließt, so bilden sie eine gewisse Einheit - aber ,,evangelisch"?

In einer viel kleineren Stadt ausgewachsen, hatte ich dieses Fehlen eines religiösen Zusammenhanges noch nie so tief empfunden.

Zwar, es sammelten sich sonntäglich im kleinen Saale da drüben an 200 Menschen zum Gottesdienste - war diese Zuhörerschaft, in der bald immer wieder dieselben Gesichter erschienen - war dieser kleine Verein, der schweigend kam und, schweigend auseinanderging - war er die ,,Gemeinde"? Oder waren es die Häuflein von Befreundeten und Verwandten, die einem Toten das letzte Geleit gaben oder eine Hochzeitsfeier am Altar begingen? Oder die Kinderscharen, die zum kirchlichen Unterrichte kamen, so wie Kinder zur Schule gehen, aus befohlener Pflicht?

Es wird mir unvergeßlich sein, wie ich in dem neuesten Stadtbezirk draußen die ersten Besuche machte und an jeder Tür wie ein Fremdling empfangen ward, und wenn ich mich bekannt machte, zwar freundlich begrüßt wurde, aber doch wie einer, von dem man nicht recht weiß, was er eigentlich will. - Es ist seither vieles anders geworden, und gerade die letzten Tage haben mir die freundlichsten Beweise davon gegeben. Indessen, daß wir uns nicht täuschen, meine Freunde: ist das Wohlwollen, das ein Geistlicher für seine Person in weiteren Kreisen genießt, auch ein Beweis dafür: hier lebt eine wahrhafte evangelische Gemeinde? Ist es nicht vielmehr eine alte Gefahr unserer Kirche, daß man denkt: der Pastor ist die Gemeinde? laßt ihn nur machen! er ist ja dazu da, den Glauben zu pflegen! Von seinem Einfluß, seiner Wirksamkeit hängt das religiöse Leben ab! Wir andern haben andere Berufe und keine Zeit und weniger Begabung dafür! Ja, wo bleibt da die Grundbedingung alles christlichen Gemeindelebens: daß jeder dem andern ein Mittler ist?

Warum wir auch heute noch keine rechte evangelische Gemeinde sind - liebe Freunde, ich habe oft darüber nachgedacht und kann es nicht besser sagen, als es Paulus hier getan: wir sollten in einem Geiste zusammenstehen. Liebe Freunde, was mir beim Eintritt in diese Stadt vor allem auffiel, war die ungemeine Zersplitterung derer, die hier evangelisch sein wollen. Da stand eine Kapelle derer, die sich "apostolisch" nannten, und dort ein Betsaal der "Gläubig Getauften", und da zeigten sich "Reformierte" und "Alt-Lutherische" an, "Methodisten" und "Adventisten", und manchesmal hörte ich einen evangelischen Mann sagen: "Ich halte mich zu den Freireligiösen. Ich bin zwar nicht Mitglied dieser Gemeinde, der Umstände halber, die das macht, oder meiner Frau und Kinder wegen; aber mir gefällt es dort am besten". Liebe Freunde, diese Zerfahrenheit des religiösen Lebens hat mich an sich nicht überrascht. Ein Theologe kennt das alles aus der Geschichte; er weiß, was diese Sondergemeinschaften entstehen ließ, und was sie wollten. Er kann sich diese Vielfarbigkeit evangelischen Glaubens erklären. Und ich habe an dieser Stätte schon mehr als einmal bekannt, daß ich sie nicht für ein reines Unglück halte. Diese Arten des Glaubens werden in der Luft evangelischer Freiheit immer erwachsen, so lange lebendige Menschen an das Evangelium glauben.

Aber was nicht zu sein brauchte, und was mich hier betroffen machte, ist die völlige Verständnislosigkeit, mit der sich diese Sondergemeinden gegenüberstehen. Wer empfindet es da noch, daß wir doch eines Geistes Kinder sind, daß wir wenigstens alle die Züge Jesu Christi tragen wollen?

Und wir haben wahrlich Grund gegen gemeinsame Widersacher, die jeden christlichen Gottesglauben bestreiten, zusammenzustehen. - Von dem Widerstreit theologischer Meinungen ist unsre Görlitzer Gemeinde - wir dürfen sagen zu ihrem Glücke noch wenig berührt worden. Man stellt hier im allgemeinen nicht die Frage voran: Wie denkt der Geistliche über dies und das? oder gar: welcher Partei rechnet er sich zu? sondern: was für ein Mensch ist er? Und wir unsrerseits haben uns bemüht, der Gemeinde den Tatbeweis zu geben, daß man zwar das Gold des alten Evangeliums in verschiedener Weise ausprägen, ja, über die Richtigkeit der oder jener Form sehr ernsthaft und ehrlich streiten, und dabei doch im tiefsten Grunde eines Geistes sein kann. Aber dringlicher noch als die religiöse Zerfahrenheit heutiger Zeit beschäftigte mich die Jahre hindurch eine andere. Liebe Freunde, ich bin mit großen Plänen im Kopf hierhergekommen. In einer Stadt von Bergleuten aufgewachsen, hatte mich frühzeitig die soziale Frage ergriffen, die mit uns neben der religiösen unser Geschlecht vor allem beherrschende Frage: ist die Gesellschaftsordnung, in der wir leben, gerecht im menschlichen und göttlichen Sinne? Oder hat nicht vornehmlich der Arbeiterstand Anspruch auf einen größeren Anteil am Vermögen des Vaters, am Ertrage seiner Arbeit? Ich habe diese Frage von Herzen bejaht und tue es heute noch. Und als ich den mir zugewiesenen Bezirk zuerst durchwanderte, als ich diese menschenerfüllten Häuserreihen mit den kleinen Wohnungen sah, die da an den Fabriken mit den rauchenden Schornsteinen sich drängten, da habe ich es mir gelobt, daß ich den Versuch machen wollte, denen die Hand zu reichen, die im rauhen Kampfe ums Dasein den Glauben an den Gott der Liebe verloren und ihre Seelen von der christlichen Kirche gelöst haben. Ich wollte sie überzeugen, daß man ein aufstrebender Mann ihres Standes und doch ein Christ sein kann. Es ist mir nicht vergönnt gewesen, diese Erkenntnis, wie ich geträumt, Tausenden einzupflanzen. Abweisungen fand ich auf beiden Seiten unter denen, die sich im Gegensatze des wirtschaftlichen Kampfes fühlen. Ungerechtes Urteil hüben und drüben.

Mit wenigen Ausnahmen - Söhne eines Volkes - ja, mehr als das: Glieder einer christlichen Gemeinde - sie verstanden einander nicht. Und auch der Geistliche wurde mit Mißtrauen empfangen, hier als ein verkappter Diener der besitzenden Klassen, dort als ein unklarer Schwärmer für gefährliche Ideen. Es war zu kühn gehofft. Dennoch, liebe Freunde, ich müßte verzweifeln an der Zukunft des Christentums, wollte ich diese Hoffnung als eine Illusion begraben, sie nicht euch zurücklassen als Bitte und Mahnung: ihr Christen aller Stände, ob ihr geistig oder materiell auf den Höhen des Daseins lebt, oder in den Tiefen euch müht! es gibt etwas Gemeinsames zwischen euch! das, was alle bindet, die Menschenseele in der Brust tragen:

Ein Geist lebt in uns allen, eines Gottes Hauch, zu dem wir als Kinder unsre Seelen sehnsüchtig strecken: Stehet zusammen in einem Geiste und in einer Seele!

Und Hunderte, vielleicht Tausende in unserer Gemeinde antworten mir: Aber wenn wir nun keinen Glauben mehr haben? Ja, liebe Freunde, da heißt es eben: Kämpfet für den Glauben des Evangeliums! Zunächst einmal: Kämpfet daß ihr ihn habt! Liebe Freunde, insbesondere ihr, die ihr euch oft mit mir zum Gottesdienste vereint habt, ihr hattet wohl im allgemeinen den Eindruck von mir, daß ich euch das Christentum nicht vor Augen stelle wie eine Sache, die verteidigt werden muß. Und wahrlich, es schien mir immer die Hauptaufgabe des Predigers in unseren Tagen, das zu tun. Mögen andere einen andern Ton anschlagen, der dem schlicht-frommen Gemüte, das nie von Zweifeln angefochten wurde, inniger eingeht - wohl denen, die sich auf diesen Ton vergehen! ich konnte nicht anders, als auf die Stimmen zu hören, die laut und immer lauter die christliche Kirche umtönen, wie die brandenden Wellen gegen eine Insel schlagen, die Stimmen der Anfechtung alles Jenseitsglaubens, die sich als Stimmen der Wissenschaft, der Bildung und der Vernunft, ja einer Religion der Zukunft ausgeben.

Denen zu antworten, schien mir unabweisbare Pflicht. Ihre Gründe zu prüfen, sie nicht mit schroffem Nein zurückweisen, aber zu zeigen, daß unser Glaube sie nicht zu fürchten habe, daß er einen Einsatz von sittlicher Kraft, von geistiger Erhabenheit, von Trost und Seligkeit, den jene nicht haben. Nennt einer diese Weise unerbaulich - nun denn - was heißt "erbauen", als ein Werk errichten, das Stand hält und Obdach bietet, wo Stein auf Stein sicher gefugt ist! - Und Kampf werdet ihr, meine Freunde, bisweilen noch in einem andern Sinne aus meinen Worten herausgehört haben, den Kampf, den mich der Glaube selbst gekostet hat. Vielleicht ist das der tiefste Grund dafür, daß ich in Gedanken immer solche Menschen vor mir habe und zu solchen rede, denen es schwer fällt, Glauben zu haben, denen das "Aber" im Herzen nicht ersterben will. Und ob ihr nicht hie und da, meine Freunde, etwas davon spürtet, daß dieser Kampf in eurem Prediger noch nicht völlig beschlossen ist? Ja, spricht da wohl einer, bist du noch nicht weiter in der Erkenntnis, bist du noch nicht fertig mit der Wahrheit, wie wagst du ein Prediger zu sein? Ich aber tröste mich mit dem großen Paulus, der in diesem selben Briefe schrieb, er, ein alter Mann am Ende seines gewaltigen Lebens: "Nicht, daß ich es schon ergriffen hätte oder schon vollkommen sei. Ich jage ihm aber nach, ob ich´s auch ergreifen möchte, nachdem ich von Jesus Christus ergriffen bin." Du aber, liebe Lutherkirchengemeinde in Görlitz, laß uns verbunden bleiben. Waren wir´s überhaupt einmal, so wie ein Christ die innere Verbundenheit versteht, dann bleiben wir´s auch. Wenn wir´s nicht, so helfen uns auch die schönsten dankenswerten Abschiedsfeiern mit allen Bezeugungen der Freundschaft und Güte nichts. So find wir Menschen, die ein Zufall zusammenführte und ein Schicksal trennte. Aber ich weiß es von vielen: wir waren verbunden! Und so laßt uns weiter zusammenstehen - was ist da Zeit und Raum! - in einem Geiste und in einer Seele, und kämpfen, kämpfen um Gott, bis wir zum ewigen Frieden kommen. - Amen."

Zu Ehren des scheidenden Pastors fand im Saale des Hotels "Stadt Dresden" unter zahlreicher Beteiligung seiner Verehrer, Gönner und Freunde ein Abschiedsessen statt, bei welchem ihm am Schluß von dem Lehrer Emil Barber folgende Abschiedsgrüße in schlesischer Mundart zugerufen wurden:

 

A paar Varschel zum Abschiedsgruße oa Harrn Paster Nithack-Stahn, wie a, daß a vu Görltz no Barlin ging von E. Barber:

 

Bir henn mit unsen Ferrn kee Glücke –

Doas gieht, ols wie enn Taubenhaus:

Kaum honn merr a geliehrtes Stücke,

Doh angeln se´s uns wieder raus.

Doh luckt de Schweiz, doh winkt Gruß -Brassel,

Doh kimmt uffs Letzte goar Barlin -

Nu trink ber wieder´sch Obschiedsfassel;

Denn oh derr Nithak wiel nu giehn.

 

A koam zu uns mit tausend Freden,

Weil ha und kunnt ei Neiß-Athen

De Schofe und de Lämmer weden,

Und wie ha´s machte, so woarsch scheen.

Kee Kirchl hoat de Stoadt enn Süden –

De Frooenkirche langt ne aus –

"An Tanzsoal har! Ihch bie´s zufrieden!"

Und anne Kirche macht a draus.

 

Nn wullten se a Denkmol richten

N grißten Moan ei inser Stoadt,

Dann Biehme - nu, doh hieß es: dichten

War Zoig und Lust zum Dichten hoat,

Derr Nithack, unser Harbargsvoater –

Wie schiene haot a´s ausfinniert,

Und feine honn merr enn Theater

Senn Jakob Biehme uhfgefiehrt.

 

A hoot no ufte ei derr Stille

Moich gudes Bichel ausgeheckt –

A hoot verr ollen seine Brille

Tief ei doas Bibelbuch gesteckt.

Wie ha koan kennen hinne lasen

Und woas a rei- nnd rausstudiert,

Doas hoot fu a besundres Wasen, -

Su hoots no kenner uns geliehrt.

 

Se is ne lang de Sunntagsbrädigt –

A druckst ne lange im a Schluß,

Do wie a su senn Text derledigt,

Doas ihs jedsmol a Huchgenuhß

Doh schliäft kee Weibsen ei a Bänken,

Doh guckt oh kes enn Kirchl rim –

A zwingt se olle, mitzudenken

Und krämpelt uns de Seelen im.

 

Sei Kirchl uffn Drachenhiebel

Moich liebsmol sahg a´s rommelvuhl –

Und Lutter mit der Eisenbibel,

Dar friäte sich, woas mennt err wull!

Doas Kirchel und n Refermater,

A hoot se beede eigeweiht –

Nu stiehn se fest ei Sturm und Water

Und priädchen ferr de Ewigkeit.

 

Ock Nithack gieht - ja wenn a stille

Und ne a sitter Streiter wiär!

Nee, riäden muhß a - ´s is Goots Wille,

Dar hoot no gruhßes mitn vier.

Ferr Neich und Kaiser soal a baten

Und ohne Menschenfurcht und Scheu

De Wohrheet uid doas Raicht vertraten

Und unsers Harrgoots Meenung soin.

 

Nu luß berr´n giehn -! Wie ha aus Nurden

Vu Putsdomm koam, doh woar a jung.

Nu is a bei uns Moan gewurden

Und ferr de Hauptstoadt gutt genung.

Bei uns verschankt ha´s heeße Harze,

Drim hoot a uns und Görltz su lieb,

Nu dank berr Goot enn Obschiedsschmarze,

Doaß ha so lange bei uns blieb.

 

Du wirscht ju unser Nithack bleiben

Bei Kaisersch hunden ei Barlin,

Wirscht wull no moiches Bichel schreiben,

Woas oh de Görltzer gutt verstiehn.

Nu sä´ du treu enn Märkschen Sande

Ols wie bei uns de Himmelsfoot –

Und is derr mol no Menschen bande,

Doh denk oa nns! - Behütt diech Goot!

 

Lehrer Barber widmete auch dem Pastor Lie. Wendland bei seinem am 1. Oktober 1910 erfolgten Weggange von Görlitz einen Abschiedsgruß:

Behüte Diech Goot!

Abschiedsgruß an Pastor Wendland bei seinem Scheiden von Görlitz von E. Barber:

 

Du koamst aus weiter Farne

Ei unsen lieben Art –

Mer honn Diech olle garne –

Nu willst De wieder furt.

 

Du koamst zu uns aus Sachsen

Wu Lutter prädchn toat

Und host Diech festgewachsen

Ei inser Neißestoadt.

 

Doh host De nu fünf Joahre

De Schoofe treu geführt

Ferr unse Lutterkirche

Doh woarscht De designiert.

 

Huhch stieht se uffn Felsen –

Zengstrim herrscht Puesie –

´s is reene Dichterkirchel –

A schinnersch gibbts ne mieh.

 

Su dämmrich is doch hinne –

A sonftes, stilles Licht

Scheint durch de bunten Fanster

Und stiert´ D´ch benn Prädchn nicht.

 

De Urgel tutt derr klingen

Su duse wie se koan –

Vum Chure dhun se singen

Und schiene hiert sichs oan.

 

De Glocken hiert ma läuten

Enn ganzen Statel rim –

Merr gußen Dir zuliebe

De Mittelglocke im.

 

Su hudden merr Dir extra

Dei Kirchl rausgeputzt –

Dei Noame goar stieht hinne –

´s hoot olles nischt genutzt.

 

Hie host De, wie Dei Voater

De Heiden gutt gepflegt,

Host mit dann innern Heiden

Monch liebsmol rimgeeggt,

 

´n Lutterkirch-Vereine,

Dann hoste präsidiert,

De ganze Kirchgemeene,

Se hoot Diech ästemiert.

 

Nu goab a Weib, a braves,

Derr Harrgoot Dir enn Orm

Doas hält Derr Leib und Harze

Und oh de Suppe worm.

 

Zwee Mädel ei de Windeln

Hoot Euch derr Sturch geliät

Und Ees - a Sunntagskindel –

Wie host De Diech gefriätl

 

Doch wiär wull moicher denken:

"Mei Harrgoot, hoa du Dank!

Nu bie ihch ganz zufrieden

Mei ganzes Laben lang!"

 

Nu wiel ihch meinen Lämmern

A treuer Hirte sein

Und guden Soamen streuen –

Harr, gib´n Saigen drein!

 

Woas kimmert miech derr Zeiten

Und Geister Widerstreit!

Ihch hoa ols Friedensbote

Zum Kompfe keene Zeit.

 

Und ginnt mei Omt merr Muße

Doh hoa´ch am trauten Herd

Enn Kreese menner Lieben

Menn Himmel uff derr Erd!

 

Su dien´ ihch treu menn Harrgoott

Und bau sei Reich und Haus –

Und wenn, und ´s is Goots Wille,

Doh troit miech stille naus.

 

Und uff menn Leichensteene,

Doh groabt die Wurte ein:

"Hier ging ein frommer Hirte

Zu Gottes Frieden ein! -"

 

Su wird jn moicher denken –

Ock anderscher denkst Du –

Ei Dir steckt Geift vu Luttern,

Dar läßt Dir keene Ruh,

 

Dar Moan, dar mit derr Bibel

Wie Erz und Eisen stieht,

Dar sitzt mit Dir en Stiebel

Und singt sei Glaubenslied.

 

Dar liehrt ei stillen Nächten,

Wenn friedlich schliäft Dei Weib,

Diech mit derr Fader fechten:

"Schreib, Bruder Wendland, schreib!"

 

Su miß´ berr Diech verlieren –

Doas fällt uns ollen schwer –

Doas kimmt vu Denn Studieren

Und Bicherschreiben her.

 

Du aber kannst ne andersch:

Dei Harze ei derr Brust,

Derr Lutter und Dei Harrgoot

Und Olles schreit: "Du mußt!"

 

Diech zoig´s vum Drachenberge

Nuff ei de Olpenluft –

Mir dürfen Diech ne halen,

Wenn Diech der Harrgoot rufft.

 

Nu gieh! Gieh ei Goots Noamen!

Foahr uff die Höhe naus

Und wirf Denn Fischerhoamen

Wie Simon Petrus aus!

 

Greif zu mit festem Griffe

Oh dirt enn Schweizerland

Und füll de Heilands-Schiffe

Bis haben oan a Rand!

 

Mag oh vu hichster Kanzel

Dei Wurt de Walt durchziehn - :

Du bleibst enn Lutterkirchl

Ei unsen Harzen stiehn!

 

Und wenn zu huchen Ihren

Derr Harr geführt Diech hoot –

Uns wirscht de nich verlieren! –

Und nu - behütt Diech Goot!

 

Pastor Steinmetz verabschiedete sich am 22. März 1914 mit folgender Abschiedspredigt:

1. Kor. 16 v. 13-14.

"Wachet, stehet im Glauben, seid männlich und seid stark! Alle Eure Dinge lasset in der Liebe geschehen!"

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei mit uns Allen. Amen.

Liebe Gemeinde! Wenn man Abschied nimmt, so spricht man noch einmal seine Wünsche aus. Darf auch ich heute ein gleiches tun? Wenn ich von der evangelischen Gemeinde Görlitz und insbesondere dem Lutherkirchen-Bezirk scheide, so werden meine Wünsche eben dieser Gemeinde und diesem Bezirk gelten müssen. So laßt mich denn heute unter diesem Gesichtspunkt zu Euch sprechen von der evangelischen Gemeinde und zwar

 

  1. von dem Evangelischen in unserem Glaubensleben,
  2. von der Gemeinde,

III.         von dem Lutherkirchen-Bezirk.

 

I.

Liebe Gemeinde, wollte man das spezifisch Evangelische unseres Glaubens in einem einzigen Gebot zum Ausdruck bringen, so könnte man wohl mit Fug dies Wort wählen: "Wachet, stehet im Glauben, seid männlich und seid stark!" Es ist jedermann verständlich, ganz schlicht, aber zugleich tief, dazu von wuchtiger Größe und ganz persönlichem Klang. Das ist die besondere Eigenart des Christentums, die unser Stolz ist. Der Geist des Evangeliums atmet darin; das Heldenhafte des Lebens Jesu tritt uns daraus entgegen und die Geschichte unserer evangelischen Kirche wurzelt darin, vor allem in ihrem Anfang, der in unserem Reformator Luther verkörpert ist. Auf ihn greifen wir unwillkürlich immer wieder zurück, wenn wir das echt Evangelische betonen wollen. Seit Paulus starb, hat auf Keinen mehr so gut wie auf ihn das Wort gepaßt: "Wachet, stehet im Glauben, seid männlich und seid stark!"

Draußen vor unserer Kirche steht sein Standbild, einsam und unbeweglich. Wenn das Marktgetriebe zu seinen Füßen lebendig wird, wenn die Kirchenbesucher es von beiden Seiten umfluten, es hat immer das gleiche Aussehen. Die Sonne sieht es nicht anders als Sturm oder Regen. Es ist ein Bild aus Erz gegossen, wie er selber ein Mann war, "gegossen aus Erz". Es erinnert uns immer wieder an die große Entscheidungsstunde im Beginne der evangelischen Kirche, an den 18. April 1521. Wo er dort in Worms stand, einsam, allein vor den Mächtigen der Erde. Wo er stand und rief: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir!" In schlichtem Mönchsgewand trat er vor die Großen und Reichen, so die Größe der Stunde noch ergreifender und wirkungsvoller hervorhebend, gleich der evangelischen Kirche, die auch in schlichtem und viel bescholtenem Gewande vor und unter dem Volke steht.

Wir versuchen einen Augenblick zu lesen, was in ihm vorging und ihn zum ersten Evangelischen machte und was noch immer unsere beste Art ist. Würden wir falsch vermuten, wenn wir da als erstes ein starkes Verwundern in ihm annehmen? Ich glaube nicht! Aus einfachem Bergmannshause kam er her. Eine harte Jugend lag hinter ihm. Träumerisch, ja grüblerisch veranlagt, war er viel und gern allein gewesen. Auf eine hohe, juristische Laufbahn verzichtete er freiwillig. Alle seine großen Lebensentscheidungen gingen in seinem Inneren vor sich. Nichts anderes wollte er in seiner Jugend und im angehenden Mannesalter, als für sich einen gnädigen Gott finden. Aber dann war es so gekommen, daß er ein Oberer unter seinen Mönchsbrüdern wurde, daß er mit dem Papst persönlich in Rom verhandeln, daß er gegen Unsitten innerhalb der Kirche auftreten mußte. Und nun gar sahen auf ihn, den einen Mann, der Kaiser und des Papstes Gesandter und das ganze deutsche Volk. Schritt für Schritt war er vorwärts geführt worden, ohne seinen Willen, ja eigentlich gegen seinen Willen, und nun erklingt es in seiner Seele: Was will das werden?

Ich meine, solches Verwundern wird auch in uns sein, wenigstens wenn wir mit offenen Sinnen und offenen Herzens durchs Leben gehen! Freilich, nicht so groß ist unser Leben wie das Luthers, aber wunderbar ist es auch über alle Maßen! Geheimnisvoll, von Stufe zu Stufe, von Jahr zu Jahr leitet uns ein höherer Wille: durch Enttäuschungen und Erfolge, durch Glück und Leid hindurch. Hast du die Geduld, zu warten und zu suchen, so findest du immer in deinem Leben die Spuren jener leitenden Macht. Verwundert schaust du zurück, verwundert vorwärts! Was will das noch werden, was hat Gott noch mit mir vor? Es ist ein schwaches Abbild jenes stärksten Verwunderns, das im Garten Gethsemane durch Jesu Seele ging, als er fragte: Vater, was ist dein Wille? Wohin führst du mich?

Doch dies innerliche Verwundern wird nie ganz ohne Erschrecken und Grauen sein und dies wird um so stärker sein, je tiefer und reicher die Seele des Menschen ist. Denken wir wieder an den Reformator! Groß und immer größer steigt vor ihm die Verantwortung auf. Er soll Gottes Sache vertreten, er allein? Und einen Augenblick schrickt er zurück, läßt sich einen Tag Bedenkzeit geben. Freunde kamen und boten ihren Rat an, Feinde kamen und drohten an jenem Tage; er wies sie alle von sich. Allein mußte er sein, allein mit Gott. In ringendem Gebet bewältigte er die Not in sich selbst, erstarkte sein Glaube und erstand der Held der evangelischen Kirche. Eins mit Gott, war das nicht schon Jesu Kraft und Größe? Es ward auch Luthers Haß, sodaß er am folgenden entscheidenden Tage sprechen konnte: "Ich kann nicht anders, Gott helfe mir!", ich kann, ich darf, ich will nicht anders! Gott zwingt mich, mein Gewissen brennt in mir. Soll ich mich selbst aufgeben? Soll ich ein Verräter sein? Gott und ich stehen zusammen. Kommt heran denn und streitet dagegen!

Damit hat Luther Recht und Pflicht auch für uns festgelegt. Auch in unserem kleineren Leben kommen diese Entscheidungen: gegen andere Menschen, gegen Behörden, gegen Versuchungen, gegen Unwahrheit und Ungerechtigkeit, gegen das bittere Leid, die einsame Trauer und in manch anderem Stück. Aber auch Du, evangelischer Christ, darfst und sollst noch sprechen: "Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?" Sagt Dein Gewissen Dir, daß Du mit Gott gehst, so bist Du unüberwindlich. Und Du hast die Erlaubnis, ja die Aufgabe, ganz unmittelbar an Gott hinanzudringen, in sein Auge zu schauen, mit ihm alles zu bereden. In der Not sollst Du ihn bitten, in der Freude ihm danken, wider alle Unwahrheit mit ihm streiten! Der Zwang des Papsttums ist vorüber. Kein anderer darf nun zwischen Dich und Gott treten als allein Christus. Recht und Pflicht der freien, nur in Gott gebundenen Persönlichkeit ist die von Luther für immer deutlich gemacht. Sein "Ich kann nicht anders!" darf nicht wieder verhallen. Es ist der große Schatz, welcher der evangelischen Kirche anvertraut ist. Mit demselben würde sie sich selbst aufgeben. So "wachet denn, stehet im Glauben, seid männlich und seid stark!"

 

Il.

Dann aber, liebe Gemeinde, wollen wir auch die zweite Bitte des Paulus nicht vergessen: "Alle Eure Dinge lasset in der Liebe geschehen!" Das will uns daran gemahnen, daß wir nicht allein da sind. Andere stehen neben uns. Willst Du ganz Deines Gottes Eigentum und Kind sein, so darfst und kannst Du es doch niemals nur für Deine Person!

Wir haben Luther falsch verstanden, wenn wir meinen, er habe den Christen die schrankenlose Freiheit gepredigt. Mit nichten! Der persönlichen Freiheit, dem Recht auf Persönlichkeit, auf ganz eigenen Glauben steht die stärkste Gebundenheit gegenüber, die an Gott und die Nächsten, denen wir willig dienen müssen. Freiheit ist die Kunst, den selbst gegebenen Gesetzen zu folgen, nicht aber die Unart, nach niemanden zu fragen! Wollten wir nur für uns unseren Glauben haben, darin nicht nach Gott und Menschen fragen, so würde aus der Freiheit zum Glauben bald die Freiheit zum Unglauben geworden sein, wie wir es tausendfach um uns herum erleben. Wir sehen doch, wohin unser Geschlecht zu treiben in Gefahr ist; dem inneren Nichts, der öden Glaubenslosigkeit der schalen Sucht, sich auszuleben, entgegen. Warum? Weil wir nicht die Selbstzucht aufbringen, uns zu binden an Gott und eine Sache, die größer ist als unsere kleine Person, an Gottes Reich; jene Selbstzucht, die Jesus in so vorbildlichem Maße geübt hat! Religion ist immer auch Gemeinschaftssache und wie die Dinge liegen, können wir Glauben nur innerhalb einer Gemeinde haben.

Verschmähst Du es, in einer solchen zu leben, d.h. mit ihr zu glauben und für sie zu arbeiten, so gleichst Du der Kohle, die man glühend herausnimmt aus dem Feuer. Man erwartet vielleicht, daß sie auch für sich allein weiterglühe. Aber sie wird in der Vereinsamung erkalten und überraschend schnell verlöschen.

Wir gebrauchen die Gemeinde, aber nun braucht auch die Gemeinde uns! Sie bedarf des Zusammenschlusses, der Mitarbeit Aller, sonst hört sie auf eine Gemeinde zu sein. So sei treu der evangelischen Kirche und Deiner Einzelgemeinde! Du kannst es von den Vorvätern lernen. Die evangelische Kirche hat eine reiche Leidens- und Märtyrergeschichte aufzuweisen. An solches festhalten gemahnt uns auch das Gelübde, das wir von unsern Konfirmanden fordern. Wie sollen sie es halten, wenn uns selbst die evangelische Kirche und Gemeinde nicht wert ist, wenn wir ihr nicht mit dem Stolz anhangen, mit dem wir sonst wohl irgend einem Verein angehören, der doch in seiner Bedeutung so viel geringer sein wird? Trage Dein Haupt hoch, wer Du auch biß, wenn Du und weil Du ein Evangelischer bist!

Und dann sollen wir die herzliche, tiefgründende Liebe in uns tragen, von der Paulus hier im besonderen spricht! Evangelisch sein muß uns bedeuten, daß wir teilhaben an dem Leben der Brüder und Schwestern. Ihre Not muß auch unsere Not sein. Der Ehrentitel der evangelischen Gemeinde soll es sein, den rechten sozialen Geist in sich zu beherbergen. Wenn in ihrer Mitte die ersten Waisenhäuser entstanden und die ersten Krankenhäuser gebaut wurden und die erste Jugendpflege getrieben wurde, so ist das nur eine ganz notwendige Frucht des Geistes, der in ihr leben soll. Und noch längst nicht stark genug ist dieser Geist! Er muß immer wieder die Bahn weisen in jeder Liebesarbeit, muß befruchtend wirken auf Staat und öffentliches Leben. Und dazu können wir alle beitragen in unserm persönlichen Umgang, in unserer Achtung der anderen, in unserer strengen Gerechtigkeit. Dazu sollen auch unsere Gottesdienste und Gemeindefeiern beitragen, wo es Wahrheit werden muß, daß hier keiner mehr ist als der andere!

Und zum dritten ersehnen wir die tätige Teilnahme aller an dem Aufbau der Gemeinde. Man mag hier der evangelischen Kirche mit einigem Recht vorwerfen, sie sei allzulange und allzusehr Staats- und Pastorenkirche gewesen. Aber muß sie das denn bleiben? Jedenfalls soll sie es nicht! Sie möchte in sich das allgemeine Priestertum verwirklichen, das heißt aber nichts anderes als nicht nur das Mithaben und Mitgenießen, sondern auch Mitarbeiten aller! Schon bedeutet es einen Fortschritt, daß man das erkannt hat und nach lebendigen Gemeinden ruft. Daß nur dieser Ruf nicht vergeblich verhalle! Darum heran denn an die Wahlurne zur gegebenen Zeit herbei zur Mithilfe an der Gemeindearbeit an der Verwaltung, in der Jugendpflege, Mäßigkeitsbewegung, in der Interessierung der Männer, in der rechten Betätigung der Frauen in der Oeffentlichkeit, vor allem auch in der Erneuerung des christlichen Familienlebens, dieser unerläßlichen Voraussetzung eines gesunden Gemeindelebens! Noch lassen sich die Wege, die unsere evangelische Kirche einschlagen muß, nicht klar übersehen, viele suchen tastend nach ihnen. Wer will mithelfen, daß das in den Gemeinden tätige und lebendige Evangelium zum Sauerteig werde für die Völkerwelt?

 

III.

Und nun möge die Zukunft auch für unsere Lutherkirchgemeinde groß und bedeutungsvoll werden! Unser Bezirk hat mit allen Großstadtgemeinden neuerer Zeit das gleiche Geschick, zusammengewürfelt zu sein aus tausenden von Menschen, die sich nicht kennen. Von einem Zusammenhang untereinander und einem Gefühl der Verantwortlichkeit gegenüber der Gemeinde ist darum naturgemäß wenig vorhanden. Auch die kirchlichen Sitten und Gebräuche, soweit sie noch bestehen, schlingen doch nur ein loses Band um all die Einzelnen. Und auch an die Tore unsers Bezirks klopft der Unglaube. Es wird schwere, jahrzehntelange Arbeit kosten, ihn zu einer wirklichen Gemeinde  zusammenzuschweißen. Vielleicht wird dazu noch eine große Notzeit helfen müssen.

Doch deshalb ist noch kein Grund vorhanden, den Mut vollends sinken zu lassen! Wo ein Wellental ist, folgt auch wieder ein Wellenberg. Und dieser Bezirk hat vor anderen noch manches voraus. Die sozialen Verhältnisse in unserem Stadtteil sind besser als in den meisten Stadtgemeinden. Der Gegensatz zwischen Reich und Arm ist nicht so schroff und haßerweckend wie wohl sonst. Unsere Bevölkerung ist auch leidlich seßhaft. Von einem eigentlichen Haften an der Scholle kann ja leider in unseren modernen Städten und bei der modernen Lebensweise keine Rede sein. Dennoch findet sich in bescheidenen Grenzen ein Heimatgefühl. Und was unsere Lutherkirche anbetrifft, so zieht sie nicht nur um ihrer schönen Lage und wuchtigen Gestalt Willen die Blicke auf sich. Hunderte von Familien schicken ihre Kinder hierher zum Kindergottesdienst, Tausende kommen jährlich zum heiligen Abendmahl und an einigen Tagen des Jahres erweist sie sich für den Besuch als zu klein.

Doch wir wollen uns durch solche Zahlen nicht über die tiefen Schatten und Risse in unserem Gemeindeleben hinwegtäuschen! Andererseits aber liegt auch das Entscheidende garnicht in ihnen. Entscheidender als solche Zahlen ist das, ob da noch christliche Familien sind, aus denen schlichte, innerlich fromme und sittlich starke Menschen hervorgehen können; ob da auf den Krankenbetten, in den Geschäften, im persönlichen Verkehr der Glaube, der Gedanke an Gott noch eine Macht ist und die Gewissen bindet; ob es da noch Unbefriedigte gibt, Hungernde und Dürstende nach der Gerechtigkeit, Menschen, die über sich selbst hinausmöchten, die nicht anders können als versuchen, die Person Jesu im eigenen Leben zur Darstellung zu bringen, mitten in allem Lärm und Streit der Welt. Und Gott sei Dank, davon ist noch ein gut Teil vorhanden und irre ich mich nicht ganz, so vertieft sich dies innere Leben der Gemeinde.

Von demselben in den verflossenen 3 1/2 Jahren in meinem Amte getragen worden zu sein, wird mir persönlich für das ganze Leben unvergeßlich sein. Und mehr als das! Es bedeutet für mich eine Kraft und Ermutigung, die noch lange nachwirken soll! Viel schlichtes und in seiner Schlichtheit großes Christentum habe ich hier sehen dürfen. Oft bin ich für meine Person beschämt gewesen. So vor einer Frau, die seit 20 Jahren gelähmt im Bette lag und doch mit niemandem tauschen mochte; so vor Witwen, die ihre 4 oder 5 oder mehr Kinder in tapferstem Glaubensmut groß zogen; so vor einem Jüngling, der unter schrecklichen Schmerzen ausrief: "Was Gott tut, das ist wohlgetan!" Man wird sagen, das seien nur einzelne Züge. Gewiß, aber sie finden sich eben in dieser Gemeinde und sind Beweise eines vorhandenen inneren Lebens. Um derentwillen wird auch diese Gemeinde noch ihre Bedeutung und große Zukunft haben.

Warum ich von ihr scheiden muß, habe ich an anderer Stelle gesagt. Mein Wünschen bleibt bei ihr bis an mein Lebensende, um ihrer selbst und um so vieler Einzelner willen, mit denen meine Familie und ich in Freud und Leid, in gemeinsamer Arbeit, in gegenseitiger Liebe und Vertrauen verbunden waren. Alle, die noch in der Gemeinde und für sie kämpfen, mögen zuversichtlich und tapfer sein. Auch hier will sich ein kleines Stück des Reiches Gottes verwirklichen. Wachet und seid stark! Und ein Band der Liebe umschließe mehr und mehr die Häuser, damit ihre Insassen zu einer rechten Gemeinde Christi werden. Und Gott schütze und behüte Euch allezeit! Amen.

 

Lutherdenkmal

 

Kaum erhoben sich die Mauern über dem am 10. November 1898 gelegten Grundstein zum Bau der Lutherkirche, da faßten zwei evangelische Männer der Lutherkirchengemeinde, die beiden Volksschullehrer Paul Vieweg - am 28. Januar 1907 - und der Berichterstatter, Lehrer Siegbert Schäfer, den Entschluß, dem großen Reformator Dr. Martin Luther vor der neuen Kirche ein Denkmal zu errichten, ein Unternehmen, das durchzuführen nicht leicht war, weil die Bürger der evangelischen Gemeinde schon erhebliche Opfer an Geld zum Bau der Kirche bringen mußten. Indes in der sicheren Voraussetzung, daß in der Görlitzer Gemeinde evangelisches Bewußtsein sei, und in der festen Ueberzeugung, daß Beharrlichkeit zum Ziele führen muß, gingen sie hoffnungsvoll an ihr Werk. Am 19. August 1899 legten sie mit je 30 Mark Einlage den Grundstock zu einem Fonds für die Errichtung des Görlitzer Lutherdenkmals.

Vorläufig, um die Geld -Sammlungen für den Bau der Lutherkirche nicht zu stören, wurden in aller Stille Freunde für den Plan, ein Lutherdenkmal in Görlitz zu errichten, gewonnen. Schon im Verlauf einer Woche waren die ersten 300 Mark zusammen, und als am 10. November 1899 der Lutherkirchen-Bezirksverein im großen Saale des Konzerthauses eine Lutherfeier veranstaltete, konnte der Vorsitzende, Diakonus Blindow, den nach vielen Hunderten Versammelten die erfreuliche Mitteilung machen, es sei große Hoffnung vorhanden, daß Görlitz in wenigen Jahren neben  der Lutherkirche ein Lutherdenkmal haben werde. Das Evangelische Kirchenblatt für die Gemeinde Görlitz berichtete am 18. November 1899 darüber folgendes:

,,Eine Festgabe in der Lutherkirchen-Gemeinde in Höhe von 634,50 Mark wurde zu einem Lutherdenkmal auf dem Drachenfelsen dem Vorsitzenden übergeben" - allerdings eine irrtümliche Darstellung, da die Verwaltung der gesammelten Gelder immer in den Händen des Berichterstatters lag - "und gab demselben Veranlassung zu der herzlichen Bitte an die Erschienenen, auch in Zukunft sich der Förderung dieses Werkes angelegen sein zu lassen."

Die Mauern der Lutherkirche wuchsen empor; der Turm ragte immer höher zum Himmel; aber auch die Sammlungen für das Lutherdenkmal die noch in aller Stille fortgesetzt wurden, hielten gleichen Schritt. Als am 6. Mai 1901 unter freudiger Teilnahme der ganzen evangelischen Gemeinde die Lutherkirche eingeweiht wurde, hatte der Denkmalsfonds bereits die Höhe von 2.000 Mark, zu welcher Summe etwa 300 Gemeindeglieder beigesteuert hatten, erreicht. Wiederum folgte eine Zeit von anderthalb Jahren stillen Arbeitens. Als im Februar 1903 nunmehr 770 Personen 5.000 Mark zusammengesteuert hatten, glaubten jene beiden Männer die Zeit gekommen zu sehen, um mit ihrer Absicht, den großen Reformator durch ein Denkmal zu ehren, an die Oeffentlichkeit treten und die breiten Schichten der evangelischen Bevölkerung für die Errichtung des Lutherdenkmals interessieren zu können. Mit noch 17 evangelischen Männern gründeten sie am 18. Februar 1903, dem Erinnerungstage an Martin Luthers Tod, einen geschäftsführenden Ausschuß zur Errichtung eines Lutherdenkmals in Görlitz. Derselbe erließ folgenden Aufruf zur Errichtung eines Lutherdenkmals in Görlitz:

"Reich an Denkmalen vaterländischer und heimischer Helden ist unser Görlitz. Die Großen, die das neue Deutsche Reich gegründet und die Andern, die lange zuvor im Reiche der Kunst und der erhabensten Gedanken deutsche Art ruhmreich verändert haben, blicken in Erz und Stein auf uns und künftige Geschlechter in unsere Mauern herab. Aber noch fehlt unter ihnen Einer, der zwar nicht unserer engeren Heimat entsprossen, doch auch für sie den Beginn einer neuen Zeit bedeutet hat, der Volksheld ohne gleichen, den die weit überwiegende Mehrheit unserer Bürgerschaft mit Stolz und Dankbarkeit als ihren Erzieher zum Christenglauben verehrt, der  Wiederbringer ursprünglichen Evangeliums, Martin Luther, der Reformator auch von Görlitz. Wohl haben wir ihm zu Ehren ein Gotteshaus benannt, wohl trägt eine Straße seinen Namen. Aber tiefer noch wird sich sein ewig teures Bild in unserer und unserer Nachkommen Herzen prägen, wenn sich auf freiem Platze vor der Lutherkirche, die so machtvoll auf felsiger Höhe aufragt, ein Standbild des ehernen Mannes erhebt, der die christliche Kirche von neuem auf unerschütterlichen Fels gegründet hat, in dem sich deutscher Glaubensernst, deutsches Gemüt und deutsche Geistesfülle wie in keinen je verkörpert. So ergeht dann an die evangelische Bevölkerung unserer Stadt ohne Unterschied des Standes und der sonstigen Denkart dieser Aufruf: Helft uns das Lutherdenkmal aufrichten! Schon haben evangelische Männer, seit Jahren in der Stille arbeitend, mehr als 6.000 Mark zu solchem Zwecke gesammelt, und über 1.200 Mitglieder unserer Gemeinde haben durch freiwillige Gaben evangelisches Bewußtsein zum Ausdruck gebracht. Aber noch fehlt zur würdigen Vollendung des Standbildes mehr als die Hälfte dieser Summe. Darum: Dank allen Gebern, die bisher gesteuert haben, und die Bitte an alle, die da geben möchten und sollten: Helft, jeder nach dem Maße seiner Kraft, daß wir unsern Luther ehren!"

Görlitz, am Todestage Luthers 1903.

Der geschäftsführende Ausschuß zur Errichtung eines Lutherdenkmals in Görlitz. Baum, Amtsgerichtsrat. Professor Behr, Architekt, E. Herbst, Fabrikdirektor. Geh. Reg.-Rat Heyne, Bürgermeister. Stadtrat Bruno Hoffmann, Fabrikbesitzer. Superintendent Kirchhofer, Pastor primarius. Freiherr v. Kleist, Generalleutnant z. D. Kommerzienrat Meißner, Stadtrat und Fabrikbesitzer. Diakonus Nithack-Stahn, Vorsitzender. Sanitätsrat Dr. Potel, prakt. Arzt. Justizrat Rietzsch, Landschafts-Syndikus.

von Roeder, Landrat, Rothenburger, Maurer- und Zimmermeister, Lehrer Schäfer, Schatzmeister, Krölstraße 45. Schöner, Stadthauptkassen-Rendant. Professor Stutzer, Gymnasial-Direktor. Lehrer Vieweg, Schriftführer. Lie. Wendland, Diakonus. v. Wiedebach-Nostitz, Landeshauptmann.

Außer der Veröffentlichung des Aufrufes in den Görlitzer Tagesblättern, wurde derselbe mit der Post an 1.100 evangelische Bürger der Gemeinde gesandt. Die Zahl der Geber stieg auf 1.300; der Denkmalsfonds erreichte die Höhe von 8.000 Mark.

Am 10. November 1903 erließ der geschäftsführende Ausschuß einen erneuerten Aufruf zur Vollendung des Lutherdenkmals: ,,Am diesjährigen Todestage Luthers war es, daß wir zum erstenmale an die evangelische Bürgerschaft unserer Stadt den Ruf ergehest ließen: ,,Helft uns das Lutherdenkmal aufrichten!" Stark genug war der Widerhall, daß trotz der vielfachen Ansprüche unserer Zeit an den gemeinnützigen Sinn, trotz der so nötigen Sammlungen für die von der Wassernot dieses Sommers Betroffenen unser Lutherdenkmalsfonds sich bisher auf 8.000 Mark erhöht hat. Freilich stehen wir damit noch nicht am Ziele. Wohl liegt es uns fern, ein prunkvolles Standbild mit vielerlei schmückendem Beiwerk errichten zu wollen - das, wenn auch nicht im Geiste jenes gewaltigen Mannes, dessen Abbild umso lutherischer wirken wird, je schlichter seine eherne Gestalt auf einfachem Sockel sich erhebt - aber auch um solches Kunstwerk zu schaffen, werden noch einige tausend Mark vonnöten sein. Am 10. November 1904 hoffen wir das Denkmal zu enthüllen. Zum letztenmale wenden wir uns daher an die evangelischen Glaubensgenossen in unserer Stadt mit diesem Aufrufe: Helft uns das Lutherdenkmal vollenden!

Görlitz, am Geburtstage Luthers 1903.

Der geschäftsführende Ausschuß zur Errichtung eines Lutherdenkmals in Görlitz."

 

Auch dieser Aufruf fand ein lebhaftes Echo. Innerhalb vier Wochen flossen dem Denkmalsfonds abermals 2.000 Mark zu, so daß er auf 10.000 Mark anwuchs. Die Kunde von der Errichtung eines Lutherdenkmals in Görlitz hatte sich auch über die Grenzen unserer Stadt verbreitet und manches Scherflein traf auch aus den benachbarten Orten, sowie aus der Ferne von Berlin, Leipzig, Hamburg usw. ein. Auch die Künstlerwelt fing an, sich für das in Görlitz zu errichtende Lutherdenkmal zu interessieren. Ohne daß ein Konkurrenz-Ausschreiben stattfand, wurden dem geschäftsführenden Ausschuß eine große Anzahl Entwürfe zu Luther-Denkmälern eingesandt. Damit die evangelische Bürgerschaft, insbesondere die freundlichen Geber, ihre Wünsche inbezug auf das Lutherdenkmal äußern konnten, veranstaltete der geschäftsführende Ausschuß vom 14. bis 21. Februar 1904 eine Modell-Ausstellung der eingesandten Entwürfe. Der ,,Neue Görlitzer Anzeiger" berichtete am 18. Februar 1904 über diese eigenartige Ausstellung folgendes:

"In Anwesenheit einiger Ausschuß-Mitglieder - der Geh. Reg.-Rat Bürgermeister Heyne, Pastor Nithack-Stahn, Fabrikdirektor Herbst, Stadthauptkassen-Rendant Schöner, Lehrer Schäfer und Vieweg - wurde vorigen Sonntag, vormittags 11 Uhr, Mittelstraße 5, die Modell-Ausstellung für das Görlitzer Lutherdenkmal eröffnet. Den Veranstaltern derselben können wir für das getroffene Arrangement nur gratulieren, da, so eigenartig wie sie ist, sie doch aufs geschmackvollste hergerichtet worden ist und sie die Besucher des größten Lobes und der vollsten Anerkennung erfüllt. Das Ausstellungslokal, vom Baumeister Meyer für den guten Zweck kostenlos zur Verfügung gestellt, ist vom Dekorateur Zander durch eine reizende, sinnreiche Dekoration in ein wahres Schmuckkästchen verwandelt worden. Schwere Teppiche von der Firma Otto Straßburg, herrlich umrahmt von den preußischen, Görlitzer und Lausitzer Farben, schmücken in schönster Weise die Wände. Lorbeerbäume, Palmen und andere Gewächse, von der Firma Oswald Schindler geliefert, sind zahlreich und zweckmäßig verteilt und geben dem Ganzen ein liebliches, frisches Gepräge. Auf rotbeschlagenen Tafelreihen sind nun eine Anzahl Modelle, in Gyps dargestellt, für das Görlitzer Lutherdenkmal in harmonischer Weise aufgestellt. In erster Reihe erblicken wir den rühmlichst bekannten Wormser Luther nach Professor Rietschel, vollen Glaubensmutes und voller Glaubenszuversicht die rechte Hand auf die Bibel schlagend, unerreichbar schön in plastischer Form und künstlerischer Auffassung. Es trifft wohl zu, was einst ein hervorragender Künstler sagte: "Ob noch jemals ein Künstler den großen Reformator im Bilde so formvollendet darstellen wird, wie es Rietschel erreicht hat, ist zu bezweifeln." Der Rietschel´sche Luther übte darum auch vom ersten Ausstellungstage an die meiste Anziehungskraft auf die Besucher aus. Ihm nachzuahmen hat sich Bildhauer Leibküchler- Berlin bemüht, weshalb wohl dessen Lutherdenkmal-Modell jenem gegenübergestellt worden ist. Leibküchler läßt Luther mit der Faust auf die geöffnete Bibel schlagen. Der Sockel, auf welcher sich Luther erhebt, ist im obern Teile burgartig ausgestaltet, wohl bezugnehmend auf das Lutherlied: "Ein feste Burg ist unser Gott." Auf einer Seitentafel hebt sich recht vorteilhaft das Lutherdenkmal-Modell des Bildhauers Paul Werner-Berlin. Auf einem recht geschmackvollen Sockel, welcher die Reliefs von Philipp Melanchthon und des Kurfürsten von Sachsen trägt, erhebt sich die schön geformte Lutherfigur, die Bibel unter dem linken Arm tragend, während die rechte auf die Brust gelegt ist. Indessen scheinen uns die Gesichtszüge für einen Luther zu mild. Der Sockel trägt an der Frontseite die Worte: "Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen." Ihm zur Seite steht ein vom Bildhauer Glümer - Berlin gefertigtes Modell. Auf einem recht niedrigen Sockel sehen wir Luther, unterschiedlich von den andern etwas phantastisch dargestellt, eigentümlicher Weise die Bibel an der rechten Schulter tragend. Ohne Sockel dargestellt sehen wir ferner eine recht charakteristisch dargestellte Lutherfigur des Bildhauers Dorn-Berlin, welche nächst Rietschel die meiste Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Krampfhaft hält Luther mit beiden Armen die Bibel fest umschlungen, als ob er das heißumstrittene Evangelium sich nicht entreißen lassen wollte, gleichsam die Lutherworte verkörpernd: "Das Reich Gottes muß uns doch bleiben." Sehr charaktervoll sind auch die Gesichtszüge, welche Luther als Streiter fürs Evangelium erkennen lassen. Eine merkwürdige Pose nimmt die Lutherfigur ein, welche die Firma Lehmann & Kraft, Berlin, geliefert hat. Auf einem schwerfällig gehaltenen Sockel steht Luther, den rechten Arm erhoben und mit dem Finger nach dem Himmel weisend. Sie soll jedenfalls den Moment darstellen, als Luther auf dem Reichstage zu Worms die denkwürdigen Worte sprach: "Hier stehe ich; ich kann nicht anders; Gott helfe mir! Amen." Im Vordergrunde der Ausstellung gewinnt ein Modell des Bildhauers Hubrich, Berlin, ein ganz besonderes Interesse, weil der Sockel dem romanischen Stile der Lutherkirche entsprechend dargestellt ist. Außer den Modellen sind eine Anzahl Photographien von Entwürfen ausgestellt, u.a. eine Lutherfigur vom Bildhauer Pfannschmidt, welche im Dom in Berlin aufgestellt ist, und eine Lutherstatue der Schloßkirche zu Wittenberg, welche den Reformator im Gebet darstellt. Eine Reihe von Ansichtspostkarten zeigt uns die Lutherdenkmäler von Worms, Dresden, Magdeburg, Nordhausen, Eisenach, Möhra usw. Eine bemerkenswerte Anziehungskraft, besonders auf Damen, üben 12 ausgestellte Lutherbroschen aus, welche sich als passende Geschenke für Konfirmandinnen eignen; sie zeigen auf der einen Seite das vortrefflich gelungene Bild des Reformators und auf der Rückseite eine Bibel, einen Abendmahlstisch und das schöne Lutherwort: "Ein feste Burg ist unser Gott." Alles in allem können wir sagen: Da die Modell-Ausstellung für das Görlitzer Lutherdenkmal nur noch einige Tage geöffnet ist, sollte niemand versäumen, seinen Gang nach Mittelstraße 5 zu richten. - Der Besuch ist lohnend."

Die Modell-Ausstellung hatte ihren Zweck erreicht. Einmal wurde das Interesse für die Errichtung des Lutherdenkmals auf neue geweckt, und dann wurde trotz des billigen Eintrittspreises von 10 Pf. für die Person der Denkmalsfonds um weitere 100 Mark gestärkt.

Am 18. Februar 1904 trat der geschäftsführende Ausschuß wiederum zu einer Sitzung zusammen. Es wurden folgende Beschlüße gefaßt: 1. von allen eingegangenen Denkmalsentwürfen abzusehen und den Rietschel´schen Luther zu wählen; 2. die Enthüllung des Lutherdenkmals für den 10. November 1904 vorzubereiten; 3. als Standort des Denkmals die Freitreppe vor der Lutherkirche zu wählen und 4. Professor Behr, Görlitz, und Architekt Fritsche, Elberfeld, zu ersuchen, zu Punkt 3 entsprechende Entwürfe zu liefern.

Am 16. März 1904 starb Geh. Reg.-Rat Bürgermeister Heyne, ein sehr reges Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses und ein eifriger Förderer des Lutherdenkmals. Der Vorsitzende, Pastor Nithack-Stahn, widmete ihm am Abend des Sterbetages, an welchem die Mitglieder des Ausschusses zusammenkamen, einen ehrenvollen Nachruf. Um das Gedächtnis des Entschlafenen besonders zu ehren, wurde beschlossen, die Vorbereitungen für die Enthüllung des Lutherdenkmals so zu beschleunigen, daß sie seinem Wunsche entsprechend bereits am 21. Juni 1904, als dem Jahresfeste des Gustav-Adolf-Vereins der Provinz Schlesien, erfolgen soll. Obwohl die Zeit bis dahin recht kurz war, wurde die Arbeit geschafft. Die Rietschel-Lutherstatue, 3,4 Meter hoch und 30 Zentner schwer, wurde in Lauchhammer i.Sa. für den Preis von 6.700 Mark in Bronze gegossen. Der Sockel, von Professor Behr entworfen, wurde, wie die Freitreppe selbst aus rotem Sandstein hergestellt und vom Steinbruchbesitzer Schmidt zu Cordel a. Rh. bezogen. Sein Gewicht beträgt 90 Zentner, sein Preis 200 Mark. Die Maurer- und Zimmerarbeiten wurden vom Maurer- und Zimmermeister Rothenburger ausgeführt. Bald nach Pfingsten wurde mit dem Umbau der Freitreppe begonnen. Am 16. Juni 1904 erfolgte eine offizielle Einladung zur Enthüllungsfeier des Lutherdenkmals in den Görlitzer Zeitungen.

Einladung.

Einladung "Dienstag, den 21. Juni cr., nachmittags 1/2 6 Uhr findet vor der hiesigen Lutherkirche die Enthüllungsfeier des Lutherdenkmals statt. Wir beehren uns, die Behörden, welche in Görlitz ihren  Sitz haben, alle verehrten Gönner unserer Sache, die Beiträge zum Lutherdenkmal gütigst geleistet haben, sowie die zum Gustav-Adolfs- Feste hier weilenden Gäste zur Teilnahme hiermit ergebenst einzuladen. Besondere Legitimationskarten zum Betreten des Festplatzes werden nicht verabreicht. Die Herren Besitzer von Hausgrundstücken an dem und in der Nähe des Dresdener Platzes werden herzlich gebeten, ihre Häuser mit Flaggen zu schmücken.

Der geschäftsführende Ausschuß zur Errichtung des Görlitzer Lutherdenkmals.

So kam der langersehnte Tag der Enthüllungsfeier des Lutherdenkmals heran. Die Hausbesitzer am Dresdener Platz, sowie der angrenzenden Straßen hatten ihre Häuser mit Flaggen und Tannenreisern geschmückt. Mit einem Flaggenmeer war das Lutherkirchen-Grundstück selbst umgeben. Die Königliche Regierung zu Liegnitz ließ sich an der Feier durch den Ober-Regierungsrat v. Neefe-Obitschau und der Magistrat der Stadt Görlitz durch den Stadtältesten, Stadtrat Prinke, vertreten. Trotz des regnerischen Wetters - ein Gewitter zog über die Stadt - hatte sich eine gewaltige Menschenmenge, die den großen Dresdener Platz Kopf an Kopf gedrängt beinahe ausfüllte, eingefunden, um an der weihevollen Handlung teilzunehmen. Von zahlreichen wehenden Flaggen umgeben erhob sich das von großen Tüchern umhüllte mächtige Monument auf dem mittleren Treppenabsatze. Nachdem die Stadtkapelle unter Leitung des Musikdirektors Stiehler, Händels "Hallelujah" vorgetragen hatte, bestieg Pastor Nithack-Stahn die vor der Treppe aufgestellte grünumrankte Kanzel, um folgende Weiherede zu halten:

"Martin Luther ein Denkmal! Wohl tut es nicht not, ihm eins zu setzen, damit er dem Gedächtnis der Jahrhunderte erhalten bleibe. Dauernder als Erz, wuchtiger als dieser stolze Kirchenbau, der seinen Namen trägt, zeugt von ihm eine Welt, die er verwandelt hat. Und doch hat unser Volk ein Recht, auch seiner Helden größten immer wieder von Angesicht zu schauen. Das ist nicht eitle Neugier, nicht Prahlerei mit ihm: Luther gehört den wenigen Allergrößten dieser Erde an, die mehr sind als nur geschichtlich einmal dagewesene Menschen.

Dieses Mannes Bild ist ein Sinnbild; denn in ihm verkörpert sich eine Idee. Prachtvoll kurz und klar ist sie kristallisiert in dem dreiseitig funkelnden Wort vom Reichstage zu Worms. Luther in Worms - das war der große Tag seines Lebens, so empfindet´s die Nachwelt. Was kümmert uns der Zweifel der Gelehrten, ob Luther jene unsterblichen Worte damals und ob er sie wörtlich so gesprochen? Und jedes evangelische Kind spricht´s kräftig nach: ,,Hier stehe ich; ich kann nicht anders; Gott helfe mir! Amen."

"Hier stehe ich" - noch im Mönchsgewande, doch ihm entwachsen mit aller Freiheit eines Christenmenschen; ungebückt vor der Majestät dieser Welt, gefeit auch gegen Bannstrahl, der aus Rom, nicht aus dem Himmel niederfährt. Ich stehe auf einem andern Boden, den nicht Tod, noch Leben, noch Fürstentümer, noch Gewalt, noch irgend eine Kreatur erschüttern kann; ich stehe auf dem Punkt, den keine Wissenschaft berechnend findet, den nur der Glaube tastend fühlt, den Punkt, von dem die Welt sich aus den Angeln heben läßt. Hier stehe ich - ihr habt mich gerufen, Kaiser und Reich. Glaubt mir, nie ward auf einem Reichstag Größeres verhandelt als hier, da ewiges Heil der Seele auf der Tagesordnung steht, da Gott die Bürger seines Reiches ladet. Hier stehe ich - die Waffe in der Hand, die mehr als Siegfrieds Schwert, die Drachen schlägt und Herzen spaltet: Das Buch der Bücher. Hier stehe ich - bereit zum Frieden, wenn ihr die Seele mir in Frieden laßt! Doch auch bereit zum Kampfe, wenn ich dem Menschen Jesu-Jünger und darum ein Ich! Ein Einzelner, stelle ich mich euch entgegen, Kirche und Welt! Seit tausend Jahren habt ihr unterdrückt den Laut des eignen Selbst in der Christenheit. Du, Mutter Kirche, wolltest nur unmündige Kinder haben. Du warst das große Ich, das für uns alle dachte, fühlte, sorgte auf Zeit und Ewigkeit, Hirn und Herz der Welt. Doch siehe, mir löste sich die Binde von den Augen; ich bin ein Mensch, das ist ein Eigenwesen, und meine Seele wiegt mir eine Welt auf. Ja denn, ich spreche es rühmlich meinem Meister nach: Ich bin ein König, bin gesalbt von Gottes Gnaden, kraft meines Glaubens bin ich souverain. Hier stehe ich und stehe für mich ein!

Runzelt nicht so die Stirnen, ihr Priester! Ich kann nicht anders! Es ist nicht launische Willkür, nicht frecher Uebermut in mir. Niemals hatte die Kirche einen bessern Sohn als mich; nie hat einer mit heißerem Bemühen durch Möncherei versucht, den Himmel zu erstürmen, als ich getan. Und heute noch ziehen hundert Bande mich rückwärts in der alten Kirche Schoß: Guter Freunde Rat und Warnung, der Eltern Erbteil, mildes Drohen der Feinde, Roms Bann und stete Todesgefahr. Dennoch: Ich kann nicht anders! Wißt ihr, wie das ist: Ich kann nicht? Wohl könnten meine Lippen Worte sprechen, die ihr verlangt, widerrufen, was ich vordem geredet und geschrieben. Sie könnten, doch ich kann nicht. Kennt, ihr Römischen, den innern Drang, der stärker ist als wir? den ehernen Riegel, der sich vor das Tor der Seele schiebt? kennt ihr das unheimlich heilige Wesen, das wie ein winzig Englein in der Brust die Wage hält mit einem Flammenschwert: "Du darfst nicht?" Und wiederum: "Das andre mußt du! Du mußt müssen!" Das wars, was am Oktobertage einst mich zur Kirchtür trieb, den Hammer mir in die Hand gedrückt. Das war´s, was mich vors Elstertor geschickt: Zerreiß des Papstes Bulle, wirf sie ins Feuer! Das führte mich, nicht Kaisers Geleit, hierher nach Worms, trotz allen Teufeln! Ich kann nicht anders! hört doch, es ist ja nur die alte Stimme, die einst das Losungswort der ersten Christen war. So sprach sie aus den Aposteln: "Wir können es nicht lassen!" So haben hundert Märtyrer bekannt. Ihr Priester und Laien, kennt ihr das Gewissen nicht?! Wehe, ihr habt´s in Schlaf gewiegt mit feinen Künsten, habt es erstickt sogar mit Feuerbränden! Hierinnen aber ist´s einmal erwacht und nimmermehr zu bändigen: Ich kann nicht anders!

Blickt nicht so erschrocken auf das dreiste Mönchlein, Kaiser und hohe Herren rings umher! Nicht über Menschen will ich mich erheben, als wär ich mehr denn sie, ein Halbgott, der über irdisch Recht und Gesetz nichtachtend schritte. Zwei Riesenaugen seh´ ich unablässig vor mir, daß ich geblendet meine niederschlage. Gott helfe mir! ich bin ein armer Mensch, ein Wurm im Staube, daraus der Allmächtige mich schuf. Wenn er nicht wollte, stünd ich nimmer hier. Er rief mich hier, nicht Kaisers Machtgebot. In seinem Banne steh´ ich zitternd da, durchschauert von des Ungeheuren Gegenwart. Er haucht mir zu: "Tu auf den Mund und rede!", und ich gehorche ihm - Gott helfe mir! Denkt auch nicht, ihr Kardinäle und Herrn der Kirche, ich machte einen Heiligen aus mir, dankte Gott im stillen, daß ich nicht sei wie falsche Priester, Heuchler, Schriftverdreher. Von ferne steh´ ich, wie man den Allerheiligsten anbetet in Geist und Wahrheit, schlag´ an meine Brust und spreche: Ein Wunder bin ich! und darf ich mich etwa rühmen? Von Gottes Gnaden bin ich, was ich bin. Gott helfe mir. Drauf spreche ich "Amen" und himmlischer kommt mir das Echo: Amen, das ist gewißlich wahr!

Zu Sommersanfang grüßt uns also Luther. Johannistag ist nahe. Sonnwendfeuer lohten einst weithin von Berg zu Berg. Er aber hat ein Feuer angezündet, das mehr als eines Papstes Bann verzehrt. Ja, als ein Täufer kam er, als ein Prediger in der Wüste der verschmachtenden Christenheit und entdeckte wieder das unsichtbare Reich der Gottesliebe. So stehe denn, eherner Mann, auf diesem Stein, ein treuer Eckart vor dem Gotteshause, und sage allen, die hinaufgehen: Ja, holt euch Wehr und Waffen aus Gottes fester Burg! Steh´ auf hoher Warte ob dem Markt des Lebens und ruf es allen, die da kaufen und verkaufen: Wenn´s sein muß - Gut und Ehr´ laß fahren dahin! Steh´ durch dies Jahrhundert und die noch kommen werden; halte hoch über dem bunten Treiben wachsender Geschlechter dein heilig Buch und leg´ darauf die Hand: ,,Das Wort, sie sollen lassen stahn!"

Nachdem die markigen Worte verklungen waren, fiel die Hülle, und in goldigem Glanze zeigte sich den bewundernden Blicken der Versammelten die erhabene Gestalt des Reformators, des Begründers des deutschen Protestantismus, und viel tausendstimmig erschallte die Anfangsstrophe des alten Lutherliedes: ,,Ein´ feste Burg ist unser Gott."

Nun betrat Superintendent Pastor primarius Kirchhofer die Kanzel, um im Namen der evangelischen Gemeinde das Lutherdenkmal zu übernehmen. Er hielt folgende Ansprache: "Verehrte Herrn vom Komitee zur Errichtung des Luther - Standbildes! Als Vorsitzender der hiesigen evangelischen Gemeindekörperschaften und damit zugleich als Vertreter der gesamten evangelischen Gemeinde von Görlitz spreche ich Ihnen unsern wärmsten Dank aus für die Beschaffung dieses schönen Standbildes unseres Reformators. Es gehörte ein beachtenswerter Mut dazu, dieses Unternehmen zu beginnen. Nicht, als wenn unsre evangelische Gemeinde nicht mit Liebe und Bewunderung zu dem Manne aufschaute, welchen der gegenwärtige erlauchte Träger der deutschen Kaiserkrone als den größten aller Deutschen bezeichnet hat - nicht, als wenn es erst dieses Standbildes bedurft hätte, um die Züge dieses Geisteshelden wieder aufleben zu lassen in unsern Herzen - nein, er lebt noch in unserer Görlitzer Gemeinde; dessen gaben die Luthertage des Jahres 1883 auch hier ein überwältigendes Zeugnis; des kundet der Name dieses schönen, aus felsiger Höhe sich erhebenden Gotteshauses. Aber unter so vielen edlen Bestrebungen, die entweder freiwillig von unserer evangelischen Gemeinde, oder durch ihr schnelles Wachstum ihr aufgedrungen werden, auch diesem noch Raum zu schaffen und der Errichtung des gesteckten Zieles unbeirrt und hoffnungsvoll entgegenzuarbeiten, war nicht leicht. Wir danken Ihnen herzlich dafür! Indem ich nun im Namen des evangelischen Gemeinde-Kirchenrates unter warmer Zustimmung der Gemeindevertretung das Denkmal in das Eigentum der Görlitzer evangelischen Gemeinde übernehme, werden wir uns voll der ernsten Verpflichtung bewußt, den Geist des teuren Gottesmannes, der in unvergleichlicher Weise aus dieser Schöpfung eines frommen evangelischen Künstlers, des unvergeßlichen Rietschel, spricht, unter uns pflegen und das Standbild uns allzeit werden zu lassen zu einem Wahrzeichen kindlich frommen Sinnes, unerschütterlichen Gottvertrauens, inniger Vaterlandsliebe und echter deutscher Treue. Das walte Gott!"

Nach diesen Worten begaben sich die Festteilnehmer in die Lutherkirche, die bis auf den letzten Platz gefüllt wurde. Hier begann um 6 Uhr eine lithurgische Andacht, die sich in einer Ansprache des ersten Geistlichen der Lutherkirche, Pastor Nithack-Stahn, biblischer Vorlesung, Gemeinde- und Chorgesang zusammensetzte. Unter den rauschenden Klängen der Orgel, die vom Organisten Grundmann gespielt wurde, verließ sodann die gewaltige Menschenmenge das schöne Gotteshaus.

Sogleich nach Enthüllung des Lutherdenkmals wurde folgendes Telegramm an Kaiser Wilhelm ll. gesandt:

"Euer Kaiserliche und Königliche Majestät bittet die in Görlitz, der Hauptstadt der Oberlausitz, vereinte General-Versammlung des Schlesischen Hauptvereins der Gustav- Adolf-Stiftung im Anblick des soeben enthüllten Lutherdenkmals, für Euer Majestät treues evangelisches Bekenntnis und mächtigen Schutz ehrerbietigsten Dank und das Gelübde unerschütterlicher Treue huldreichst entgegen zu nehmen.

Hofprediger Gladischefski

 

Abends 8 Uhr fand im großen Saale des evangelischen Vereinshauses eine sehr gut besuchte Versammlung statt. Nach dem Vortrage der Motette "Sei getreu bis in den Tod" von Neithardt durch die Görlitzer Liedertafel, begrüßte Hofprediger Gladischefski als Vorsitzender des Hauptvereins der Gustav-Adolf-Stiftung die Erschienenen; er hob hervor, daß die Görlitzer evangelische Gemeinde des Lutherdenkmal nicht durch Kollekten im Reiche, sondern aus eigenen Mitteln ausgeführt habe und daß Görlitz die erste Stadt in Schlesien sei, die nun ein Standbild des großen Reformators besitze. Am folgenden Tage veranstaltete der Gustav-Adolf -Verein nochmals einen überaus zahlreich besuchten Familienabend im Europäischen Hof. Bei dieser Gelegenheit überreichte der Vorsitzende des Lutherdenkmal-Ausschusses, Pastor Nithack-Stahn, im Auftrage desselben dem Gustav-Adolf-Verein aus den Ueberschüssen der Sammlungen für das Lutherdenkmal eine Festgabe von 500 Mark. Er gedachte ferner mit Dankesworten der beiden evangelischen Männer, welche die Idee der Errichtung eines Lutherdenkmals faßten und dieselbe mit bewundernswerter Ausdauer zur Verwirklichung geführt haben.

Die schönen Luther- und Gustav -Adolf -Tage waren nunmehr zu Ende, aber der Lutherdenkmal- Ausschuß setzte seine Tätigkeit noch fort. Hatten doch die Sammlungen für das Lutherdenkmal eine Höhe erreicht, daß nach Bezahlung aller Rechnungen und der Stiftung genannter Spende an den Gustav-Adolf-Verein noch ein Ueberschuß in der Kasse verblieb. Der geschäftsführende Ausschuß beschloß, die Geld-Sammlungen fortzusetzen, um eine Summe zu erhalten, damit von Künstlerhand zwei Bilder aus dem Leben des Reformators für die Lutherkirche gemalt werden könnten. Der Auftrag wurde dem Kunstmaler Oskar Popp in Dresden erteilt, und dieser malte im Jahre 1906 auf die Innenseite der Westpfeiler in der Lutherkirche in kunstvollendeter Weise die beiden Bilder "Luther verbrennt die Bannbulle" und "Luther auf dem Reichstage in Worms", die eine Zierde und Sehenswürdigkeit der Lutherkirche sind. Zu diesen Bildern stifteten auf die Bitte des geschäftsführenden Ausschusses der Bezirksverein der Lutherkirche aus seinem Vereinsvermögen in opferwilliger und dankenswerter Weise eine Beihilfe von 800 Mark, und die evangelischen Körperschaften bewilligten für denselben Zweck aus dem Erlös des Verkaufs einer Grabstelle die Summe von 402,09 Mark. Als am 1. Oktober 1906 Pastor Nithack-Stahn dem ehrenvollen Rufe als Pfarrer an die Kaiser -Wilhelm-Gedächtniskirche folgte, übernahm Landschafts-Syndikus Justizrat, jetziger Geh. Reg.-Rat Rietzsch, den Vorsitz des geschäftsführenden Ausschusses. Am 8. Januar 1907 lud derselbe zu einer Schlußsitzung ein. Der Schatzmeister, Lehrer Siegbert Schäfer, gab einen Rückblick über die Sammlungen für das Lutherdenkmal, zu welchem 1.678 Personen 12.979,57 Mark beigesteuert hatten. Die Kassenverhältnisse waren von Stadthauptkassen-Rendant Schöner und Fabrikdirektor E. Herbst wiederholt geprüft worden; sie beantragten Entlastung, welche erteilt wurde. Der Vorsitzende dankte mit herzlichen Worten jedem Ausschuß-Mitgliede für seine Tätigkeit, worauf er die Sitzung schloß und den geschäftsführenden Ausschuß zur Errichtung des Görlitzer Lutherdenkmals als aufgelöst erklärte.

Zur bleibenden Erinnerung und als Anerkennung für ihre besonders rührige Tätigkeit wurde den beiden Volksschullehrern Siegbert Schäfer und Paul Vieweg je ein großes Bild der Lutherkirche und des Lutherdenkmals in Eichenrahmen mit folgender Widmung überreicht:

,,Dem verdienstvollen Urheber und Förderer des Görlitzer Lutherdenkmals

Herrn Lehrer Siegbert Schäfer Herrn Lehrer Paul Vieweg in dankbarer Anerkennung.

Der geschäftsführende Denkmals-Ausschuß Görlitz 1904."

So steht nun das Görlitzer Lutherdenkmal auf felsiger Höhe vor der Kirche, die unsers Reformators Namen trägt. Sein goldiger Glanz, der nicht im Sinne Luthers gewesen wäre, ist verblichen! In schlichter Einfachheit blickt er auf uns und künftige Geschlechter, allzeit eine gewaltige Sprache redend: stolz triumphierend auf die Einführung der Reformation in unserem geliebten deutschen Vaterlande, mit voller Entschiedenheit ablehnend die Lehre Roms!

Herzen und Hände evangelischer Laien haben das Görlitzer Lutherdenkmal geschaffen. Das sei uns ein Beweis und Sinnbild dessen, was die Kraft der großen Reformationsbewegung war, die sich in Luther verkörpert: nicht von den Höhen des Lebens ist sie in die Niederungen herabgelassen - aus den Tiefen der Volksseele stieg sie mit vulkanischer Kraft empor. Und zweierlei wird zu jeder Reformation der Kirche vonnöten sein, die immer aufs neue nottut, dasselbe, was dieses schlichte, schöne Standbild vor die Kirchentür zu setzen vermochten: der protestantische Geist, der den Einzelnen zu verantwortlichem Bekenntnis aufruft, und der evangelische Gemeinsinn, der trotz persönlicher Glaubensverschiedenheit zusammenschließt zu machtvoller Tat!

Autor: 
Siegbert Schäfer
Veröffentlichungsdatum: 
1914