Führer durch Görlitz, 1909

Führer durch Görlitz 1909

Verlag des Verkehrsvereins Görlitz, Geschäftsstelle: Berliner Straße 63

Führer durch die Stadt Görlitz   

Wodurch ist Görlitz vor anderen Städten ausgezeichnet, sodaß es sich zum dauernden Wohnsitz empfiehlt.
Durch seine herrliche Lage an der Grenze zwischen den deutschen Mittelgebirgen und der norddeutschen Tiefebene
Durch seine gesunde Höhenluft, sein reines Grundwasser, durch seine hygienischen Einrichtungen
Durch den großen Land- und Forstbesitz der Stadt, der es ihr ermöglicht, die Steuern im Verhältnis zu dem, was die Kommune bietet, und im Vergleich zu andern Städten niedrig zu halten
Durch die Pflege von Kunst (Theater, Musik, Kunstgewerbe) und Wissenschaft (Bibliotheken, Volksbücherei, gelehrte Gesellschaften) sowie Geselligkeit (Vereine jeder Richtung)
Durch vorzügliche Schulen, für Knaben und Mädchen
Durch die Möglichkeit, alle persönlichen Wünsche, selbst die weitgehendsten, am Orte befriedigen zu können
Durch mäßige Wohnungsmieten
Durch die Möglichkeit, in kurzer Zeit die schlesischen, sächsischen und böhmischen Gebirge zu besuchen und die Hauptstädte Berlin, Dresden und Breslau zu erreichen. endlich
Durch die zahlreichen Erinnerungen an die hohe Blüte der Stadt während des Mittelalters und an ihre historische Bedeutung.

 

Görlitz, die alte berühmte Sechsstadt, zählt als "Perle der Lausitz" zu den schönsten Städten Deutschlands; sie ist insbesondere ein Dorado für alle, die gern in einer an Naturschönheiten reichen Stadt und in einem unter günstigsten Verhältnissen aufs beste gedeihenden Kommunalwesen leben wollen, und ist so ein Zielpunkt für Beamte aller Art, sowie für Pensionäre und Rentiers. Görlitz ist aber auch eine sich stetig fortentwickelnde Stadt, in der Handel und Industrie blühen, Künste und Wissenschaften gepflegt werden.
Die Stadt liegt etwa 220 Meter über dem Pegel von Amsterdam und ist geographisch dadurch ausgezeichnet, daß sie vom 15. Meridian durchschnitten wird, nach welchem die mitteleuropäische Zeit, d.i. die für den Eisenbahndienst im Verkehrsgebiete des Deutschen Eisenbahnvereins, wie für das gesamte bürgerliche Leben geltende Einheitszeit geregelt wird, Görlitz liegt nahezu in der geographischen Mitte von Deutschland. Die Stadt durchfließt die Lausitzer oder Görlitzer Neiße, an deren freundlichen Ufern, soweit städtisches Gebiet reicht, schattige, ebenso prächtige wie idyllisch schöne Anlagen zu reizenden und erquickenden Wanderungen einladen.
Bezüglich der städtischen Steuerverhältnisse steht Görlitz unter den 19 preußischen Städten mit mehr als 80.000 Einwohnern hinsichtlich des Gemeindesteuersolls aus den Kopf der Bevölkerung günstiger da, als folgende 17 Städte: Berlin, Breslau, Frankfurt a.M., Hannover, Charlottenburg, Magdeburg, Königsberg, Stettin, Halle a.S., Kiel, Altona, Danzig, Schöneberg, Posen, Kassel, Wiesbaden und Erfurt, und nur wenig ungünstiger als Rixdorf. Für Görlitz beträgt das Gemeindeeinkommensteuer-Soll pro Kopf 25,90 Mark, für Rixdorf 19,52 Mk.; am höchsten ist es in Frankfurt a.M. mit 55,05 Mk.
Auf dem Bahnhofe ankommende Fremde haben Gelegenheit, diesen Führer, der sie durch die Stadt geleitet und sie auf alle Sehenswürdigkeiten aufmerksam macht, gegen Einwurf eines Zehnpfennigstückes in dem vom Verkehrsverein in Görlitz im Empfangsgebäude ausgestellten Automaten zu entnehmen.
Die Auskunftstelle des Verkehrs-Vereins befindet sich wenige Minuten vom Bahnhofe entfernt im Hause Berlinerstraße 05; sie hat die Fernsprecher-Nummer 1135.
 

Für den Rundgang durch die Stadt diene folgendes: Görlitz bietet den mit der Eisenbahn eintreffenden Fremden das fesselnde Bild einer landschaftlich herrlich gelegenen Großstadt. Umfährt der Fremde, von Berlin oder von Dresden kommend, in weitem Bogen die westliche oder südliche Seite der Stadt, so hebt sich scharf der stolze Basaltkegel der das Wahrzeichen von Görlitz, vor ihm ab. Unvergleichlich aber und auch unvergeßlich ist der Anblick der Stadt, der sich dem Fremden darbietet, wenn er mit der Niederschlesisch-Märkischen Bahn ankommt. Von weitem schon sieht er das ausgedehnte Häusermeer der Stadt mit den ragenden Kirchtürmen im Talbett vor sich liegen, und kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof überrascht ihn ein wundervoller Ausblick. Die Bahn führt ihn auf einem gewaltigen Bauwerk, dem Viadukt hoch in den Lüften über das Neißetal hinweg. Dreißig mächtige Bogen, aus Granit und Sandstein festgefügt wie für die Ewigkeit, strecken sich bis zu 35 Metern über dem Wasserspiegel empor, und spannen sich in einer Länge von 475 Metern über den Fluß, der hier ein Tal von wunderbarer Schönheit bildet.
Tritt der Fremde aus dem Bahnhofsgebäude heraus, so sieht er unmittelbar die Berlinerstraße vor sich, die ihn in kurzer Zeit auf den Postplatz führt, der einer der schönsten Anlagen von Görlitz ist. Als sein Hauptschmuck erhebt sich in der Mitte der vielbewunderte Zierbrunnen von Robert Toberentz, ein Meisterwerk reiner italienischer Renaissance. Sein Formenreichtum und die wonnige Schönheit seiner Figuren erfüllen jeden Kunstfreund mit warmer Bewunderung. Wie der Name schon andeutet, befindet sich auf dem Postplatz das Kaiserliche Postamt, im Innern geschmückt mit vier Gemälden des Dresdner Malers Täger. Der Post gegenüber liegt das Gerichtsgebäude.
Vom Postplatz führt der Weg an der durch ihre Skulpturen über dem Hauptportal bemerkenswerten Frauenkirche vorüber in die innere Stadt. Auf dem Marienplatz, den wir bald erreichen, hat das Denkmal des um die Hebung der Stadt sehr verdienten Oberbürgermeisters Demiani Aufstellung gefunden, ein Erstlingswerk Schillings in Dresden. Nur wenige Schritte weiter befindet sich das Museum der Naturforschenden Gesellschaft, das unter anderem eine der vollständigsten ornithologischen Sammlungen Deutschlands besitzt. In der Nachbarschaft des Museums erhebt sich der Frauenturm, zumeist "Dicker Turm" genannt, wegen seiner vier Meter starken Mauern. Er ist das Überbleibsel eines ehemaligen "herzoglichen" Schlosses, das im Jahre 1474 abgebrochen wurde. An ihm interessiert ein in Stein vorzüglich aufgeführtes Wappen der Stadt mit den Statuen der heiligen Barbara und der Jungfrau Maria. Dem Turm gegenüber liegt die säkularisierte Annenkapelle und die mit ihr verbundene Mädchen-Mittelschule,ein schmucker, moderner Schulbau.
Setzen wir unsere Wanderung in nördlicher Richtung fort, so gelangen wir durch die Steinstraße, wo uns das Bild frisch pulsierenden Geschäftslebens fesseln wird, nach dem Obermarkt einem der ältesten Plätze der Stadt, denn er entstand bereits im Jahre 1255. Eine ganze Anzahl Häuser dieses Platzes ist bemerkenswert. Im Hause Nr. 29 hat im Jahre 1815 Kaiser Alexander l. von Rußland gewohnt und nach ihm König Friedrich Wilhelm lll. von Preußen; auch Marschall MacDonald hatte dort sein Quartier. Besonders oft ist Napoleon l. hier abgestiegen, der vom Balkon dieses Hauses herab, auf ungünstige Nachrichten hin, seinen von Märschen müde auf dem Obermarkte lagernden Truppen den Befehl. ,,Vite, vite à Dresde" erteilte (24. August 1815). Ein anderes Haus (Nr. 31) diente im zweiten schlesischen Kriege Friedrich dem Großen mehrere Tage als Wohnung, und in dem Hause Nr. 17 war einst die Leiche des bei Prag gefallenen Feldmarschalls Schwerin (17. bis 20. Mai 1757) aufgebahrt. Endlich verdient das Eckhaus am Demianiplatz erwähnt zu werden. Es ist das Sterbehaus des Generals von Winterfeldt, des Lieblings Friedrichs des Großen. Der General erlag hier am 8. September 1757 einer Verwundung, die er am Abend zuvor im Treffen bei Moys (einem nahe gelegenen Dorfe)  davongetragen hatte. Ein schlichtes Denkmal am Fuße des Jäckelsberges bei Moys hält die Erinnerung an den Heldentod des Generals wach. Erwähnenswert ist noch ein enges Gäßchen auf dem Obermarkte, das die seltsame Bezeichnung "Verräthergasse" trägt. Damit hat es folgende Bewandtnis. Im Jahre 1527 war eine Empörung gegen das Stadtregiment ausgebrochen, und die Verschwörer pflegten in dieser Gasse zusammenzukommen, Ihr Vorhaben wurde aber verraten, sie wurden festgenommen und dem Henker überliefert. Die Aufrührer wollten den Rat der Stadt in dem Augenblick überfallen, wo er mit dem Glockenschlage zwölf aus der Sitzung kam. Einer der Aufrührer, von Reue erfaßt, ließ, um den Rat zu retten, die Uhr am gegenüberliegenden Turme eine halbe Viertelstunde früher zwölf schlagen. Die Ratsherren entfernten sich infolgedessen zeitiger als sonst, und der Anschlag mißlang. Seit jener Zeit aber schlägt der "Mönch", wie der Turm im Volksmunde heißt, bis heute eine halbe Viertelstunde vor der richtigen Zeit an. Der Mönchsturm gehört mit zur Dreifaltigkeitskirche, einem alten, schlichten Gotteshause, das noch aus dem Jahre 1251 stammt.
Am 18. Mai 1893 hat der Obermarkt durch das imposante Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. einen hervorragenden künstlerischen Schmuck erhalten. Das Denkmal ist ein Meisterwerk des aus Löwenberg in Schlesien stammenden Bildhauers Professor Johannes Pfuhl, und zeigt den Kaiser männlich und kräftig in der Erscheinung und mit dem Ausdruck der Milde in dem porträttreuen Antlitz. Die beiden Seiten des hohen Sockels aus schlesischem Granit zieren die überlebensgroßen Statuen Bismarcks und Moltkes.
Das Standbild des Kaisers ist gerichtet auf ein altertümliches, rundes festes Bauwerk, das auf die Zeit zurückweist, wo die Bürger ihre Stadt mit hohen Mauern umgaben und schwere Befestigungswerke anlegten, um gegen Feindes Macht und Listen wohl gerüstet zu sein. Im dreißigjährigen Krieg war es das feste Bollwerk, durch das die Stadt bei der Belagerung den kaiserlichen Gruppen unerschrocken Trutz bot. Zur Erinnerung hieran erhielt die "alte Bastei" den Namen Kaisertrutz. Jetzt wird dieser als Hauptwache benutzt. Auch aus dem 15. Jahrhundert, wie die alte Bastei, stammt der in nächster Nähe stehende Reichenbacher Turm. Gleich ihm unb dem Frauenturm ragt auch noch der Nikolaiturm am Eingang zum Nikolaigraben aus alter Zeit gar seltsam in das moderne Leben hinein.
An diesem Turme ist ein Rest der alten Stadtmauer erhalten geblieben, die samt dem jetzt geebneten Wallgraben Görlitz einst umschloß.
Von besonderem Interesse ist das neben dem Kaisertrutz befindliche Kriegerdenkmal. Sein Schaustück ist die Kanone "Le Douay", das im Kriege gegen Frankreich eroberte erste Geschütz. Die Görlitzer Jäger erbeuteten es am 4. August 1870 im Gefecht bei Weißenburg, und Kaiser Wilhelm l. schenkte es später der Stadt. Um das Geschütz zieht sich halbkreisförmig eine hohe Rückenwand mit dem bekannten Fries von Siemering. Auf dem etwas tiefer gelegenen Platz hinter dem Kriegerdenkmal steht das Stadttheater, vor welchem im Jahre 1908 ein Denkmal für den Lustspieldichter Gustav von Moser, der lange Jahre in Görlitz gelebt hat, errichtet worden ist.
Nördlich vom Kaisertrutz führt der Grüne Graben nach der Heiligen Grabstraße mit der im 15. Jahrhundert von dem Bürgermeister Georg Emerich gestifteten, sehr sorgfältigen und treuen Nachbildung des Heiligen Grabes mit dem Kirchlein zum heiligen Kreuz und all den Stätten, die an Christi Leidenszeit erinnern. Um alle diese Einzelheiten genau wiedergeben zu können, war Emerich selbst nach dem heiligen Lande gereist. Aber das kleine Wässerchen, das dort den "Bach Kidron" bedeutet, und über den Ölberg hinaus, liegt auf einer Anhöhe der Friedhof der Stadt, auf dessen ältestem Teile das Grab des Theosophen Jakob Böhme sich befindet, außerdem die Gruft des berühmten Görlitzer Bürgermeisters Bartholomäus Scultetus, der Tycho Brahe ein Lehrer war und mit Kepler in Briefwechsel stand. Auf dem neuen Friedhof hat eine Freundin Goethes die letzte Ruhe gefunden. Wilhelmine Herzlieb, die spätere Gattin des Jenaer Oberappellationsgerichtsrats von Walch. Sie war Goethes Vorbild zur Ottilie in den Wahlverwandtschaften. Am Tage der hundertjährigen Wiederkehr ihres Geburtstages, am 22. Mai 1889, ehrte die Stadt ihr Gedächtnis, indem sie das Grab mit einer Gedenktafel versah, die sinnig die Inschrift trägt: "Goethes Liebe verklärte Dir einst die glückliche Jugend, Goetheliebe, sie schmückt Dir das erlösende Grab".
Am Ende der Heiligen Grabstraße liegt das Krankenhaus eine weitschichtige, nach dem sogenannten Pavillon-System errichtete Anlage modernster Art.
Kehren wir zum Obermarkt zurück und verfolgen wir den Straßenzug, der tiefer in die Altstadt führt, zunächst nach dem Untermarkt, der das Stadtbild der früheren Zeiten ziemlich treu bewahrt hat. Hier steht das architektonisch sehenswürdige Rathaus und ihm gegenüber der jetzt der Stadt gehörige "Schönhof", ein stattliches Haus der Frührenaissance. Hier sind ferner die alten Bogenhallen, die sogenannten "Läuben", wo noch heute der Kaufmann seine Waren darbietet, wie in früheren Jahrhunderten, die ehemalige Stadtwage, die Apotheke mit astronomischer Uhr, einem Werke des Zacharias Scultetus, eines Bruders des berühmten Bartholomäus Scultetus, sowie schließlich auch der Alte Brunnen, der auf keinem Marktplatz fehlen durfte. Das köstlichste Kleinod alter Baukunst aber, das der Untermarkt aufzuweisen hat, ist die Freitreppe des Rathauses mit der Säule der Justitia und reich ausgeführter Kanzel, von der herab den Bürgern der Stadt die Verfügungen des gestrengen Rates verlesen wurden. Die Kanzel gehört zu den edelsten Blüten deutscher Renaissance. Die Rathaustreppe ist als Ganzes von unübertroffener Schönheit und dürfte unter den Kunstwerken der gleichen Zeit wohl einzig dastehen.
Auf der nördlichen Seite des Untermarkts gelangen wir durch die Peterstraße nach dem herrlichsten Gotteshause der Stadt, der Kirche zu St. Peter und Paul bewunderungswürdig als eines der schönsten Bauwerke spätgotischen Stils, erhaben durch die stolze Größe und ehrwürdig durch die edle Schlichtheit des Innern. Die Kirche ist fünfschiffig und bietet Raum für 5.000 Andächtige. Unter dem Altar befindet sich die Krypta, die aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammt. Das Gewölbe, Spitzbogen mit vorspringenden Rippen, gilt als Sehenswürdigkeit. An alten Kirchen besitzt Görlitz außerdem noch die Nikolai-Kirche am Eingange zum Friedhof. Die Entstehung dieser Kirche wird bis auf die Mitte des 11. Jahrhunderts zurückgeführt. Kirchen neuerer Zeit sind die beiden katholischen Kirchen, von denen besonders die neuere St. Jakobus-Kirche durch den schmucken Backsteinbau eine Zierde des südlichen Stadtteils bildet, und die neue evangelische Lutherkirche, auf einem Hochterrain errichtet, ein in modern-romanischen Formen gehaltener Backsteinbau, dessen Kern ein Viereck mit abgestumpften Ecken bildet, über dem sich der mächtige Türmungsbau bis zu einer Höhe von 68 Metern erhebt. Am Ausgange der Langenstraße befindet sich die Synagoge.
Auf der östlichen Seite des Untermarktes führt die ziemlich steil abfallende Neißstraße nach einer von den vier den Fluß überspannenden Neißebrücken von der sich der Blick auf interessante Reste des alten Görlitz, die das Ufer der Neiße säumen und dem empfänglichen Auge sich wie ein stimmungsvolles Motiv darbieten, eröffnet. Einige Schritte über die Brücke hinüber stand früher das Wohnhaus des Schuhmachers und Theosophen Jakob Böhme (1575 bis 1624), den die Schuhmacherzunft gleich einem Hans Sachs als einen der ihrigen stets hoch gehalten hat. Die Opferwilligkeit der Schuhmacher-Innungen und der Jakob Böhme-Freunde weit in den deutschen Gauen haben auch die Mittel zu einem hübschen Denkmal für den schriftgewandten Zunftgenossen aufgebracht. Es steht in den städtischen Anlagen. Auch die Neißstraße weist zwei hervorragende Gebäude auf. Das im Barockstil gehaltene Haus Nr. 30, worin die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften ihr Heim aufgeschlagen hat, und wo einst Fürst Leopold von Dessau und Theodor Körner Quartier genommen hatten, und das danebenstehende Haus Nr. 29, mit einem Torbogen in reicher Renaissance und vielen Darstellungen aus der biblischen Geschichte in Halbreliefs.
Auf der Südseite des Untermarktes führt die Weberstraße über die Elisabethstraße, die einstmals Rahmhof hieß, weil die in der Stadt sehr zahlreichen Tuchmacher hier ihre Rahmen aufstellten, durch die Friedrich-Wilhelmstraße nach den Anlagen. Sobald wir den diese Straße abschließenden Portikus erreicht haben, sehen wir den herrlichen Park der Stadt und die Hauptpromenade vor uns.
Die Anlagen sind Schmuck und Zier der Stadt. Mit ihren leicht gewellten Hügeln, ihren Terrassen, Abhängen, Höhen, Schluchten und Felsenkuppen längs der beiden Ufer der Neiße bot die Natur der Kunst für ihr Schaffen ein reiches und dankbares Feld, und der nachhelfende Gärtner hat erreicht, daß alle malerischen Effekte in diesem groß angelegten Gemälde der Landschaft trefflich zur Geltung kommen. Im Park stand die Musikhalle, wo seit einer Reihe von Jahren unter dem Protektorate des Grafen von Hochberg die Schlesischen Musikfeste abgehalten worden sind; sie war ein schlichter Holzbau und ist jetzt abgebrochen, um der als Monumentalbau geplanten Stadthalle, der zukünftigen Stätte für die Musikfeste, Platz zu machen. Jenseits der Neiße, ebenfalls inmitten der Anlagen, hat auf einer Anhöhe ein anderer Prachtbau Platz gefunden: die Oberlausitzer Gedenkhalle mit Kaiser-Friedrich-Museum die sich mit ihren herrlichen Säulen, dem wundervollen Bilderschmuck und der imposanten Kuppel in unvergleichlicher Wirkung aus dem Landschaftsbilde heraushebt. Zur Eröffnung der Gedenkhalle hatte der Kaiser versprochen, nach seinem "schönen Görlitz", wie er die Stadt bei seinem ersten Besuche genannt hatte, zu kommen, und er hat zur Freude der Bürgerschaft seine Zusage zu erfüllen vermocht.
Vom Portikus führt die Promenade an dem im mittelalterlichen italienischen Palaststil erbauten Ständehaus vorbei zu dem Höhepunkt der Anlagen, dem Blockhaus-Plateau hinauf. Es liegt in unmittelbarer Nähe des eingangs erwähnten Viadukts. Von hier bietet sich ein Ausblick von unvergleichlicher Schönheit dar. Zu Füßen zwischen steilen, bewaldeten Ufern der tief hineinschneidende Fluß, auf dem zahllose Gondeln anmutig dahingleiten, und in der Ferne die Bergketten des Lausitzer, des Iser- und des Riesengebirges, ein zauberischer Anblick. Vor dem Blockhausgebäude ist dem Prinzen Friedrich Karl ein Denkmal errichtet worden. Das Blockhaus ist ein beliebter Erholungsort. Auf dem südlichen Höhenzuge hinter dem Plateau ladet noch eine zweite Restauration zur Rast und Erfrischung ein: das im Schweizerstil erbaute Weinberghaus seiner freien Lage wegen im Volksmunde "Ozonschenke" genannt. Auch von hier aus bietet sich eine herrliche Aussicht dar. In duftiger Klarheit zeigt sich auch hier die Landeskrone mit der im Burgenstil erbauten Restauration und dem Bismarckturm. Wäre die Landeskrone auch nicht das Eigentum der Gemeinde Görlitz, zwischen ihr und der Stadt würden doch die engsten Beziehungen bestehen. Es ist, als gehörten sie zusammen, als bestände zwischen ihnen eine geheime Sehnsucht, einander immer näher zu kommen. Tausende erfreuen sich jährlich auf der Landeskrone an der wunderbaren Fernsicht, die ein Reich mit mehreren hundert Dörfern und zahlreichen Bergen umfaßt.
Wir nehmen Abschied von der lieblichen Landschaft und kehren in die Stadt zurück. Wir nehmen unsern Weg durch die Anlagen, wo wir noch einen Blick auf das idyllisch gelegene Denkmal Robert Oettels (des verdienten Begründers der Hühnerzucht-Vereine) werfen und über die Aktienbrauerei am Goethebrunnen und dem Schillerdenkmal vorüber durch die Moltke- und Blumenstraße nach dem freundlichen Wilhelmsplatz mit dem Roondenkmal. Von hier aus gelangen wir durch die Straßburg-Passage in kurzer Zeit wieder auf die Berlinerstraße und nach dem Bahnhofe zurück.

Städtische und öffentliche Zustände 
Görlitz, nach Breslau die größte Stadt Schlesiens, ist Sitz der Provinzialbehörde für die in der kommunalen Provinzialverwaltung selbständig gebliebene Oberlausitz; ferner ist sie der Sitz eines Landgerichts mit zehn Amtsgerichten, eines Handelsgerichts, eines Amtsgerichts, der Handelskammer für die Preußische Oberlausitz, einer Reichsbankstelle, eines Hauptsteueramts und eines k.u.k. österreichischen Hauptzollamts, der Görlitzer Fürstentums-Landschaft, eines Bezirkskommandos und einer Kgl. Bergbehörde usw.
Görlitz ist eine der reichsten Städte Deutschlands. Zum Besitz der Stadt gehören Forsten im Umfange von 25.700 ha, die zum Teil über Braunkohlenlagern sich ausbreiten. Die Stadt ist dazu übergegangen, die wirtschaftliche Hilfsquelle, die sich ihr in der Ausbeutung des starken Kohlenlagers darbot, zu erschließen, und zwar betreibt sie den Abbau der Kohle in eigener Verwaltung. Von den großen wirtschaftlichen Betrieben der Stadt sind außer der Forstwirtschaft und des städtischen Bergwerks noch zu nennen die städtischen Güter, die neue Gasanstalt, das Elektrizitätswerk, der Schlacht- und Viehhof, die Wasserleitung und Kanalisation. Dazu kommen die bereits erwähnten städtischen
der Pflege von  Kunst und Wissenschaften
dienenden Anstalten.

Die Gesundheitsverhältnisse der Stadt sind die besten. Görlitz liegt 220 Meter über dem Meeresspiegel auf einem größtenteils felsigen Untergrund. Der mittlere Luftdruck beträgt 743 mm; das Jahresmittel der Lufttemperatur beläuft sich auf 8,8 Grad Celsius. Die Temperaturmaxima betrugen in den letzten Jahren 28 bis 32 Grad, die Minima -9 bis -19 Grad. In den Sommermonaten tritt anhaltende Schwüle nicht ein, da durch die Nähe der Gebirge regelmäßig abends ein erfrischender Temperaturausgleich stattfindet, ebensowenig ist in den letzten Wintern anhaltende Kälte zu verzeichnen gewesen. Die relative Luftfeuchtigkeit beträgt durchschnittlich 77 bis 80 Prozent. Die Höhe der Niederschläge hält sich in mäßigen Grenzen. Die klimatischen Verhältnisse sind durchaus angenehmer und gesunder Art, und sie werden noch unterstützt durch eine im Verhältnis zu anderen Orten sehr reine Luftbeschaffenheit. Besonders vorherrschende oder endemische Krankheiten gibt es hier nicht. Die Sterbeziffer ist wie in anderen Orten so auch hier erheblich heruntergegangen und betrug auf 1.000 Einwohner berechnet im Jahre 1904: 20,39, 1905: 20,28, 1902: 21,4, 1901: 21,8. Ansteckende Krankheiten finden keine große Verbreitung; zumal Typhuserkrankungen kommen dank der vorzüglichen Grundwasserversorgung nur noch höchst selten vor, wobei es sich dann meist nur um von auswärts eingeschleppte Fälle handelt. Die allgemeinen Gesundheitsverhältnisse sind demnach in Görlitz durchaus günstige und zählen zu den bevorzugteren innerhalb des Staates.

Die Schulverhältnisse der Stadt zeigen eine so reiche Gliederung, daß sie allen Anforderungen und Wünschen zu genügen vermögen, namentlich ist dies auch hinsichtlich der Fachausbildung der Fall. Görlitz hat als höhere Knabenschule: das Gymnasium am Klosterplatz, gegründet 1565, ferner ein Reformrealgymnasium verbunden mit einem Königlichen Pädagogischen Seminar zur Ausbildung der Kandidaten des höheren Lehramts, und eine Realschule. Alle drei Anstalten haben Vorschulklassen. Mädchenschulen sind: eine höhere Mädchenschule verbunden mit Lehrerinnen-Seminar (Wilhelmsplatz) und eine Mädchen-Mittelschule.
Fach-Schulen sind zu erwähnen die königliche Baugewerkschule, Am Friedrichsplatz, mit Hochbau - Abteilung und der früher in Magdeburg geführten Steinmetz-Abteilung, sowie die königl. Maschinenbauschule, ebenfalls Am Friedrichsplatz. Mit ihr ist eine Abend- und Sonntagsschule für Metallarbeiter verbunden. Ferner die Handelslehranstalt der Handelskammer zu Görlitz, die kaufmännische Fortbildungsschule, die landwirtschaftl. Winterschule, die städt. Haushaltungs- und Gewerbeschule mit kunstgewerblichem Zeichnen, kaufmännischem Unterricht und Kursen für Handarbeit und Schneidern für junge Mädchen, die städtische Handfertigkeitsschule, zwei städtische Haushaltungsschulen und die städtische Handwerker-Fortbildungsschule.
Volksschulen besitzt Görlitz zehn evangelische und zwei katholische Gemeindeschulen.
An Privatanstalten sind errichtet eine höhere Mädchenschule mit Pensionat von Frl. Marie Kraner, die Hauptmann Feyerabendsche staatlich konzessionierte Vorbereitungsanstalt für sämtliche Schul- und Militärexamina mit eigenem Pensionat, die Brinksche staatlich konzessionierte Militärvorbereitungsanstalt, die Berlitz School of Languages, und außerdem noch sechs Privatschulen für Handelswissenschaften, drei Privatschulen für Musikunterricht, zwei Haushaltungspensionate und eine Privatkochschule. Daneben zählt das Adreßbuch noch dreißig Pensionate für Knaben und Mädchen auf.
Als wissenschaftliche Institute und Vereine sind hervorzuheben die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften, gegründet am 21. April 1779, mit reichhaltiger Bibliothek von 70.000 Nummern, 400 Originalurkunden, wertvoller Siegel-, Münz-, Kupferstich-, Altertümer- und Landkartensammlung; die Gesellschaft besitzt ein eigenes Heim auf der Neißstraße und gibt eine eigene wissenschaftliche Zeitschrift "Das Neue Lausitzische Magazin" heraus; dieNaturforschende Gesellschaft, gegründet 1811, besitzt gleichfalls ein eigenes Heim mit großem Sitzungssaal, Bibliothek (16.000 Bände), sowie reichhaltigen Sammlungen (5000 Vögel, Pflanzensammlung mit mehr als 18.000 Arten, ...), sechs Sektionen, Schriftenaustausch mit vielen gelehrten Gesellschaften. Die Sammlungen sind geöffnet im Sommerhalbjahr: an Sonntagen von 11 bis 1 1/2 Uhr, Mittwochs von 2 1/2 bis 4 1/2 Uhr unentgeltlich (für Fremde nach vorheriger Meldung beim Kastellan zu jeder Zeit); die Gesellschaft für Anthropologie und Urgeschichte der Oberlausitz. Hierzu kommen noch 28 wissenschaftliche und Bildungsvereine, die wegen der anregenden Vorträge, die sie ihren Mitgliedern alljährlich bieten, besonders zu erwähnen sind.
Zahlreiche Bibliotheken kommen dem Lesebedürfnis des einzelnen je nach Bildung und Neigung entgegen. Neben den bereits genannten Büchersammlungen der Oberlausitzischen sowie der Naturforschenden Gesellschaft, die wohl auch Nichtmitgliedern zugänglich sind, stehen dem Publikum die Milichsche Bibliothek (Bibliothekar. Prof. Dr. Buchwald), in der Lesehalle (Jochmannstr.) sowie mehrere Volksbibliotheken, denen der verstorbene Ehrenbürger von Görlitz, Geh. Kommerzienrat Müller, ein stattliches Heim in der "Lesehalle" (Jochmannstraße) gestiftet hat, zur Verfügung. Daß endlich zahlreiche Leihbibliotheken am Orte vorhanden sind, bedarf wohl nicht erst der Erwähnung.
Als Kunststadt ist Görlitz auch in weiteren Kreisen durch die seit 1889 hier regelmäßig abgehaltenen Schlesischen Musikfeste bekannt geworden; doch haben auch Theater, Malerei und Kunstgewerbe ihre Stätten in der Stadt gefunden, und es unter mannigfacher ideeller wie materieller Begünstigung zu hoher Bedeutung gebracht. Die Bühnenkunst findet ihre sorgsamste Pflege im Stadttheater, das sich unter der Leitung tüchtiger Direktoren sowohl die Aufführung von Opern wie klassischer Dramen durch hervorragende Kräfte angelegen sein läßt, daneben aber auch die Bekanntschaft mit den besten Bühnen-Neuheiten in mustergültigen Vorstellungen vermittelt. Während des Sommers finden im Wilhelmtheater gute Lustspiel- und Operetten-Vorstellungen statt. Malerei und Kunst - Gewerbe finden ihre Förderung im Kunstverein und Kunstgewerbeverein.
Die hygienischen Einrichtungen der Stadt lassen nichts zu wünschen übrig. In erster Linie ist das Wasserwerk zu nennen, das ein vorzügliches Trinkwasser liefert, und dessen Quellenreichtum groß genug ist, um den gesteigerten Bedürfnissen einer wachsenden Bevölkerung zu genügen. Der Krankenpflege dient in erster Linie das am 1. März 1905 eröffnete große, den neuesten Errungenschaften der ärztlichen Wissenschaft entsprechende Städtische Krankenhaus. Außerdem sind mehrere Privatkliniken und zwei von Ärzten geleitete Anstalten für orthopädische Chirurgie, Heilgymnastik und Massage vorhanden. Die Stadt unterhält im Sommer zwei neuerbaute Flußbadeanstalten innerhalb der Parkanlagen (für Männer und für Frauen), außerdem sind mehrere Privat-Badeanstalten vorhanden.
Der Sport in seinen verschiedensten Arten hat, wie überall, auch in Görlitz eine zahlreiche Anhängerschaft gefunden. Durch die Fürsorge der Stad tverwaltung stehen den Sportfreunden in den städtischen Anlagen mehrere große Plätze zur Verfügung, wo sie dem Tennisspiel, dem Fahrradsport oder Jugendspielen obliegen können. Im Winter geben die großen Teiche in den Anlagen mit ihren prächtigen Eisflächen stets gern benutzte Gelegenheit zum Schlittschuh-Laufen, und an den Abhängen der Anlagen, so am Blockhaus und am Weinberghaus, sind mehrere Strecken für den Schlittensport freigegeben. Dem Reitsport dient ein besonderes Leitinstitut, und für Freunde des Radsports sind mehrere Radfahrinstitute vorhanden. Den Anhängern des Automobilsports bietet sich Gelegenheit, Fahrzeuge zu leihen.

Das gesellschaftliche Leben der Stadt bietet in seiner reichen Mannigfaltigkeit jedem, der sich dauernd in Görlitz niederlassen will, Gelegenheit, sich dem ihm zusagenden Kreise anzuschließen.
Die Wohnungs- und Lebensmittel-Verhältnisse in der Stadt sind äußerst günstig. Für die dauernde Niederlassung von Familien gibt es in Görlitz Wohnungen, die den verschiedensten Ansprüchen gerecht werden, von den einfacheren bis zu den weitgehendsten. Auch zahlreiche Villen sind vorhanden, ferner bietet ausgedehnter Baugrund, auch solcher städtischen Besitzes, die Möglichkeit, sich Wohnhäuser oder Villen nach eigenem Geschmack zu errichten.
Wohnungssuchenden werden außer im Büro des Verkehrsvereins, Berlinerstr. 63 part. in der Geschäftsstelle des Görlitzer Hausbesitzer-Vereins, Konsulstraße Nr. 2, parterre, nahe der Post, unentgeltlich geeignete Wohnungen nachgewiesen, ebenso wird dort in bereitwilligster Weise Rat und Auskunft in Mietsangelegenheiten erteilt, Gedruckte Wohnungsanzeiger sind dort zum Preise von 5 Pfg, käuflich.

Die Oberlausitzer Gedenkhalle mit Kaiser Friedrich-Museum wurde aus Anlaß des Abscheidens Kaiser Wilhelm l. und Kaiser Friedrichs lll. zu Ehren dieser beiden Kaiser von den Bewohnern der preußischen und sächsischen Olberlausitz errichtet. Die Ausführung der Gedenkhalle wurde auf Grund des preisgekrönten Entwurfes Professor Hugo Behr übertragen. Der Bau wurde 1898 begonnen und am 28. November 1902 durch Kaiser Wilhelm ll. eingeweiht; am selben Tage ging die Gedenkhalle in den Besitz der Stadt Görlitz über. Das Museum wurde am 1. Juni 1904 eröffnet. Das Gebäude umfaßt die eigentliche Gedenkhalle (Kuppelraum) und das Kaiser Friedrich-Museum. Letzteres hat die Aufgabe, die besondere Heimatkunde zu pflegen und die Darstellung eines möglichst geschlossenen Kulturbildes der Olberlausitz zur Anschauung zu bringen. Das Museum gliedert sich in die kulturgeschichtlichen Sammlungen der Olberlausitz, in die kunstgewerbliche Abteilung und in die Abteilung für bildende Kunst mit bescheidenen Anfängen von Erzeugnissen der Bildhauerkunst. In zwei Seitenlichträumen werden in wechselnder Folge Kunstwerke und Reproduktionen       älterer und moderner Meister (Kupferstiche, Photographien und dergl.) zur Ausstellung gebracht und durch Vorträge erläutert. Ein Führer durch die Olberlausitzer Gedenkhalle mit Kaiser Friedrich-Museum ist für 30 Pf. beim Kastellan käuflich. Die Gedenkhalle ist geöffnet: im Sommer täglich mit Ausnahme der Montage, des Charfreitags und der ersten hohen Festtage von 10-1 und 3-6 Uhr, im Winter an denselben Tagen von 11-3 Uhr. Mittwochs und Freitags wird ein Entrittsgeld von 50 Pf. erhoben, an allen andern Tagen ist der Eintritt frei.

Die Umgegend von Görlitz

Der am meisten besuchte Punkt in der nächsten Umgebung von Görlitz ist die Landeskrone, ein basaltischer Sattelberg, der sich 426 Meter über den Meeresspiegel und 226 Meter über die Stadt Görlitz erhebt. Eine breite, von der Stadt angelegte Promenadenstraße führt nach einer Wanderung von einer knappen Stunde zu dem am Fuße des Berges gelegenen Dörfchen Klein- Biesnitz, von wo der Gipfel des Berges auf bequemen Wegen in einer halben Stunde zu erreichen ist.

Sehr verschieden hiervon ist ein Weg, der den Spaziergänger durch die Dörfer Moys und Leschwitz führt und der trotz seiner reichen Abwechselung nicht so betreten wird, wie die Promenade nach der Landeskrone. Wir durchwandern die städtischen Parkanlagen auf dem rechten Neißeufer und am Rothwasser bis zum Gutshofe in Moys, von wo der Weg durch Feld, Wiese und ein Wäldchen zunächst nach Posottendorf und dann über die Neißebrücke und Leschwitz nach der Stadt führt. Für den Bewohner von Görlitz bieten sich noch hundert reizvolle, stets Abwechselung gewährende Wanderungen durch die Ortschaften in nächster Umgebung der Stadt. Beispielsweise laden zum Besuch ein die Ortschaften Jauernick mit seinen waldigen Bergen, Leopoldshain im Osten der Stadt, ferner Ebersbach und Kunnersdorf im Schöpstal, Ludwigsdorf und Hennersdorf unterhalb der Stadt an der Neiße. Nach kurzer Bahnfahrt zu erreichen sind die Königshainer Berge mit großen Granitsteinbrüchen, der Rotstein, der Löbauer Berg, das romantische Neißtal beim Kloster Mariental, die Talsperre des Queiß bei Marklissa. Schier unerschöpflich ist die Auswahl der Touren, die von Görlitz während eines Tages gemacht werden können. In ein bis zwei Stunden erreicht der Wanderer mit der Bahn alle Orte des Lausitzer Gebirges mit dem Oybin, dem Töpferberg, dem Hochwald, dem Nonnenklunzen, der Lausche, dem Tollenstein, oder er gelangt in die sächsische Schweiz, oder in das Isergebirge mit dem Greiffenstein, Bad Flinsberg, Iserkamm, Tafelfichte, Hochstein oder in das Riesengebirge mit der Ruine Kynast, den Schneegruben, der Schneekoppe, deren Besuch im Winter einen besonderen Reiz durch die Hörnerschlittenfahrten gewinnt. In der gleichen Zeit sind die malerischen Landschaften Nordböhmens zu erreichen, so die Stadt Friedland mit dem Schlosse Wallensteins, die Stadt Reichenberg mit dem Jeschkenberge, die Böhmische Schweiz bei Rumburg.

Aber nicht nur zahllose Gebirgswanderungen laden den Görlitzer Bürger zum Wandern in Gottes freier Natur ein; auch die im Norden von Görlitz beginnende norddeutsche Tiefebene bietet zahlreiche interessante Punkte in den ausgedehnten, zum großen Teil der Stadt gehörigen Waldnugen. Viel gerühmt wird in der Görlitzer Heide der Könnteberg und der Wohlenteich, die von der Bahnstation Kohlfurt zu erreichen sind. Auch wird Muskau sowie der Spreewald an der Berlin- Görlitzer Bahn von Ausflüglern viel besucht.
Ausflüge für halbe Tage: Jauernicker Kreuzberg mit prächtiger Aussicht auf das Neißetal und das Isergebirge. Königshainer Berge mit Hochstein und sehenswerten Granitsteinbrüchen (mit der Kreisbahn bis Königshain). Ullersdorf und Jänkendorf (Wagenpartie, zu Fuß 4 1/2 Stunden) Schöpstal. Zunächst nach Girbigsdorf und dann am rechten Ufer des Schöps entlang über Ebersbach und Siebenhufen nach dem schön gelegenen Kunnersdorf. Von hier aus nach der Haltestelle Charlottenhof und mit der Bahn zurück. Steinbachtal: Über Biesnitz und durch Friedersdorf nach dem reizend gelegenen Waldhaus, und von hier durch den Nonnenwald nach dem Steinbachtal, Rotstein: Mit der Bahn bis Zoblitz, von hier auf bequemen Wegen schattige Waldpartie. Löbauer Berg: Mit der Bahn bis Löbau; oben die Restaurationen "Zum Honigbrunnen" und "Zum Berghaus". Neißtal: Mit der Bahn bis Rußdorf, dann durch Rußdorf nach Mariental, und auf schönem Wege am linken Ufer der Neiße entlang nach dem malerisch gelegenen Rosenthal und durch den Wald nach der Burgruine Rohnau. Engelsdorfer Tal: Mit der Bahn bis Seidenberg, und von hier über Ostrichen und Wiesa in das Engelsdorfer Tal mit herrlichem Waldbestand. Über Schönfeld nach Ostritz und von hier mit der Bahn zurück.

Ausflüge für ganze Tage

Queißtal: Mit der Bahn nach Marklissa. Hier von der neuen Queißbrücke herrlicher Promenadenweg am Queiß entlang vorbei am Adlerstein und der idyllisch gelegenen Hagenmühle nach der Queißtalsperre und bis zur Burg Tzschocha. Über Rengersdorf nach Goldentraum, der Finkenmühle, dem Kienberg nach Greiffenberg und mit der Bahn nach Görlitz zurück. Flinsberg: Mit der Bahn nach Greiffenberg und Friedeberg. Von hier aus mit dem Omnibus nach Bad Flinsberg. Heufuder - Tafelfichte: Zunächst nach Flinsberg und von hier in 1 Stunde auf die Höhe des Iserkammes. Warmbrunn - Bismarckhöhe - Kynast: Mit der Bahn bis Hirschberg (Sonntagskarte) und von hier mit der elektrischen Straßenbahn bis Warmbrunn usw. Schreiberhau - Zackenfall - Neue schlesische Baude: Mit der Bahn bis Schreiberhau. Schneekoppe: Mit der Bahn bis Krummhübel (Sonntagskarte). Zittau - Oybin - Töpfer: Mit der Bahn nach Zittau und von hier mit der Nebenbahn nach Dorf Oybin, ebenso auf der Tour nach dem Nonnenklunzen und der Lausche. Bieleboh - Czorneboh. Mit der Bahn über Löbau bis Beiersdorf. Löwenberger Schweiz: Mit der Bahn über Greiffenberg bis Löwenberg, Friedland - Haindorf - Liebwerda in Böhmen: Mit der Bahn (Sonntagskarte) über Seidenberg zunächst bis Friedland. Hier größte Sehenswürdigkeit das alte Wallenstein-Schloß. Muskau: Mit der Bahn (Sonntagskarte) über Weißwasser nach Muskau, dem Hauptorte der freien Standesherrschaft Muskau. Herrlicher Park (vom Fürsten Pückler angelegt), Spreewald: Mit der Bahn nach Cottbus und dann mit der Kreisbahn bis Burg. Von hier mit dem Kahn lohnende Partien.

Eisenbahnverbindungen  Görlitz ist ein Knotenpunkt für die Eisenbahnlinien in der Richtung nach Berlin (über Cottbus oder Kohlfurt) und in der Richtung nach Glatz, sowie in der Richtung nach Dresden und in der Richtung nach Breslau; ferner mündet hier die Linie in der Richtung nach Reichenberg in Böhmen (über Seidenberg) und nach Zittau. Infolge seiner zentralen Lage sind die Verbindungen von Görlitz aus nach allen Richtungen hin vorzüglich. Die Fahrzeit beträgt nach Görlitz von:

  • Berlin 3 1/2 Std.
  • Breslau 3 Std.
  • Dresden 1 3/4 Std.
  • Glatz 5 1/2 Std.
  • Halle a.S. 4 1/2 Std.
  • Hof 6 Std.
  • Kattowitz 6 1/4 Std.
  • Leipzig 3 3/4 Std.
  • München 14 Std.
  • Myslowitz 6 3/4 Std.
  • Prag 5 1/2 Std.
  • Reichenberg i.B. 2 Std.
  • Wien 14 1/2 Std.
  • Zittau 1 Std.

Aus dem großen Durchgangsverkehr zwischen dem Norden und Süden und dem Osten und Westen führen folgende Reise-Verbindungen über Görlitz. Berlin - Cottbns - Görlitz - Glatz - Kattowitz. Myslowitz - Breslau - Görlitz - Dresden - Hof - Nürnberg - Crailsheim - Friedrichshofen. Warschau - Sosnowice - Breslau - Görlitz - Dresden - Hof - München - Lindau - Zürich - Genf. Warschau - Sosnowice - Breslau - Görlitz - Dresden - Hof - Würzburg - Heidelberg - Ludwigshafen - Metz - Paris.

Bahnhöfe

Der Bahnhof für die Königlich preußischen Linien (Berlin, Breslau, Glatz) und die Königlich sächsischen Linien (Dresden, Zittau) befindet sich in der Bahnhofstraße, gegenüber der Berlinerstraße. Der Bahnhof der Kreisbahn (Strecke Görlitz - Königshain - Tetta) liegt in der Rauschwalderstraße, am Endpunkt der Straßenbahnlinie Moys -Rauschwalde.

Elektrische Straßenbahn. Fahrpreis innerhalb der Stadt-Tarif-Grenzen für jede Linie 10 Pfg. 12 Touren (gegen Lösung von Marken) 1 Mark. Zuzahlungen über die Tarifgrenzen auf den Strecken jüdischer Friedhof - Landeskrone sowie Stadt Prag - Moys 5 Pfg. in bar. Linien: Untermarkt - Bahnhof - Schützenhaus. Ringbahn:  Bahnhof - Blockhaus - Obermarkt - Dresdenerplatz. Rauschwalderstraße - Stadt Prag - Moys. Postplatz - Landeskrone. Neues Krankenhaus (Heilige Grabstraße) - Grüner Graben - Bahnhof - Schützenhaus.

Kaiserliche Post- und Telegraphenämter       

Hauptpostamt. Postplatz 1. Außerdem die Postämter: Bahnhofsgebäude, Weberstraße 1, Landeskronstraße 49, Viktoriastraße 4. Telegraphen- und Fernsprechvermittelungsamt Postplatz 1.

Kirchen

Kirche St. Petri und Pauli mit neuen gotischen Türmen, Galerien (schöne Anssicht), großer Glocke, Tetzels Ablaßkasten, mit der unterirdischen St. Georgskapelle. Meldungen beim Küster, Bei der Peterskirche 9 parterre. Kirche zur heiligen Dreifaltigkeit mit vorzüglichen Holzschnitzereien, u.a.: Der im Schoße Marias ruhende Leichnam Christi, von Olmützer; Meldungen beim Küster, Klosterplatz 21 parterre (am Schwibbogen). Frauenkirche mit schönem Portale, mancherlei Steinbildern und Steinmetzzeichen. Lutherkirche, Dresdenerplatz. Katholische Pfarrkirche, Struvestraße. St. Jakobuskirche, Kleine Sattigstraße. Synagoge, Langenstraße.

Denkmäler
Reiterstandbild Kaiser Wilhelms l. auf dem Obermarkt. Demianidenkmal, Marienplatz. Denkmal des Prinzen Friedrich Karl auf dem Platze vor dem Blockhause. Kriegerdenkmal (Kanonendenkmal) am Kaisertrutz, Demianiplatz. Kriegerdenkmal für die in den Kriegslazaretten Verstorbenen auf dem Friedhofe. Denkmal für die 1870 und 1871 gefallenen Turner, Turnplatz (Heilige Grabstraße). Schiller-, Humboldt-, Steudner- und Kugel-Denkmal in den Parkanlagen. Denkmal des Feldmarschalls Grafen von Roon auf dem Wilhelmsplatz. Denkmal des Schuhmachers und Theosophen Jakob Böhme an der Reichenberger- und Brückenstraßen-Ecke. Lutherdenkmal vor dem Hauptportal der Lutherkirche am Dresdenerplatz. Robert Oettel-Denkmal in den Parkanlagen in der Nähe des Weinberghauses. Goethe-Denkmal auf dem Platze an der Goethe- und Sattigstraßenecke. Bismarcksäule auf der Landeskrone. Theodor Körner-Denkmal auf der Landeskrone. Gustav von Moser-Denkmal am Stadttheater.

Unterhaltungs- und Vergnügungsstätten

Stadttheater, Demianiplatz (Schauspiele und Opern). Wilhelmtheater, An der Frauenkirche (im Sommer Lustspiele und Operetten, im Winter Varietee). Reichshallen-Theater, Berlinerstraße (Varietee). Konzerte. Aktien-Brauerei, Café Oriental, Englischer Garten, Passage-Café, Tivoli, Wiener Café, Wilhelm-Theater. - Kaiser-Panorama, Marienplatz. Welt- Theater (Panorama), Luisenstraße. Passage-Theater (Straßburg-Passage), Berlinerstraße. Apollo-Theater, Hospitalstraße.

Droschken-Halteplätze

Taxameter am Bahnhof (links vor dem Eingang), auf dem Postplatz (vor dem Viktoriahotel), auf dem Obermarkt (vor dem Hotel Zum weißen Roß). -  Droschken am Bahnhof (rechts vor dem Eingang), am Demianiplatz (dem Hause Nr. 10 gegenüber), auf der Elisabethstraße (den Häusern 42/43  gegenüber), auf dem Postplatz (südlich hinter der Post).

Görlitzer Eilbotendienst "Blaue Radler" (Messenger-Boy-Institut) Berlinerstraße 16 I. Telephon: 1320.

Autor: 
Verlag des Verkehrsvereins Görlitz
Veröffentlichungsdatum: 
1909