Die Anfänge der Reformation in Görlitz und Umgegend

Anfänge der Reformation in Görlitz 1917

von Alfred Zobel, Pastor der Dreifaltigkeitskirche

Görlitz, im Sommer 1917

Herausgegeben von dem Evangelischen Gemeinde-Kirchenrat

Inhaltsverzeichnis

  1. Das erste Keimen
  2. Der Boden ist bestellt
  3. Der alte Sauerteig ist kraftlos geworden
  4. Johannes Tetzel, der Helfer wider Willen
  5. Was muß ich tun, daß ich selig werde?
  6. Rom setzt sich zur Wehr
  7. Der Mensch denkt, Gott lenkt
  8. Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit und neues Leben blüht aus den Ruinen
  9. Das auf den Leuchter gestellte Licht des Evangaliums leuchtet von Görlitz hinaus in die Umgebung

Das erste Keimen.

Es war im Jahre 1521. Von Zittau her, wo die von Böhmen herüberkommende Pest den Sommer hindurch gewütet hatte, war sie auch in Görlitz eingedrungen. Fremde Schüler mochten sie eingeschleppt haben. Auf der Krebsgasse fielen am 22. Juli ihre ersten Opfer. Mit unheimlicher Schnelligkeit griff sie um sich. Bis zum Ende des Jahres waren nach der einen Schätzung 1700, nach einer anderen gar 2600 Personen von ihr hingerafft.

Ein immer ernsteres Anmerken ging durch viele nachdenkliche Gemüter. Görlitz stand zwar allenthalben in deutschen Landen in dem Ruf, daß es ein geistlich gottesfürchtig Volk habe. Aber was halfen alle die Stiftungen, die man für Kirche und Kloster zu Ende des 15. Und zu Anfang des 16. Jahrhunderts in so reichhaltigem Maße gemacht hatte! Was nützten die vielen Messen, die an den Altären der Kirchen gehalten wurden, die Bruderschaften, in denen man sich zu fleißiger Teilnahme am Gottesdienst und Gebet vereinigt hatte, die Wallfahrten nach besonders heiligen Orten, überhaupt alle die frommen, verdienstlichen Werke, zu denen die Kirche durch ihre Diener zu mahnen nicht müde geworden war! Schon seit einiger Zeit waren Ansichten aufgekommen, welche die Notwendigkeit der guten Werke zur Seligkeit arg in Zweifel gezogen hatten. Jetzt wurde an diesem einen Hauptpfeiler des bisherigen kirchlichen Lebens noch mehr gerüttelt. Hatte das Pestjahr 1508 allein den Mönchen des Görlitzer Franziskanerklosters noch acht meist größere Stiftungen gebracht, 1521 kam den Mönchen nur eine zugute.

Der Rat der Stadt hatte zur Zeit der Pest nichts Besseres zu tun gewußt, als durch schleunigste Flucht sich dem nahen Unheil zu entziehen. Nur einige Wenige aus seiner Mitte hatten zur Fortführung der notwendigsten Amtsgeschäfte zurückbleiben müssen. Aber einer von denen, die im öffentlichen Leben ebenfalls mit an erster Stelle gestanden hatten, war nicht gewichen. Das war der Pfarrer der Stadt gewesen, der Magister Franz Rotbart (Franziskus Rupertus). Er war Görlitzer Kind, 1479 oder 1480 in Görlitz als Sohn frommer Biederleute deutscher Art geboren, noch nicht lange als Pfarrer der Stadt tätig. Erst am 29. April 1520 war er in sein Amt eingewiesen worden, nachdem er vorher Pfarrer in Sprottau gewesen war. Als einen der Anhänger der alten Lehre der römischen Kirche hatte der Rat ihn berufen. Er war es wohl auch gewesen. Doch hatte er sich den geistigen Strömungen seiner Zeit nicht entziehen können. Manche Schrift Luthers war ihm in die Hände gekommen und von ihm gelesen worden. Manche Erzählung von Disputationen und Reichstagen war an ihn gelangt. Sein Herz hatte sich der Verkündigung des reinen Evangeliums zugeneigt. Er hatte vor allem zur Pestzeit begonnen, im Sinne eines Luther auch öffentlich zu predigen und zu lehren. Johannes Haß, von 1535 an mehrmals Bürgermeister der Stadt, ein strenger Katholik, schreibt in seinen Annalen ausdrücklich: „jetzund (zur Zeit der Pest 1521) hat sich die Lutherische Sache und sein Evangelium durch den Pfarrherren Magister Franziskus Rotbart etwas hervorgetan.“ Das Jahr 1521 bedeutet den Anfang der Reformation in Görlitz.

Der Boden ist bestellt.

Etwas „hervorgetan“ hat sich 1521 die Lutherische Sache. Also ist die Pestzeit mit ihren Erfahrungen wohl nur der Funke gewesen, welcher schon lange angesammelten Zündstoff in einer nun auch nach außen in weiterem Umfange sichtbaren Weise hat aufflammen lassen. Wie hätte auch  eine so bedeutende Stadt, wie das alte Görlitz, dieser Eckpfeiler des Oberlausitzischen Sechsstädtebundes, von den ganz Deutschland bewegenden Ereignissen unberührt bleiben können!

Seine Kaufleute, vor allem die Tuchmacher, zogen zur Messe nach Leipzig. Dort kamen nicht nur Waren zum Verkauf, sondern auch alle die Flugblätter über die neuen, aufsehenerregenden Geschehnisse im Deutschen Reich. Sie waren in deutscher Sprache gehalten und in ihrem Inhalt dem geistigen Verständnis der großen Menge möglichst angepaßt. Sie waren zumeist in Quartformat gedruckt und umfaßten an Umfang nur wenige Seiten. Die erste Seite zierte eine oft sehr kunstvolle Umrahmung, in vielen Fällen auch noch ein besonderer Holzschnitt. Auch nach Görlitz mag manche von ihnen gelangt sein.

Nach Erfurt wie überhaupt nach den thüringischen Landen stand ein reger Verkehr, den Waid, einen zum Färben der Tuche notwendigen Farbstoff, herbeizuschaffen. Görlitz war Stapelplatz für den Waid. Hauptpunkt für den Waidhandel war damals Erfurt. Aller Waid, der von Thüringen nach Schlesien geführt wurde, mußte in Görlitz abgeladen und abgeschätzt werden und so lange liegen bleiben, bis die Stadt ihren Bedarf daran völlig gedeckt hatte. So war viel Gelegenheit geboten, auch Nachrichten und Urteile über die Welthändel auszutauschen.

Wie früher nach Leipzig, so zogen vor allem seit 1519 die Söhne der wohlhabenden Geschlechter, aber auch ärmerer Bürger nach der erst 1502 begründeten Universität Wittenberg. Das Verzeichnis der bei dieser Hochschule eingeschriebenen Studenten weist für die Jahre 1519 bis 1521 allein 14 Görlitzer auf, darunter ein Valentin Trotzendorf, den späteren weltberühmten Rektor von Goldberg; er war, nachdem er in Leipzig studiert hatte und dort Magister geworden war, 1516 Lehrer in Görlitz geworden und begab sich 1519 nach Wittenberg, um sich unter Luther und Melanchthon noch weiter fortzubilden. Und diese Studenten schwiegen nicht über das, was sie von ihren geistigen Führern in den Vorlesungen und im persönlichen Verkehr erfuhren. Sie schickten Luthers Schriften nach Hause; sie erzählten nach ihrer Rückkehr mündlich von dem, was sie gesehen und gehört hatten. Schon 1518, so wird uns glaubwürdig berichtet, waren Luthers Absichten in Görlitz bekannt geworden und hatten viele zum Aufmerken und Nachdenken veranlaßt. Auch werden uns einzelne Schriften mit Namen genannt, die 1519 nach Görlitz gedrungen sind und vor allem die Kenntnis von Luthers religiöser Art vermittelten, so sieben ins Deutsche übersetzte Bußpsalmen mit Erklärungen, der 1518 gedruckte Sermon von der Kraft des Bannes und die 1519 gedruckte Erklärung des Briefes an die Galater. Überhaupt ist Luther den Görlitzern nicht lange fremd geblieben. Sein erbittertster Gegner in Görlitz, der schon genannte Johannes Haß, zeigt in seinen Annalen eine Außerordentliche Vertrautheit mit seinen Gedanken; er verweist ausdrücklich zu wiederholten Malen auf Luthers nur zu sehr ausgebildete schriftstellerische Tätigkeit.

Der alte Sauerteig ist kraftlos geworden.

Um so empfänglicher waren die Bewohner von Görlitz für die vom Westen zu ihnen dringenden neuen Gedanken gewesen, als sie das vorhandene kirchliche Leben schon lange nicht mehr recht befriedigte.

Wohl war nach dem Zeugnis eines Haß um das Jahr 1520 der Papst und die römische Geistlichkeit noch sehr gefürchtet. Als 1518 am Sonntag nach dem 16. Oktober der neue Bischof von Meißen, Hans von Schleinitz, in dessen Sprengel gehörte, in sein Amt eingeführt wurde, hatte der Rat den Unterstadtschreiber hingeschickt, sein Ausbleiben entschuldigen zu lassen und eine reiche Gabe an Wild, Wein und Geld mitgegeben. Als 1520 der Plan bestand, daß derselbe Bischof auf einer Reise in seinen Sprengel der Stadt nahegelegene Orte, wie Rothenburg, Rengersdorf, Ebersbach, berühren sollte, hatte ihn ein städtischer Abgesandter am Pfingsttage zu Bautzen ehrerbietigst gebeten, auch nach Görlitz zu kommen, zu firmen, eine Glocke, die wiederhergestellte und erweiterte Nikolaikirche und den durch einen Streit entweihten Friedhof zu weihen. Wie ein Fürst war er dann am Mittwoch vor dem Fronleichnamfest von der gesamten Priesterschaft, von den Mönchen, dem Rat, den Innungen und einer großen Volksmenge am Reichenbacher Turm empfangen und in feierlichem Zug zu einem Gottesdienst nach der Peterskirche geleitet worden. In großer Prozession, an der um seinetwillen auch die Mönche sonstiger Gewohnheit zuwider teilgenommen hatten, war er am Fronleichnamstage selbst durch die Straßen der Stadt gezogen und hatte gefirmt und geweiht, wie er gebeten worden war. Von nicht geringer Wirkung war sein Auftreten und der dabei entfaltete kirchliche Prunk gewesen. Als im nächsten Jahre der Bischof die gegen Luther gerichtete päpstliche Bannbulle mit einem Schreiben vom 6. Januar dem Rat zugeschickt hatte, war diese vom 23. Februar 1521 an bereitwilligst zum Aushang an der Haupttür der Peterskirche gelangt. Die Anhänglichkeit an die alte Kirche schien festgegründet. Und doch barg sich hinter der gleißenden Außenseite viel Unschönes und Unedles. Diejenigen Einwohner, die schon etwas mit Luthers Gedanken vertraut waren, kamen darüber umsoweniger hinweg, je mehr man es durch die Entfaltung der äußeren Pracht kirchlicher Zeremonien in Vergessenheit bringen wollte.

Es mochte eine rauhere und derbere Zeit als die unsrige sein, jene Zeit um die Wende des 15. Jahrhunderts. Aber auch nach ihrer Auffassung hatte der Bierstreit, der von 1474 bis 1498 zwischen den Pfarren Schwoffheim und Behem einerseits und dem Rat andererseits über den Ausschank fremden Bieres in dem Pfarrhof geführt worden war, nicht dazu beitragen können, das Ansehen der Geistlichkeit zu befestigen oder gar zu erhöhen. Der Stachel blieb zurück, daß Priester die auf ihrem Pfarrhof haftenden Biergerechtigkeit und den Verdienst am Bier hatten zum Anlaß nehmen können, einen jahrzehntelangen Streit, der bis vor des Papstes Richterstuhl geführt wurde, durchzuhalten.

In einer Schrift des Görlitzer Stadtschreibers Johannes Frauenburg von 1476 über die Pflichten eines mittelalterlichen Bürgermeisters war gesagt worden, ein Bürgermeister solle vor allen Dingen Achtung haben auf Gottes Ehre und Dienst, daß er gemehret werde, und daß der priesterliche Stand gewürdigt werde. Demzufolge hatte der Rat in wiederholten Schreiben in den Jahren 1497 bis 1499 die geistlichen Oberen gebeten, den sogenannten wilden Brüdern im Franziskanerkloster zu wehren und noch 1509 gedroht, er werde, wenn der geistliche Vorgesetzte es nicht tue, seinerseits Wege suchen, um einer Verwilderung der Geistlichkeit zu begegnen.

Und nicht bloß im Kloster mag es trotz des Eingreifens der Vorgesetzten zuweilen recht schlimm gestanden haben. Auch von der anderen Geistlichkeit zeichnet ein so wenig verdächtiger Zeuge wie Johannes Haß ein nicht eben erfreuliches Bild. Über Martin Faber, der als Pfarrer dem streitsüchtigen Behem gefolgt war, hatte man nicht zu klagen gehabt. Sein goldenes Priesterjubiläum war 1518 unter aufrichtiger Teilnahme des Rates begangen worden. Ebensowenig war die Lebensführung des Pfarrers Rotbart Ursache zum Tadel geworden. Auch den Predigern und Kapellänen war hinsichtlich ihres Wandels wohl nichts nachzusagen gewesen. Aber die sogenannten Altaristen empfangen von Haß eine um so schlimmere Beurteilung. Bis zu 42 von ihnen haben täglich zur Besorgung der bei den Reliquienaltären zu verrichtenden Handlungen in ihren Stühlen gestanden. Es waren gemeinhin grobe, ungelehrte Gesellen. Sie taten nichts anderes, verstanden auch nichts anderes, als in der Woche 3, 4 und 7 Messen zu lesen. Ja sogar dazu waren sie oftmals nicht geschickt. Haß sagt, sie seien zuweilen dazu gegangen wie die Sau zum Troge, und es sei ein großes Unrecht von den Bischöfen gewesen, solcher ungeschickter Pfaffen überaus viele zu ordinieren und die ganze Welt mit ihnen zu erfüllen. Denn war´s zu verwundern, wenn diese priesterlichen Personen schon des Müßiggangs wegen auf Abwege gerieten? Ihrer Büberei zu steuern, hatte der Rat um 1500 herum sich genötigt gesehen, ihnen zum Teil die eigene Wohnung zu entziehen und sie durch das Tragen von großen Studentenkappen, deren lange Zipfel auf den Achseln zu ruhen hatten, also durch eine besonders auffällige Tracht vor der Bürgerschaft kenntlich zu machen. Etwa bis 1510 muß diese Anordnung Bestand gehabt haben. Diese Art von Priestern mußte, wie Haß schreibt, in großer Furcht gehalten werden.

Johannes Tetzel – der Helfer wider Willen

Dem Ansehen der Kirche nicht weniger schädlich erwies sich das Auftreten des bekannten Dominikanermönches Johannes Tetzel. Am 21. Dezember 1508 war er nach Görlitz gekommen, um einen Ablaß zugunsten des Deutschen Ritterordens in Livland gegen die ungläubigen Russen zu verkünden. Bis gegen Ende September 1509 war der Ablaß verkauft worden. Dann hatte der Rat unter der Bedingung, daß die Hälfte des Ertrages der Peterskirche zugute käme, in eine Verlängerung bis 1510 gewilligt. Nicht dauernd war Tetzel zugegen gewesen. Doch steht Haß nicht an, seinerseits Tetzel überaus vieler zweifelhaft unchristlicher Worte und Meinung zu zeihen und den allgemeinen Eindruck seines Auftretens dahin zu kennzeichnen, „seine verwegenen Predigten, daß er so frech und um des Geldes willen den Ablaß aufgedrungen, hätten viel Leute übel gefallen“. Hatte doch Tetzel, nach Haß ein großer, starker Mann, beredt und sehr kühn in seiner Sprache, auch ziemlich gelehrt, aber leichtsinnigen Lebenswandels, sich nicht gescheut, wiederholt zu erklären, er wäre mehr als die Mutter Gottes zur Vergebung und zur Behaltung der Sünde, sobald der Pfennig ins Becken geworfen würde und klinge, sobald wäre die Seele, dafür er geleget, gen Himmel, er wäre ein Ketzermeister, allem, die wider seine Predigt und den Ablaß redeten, denen wolle er die Köpfe abreißen lassen und sie blutig in die Hölle verstoßen, er wolle die Ketzer verbrennen lassen, so daß der Rauch über die Mauern hinausschlagen solle. Auch hatte er das Volk aufgefordert, ihm nach der Predigt zu folgen und gesagt, jetzt wollte er für seinen Vater und jetzt für den und den Verstorbenen einlegen, so wäre es denn nicht not, seiner weiter mit Fürbitten zu gedenken, denn er wäre nunmehr der Seligkeit gewiß. Und wenn dann das Volk eingelegt hätte, dann sei er zum Becken gegangen und habe sich die Tasche voll Geldes gesteckt.

Was muß ich tun, daß ich selig werde

Dieses Gebaren mußte schließlich um so zersetzender wirken, da ein heißes, aufrichtiges Verlangen nach der Seligkeit viele Herzen erfüllte. Haß bezeugt, das Volk, vor allem die frommen Matronen seien durch Tetzel nicht wenig bewegt worden, sie wären ihm gern zum Becken gefolgt, hätten viel eingeworfen, um sich des Ablasses teilhaftig zu machen, hätten auch viel vor allem die Ablaßbriefe gekauft. An diesem Bericht fügen sich andere Beobachtungen. 1481 bis 1489 wurde die Kapelle zum heiligen Kreuz, die bis dahin nur aus Holz bestanden hatte, nach dem Vorbild der Kalvarienkapelle zu Jerusalem in der heut noch bestehenden Gestalt aus Steinen errichtet, und in den folgenden Jahren bis ins 16. Jahrhundert hinein die ganze Anlage des heutigen Heiligen Grabes. 1494 wurde an der Kapelle  zu Unserer lieben Frauen das neue Dach eingedeckt und der hölzerne Glockenstuhl aufgestellt. Am 14. August 1497 war das große Werk der Erweiterung und Erneuerung der Peterskirche nach einer Bauzeit von mehr als 74 Jahren zum glücklichen Ende geführt. Die Jahre 1450 bis 1512 brachten der Mönchskirche, der heutigen Dreifaltigkeitskirche, eine weitere Ausgestaltung und bessere Ausschmückung. Von 1508 bis 1512 entstand die Annenkapelle. Von 1515 an wurde der Erneuerungs- und Erweiterungsbau der Nikolaikirche, der 63 Jahre lang geruht hatte, wieder reger in Angriff genommen, ohne daß er freilich bei der Einweihung 1519 bereits vollendet gewesen wäre. Und zu all diesen Bauten waren in der Hauptsache freiwillige Gaben gespendet worden. Ja die Annenkapelle hatte der Großkaufmann Johann Frenzel überhaupt ganz aus eigenen Mitteln errichtet. Außerdem, wieviel Stiftungen für die Altäre, für die Priester, für das Kloster! In der Nikolaikirche wurden jährlich 2000 Seelenmessen, in Ganz Görlitz aber jährlich an 15.000 gelesen. Den Kloster flossen gerade von 1470 bis 1518 Gaben an Wachs, Kirchwein, Kelchen, Stoffen für die Meßgewänder und für Altarbekleidungen in nicht geringem Umfange zu; auch enthielten 1505 bis 1516 gefertigte Testamente mancherlei Vermächtnisse für Kloster und Kirchen. Ebenso suchten gegen Ende des 15. Jahrhunderts und am Anfang des 16. Jahrhunderts viele angesehene Personen beiderlei Geschlechts ihre letzte Ruhestätte in der Kirche der Mönche. Das Verlangen nach der Seligkeit war groß. Man suchte nach Unterpfändern der göttlichen Gnade. Man meinte sie in frommen, verdienstlichen Werken zu finden. Man fand sie nicht. Die Seelen kamen nicht zur Ruhe. Man beteiligte sich wohl an den aus der Väter Zeit her stammenden kirchlichen Zeremonien. Aber nicht bloß das Vertrauen zu ihren Trägern war erschüttert. Lärm und Glanz vermochten auch den Görlitzern über den Mangel an innerer Befriedigung auf die Dauer nicht hinwegzuhelfen. Es mag manch einer innerlich aufgeatmet haben, als zur Zeit der großen äußeren Not während der Pest 1521 die Botschaft klar und deutlich erklang, der Mensch könne und brauche durch seine guten Werke die Seligkeit sich nicht zu verdienen, Gott habe alles getan durch Christum, auf ihn allein gelte es zu vertrauen. Es gewährt einen vielsagenden Rückschluß auf den auch die Görlitzer nicht mehr befriedigenden Zustand des römischen Kirchenwesens, wenn Haß bekennen muß: die lutherische Sache und sein gepredigt Evangelium sei nicht die unbedeutendste unter den vielen wunderbaren, schweren und geschwinden Händeln und Sachen gewesen, die sich in Görlitz, im Markgraftum Oberlausitz wie überhaupt in ganz Deutschland zugetragen hätten; daraus sei fast die ganze Stadt rege geworden, und es sei Gefahr entstanden zwischen den Brüdern des Rates. Er muß zu seinem Ärger eingestehen: durch Vertretung von Luthers Lehre habe Rotbart dem Volke gefallen wollen, und der gemeine Mann, der  – solange Rotbart noch die streng katholische Lehre gepredigt hatte – ihn nicht gerade gern habe hören wollen, sei jetzt der lutherischen Lehre zugefallen; er habe sie als ein bequemes, seliges und wahrhaftiges Ding angenommen.

Auch für Görlitz war die Zeit erfüllet. In der nach außen scheinbar gut katholischen Stadt hatte ein Feuer zu glühen begonnen, welches das Alte vernichten und ein neues religiöses und kirchliches Wesen zur Entstehung bringen sollte. Es hatte längere Zeit im Verborgenen geglommen. Das große Unglück, die Pest von 1521, hatte es nach außen sichtbar werden lassen. Luthers Gedanken, evangelische Predigt hatten zu dieser Zeit begonnen, sich in unserer Stadt geltend zu machen.

 

Rom setzt sich zur Wehr

Im Jahre 1521 hatte sich der erste deutlich wahrnehmbare Lufthauch evangelischen Wesens in Görlitz geregt. Daß er nicht sofort alle Bewohner der Stadt erfaßte und nicht mit einem Maße in unwiderstehlichem Ansturm das Alte zu Boden zu werfen vermochte, darf nicht verwundern.

Das Ansehen der römischen Kirche war von früher denn doch zu tief in den Herzen verwurzelt, und die Furcht vor Papst und Geistlichkeit war noch zu groß, als daß man sich sofort von ihnen hätte lossagen wollen. Eben in der letzten Zeit vor der Reformation hatte sich durch den Gegensatz zu dem Hussitentum ein sehr eifriges und ein sehr entschiedenes katholisches Bewußtsein in der Oberlausitz entwickelt.

Und die kirchliche Obrigkeit hatte das ihre getan, es zu erhalten und zu stärken. Am 27. Februar 1519 war Johann VII., ein Herr von Schleinitz, der Bischof von Meißen, durch ein zu Prag gegebenes königliches Handschreiben aufgefordert worden, die neuen Ansichten mit allem Ernst zu unterdrücken. Am 24. Februar 1520 war eine Verordnung des Bischofs erschienen, Luthers Schrift vom Abendmahl allenthalben an die Pfarrämter abzuliefern; der Empfang des Abendmahls  in beiderlei Gestalt (d.h. unter Brot und Wein) war als „freventlich und betrüglich“ bezeichnet worden. In demselben Jahre hatte der Bischof seine Anwesenheit in Görlitz gelegentlich des Fronleichnamfestes wahrgenommen, die Geistlichkeit, den Rat, die Bürgerschaft auf das dringendste unter Androhung des Bannes zu ermahnen, sich durch die neuen ketzerischen Lehren nicht verführen zu lassen, sondern dem alten Glauben der Kirche treu zu bleiben. Ebenso hatte er unter dem 6. Mai 1522 den geistlichen Personen seines Kirchenkreises befohlen, bei der bisherigen Religionsübung zu verharren. Das gleiche hatte der Vorgesetzte der Mönche, der Pater Frontinus, getan. Als er 1523 nach Görlitz gekommen war, um in dem Kloster zum Rechten zu sehen, hatte er die Mönche in Gegenwart des Rates durch Eid dazu verpflichtet, in der alten Religion fest und unsträflich zu stehen. Und der Rat hatte versprochen, sie zu schützen und zu versorgen und bei der Religion der römischen Kirche zu erhalten.

Und dieses Bestreben der kirchlichen Obrigkeit, das Alte zu bewahren und dem Umsichgreifen der Neuerungen entgegenzutreten, fand bei dem Rat der Stadt, - dem Magistrat, wie wir heute sagen würden, - ganz besonders bereitwillige Unterstützung. Es wird seine Mitglieder heute noch ehren, wenn Haß in ernsten, warmen Worten bezeugt: viele hundert und aber hundert Jahre hätten ihre Vorfahren es nicht anders gewußt und geglaubt, wie die alten Geistlichen es sie gelehrt und die kirchlichen Formen es dargestellt hätten; von ihnen hätten sie diese Gebräuche ererbt, darin seien sie aufgewachsen, sie hätten sie nicht so schnell verstoßen können, das wäre ein Zeichen eines recht leichtsinnigen Herzens gewesen, sie hätten die Pflicht gehabt, die Geister zu prüfen, ob sie Gott seien, und nicht jedem Geist zu glauben, denn es seien in der Schrift falsche Propheten und falsche Christusse prophezeiet. Es war eben ehrliche Überzeugung von der Richtigkeit des alten Glaubens, der viele Ratsmitglieder gegen die Neuerungen einnahm. Freilich kam dann auch dazu, daß sie durch die neue Lehre eine Untergrabung ihres Ansehens, ja eine Umänderung der ganzen bisherigen städtischen Verhältnisse befürchteten. Haß redet mit zornigen Worten von der Unbescheidenheit und Unverschämtheit der neuen Prediger, die nach dem Vorbild ihres Meisters Luther die Anschauung vertreten hätten, dem gemeinen Manne stünde es zu, die Träger der städtischen Ämter zu wählen, und die für sich in Anspruch nehmen wollten, darüber, was Recht und Unrecht bei den Regierenden wäre, zu entscheiden.

Jedenfalls schritt der Rat, nachdem er nach dem Aufhören der Pest sich wieder vollzählig in der Stadt eingefunden hatte, mehr und mehr gegen Rotbart ein. Es empörte ihm, daß dieser Prediger sich immer mehr auf Luthers Sache einließ und unter dem Volk mit seiner Predigt mehr und mehr Anhang gewann. Er ließ ihn durch seine Abgesandten vielmals auffordern, sich in seiner Predigt zu mäßigen, - wie er, der Rat, sie verstand, - damit das Volk dadurch nicht zu Ungehorsam und Aufruhr erweckt würde; er warf ihm vor. Seine Predigt habe dahin gelautet, das Volk sei in Sachen des Wortes Gottes und des Evangeliums nicht gehalten, dem Rat zu gehorchen, der gemeine Mann aber habe die Worte viel umfassender gedeutet, als wenn sie überhaupt von allem Gehorsam entbunden wären. Kurzum, er redete Rotbart in die Führung seines Amtes immer wieder hinein und suchte ihn zu hindern. Schließlich bat Rotbart 1523 zur Osterzeit um seine Entlassung. Als der Bürgermeister Franz Schneider und Haß in der Nähe des Pfarrhauses sich aufhielten, trat er an sie heran und teilte ihnen mit, er denke daran, die Pfarre zu verlassen und an einem anderen Ort, wo es ihm vergönnt wäre, das Evangelium zu predigen, sein Heil zu versuchen, er merke, daß der Rat ihn zum Pfarrer nicht weiter haben wollte. Recht unfreundlich und ungerecht, so daß ein Melanchthon ihn später mit großer Entschiedenheit gegen den Rat in Schutz genommen hat, wurde ihm geantwortet: Der Rat hätte nichts davon gemerkt, daß er etwa mit großem Fleiß das Evangelium studiert habe, er habe nur etliche Scharteken gelesen und ihren Inhalt mit aller Unbedacht und Unvernunft ins Volk geworfen, der Rat hätte deshalb aus Besorgnis vor weiteren Unannehmlichkeiten öfters bei ihm Vorstellungen erhoben, es sei aber wider Erwarten alles bei ihm vergeblich gewesen, könne er die Pfarre nicht behalten, so möge er sein handeln ganz nach seinem Belieben einrichten.

So räumte Rotbart die Pfarre. Der Rat atmete auf. Der unbequeme Neuerer war beseitigt. Das weitere Fortschreiten der evangelischen Bewegung in Görlitz schien aufs ernsteste bedroht.

Der Mensch denkt, Gott lenkt

Rotbart, der erste evangelische Prediger in Görlitz, war gewichen. Der Rat, darum besorgt, daß durch das Umsichgreifen der lutherischen Bewegung nicht etwa eine vollständige Umwälzung der städtischen Verhältnisse entstünde, ging in der Wahl seines Nachfolgers außerordentlich vorsichtig zu Werke. Nikolaus Zeidler, Prediger an St. Elisabeth in Breslau, war ihm als guter Prediger der alten Religion empfohlen worden. Da er zufällig in der Nähe von Liegnitz besuchsweise sich aufhielt, ließ er ihn zu sich kommen. Auf dem hiesigen Rathaus besprach er sich mit ihm auf das allergründlichste. Er eröffnete ihm seine Wünsche, er stellte ihm vor, was er von ihm erwartete, und wie er sich zu verhalten habe. Zeidler sagte zu, daß er in jeder Beziehung die bisherige römische Lehre vertreten werde. Der Rat meinte, für die Zukunft beruhigt sein zu können.

Vor Antritt seines Amtes erbat sich der neue Prediger einen kurzen Urlaub nach dem Vogtlande, seiner Heimat. Nach seiner Rückkehr hielt er auf der Kanzel unserer Peterskirche seine Antrittspredigt. Ein großes Erschrecken ergriff den Rat, als er sie hörte. Denn Zeidler verwarf das Papsttum und die von ihm herrührenden kirchlichen Ordnungen und verherrlichte Luthers Lehre. Sofort machte er dem neu erkorenen Prediger die ernstesten Vorstellungen, er erinnerte ihn an seine Zusage, er forderte von ihm, daß er ihrer gegenseitigen Verabredung gemäß sich verhalte. Zeidler gab zur Antwort, er habe in seiner Heimat die Grasmagd auf dem Felde die von Luther gedichteten deutschen Lieder singen hören, er habe daraus erkannt, daß auch die armen Dienstboten das Evangelium empfangen hätten, das habe ihn bewogen, der neuen Lehre sich anzuschließen, er werde davon auch nicht abgehen, er könne niemanden mehr zu St. Nikolaus oder zur heiligen Katharina weisen, sondern nur noch zu Christo.

Mit dieser Antwort mußte der Rat sich zufrieden geben. Er ließ es an erneuten Vorstellungen bei Zeidler nicht fehlen, er schärfte ihm besonders ein, er solle doch ja recht behutsam vorgehen, damit kein Aufruhr erweckt würde. Er wandte sich an den Bischof von Meißen und erklärte ganz ausdrücklich, wie er den Neuerungen durchaus nicht zuneige, wie er viel lieber bei der alten christlichen Religion bleibe und an ihr so lange wie möglich halten wolle, er bat um geeignete altgläubige Prediger. Der Bischof schickte auch einen, sogar seinen eigenen Kaplan; er schlug nicht ein; er predigte zu scharf und zu heftig, er mußte wieder weichen. Einen neuen konnte er nicht senden. Der Rat mußte ihn sich selber suchen. Er hatte kein Glück. Der von ihm erwählte Prediger machte sich so verhaßt, daß er bei einer Prozession öffentlich angegriffen wurde und die Hilfe der Ratsdiener in Anspruch nehmen mußte, Es fehlte eben an guten gelehrten Predigern des alten Glaubens. Unterdes ließ Zeidler sich nicht beirren. Er predigte nach wie vor gegen die Einrichtungen der römischen Kirche, gegen ihre Geistlichkeit, ihre Winkelmessen, die Beichte, die kirchlichen Zeremonien, er verkündigte Luthers Lehre, ja er gedachte unter Zurückstellung der eigenen Person auch in seinen Predigten immer wieder seines Vorgängers auf dem Predigtstuhl, des Pfarrers Rotbart. Er betonte unermüdlich, jener sei ein rechter Pfarrer und Seelenhirt gewesen, er habe seine Schäflein mit dem Evangelium zu weiden angefangen, er sei allein um des Evangeliums willen vertrieben worden, und er mahnte, Gott darum zu bitten, daß er wieder eingesetzt werden möchte.

Nun erschienen zwar mancherlei obrigkeitliche Verordnungen, welche die alte Religion schützen und stützen sollten. Der Bischof von Meißen ermahnte den Rat, unter sich kein räudig Schaf aufkommen zu lassen, sondern den Vorfahren gleich beständig zu bleiben. Ein anderer Erlaß, der allsonntäglich von den Kanzeln verlesen werden sollte, schärfte es den Angehörigen seines Kirchenkreises ein, an den alten Gebräuchen und Lehren fest zu halten. Wieder ein anderer Auftrag trieb die Geistlichen an, ihre Gemeinden zur Buße zu rufen, die heillosen neuen Sitten und in die Irre führenden Lehren abzulegen. Ja, eine königliche Verordnung verlangte sogar, der Rat solle diejenigen, welche die Neuigkeiten, Sekten und Ketzereien predigten, festnehmen und. Wenn sie von ihren Irrtümern nicht lassen wollten, sie an Leben und Gut zu bestrafen.

Allein der Rat durfte – wie Haß bezeugt, um Aufruhr zu vermeiden – nichts Ernstliches unternehmen. Er selbst war in Sachen des Glaubens nicht mehr einig. Manche seiner Mitglieder hatten sich der neuen Bewegung angeschlossen. Auch unter den Geschlechtern hatte sie um sich gegriffen. Der Großkaufmann Hans Frenzel, welcher noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts der alten Kirche große Stiftungen gemacht hatte, - er hatte ganz aus seinen Mitteln die Annenkapelle erbaut, - war lutherisch gesinnt geworden. Ebenso waren die Mönche im Kloster der Franziskaner wankend geworden. Vor allem aber war auf die Masse der Bürgerschaft Rücksicht zu nehmen. Unter ihr gärte es nicht bloß mit Bezug auf das kirchliche Leben, sondern vielleicht noch viel heftiger mit Bezug auf die allgemeinen städtischen Verhältnisse. Die Innungen, allen voran die Tuchmacher, wünschten Anteil am Regiment der Stadt zu erhalten. Sie verlangten, der Rat solle über die Verwaltung und Verwendung der städtischen Gelder Rechenschaft geben, er solle über die Veranlagung zu Abgaben und die Verhängung von Strafen neue Bestimmungen treffen; und er solle auch einwilligen in die freie Predigt des Evangeliums und in die Rückberufung  Rotbarts. Gewaltmaßregeln, die der Rat zunächst anwenden wollte, erwiesen sich als ganz verfehlt. Die Stimmung innerhalb der Innungen wurde immer erregter, ja bedrohlicher, ihre Forderungen immer dringender. Mit diesen war je länger je mehr auch die verknüpft, den alten Pfarrherrn wieder zurückzurufen, für ihre Erfüllung wurde noch ganz besonders williger Gehorsam versprochen. Der Rat schwankte, ob er dieses Verlangen gewähren solle, er befürchtete, Nachgiebigkeit in diesem Stücke würde zur Bewilligung auch der anderen Forderungen führen. Schließlich stellte er seine Bedenken zurück. Er hoffte, die Bürgerschaft durch Entgegenkommen in diesem Stücke etwas zufriedener zu machen und zur Beruhigung der Innungen beizutragen. Er erwartete auch, Rotbart würde sich mäßigen und in seinen Predigten sich vorsichtig und zurückhaltend zeigen. Kurzum, unter dem Zwang der Verhältnisse geschah zur Osterzeit 1525, was um Ostern 1523 niemand hätte voraussagen mögen, Pfarrer Rotbart wurde aus Breslau nach Görlitz zurückberufen. Natürlich hatte der Rat seiner Würde nichts vergeben wollen. Durch sein Mitglied Johannes Haß ließ er den Magister Paul Küchler, den Dechant von Bautzen, bitten, wie von ungefähr nach Breslau zu reisen, den Prediger Rotbart aufzusuchen, das Gespräch auf seine Verabschiedung aus Görlitz zu bringen und unter Hinweis darauf, daß die Bürgerschaft ihn wohl wolle und viel Fürbitte für ihn tue, es ihm nahezulegen, ob er nicht an seine Rückkehr denken möchte. Dieses Auftrages hat sich Küchler auch auf Kosten des Rates entledigt. Rotbart hielt des Anstands wegen seinerseits bei dem Rat um die Pfarre aufs neue an. Er versprach, in seinen Predigten sich zu mäßigen und, falls er heiratete, sein Amt freiwillig niederzulegen. Hingegen gestand der Rat ihm zu, das Evangelium frei zu predigen und die Mißbräuche der kirchlichen Zeremonien mit Willen des Rates in aller Ruhe und ohne alles Stürmen abzutun; auch sagte er ihm für die Zeiten der Behinderung einen Gehilfen zu, der ihm im Predigen unterstützen sollte; desgleichen wollte er ihm die Erhaltung der Kapläne abnehmen, welche die Amtshandlungen zu verrichten hatten, und sie mit Lohn und der täglichen Nahrung versehen.

So war des Rats ursprüngliches Vornehmen, der Reformation den Eingang nach Görlitz zu wehren, gescheitert. Das Licht des Evangeliums, das er hatte auslöschen wollen, war wieder auf den Leuchter gestellt.

Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen

Am 5. April 1525 war Franz Rotbart zum zweiten Male nach Görlitz gekommen. Er hatte bei seiner Schwester auf dem Obermarkt Wohnung genommen und, um dem Rat entgegenzukommen und ihm das Peinliche seiner Rückberufung in etwas zu mildern, sich von da aus seinerseits um die freie Pfarrstelle beworben. Der Rat hatte der Bewerbung stattgegeben. Aber diesmal unter ganz anderen Bedingungen als das erstemal im Jahre 1520. Daß er Rotbart gestattete, nötigenfalls sich selbst einen Prediger zu bestellen, der ihn in der Abhaltung der Predigten unterstützen sollte, war nicht verwunderlich. Es hatte von jeher zu den Rechten der Görlitzer Pfarrherren gehört, sich einen Gehilfen in der Predigttätigkeit nach ihrem Belieben zu besorgen; darauf hatte der Rat nie Einfluß üben wollen. Aber schon daß der Rat versprach, Rotbart die Erhaltung und Besoldung der Kapläne, deren er zur Verrichtung der Taufen, Abendmahlsfeiern, Trauungen, Begräbnisse bedurfte, abzunehmen und für sie von sich aus zu sorgen, war nichts Geringes. Diese geistlichen Personen waren bis dahin aus dem Einkommen der Pfarrpfründe erhalten worden. Der größte Fortschritt aber lag darin, daß es Rotbart zugestanden wurde, das Evangelium frei und ungehindert zu predigen und die gottesdienstlichen Gebräuche, falls er in seinem Gewissen auf Grund der Heiligen Schrift sich dazu gedrungen fühlte, mit Willen des Rates in aller Ruhe und ohne alles Stürmen abzuändern oder gänzlich zu beseitigen. Damit war das Recht zur Umgestaltung der kirchlichen Verhältnisse zugestanden. Das bisherige katholische Kirchenwesen wurde nicht mehr als unabänderlich und unberührbar erklärt. Der von Luther ausgegangenen Reformation wurde von der Obrigkeit der Stadt der Eingang gestattet. Evangelische Predigt und evangelisches Kirchenwesen sollten fortan in Görlitz nicht bloß ausdrücklich geduldet, sondern auch als durchaus berechtigt gelten dürfen.

Und tatsächlich vergingen auch nur wenige Wochen, ja Tage nach Rotbarts Rückkehr, und es trat öffentlich in Erscheinung, in wie weiten Kreisen der Görlitzer Bevölkerung die bis dahin von dem Rat immer wieder zurückgedrängte Veränderung und Erneuerung des kirchlichen Lebens nach Lutherischen Gedanken zum Bedürfnis geworden war.

Unmittelbar vor Ostern war Rotbarts Rückkehr erfolgt. Und gerade die Osterzeit war bis dahin mit kirchlichen Gebräuchen, welche Ereignisse aus Jesu Geschichte anschaulich vor Augen führen sollten, und deren Beachtung und Vollziehung als zur Seligkeit nützlich gegolten hatte, besonders reichlich erfüllt gewesen.

Am Palmsonntag hatte die Sitte bestanden, den Palm-Esel und darauf eine Holzfigur des Palm-Jesus öffentlich auszustellen und durch die Straßen der Stadt zu führen. Am Vormittage waren beide Figuren auf den Platz vor der Tür der Peterskirche gebracht worden. Das Volk war mit Baumzweigen herbeigeströmt. Ein Priester hatte von den Türstufen aus die Zweige geweiht, Weihwasser über die Figuren gesprengt, sich vor ihnen der Länge nach auf den Boden geworfen und sich von einem anderen Priester mit einer Gerte schlagen lassen. Größere Schüler in besonderer Kleidung hatten einen Gesang angestimmt, des Inhalts, daß der auf dem Esel sitzenden Jesus gekommen sei, das Volk zu erlösen, und daß ihm Palmen auf den Weg zu streuen seien. Darauf hatte die Volksmenge ihre Zweige auf die beiden Figuren geworfen und, nachdem diese wieder in die Kirche zurück gebracht worden waren, sich der Zweige bemächtigt, um sie mit nach Hause zu nehmen; sie sollten im Sommer gegen Gewitter, im Winter gegen die Kälte schützen. Am Nachmittage aber waren dann die beiden Figuren unter Gesängen um den Markt und durch die mit Tüchern und Teppichen behangenen Häuserreihen der Straßen geführt worden.

Am grünen Donnerstag war man gewohnt gewesen, die Altäre zu waschen. Jesus war ja von den Kriegsknechten vor der Geißelung entkleidet worden; Maria hatte ihn vor seinen Leiden gesalbt; aus seiner Seite waren am Kreuz Wasser und Blut geflossen. So nahm man zur Erinnerung an Jesu Entkleidung von allen Altären die Altarbekleidungen ab. Die Kirchendiener wuschen die Altäre mit einer Mischung von Wasser und Wein und rieben sie mit Salbeiblättern ab, ein Priester salbte sie mit Ysop. (Anmerkung der Red.: Ysop (Hyssopus officinalis), auch Bienenkraut, Eisenkraut, Essigkraut, … oder Josefskraut)

Am Karfreitage hatte man Christi Leiden und Begräbnis durch das Umhertragen des hölzernen Leichnams Christi gefeiert. Mit Tagesanbruch hatten drei Priester das mit einem roten Meßgewand bedeckte Holzbild um den Altar der Peterskirche getragen und es vor den Altarstufen niedergelegt. Alle Priester waren herzugetreten und hatten die Wunden berührt. Das Volk hatte es angebetet und seine Opfergaben dargebracht. Ein anderes Bild aber war zu einem eigens hierzu aufgebauten Grabe getragen worden. Knaben mit hölzernen Klappern zur Kennzeichnung der Trauer über das Leiden waren unter Führung des Küsters vorangegangen. Das Volk hatte bei dem Grabe Tag und Nacht mit Lichtern gewacht und gebetet.

Am Ostersonntag hatte die Feuerweihe stattgefunden. Alles Feuer, alle Lichter waren an diesem Tage ausgelöscht worden. Aus Kieselstein war ein neues angeschlagen worden. Der Priester hatte es gesegnet. Das Volk hatte es auf Holzkohle aufgefangen und sie mit nach Hause genommen. Sie wurde bei Gewittern entzündet und sollte vor Blitzgefahr sichern. Auch war auf denselben tag die Wasserweihe gefallen. In den Taufstein wurde frisches Wasser gegossen. In feierlicher Prozession war man unter Absingung der Litanei mehrere Male um ihn herumgezogen. Durch allerlei Bannformeln hatte der Pfarrer die bösen Geister aus dem Wasser vertrieben und es mit heiligem Öl gesalbt. Das Volk aber hatte auch von diesem Wasser mit heimgenommen; es sollte vor Krankheiten bewahren oder zum wenigsten in ihr helfen.

In der Osternacht war in Erinnerung an Christi Höllenfahrt die sogenannte Poltermesse in der Peterskirche gefeiert worden. Der Priester hatte sie Mitternacht gehalten. Nach ihrer Beendigung war ein anderer vermummter Priester, ein Kreuz in der Hand, zu der verschlossenen Sakristei gestürmt und hatte unter Pochen und Schlagen an die Tür die Öffnung verlangt. Im Inneren hatte sich großes Geschrei erhoben. Endlich hatte der Priester die Tür aufgestoßen und etliche, die mit Ketten gebunden die bösen Geister darstellen sollten, herausgeführt; die Erlösten aber, gekleidet in weiße Gewänder, hatten Triumphlieder gesungen.

Und all diese und noch andere Gebräuche kamen zur Osterzeit 1525 mit einem Male zum Wegfall. Am Sonntag Palmarum, dem 9. April, hatte Rotbart seine Antrittspredigt in der Peterskirche gehalten. Das Evangelium des Tages von Jesu Einzug in Jerusalem hatte ihr zugrunde gelegen. Frei und offen hatte er in seinen Ausführungen den evangelischen Standpunkt vertreten. Von dem rechten Grund und dem rechten Weg zur Seligkeit hatte er Zeugnis abgelegt; die Verdienstlichkeit der guten Werke, zu denen auch die vielen, zum Teil recht abergläubischen Gebräuche gerechnet wurden, hatte er bekämpft. Der Erfolg war die Abschaffung dieser Gebräuche gewesen. Das Wort der Predigt hatte genügt, hierin ohne alle Gewalt und Unordnung ein für allemal Wandel zu schaffen. Und zum Wort war bald auch die rechte Feier des Sakraments gekommen. Am Sonntag Miserikordias, dem 30. April, wurde – und zwar, um den Rat nicht weiter Unannehmlichkeiten zu schaffen und ihn nicht aufs neue zu reizen – unten in der Georgenkapelle und noch nicht oben in dem Altarraum der Peterskirche die erste evangelische Abendmahlsfeier gehalten; am Sonntag vorher hatten an derselben Stelle etwa 200 Personen an der ersten evangelischen Beichte sich beteiligt. In der dazwischenliegenden Woche war am 25. April nach Luthers deutschem Taufbüchlein die erste deutsche Taufe, allerdings unter Beibehaltung einzelner katholischer Bräuche, vollzogen worden. Das Feld war eben zur Ernte reif gewesen; es hatten nur der Schnitter und äußerlich ein wenig günstige Verhältnisse gefehlt, die Ernte in die Scheune einzubringen. Zur Osterzeit 1525 war beides gegeben gewesen. Man wird diese Zeit mit Recht als diejenige bezeichnen dürfen, in der die Reformation auch in Görlitz mit Macht ihr Haupt erhob, um fortan, so schwierige Verhältnisse auch noch für sie kommen mochten, sich nicht mehr unterdrücken zu lassen.

Wer freilich Meinen möchte, es sei nunmehr alles Katholische Wesen wie mit einem Schlage ausgetilgt worden und ein in allen Stücken rein evangelisches Kirchenwesen an seine Stelle getreten, der würde irren. Noch lange war auch für die Protestanten der Oberlausitz das katholische Domkapitel zu Bautzen die oberste Kirchenbehörde, bei der z.B. noch im August 1605 die Genehmigung zu einer Trauung von miteinander verwandten Personen evangelischen Bekenntnisses hat nachgesucht werden müssen. Aus mannigfachen Ursachen ist gerade in unserer Stadt das völlige, auch äußere Durchdringen der Reformation und ihrer Anschauungen und Einrichtungen sehr allmählich und sehr behutsam vor sich gegangen. Aber ein Zwiefaches ist nicht zu verkennen. Die Verkündigung des reinen Evangeliums ist seit 1525 nicht mehr ernstlich gehindert worden. Und sie ist nicht fruchtlos geblieben. Mochten auch in den auf die Osterzeit 1525 folgenden Jahren die Personen der Verkündiger des öfteren wechseln, so hatte schon 1530 der Rat selbst sich an die rechte Schmiede, nach Wittenberg, gewandt, um von dort her durch Vermittlung eines Bugenhagen und eines Melanchthon sich tüchtige Prediger und Lehrer zu verschaffen. Und dieses Verhältnis zu Wittenberg ist mit den Jahren nicht lockerer, sondern enger und vertrauensvoller geworden. Und mochte Johannes Haß, der Lutheraner entschiedenster Gegner, auch spotten, daß die Evangelischen sich Brüder nannten, wider seinen Willen wird er damit zum Zeugen, daß sie eben zusammen hielten und darum sich bemühten, dem Evangelium gemäß zu leben.

Und so ist je länger, je mehr aus der früher streng katholischen Stadt ein evangelisches Gemeinwesen geworden. Auch das letzte Bollwerk des Katholizismus, das Kloster der Franziskanermönche am Obermarkt, zerfiel endlich. Trotz aller Bemühungen der Ordensoberen hatten evangelische Gedanken schon seit 1522 auf die Mönche Einfluß gewonnen. Sie verließen das Kloster; schließlich war nur noch einer übrig, Urban Weißbach. Er übergab das Kloster mit seiner Kirche, der heutigen Dreifaltigkeitskirche, und all seinen Besitztümern unter Bewilligung des Dechanten von Bautzen, des Johannes Leisentritt, am 8. Juli 1563 dem Rat der Stadt. Es wurde nach Bestätigung von seiten des Kaisers zur Stätte des Gymnasiums Augustum, an welches evangelische Lehrer berufen wurden.

Die Hauptgegner im Rat, die Bürgermeister Peter Thiele und Johannes Haß, starben 1535 und 1544. Die evangelische Gesinnung gewann auch in dieser Körperschaft die Oberhand. Der Rat, seit 1502 Patron der Görlitzer Pfarre, nahm, um dem Zerfall und der Unordnung zu wehren, auch die Verwaltung der äußeren kirchlichen Angelegenheiten immer mehr in seine Hand. Er ließ sich die Verwahrung der Kirchenkleinodien angelegen sein, damit sie nicht verschleudert wurden. Er versuchte, soviel als möglich, die Einkünfte der Kirche, die Stiftungen, die Altarzinsen, die Priestergelder zu erhalten; er nahm sie unter seine Verwaltung. Er gewährte andererseits städtische Mittel zur Ausgestaltung kirchlicher Einrichtungen. Zwar ließ er 1532 nach Rotbarts Wegzug den ihm schon lange unbequem gewordenen, weil außerhalb der Stadt der Nikolaikirche gegenüber gelegenen Pfarrhof schleunigst abbrechen. Aber dafür errichtete er im Innern der Stadt ein neues Wohngebäude für die geistlichen Personen, wohl das heutige Primariatsgebäude bei der Peterskirche. Um Beständigkeit und feste Ordnung in der Verkündigung des Wortes und in der Verwaltung der Sakramente herbeizuführen, rief er 1539 das geistliche Ministerium ins Leben; es bestand ursprünglich aus 3, seit 1541 aus 4 Mitgliedern. Den jahrelang, vor allem mit Rücksicht auf die königlichen Mandate festgehaltenen Widerspruch gegen die Verehelichung der Geistlichen ließ er schließlich auch fallen. Mit Wolfgang Sustelius, der schon einmal von Melanchthon empfohlen, in unverehelichtem Stande in Görlitz tätig gewesen war, zog 1545 der erste verheiratete evangelische Geistliche an; auch das evangelische Pfarrhaus fand in Görlitz seine Stätte. Schon lange, ehe das Gymnasium eingerichtet werden konnte, wirkten evangelische Lehrer an den verschiedenen deutschen Stadtschulen; von Wittenberg waren sie wiederholt erbeten worden. Der Gottesdienst erhielt immer mehr evangelisches Gepräge. Es blieben zwar die Marien- und Aposteltage, aber sie wurden nicht mehr zur Verherrlichung der Jungfrau Maria und der Apostel gefeiert, sondern als Gelegenheiten, Gott für die Wohltaten zu danken, die er der Christenheit durch diese Persönlichkeiten erwiesen habe. Es wurde zwar noch lange die lateinische Sprache im liturgischen Teil des Gottesdienstes beibehalten. Aber schon 1539 war ein evangelisches Kirchenbuch angenommen worden, das bis 1812 in Geltung geblieben sein soll. Die Predigt wurde die Hauptsache. Bei der Abendmahlsfeier wurde der Sanktus, das dreimal Heilig, seit 1553 von den Knaben nicht mehr lateinisch, sondern deutsch gesungen; die Einsetzungsworte wurden in deutscher Sprache gebraucht. Die Epistel und das Evangelium wurden nicht mehr bloß lateinisch von dem einen Kaplan vor der Predigt vor dem Altar gesungen, sondern von einem anderen nach der Predigt vor dem Kreuz mitten in der Peterskirche auch deutsch verlesen. Seit 1561 wurden die Frühmetten, die, bisher aus Gesang und Lektion bestehend, früh bald nach 4 Uhr in lateinischer Sprachegehalten worden waren, in Frühpredigten über das Sonntagsevangelium verwandelt; auch diejenigen, welche die Amtspredigt nicht besuchen konnten, vor allem das Gesinde, sollten Gelegenheit haben, die Erklärung des Evangeliums zu vernehmen. Für die Mittagspredigten an Sonn- und Feiertagen wurde die Erklärung der Epistel festgesetzt. Seit Michaelis 1561 wurde auch noch alle Feiertage das Abendmahl gereicht. Bei den Begräbnissen kamen die lateinischen Singeweisen und Lektionen in Wegfall; seit Oktober 1553 wurde mit der Abhaltung von Leichenpredigten begonnen. Um den armen Leuten und den Bewohnern der inneren und äußeren Vorstadt Gelegenheit zum Hören des Wortes Gottes zu bieten, wurde 1561 beschlossen, in der in der Vorstadt gelegenen Frauenkirche Sonntag vormittag eine Predigt über das Sonntags-Evangelium von dem ersten Kaplan halten zu lassen. Auch wurde der Katechismus eingeführt. Kurzum, mit dem Eindringen der Reformation war nicht bloß das Alte dahingesunken. Es war ein Neues an seine Stelle getreten, das gewiß auch von Menschen geschaffen und mit menschlicher Unvollkommenheit verknüpft war, das aber doch einen Fortschritt bedeutete in der persönlichen Vertiefung religiösen Lebens und in der Herausarbeitung deutschvölkischen Lebens.

Das auf den Leuchter gestellte Licht leuchtet von Görlitz hinaus in die Umgegend

Für die Stadt Görlitz war das Jahr 1525 ein entscheidungsvoller Wendepunkt in der Gestaltung der kirchlichen Verhältnisse gewesen. Die gleiche Bedeutung eignete ihm, wenn auch in beschränkterem Umfang, auch für die um Görlitz herum gelegene Landschaft.

Seit alten Zeiten war es Sitte gewesen, daß die geistlichen Personen der drei Erzpriesterstühle Görlitz, Reichenbach, Seidenberg zweimal im Jahre, in der Woche nach Ostern und nach Michaelis, an einem Donnerstage in Görlitz in der Nikolai-, dann in der Peterskirche sich zusammenfanden. Es galt für die verstorbenen Könige von Böhmen, als die Wohltäter der Priesterschaft, die Seelenmessen zu halten und für die Erlösung aus dem Fegefeuer zu bitten. So war man auch am 27. April 1525 wieder in Görlitz zusammengekommen. Und wenn man bedenkt, daß zu den drei Erzpriesterstühlen – wir würden sagen zu den drei Superintendenturen – über 80 Pfarreien gehörten, und weiter geachtet, daß zu diesen Pfarren auch noch eine Menge von Kaplänen und Altaristen kamen, dann mag man sich wohl denken, daß eine solche Versammlung für die kirchliche Gestaltung der Landschaft nicht ohne Einfluß bleiben konnte.

Daß all diese geistlichen Personen bereits 1525 lutherisch gesonnen gewesen seien, würde eine irrige Annahme sein. Vielleicht nicht wenige hingen dem Papsttum noch eifrig an und sind weiter ihm treu geblieben; sie haben auch nach der Görlitzer Zusammenkunft teils aus innerer Überzeugung, teils mit Rücksicht auf ihre Patrone, teils um ihrer Einnahmen willen die Trennung von der Katholischen Kirchenlehre und dem Katholischen Kirchenwesen nicht vollzogen. Trotzdem kamen sie alle darin überein, sich von der Obergewalt des Bischofs von Meißen loszusagen; sie entzogen sich seiner geistlichen Gerichtsbarkeit; sie wollten von ihm keine Befehle mehr annehmen; sie wollten die herkömmlichen, gewöhnlichen und außergewöhnlichen Steuern und Abgaben nicht mehr leisten; sie nahmen das Recht in Anspruch, ohne Furcht vor dem Bann in der Lehre und in den Kirchengebräuchen Änderungen zu treffen. Und weiter verabredeten sie sich, in größerer Zahl, Vigilien und Seelenmessen fortan nicht mehr zu halten. Ihrer viele waren sich in dem Hauptartikel der Reformation, der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gottes Gnade durch den Glauben an Jesum Christum, einig. Sie wollten darum vom Fegefeuer, in dem die armen Seelen ihre Sünden abbüßen sollten, und von den Seelenmessen als dem Mittel, den abgeschiedenen Seelen zu Hilfe zu kommen, nichts mehr wissen.

Und diese beiden Beschlüsse des sogenannten Görlitz Priesterkonvents vom 27. April 1525 sind sicherlich von nicht geringer Wirkung für den Zusammenbruch des alten Kirchentums in der Umgegend von Görlitz gewesen. Gewiß hat in unserer Oberlausitz niemals eine das ganze Land umfassende Reformation stattgefunden. Eine landesherrliche Neuordnung der in Auflösung geratenen Verhältnisse ist nicht erfolgt. Über die Angelegenheiten von Kirche und Schule entschieden schließlich die Kirchenpatrone, in den Städten der jeweilige Rat, auf dem Lande die Gutsherrschaften. Aber wieviel leichter wurden diese Entscheidungen nach dieser Stellungnahme so vieler Pfarrer! Entzog sich der Pfarrer dem Befehl seines Bischofs, wenn er ihn dem Worte Gottes zuwider erachtete, fragte er nicht mehr nach den besonderen Weihen, sei es für Menschen, sei es für Sachen, wollte er nichts mehr wissen von Anrufung der Heiligen, von Fürbitten für die Verstorbenen, von katholischen Kirchengebräuchen, dann war es für den Patron nicht mehr schwer, das Alte aufzugeben, dem Neuen sich zuzuwenden. Und so hat denn auch die Reformation in der Umgegend von Görlitz, ja in der ganzen heutigen preußischen Oberlausitz – nur wenige Ortschaften ausgenommen, die im Besitze der katholischen Kirche standen, - in nicht allzu langer Zeit an dem einen Ort etwas früher, an dem anderen etwas später Eingang und Verbreitung gefunden. Ein Gehilfe von Franz Rotbart, Georg Heu, geborener Görlitzer und ehemaliger Leiter im Görlitzer Franziskanerkloster, wurde 1525 nach Lauban berufen, um dort das Evangelium zu verkünden; denn Lauban hatte beobachtet, daß das Werk der Reformation in Görlitz ohne Unordnung glücklich angefangen hatte und weiter vonstatten gegangen war. Zwei frühere Tuchmacheraus Görlitz wurden 1541 für Berzdorf und Schwerta durch Bugenhagen in Wittenberg zu Predigern ordiniert. Das gleiche geschah am 2. September 1545 mit dem Reichenbacher Schulmeister Matthäus Merck für Holzkirch bei Lauban, am 18. September 1549 mit dem Schulmeister Johannes Konrad aus Reichenbach für Meuselwitz und am 4. Mai 1551 mit dem Schulmeister Adam Schulz aus Görlitz für Wendisch-Ossig. Anfang 1550 wandten sich die Kirchenväter der Pfarrkirche zu St. Peter in Görlitz nach Wittenberg, einen gewissen Martin Arnold zu prüfen; genüge er, solle er Pfarrer in Ober-Bielau werden. 1552 sollte ein Görlitzer Lehrer Gregorius Rudolph Pfarrer in Sohra werden und zu dem Zweck in Wittenberg oder Torgau die Ordination empfangen. Und 1558 wurde David Benediktus, Sohn der Pfarrers Franz Benediktus in Ludwigsdorf, dem Superintendenten Andreas Muskulus in Frankfurt a.d.O. zur Prüfung und Ordination überwiesen; er sollte seinen Vater im Alter helfend zur Seite stehen.

Das Licht des Evangeliums war nicht vergeblich auf den Leuchter gesteckt worden. Möge es weiter leuchten und erleuchten!

Autor: 
Alfred Zobel
Veröffentlichungsdatum: 
1917