Die Anfänge der Reformation in Görlitz und der Preußischen Oberlausitz

Anfänge der Reformation in Görlitz 1925

von Alfred Zobel, Pastor der Dreifaltigkeitskirche

Görlitz, im Frühjahr 1925

Herausgegeben von dem Vorstand des Parochialverbandes der evangelischen Gemeinden

3., vermehrte und verbesserte Auflage

 

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort
  2. Das erste Keimen
  3. Der Boden ist bestellt
  4. Der alte Sauerteig ist kraftlos geworden
  5. Johannes Tetzel, der Helfer wider Willen
  6. Was muß ich tun, daß ich selig werde?
  7. Rom setzt sich zur Wehr
  8. Der Mensch denkt, Gott lenkt
  9. Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit und neues Leben blüht aus den Ruinen
  10. Das auf den Leuchter gestellte Licht des Evangeliums leuchtet von Görlitz hinaus in die Umgebung

Vorwort

Nachfolgendes Schriftchen war im Sommer 1917 aus Anlaß des 400jährigen Reformations-Jubiläums in den deutschen Landen entstanden.

Zum zweiten Male geht es hinaus im Hinblick auf das vor 400 Jahren (1525) erfolgte Eindringen der Reformation in Görlitz und die umliegende Oberlausitz.

Abgesehen von der anderen Fassung des Titelblattes ist die Darstellung in den ersten acht abschnitten unverändert geblieben. Sie entspricht, wenn sie auch in anderen Stücken erweitert werden könnte, durchaus noch dem heutigen Stande wissenschaftlicher Forschung. Dagegen ist der letzte Abschnitt gänzlich umgearbeitet und erweitert worden.

Die Bedeutung des sogenannten Priesterkonvents zu Görlitz ist, wie ich jetzt nach wiederholter Beschäftigung mit dem Gegenstand meine und an anderer Stelle wissenschaftlich nachzuweisen gedenke, auf Grund früherer, bisher für unanfechtbar gehaltener Darstellungen überschätzt worden.

Zum anderen sollte gelegentlich des Reformations-Jubiläums von Görlitz auch der Reformation in der heutigen preußischen Oberlausitz, deren wirtschaftlicher, politischer und geistiger Mittelpunkt Görlitz im 16. Jahrhundert gewesen war, gedacht werden. Daher der Versuch, den Gang der Reformation auch durch dieses Gebiet zu belauschen. Er gründet sich in der Hauptsache auf die noch heute sehr wertvolle Oberlausitzische Reformationsgeschichte von Johann Gottlob Müller (1801 in Görlitz bei Anton erschienen), auf die neunbändige Presbyterologie des Pastors prim. Joh. Chr. Jancke zu Görlitz (1757 bis 1834) und auf Buchwalds Wittenberger Ordiniertenbuch (1894 und 1895 in Leipzig bei Wiegand erschienen).

Möge nun auch die zweite Auflage helfen, die Liebe zu der heimatlichen evangelischen Gemeinde und letzten Endes zum Evangelium selbst zu stärken!

Görlitz, am 2. Sonntag nach Epiphanias 1925

 

Das erste Keimen.

Es war im Jahre 1521. Von Zittau her, wo die von Böhmen herüberkommende Pest den Sommer hindurch gewütet hatte, war sie auch in Görlitz eingedrungen. Fremde Schüler mochten sie eingeschleppt haben. Auf der Krebsgasse fielen am 22. Juli ihre ersten Opfer. Mit unheimlicher Schnelligkeit griff sie um sich. Bis zum Ende des Jahres waren nach der einen Schätzung 1700, nach einer anderen gar 2600 Personen von ihr hingerafft.

Ein immer ernsteres Anmerken ging durch viele nachdenkliche Gemüter. Görlitz stand zwar allenthalben in deutschen Landen in dem Ruf, daß es ein geistlich gottesfürchtig Volk habe. Aber was halfen alle die Stiftungen, die man für Kirche und Kloster zu Ende des 15. Und zu Anfang des 16. Jahrhunderts in so reichhaltigem Maße gemacht hatte! Was nützten die vielen Messen, die an den Altären der Kirchen gehalten wurden, die Bruderschaften, in denen man sich zu fleißiger Teilnahme am Gottesdienst und Gebet vereinigt hatte, die Wallfahrten nach besonders heiligen Orten, überhaupt alle die frommen, verdienstlichen Werke, zu denen die Kirche durch ihre Diener zu mahnen nicht müde geworden war! Schon seit einiger Zeit waren Ansichten aufgekommen, welche die Notwendigkeit der guten Werke zur Seligkeit arg in Zweifel gezogen hatten. Jetzt wurde an diesem einen Hauptpfeiler des bisherigen kirchlichen Lebens noch mehr gerüttelt. Hatte das Pestjahr 1508 allein den Mönchen des Görlitzer Franziskanerklosters noch acht meist größere Stiftungen gebracht, 1521 kam den Mönchen nur eine zugute.

Der Rat der Stadt hatte zur Zeit der Pest nichts Besseres zu tun gewußt, als durch schleunigste Flucht sich dem nahen Unheil zu entziehen. Nur einige Wenige aus seiner Mitte hatten zur Fortführung der notwendigsten Amtsgeschäfte zurückbleiben müssen. Aber einer von denen, die im öffentlichen Leben ebenfalls mit an erster Stelle gestanden hatten, war nicht gewichen. Das war der Pfarrer der Stadt gewesen, der Magister Franz Rotbart (Franziskus Rupertus). Er war Görlitzer Kind, 1479 oder 1480 in Görlitz als Sohn frommer Biederleute deutscher Art geboren, noch nicht lange als Pfarrer der Stadt tätig. Erst am 29. April 1520 war er in sein Amt eingewiesen worden, nachdem er vorher Pfarrer in Sprottau gewesen war. Als einen der Anhänger der alten Lehre der römischen Kirche hatte der Rat ihn berufen. Er war es wohl auch gewesen. Doch hatte er sich den geistigen Strömungen seiner Zeit nicht entziehen können. Manche Schrift Luthers war ihm in die Hände gekommen und von ihm gelesen worden. Manche Erzählung von Disputationen und Reichstagen war an ihn gelangt. Sein Herz hatte sich der Verkündigung des reinen Evangeliums zugeneigt. Er hatte vor allem zur Pestzeit begonnen, im Sinne eines Luther auch öffentlich zu predigen und zu lehren. Johannes Haß, von 1535 an mehrmals Bürgermeister der Stadt, ein strenger Katholik, schreibt in seinen Annalen ausdrücklich: „jetzund (zur Zeit der Pest 1521) hat sich die Lutherische Sache und sein Evangelium durch den Pfarrherren Magister Franziskus Rotbart etwas hervorgetan.“ Das Jahr 1521 bedeutet den Anfang der Reformation in Görlitz.

Der Boden ist bestellt.

Etwas „hervorgetan“ hat sich 1521 die Lutherische Sache. Also ist die Pestzeit mit ihren Erfahrungen wohl nur der Funke gewesen, welcher schon lange angesammelten Zündstoff in einer nun auch nach außen in weiterem Umfange sichtbaren Weise hat aufflammen lassen. Wie hätte auch  eine so bedeutende Stadt, wie das alte Görlitz, dieser Eckpfeiler des Oberlausitzischen Sechsstädtebundes, von den ganz Deutschland bewegenden Ereignissen unberührt bleiben können!

Seine Kaufleute, vor allem die Tuchmacher, zogen zur Messe nach Leipzig. Dort kamen nicht nur Waren zum Verkauf, sondern auch alle die Flugblätter über die neuen, aufsehenerregenden Geschehnisse im Deutschen Reich. Sie waren in deutscher Sprache gehalten und in ihrem Inhalt dem geistigen Verständnis der großen Menge möglichst angepaßt. Sie waren zumeist in Quartformat gedruckt und umfaßten an Umfang nur wenige Seiten. Die erste Seite zierte eine oft sehr kunstvolle Umrahmung, in vielen Fällen auch noch ein besonderer Holzschnitt. Auch nach Görlitz mag manche von ihnen gelangt sein.

Nach Erfurt wie überhaupt nach den thüringischen Landen stand ein reger Verkehr, den Waid, einen zum Färben der Tuche notwendigen Farbstoff, herbeizuschaffen. Görlitz war Stapelplatz für den Waid. Hauptpunkt für den Waidhandel war damals Erfurt. Aller Waid, der von Thüringen nach Schlesien geführt wurde, mußte in Görlitz abgeladen und abgeschätzt werden und so lange liegen bleiben, bis die Stadt ihren Bedarf daran völlig gedeckt hatte. So war viel Gelegenheit geboten, auch Nachrichten und Urteile über die Welthändel auszutauschen.

Wie früher nach Leipzig, so zogen vor allem seit 1519 die Söhne der wohlhabenden Geschlechter, aber auch ärmerer Bürger nach der erst 1502 begründeten Universität Wittenberg. Das Verzeichnis der bei dieser Hochschule eingeschriebenen Studenten weist für die Jahre 1519 bis 1521 allein 14 Görlitzer auf, darunter ein Valentin Trotzendorf, den späteren weltberühmten Rektor von Goldberg; er war, nachdem er in Leipzig studiert hatte und dort Magister geworden war, 1516 Lehrer in Görlitz geworden und begab sich 1519 nach Wittenberg, um sich unter Luther und Melanchthon noch weiter fortzubilden. Und diese Studenten schwiegen nicht über das, was sie von ihren geistigen Führern in den Vorlesungen und im persönlichen Verkehr erfuhren. Sie schickten Luthers Schriften nach Hause; sie erzählten nach ihrer Rückkehr mündlich von dem, was sie gesehen und gehört hatten. Schon 1518, so wird uns glaubwürdig berichtet, waren Luthers Absichten in Görlitz bekannt geworden und hatten viele zum Aufmerken und Nachdenken veranlaßt. Auch werden uns einzelne Schriften mit Namen genannt, die 1519 nach Görlitz gedrungen sind und vor allem die Kenntnis von Luthers religiöser Art vermittelten, so sieben ins Deutsche übersetzte Bußpsalmen mit Erklärungen, der 1518 gedruckte Sermon von der Kraft des Bannes und die 1519 gedruckte Erklärung des Briefes an die Galater. Überhaupt ist Luther den Görlitzern nicht lange fremd geblieben. Sein erbittertster Gegner in Görlitz, der schon genannte Johannes Haß, zeigt in seinen Annalen eine Außerordentliche Vertrautheit mit seinen Gedanken; er verweist ausdrücklich zu wiederholten Malen auf Luthers nur zu sehr ausgebildete schriftstellerische Tätigkeit.

Der alte Sauerteig ist kraftlos geworden.

Um so empfänglicher waren die Bewohner von Görlitz für die vom Westen zu ihnen dringenden neuen Gedanken gewesen, als sie das vorhandene kirchliche Leben schon lange nicht mehr recht befriedigte.

Wohl war nach dem Zeugnis eines Haß um das Jahr 1520 der Papst und die römische Geistlichkeit noch sehr gefürchtet. Als 1518 am Sonntag nach dem 16. Oktober der neue Bischof von Meißen, Hans von Schleinitz, in dessen Sprengel gehörte, in sein Amt eingeführt wurde, hatte der Rat den Unterstadtschreiber hingeschickt, sein Ausbleiben entschuldigen zu lassen und eine reiche Gabe an Wild, Wein und Geld mitgegeben. Als 1520 der Plan bestand, daß derselbe Bischof auf einer Reise in seinen Sprengel der Stadt nahegelegene Orte, wie Rothenburg, Rengersdorf, Ebersbach, berühren sollte, hatte ihn ein städtischer Abgesandter am Pfingsttage zu Bautzen ehrerbietigst gebeten, auch nach Görlitz zu kommen, zu firmen, eine Glocke, die wiederhergestellte und erweiterte Nikolaikirche und den durch einen Streit entweihten Friedhof zu weihen. Wie ein Fürst war er dann am Mittwoch vor dem Fronleichnamfest von der gesamten Priesterschaft, von den Mönchen, dem Rat, den Innungen und einer großen Volksmenge am Reichenbacher Turm empfangen und in feierlichem Zug zu einem Gottesdienst nach der Peterskirche geleitet worden. In großer Prozession, an der um seinetwillen auch die Mönche sonstiger Gewohnheit zuwider teilgenommen hatten, war er am Fronleichnamstage selbst durch die Straßen der Stadt gezogen und hatte gefirmt und geweiht, wie er gebeten worden war. Von nicht geringer Wirkung war sein Auftreten und der dabei entfaltete kirchliche Prunk gewesen. Als im nächsten Jahre der Bischof die gegen Luther gerichtete päpstliche Bannbulle mit einem Schreiben vom 6. Januar dem Rat zugeschickt hatte, war diese vom 23. Februar 1521 an bereitwilligst zum Aushang an der Haupttür der Peterskirche gelangt. Die Anhänglichkeit an die alte Kirche schien festgegründet. Und doch barg sich hinter der gleißenden Außenseite viel Unschönes und Unedles. Diejenigen Einwohner, die schon etwas mit Luthers Gedanken vertraut waren, kamen darüber umsoweniger hinweg, je mehr man es durch die Entfaltung der äußeren Pracht kirchlicher Zeremonien in Vergessenheit bringen wollte.

Es mochte eine rauhere und derbere Zeit als die unsrige sein, jene Zeit um die Wende des 15. Jahrhunderts. Aber auch nach ihrer Auffassung hatte der Bierstreit, der von 1474 bis 1498 zwischen den Pfarren Schwoffheim und Behem einerseits und dem Rat andererseits über den Ausschank fremden Bieres in dem Pfarrhof geführt worden war, nicht dazu beitragen können, das Ansehen der Geistlichkeit zu befestigen oder gar zu erhöhen. Der Stachel blieb zurück, daß Priester die auf ihrem Pfarrhof haftenden Biergerechtigkeit und den Verdienst am Bier hatten zum Anlaß nehmen können, einen jahrzehntelangen Streit, der bis vor des Papstes Richterstuhl geführt wurde, durchzuhalten.

In einer Schrift des Görlitzer Stadtschreibers Johannes Frauenburg von 1476 über die Pflichten eines mittelalterlichen Bürgermeisters war gesagt worden, ein Bürgermeister solle vor allen Dingen Achtung haben auf Gottes Ehre und Dienst, daß er gemehret werde, und daß der priesterliche Stand gewürdigt werde. Demzufolge hatte der Rat in wiederholten Schreiben in den Jahren 1497 bis 1499 die geistlichen Oberen gebeten, den sogenannten wilden Brüdern im Franziskanerkloster zu wehren und noch 1509 gedroht, er werde, wenn der geistliche Vorgesetzte es nicht tue, seinerseits Wege suchen, um einer Verwilderung der Geistlichkeit zu begegnen.

Und nicht bloß im Kloster mag es trotz des Eingreifens der Vorgesetzten zuweilen recht schlimm gestanden haben. Auch von der anderen Geistlichkeit zeichnet ein so wenig verdächtiger Zeuge wie Johannes Haß ein nicht eben erfreuliches Bild. Über Martin Faber, der als Pfarrer dem streitsüchtigen Behem gefolgt war, hatte man nicht zu klagen gehabt. Sein goldenes Priesterjubiläum war 1518 unter aufrichtiger Teilnahme des Rates begangen worden. Ebensowenig war die Lebensführung des Pfarrers Rotbart Ursache zum Tadel geworden. Auch den Predigern und Kapellänen war hinsichtlich ihres Wandels wohl nichts nachzusagen gewesen. Aber die sogenannten Altaristen empfangen von Haß eine um so schlimmere Beurteilung. Bis zu 42 von ihnen haben täglich zur Besorgung der bei den Reliquienaltären zu verrichtenden Handlungen in ihren Stühlen gestanden. Es waren gemeinhin grobe, ungelehrte Gesellen. Sie taten nichts anderes, verstanden auch nichts anderes, als in der Woche 3, 4 und 7 Messen zu lesen. Ja sogar dazu waren sie oftmals nicht geschickt. Haß sagt, sie seien zuweilen dazu gegangen wie die Sau zum Troge, und es sei ein großes Unrecht von den Bischöfen gewesen, solcher ungeschickter Pfaffen überaus viele zu ordinieren und die ganze Welt mit ihnen zu erfüllen. Denn war´s zu verwundern, wenn diese priesterlichen Personen schon des Müßiggangs wegen auf Abwege gerieten? Ihrer Büberei zu steuern, hatte der Rat um 1500 herum sich genötigt gesehen, ihnen zum Teil die eigene Wohnung zu entziehen und sie durch das Tragen von großen Studentenkappen, deren lange Zipfel auf den Achseln zu ruhen hatten, also durch eine besonders auffällige Tracht vor der Bürgerschaft kenntlich zu machen. Etwa bis 1510 muß diese Anordnung Bestand gehabt haben. Diese Art von Priestern mußte, wie Haß schreibt, in großer Furcht gehalten werden.

Johannes Tetzel – der Helfer wider Willen

Dem Ansehen der Kirche nicht weniger schädlich erwies sich das Auftreten des bekannten Dominikanermönches Johannes Tetzel. Am 21. Dezember 1508 war er nach Görlitz gekommen, um einen Ablaß zugunsten des Deutschen Ritterordens in Livland gegen die ungläubigen Russen zu verkünden. Bis gegen Ende September 1509 war der Ablaß verkauft worden. Dann hatte der Rat unter der Bedingung, daß die Hälfte des Ertrages der Peterskirche zugute käme, in eine Verlängerung bis 1510 gewilligt. Nicht dauernd war Tetzel zugegen gewesen. Doch steht Haß nicht an, seinerseits Tetzel überaus vieler zweifelhaft unchristlicher Worte und Meinung zu zeihen und den allgemeinen Eindruck seines Auftretens dahin zu kennzeichnen, „seine verwegenen Predigten, daß er so frech und um des Geldes willen den Ablaß aufgedrungen, hätten viel Leute übel gefallen“. Hatte doch Tetzel, nach Haß ein großer, starker Mann, beredt und sehr kühn in seiner Sprache, auch ziemlich gelehrt, aber leichtsinnigen Lebenswandels, sich nicht gescheut, wiederholt zu erklären, er wäre mehr als die Mutter Gottes zur Vergebung und zur Behaltung der Sünde, sobald der Pfennig ins Becken geworfen würde und klinge, sobald wäre die Seele, dafür er geleget, gen Himmel, er wäre ein Ketzermeister, allem, die wider seine Predigt und den Ablaß redeten, denen wolle er die Köpfe abreißen lassen und sie blutig in die Hölle verstoßen, er wolle die Ketzer verbrennen lassen, so daß der Rauch über die Mauern hinausschlagen solle. Auch hatte er das Volk aufgefordert, ihm nach der Predigt zu folgen und gesagt, jetzt wollte er für seinen Vater und jetzt für den und den Verstorbenen einlegen, so wäre es denn nicht not, seiner weiter mit Fürbitten zu gedenken, denn er wäre nunmehr der Seligkeit gewiß. Und wenn dann das Volk eingelegt hätte, dann sei er zum Becken gegangen und habe sich die Tasche voll Geldes gesteckt.

Was muß ich tun, daß ich selig werde

Dieses Gebaren mußte schließlich um so zersetzender wirken, da ein heißes, aufrichtiges Verlangen nach der Seligkeit viele Herzen erfüllte. Haß bezeugt, das Volk, vor allem die frommen Matronen seien durch Tetzel nicht wenig bewegt worden, sie wären ihm gern zum Becken gefolgt, hätten viel eingeworfen, um sich des Ablasses teilhaftig zu machen, hätten auch viel vor allem die Ablaßbriefe gekauft. An diesem Bericht fügen sich andere Beobachtungen. 1481 bis 1489 wurde die Kapelle zum heiligen Kreuz, die bis dahin nur aus Holz bestanden hatte, nach dem Vorbild der Kalvarienkapelle zu Jerusalem in der heut noch bestehenden Gestalt aus Steinen errichtet, und in den folgenden Jahren bis ins 16. Jahrhundert hinein die ganze Anlage des heutigen Heiligen Grabes. 1494 wurde an der Kapelle  zu Unserer lieben Frauen das neue Dach eingedeckt und der hölzerne Glockenstuhl aufgestellt. Am 14. August 1497 war das große Werk der Erweiterung und Erneuerung der Peterskirche nach einer Bauzeit von mehr als 74 Jahren zum glücklichen Ende geführt. Die Jahre 1450 bis 1512 brachten der Mönchskirche, der heutigen Dreifaltigkeitskirche, eine weitere Ausgestaltung und bessere Ausschmückung. Von 1508 bis 1512 entstand die Annenkapelle. Von 1515 an wurde der Erneuerungs- und Erweiterungsbau der Nikolaikirche, der 63 Jahre lang geruht hatte, wieder reger in Angriff genommen, ohne daß er freilich bei der Einweihung 1519 bereits vollendet gewesen wäre. Und zu all diesen Bauten waren in der Hauptsache freiwillige Gaben gespendet worden. Ja die Annenkapelle hatte der Großkaufmann Johann Frenzel überhaupt ganz aus eigenen Mitteln errichtet. Außerdem, wieviel Stiftungen für die Altäre, für die Priester, für das Kloster! In der Nikolaikirche wurden jährlich 2000 Seelenmessen, in Ganz Görlitz aber jährlich an 15.000 gelesen. Den Kloster flossen gerade von 1470 bis 1518 Gaben an Wachs, Kirchwein, Kelchen, Stoffen für die Meßgewänder und für Altarbekleidungen in nicht geringem Umfange zu; auch enthielten 1505 bis 1516 gefertigte Testamente mancherlei Vermächtnisse für Kloster und Kirchen. Ebenso suchten gegen Ende des 15. Jahrhunderts und am Anfang des 16. Jahrhunderts viele angesehene Personen beiderlei Geschlechts ihre letzte Ruhestätte in der Kirche der Mönche. Das Verlangen nach der Seligkeit war groß. Man suchte nach Unterpfändern der göttlichen Gnade. Man meinte sie in frommen, verdienstlichen Werken zu finden. Man fand sie nicht. Die Seelen kamen nicht zur Ruhe. Man beteiligte sich wohl an den aus der Väter Zeit her stammenden kirchlichen Zeremonien. Aber nicht bloß das Vertrauen zu ihren Trägern war erschüttert. Lärm und Glanz vermochten auch den Görlitzern über den Mangel an innerer Befriedigung auf die Dauer nicht hinwegzuhelfen. Es mag manch einer innerlich aufgeatmet haben, als zur Zeit der großen äußeren Not während der Pest 1521 die Botschaft klar und deutlich erklang, der Mensch könne und brauche durch seine guten Werke die Seligkeit sich nicht zu verdienen, Gott habe alles getan durch Christum, auf ihn allein gelte es zu vertrauen. Es gewährt einen vielsagenden Rückschluß auf den auch die Görlitzer nicht mehr befriedigenden Zustand des römischen Kirchenwesens, wenn Haß bekennen muß: die lutherische Sache und sein gepredigt Evangelium sei nicht die unbedeutendste unter den vielen wunderbaren, schweren und geschwinden Händeln und Sachen gewesen, die sich in Görlitz, im Markgraftum Oberlausitz wie überhaupt in ganz Deutschland zugetragen hätten; daraus sei fast die ganze Stadt rege geworden, und es sei Gefahr entstanden zwischen den Brüdern des Rates. Er muß zu seinem Ärger eingestehen: durch Vertretung von Luthers Lehre habe Rotbart dem Volke gefallen wollen, und der gemeine Mann, der  – solange Rotbart noch die streng katholische Lehre gepredigt hatte – ihn nicht gerade gern habe hören wollen, sei jetzt der lutherischen Lehre zugefallen; er habe sie als ein bequemes, seliges und wahrhaftiges Ding angenommen.

Auch für Görlitz war die Zeit erfüllet. In der nach außen scheinbar gut katholischen Stadt hatte ein Feuer zu glühen begonnen, welches das Alte vernichten und ein neues religiöses und kirchliches Wesen zur Entstehung bringen sollte. Es hatte längere Zeit im Verborgenen geglommen. Das große Unglück, die Pest von 1521, hatte es nach außen sichtbar werden lassen. Luthers Gedanken, evangelische Predigt hatten zu dieser Zeit begonnen, sich in unserer Stadt geltend zu machen.

 

Rom setzt sich zur Wehr

Im Jahre 1521 hatte sich der erste deutlich wahrnehmbare Lufthauch evangelischen Wesens in Görlitz geregt. Daß er nicht sofort alle Bewohner der Stadt erfaßte und nicht mit einem Maße in unwiderstehlichem Ansturm das Alte zu Boden zu werfen vermochte, darf nicht verwundern.

Das Ansehen der römischen Kirche war von früher denn doch zu tief in den Herzen verwurzelt, und die Furcht vor Papst und Geistlichkeit war noch zu groß, als daß man sich sofort von ihnen hätte lossagen wollen. Eben in der letzten Zeit vor der Reformation hatte sich durch den Gegensatz zu dem Hussitentum ein sehr eifriges und ein sehr entschiedenes katholisches Bewußtsein in der Oberlausitz entwickelt.

Und die kirchliche Obrigkeit hatte das ihre getan, es zu erhalten und zu stärken. Am 27. Februar 1519 war Johann VII., ein Herr von Schleinitz, der Bischof von Meißen, durch ein zu Prag gegebenes königliches Handschreiben aufgefordert worden, die neuen Ansichten mit allem Ernst zu unterdrücken. Am 24. Februar 1520 war eine Verordnung des Bischofs erschienen, Luthers Schrift vom Abendmahl allenthalben an die Pfarrämter abzuliefern; der Empfang des Abendmahls  in beiderlei Gestalt (d.h. unter Brot und Wein) war als „freventlich und betrüglich“ bezeichnet worden. In demselben Jahre hatte der Bischof seine Anwesenheit in Görlitz gelegentlich des Fronleichnamfestes wahrgenommen, die Geistlichkeit, den Rat, die Bürgerschaft auf das dringendste unter Androhung des Bannes zu ermahnen, sich durch die neuen ketzerischen Lehren nicht verführen zu lassen, sondern dem alten Glauben der Kirche treu zu bleiben. Ebenso hatte er unter dem 6. Mai 1522 den geistlichen Personen seines Kirchenkreises befohlen, bei der bisherigen Religionsübung zu verharren. Das gleiche hatte der Vorgesetzte der Mönche, der Pater Frontinus, getan. Als er 1523 nach Görlitz gekommen war, um in dem Kloster zum Rechten zu sehen, hatte er die Mönche in Gegenwart des Rates durch Eid dazu verpflichtet, in der alten Religion fest und unsträflich zu stehen. Und der Rat hatte versprochen, sie zu schützen und zu versorgen und bei der Religion der römischen Kirche zu erhalten.

Und dieses Bestreben der kirchlichen Obrigkeit, das Alte zu bewahren und dem Umsichgreifen der Neuerungen entgegenzutreten, fand bei dem Rat der Stadt, - dem Magistrat, wie wir heute sagen würden, - ganz besonders bereitwillige Unterstützung. Es wird seine Mitglieder heute noch ehren, wenn Haß in ernsten, warmen Worten bezeugt: viele hundert und aber hundert Jahre hätten ihre Vorfahren es nicht anders gewußt und geglaubt, wie die alten Geistlichen es sie gelehrt und die kirchlichen Formen es dargestellt hätten; von ihnen hätten sie diese Gebräuche ererbt, darin seien sie aufgewachsen, sie hätten sie nicht so schnell verstoßen können, das wäre ein Zeichen eines recht leichtsinnigen Herzens gewesen, sie hätten die Pflicht gehabt, die Geister zu prüfen, ob sie Gott seien, und nicht jedem Geist zu glauben, denn es seien in der Schrift falsche Propheten und falsche Christusse prophezeiet. Es war eben ehrliche Überzeugung von der Richtigkeit des alten Glaubens, der viele Ratsmitglieder gegen die Neuerungen einnahm. Freilich kam dann auch dazu, daß sie durch die neue Lehre eine Untergrabung ihres Ansehens, ja eine Umänderung der ganzen bisherigen städtischen Verhältnisse befürchteten. Haß redet mit zornigen Worten von der Unbescheidenheit und Unverschämtheit der neuen Prediger, die nach dem Vorbild ihres Meisters Luther die Anschauung vertreten hätten, dem gemeinen Manne stünde es zu, die Träger der städtischen Ämter zu wählen, und die für sich in Anspruch nehmen wollten, darüber, was Recht und Unrecht bei den Regierenden wäre, zu entscheiden.

Jedenfalls schritt der Rat, nachdem er nach dem Aufhören der Pest sich wieder vollzählig in der Stadt eingefunden hatte, mehr und mehr gegen Rotbart ein. Es empörte ihm, daß dieser Prediger sich immer mehr auf Luthers Sache einließ und unter dem Volk mit seiner Predigt mehr und mehr Anhang gewann. Er ließ ihn durch seine Abgesandten vielmals auffordern, sich in seiner Predigt zu mäßigen, - wie er, der Rat, sie verstand, - damit das Volk dadurch nicht zu Ungehorsam und Aufruhr erweckt würde; er warf ihm vor. Seine Predigt habe dahin gelautet, das Volk sei in Sachen des Wortes Gottes und des Evangeliums nicht gehalten, dem Rat zu gehorchen, der gemeine Mann aber habe die Worte viel umfassender gedeutet, als wenn sie überhaupt von allem Gehorsam entbunden wären. Kurzum, er redete Rotbart in die Führung seines Amtes immer wieder hinein und suchte ihn zu hindern. Schließlich bat Rotbart 1523 zur Osterzeit um seine Entlassung. Als der Bürgermeister Franz Schneider und Haß in der Nähe des Pfarrhauses sich aufhielten, trat er an sie heran und teilte ihnen mit, er denke daran, die Pfarre zu verlassen und an einem anderen Ort, wo es ihm vergönnt wäre, das Evangelium zu predigen, sein Heil zu versuchen, er merke, daß der Rat ihn zum Pfarrer nicht weiter haben wollte. Recht unfreundlich und ungerecht, so daß ein Melanchthon ihn später mit großer Entschiedenheit gegen den Rat in Schutz genommen hat, wurde ihm geantwortet: Der Rat hätte nichts davon gemerkt, daß er etwa mit großem Fleiß das Evangelium studiert habe, er habe nur etliche Scharteken gelesen und ihren Inhalt mit aller Unbedacht und Unvernunft ins Volk geworfen, der Rat hätte deshalb aus Besorgnis vor weiteren Unannehmlichkeiten öfters bei ihm Vorstellungen erhoben, es sei aber wider Erwarten alles bei ihm vergeblich gewesen, könne er die Pfarre nicht behalten, so möge er sein handeln ganz nach seinem Belieben einrichten.

So räumte Rotbart die Pfarre. Der Rat atmete auf. Der unbequeme Neuerer war beseitigt. Das weitere Fortschreiten der evangelischen Bewegung in Görlitz schien aufs ernsteste bedroht.

Der Mensch denkt, Gott lenkt

Rotbart, der erste evangelische Prediger in Görlitz, war gewichen. Der Rat, darum besorgt, daß durch das Umsichgreifen der lutherischen Bewegung nicht etwa eine vollständige Umwälzung der städtischen Verhältnisse entstünde, ging in der Wahl seines Nachfolgers außerordentlich vorsichtig zu Werke. Nikolaus Zeidler, Prediger an St. Elisabeth in Breslau, war ihm als guter Prediger der alten Religion empfohlen worden. Da er zufällig in der Nähe von Liegnitz besuchsweise sich aufhielt, ließ er ihn zu sich kommen. Auf dem hiesigen Rathaus besprach er sich mit ihm auf das allergründlichste. Er eröffnete ihm seine Wünsche, er stellte ihm vor, was er von ihm erwartete, und wie er sich zu verhalten habe. Zeidler sagte zu, daß er in jeder Beziehung die bisherige römische Lehre vertreten werde. Der Rat meinte, für die Zukunft beruhigt sein zu können.

Vor Antritt seines Amtes erbat sich der neue Prediger einen kurzen Urlaub nach dem Vogtlande, seiner Heimat. Nach seiner Rückkehr hielt er auf der Kanzel unserer Peterskirche seine Antrittspredigt. Ein großes Erschrecken ergriff den Rat, als er sie hörte. Denn Zeidler verwarf das Papsttum und die von ihm herrührenden kirchlichen Ordnungen und verherrlichte Luthers Lehre. Sofort machte er dem neu erkorenen Prediger die ernstesten Vorstellungen, er erinnerte ihn an seine Zusage, er forderte von ihm, daß er ihrer gegenseitigen Verabredung gemäß sich verhalte. Zeidler gab zur Antwort, er habe in seiner Heimat die Grasmagd auf dem Felde die von Luther gedichteten deutschen Lieder singen hören, er habe daraus erkannt, daß auch die armen Dienstboten das Evangelium empfangen hätten, das habe ihn bewogen, der neuen Lehre sich anzuschließen, er werde davon auch nicht abgehen, er könne niemanden mehr zu St. Nikolaus oder zur heiligen Katharina weisen, sondern nur noch zu Christo.

Mit dieser Antwort mußte der Rat sich zufrieden geben. Er ließ es an erneuten Vorstellungen bei Zeidler nicht fehlen, er schärfte ihm besonders ein, er solle doch ja recht behutsam vorgehen, damit kein Aufruhr erweckt würde. Er wandte sich an den Bischof von Meißen und erklärte ganz ausdrücklich, wie er den Neuerungen durchaus nicht zuneige, wie er viel lieber bei der alten christlichen Religion bleibe und an ihr so lange wie möglich halten wolle, er bat um geeignete altgläubige Prediger. Der Bischof schickte auch einen, sogar seinen eigenen Kaplan; er schlug nicht ein; er predigte zu scharf und zu heftig, er mußte wieder weichen. Einen neuen konnte er nicht senden. Der Rat mußte ihn sich selber suchen. Er hatte kein Glück. Der von ihm erwählte Prediger machte sich so verhaßt, daß er bei einer Prozession öffentlich angegriffen wurde und die Hilfe der Ratsdiener in Anspruch nehmen mußte, Es fehlte eben an guten gelehrten Predigern des alten Glaubens. Unterdes ließ Zeidler sich nicht beirren. Er predigte nach wie vor gegen die Einrichtungen der römischen Kirche, gegen ihre Geistlichkeit, ihre Winkelmessen, die Beichte, die kirchlichen Zeremonien, er verkündigte Luthers Lehre, ja er gedachte unter Zurückstellung der eigenen Person auch in seinen Predigten immer wieder seines Vorgängers auf dem Predigtstuhl, des Pfarrers Rotbart. Er betonte unermüdlich, jener sei ein rechter Pfarrer und Seelenhirt gewesen, er habe seine Schäflein mit dem Evangelium zu weiden angefangen, er sei allein um des Evangeliums willen vertrieben worden, und er mahnte, Gott darum zu bitten, daß er wieder eingesetzt werden möchte.

Nun erschienen zwar mancherlei obrigkeitliche Verordnungen, welche die alte Religion schützen und stützen sollten. Der Bischof von Meißen ermahnte den Rat, unter sich kein räudig Schaf aufkommen zu lassen, sondern den Vorfahren gleich beständig zu bleiben. Ein anderer Erlaß, der allsonntäglich von den Kanzeln verlesen werden sollte, schärfte es den Angehörigen seines Kirchenkreises ein, an den alten Gebräuchen und Lehren fest zu halten. Wieder ein anderer Auftrag trieb die Geistlichen an, ihre Gemeinden zur Buße zu rufen, die heillosen neuen Sitten und in die Irre führenden Lehren abzulegen. Ja, eine königliche Verordnung verlangte sogar, der Rat solle diejenigen, welche die Neuigkeiten, Sekten und Ketzereien predigten, festnehmen und. Wenn sie von ihren Irrtümern nicht lassen wollten, sie an Leben und Gut zu bestrafen.

Allein der Rat durfte – wie Haß bezeugt, um Aufruhr zu vermeiden – nichts Ernstliches unternehmen. Er selbst war in Sachen des Glaubens nicht mehr einig. Manche seiner Mitglieder hatten sich der neuen Bewegung angeschlossen. Auch unter den Geschlechtern hatte sie um sich gegriffen. Der Großkaufmann Hans Frenzel, welcher noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts der alten Kirche große Stiftungen gemacht hatte, - er hatte ganz aus seinen Mitteln die Annenkapelle erbaut, - war lutherisch gesinnt geworden. Ebenso waren die Mönche im Kloster der Franziskaner wankend geworden. Vor allem aber war auf die Masse der Bürgerschaft Rücksicht zu nehmen. Unter ihr gärte es nicht bloß mit Bezug auf das kirchliche Leben, sondern vielleicht noch viel heftiger mit Bezug auf die allgemeinen städtischen Verhältnisse. Die Innungen, allen voran die Tuchmacher, wünschten Anteil am Regiment der Stadt zu erhalten. Sie verlangten, der Rat solle über die Verwaltung und Verwendung der städtischen Gelder Rechenschaft geben, er solle über die Veranlagung zu Abgaben und die Verhängung von Strafen neue Bestimmungen treffen; und er solle auch einwilligen in die freie Predigt des Evangeliums und in die Rückberufung  Rotbarts. Gewaltmaßregeln, die der Rat zunächst anwenden wollte, erwiesen sich als ganz verfehlt. Die Stimmung innerhalb der Innungen wurde immer erregter, ja bedrohlicher, ihre Forderungen immer dringender. Mit diesen war je länger je mehr auch die verknüpft, den alten Pfarrherrn wieder zurückzurufen, für ihre Erfüllung wurde noch ganz besonders williger Gehorsam versprochen. Der Rat schwankte, ob er dieses Verlangen gewähren solle, er befürchtete, Nachgiebigkeit in diesem Stücke würde zur Bewilligung auch der anderen Forderungen führen. Schließlich stellte er seine Bedenken zurück. Er hoffte, die Bürgerschaft durch Entgegenkommen in diesem Stücke etwas zufriedener zu machen und zur Beruhigung der Innungen beizutragen. Er erwartete auch, Rotbart würde sich mäßigen und in seinen Predigten sich vorsichtig und zurückhaltend zeigen. Kurzum, unter dem Zwang der Verhältnisse geschah zur Osterzeit 1525, was um Ostern 1523 niemand hätte voraussagen mögen, Pfarrer Rotbart wurde aus Breslau nach Görlitz zurückberufen. Natürlich hatte der Rat seiner Würde nichts vergeben wollen. Durch sein Mitglied Johannes Haß ließ er den Magister Paul Küchler, den Dechant von Bautzen, bitten, wie von ungefähr nach Breslau zu reisen, den Prediger Rotbart aufzusuchen, das Gespräch auf seine Verabschiedung aus Görlitz zu bringen und unter Hinweis darauf, daß die Bürgerschaft ihn wohl wolle und viel Fürbitte für ihn tue, es ihm nahezulegen, ob er nicht an seine Rückkehr denken möchte. Dieses Auftrages hat sich Küchler auch auf Kosten des Rates entledigt. Rotbart hielt des Anstands wegen seinerseits bei dem Rat um die Pfarre aufs neue an. Er versprach, in seinen Predigten sich zu mäßigen und, falls er heiratete, sein Amt freiwillig niederzulegen. Hingegen gestand der Rat ihm zu, das Evangelium frei zu predigen und die Mißbräuche der kirchlichen Zeremonien mit Willen des Rates in aller Ruhe und ohne alles Stürmen abzutun; auch sagte er ihm für die Zeiten der Behinderung einen Gehilfen zu, der ihm im Predigen unterstützen sollte; desgleichen wollte er ihm die Erhaltung der Kapläne abnehmen, welche die Amtshandlungen zu verrichten hatten, und sie mit Lohn und der täglichen Nahrung versehen.

So war des Rats ursprüngliches Vornehmen, der Reformation den Eingang nach Görlitz zu wehren, gescheitert. Das Licht des Evangeliums, das er hatte auslöschen wollen, war wieder auf den Leuchter gestellt.

Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen

Am 5. April 1525 war Franz Rotbart zum zweiten Male nach Görlitz gekommen. Er hatte bei seiner Schwester auf dem Obermarkt Wohnung genommen und, um dem Rat entgegenzukommen und ihm das Peinliche seiner Rückberufung in etwas zu mildern, sich von da aus seinerseits um die freie Pfarrstelle beworben. Der Rat hatte der Bewerbung stattgegeben. Aber diesmal unter ganz anderen Bedingungen als das erstemal im Jahre 1520. Daß er Rotbart gestattete, nötigenfalls sich selbst einen Prediger zu bestellen, der ihn in der Abhaltung der Predigten unterstützen sollte, war nicht verwunderlich. Es hatte von jeher zu den Rechten der Görlitzer Pfarrherren gehört, sich einen Gehilfen in der Predigttätigkeit nach ihrem Belieben zu besorgen; darauf hatte der Rat nie Einfluß üben wollen. Aber schon daß der Rat versprach, Rotbart die Erhaltung und Besoldung der Kapläne, deren er zur Verrichtung der Taufen, Abendmahlsfeiern, Trauungen, Begräbnisse bedurfte, abzunehmen und für sie von sich aus zu sorgen, war nichts Geringes. Diese geistlichen Personen waren bis dahin aus dem Einkommen der Pfarrpfründe erhalten worden. Der größte Fortschritt aber lag darin, daß es Rotbart zugestanden wurde, das Evangelium frei und ungehindert zu predigen und die gottesdienstlichen Gebräuche, falls er in seinem Gewissen auf Grund der Heiligen Schrift sich dazu gedrungen fühlte, mit Willen des Rates in aller Ruhe und ohne alles Stürmen abzuändern oder gänzlich zu beseitigen. Damit war das Recht zur Umgestaltung der kirchlichen Verhältnisse zugestanden. Das bisherige katholische Kirchenwesen wurde nicht mehr als unabänderlich und unberührbar erklärt. Der von Luther ausgegangenen Reformation wurde von der Obrigkeit der Stadt der Eingang gestattet. Evangelische Predigt und evangelisches Kirchenwesen sollten fortan in Görlitz nicht bloß ausdrücklich geduldet, sondern auch als durchaus berechtigt gelten dürfen.

Und tatsächlich vergingen auch nur wenige Wochen, ja Tage nach Rotbarts Rückkehr, und es trat öffentlich in Erscheinung, in wie weiten Kreisen der Görlitzer Bevölkerung die bis dahin von dem Rat immer wieder zurückgedrängte Veränderung und Erneuerung des kirchlichen Lebens nach Lutherischen Gedanken zum Bedürfnis geworden war.

Unmittelbar vor Ostern war Rotbarts Rückkehr erfolgt. Und gerade die Osterzeit war bis dahin mit kirchlichen Gebräuchen, welche Ereignisse aus Jesu Geschichte anschaulich vor Augen führen sollten, und deren Beachtung und Vollziehung als zur Seligkeit nützlich gegolten hatte, besonders reichlich erfüllt gewesen.

Am Palmsonntag hatte die Sitte bestanden, den Palm-Esel und darauf eine Holzfigur des Palm-Jesus öffentlich auszustellen und durch die Straßen der Stadt zu führen. Am Vormittage waren beide Figuren auf den Platz vor der Tür der Peterskirche gebracht worden. Das Volk war mit Baumzweigen herbeigeströmt. Ein Priester hatte von den Türstufen aus die Zweige geweiht, Weihwasser über die Figuren gesprengt, sich vor ihnen der Länge nach auf den Boden geworfen und sich von einem anderen Priester mit einer Gerte schlagen lassen. Größere Schüler in besonderer Kleidung hatten einen Gesang angestimmt, des Inhalts, daß der auf dem Esel sitzenden Jesus gekommen sei, das Volk zu erlösen, und daß ihm Palmen auf den Weg zu streuen seien. Darauf hatte die Volksmenge ihre Zweige auf die beiden Figuren geworfen und, nachdem diese wieder in die Kirche zurück gebracht worden waren, sich der Zweige bemächtigt, um sie mit nach Hause zu nehmen; sie sollten im Sommer gegen Gewitter, im Winter gegen die Kälte schützen. Am Nachmittage aber waren dann die beiden Figuren unter Gesängen um den Markt und durch die mit Tüchern und Teppichen behangenen Häuserreihen der Straßen geführt worden.

Am grünen Donnerstag war man gewohnt gewesen, die Altäre zu waschen. Jesus war ja von den Kriegsknechten vor der Geißelung entkleidet worden; Maria hatte ihn vor seinen Leiden gesalbt; aus seiner Seite waren am Kreuz Wasser und Blut geflossen. So nahm man zur Erinnerung an Jesu Entkleidung von allen Altären die Altarbekleidungen ab. Die Kirchendiener wuschen die Altäre mit einer Mischung von Wasser und Wein und rieben sie mit Salbeiblättern ab, ein Priester salbte sie mit Ysop. (Anmerkung der Red.: Ysop (Hyssopus officinalis), auch Bienenkraut, Eisenkraut, Essigkraut, … oder Josefskraut)

Am Karfreitage hatte man Christi Leiden und Begräbnis durch das Umhertragen des hölzernen Leichnams Christi gefeiert. Mit Tagesanbruch hatten drei Priester das mit einem roten Meßgewand bedeckte Holzbild um den Altar der Peterskirche getragen und es vor den Altarstufen niedergelegt. Alle Priester waren herzugetreten und hatten die Wunden berührt. Das Volk hatte es angebetet und seine Opfergaben dargebracht. Ein anderes Bild aber war zu einem eigens hierzu aufgebauten Grabe getragen worden. Knaben mit hölzernen Klappern zur Kennzeichnung der Trauer über das Leiden waren unter Führung des Küsters vorangegangen. Das Volk hatte bei dem Grabe Tag und Nacht mit Lichtern gewacht und gebetet.

Am Ostersonntag hatte die Feuerweihe stattgefunden. Alles Feuer, alle Lichter waren an diesem Tage ausgelöscht worden. Aus Kieselstein war ein neues angeschlagen worden. Der Priester hatte es gesegnet. Das Volk hatte es auf Holzkohle aufgefangen und sie mit nach Hause genommen. Sie wurde bei Gewittern entzündet und sollte vor Blitzgefahr sichern. Auch war auf denselben tag die Wasserweihe gefallen. In den Taufstein wurde frisches Wasser gegossen. In feierlicher Prozession war man unter Absingung der Litanei mehrere Male um ihn herumgezogen. Durch allerlei Bannformeln hatte der Pfarrer die bösen Geister aus dem Wasser vertrieben und es mit heiligem Öl gesalbt. Das Volk aber hatte auch von diesem Wasser mit heimgenommen; es sollte vor Krankheiten bewahren oder zum wenigsten in ihr helfen.

In der Osternacht war in Erinnerung an Christi Höllenfahrt die sogenannte Poltermesse in der Peterskirche gefeiert worden. Der Priester hatte sie Mitternacht gehalten. Nach ihrer Beendigung war ein anderer vermummter Priester, ein Kreuz in der Hand, zu der verschlossenen Sakristei gestürmt und hatte unter Pochen und Schlagen an die Tür die Öffnung verlangt. Im Inneren hatte sich großes Geschrei erhoben. Endlich hatte der Priester die Tür aufgestoßen und etliche, die mit Ketten gebunden die bösen Geister darstellen sollten, herausgeführt; die Erlösten aber, gekleidet in weiße Gewänder, hatten Triumphlieder gesungen.

Und all diese und noch andere Gebräuche kamen zur Osterzeit 1525 mit einem Male zum Wegfall. Am Sonntag Palmarum, dem 9. April, hatte Rotbart seine Antrittspredigt in der Peterskirche gehalten. Das Evangelium des Tages von Jesu Einzug in Jerusalem hatte ihr zugrunde gelegen. Frei und offen hatte er in seinen Ausführungen den evangelischen Standpunkt vertreten. Von dem rechten Grund und dem rechten Weg zur Seligkeit hatte er Zeugnis abgelegt; die Verdienstlichkeit der guten Werke, zu denen auch die vielen, zum Teil recht abergläubischen Gebräuche gerechnet wurden, hatte er bekämpft. Der Erfolg war die Abschaffung dieser Gebräuche gewesen. Das Wort der Predigt hatte genügt, hierin ohne alle Gewalt und Unordnung ein für allemal Wandel zu schaffen. Und zum Wort war bald auch die rechte Feier des Sakraments gekommen. Am Sonntag Miserikordias, dem 30. April, wurde – und zwar, um den Rat nicht weiter Unannehmlichkeiten zu schaffen und ihn nicht aufs neue zu reizen – unten in der Georgenkapelle und noch nicht oben in dem Altarraum der Peterskirche die erste evangelische Abendmahlsfeier gehalten; am Sonntag vorher hatten an derselben Stelle etwa 200 Personen an der ersten evangelischen Beichte sich beteiligt. In der dazwischenliegenden Woche war am 25. April nach Luthers deutschem Taufbüchlein die erste deutsche Taufe, allerdings unter Beibehaltung einzelner katholischer Bräuche, vollzogen worden. Das Feld war eben zur Ernte reif gewesen; es hatten nur der Schnitter und äußerlich ein wenig günstige Verhältnisse gefehlt, die Ernte in die Scheune einzubringen. Zur Osterzeit 1525 war beides gegeben gewesen. Man wird diese Zeit mit Recht als diejenige bezeichnen dürfen, in der die Reformation auch in Görlitz mit Macht ihr Haupt erhob, um fortan, so schwierige Verhältnisse auch noch für sie kommen mochten, sich nicht mehr unterdrücken zu lassen.

Wer freilich Meinen möchte, es sei nunmehr alles Katholische Wesen wie mit einem Schlage ausgetilgt worden und ein in allen Stücken rein evangelisches Kirchenwesen an seine Stelle getreten, der würde irren. Noch lange war auch für die Protestanten der Oberlausitz das katholische Domkapitel zu Bautzen die oberste Kirchenbehörde, bei der z.B. noch im August 1605 die Genehmigung zu einer Trauung von miteinander verwandten Personen evangelischen Bekenntnisses hat nachgesucht werden müssen. Aus mannigfachen Ursachen ist gerade in unserer Stadt das völlige, auch äußere Durchdringen der Reformation und ihrer Anschauungen und Einrichtungen sehr allmählich und sehr behutsam vor sich gegangen. Aber ein Zwiefaches ist nicht zu verkennen. Die Verkündigung des reinen Evangeliums ist seit 1525 nicht mehr ernstlich gehindert worden. Und sie ist nicht fruchtlos geblieben. Mochten auch in den auf die Osterzeit 1525 folgenden Jahren die Personen der Verkündiger des öfteren wechseln, so hatte schon 1530 der Rat selbst sich an die rechte Schmiede, nach Wittenberg, gewandt, um von dort her durch Vermittlung eines Bugenhagen und eines Melanchthon sich tüchtige Prediger und Lehrer zu verschaffen. Und dieses Verhältnis zu Wittenberg ist mit den Jahren nicht lockerer, sondern enger und vertrauensvoller geworden. Und mochte Johannes Haß, der Lutheraner entschiedenster Gegner, auch spotten, daß die Evangelischen sich Brüder nannten, wider seinen Willen wird er damit zum Zeugen, daß sie eben zusammen hielten und darum sich bemühten, dem Evangelium gemäß zu leben.

Und so ist je länger, je mehr aus der früher streng katholischen Stadt ein evangelisches Gemeinwesen geworden. Auch das letzte Bollwerk des Katholizismus, das Kloster der Franziskanermönche am Obermarkt, zerfiel endlich. Trotz aller Bemühungen der Ordensoberen hatten evangelische Gedanken schon seit 1522 auf die Mönche Einfluß gewonnen. Sie verließen das Kloster; schließlich war nur noch einer übrig, Urban Weißbach. Er übergab das Kloster mit seiner Kirche, der heutigen Dreifaltigkeitskirche, und all seinen Besitztümern unter Bewilligung des Dechanten von Bautzen, des Johannes Leisentritt, am 8. Juli 1563 dem Rat der Stadt. Es wurde nach Bestätigung von Seiten des Kaisers zur Stätte des Gymnasiums Augustum, an welches evangelische Lehrer berufen wurden.

Die Hauptgegner im Rat, die Bürgermeister Peter Thiele und Johannes Haß, starben 1535 und 1544. Die evangelische Gesinnung gewann auch in dieser Körperschaft die Oberhand. Der Rat, seit 1502 Patron der Görlitzer Pfarre, nahm, um dem Zerfall und der Unordnung zu wehren, auch die Verwaltung der äußeren kirchlichen Angelegenheiten immer mehr in seine Hand. Er ließ sich die Verwahrung der Kirchenkleinodien angelegen sein, damit sie nicht verschleudert wurden. Er versuchte, soviel als möglich, die Einkünfte der Kirche, die Stiftungen, die Altarzinsen, die Priestergelder zu erhalten; er nahm sie unter seine Verwaltung. Er gewährte andererseits städtische Mittel zur Ausgestaltung kirchlicher Einrichtungen. Zwar ließ er 1532 nach Rotbarts Wegzug den ihm schon lange unbequem gewordenen, weil außerhalb der Stadt der Nikolaikirche gegenüber gelegenen Pfarrhof schleunigst abbrechen. Aber dafür errichtete er im Innern der Stadt ein neues Wohngebäude für die geistlichen Personen, wohl das heutige Primariatsgebäude bei der Peterskirche. Um Beständigkeit und feste Ordnung in der Verkündigung des Wortes und in der Verwaltung der Sakramente herbeizuführen, rief er 1539 das geistliche Ministerium ins Leben; es bestand ursprünglich aus 3, seit 1541 aus 4 Mitgliedern. Den jahrelang, vor allem mit Rücksicht auf die königlichen Mandate festgehaltenen Widerspruch gegen die Verehelichung der Geistlichen ließ er schließlich auch fallen. Mit Wolfgang Sustelius, der schon einmal von Melanchthon empfohlen, in unverehelichtem Stande in Görlitz tätig gewesen war, zog 1545 der erste verheiratete evangelische Geistliche an; auch das evangelische Pfarrhaus fand in Görlitz seine Stätte. Schon lange, ehe das Gymnasium eingerichtet werden konnte, wirkten evangelische Lehrer an den verschiedenen deutschen Stadtschulen; von Wittenberg waren sie wiederholt erbeten worden. Der Gottesdienst erhielt immer mehr evangelisches Gepräge. Es blieben zwar die Marien- und Aposteltage, aber sie wurden nicht mehr zur Verherrlichung der Jungfrau Maria und der Apostel gefeiert, sondern als Gelegenheiten, Gott für die Wohltaten zu danken, die er der Christenheit durch diese Persönlichkeiten erwiesen habe. Es wurde zwar noch lange die lateinische Sprache im liturgischen Teil des Gottesdienstes beibehalten. Aber schon 1539 war ein evangelisches Kirchenbuch angenommen worden, das bis 1812 in Geltung geblieben sein soll. Die Predigt wurde die Hauptsache. Bei der Abendmahlsfeier wurde der Sanktus, das dreimal Heilig, seit 1553 von den Knaben nicht mehr lateinisch, sondern deutsch gesungen; die Einsetzungsworte wurden in deutscher Sprache gebraucht. Die Epistel und das Evangelium wurden nicht mehr bloß lateinisch von dem einen Kaplan vor der Predigt vor dem Altar gesungen, sondern von einem anderen nach der Predigt vor dem Kreuz mitten in der Peterskirche auch deutsch verlesen. Seit 1561 wurden die Frühmetten, die, bisher aus Gesang und Lektion bestehend, früh bald nach 4 Uhr in lateinischer Sprachegehalten worden waren, in Frühpredigten über das Sonntagsevangelium verwandelt; auch diejenigen, welche die Amtspredigt nicht besuchen konnten, vor allem das Gesinde, sollten Gelegenheit haben, die Erklärung des Evangeliums zu vernehmen. Für die Mittagspredigten an Sonn- und Feiertagen wurde die Erklärung der Epistel festgesetzt. Seit Michaelis 1561 wurde auch noch alle Feiertage das Abendmahl gereicht. Bei den Begräbnissen kamen die lateinischen Singeweisen und Lektionen in Wegfall; seit Oktober 1553 wurde mit der Abhaltung von Leichenpredigten begonnen. Um den armen Leuten und den Bewohnern der inneren und äußeren Vorstadt Gelegenheit zum Hören des Wortes Gottes zu bieten, wurde 1561 beschlossen, in der in der Vorstadt gelegenen Frauenkirche Sonntag vormittag eine Predigt über das Sonntags-Evangelium von dem ersten Kaplan halten zu lassen. Auch wurde der Katechismus eingeführt. Kurzum, mit dem Eindringen der Reformation war nicht bloß das Alte dahingesunken. Es war ein Neues an seine Stelle getreten, das gewiß auch von Menschen geschaffen und mit menschlicher Unvollkommenheit verknüpft war, das aber doch einen Fortschritt bedeutete in der persönlichen Vertiefung religiösen Lebens und in der Herausarbeitung deutschvölkischen Wesens.

Das auf den Leuchter gestellte Licht leuchtet von Görlitz hinaus in die Umgegend

Für die Stadt Görlitz war das Jahr 1525 ein entscheidungsvoller Wendepunkt in der Gestaltung der kirchlichen Verhältnisse gewesen.  Auch für die nähere wie weitere Umgegend in der Oberlausitz bedeutet es den Anfang tiefgreifender kirchlicher Veränderungen.

Seit den Zeiten des Königs Johann von Böhmen (1311-1346) war es Sitte gewesen, daß die geistlichen Personen der drei Erzpriesterstühle Görlitz, Reichenbach, Seidenberg in den Wochen nach Ostern und Michaelis an einem Donnerstage in Görlitz in der Nikolai-, dann in der Peterskirche sich zusammenfanden. Es galt, für die abgeleibten Seelender böhmischen Landesherren, zugleich auch für aller Gläubigen Seelen die Seelenmessen zu halten und dadurch den in den Qualen des Fegefeuers schmachtenden armen Seelen zu helfen. Für diesen Dienstwaren allen Pfarren der drei Erzpriesterstühle und ihren Widemutsleuten immer wieder von den böhmischen Königen einige Vergünstigungen bei der Bezahlung der Abgaben und Steuern zugesagt worden.  Noch am 28. Oktober 1522 hatten sich die Erzpriester des Görlitzer Stuhles, der Pfarrer Thomas Ließ in Lissa (Ol.), und der Pfarrer Petrus Sartorius zu Hennersdorf im Namen der Priesterschaft eine Abschrift des königlichen Briefes, welcher diese Steuerbefreiungen bezeugte, durch den Protonotar des Bischofs Johann von Meißen zu Stolpen, der bischöflichen Residenz, als übereinstimmend mit der Urschrift bestätigen lassen.

Auch am Donnerstag, dem 27. April 1525, fand wieder eine solche Zusammenkunft in der Peterskirche statt. Eine große Anzahl geistlicher Personen nahm daran teil. Denn wenn auch nicht alle, die dazu verpflichtet waren, einer alten Nachricht gemäß erschienen waren, so gehörten doch zu den drei Erzpriesterstühlen allein an achtzig Pfarrer, zu denen sich noch eine Anzahl von Kaplänen und Altaristen, die lediglich an einzelnen Altären Messe zu lesen hatten, und deren in Görlitz allein Görlitz an die vierzig gezählt wurden, hinzugesellten.

Nun hatten schon 1512, also lange vor der Reformation, die Geistlichen in den von Bautzen abhängigen Erzpriesterstühlen, unterstützt von den böhmischen Königen, sich geweigert, dem Bischof von Meißen die von ihm geforderten erhöhten Bischofsabgaben zu zahlen. Der Bischof war von seiner Forderung nicht zurückgegangen. Die Sache war bis an den Papst gekommen. Dieser hatte zugunsten des Bischofs entschieden. Nur widerwillig hatten sich die Geistlichen gefügt. Jetzt schien die Zeit gekommen, die lästige Fessel auf einmal und für immer abzuwerfen. Jedenfalls kamen die am 27. April 1525 zu Görlitz versammelten Geistlichen überein, dem Bischof von Meißen nicht mehr Tribut zu geben, ja sogar ihm überhaupt nicht mehr, wie es bisher geschehen war, Gehorsam zu leisten. Auch sangen sie einträchtiglich anstatt der sonst üblichen Seelenmessen gute Lieder von der Heiligen Dreifaltigkeit und lobten den ewigen Gott des Himmels und der Erden.

Daß sie sich damit von der katholischen Kirche, ihrer Lehre und ihren Gebräuchen überhaupt losgesagt hätten und etwa in dem Hauptartikel der Reformation, der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gottes Gnade durch den Glauben an Jesum Christum, einig und durchaus lutherisch gesonnen gewesen wären, würde eine ganz irrige Annahme sein. Nicht wenige von ihnen sind, wie die Reformationsgeschichte der einzelnen Gemeinden zeigt, auch nach jener Zusammenkunft teils aus innerer Überzeugung, teils wegen ihrer meist adligen Patrone, die aus Rücksicht auf den Landesherren der Reformation keineswegs in weiterem Umfange günstig gegenüberstanden, teils auch ihres Lebensunterhalts wegen dem katholischen Kirchenwesen durchaus treu geblieben. Ja selbst die Lossagung von der bischöflichen Gerichtsbarkeit ist nicht mit einem Schlage und vollkommen zur Ausführung gekommen. Noch lange bis weit ins 18. Jahrhundert hinein hat, wie in anderen Stücken, so vor allem in Ehesachen, die Entscheidung des Dekans von Bautzen als des Stellvertreters des Bischofs gelten sollen. Es sind also auch in den einzelnen Gemeinden die Gottesdienste und anderen Religionsübungen nicht sogleich anders gestaltet worden. Trotzdem war durch jene Zusammenkunft und ihren Beschluß der Grund zu einer Umänderung gelegt, die, je mehr die Entwicklung fortschritt, sich um so deutlicher zeigen mußte. Der Glaube an die Untrüglichkeit des Papstes, die Unverletzlichkeit des Gehorsams gegen den Bischof, ja wohl auch der Glaube an die Kraft der Seelenmessen und damit im Zusammenhang der Glaube an das Fegefeuer waren erschüttert. Hatte man doch wenige Tage vor jener Versammlung, am 19. April, zu Görlitz selbst Vigilien und Seelenmessen sowie viele andere katholische Gebräuche mit einem Schlage abgeschafft! Es war jetzt leichter geworden, das Alte abzuwerfen und dem Neuen sich zuzuwenden. Dem Eindringen der Reformation auch in die Umgegend von Görlitz war der Weg in etwas geebnet. Der Siegeszug der Reformation auch in das Gebiet der heutigen preußischen Oberlausitz konnte seinen Anfang nehmen.

Wir versuchen, seinen Verlauf im einzelnen uns zu vergegenwärtigen. Wir schließen uns dabei an die heutigen evangelischen Kirchenkreise an, soweit sie damals zu den drei Erzpriesterstühlen Görlitz, Reichenbach, Seidenberg gehörigen Kirchgemeinden und etliche andere unter die Erzpriesterstühle Kamenz, Laubanj, Sorau gerechnete Kirchen fallen.

Zum Kirchenkreise Görlitz I gehören heute die alten Gemeinden Deutsch-Ossig, Ebersbach, Hennersdorf, Hermsdorf, Königshain, Leopoldshain, Leschwitz, Lichtenberg, Ludwigsdorf, Troitschendorf, Wendisch-Ossig, Zodel. Unter ihnen scheint Leopoldshain sich als eine der ersten der neuen Lehre angeschlossen zu haben. Anton Diepe wurde um 1518 noch als katholischer Pfarrer gefunden. Er soll sich aber, etwa 1525, dem Evangelium zugewandt haben und der erste evangelische Priester geworden sein. Ihm folgte 1534 Johann Erling, diesem Franziscus Seidel, ein tieffrommer Schuster aus Görlitz, uns 1548-1556 Balthasar Dietrich, der nach fünfjährigem (1556-1561) Aufenthalt in Königshain 1561 nach seiner Vaterstadt Görlitz als Diakonus zurückkehrte, um schließlich 1566 Pastor primarius zu werden. Vielleicht gleichzeitig oder jedenfalls nicht viel später hat Ludwigsdorf evangelische Predigt erhalten. Auch hier wird unstreitig die Nähe von Görlitz dem frühzeitigen Eindringen der Reformation Vorschub geleistet haben. Simon Emrich starb 1527 als letzter katholischer Pfarrer. Seine Brüder Jakob und urban Emrich beriefen als Besitzer von Ludwigsdorf am Pfingsttage des gleichen Jahres Franziskus Benedictus als ersten evangelischen Prediger. Er hatte früher Franziskus Behnes oder Behnisch geheißen und war Franziskanermönch in Zittau gewesen. Er verheiratete sich in Ludwigsdorf, hatte drei Söhne, von denen einer, David, ihm im Alter helfend zur Seite stand und dann auch im Amt nachfolgte; er hatte, weil er in Frankfurt a.O. studierte, im März 1558 von dem Superintendenten Andreas Muskulus in Frankfurt geprüft und ordiniert werden sollen. Im September 1561 ist der Vater Benedictus gestorben. Auch in Hennersdorf hat die Nähe zu Görlitz sich für die Reformation förderlich erwiesen. Bereits 1522 war der katholische Pfarrer Petrus Sartorius, weil er das reine Wort Gottes nicht hatte predigen wollen, vertrieben worden. Ob sein Nachfolger noch einmal ein Katholik gewesen ist, oder, was wohl als wahrscheinlicher anzunehmen sein dürfte, ob ein evangelischer Prediger gekommen ist, und wie er geheißen hat, ist nicht festzustellen. Jedenfalls findet sich 1530 Christoph Bescheider oder Pseuderus als evangelischer Prediger. Er ist 1540 gestorben und in der Kirche nahe der Kanzel beerdigt worden. In Hermsdorf wird aus dem Jahre 1532 von dem ersten evangelischen Prediger berichtet, sein Name aber nicht genannt. Der erste bekannte evangelische Pfarrer ist Theodor Grüneberg gewesen. Er wurde 1543 vociert und starb am 22. April 1550. Über Wendisch-Ossig hatte der Rat von Görlitz bereits 1414 das Patronatsrecht erlangt. Der 1528 verstorbene Bartholomäus von Cletitz war noch ein gut katholischer Pfarrer gewesen. Da er in dem 1524 errichteten  Testamente seinem Nachfolger sein neues, mit vielen Kosten erbautes Haus vermacht hatte, hat er wohl angenommen, daß er auch wieder katholisch sein würde. Doch wird bereits 1528 ein evangelischer Pfarrer genannt, und zwar Nicolaus Plackowitz. Er war bereits 1521 einmal Pfarrer in Wendisch-Ossig gewesen. Weil er zum Protestantismus übergetreten war, hatte man ihn von der Pfarre verdrängt; er blieb bis 1540. In diesem Jahre ist er wohl auf eine Beschwerde des Rats zu Görlitz über die Vernachlässigung seines Amtes und seine Neigung zur Schwarzkünstelei und Wahrsagerei aus seinem Amte entlassen worden. Unter seinen Nachfolgern werden genannt Gregorius Eckert, aus der Universität Frankfurt, am 26, April 1551 zu Wittenberg ordiniert, und Adam Schultz, gebürtig aus Görlitz, vorher Schulmeister in Reichenbach, 4. Mai 1552 ebenfalls zu Wittenberg für Wendisch-Ossig ordiniert. Aus Zodel wird als erster evangelischer Geistlicher Johann Hofmann erwähnt; wann er nach Zodel berufen worden ist, ist unbekannt. Mittwoch nach Okuli 1543 ist er gestorben. Sein Nachfolger war Franz Seidel, von 1543 bis 24. Februar 1549, zu dessen Zeit das Kirchspiel völlig für die Reformation gewonnen wurde; er war verheiratet. Für Ebersbach wird als letzter katholischer Pfarrer von 1501-1539 M. Peter Schulze verzeichnet, und als erster evangelischer von 1540-1549 Donat Pfeiffer. Anfang 1550 ist er von Kamenz, wohin er sich wohl von Ebersbach aus begeben haben muß, nach Görlitz berufen worden, ist von da 1555 nach Leschwitz übergesiedelt und dort 1562 gestorben. Vopn Troitschendorf wird erzählt, daß dort 1549 Georg Syller das Pfarramt erhalten habe, und daß 1552 Nicolaus Biler, gebürtig aus Löbau, 1543  dort Rektor, dann Bakkalaureus an der Schule zu Görlitz, zu Wittenberg am 30. November 1552 ordiniert, sein Nachfolger geworden sei. Ob es die ersten evangelischen Prediger gewesen sind, ist unbestimmt. Am 8. März 1559 ist Martin Kyrchhoff zu Wittenberg für Troitschendorf ordiniert worden. Für Lichtenberg wird 1551 Peter Bitterlich als evangelisch genannt. Ob ein 1539 genannter Prediger Franz Katholik oder Protestant gewesen sei, ist nicht zu bestimmen. In Leschwitz ist vielleicht Andreas Bartisch der erste evangelische  Prediger gewesen; er war gebürtig aus Pirna, zuerst Küster in Leschwitz gewesen und am 25. April 1554 zu Wittenberg durch Doktor Pomeranus ordiniert worden. Lange kann er das Pfarramt nicht verwaltet haben, denn schon 1555 – am 29. April – starb als sein Nachfolger der Pfarrer Theodor Kranalt. Ihm folgte bis 1562 Donat Pfeiffer. Deutsch-Ossig, meist des Rats Küchengut genannt, 1527 vom Kaiser Ferdinand eingezogen, nennt als ersten bekannten evangelischen Prediger um 1552 einen gewissen Alerius-Klow. Doch hatte er, da die Reformation in Deutsch-Ossig bereits 1530 angefangen haben soll, vielleicht schon einen evangelischen Vorgänger gehabt, dessen Name und Amtszeit allerdings unbekannt ist. Königshain endlich bekam 1531 oder 1532 in Joh. Leuschner den letzten katholischen Priester. Als erster evangelischer Prediger wurde 1556  von Joachim Frenzel Balthasar Dietrich, ordiniert zu Wittenberg am 14. September 1547, aus Leopoldshain berufen. Er blieb bis 1561 und kam dann nach Görlitz.

Zum Kirchenkreise Görlitz II zählen die Gemeinden Arnsdorf, Friedersdorf an der Landeskrone, Gersdorf, Jauernick (jetzt Kunnerwitz), Markersdorf, Melaune, Meuselwitz, Nieda, Radmeritz, Reichenbach, Seidenberg, Tauchitz. Von ihnen sind Friedersdorf, Arnsdorf, Seidenberg am frühesten von der Reformation ergriffen worden. In Friedersdorf war sie schon seit etwa 1524 eingedrungen. Ein Teil der Bewohnerschaft hing ihr an, der größere Teil widerstrebte ihr als einer verwerflichen Neuerung. Möglicherweise war das Besitzverhältnis des Dorfes nicht ohne Einfluß. Bis zum 16. September 1526 gehörte das Dorf dem der Reformation günstig gesonnenen Hans Frenzel. 1531 vermachte es seine Witwe dem Hospital zu Unserer lieben Frauen in Görlitz, das unter der Leitung des zum größten Teil noch katholisch gesonnenen Rats stand. Jedenfalls dauerte es noch etwa vierzig Jahre, ehe der Ort als wirklich evangelisch angesehen werden konnte. Erst 1560 erhielt er in Matthias Tilrich, der aus Görlitz gebürtig war, seinen ersten wirklich protestantischen Prediger; er starb 1585 zu Friedersdorf an der Pest. In Arnsdorf soll Luthers Lehre ebenfalls schon 1525 Eingang gefunden haben. Der damalige Pfarrer Jakob von Schönberg soll ihr sehr entschieden widerstrebt haben. Nach 1540 ist dann doch evangelischer Gottesdienst eingerichtet worden. Der Name des ersten evangelischen Geistlichen ist unbekannt. Erst 1549, am 4. September, wird Bonifatius Zschipchen von Pirna zu Wittenberg für Arnsdorf ordiniert. Seidenberg gehörte zu Beginn der Reformation dem ihr geneigten Matthias  von Biberstein. Er starb allerdings schon 1520. Aber seine Witwe Ludmilla, geb. v. Schönburg, und seine beiden Söhne Melchior und Bathasar, die 1520 in Wittenberg studiert hatten, waren sie ebenfalls günstig gesonnen und förderten ihr Eindringen. Trotzdem errang sie erst 1534 die Oberhand. Vermutlich war ein Johann Schneider der erste evangelische Pfarrer. Das Diakonat wurde 1641 begründet und durch Christian von Nostitz mit Abraham Schubert besetzt, der 1640 Kantor in Seidenberg geworden war. In Markersdorf war noch um 1527 ein katholischer Pfarrer Johann. Er war ein besonders heftiger Gegner Luthers. Er soll, nachdem er in einer Predigt noch eben gesagt hatte; „so Lutheri Lehre recht ist, so tue Gott an mir das Zeichen, daß ich nicht gesund aus der Kirche gehe“, als er von der Kanzel ging, plötzlich vom Schlage getroffen und gestorben sei. Vielleicht ist ein gewisser Matthäus, der um 1538 erwähnt wird, der erste evangelische Pfarrer gewesen. Er verheiratete sich, blieb aber auf der Pfarre. In Gersdorf ist wahrscheinlich um 1539 Franziskus Hiller der erste Verkündiger von Luthers lehre gewesen, während die Anfänge der Reformation vielleicht schon bis 1530 zurückreichen. In Jauernick, jetzt Kunnerwitz zugehörig, soll Johann Zacharias, Kanonikus zu Bautzen, der in den Jahren 1527, 1528 und 1530 als Pfarrer von Jauernick in den Görlitzer Stadtbüchern erwähnt wird, der Reformation nicht abgeneigt gewesen sein. Er wurde nach seiner Verehelichung 1539, obwohl die Gemeinde in der Hauptsache evangelisch war, auf Veranlassung der Grundherrschaft, des Klosters Marienthal, seiner Wohnung beraubt und mußte weichen. Für Tauchitz wurde 1547, am 14. September, Balthasar Dietrich, der von 1540 an in Wittenberg studiert hatte und dann unterster Bakkalaureus in Görlitz geworden war, als erster evangelischer Pfarrer ordiniert; er hatte auch das Kirchspiel Leuba mit zu versorgen. Bei Nieda, einer der ältesten Kirchen der Oberlausitz, wird 1548 als erster evangelischer Pfarrer Nikolaus Gäbler erwähnt. Ob der 1544 in den Görlitzer Stadtbüchern erwähnte Valentin Schulz auch schon evangelisch gesonnen gewesen ist, ist unbestimmt. Auf Gäbler folgte 1549 Franz Neuber, 1552 Johann Ehrlich, 1555 Paul Schmelz. Vielleicht ist die Vermutung richtig, daß diesen evangelischen Predigern, die so schnell wechselten, die Predigt des Evangeliums durch die Herrschaft nicht eben leicht gemacht worden ist. Reichenbach hatte noch Anfang 1538 in Johann von Czertitz einen katholischen Pfarrer. Sein Nachfolger, Georg von Waltersdorf, war anfangs auch noch katholisch, wurde aber am 10. März 1539 von seinem Patron, Hans von Gersdorf, einem damals noch eifrigen Anhänger des Papsttums, wahrscheinlich, weil er evangelisch gesonnen worden war, vertrieben. Sein Nachfolger, Christoph Schoff aus Friedeberg, war wieder katholisch (16. März 1539 eingesetzt). Erst 1548 wurde ein evangelischer Pfarrer, Franziskus Fleischer, berufen. Er war aus Leutscher in Ungarn gebürtig, ein hervorragender und sehr gelehrter Mann. Nach ihm kamen nur evangelische Pfarrer. Meuselwitz bekam in Johannes Conrad seinen ersten evangelischen Prediger. Er war aus Reichenbach gebürtig und dort Schulmeister gewesen. Er wurde am 18. September 1549 zu Wittenberg für Meuselwitz ordiniert. Wann in Melaune, das zusammen mit Meuselwitz dem Kloster Marienthal gehörte, die Reformation eingeführt worden ist, ist unbestimmt. Vielleicht ist ihm, nachdem 1523 und 1532 Hans von Gersdorf als Besitzer des nach Melaune eingepfarrten Dorfes Döbschütz sich gegen Pfarrer  und Kirchvater sehr gewalttätig benommen hatte, erst 1551 in Jakob Finkler der erste evangelische Prediger gekommen. Er war aus Bautzen gebürtig und 1550 zu Leipzig für Melaune ordiniert worden. Er ist bis 1559 geblieben. Dann ist Georg Ungar aus Görlitz am 5. April 1559 zu Wittenberg für Melaune ordiniert worden, der zwei Jahre auf der Universität zu Frankfurt a.O. sich aufgehalten hatte. Radmeritz, bis 1617 Tochterkirche von Nieda, erhielt 1617 durch Christoph von Nostitz in Paul Krebs den ersten eigenen Pfarrer; er wurde des Kryptocalvinismus verdächtigt.

Der Kirchenkreis Görlitz III umfaßt die Gemeinden Gruna, Hohkirch, Kieslingswalde, Kohlfurt, Langenau, Lissa, Nieder- Bielau, Ober-Bielau, Penzig, Rauscha, Rothwasser, Sohra.  Von zwei dieser Gemeinden (Hohkirch und Rothwasser) nimmt man an, daß sie sehr früh, und zwar schon um 1525, in unmittelbarer Nachwirkung des Priesterkonvents von Görlitz, sich der Reformation zugewendet hätten. Hohkirch wurde von jeher für diejenige Landgemeinde in der Nähe von Görlitz gehalten, die zuerst lutherisch geworden sei. Und Rothwasser, selbständig erst seit 1564, zur Zeit der Reformation nur Tochterkirche von Waldau, soll zu gleicher Zeit wie seine Mutterkirche die evangelische Lehre angenommen haben. In Lissa ist für 1522 noch ein katholischer Pfarrer sicher bezeugt. Es war Thomas Ließ, auch Leiße, der ein sehr unruhiger Kopf gewesen zu sein scheint. Er ließ sich zusammen mit dem Pfarrer Petrus Sartorius aus Hennerdorf am 28. Oktober 1522 zu Stolpen vom Bischof Johann durch ein vom bischöflichen Protonotarius ausgestelltes amtliches Schreiben bestätigen, daß der Priesterschaft der drei Erzpriesterstühle Görlitz, Reichenbach, Seidenberg gewisse Vorrechte von den böhmischen Königen gewährt seien. Um 1526 ist Valentin Biber, ein Görlitzer Schulmeister, als sein Nachfolger bekannt; er scheint schon evangelisch gesonnen gewesen zu sein; er soll verheiratet gewesen sein. Sicher evangelisch war sein Nachfolger Franziskus Utmann, der ihm 1530 im Pfarramt folgte. Für Gruna wird 1549 Peter Hammer, ein Mönch aus dem Kloster Pforta, als evangelischer Pfarrer genannt. Ob er der erste gewesen ist und nicht schon Vorgänger gehabt hat, ist nicht festzustellen. Das gleiche gilt für Langenau, bei dem ein Peter Bitterlich als evangelischer Pfarrer genannt wird. Ob Sohra ein Michael Hübner, 1552 daselbst gestorben, als erster für Luther eingetreten ist, ist möglich. Wahrscheinlich hat um 1540 die Reformation hier ihren Anfang genommen. Sicher bezeugt ist, daß am 2. August 1552 der Rat von Görlitz sich an maßgebende Theologen in Wittenberg mit der Bitte gewandt hat, einen Gregorius Rudolph, gebürtig aus Meißen, welcher etliche Jahre mit besonderem Fleiße und treuer Arbeit Lehrer an der Schule zu St. Peter in Görlitz gewesen war, entweder in Wittenberg oder in Torgau für die Pfarre in Sohra zu ordinieren. Die Ordination ist am 10. August 1552 zu Wittenberg vollzogen worden. Für Kieslingswalde wird Simon Meyrich als erster evangelischer Prediger bezeichnet. Er ist 1563 dort gestorben. Die Anfänge der Reformation im Ort reichen aber wohl weiter zurück. Der in Rauscha 1523 genannte Johann Leuschner ist höchstwahrscheinlich noch als Katholik anzusprechen. Dann kommt eine Lücke in die Nachrichten. 1566 wird in den Gerichtsbüchern zu Freiwaldau ein Sigmund Mohler als Pfarrer von Rauscha gefunden. Er war verheiratet, also Protestant. Wann Penzig sich dem Evangelium zugewandt hat, ist unbekannt. Vielleicht ist es um 1540 geschehen, nachdem Thomas Leyse, früher Pfarrer zu Lissa, auf sein Altarlehen in der Kirche zu Penzig 1535 verzichtet hatte. Vielleicht gehört zu den evangelischen Pfarrern schon im Jahre 1545 Christoph Albrecht: Jedenfalls wurde von dem Rat zu Görlitz, dem Penzig gehörte, nachdem einen unter dem 28. August 1558 an den M. Johann Sußenbach in Liegnitz ergangene Aufforderung zur Pflanzung göttlichen Wortes auf dem Landgut Penzig wohl vergeblich gewesen war, 1560 oder 1561 Abraham Benedictus als evangelischer Pfarrer berufen; er war ein Sohn des Pfarrers Benedictus in Ludwigsdorf. Ihm folgte 1577 Elias Dietrich. Kohlfurt, das erst 1562 eine eigene Kapelle bekam, war Filiale von Rothwasser, und Nieder-Bielau bis 1684 Tochterkirche von Penzig; sein erster Prediger war Johann Winkler, 1634 zu Penzig als Pfarrerssohn geboren, 1707 gestorben. Ober-Bielau gehörte seit 1409 der Peterskirche zu Görlitz. Wahrscheinlich wird diese Zugehörigkeit auch seine kirchlichen Verhältnisse beeinflußt haben. Jedenfalls teilten am 28. Januar 1550 die drei Kirchenväter der Peterskirche den Superintendenten in Wittenberg brieflich mit, daß sie einem Martin Arnold die Pfarre zu Ober-Bielau zu übertragen zugesagt hätten; sie baten, ihn löblicher Gewohnheit nach zu prüfen, ob er zu dem hohen Amt, Gottes Wort der Gemeinde christlich und nützlich vorzutragen, die hochwürdigen Sakramente zu reichen und anderer Kirchendienste zu pflegen, geschickt sei.  Die Ordination hat am 12. Februar 1550 zu Wittenberg stattgefunden. Das Wittenberger Ordiniertenbuch nennt als Vornamen Mattheus, als Geburtsort Lauban und als bisherigen Stand „Schulmeister zum Hain unterm Herzogthum Liegnitz“.

Aus dem Kirchenkreise Lauban I kommen die Gemeinden Friedersdorf a.Queis, Geibsdorf, Sächs.-Haugsdorf, Holzkirch, Lauban, Lichtenau, Schönbrunn, Schreibersdorf in Betracht. Langenöls, Steinkirch, Thiemendorf gehörten nach Schlesien. In Lauban waren die ersten Vertreter der Reformation die beiden Prediger Georg Heu, aus Görlitz gebürtig, 1525-1527, und Ambrosius Kreusing, aus Kanth in Schlesien gebürtig, 1527-1528. Beide waren etwas sehr heftigen Temperamentes; sie legten wohl mehr Wert auf die Abschaffung vieler katholischer Gebräuche als auf die Verkündigung und Annahme des reinen Evangeliums. Sie hatten in dem Probst des Nonnenklosters und Stadtpfarrer M. Matthes Hofmann einen sehr entschiedenen Gegner. Bis 1528 herrschte ein wenig erquickliches Verhälnis zwischen den Anhängern des Papstes und den Freunden Luthers. Mit Nikolaus Greinewitz, gebürtig aus Sagan, der Pfingsten 1528 die Predigerstelle übernahm, kam ein gutherziger und verträglicher Mann. Er fand in Caspar Kretschmar, den der Rat 1526 von Hirschberg als obersten Schullehrer nach seiner Vaterstadt Lauban berufen hatte, einen verständnisvollen, besonnenen Mitarbeiter. Freilich mußte er 1538, weil er sich verheiratete, die Stelle aufgeben. Johann Frobenius, der am 30. Oktober 1538 in Lauban einzog, wurde sein sehr tüchtiger Nachfolger. Sehr früh hat die Reformation auch in Geibsdorf ihren Einzug gehalten. Bereits 1525 wurde sie durch Christoph oder Caspar Schneider, Melzer genannt, fertreten; er war vorher Kaplan an der Stadtpfarrkirche zu Lauban gewesen und hatte sich schon dort als Anhänger Luthers erwiesen. Er hat gar getreulich gelehrt und selig bis an sein Ende gelebt. Er ist 1541 in Geibsdorf gestorben. In Schönbrunn ist wohl noch 1529 in Johann Brickel ein katholischer Pfarrer gewesen; er war 1524 von dem katholischen Pfarrer Bartholomeus von Cletitz in Wendisch-Ossig zu seinem Testamentsvollstrecker bestellt worden. Seine Nachfolger, die zum Teil nur mit Vornamen bekannt sind, sollen evangelisch gewesen sein. Vielleicht hat Lorenz von Taupadel, der 1539 in einer Klagesache als Pfarrer von Schönbrunn erwähnt wird, zuerst das Evangelium gepredigt. Für Lichtenau wird um 1540 ein evangelischer Prediger Caspar Teucher genannt, für Holzkirch erst um 1542 Philipp Hildner, ogwohl die Reformation wegen der Nähe Laubans wohl schon zeitiger Eingang gefunden haben mag. Weiter wurden für Holzkirch in der Lausitz zu Wittenberg ordiniert am 3. Juli 1545 Marcus Teucher aus Lauban, am 2. September 1545 Mattheus Merck aus Freystadt, Schulmeister zu Reichenbach bei Görlitz, am 28. Oktober 1551 Matthias Schulz aus Lauban, Küster in Waldau. Bei Schreibersdorf sind die ersten Vertreter der Reformation unbekannt. Man erzählt, es habe sich ihr zu gleicher Zeit wie Lauban oder doch nicht viel später zugewandt. Andere nennen 1540 oder 1550 als Anfangszeit und Matthäus Schneider um 1550 als ersten evangelischen Prediger. Friedersdorf a. Queis hielt sich, obwohl es schon 1453 vom König Ladislaw von Böhmen das Recht zur Errichtung einer Kirche bekommen hatte, und obwohl ihm dieses Recht 1575 vom Kaiser Maximilian II. und 1596 vom Oberamt Bautzen bestätigt worden war, an zwei Jahrhunderte nach Greifenberg zu Schlesien. Erst als 1654 die Kirche zu Greiffenberg in der Zeit der Gegenreformation geschlossen worden war, erfolgte am 20. Februar 1656 die Einweihung einer eigenen Kirche. In Sächs.-Haugsdorf hat vielleicht schon um 1525 die Reformation ihren Anfang genommen. Die einen nennen Valentin Scholtz als ersten evangelischen Prediger, andere Johannes Preußing. Der letztere, gebürtig aus Zittau, Kollaborator an der Schule zu Bautzen, ist am 3. März 1546 zu Wittenberg für Haugsdorf ordiniert worden. Wingendorf hatte zwar 1427 vom Kaiser Sigismund die Erlaubnis zu einer eigenen Kirche und Pfarre erhalten, aber davon keinen Gebrauch gemacht, sondern sich zur Kirche in Steinkirch, einer der ältesten Dorfkirchen des Fürstentums Jauer – sie soll schon 1002 vorhanden gewesen sein – gehalten. Als am 6. April 1654 den Evangelischen die Kirche in Steinkirch gewaltsam entzogen und auch der Gottesdienst auf dem Kirchhof unter freiem Himmel verboten worden war, siedelte der Pfarrer Georg Gerber nach Wingendorf über und hielt sein Gottesdienste, den ersten am Sonntag Jubilate, den 26. April 1654, in einem Schuppen, dann von 1677 in einer ordentlichen Kirche, die 1716 von Grund auf neu erbaut werden mußte. Ganz Steinkirch, Mittel-Langenöls, Eckersdorf und Ober-Thiemendorf hielten sich bis 1742 zu ihr und ließen außer den Begräbnissen alle Amtshandlungen in Wingendorf vollziehen.

Bei dem Kirchenkreise Lauban II kommen alle heutigen Gemeinden außer Goldentraum in Frage. Am frühesten ist Schönberg evangelisch geworden. Es war bei Beginn der Reformation im Besitz des Hans Frenzel in Görlitz, welcher ihr sehr früh freundlich gesonnen gewesen ist. Er berief 1524 den Benedikt Fischer, der als evangelischer Prediger in Görlitz entlassen worden war, nach Schönberg, wo er im Einverständnis mit der Gemeinde evangelisch wirkte. Auch nach seinem Fortgang 1530 nach Bautzen sind seinem Werke keine Hindernisse erwachsen. Gleich  glücklich gestalteten sich die Verhältnisse in Marklissa. Heinrich von Dobschütz (gest. 1545) war bei Beginn der Reformation der Grundherr.  Er war ihr Anhänger, einer der ersten unter dem Adel. Er schaffte 1529 die Wallfahrten zu dem sogenannten roten Kirchel in Alt-Marklissa ab und berief zu gleicher Zeit Matthäus Weise, geboren 1500 in Greiffenberg, der zuvor katholischer Pfarrer in Schwerta gewesen war, als ersten evangelischen Pastor; dieser starb am 30. Juli 1556. Er hinterließ eine gefestigte evangelische Gemeinde. Meffersdorf verzeichnet 1531 Franz Seidel als ersten evangelischen Pfarrer. In Schwerta ist von 1536 an in lutherischer Art und Weise gelehrt und gepredigt worden, nachdem noch 1529 der nach Marklissa berufene Matthäus Weise wahrscheinlich seiner evangelischen Neigungen wegen weggezogen war. Gerlachsheim bekam seinen ersten evangelischen Prediger 1543 in Johann Horn von Pfaffendorf. Er war zuvor Küster in Gerlachsheim gewesen und dann am  11. April 1543 zu Wittenberg ordiniert worden. Wann Küpper sich der Reformation zugewandt hat, ist nicht recht festzustellen. Ein Balthasar Beinich, der 1525 in den Görlitzer Stadtbüchern als Pfarrer zu Küpper vorkommt, ist wahrscheinlich noch Katholik gewesen. 1551 wird Martin Fischer aus Lauban genannt, der vorher Lehrer am Maria-Magdalena-Gymnasium in Breslau gewesen und am 13. Mai 1551 in Wittenberg ordiniert worden war. Linda erhielt in Caspar Effenberg den ersten Verkündiger der lutherischen Lehre; er wird dort 1552 erwähnt. Wann Ober-Wiesa bei Greiffenberg, in dem 1543 Valentin Fischer oder Fleischer  als evangelischer Pastor tätig gewesen ist, in Gebhardsdorf, das bis ins siebzehnte Jahrhundert Tochterkirche von Friedeberg in Schlesien gewesen ist, in Rengersdorf a. Queis, wo 1582 Caspar Hollstein als evangelischer Pfarrer genannt wird, und in Bellmannsdorf, das erst nach der Reformation von Linda sich getrennt haben soll, die Reformation durchgedrungen ist, bleibt ungewiß. Für Wiese zur Lausitz werden als zu Wittenberg ordiniert aufgeführt am 3. Juli 1545 Valentin Heer aus Lauban, und zwar unmittelbar von der Universität weg, und am 25. August 1548 Nicolaus Krause aus Lauban, Lehrer zu Kemnitz.

Im Kirchenkreise Rothenburg I hat die Reformation zuerst wohl in Rotheburg selbst, in Nieder-Seifersdorf und in Kunnersdorf Eingang gefunden. In Rothenburg soll es um 1525, etwa zur gleichen Zeit wie in Görlitz oder doch nicht viel später, unter Begünstigung durch Caspar von Nostitz und seine Brüder, geschehen sein. Bartholomeus Lubschütz, der bereits 1528 als Pfarrer genannt wird, ist wohl ihr erster Vertreter gewesen. Einer seiner Nachfolger war der Magister Leonard Steinberg, der im Dezember 1539 nach Görlitz kam und von dem Görlitzer Rektor Lasius, der wie er in Wittenberg studiert hatte, als das neu aufgehende Licht in langem Schreiben begrüßt wurde. In Kunnersdorf bei Görlitz, dessen Kapelle von dem Kaplan aus Ebersbach verwaltet und erst um 1550 zur Parochial-Filialkirche von Ebersbach erhoben wurde, war das Eindringen dadurch begünstigt, daß Hans Frenzel, der reiche Görlitzer Kaufherr, ein Freund der Reformation, der Grundherr war. Simon Möller, gebürtig aus Grimma, wurde 1545 von ihm zum Pfarrer berufen und am 11. November 1545 zu Wittenberg ordiniert. In Nieder-Seifersdorf, das dem Kloster Marienthal gehörte und darum wohl erst 1564 in Valentin Laubig, einem früheren Mönch, dann katholischem Pfarrer und Erzpriester zu Lähn, seinen ersten evangelischen Prediger erhielt, soll der größere Teil der Gemeinde sich früh für Luther erklärt haben. In Horka gilt 1536 Georg Sock oder Sack als erster evangelischer Pfarrer. Am 30. November 1539 wird Jacob Klitzsch aus Horka, auch Lehrer daselbst, auf Berufung des Georg von Gersdorf zu Wittenberg für Horka ordiniert. Kollm erhält 1539 in dem von Luther selbst am 8. Juni 1539 zu Wittenberg ordinierten Martin Kisitz seinen ersten evangelischen Prediger; er war zuvor Kürschner und Ratsherr in Spremberg gewesen. Sein Nachfolger, Bartholomeus Hoszisch aus Hoyerswerda, wurde am 28. Juli 1546 in Wittenberg ordiniert; er war vorher Küster in Kollm gewesen. Petershain, vor der Reformation von Kollm aus durch einen Kaplan besorgt, erhielt erst um 1665 seinen eigenen Prediger. Für Diehsa wurde am 190. August 1539 Franz Richter, gebürtig aus Bautzen, vorher Küster und Schulmeister zu Baruth bei Bautzen, zu Wittenberg ordiniert, für Gebelzig am 9. Juni 1540 Magister Thomas Platroniuns, berufen aus der Universität Wittenberg, falls das Wittenberger Ordiniertenbuch bei diesem Namen genannte Beltitz mit Gebelzig identisch ist, für Krischa-Tetta am 20. Mai 1545 Vinzenz Möller, vorher Küster in Weißenberg. In See war zuerst die Grundherrschaft, Gottsche von Gersdorf, ein sehr starkes Hindernis. Später nahm sie eine gerade entgegengesetzte Stellung ein. Hatte zuerst das frische Holz der Heide helfen sollen, Luther in Wittenberg zu verbrennen, wenn es dort für diesen Zweck nicht genug Holz gäbe, so wurde später Luthers Werk um so eifriger gefördert. Wohl in Simon Opitz, gebürtig aus Muskau, vorher Schreiber in See, und zu Wittenberg am 9. Februar 1547 ordiniert, berief Christoph von Gersdorf den ersten evangelischen Prediger.  Wann in Sänitz, der Tochterkirche von Rothenburg, in Förstgen und in Groß-Radisch evangelische Predigt zum ersten Mal erklungen, ist nicht festzustellen, ebensowenig für Jänkendorf-Ullersdorf. Über letzteren Ort berichtet ein Brief des Hans von Metzrad auf Kuhna an den Magistrat zu Görlitz aus dem Jahre 1538, daß Wolf und Hans von Nostitz auf Ullersdorf den Pfarrer von Jänkendorf verjagt hätten. Vielleicht ist auf diese Weise die Reformation gewaltsam eingeführt worden. Der 1534 in den Görlitzer Stadtbüchern erwähnte Wolfgang Hoenecke, katholischer Pfarrherr in Jenckendorf, scheint nicht besonders tüchtig gewesen zu sein. Er wurde durch Prokop von Wartenberg, Herr auf Kemnitz, beim Görlitzer Rat verklagt daß er zu Wendisch-Kemnitz, wo er vorher Pfarrer gewesen war, etliche Kelche und Kirchengeräte an sich genommen habe.

Über das Fortschreiten der Reformation im Kirchenkreise Rothenburg II herrscht große Unsicherheit. Für Creba ist Petrus Sutor, gebürtig aus Muskau, Küster zu Neukirch bei Bautzen, am 2. Juni 1540 zu Wittenberg ordiniert und von den Herren Gottsche und Ferdinand von Gersdorf berufen worden. Daubitz scheint um die gleiche Zeit evangelisch geworden zu sein. 1527 wird ein Simon Lehmann von Bautzen als Pfarrer genannt. Ob er schon evangelisch gewesen ist, ist ungewiß. Am 8. August 1543 wird Sebastian Matisschintz, gebürtig aus Strade bei Vetschau, unmittelbar von der Universität weg zu Wittenberg für Daubitz ordiniert, am 22. Oktober 1544 Clemens Piso von Vetschau, vorher Schulmeister in Daubitz, am 2. September 1545 Magister Simon Sinapius von Zwickau, und am 21. April 1546 Thomas Zernick von Baruth, Schulmeister daselbst. Podrosche war zur Zeit der Reformation nach Priebus eingepfarrt, wohin 1539 der erste Pfarrer berufen worden sein soll. Muskau soll in Georg Richter, der 1546 gestorben ist, um 1540 seinen letzten katholischen und zugleich ersten evangelischen Pfarrer gehabt haben; sein Nachfolger war Lazarus Welck, der um 1550 bezeugt ist. Klitten muß 1555 wohl völlig evangelisch gewesen sein. Auf seiner mittleren Glocke steht; „verbum die manet in aeternum 1555“. (Gottes Wort bleibet in Ewigkeit.) Wann sich Zibelle, für welches am 7. September 1558 Jakobus Kube aus Forst zum Diakonus ordiniert wurde, und Gablenz der neuen Lehre zugeneigt haben, scheint unbestimmt. In Hähnichen wird 1516 ein Michael Rademann erwähnt; er ist wahrscheinlich katholisch geblieben. Dann ist bis 1579 nichts mehr zu hören. In diesem Jahr am 24. September wird ein Pfarrer Lucas Priebusch oder Priebusser, von Bunzlau gebürtig, auf seinem Felde hinter dem Pfluge von einem Uhrmachergesellen Georg Kluge, der in Görlitz gelernt, aber dann ein Türke geworden war und zu Ofen gearbeitet hatte, ermordet; er hatte des Uhrmachers Mutter wegen Nicht-Kommunizierens unter dem Hollunderstrauch außerhalb des Kirchhofes begraben lassen. Für Nochten-Tzschelln wurde Simon Czabran 1588 der erste bekannte evangelische Pfarrer berufen. Wer es in Schleife gewesen ist, weiß man nicht. Der 1596 berufene und 1627 gestorbene Matthias Blasius, der zuvor Diakonus in Muskau war, ist es sicher nicht gewesen.

Im Kirchenkreise Hoyerswerda schweigen die Quellen über den Beginn der Reformation in Lohsa und Merzdorf. Die Mehrzahl der Gemeinden scheint sich ihr um 1540 zugewendet zu haben. In Hoyerswerda selbst wurde sie am Johannesfest 1540 öffentlich eingeführt, Basilius Laurentius, ein ehemaliger Mönch, wurde ihr erster Vertreter; er starb 1552 am 10. Juni, vom Schlage beim Backofen getroffen. Geierswalde, vorher Tochterkirche von Hoyerswerda, bekam 1542 in dem angeblich zu Wittenberg ordinierten Johann Simon einen eigenen Prediger; er ist über 40 Jahre am Ort gewesen. Im Wittenberger Ordiniertenbuch ist er nicht verzeichnet. Für Ruhland wird als erster evangelischer Diakonus Matthias Zscherne, vorher Schulmeister, am 17. November 1540 zu Wittenberg ordiniert, genannt. Vielleicht hatte es schon früher einen evangelischen Pfarrer.  Hermsdorf war seine Tochterkirche. Lindenau hat sich 1546 der Reformation erschlossen. Stefanus Graff, gebürtig aus Finsterwalde, vorher Schulmeister in Sonnewald, wurde 1546 dorthin berufen; er ist am 3. April in Wittenberg ordiniert worden. Kroppen war nach Ruhland eingepfarrt und erhielt Ende des 17. Jahrhunderts wieder seinen eigenen Pfarrer und Kirche. Nach Hohenbocka kam 1549 ein Martin Koch; er war ein Bürger aus Ruhland und zu Wittenberg am 3. Oktober 1540 ordiniert. Schwarzkollm, wohl die älteste Kirche in der Standesherrschaft Hoyerswerda, hat ebenfalls wohl 1540 die Reformation angenommen, ebenso Groß-Särchen. Für ersteres wird Peter Prätorius, aus Hoyerswerda gebürtig, als erster evangelischer Prediger genannt, für letzteres Urban Henotz. In Spreewitz soll 1540 oder bald nachher aus Mangel an Gelehrten (?) der Dorfschmied Pfarrer geworden sein. Groß-Partwitz hatte vor der Reformation eine Kapelle, in welcher ein Kaplan aus Hoyerswerda Messe las. 1542 erhielt es einen eigenen, wohl evangelischen Pfarrer. In Uhyst herrschte 1523 noch der Katholizismus. Gemäß einem Schreiben des Meißner Bischofs vom 26. Juni 1523 wurde das wundertätige Marienbild aus der im Walde, Taucher genannt, gelegenen Kapelle in die Kirche zu Uhyst versetzt; das Drittel der Einnahmen von den Wallfahrten war dem Bischof abzuliefern. Sicher seit 1551 wurde evangelisch gelehrt. Donat Möller, gebürtig von Witgenau, wurde am 28. Januar 1551 zu Wittenberg für Uhyst zum Pfarrer ordiniert.

Endlich noch drei Gemeinden, die heute zum Kirchenkreis Bunzlau II, ehedem zum Erzpriesterstuhl Lauban gehörten. In Waldau (OL.) soll die evangelische Lehre bald nach dem 1525 zu Görlitz gehaltenen Priesterkonvent angenommen worden sein; vielleicht hat sein Pfarrer, obwohl er zu keinem der drei Erzpriesterstühle Görlitz, Reichenbach, Seidenberg gehörte, an ihm teilgenommen oder von ihm und seinem Beschluß sich beeinflussen lassen. Der erste evangelische Pfarrer ist unbekannt. Zuerst genannt wird Simon Scheer, gebürtig aus Kalau, vorher Küster zu Gossin bei Sommeefeld, durch die von Stuternheim zum Pfarramt in Waldau berufen und am 2. Juni 1546 zu Wittenberg ordiniert. In Siegersdorf haben sich vielleicht schon 1524 Anfänge der Reformation gezeigt. Möglicherweise ist der 1524 von Heinz von Redern unter Vertreibung des alten Pfarrers eingesetzte neue Pfarrer, den der Rat zu Görlitz gefänglich einziehen und nach Stolpen vor den Bischof bringen sollte, evangelisch gewesen. Sicher bezeugt ist als evangelischer Pfarrherr 1574 Christoph Neumann. Ebenso ist Thommendorf frühe evangelisch geworden. Der schon 1509 bekannte und 1529 verstorbene Pfarrer Johann Schneider bekannte sich schon 1525 zu Luthers Lehre und reichte das Abendmahl unter beiderlei Gestalt.

Damit wäre die Beschreibung der Anfänge der Reformation in der heutigen preußischen Oberlausitz beendet. Sie ist nicht im Sturmschritt und mit Windeseile eingedrungen. Eine das ganze Land auf einmal wie mit einem Schlage erfassende und dann unaufhaltsam fortschreitende Bewegung ist nicht zu verzeichnen. Zu verschiedenen Zeiten, in verschiedener Art, stets durch die örtlichen Verhältnisse bestimmt, ist die Einführung der Reformation vor sich gegangen. Zuweilen ist der Anstoß von den Gemeinden selbst gegeben worden, vereinzelt haben sich auch widersetzt. Dann wieder sind es die Patrone, die städtischen Magistrate, die Grundherrschaften gewesen, die sich zu der neuen Geistesbewegung entweder fördernd oder aufhaltend stellten. Manchmal haben auch die bisherigen Pfarrer von sich aus dem Werke Luthers sich erschlossen und ihre Gemeinden dafür gewonnen. Das Beispiel von Görlitz ist dabei von großer Bedeutung gewesen. Von dieser Stadt laufen die Fäden der Bewegung hinüber nach Lauban und den in der Nähe gelegenen Landstädten und Dörfern. Und auch in die weiter entlegenen Ortschaften, am wenigsten vielleicht nach der Gegend von Hoyerswerda, ist die Kund von der in Görlitz vollzogenen kirchlichen Umänderung gedrungen. Jedenfalls bedeutet die Zeit um 1525, des Jahres des Anfangs der Görlitzer Reformation, auch die Zeit der beginnenden Veränderung in vielen näher oder weiter an Görlitz gelegenen Ortschaften der Oberlausitz. Und schon nach einem Vierteljahrhundert, etwa um die Mitte des 16. Jahrhunderts, scheint die Bewegung in der Hauptsache abgeschlossen. Vielfach ähnlich wie in Görlitz, ebenfalls ohne großen Rumor und harte Kämpfe, hat sie sich durchgesetzt. Von Wittenberg aus sind viele evangelische Pfarrer, geprüft und ins Amt eingewiesen von den geistigen Führen der Evangelischen, in die Gemeinden gekommen. Das Licht des Evangeliums war nicht vergeblich auf den Leuchter gestellt worden.

Seitdem sind bald an 400 Jahre vergangen.  Möge es über den Gemeinden der preußischen Oberlausitz weiter leuchten, recht klar und recht warm, und möge es die Glieder der evangelischen Gemeinden immer tiefer und kräftiger erleuchten! Wer weiß, was die Zukunft auf religiös-kirchlichem Gebiet bringen wird! Vielleicht müssen die Evangelischen der Oberlausitz, was ihnen bisher im Lauf der Geschichte erspart geblieben ist, durch harte Kämpfe für ihren Glaubensstand hindurchgehen. Möge es dann im Blick auf die vierhundertjährige evangelische Geschichte gelten; „Ich schäme mich des Evangelii von Christo nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, selig zu machen alle, die daran glauben.“

 

 

Autor: 
Alfred Zobel
Veröffentlichungsdatum: 
Frühjahr 1925