Baedeker Nordost-Deutschland 1905

Baedeker Nordost-Deutschland 1905

(von der Elbe und der Westgrenze Sachsens an) nebst Dänemarkt

Handbuch für Reisende

Von Karl Baedeker

Mit 39 Karten und 64 Plänen

Achtundzwanzigste Auflage

Leipzig, Verlag von Karl Baedeker, 1905

 

Görlitz. – Bahnrestaurant, M. 1 ½ M. – Gasthöfe: Am Bahnhof: Vier Jahreszeiten (Pl.a: A3, 70 Z. zu 2-4, F. 1, M. 2 ½ M; Hohenzollernhof (Pl. B: A3), 40 Z. zu 2-3, F. ¾, M. 1 ¼-1 ¾ M; Stadt Dresden (Pl. C: A3), 40 Z. zu 1 ½-2 ½ , F. ¾, M. 1 ¼-2 M., gelobt; Kaiserhof (Pl. I: A3); Storz (Pl. d: A3). – In der Stadt: Viktoria-H. (Pl. e: B2), Postplatz 20, 35 Z. zu 2-3 ½ , F. 1, M. 2 ½ M; Strauß (Pl. F: B2), Marienplatz 4, 26 Z. zu 1 ¾ - 3, M. 2 ¼ M, gut; Prinz Friedrich Karl (Pl. G: B3), Postplatz 9; König Wilhelm (Pl. H: B3), Berliner Straße 5; Krone (Pl. K: B2), Weißes Roß (Pl. L: B2), Z. 1 ½ - 2 ½ , F. ¾ M, beide am Obermarkt, Brauner Hirsch (Pl. m: C2), am Untermarkt 26, diese einfacher. – Evang. Vereinshaus, Kahle 20 (Pl. n: C2), Z. 1 – 1 ½ M. – Pens. Steiner, Moltkestr. 35 (Pl. B4), 4-7 M.

Cafés: Wiener Café, am Viktoria-Hot. (S.198), viele Zeitungen; Hohenzollern, Berliner Str. 51 (Pl. A3). – Konditorei: Handschuh, Elisabethstr. 9 (Pl. B C2).

Bierrestaurants: Habsburger Hof, am Bahnhof; Kulmbacher Bierhallen, Berliner- und Hospitalstr.-ecke (Pl. A3); Pilsner Bierhaus, Obermarkt 18 (Pl. B2); Ratskeller, im Rathaus (S.200); Falk („Zum Echten“), Demianiplatz 9 (PL. B5); Barschdorff, am Museum (Pl. B2). – Blockhaus  (Pl. B5), Weinberghaus (Pl. AB6), Aktienbrauerei (Pl. B5), alle drei mit schöner Aussicht.

Weinstuben: Vohland, Elisabethstr. 41 (Pl. BC2), Neubauer, Obermarkt 8 (Pl. B2); Freytag, Jakobstr. 34 (Pl. AB3); Waren-Einkaufs-Verein, Jakobstr. 43, Ecke Postplatz (Pl. B2,3).

Post & Telegraph: (Pl. B3), Postplatz.

Theater: Stadttheater (Pl. B2), Demianiplatz; Vorstellungen Oktober bis Anf. Mai; Wilhelmtheater (Pl. 8: B2).

Droschken: von oder zum Bahnhof: Einsp. 1 Pers. 50 Pf., 2 Pers. 75 Pf., 3 Pers. 1 M, 4 Pers. 1 M 25; Zweisp. 1 Pers. 75 Pf., 2 u. 3 Pers. 1 M, 4 Pers. 1 M 25; nachts (10-6 bzw. 7 Uhr) 25 Pf. Mehr. – In der Stadt: Einsp. 40, 60, 75 Pf., 1 M; Zweisp. 1 M 70, 2 M, 2 M 50.

Elektrische Straßenbahnen: Schützenhaus (Pl. A6) – Bahnhof (Pl. A3,4) – Berliner Straße – Untermarkt (Pl. C1,2); - Ringbahn: Bahnhof – Blockhaus (Pl. B5) – Obermarkt (Pl. B2), Bautzener Straße – Bahnhof; - Rauschwalder Str. (Pl. jenseit A2) – Moys; - Postplatz (Pl. B2,3) – Bahnhof (Pl. A3,4) – Landeskrone (S. 185), 20 Min. für 20 Pf.

Bäder: Freise, Promenade 13 (Pl. C4), mit großer Schwimmhalle; Hoffmannsche Badeanstalt (Pl. D2,3), Lindenweg 11; Flußbäder, vgl. Pl. D3.

Bei beschränkter Zeit (4 St.): Postplatz, Marienplatz, Demianiplatz, Obermarkt, Untermarkt, Peter und Paulskirche, Ruhmeshalle, Blockhaus. – Der lohnende Ausflug nach der Landeskrone (S. 201) erfordert 2 St. Mehr.

Görlitz (225 m), an der Neiße, ist eine sehr gewerbefleißige Stadt, die zweite Schlesiens, mit 82100 Einw. Und großen Maschinen-, Tuch- und Orleansfabriken. Es war das haupt des 1346 geschlossenen Bundes der oberlausitzer Sechsstädte (Bautzen, Löbau, Kamenz, Lauban, Zittau) und kam später mit der ganzen Oberlausitz an Böhmen, wurde 1635 sächsisch, 1815 preußisch. Die schönen gotischen Kirchen, die stattlichen Tortürme, das Rathaus, eine Anzahl im Renaissancestil erbauter Privathäuser aus dem XVI. Jahrh. (z.B. in der Neißstraße, Nr. 29, vermutlich von Wendel Roßkopf, s.S. 200, andere am Untermarkt, in der Brüderstraße) zeugen von dem alten Reichtum der Stadt.

Vom Bahnhof (Pl. A3,4; südl. die 1900 nach Plänen von Ebers vollendete kath. Jakobikirche) geradeaus durch die Berliner Straße zum Postplatz (Pl. B2,3), mit einem hübschen Zierbrunnen von Toberentz (1887); l. das Landgericht, r. die Hauptpost.

Südl. vom Postplatz liegt der Wilhelmsplatz (Pl. B3), mit der höheren Mädchenschule, im Renaissancestile, und dem 1895 enthüllten Bronzestandbild des Feldmarschalls Grf. V. Roon (Pl. 15), von Pfuhl.

Weiter an der spätgotischen Frauenkirche (Pl. B2), 1449-73 erbaut, mit altertümlichen Portal, vorbei zum Marienplatz (Pl. B2), auf dem ein Bronzestandbild des Oberbürgermeisters Demiani (gest. 1846), von Schilling (1862). L. das reichhaltige Museum der Naturforschenden Gesellschaft (Pl. B2; im Sommer Mi. 2 ½ -4 ½ , So. 11 – 2 ½ Uhr frei, sonst durch den Kastellan im Erdgeschoß) und die ehem. Annenkapelle (Pl. 1), 1508-12 gebaut, jetzt Schulzwecken dienend. R. der dicke oder Frauenturm (Pl. 3), mit dem in Stein gehauenen Stadtwappen aus dem Ende des XV. Jahrh.. – Westl. der Demianiplatz (Pl. B2), mit dem Stadtheater und dem Kaisertrutz (Pl.5), einer mächtigen Bastei von 1490, jetzt Hauptwache und Zeughaus. Daneben ein Denkmal für 1870/71: die erste 1870 eroberte französ. Kanone, die das damals in Görlitz stehende 1. Schles. Jägerbatallion Nr.5 bei Weißenburg nahm; dahinter im Halbrund eine Bronze-Nachbildung der schönen von Siemering für den Berliner Einzug 1871 entworfenen Komposition. – Gegenüber dem Kaisertrutz das an den Reichenbacher Turm (Ende des XV. Jahrh.) angebaute Gewerbevereinshaus (Pl. 4). – 5 Min. westl. vom Demianiplatz die Lutherkirche (Pl. A2), 1900 in romanischen Forman nach Plänen von Fritsche vollendet.

Am Obermarkt (Pl. B2), auf dem 1893 ein Bronzereiterbild Kaiser Wilhelms I. (Pl. 18), am Sockel die Standbilder Bismarcks und Moltkes, nach J. Pfuhl´s Entwurf aufgestellt worden ist, liegt die Dreifaltigkeits- oder Klosterkirche (Küster Klosterplatz 21), 1245, der westl. Teil 1385 geweiht, 1868 erneuert; im Innern geschnitzter Altar (1383) und schönes Gestühl. Hinter der Kirche das 1856 vollendete Gymnasium (Pl. BC2), got. Stils, in dessen Ostflügel sich die wertvolle Milichsche Bibliothek befindet (c. 15.400 Bände; zugänglich im Sommer gewöhnlich Mo. Do. 11 – 1 Uhr)..

Unweit vom Obermarkt, an dem z.T. von Bogenhallen („Lauben“) umgebenen Untermarkt, das Anfang XIV. Jahrh. erbaute, 1874/75 restaurierte Rathaus (Pl. C2). Der Turm, 1509-13, trägt (r. über der Freitreppe) das Wappen des Ungarnkönigs Matthias Corvinus, unter dessen Schutz die Stadt stand. Die Freitrappe, mit der Statue der Justitia auf reich skulptierter Säule, dem Portale und vorspringenden Balkon vom Jahr 1537, zeigt den deutschen Renaissancestil in schönster Entfaltung; der Erbauer Wendel Roßkopf gehörte der Schule des Prager Architekten Benedikt Rieth an. Im Innern ein getäfelter Saal (Prätorium) mit trefflicher Holzdecke (1568). – An der Apotheke eine von dem Astronomen Barth. Scultetus (gest. 1614), einst Besitzer des Hauses, angebrachte Uhr. – In der Neißstraße (Nr. 30) die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften, mit bedeutender Bibliothek (geöffnet im Sommer Mo. Do. 10 – 12, im Winter 11 – 1 Uhr). Nördl. die Peter- und Paulskirche (Pl. C1); Küster Bei der Peterskirche 9), 1423-90 erbaut, nach einem Brand 1691-96 zum Teil erneuert, eines der bedeutendsten Denkmäler spätgot. Baukunst im Osten Deutschlands; das fünfschiffige Innere wird von 18 schlanken Pfeilern getragen. In der Sakristei kirchliche Altertümer, ebenso in der sehenswerten Krypta. Die 84 m h. Türme sind 1889/91 nach Plänen von Adler ausgebaut.

Die hölzerne Neißebrücke südöstlich von der Kirche bietet eine interessante Ansicht des alten Görlitz.

Bei und in der Grabeskirche zum h. Kreuz (Pl.B1) ist eine Darstellung des h. Grabes, 1489 von einem Bürgermeister Emmerich nach wiederholter Wallfahrt nach den h. Lande erbaut. Von hir n.ö. der Kirchhof: auf dem alten Teile das Grab des Mystikers Jakob Böhme (gest. zu Görlitz 27. November 1624); auf dem neuen Teile das von Minna Herzlieb (gest. 1865), des Urbildes der Ottilie in Goethes Wahlverwandtschaften.

Südl. vom Untermarkt der Stadtpark (Pl. CD3), mit den Büsten A.v.Humboldts und des Afrikareisenden Steudner, einem Monumentalbrunnen mit der Bronzestatue Jakob Böhme´s (von Pfuhl, 1898 errichtet; Pl.9) und einem botanischen Garten.

Auf einer Anhöhe des rechten Ufers der Neiße (hübscher Blick auf Görlitz) liegt die 1902 nach Plänen von Behr vollendete Oberlausitzer Ruhmeshalle (Pl. D4), mit dem Kaiser-Friedrich-Museum (Eintr. Täglich außer Mo. 10 – 3 Uhr; Mi. Fr. gegen 50 Pf., sonst frei). Es ist ein Renaissancebau, der von einer 42 m hohen Kuppel gekrönt wird; l. von der viersäuligen Halle der Krieg, r. der Frieden, Marmorgruppen von Lederer.

Aus der Vorhalle tritt man in die Ruhmeshalle, mit den Marmorhermen von sechs deutschen Bundesfürsten und, geradeaus, dem Doppelstandbild der Kaiser Wilhelm I. und Friedrich III., Marmor von Pfuhl. In den Seitensälen und im Keller sind die kunstgewerblichen Sammlungen und die vorgeschichtlichen Altertümer aufgestellt. – Auf der Galerie des ersten Stockwerkes die von Magnussen modellierten Marmorstandbilder Roons, Bismarcks und Moltkes. In den Sälen moderne Gemälde und Stiche.

Vom Portikus (Pl. C3) führt eine Lindenallee an dem (r.) Ständehaus (Pl. C3), im ital. Renaissancestil, (l.) dem Tivoli (Rest.) und, weiter r., einer Schillerbüste (Pl. 16: B4) vorbei nach dem Blockhaus (PL. B5; S. 199), von wo Aussicht auf den Neißeviadukt ((S. 202) und auf Iser- und Riesengebirge. Davor ein Bronzestandbild des Prinzen Friedrich Karl (gest. 1885), von Ochs (1891). Anlagen ziehen sich von hier an beiden Ufern der Neiße unter dem Viadukt hindurch; am l. Ufer über die Aktienbrauerei (Pl. B5; Rest.) zu den Weinbergen (Pl. AB6; Rest. Mit Aussichtsturm), am r. Ufer bis zum Jägerwäldchen (Pl. C6; Rest.)

Ausflüge: Die Landeskrone (425 m), eine Basaltkuppe südwestl. von Görlitz, erreicht man zu Fuß auf schattigem Wege in 1 ½ St. Oder mit der elektr. Straßenbahn (s.S.199), von deren Endstation noch ½ St. Steigens. Auf dem Gipfel steht an Stelle der im J. 1440 zerstörten Raubburg ein im Burgenstil erbautes Gasthaus mit Rundsichtturm; etwas unterhalb ein Reliefbild Theod. Körner´s und ein 1901 errichteter Bismarckturm. In derselben Richtung 1 ¼ St. Weiter die Jauernicker Berge, Fahrweg bis hinauf. – Nordwestl. (2 ¾ St.) die Königshainer Berge. – Das Neißetal: mit der Zittauer Bahn bis (23 km) Rosenthal, dann im Neißetal abwärts bis (1 ½ St.) Station Rusdorf derselben Bahn (gutes Bahnrest.). Der Weg berührt (10 min von Rusdorf) das 1234 gestiftete Cistercienserinnen-Kloster St. Marienthal. - Bei Moys (Bahnstat. S.202) fiel am 7. Sept. 1757 Friedrichs d.Gr. Liebling, der General von Winterfeldt, im Kampf gegen die Österreicher unter Nadasdi. Ein Denkstein erinnert an ihn.

Görlitz ist Knotenpunkt für die Dresden-Görlitzer Eisenbahn und deren Fortsetzung nach Kohlfurt (vergl. R.54), sowie der schlesischen Gebirgsbahn (R.33) und der Bahnen nach Zittau und Reichenberg. Die Kohlfurter Bahn und die Gebirgsbahn überschreiten vereinigt unmittelbar bei der Stadt auf einem 475 m l. Viadukt von 34 Bogen von 20 und 26,75 m Spannweite, 35 m über dem Spiegel des Flusses, das Neißtal (der Kuppelbau l. ist die S. 201) gen. Ruhmeshalle). Gleich jenseits des Viadukts, bei Stat. Moys (S. 183), zweigt die schlesische Gebirgsbahn nach Lauban ab. Die beiden anderen Bahnen, die sich unmittelbar vor dem Viadukt nach S. wenden, gehen vereinigt nach Deutsch-Ossig u. Nikrisch, wo sie sich trennen. Die Zittauer Bahn führt über Ostritz nach (33 km) Zittau (S. 355).

Die Reichberger Bahn erreicht bei (27 km) Seidenberg die preuß.-österreich. Grenze; Zollabfertigung. – Stationen der Österreichischen Bahn: 7 km Weigsdorf. …….

 

 

 

 

Autor: 
Karl Baedeker
Veröffentlichungsdatum: 
1905