Görlitz – Untermarkt 3

Das Tuchhallenhaus nach seiner Wiederherstellung 1959-1961

Dr. Hans Nadler

Die alten Städte zählen zu den Denkmälern der Kultur eines Volkes. Stärker als im einzelnen Bauwerk wird in der alten Stadt das durch die Jahrhunderte währende schöpferische Gestalten von Handwerker- und Künstlergenerationen sichtbar. Baumeister und Bauherren, Steinmetzmeister, Zimmerleute und Gesellen formten Tore, Türme, Mauern, Wall und Graben, Rathäuser, Dome, Kirchen und Klöster, Bürgerbauten und Handwerkergassen. Einander sinnvoll geordnet fügen sich die Einzelarchitekturen zu einer großen städtebaulichen Komposition als Zeugnis geschichtlichen Werdens und städtischer Repräsentation.

Das 19. Jahrhundert verkannte die Originalität und den besonderen Wert der alten Stadt. Mit dem Abbruch der Stadtumwehrungen, der Überbauung der schon ohnehin engen Hofflächen sowie mit der rücksichtslosen Veränderung der Erdgeschosse zu Verkaufsläden und durch eine unbeschränkte Reklame erlitt die alte Stadt so starke Entstellungen, daß schon um die Jahrhundertwende der Ruf nach einer Bewahrung und planvollen Erneuerung der historischen Stadt laut wurde.

Zwei Weltkriege dezimierten den Bestand alter Städte. Dresden, Würzburg, Hildesheim und viele andere wertvolle Altstädte gingen verloren, so daß nach 1945 mit dem Aufbau der zerstörten Städte zugleich das Problem der Bewahrung und Erneuerung der alten Stadtarchitekturen zur Diskussion stand. Auf zahlreichen Kongressen in Paris, Erfurt, Warschau, Santiago de Compostela und in anderen Städten befaßten sich Architekten, Städtebauer und Historiker mit dem Problem der Erhaltung und Gesundung der alten Stadt, einem internationalen Anliegen.

Im Rahmen dieser Bemühungen um die alte Stadt hat das Institut für Denkmalpflege Dresden seit etwa zehn Jahren methodische Untersuchungen und praktische Arbeiten zur Frage der Altstadtsanierung durchgeführt mit dem Ziele, die erhaltenswürdige Bausubstanz festzustellen und zu prüfen, in welcher Form und unter welchen wirtschaftlichen Bedingungen eine Wiedergewinnung der ursprünglichen gesunden Wohnverhältnisse in einer alten Stadt möglich ist. Die Untersuchungen haben ergeben, daß der bisher gebräuchliche Begriff „Altstadtsanierung“ den Umfang und das Ziel der Arbeit nicht richtig kennzeichnet. Die Maßnahmen, die notwendig sind, um nicht mur städtebauliche, architektonische und geschichtliche Werte zu bewahren, sondern auch, um dem Bewohner der alten Stadt zugleich Wohnungen und Folgeeinrichtungen zur Verfügung zu stellen, die der Forderung nach einer gesunden und gepflegten Wohnkultur entsprechen, gehen weit über „Sanierungsarbeiten“ hinaus. Die alte Stadt soll nicht konserviert werden, sie soll sich als lebendiger Organismus weiter entwickeln. Ihr Wachstum und der Prozeß der inneren Erneuerung sollen sich in der Weise und in einem Raum vollziehen, die den Bewohnern der alten Stadt das tägliche Erleben der neugewonnenen Werte alter Stadtbaukunst zu einer Bereicherung des Alltags werden lassen.

Um zu begründeten Erhaltungsvorschlägen für die neue Ordnung einer alten Stadt kommen zu können, sind sorgfältige wissenschaftliche Analysen der Gesamtstadt wie des Einzelbauwerkes nötig. In Freiberg und Görlitz sind solche Untersuchungen im Gange; wertvolle Einzelgebäude werden im Rahmen eines Gesamtplanes vor dem Verfall bewahrt.

An der alten Handelsstraße, die aus dem Westen über Bautzen nach dem Osten führte, entstand am Übergang der Hohen Straße über die Neiße neben dem bereits 1071 erwähnten Dorfe Gorelic im frühen 13. Jahrhundert die Stadt Görlitz als Handelsplatz im Schnittpunkt des vom Süden über Böhmen zur Ostsee führenden Verkehrsweges. Tuche und das von Thüringen eingeführte Tuchfärbemittel Waid waren begehrte Handelsware. Während sich die Handwerker im Suburbium in unmittelbarer Nachbarschaft der Burg ansiedelten, errichteten die Fernkaufleute, die Tuch- und Waidhändler ihre Häuser am Marktplatz und in den angrenzenden Straßenzügen. Das Haus Untermarkt 3 gehört zu diesen mittelalterlichen Tuchhallenhäusern am Markt. Aus der Frühzeit mögen nur noch einige Kellerräume, die einstmals dem Bierbrauer dienten, stammen. Brände und Bauschäden führten zu Veränderungen im 16. Und 18. Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert wurde das Haus durch Einbauten stark verändert. Die den Tuchhallenhäusern eigene repräsentative Weiträumigkeit ging hier völlig verloren und mangels Pflege verfiel das Haus schließlich.

Im Zuge der Erneuerung der Görlitzer Altstadt wurde auch das alte Tuchhallenhaus einer sorgfältigen Betrachtung unterzogen. Für alle Räume vom Keller bis zum Dachgeschoß wurden Grundrisse und Schnitte aufgezeichnet und anhand von Urkunden und Bauakten wurde die Baugeschichte des Hauses untersucht. Es zeigte sich, daß versteckt hinter Ladeneinbauten, Zwischenwänden und neuen Treppen das alte Görlitzer Hallenhaus erkennbar wurde. Seit dem 15. Jahrhundert entstanden am Untermarkt auf alten Kellern Arkadenhäuser nach einem eigenen Grundriß, der sich aus den Bedürfnissen der Görlitzer Kaufleute nach Repräsentation wie nach Vereinigung von Wohnung, Verkauf und Lager unter einem Dach erklären läßt. Aus Ratsrechnungen wissen wir, daß der Tuchhändler in der Arkade seine Ware zum Verkauf anbot. Von der Laube aus erreichte man die große Eingangshalle, deren hohes Gewölbe von einer Säule getragen wird. Hier wurde Bier ausgeschenkt und die Handelsware verkauft. Ein schmaler Gang ermöglichte die Durchfahrt zu den Wirtschaftsräumen und in den Hof. Über die seitlich angeordnete Treppe gelangte man von der Erdgeschoßhalle in die mit einem Netzgewölbe aus dem 16. Jahrhundert überdeckte, durch zwei Geschosse reichende zentrale Halle. Das Tageslicht erhellt durch ein sehr hoch, unmittelbar unter dem Gewölbe gelegenes Fenster die Halle. Der Grundriß des Görlitzer Hallenhauses ist schmal und tief. So schließt sich – ihr zugeordnet – der Halle ein saalartiger Raum von etwa 100 Quadratmeter Größe an, der wohl auch den Handel und zuweilen als Lagerraum  diente. In den oberen Geschossen finden wir die Wohnung des Kaufmanns.

Aus den baugeschichtlichen und zeichnerischen Vorarbeiten wurde der besondere stadtgeschichtliche Wert des Bauwerkes und seine einzigartige architektonische Gestaltung deutlich und die Forderung nach Erhaltung und sachgemäßer Erneuerung gestellt.

In mehrjähriger mühevoller Arbeit wurde das von Rissen durchzogene Haus mit Spezialkonstruktionen versteift, die störenden Ladeneinbauten wurden entfernt, die Eingangshalle in ihrer ursprünglichen Größe wieder freigelegt, die Treppe an der alten Stelle in Sandstein aufgeführt und damit das von der Zweckbestimmung des Hauses her begründete Raumgefüge wieder hergestellt.

Studenten der Architektur entwarfen Pläne für den Ausbau des Hauses zu einer Stoffverkaufsstelle mit Maßschneiderei; sie brachten damit einem Vorschlag, der der ursprünglichen Verwendung des Hauses sehr nahe kam. Allein der Wohnraummangel erforderte, daß das Haus im wesentlichen für Wohnzwecke ausgebaut wurde. Wie bei allen Stadterneuerungsarbeiten, so wurde auch hier der Wohnraum mit modernen sanitären Anlagen ausgestattet. Installationen wurden unter Putz verlegt, Fußböden erneuert, Schornsteine und Entlüftungen eingebaut, Wand- und Deckenputz ausgebessert und schließlich wurden die Raumflächen neu gefärbt, wobei ihre Farbigkeit aus dem 16. Jahrhundert teilweide wieder hergestellt werden konnte.

Das Haus, dessen Erhaltung vor fünf Jahren noch zweifelhaft erschien, zeigt sich heute wieder in der ursprünglichen großzügigen Raumfolge. Beim Gang vom Markt durch die Laube und die Erdgeschoßhalle über den neuen Treppenlauf in die Tuchhalle erlebt man nicht nur ein Stück Görlitzer Stadtgeschichte, sondern auch die einzigartige Architektur, in der die besonderen Forderungen, die der Tuchhandel stellte, in großzügiger Form und mit künstlerischer Kraft in Stein Gestalt annahmen.

Die vorbildliche Restaurierung des Grundstückes ist das Ergebnis gemeinsamer Bemühungen. Architekten, Kunsthistoriker, Restauratoren, sachkundige Handwerker, Statiker, Architekturstudenten, Vertreter der städtischen Verwaltung wirkten gemeinsam mit dem Denkmalpfleger, um das alte Haus in seinem ursprünglichen Bestand zu sichern und mit neuem Leben zu erfüllen.

Die planvolle Erneuerung des Hauses Untermarkt 3 in Görlitz bestätigt die Auffassung, daß eine generelle Altstadterneuerung auf der mit wissenschaftlichen Methode betriebenen Regeneration des denkmalwerten Einzelbaues fußen soll.

Die dem gegenwärtigen Leben neu erschlossenen denkmalwerten Altbauten geben gemeinsam den Rahmen für die neue städtebauliche Ordnung der historischen Stadt, in der die Menschen gesund und glücklich leben sollen.