Waidhaus

Bereits seit der 1. Hälfte des 12.Jahrhundert wurde das Görlitzer Waidhaus in den Stadtbüchern als „freier Hof“ erwähnt. Es war eine der Keimzellen der Görlitzer Stadtentwicklung. Das Waidhaus gehörte damals zur Burg des Landesherren, dem Vogtshof. Bis 1426 besaß das Gebäude den alten Ratsrechnungen nach noch einen geräumigen Turm (Eberhards Turm). 1479 brannte das von 1447-1530 als Schule genutzte Waidhaus ab. Zu dieser Zeit wurde auch die heute am Giebel lesbare Inschrift: „Nil actum creades, cum quid restabit agendum 1479“ angebracht.
Nach 1529 diente das Gebäude als Stapelhaus für das Tuchfärbemittel Waid. Zu diesem Zweck wurde es umgebaut und erhöht.

Görlitz Waidhaus 29.03.2011

Görlitz Waidhaus Straßenlaterne 24.03.2011

 

1908 kamen bei Baumaßnahmen im Waidhaus 50 Steinmetzzeichen zum Vorschein, die auf das 15.Jahrhundert, das Jahrhundert des Baus der Kirche, datiert wurden.
Die Giebel wurden 1936 entsprechend einem alten Holzschnitt aus dem Jahr 1565 errichtet und die Zwerchhäuser auf der gleichen Grundlage und nach den erhobenen Befunden während der Sanierung 1993/94 wiederhergestellt.
Heute befindet sich im Waidhaus das Görlitzer Fortbildungszentrums für Handwerk und Denkmalpflege e.V..

Geschichte und Topographie der Stadt Görlitz; Richard Jecht, Görlitz 1927-1934:

Das Waidhaus,

auch Renthaus (von 1728 bis jetzt) genannt. Von 1447 an lag hier die Schule die 1530 nach Krebsgasse 7 verlegt wurde. Das Waidhaus war zu Ende des 14. Jahrhunderts ein Brauhof. Bis 1402 besitzt ihn die Judicissa (wohl gleich zu setzen der Agnete Richterin), 1403 bis etwa 1408 Michael Richter, dann Stanislaus Pfarrer zu Greiffenberg, dann Niclas Schernsmeth, der ihn mit ausdrücklicher Erlaubnis König Wenzels 1413 dem Bürger von Görlitz Niclas Maren verkauft. Bereits 1414 besitzt ihn „nach Stadtrechte“ Niclas Ermilreich, bald darauf der verdiente Bürgermeister Bartholomäus Eberhard, nach dem das Grundstück noch lange Zeit benannt wurde. Um 1425 erwirbt dann die Stadt das Haus von dessen Erben, und sie besitzt es bis auf den heutigen Tag. Höchst fesselnd ist, daß immer und immer wieder in den Urkunden betont wird, der Hof sei ein „freier“ Hof. Das läßt den Schluß zu, daß der Hof schon vor Gründung der Stadt bestand, wo er natürlich Lehnbesitz war, daß er aber seit Gründung der Stadt zu dieser gezogen und also von da ab „zu Erbe“ lag. Er gehörte eben ursprünglich zur landesherrlichen Burg, dem Vogtshofe, als Wirtschaftshof. Auf der zu ihm gehörigen Flur ist die älteste Stadt gegründet (siehe oben S. 9 ff.). Darauf weist auch hin, daß das Waidhaus nicht in der Flucht der Straßen, die bei Stadtgründung neu abgemessen wurden, gelegen ist.

Die Görlitzer Ratsrechnungen erwähnen noch 1426 neben dem Hofe einen alten geräumigen Turm, den „Eberhards Turm“, der mitten in der Hussitennot 1426 abgebrochen wurde. Der Hof selbst wurde von Ende April bis Mitte Juni 1428 benutzt, um die Erfurter Hilfsmannschaft unter Tiezmann von Weberstedt (an Anzahl 26) dort unterzubringen, ebenso lagerte dort der böhmische Adlige Johann von Michelsberg 1432 über 3 Monate ). Als die Schule 1529 das Haus verließ und man dort ein Stapelhaus für den Waid einrichtete, mußte man größere Lagerräume schaffen, und das Gebäude wurde wohl erst damals auf die jetzige Höhe gebracht. Bis dahin gab es in Görlitz nur private Waidhäuser, so wird um 1330 ein „Waidhaus mit einer Hofestatt“ verkauft ).

1529 wurde wohl auch die schon ältere Inschrift, die jetzt noch zu sehen ist, in den nördlichen Giebel „eingemauert: „Nil actum credas, cum quid restabit agendum 1479.“ Über der Tür liest man: „In rebus humanis nihil praeclarius nihil praestantius quam de republica bene mereri 1529.“ 1908 kamen in einem inneren Räume an der Wand etwa 50 mit Rötel aufgetragene Steinmetzzeichen zum Vorschein, woraus doch zu folgern ist, daß ehedem hier eine Steinhütte für die Arbeiter an der Peterskirche (etwa 1495) sich befand. 1578 wurden die Erker nach der Neiße zu abgetragen und das Dach eben gemacht.

Der Name Renthaus, den das Waidhaus auch bis zur neuesten Zeit trug, stammt daher, weil die landvogteiliche Rente, bestehend bis 1732 aus Getreide, hier aufgeschüttet wurde.

Das Waidhaus steht auf dem Kirchberge (zuerst fand ich den Namen 1477  )), an seiner Südseite geht das Predigergäßchen zur Höhe.

 

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