Untermarkt

Geschichte und Topographie der Stadt Görlitz; Richard Jecht, Görlitz 1927-1934

Der Untermarkt ist zweifelsohne das wichtigste Stück der alten Stadt Görlitz. Das Rathaus, der Sitz der Verwaltung, hat von jeher dort gestanden; die alten Herrenhäuser an dem Platze waren fast alle bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert in den Händen der führenden Leute und haben zur Freude der Kunstkenner und der Liebhaber alter Bauwerke ihr früheres Aussehen meist bewahrt. Natürlich hat auch der Untermarkt in den 700 Jahren, seitdem die Stadt gegründet wurde, seine Entwicklung gehabt. Davon wissen die alten Urkundenschätze, die das Ratsarchiv bietet, zu erzählen.

Die älteste Bezeichnung ist einfach Markt (um 1305) ), dann Niedermarkt (1403, 1449); von etwa 1340 bis gegen 1600 findet sich (wohl von Schlesien eingeführt) Ring  ), ein Name, der dann verschwindet. Der nördliche Teil heißt auch Fischmarkt oder Heringsmarkt, auch Alter Markt ).
1403 erwähnt das Geschoßbuch sechs Wirte am Nedirmarkte, d.h. unter den Langen Läuben. Auf dem nördlichen Teil standen hauptsächlich die verkaufenden Landleute, auf dem südlichen Teile die Handwerker. Erst 1864 wurde der Wochenmarkt, der sich bis dahin hauptsächlich auf dem Untermarkt abgespielt hatte, auf die Elisabethstraße verlegt. Die Nord- und Südseite des Untermarktes messen je 70 Meter, die Westseite mit Rathaus 73 Meter, die Ostseite nur 38 Meter. Die Fläche des Marktes beträgt ein reichliches Drittel eines Hektars (1 1/3 Morgen).

Der Häuserblock in der Mitte hieß noch im 14. Jahrhundert die Zeile ), öfter wird damals die Mittelzil erwähnt. Der Name ist leider schon im 15. Jahrhundert verschwunden. Durch diesen Häuserblock ging ein „Durchgang“, noch heute sind trotz des Umbaues Spuren vorhanden. Von diesem Gange waren ursprünglich die Läden der südlichen Krämer zugänglich. Später wurden die südlichen Häuser des Blocks nach dem Brunnen zu geöffnet ). Auf dieser Südseite hatten nämlich die neun  ) Reichkramer, auch Würz- und Seidenkramer genannt, ihre Verkaufsstellen; gewohnt haben diese meist wohlhabenden Leute gewöhnlich anderwärts ).

Auf der nördlichen Seite standen seit 1511 die Pudritz-(KIein-)krämer oder Spitzkrämer; erst 1671 wurde ihnen gestattet, auch an andern Orten der Stadt ihre Verkaufsstellen zu haben ). Der Name Pudritzkrämer ist erst seit 1511 aufgekommen; bis dahin hatten die Spitzkrämer unter den Lauben feil gehabt, jetzt wurden sie mit den Beutlern auf den neuerbauten Gang über den Fischbuden hinaufgewiesen ). Sie standen nunmehr über den Pudritzen, d.h. laubenartigen Bögen ). An der Nordseite der Zeile befanden sich auch die Brot- und Schuhbänke, Fisch- und Heringsbuden, in den ältesten Zeiten auch die Apotheke  ). Schon 1301 und 1332 wird ein Markthaus, welches die Krämer innen und außen bewohnen, erwähnt ).

Die Pudritzen und die anderen Verkaufsstellen, die mehr oder minder aus Fachwerk und Holz bestanden, wurden 1706 abgerissen und das jetzt noch stehende Verwaltungsgebäude gebaut, das als Neues Kaufhaus, Neues Haus, Börse, Kommissionshaus bezeichnet wird; hier hielten die „Herren Kaufleute wöchentlich ihre Convente“; 1714 wurde in diesem Kaufhause das Portal eingestellt und die Wappen der vier Bürgermeister Nicius, Knorr von Rosenroth, Moller von Mollerstein und Pauli angebracht; 1784, als die Milichsche Bibliothek dorthin übergeführt war, geschah an dem Portal oben eine Veränderung; 1822 bis 1865 diente das Haus als Gerichts-, später als Polizeigebäude.-