Steinstraße

Geschichte und Topographie der Stadt Görlitz; Richard Jecht, Görlitz 1927-1934:

Sie wird zuerst um 1305 erwähnt, lateinisch platea lapidea (1408) ). Man kann zweifelhaft sein, ob der Name sich herschreibt von der steinernen Pflasterung wie beim Steinweg oder von dem Steinturme und Steintore, die um 1250 vielleicht so benannt wurden, weil sie zuerst unter den Türmen und Toren von Stein waren ). Die Gasse macht jetzt, weil sie eine Hauptgeschäftsstraße ist, einen neuzeitlichen Eindruck, um 1800 hatte sie noch ein recht altertümliches Gepräge.

Am südlichen Ausgange der Steingasse, noch innerhalb der Stadt, lag

Das herzogliche Schloß.

Es ist etwa 120 Jahre jünger als die Neustadt Görlitz und als der Frauenturm, denn es wurde erst 1369 mit seinem Bau angefangen. Ganz unrichtig wird daher immer wieder bis in die neueste Zeit behauptet, es sei der Frauenturm ursprünglich ein Schloßturm gewesen. Das Schloß sollte eine Art Zwingburg sein, deren Bau der Kaiser Karl IV. der Stadt wegen der Unruhen in der Stadt auferlegte ).

In den alten gleichzeitigen Quellen heißt es das „Neue Haus“ oder schlechthin „Haus“, auch „Hof“ (unseres Herrn) und curia. Seine Lage wird unter anderem durch folgende Eintragung bestimmt: „zu der brocken by dem Huse in der stat, als man zu unser fraun gehet“. Wie weit es sich nach Osten erstreckte, ist unbekannt, läßt sich vielleicht aber nach den Geschoßbüchern noch bestimmen; allzuweit wird es wohl nicht gereicht haben, jedenfalls läßt die Jahreszahl 1474 an dem Hause Steingasse 9 (Eckhaus an der Elisabethstraße) den Schluß zu, daß dieses Haus mit zum Schlosse gehört hat. Daß es, wie behauptet wird, hinter der Nonnengasse bis zur Fronfeste, d.h. bis zum Fischmarkte gegangen sei, ist sicherlich falsch. Im Süden und Westen ist die Stadtmauer die Grenze gewesen. Denn dort hieß noch 1728 das Grundstück, wo jetzt in der Annengasse das Mittelschulgebäude liegt, das „Schlössel“ ), das Ueberbleibsel des alten im Osten sich anschließenden Hauptgebäudes. Wo also die Gebäude des späteren Waisenhauses (Schule) und die Annenkapelle und getrennt durch die Steingasse das Haus Steingasse 9 und etwas darüber hinaus nach Osten Häuser stehen, wird das Schloß und seine Nebengebäude zu suchen sein. Hier residierte Herzog Hans (gest. 1396) in den Zeiten, da er in Görlitz war; hier wohnte auch wohl im Oktober 1408 seine Schwägerin, Wenzels Gemahlin Sophie.

Dieses weitläufige Gebäude zerfiel im Laufe des 15. Jahrhunderts immer mehr und wurde der Stadt, die von jeher diese Feste innerhalb der Mauern ungern gesehen hatte, eine arge Last. Da erwirkte sie am 12. Oktober 1474 vom König Matthias Corvinus die Erlaubnis, daß ihr das „angehobene und unvollbrachte Gebäude, das etwan zu einer fürstlichen Wohnung zu bauen angehoben ist“, zur freien Verfügung gegeben wurde. Es sind dann an die Stelle andere Häuser gesetzt worden. Schon 1508 ff. bei Erbauung der Annenkapelle und noch in unserer Zeit sind gewaltige Grundmauern und Keller an dieser Stelle aufgedeckt worden ).

 

 

weiterführende Texte:

  • StadtBILD Journal 13, Februar 2002: Eine alte Görlitzer Geschäftsstraße – die Steinstraße / Freiherr vom Stein, Steinstraße 12; Quelle: Görlitz, Eine historische Topographie, Prof. Ernst-Heinz Lemper