St. Peter und Paul (Peterskirche)

Die Görlitzer Peterskirche, deren Grundstein im Mai 1423 gelegt wurde, erhebt sich an der Stelle einer früheren Pfeilerbasilika des frühen 13. Jahrhunderts.
Von diesem Vorgängerbau ist der spätromanische Westriegel erhalten geblieben. Das Gewändeportal an der Westseite der Kirche stammt aus der Zeit um 1235, wurde aber im Zusammenhang mit dem spätgotischen Neubau verändert.
1457 wurde als erster Teil der neuen Kirche die Unterkirche, welche sich heute unter dem Chor der Hallenkirche befindet, geweiht. Parallel dazu hatte man begonnen, die Nordseite des Vorgängerbaus zu ersetzen.

Bereits 8 Jahre nach der Weihe der Unterkirche konnte der darüber befindliche Hallenchor fertig gestellt werden. Nach insgesamt 74 jähriger Bauzeit erfolgte die Weihe der neuen fünfschiffigen Kirche. Das hohe kupfergedeckte Dach der Kirche, welches die drei mittleren Schiffe überspannt, wurde erst 1507-1515 vollendet.
Die beiden Portale an Nord- und Südseite der Halle sind Ergänzungen der Jahre 1543 und 1553. Die heute die äußere Gestalt prägenden Turmspitzen erhielt die Kirche in den Jahren 1889-1891. Bis dahin wurde das Westwerk von barocken Hauben abgeschlossen, die das Dach nur wenig überragten.

Die Halle der Peterskirche verdankt ihren Charakter im Wesentlichen den schlanken Pfeilern und den durch Conrad Pflüger geschaffenen Netzrippengewölben. (Pflüger war ein Schüler Arnolds von Westphalen, des Erbauers der Albrechtsburg in Meißen, und war in den letzten Jahren des 15.Jh. gleichzeitig herzoglich sächsischer Werkbaumeister und Görlitzer Stadtbaumeister.)
Die Schlusssteine der Gewölbe tragen Reliefs mit Darstellungen des Lebens Jesu von der Verkündigung seiner Geburt über die Passion bis hin zu Auferstehung, Himmelfahrt und der Ausschüttung des Heiligen Geistes zu Pfingsten. Bei einem Brand im Jahr 1691 wurde das gesamte spätgotische Inventar zerstört.
Dazu gehörten mehr als 30 Schnitzaltäre, das Geläut, beide Orgeln, kostbare Messgewänder, Altargeräte und Bücher. Nur das schmiedeeiserne Gitter der Taufkapelle (1617) blieb erhalten. Das heutige barocke Inventar stammt aus den Jahren nach diesem Brand. Dazu gehören u.a. die vergoldete Kanzel (1693), der Altar (1695), das Ratsgestühl, 3 evangelische Beichtstühle und die von Eugenio Casparini geschaffene und mit einem Prospekt von Johann Conrad Buchau ausgestattete Orgel (Sonnenorgel, 1703).

Geschichte und Topographie der Stadt Görlitz; Richard Jecht, Görlitz 1927-1934:

Peterskirche.

Die Peterskirche ist das vornehmste, größte und schönste Gotteshaus der Stadt Görlitz. Es ist kein Wunder, daß dieses altehrwürdige, Herz und Sinne bezaubernde Bauwerk bei den Görlitzer Stadtbürgern die Vorstellung erregte, es müsse uralt sein. Nun haben allerdings schon seit 700 Jahren die Görlitzer in ihm zu ihrem Gott gebetet, aber die älteste Kirche ist sie nicht, und keinesfalls ist richtig, was früher und auch noch jetzt behauptet wird, daß die ältesten Bestandteile des Baues aus dem 9. oder 10. Jahrhundert herstammen.

Die Peterskirche ist Görlitzer Stadtkirche. Schon daraus geht hervor, daß ihre Entstehung mit der Gründung der Stadt Görlitz zusammenhängt; diese aber ist um 1220 erbaut worden. Vorher gab es schon ein Dörflein Görlitz an der Lunitz, in dem die alte Nikolaikirche stand; aber sie lag außerhalb der Stadt und war doch zunächst nur Dorfkirche für die ursprünglich meist wendischen Bewohner.

Die Zeit der Gründung der Peterskirche ist urkundlich leider nicht bekannt. Der Doppelname Peter und Paul läßt sich seit 1372 nachweisen ). Man nimmt und nahm wohl als Datum der Einweihung den 19. Mai 1225 an, doch beruht das auf einer Verwechslung mit der Parochialkirche zu Kamenz. So wenig urkundlich auch diese Nachricht für Görlitz ist, so wird doch die Zeit um 1225 als Erbauungszeit unserer Peterskirche gelten können. Denn von dieser Zeit zeugen und predigen die Steine. Die ältesten Bestandteile unseres Gotteshauses - so belehren uns die fachkundigen Forscher - weisen auf das erste Viertel des 13. Jahrhunderts hin. Vor allem das Prachtportal an der Westseite, früher „Brauttor“ genannt, zeigt das Gepräge des spätromanischen (Übergangs-)Stils. Ferner stammt, um Kleinigkeiten zu übergehen, aus der Übergangszeit ein Spitzbogenfries an der einstigen Ostwand der Kirche, der jetzigen Westwand der Krypta.

Einige Worte noch über die Krypta der Peterskirche. Die Krypta oder St.-Georgs-Kapelle der Görlitzer Peterskirche hat man früher für den ältesten Teil der Kirche gehalten. Das ist sie aber sicher nicht, obwohl bekanntermaßen sonst derartige Krypten der romanischen Stilperiode (bis etwa 1200) angehören. Die Formen der Kapelle weisen aber ganz sicher auf die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts hin ). 1423 erweiterte man die Kirche nach Osten. Für diesen Zweck aber bedurfte es wegen des bröckelnden Tonschieferfelsens und abfallenden Geländes bedeutender Untermauerungen, man benützte die sich von selbst bietende Gelegenheit, eine unterirdische Kapelle anzulegen, und verlegte nach der Weihung der Kapelle 1432 den gesamten Gottesdienst dahin, weil man oben den Erweiterungsbau fortsetzte. Neben dem Hauptaltar, der dem Hlg. Georg gewidmet war, befand sich in der Krypta vornehmlich das Gestift zum Leiden unseres Herrn, welches der Görlitzer Stadtschreiber Johann Bereit von Jüterbog 1465/66 anlegte und reich ausstattete. In und nach der Zeit der Reformation lag die Kapelle unbenutzt ) da, bis der Pastor primarius Neumann 1734 ein Legat von 800 Mark für sie aussetzte. Damals wurden Kanzel und Altar nebst den Sitzbänken so angelegt, wie wir sie heute noch sehen. Gegenwärtig findet in dieser Kapelle nur am Tage Georgii (23. April) Gottesdienst statt.
Man hat von der Krypta aus drei Wege nach der oberen Kirche: an der Morgenseite steigt man auf einer doppelten Schneckentreppe mit 26 bzw. 27 Stufen hinauf, ohne daß die Hinaufsteigenden zusammenkommen. Auf der Mitternachtsseite führt eine Wendeltreppe von 134 Stufen bis auf das hohe Gewölbe der oberen Kirche, doch derart, daß man von der 31. Stufe aus durch eine Tür auch in den Chor der eigentlichen Kirche gelangen kann. Der dritte Weg nach oben geht durch die Dresekammer (Sakristei).

Die Stadt Görlitz wuchs im 14. und 15. Jahrhundert so an Reichtum und Volkszahl, daß die Peterskirche, die ursprünglich nur drei innere Schiffe und zwei Reihen Pfeiler hatte und sich noch nicht soweit nach Osten erstreckte,
die Zahl der Andächtigen nicht mehr faßte. Zudem suchten die Leiter des Gemeinwesens eine Ehre darin, ihre Stadt mit prächtigen und weithin sichtbaren Bauten zu zieren. Man ging daher an einen Erweiterungsbau der Peterskirche. Die ursprünglichen Seitenwände in Nord und Süd wurden abgebrochen, an deren Stelle zwei neue Reihen Säulen gesetzt, so daß die Kirche nunmehr fünfschiffig wurde. Ferner wurde das Gebäude nach Osten um den jetzigen Altarraum erweitert. Die traurigen Zeitläufe, vornehmlich der unselige Hussitenkrieg, in dem Görlitz um seinen Bestand kämpfen mußte und der bis dicht an die Stadt- und Kirchenmauern seine Wogen schlug, ließen diesen Umbau 34 Jahre, von 1423-1457, dauern. 1457 kam zur Einweihung des vollendeten Umbaues der Bischof von Meißen, Caspar von Schönberg, mit 50 Pferden und Gefolge in die Stadt und vollzog mit großem Gepränge die Feierlichkeit ).

Schon nach 31 Jahren zeigte nun der Bau „große Fährlichkeit“. Man nahm eine genaue Besichtigung vor und ließ es darauf nicht bei einer einfachen Erneuerung bewenden, sondern erhöhte den ganzen Bau und wölbte ihn neu ein. Die Namen der Baumeister, die dabei genannt werden, sind Konrad Pflüger, Urban Laubanisch und Blasius Börer. In der Weise nun, wie diese Meister damals das Gotteshaus schufen - die Vollendung des Hauptbaues geschah am 14. August 1497 - zeigt es sich noch jetzt. Das Dach der Kirche scheint anfangs nur aus Brettern und Schindeln bestanden zu haben, erst vom Jahre 1509 ab wurde es auf Kosten des Rats und der Bürger ) mit Kupfer gedeckt.

Das Innere der Kirche sah, natürlich im Jahrhundert der Reformation ganz anders aus als jetzt. Es gab außer dem Hochaltar mehr als 30 Altäre, ferner waren zwei Orgeln aufgestellt. In der Nähe des Hochaltars befand sich ein künstlich durchbrochen gearbeitetes, 24 Ellen hohes Sakramentshäuschen zur Aufbewahrung der geweihten Hostien. Überhaupt müssen wir annehmen, daß die Stadt Görlitz, welche wegen ihrer Reniassance-Bauten noch jetzt berühmt ist, auch das Innere ihrer Stadtkirche mit hervorragenden Kunstwerken ausgeschmückt haben wird. Neuerdings wurden Zeichnungen gefunden, die uns genaue Kenntnis von dem Äußeren wie vom Innern in den Jahren 1621-1624 vermitteln ).

Leider ist von den Kunstwerken viel durch Brand verlorengegangen; denn am 19. März 1691 wurde bei einer fürchterlichen Feuersbrunst, die 191 Häuser unserer Stadt niederlegte, auch die Peterskirche ein Raub der Flammen. Von dem brennenden Dachstuhl fielen durch ein Loch glimmende Holzstücke in den inneren Kirchenraum und verwandelten ihn bald in ein Flammenmeer. Die Chöre sowie die Bänke, Pulte, Schränke voll Musikalien und Bücher, die Epitaphien au den Wänden, die Altäre mit ihrem Schmuck boten dem schrecklichen Elemente reiche Nahrung; die Kronleuchter fielen herab und schmolzen, die Kanzel zersprang, die Orgel und die Glocken verdarben. Nur das trefflich fest gemauerte, verbundene und verfugte Gebäude selbst widerstand der verheerenden Gewalt des Feuers.

Es ist bewundernswert, mit welcher Schnelligkeit und Opferwilligkeit unsere Stadt damals, trotzdem ihre Vermögenslage überaus schlecht war, das Gotteshaus wieder hergestellt wurde. Die beiden Türme wurden in der Form aufgebaut, wie sie bis 1889 standen, wobei nur der Südturm nach oben zu vollständig ausgebaut war. Das Hauptgebäude wurde mit einem neuen Dachstuhl versehen, ein neuer Altar, eine neue Kanzel, 38 Fenster, eine Orgel - ein berühmtes Meisterwerk Casparinis -, sechs Glocken neu geschaffen. Die aufgezeichneten Kosten betrugen damals nicht weniger als 235000 Taler. Seit 1891 hat die Kirche, wie allgemein bekannt, zwei neue, „stilgerechte“ Türme, ein neues Gestühl und sechs kunst- und wirkungsvolle Glasfenster erhalten.

Hauptliteratur: Christian Gabriel Funcke: Eigentliche Beschreibung der Görlitzer Peterskirche, ihrer Geistlichen und Epitaphien (1704), wichtig deshalb, weil hier alle Inventarstücke der Peterskirche, die bei dem Brande von 1691 zugrunde gingen, beschrieben werden. Siehe dazu das etwas ausführlichere Manuskript von Funcke (Zobels Bibliothek 329, S. 292 bis 496). - Gustav Köhler: Die Peterskirche zu Görlitz in architektonischen Zeichnungen, herausgegeben vom Magistrat 1842, Hochfolio; siehe Bauwerke des Mittelalters in der Preußischen Oberlausitz v. Puttrich 1848 S. 1 ff. - Hans Lutsch: Verzeichnis der Kunstdenkmäler der Provinz Schlesien III (1891) S. 636 bis 655; auch Th. Neumann: Geschichte von Görlitz 1850 S. 641 (Anhang S. 13 ff.). - Ernst von Sommerfeld: Die Krypta unter der Peterskirche, N.L.M. 77 S. 216 bis 244; von demselben: Die alte St.-Peters-Kirche in Görlitz, ebd. 79, S. 1 bis 33. Der Umbau der Peterskirche im 15. Jahrhundert, ebd. 80, S. 49 bis 70. Die kunstgeschichtliche Bedeutung der Peterskirche, ebd. 80, S. 138 bis 157 (diese Arbeiten sind mit Bildern und Zeichnungen versehen). - Alfred Zobel: Beiträge zur Geschichte der Peterskirche in den Jahren 1498-1624, N.L.M. 108 und 109. - Artur Haupt hat in der „Heimat“ des Neuen Görlitzer Anzeigers 1928 Nr. 1 bis 5 eine Beschreibung mit zahlreichen Bildern gegeben.

Petrikirchhof. So schlecht auch der Untergrund für Anlegung von Gräbern an der Peterskirche ist, so befand sich doch, und zwar seit Erbauung der Peterskirche, um die Kirche herum ein Friedhof, eine Tatsache, die sich wohl bei allen anderen Stadt- und Dorfkirchen der Kolonisationszeit erweisen läßt. Noch bis ins 19. Jahrhundert stehen die Häuser „Bei der Peterskirche“ 2, 3, 4 und 5 auf Petrikirchhof. Aber auch im Osten das Schlößchen, früher die älteste Stadtschule, heißt im Jahre 1460 „Wohnung uff Petrikirchhof“ ). So wird wohl das ganze Gelände, das wir jetzt „Bei der Peterskirche“ nennen, ursprünglich mit Gräbern bedeckt gewesen sein, vornehmlich da der nördliche und südliche und östliche Teil der Peterskirche vor dem Erweiterungsbau im 15. Jahrhundert freies Gelände war. Natürlich ist nicht daran zu denken, daß er ein allgemeiner Friedhof war. Er heißt deshalb 1337 auch cimiterium domicellorum ) (Kirchhof der Adligen). Schon vorher um 1330 ist er erwähnt ). Es scheint auch kein Zweifel zu sein, daß man in der ersten Zeit in der Kirche selbst beerdigte. Dagegen ist nach dem Erweiterungsbau im 15. Jahrhundert eine Beisetzung in der Kirche nicht zu erweisen. Da die Peterskirche 1691 ausbrannte, gingen auch bis auf einige Ausnahmen die vielen Epitaphien zu Grunde. Unter den geretteten Epitaphien befand sich auch das des berühmten Bürgermeisters Bartholomäus Gehler (gest. 1671). Es war „angebrannt“, aber nicht „ausgebrannt“. Die Nachkommen Gehlers ließen es durch den Petschierstecher Christian von der Fechte, der damit sechs Jahre zubrachte, wieder herstellen und mit lauter Dukatengolde vergolden. Neu aufgestellt wurde es 1696 ) und es ist noch heute vorhanden. Christian Gabriel Funcke hat sich nun das unschätzbare Verdienst erworben, daß er die alten Inventarstücke, die 1691 durch Feuer verdarben, beschrieben hat in seiner Druckschrift: Eigentliche Beschreibung der Peterskirche (1704), wozu auch sein Manuskript zu vergleichen ist ).

 

Literatur:

weiterführende Texte: