Obermarkt 4

Geschichte und Topographie der Stadt Görlitz; Richard Jecht, Görlitz 1927-1934:

Nr. 4 (22) erschien äußerlich 1797 im Barockstil, doch war bei dem Barockbau mindestens das alte Erdgeschoß im Innern erhalten geblieben. Denn 1913 wurde an der Marktseite über dem Laden eine Steinplatte gefunden, auf der man unten den Jesusknaben und seine Mutter Maria und deren Mutter Anna thronend auf zwei Sesseln sieht. Der Jesusknabe sitzt auf einem Kissen, das auf einem Steine mit den Buchstaben V. H. und mit einem viel verästelten Hirschgeweih liegt. Auf dem linken Sessel liest man die Jahreszahl 1513. Oben auf der Steinplatte sieht man den Allvater Gott und daneben die säuberlich gearbeiteten Gestalten Joachims, Kleophas‘, Josephs und Salomas, Das Ganze ist eine Darstellung der heiligen Sippe. Die Buchstaben gehen auf Valentin Hirschmann, der von 1511 bis 1517 Görlitzer Richter war. Der Stein wird im Museum aufbewahrt. S. N. Görlitzer Anzeiger vom 12. Juni 1913, vgl. auch Scriptores rerum Lusaticarum III, S. 220, 3. - 1847 wurde auf Nr. 4 ein drittes Stockmerk aufgesetzt.

Im einzelnen ist noch über Obermarkt Nr. 1-6 zu bemerken: Nr. 1 war ein alter Brauhof, der aber um 1650 einging; schon 1610 waren durch Verkauf nicht weniger als sechs Nebenhäuser abgekommen. Von mindestens 1426 bis 1568 war es im Besitz der Familie Weider, 1520 wohnte kurze Zeit, bevor er ins Pfarrhaus an der Nikolaikirche zog, bei seiner Schwester, der Jorge Weiderin, der Reformator von Görlitz, Franz Rotbart. Im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts hatte es Georg Firle, dem bei Erstürmung der Stadt durch Wallensteinsche Truppen das Haus am 30. Oktober 1633 abbrannte. - Nr. 2 gehörte 1502 dem Münzmeister Hans Balduff, 1675 und 1700 besaßen es die Stadtpfeifer Georg Ball, 1722 der Konrektor Johann Georg Hamann (gest. 1722). - Nr. 3 beherbergte von 1804 bis 1833 die Ressource als Mieterin. Im 17. Jahrhundert wohnte hier die Familie Förster, der es 1633 an dem genannten Tage abbrannte. - Nr. 4 war ebenfalls wie die Nummern Obermarkt 2-6 ein Brauhof. 1675 besaß ihn der Kaufmann Ehrenfried Tzschaschel (gest. 1685), 1700 der Advokat und Ratssteuereinnehmer Adolf Tzschaschel (gest. 1724), dann die Familie Moebius, 1775 Johanne Christiane Moebius, geb. Meirich, nachmals vermählte Major v. Schick. 1818 erwarb ihn der Stadthauptmann Schlegel, 1847 der Eisenhändler Krümmel, 1859 der Eisenhändler Herrmann. - Nr. 5 ist der Sitz der bekannten Familie Moller v. Mollerstein auf Zodel und Sohra von etwa 1675 über ein Jahrhundert, wohl 1787 erwarb das Haus Karl Gottlob Zimmermann, Riemergeselle aus Bernstadt, dessen Nachkommen es jetzt noch in den Händen haben. - Nr. 6 erbaute in der Gestalt bis 1803 (1844) der Verwalter des Heiligen-Geist-Stiftes und der Besitzer eines Anteils von Girbigsdorf Johann Georg Paulitz (gest. 1681). In dem Hause befand sich seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts bis 1837 die Post, die damals nach Petersgasse 11 verlegt wurde. Vor dem Hause hielt am 13. Dezember 1812 auf seinem Schlitten der Kaiser Napoleon, als er aus Rußland flüchtete. 1835 verkaufte das Haus der Kaufmann Sigm. Ehregott Leberecht Dreßler an den Spitz- und Pudritzkrämer Lympius, dieser 1843 an den Kürschner Ernst Friedrich Thorer, dieser 1854 an seinen Sohn Ernst Theodor Thorer, dieser 1863 an seinen Schwager, den Kaufmann Ferdinand Walther.