Nikolaifriedhof

Der Nikolaifriedhof, urkundlich 1305 das erste Mal erwähnt, ist die älteste Begräbnisstätte der Stadt Görlitz.
Das Alter der bis heute erhaltenen Grabstätten reicht bis in den Barock zurück. Ältere Steine sind wegen der sich häufig wiederholenden Neubelegung nicht mehr zu finden. Außerdem wurden viele Grabsteine der Gotik und der Renaissance Mitte des 15. Jahrhunderts und nach dem Dreißigjährigen Krieg zum Ausbessern der Stadtmauer verwendet.

Görlitz Nikolaifriedhof Mollerlinde 24.04.2012 Görlitz Nikolaifriedhof Grab Jakob Böhme 24.04.2012

Görlitz Nikolaifriedhof 03.11.2011

Görlitz Nikolaifriedhof Gruft 03.11.2011

Unter den ca. 600 erhaltenen Grabdenkmälern aus Barock und Klassizismus befinden sich eine ganze Reihe von interessanten Grufthäusern, u.a. freistehende Grufthäuser des 17. Jahrhunderts.
Besonders sehenswert sind das Grufthaus der Familie Fröhlich (1744) an der östlichen Mauer des Friedhofes und das der Familie Emmerich an der Nordseite der Nikolaikirche.

Geschichte und Topographie der Stadt Görlitz; Richard Jecht, Görlitz 1927-1934:

Nikolaifriedhof. Er ist sicher der älteste geschichtliche Friedhof in Görlitz und zugleich mit der Entstehung der Nikolaikirche (um 1100) angelegt. Eng genug waren seine Grenzen. Denn er hatte ursprünglich nicht die volle Ausdehnung des jetzigen (alten) Nikolaifriedhofes, der nach Norden bis zu den verdeckten Grufthallen und der Schrickellinde geht, sich nach Osten und Westen weiter erstreckt und im Süden eine Ausdehnung bis zur ehemaligen Friedhofsmauer südlich der Nikolaikirche hat. Vielmehr diente ursprünglich nur der jetzige Ostteil zur Begräbnisstelle. Auch als 1532 das Wirtschaftsgebäude und die Wohnung des Pfarrers abgerissen wurden, benutzte man den gewonnenen Raum nicht sofort für die Ruhestätten der Toten, sondern übergab die Stelle den Tuchmachern zur Aufstellung von Rahmen. Erst 1559 ff. bei Erbauung der großen umfassenden Mauer finden sich Spuren der Erweiterung nach Westen, die dann 1624 ihren Abschluß fanden. 1625 wurden dort Erb begräbnisse angelegt. 1633 wird der niedere Teil des entstandenen Westfriedhofes mit den sich häufenden Pestleichen belegt, weshalb ein Teil auch lange noch der Pestplan, zu dem das Pesttor führte, hieß. Jetzt heißt der ganze Teil der Grassack. Dieser Umfang des Kirchhofes dauerte bis 1847.
Man ging damals zunächst damit um, den Friedhof an die Zittauer Chaussee auf die dem Marstall zugeteilten Bergmannschen Äcker zu verlegen, doch schließlich kaufte man die nördlich an den alten Friedhof stoßenden, 20 Morgen betragenden Petzoldschen Äcker für 2300 Taler, füllte den Henkergraben, der bisher mit ungetauften Kindern, Ungläubigen, anrüchigen Personen usw. belegt worden war und der hinter der nördlichen Mauer des alten Friedhofes von der Schanze bis hinter das Finstertor ging, aus. Dieser zugekaufte Teil wurde am 27. September 1847 eingeweiht, am 20. Dezember wurde auf Wunsch des Verstorbenen die Leiche des Oberbürgermeisters Demiani (gestorben 5. Juli 1846) dorthin übergeführt. Abermals, 1858, fand eine Vergrößerung statt. Dann beim Wachsen der Stadt nahm man noch Ländereien großer Ausdehnung nach Nordwesten hinzu durch Ankauf von Äckern aus den Wirtschaften der Kummerau und Schanze. Die Leichenhalle im Norden am alten Friedhof wurde am 9. Juni 1874 eröffnet. Das Krematorium wurde zuerst am 3. Dezember 1913 zu einer Einäscherung benutzt ).

Die erste Erwähnung des Nikolaifriedhofes geschieht um 1310: Hof gelegen by sende Nicolaus-Kirchhove ). 1317 wird von Kardinälen Ablaß für die Beteiligten bei der Grabfolge an den beiden Kirchen St. Nikolai und St. Petri und auf ihren Kirchhöfen gewährt ). 1444 wird eine Wehr, bestehend in Holz und Zaungärten, auf dem Kirchhofe angelegt ). An der Kirchhofsmauer gab es auch eine Pudritze, eine eingemauerte Wölbung, wo die Görlitzer Tuchmacher, zur Sicherheit ihres geliebten Pfarrers Rotbart, den - wie das Gerücht ging - der Feind der Reformation Herzog Georg von Sachsen mit bewaffneter Macht aufheben wollte, wachten ). 1457 wird der Kirchhof geweiht ). Gutherzige Leute machten wohl auch Stiftungen für Lampen in das Beinhaus (1453 und 1482) ). Knauthe erzählt, daß erst 1561, als man die große Mauer vor den Kirchhof gebaut hatte, der Platz im Süden der Kirche mit Leichen belegt wurde. Doch sprechen die ursprünglichen Verhältnisse anderer Kirchen dagegen. Sicher entstand 1561 die Eingangstür südlich von der Mitte der Nikolaikirche. Sie erhielt sich bis einige Jahre vor 1820, wo sie wahrscheinlich mit der Kirchenmauer zugleich abgebrochen wurde ). Dort sah man an der Pforte auch, einen Seiger und Totenkopf mit kreuzweise gelegten Knochen, darunter die Inschrift: „Heute mir - morn dir 1561.“ Eine andere Inschrift besagte, daß die Erbauung der Mauer 1564 fertiggestellt war.

Neben den Massengräbern hatten sich vornehme und reiche Leute schöne und kostbare Grüfte zum Teil an der Mauer mit kunstreichen Epitaphien aufgebaut, wie solche Epitaphien auch in der Kirche vornehmlich zwischen den Pfeilern zu sehen waren. Von der großen Menge auf dem Friedhofe sind noch herrliche Reste vorhanden, die unsern Nikolaikirchhof zu einem der stimmungsvollsten machen.
Freilich ist man etwas enttäuscht über das Alter dieser Denkmäler. Nur wenige reichen in die Renaissancezeit zurück. Der bescheidene kleine Platz, der für eine Einwohnerschaft von etwa 8000 Menschen ausreichen sollte, zwang vielfach zur Einebnung der Gräber und zum Sammeln der Überreste im Beinhause, das auf dem oberen Teile des Friedhofes stand. Andere Denkmäler zerstörte die Zeit und die gewaltigen Feuersbrünste der Jahre 1642 und 1717. Im Hussitenkrieg 1429, 1430, 1431 und 1432 wurden massenhaft Grabsteine zur Festigung der Mauern vor der Hotergasse sowie in den Parchen verwandt ). Vielleicht fördert die Zukunft einmal diese Steine, die zum Teil noch aus dem 14. Jahrhundert stammen mögen, zutage. Für das, was übrig blieb, fanden sich im 18. und 19. Jahrhundert fleißige Leute, welche die Grabdenkmäler aufnahmen und die Epitaphieninschriften abschrieben. Denn der Kirchhof ist gleichsam ein großes Urkundenbuch für die früheren Geschlechter: Geburt, Hochzeit, Kinder, Lebensschicksale und Tod finden sich erwähnt. Auch über die Trachten und die Steinmetzkunst erhalten wir wertvollen Aufschluß. -

Schlimme Tage gab es für die Bürger, wenn Görlitz, wie öfters, in den Bann von geistlicher Seite getan wurde, sei es, daß der Friedhof mit Ungläubigen, Ketzern und Kirchenabtrünnigen belegt wurde oder sonstiger unchristlicher Unfug (Schlägerei, Schimpferei) dort geschehen war. Dadurch wurde der Kirchhof entweiht, und kein Toter durfte auf ihm beerdigt werden. So 1393, als in dem Streite der Stadt mit den Franziskanermönchen die Stadt in den Bann getan wurde ). So 1414, als einige Personen, die sich im Kirchenbann befanden, in die Nikolaikirche kamen und die Görlitzer sogar in dieser Sache das Konzil zu Konstanz in Anspruch nahmen ). Als 1429 ein gewisser Fulmar im Bann auf dem Nikolaifriedhof begraben worden war, mußten die Görlitzer zum Bischof schicken, um nach dieser „Freveltat“ den Kirchhof wieder frei zu haben ). Während der Zeit des Meißnischen Bischofs Caspar von Schönberg wurde bekannt, daß vor vielen Jahren ein gewisser Benis als ein Gebannter in Görlitz gestorben und auf dem Nikolaifriedhof beerdigt morden war. Da baten die Görlitzer den Bischof, er möchte den entweihten Ort wieder „reconziliiren“. Man soll, so lautete die Antwort, den Körper wieder ausgraben und wo anders verscharren, dann würde er (der Bischof) die Entweihung aufheben, inzwischen möchten sie ausnahmsweise die Beerdigungen fortsetzen ). 1520 hatten sich dort zwei Leute geschlagen, deshalb weihte Bischof Johann von Schleinitz den Kirchhof von neuem ).

In der Nikolaikirche selbst ist auch beerdigt worden. Die Feuersbrünfte von 1642 und 1717 haben die Spuren fast alle verwischt. So wurde 1649 auf fleißiges Bitten seiner Frau, Mutter, Brüder und Schwester in die neuaufgebaute Kirche zur Erde bestattet Johann Rover, vornehmer Patrizier, von Hamburg gebürtig. Die Stelle kostete 80 Taler ). Ich verzichte, auf die einzelnen Grabsteine näher einzugehen, und verweise auf die Literatur. Ausnahmsweise seien zwei Grabsteine erwähnt, die links von der westlichen Eingangspforte stehen.

Der eine betrifft den Junggesellen Heinrich Benjamin Beyer gewesenen Tuchknappen aus Siebeneichen bei Löwenberg, der am 22. Juni 1676 im Alter von 19 Jahren 17 Wochen starb. Er fällt durch eine vornehme Tracht der damaligen Zeit auf.

Die Umschrift des zweiten Steines lautet: „Viator, lege et luge! Gabriel Lehmann a Lehnfels, aulae Caesar. per annos plures familiaris, fatali in pavimentum lapsu egregium animae domicilium fregit, spiritum immortalem post unum atque alterum suspirium, ultimum fidei salutar. documentum, incorruptibili sanctorum templo intulit. Gorlitii anno 1611 IIX. September. Monumentum frater et soror p(osuerunt). Abi viator et cave; suspensa est hominum filamine vita. G.D.F. (wohl aufzulösen gratia Dei factum). Nudi omnes nascimur, nudi morimur. Nulla est distinctio inter cadavera mortuorum.“ Die Übersetzung lautet etwa: „Wandrer, lies und traure! Gabriel Lehmann von Lehnfels, durch mehrere Jahre hindurch Geheimer Rat des Kaiserlichen Hofes, zerschmetterte durch einen unglücklichen Fall auf das Pflaster die herrliche Wohnung der Seele und versetzte den unsterblichen Geist nach einigen Seufzern, als dem letzten Beweis seines beseeligenden Glaubens, in die unzerstörbare Wohnung der Heiligen. Görlitz, den 8. September 1611. - Das Denkmal ließen setzen der Bruder und die Schwester. Geh, Wanderer, sei vorsichtig, das Leben der Menschen hängt an einem Faden! Durch Gottes Gnade (ist dies Denkmal) gesetzt. Nackend werden wir geboren, nackend gehen wir zu Tode!“ -

Die Chroniken bringen einstimmige Berichte über diesen Unglücksfall: Als im Jahre 1611 Kaiser Mathias Böhmen und die dazu gehörigen Lande bereiste, um sich huldigen zu lassen, langte er am 8. September desselben Jahres, von Bautzen kommend, auch in Görlitz an. Seinen Kurier, Dr. jur. Gabriel Lehmann von Lehnfels, hatte er bereits am 6. September vorausgeschickt, um Quartier zu bereiten. Derselbe hatte sich bei der Witwe Herold, der damaligen Besitzerin des „Goldenen Baums“, einlogiert. In der Nacht des 8. September fand man den Kurier zerschmettert auf dem Pflaster der Lauben, eingehüllt in seinen Nachtpelz. Man hatte die Vermutung, daß er zum Fenster herabgestürzt sei. Da die Chronik aber immer wieder betont, das Kammerfenster sei von innen geschlossen gewesen, muß man wohl annehmen (wie dies ja auch Scultetus in seinem verschollenen Kalender schreibt), daß er, durch irgendeinen Umstand zum Aufstehen veranlaßt, in dem ihm fremden Hause die Treppe verfehlte, herabstürzte und dabei das Genick brach. Seine Leiche wurde, da man im „Baum“ kaiserliche Truppen einquartieren wollte, nach der Annenkapelle gebracht. Die Beerdigung fand am 10. September, von der Behausung der Alexander Schnitterin in der Peterstraße 10 aus, auf dem Nikolaifriedhofe statt. Dabei erhob sich, genau wie bei seiner Überführung nach der Annenkapelle, ein ungeheurer Sturm, der an der Bahre zerrte, als wollte er den Sarg zerschmettern und alles in Stücke reißen.

Literatur: 1. Kirchenzettel von Hermes-Knauthe 1766,1767; von Richter-Knauthe 1768, 1769, 1770; von Richter dem Jüngeren, wohl mit Unterstützung des älteren Jancke 1820, 1821, 1824,1825, also 9 Stück Kirchen- oder Umgangszettel (N.L.M. 94 S. 122). - 2. Knauthe, Topographie von Görlitz, Handschrift Milichsche Bibliothek IV 226 S. 152 u. 155. - 3. Knauthe, Grabinschriften in den Kirchen und auf den Friedhöfen in Görlitz, Handschrift L. III, 23. Ein sehr fleißiges Werk, aber ohne allgemeines Register. - 4. Christian Gabriel Funcke: Über die verdorbenen Monumente und Epitaphien in der Nikolaikirche, siehe Manuskript Zobels Bibliothek 329 S. 603-627 und im Drucke (unter dem Namen Christian Pius) Ausführliche Beschreibung der Feuersbrunst in Görlitz 1717. Die auf dem Nikolaikirchhofe 1642 und 1717 mitverbrannten Aufschriften auf Gräbern sind wohl bis auf wenige Ausnahmen verloren. - 5. Karl Otto Jancke faßte, fleißig wie er war, die ihm vorliegenden, eben erwähnten Werke zusammen, schrieb sie ab und lieferte ein dankenswertes alphabetisches Register, das freilich hier und da der Ergänzung bedarf. Die Handschrift steht L. IV 350. Das Register ist und wird noch jetzt ergänzt. Auf dieses Register muß man bei allen Görlitzer Grabinschriften und Epitaphien zurückgreifen. - 6. Günther Grundmann, Gruftkapellen des 18. Jahrhunderts in Niederschlesien und der Oberlausitz (Görlitz, Zittau), Straßburg, J.H. Ed. Heitz 1916, mit 87 Abbildungen auf 52 Lichtdrucktafeln. Der Grundriß des Nikolaifriedhofes in Görlitz steht auf Tafel 31. Das Werk ist hauptsächlich von künstlerischem Standpunkt aus geschrieben. Großen Dank verdienen Grundmanns Inschriften in den Hallen, deren lateinischer Text leider in deutscher Übersetzung gegeben ist. - 7. Georg Popig: Der Nikolaifriedhof in Görlitz. Ein einsames Paradies, „Die Heimat“ (Neuer Görlitzer Anzeiger) 1930 Nr. 16, 18, 21, 23, 26, 28, 34, 41, 47; 1931 Nr. 1, 3, 13, 17. Dazu gab Berichtigungen Eberhardt Stange, ebenda 1931 Nr. 19, 20, 21. Popig gibt nur selbstgelesenes Material. - 8. Die Zeichnungen und Abschriften der Denkmäler von Joh. Gottfried Schultz sind verzeichnet N.L.M. 11 (1833) S. 167-169.

 

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