Neißstraße 30

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Das Gebäude Neißstraße 30 wurde 1727-1729 für den reichen Leinwand- und Damastkaufmann Christian Ameis unter Leitung des Görlitzer Ratsbaumeisters Samuel Suckert erbaut.
Die Besonderheit des Hauses ist der in Görlitz einmalige Haustyp. Es handelt sich um ein so genanntes „Durchhaus“ nach Leipziger Vorbild, mit zwei Höfen und Durchfahrt für Warenladungen. Um das geplante Gebäude zu realisieren, bezog man die Grundstücke Weberstraße 1 und Handwerk 2 in die Planung ein.
Bereits von weitem fällt das Portal mit seinem mächtigen, mit zwei Giebelfiguren und einer reich verzierten Kartusche ausgestatteten, Giebel auf. Die Inschrift in der Kartusche lautet: I.U.MUSEUM S.L.L.S. (In uno Museum Societatis Litterarum Lusatiae Superioris = Das ganze Gebäude möge eine Stätte für gelehrte Studien der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften sein). Sie wurde 1807 angebracht, als der damalige Besitzer, Karl Gottlob von Anton, das Haus der von ihm 1779 mit gegründeten Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften schenkte. Seither befinden sich hier Bibliothek und Sammlungen der Gesellschaft; seit 1951 ist das Haus städtisches Museum.

Geschichte und Topographie der Stadt Görlitz; Richard Jecht, Görlitz 1927-1934:

Neißgasse 30 (354), Eckhaus an der Webergasse, beherrscht jetzt mit dem Hirsch die Südostseite des Untermarktes; früher war das Haus zum Teil verdeckt durch das ehedem weiter vorspringende Haus Untermarkt 1. Da die Webergasse bis 1852 nur knapp so breit als jetzt war, stand die Hauptfront nach der Neißgasse. Das zeigt sich auch baulich an dem größeren Zierat. Das Haus ist 1725 ff. durch den reichen Leinwandkaufmann Christian Ameiß gebaut, und zwar nach einem Plane des berühmten Oberlandbaumeisters Johann Friedrich Karcher (Karger), der seine Haupttätigkeit in Dresden und Umgebung hatte, zeitweise aber in Görlitz in dem Hause vor dem Neubau 1725 selbst als Besitzer wohnte ). Beim Neubau wurde Weberstraße 1 (das Gottfried Kadelbachsche Haus) mit eingezogen, auch das Hinterhaus Handmerk 2 (357), das ursprünglich aus zwei Häusern bestand (dem eigentlichen Hinterhause zu Neißgasse 30 und dem Gottfried Schneiderschen Hause, siehe unter Handwerk 2). Das Haus in der erneuten Gestalt von 1725 ist wohl das schönste Barockhaus in Görlitz. Ein vornehmer Hausflur, ein geräumiger, malerischer Hof, dessen erster und zweiter Stock offene Umgänge hatte und zum Teil noch hat, ein eindrucksvoller Hauptaufgang, schöne, lichte Räume mit prächtigen Stuckdecken erinnern an einen Schloßbau. Ich erspare mir die nähere Beschreibung. Ueber dem wuchtigen Portal ist später um 1806 eine Tafel eingelassen mit der Beschriftung J. U. Museum L. S. L. S.; die Abkürzungen sind zu lesen: In uno (Wahrzeichen der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften. Früchte und Blüte in Einem) Lusatiae superioris literariae societatis. Oben am zweiten Obergeschosse Soli deo gloria. Die Dachstube an der Neißgasse wurde 1859 angelegt. Das Hinterhaus, das seit 1725 baulich mit dem Vorderhause durch einen Bogengang und Hof verbunden ist, gewährte ursprünglich eine Durchfahrt, die jetzt eingebaut ist, es gehörte früher zu Zeiten eigenen Besitzern. Besitzer des Vorder- (und Hinter-) hauses: Bis 1381 Peter Mertin, 1403 Jakob Schleife, ein reicher, vornehmer Mann auf Leschwitz, Köslitz, Deutsch-Ossig, 1420 bis 1461 Petrus Blecker und seine Familie, 1461 Urban Emerich, ein Bruder Georgs, durch dessen Witwe 1474-1485 Mathes Schneider, 1521, 1527 Niclas Magerstadt, 1527-1569 Sebastian Schütze, ein wohlhabender, still vor sich hinlebender Mann, ein Anhänger Kaspar Schwenkfelds, seit 1579-1608 Sebastian Hofmann, ein Enkel Sebastian Schützes, auf Hennersdorf; er war ein durch und durch humanistisch gebildeter und vornehm denkender Mann, der auch an der Stadtregierung teilnahm und ein höchst fesselndes Tagebuch über 1595/96 hinterließ. Die folgenden Besitzer: Thomas Kober, Georg Enderlin, Balthasar Hofmann, Gottfried Schnelle (um 1640) treten weniger hervor. Seit 1691 gehört der Hof der Familie Schöps; eine Tochter dieser Familie heiratete den oben erwähnten Baumeister Joh. Friedrich Karcher, der seit 1722 Besitzer war und das Haus nach zwei Jahren an den reichen Kaufmann Christian Ameiß veräußerte. Der ist der Erbauer des jetzigen Hauses; in Anlehnung an seinen Namen ließ er an einer Stuckdecke im ersten Obergeschoß Ameisen in Stuck anbringen, 1743 erstand den Hof Johann Bartholomäus Gehler auf Sohrneundorf und Florsdorf. Sein Schwiegersohn Kaspar Gottlob v. der Heyde wohnte dort, im übrigen saß um 1760 der Großhändler in Materialien Johann Christian Schrickel (1723—1775) aus Magdeburg  ) im Hause zur Miete. 1776 bis 1803 war Besitzer der Postmeister Friedrich Gottlob Kober, der 1776 die Post hineinverlegte. 1803 erwarb das Haus der Stifter der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften v. Anton, der es 1807 an diese seine Lieblingsschöpfung schenkte, die jetzt noch ihren Sitz dort hat. In dem Hause wohnte vom 13. bis 15. April 1742 der Feldmarschall Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, bald nach dem 25. November 1745 wartete der Reitergeneral Zieten die Heilung seiner Wunde, die er bei Katholisch-Hennersdorf empfangen hatte, etwa sechs Wochen lang ab. Am 9. August 1759 wohnte hier der Feldmarschall Daun, am 12. August 1809 besah sich Theodor Körner die Sammlungen der Gesellschaft  ).

 

Literatur:

weiterführende Texte: