Heiliges Grab

Auf dem an der Wende zum 16. Jahrhundert eingerichteten Kreuzweg, beginnend an der Peterskirche, gelangen Sie zu dem berühmten Görlitzer „Heiligen Grab“. Die Errichtung dieser Pilgerstätte reiht sich in die Vielzahl der mittelalterlichen europäischen Kopien des Heiligen Grabes in Jerusalem ein. Einzigartig ist jedoch die Ausführung der Gesamtanlage.
Im Gegensatz zu allen anderen Nachbauten stehen die einzelnen Bestandteile wie Adams- und Golgathakapelle, Salbstein und das Grab selbst hier unter freiem Himmel. Es fehlt also die im Jerusalem dieser Zeit vorhandene bauliche Hülle, die das Grab seit Kaiser Konstantin 394 schützte.

Das Heilige Grab in Görlitz ist Teil einer in die Landschaft eingepassten Memorialanlage. Zu ihr gehört die an der Peterskirche (Richthaus des Pilatus) beginnende und am Heiligen Grab endende via dolorosa, wie auch die nördlich des Grabes gelegene Parkanlage, die durch ihre topographische Situation den Ölberggarten, die Jüngerwiese und den Bach Kidron symbolisiert. Die Anordnung der heiligen Stätten folgt in ihren Abständen zueinander unmittelbar dem Jerusalemer Vorbild. Die Errichtung der Anlage begann mit einer Emmerichschen Stiftung (1465) für eine Heilige Kreuz Kapelle an der Stelle eines in den Görlitzer Stadtbüchern bereits Anfang des 14. Jahrhundert erwähnten heiligen Kreuzes und einer später (15. Jahrhundert) an gleicher Stelle errichteten hölzernen Kapelle.
Der Bau der zweigeschossigen Kapelle erfolgte erst in den Jahren 1480-98. In einer der spätgotischen Formensprache folgenden Hülle wurden hier im Erdgeschoss die Adamskapelle mit dem symbolischen Grab Adams und im Obergeschoss die Golgathakapelle mit einem Podest als Kalvarienberg und 3 die Standorte der 3 Kreuze darstellenden Löchern, als Stellvertreter für die Kreuzigungsstätte Jesu, angeordnet.
Der von der oberen zur unteren Kapelle an der Ostwand verlaufende Riss verweist auf die Ereignisse in der Todesstunde Christi, als sich, wie in Matthäus 27,51 beschrieben, der Vorhang des Tempels von oben bis unten in zwei Teile zerriss und sich die Felsen spalteten.
Vorbei an dem Salbstein endet die via dolorosa am Heiligen Grab, das große Ähnlichkeiten mit den überlieferten Darstellungen des Grabes in Jerusalem am Ende des 15. Jahrhundert hat. Es beherbergt getreu dem historischen Vorbild die Engelskapelle und dahinter liegend die eigentliche Grabkammer. Die beiden Steinquader stellen die beiden Wächtersteine dar, auf denen die Wachen des Pilatus schliefen, als Jesus aus dem Grab auferstand.

Durch das kleine Tor in unmittelbarer Nähe des Grabes gelangen Sie dann zum Bach Kidron, dem Ölbergarten, der Jüngerwiese und dem Ölbaum, der Stätte des Gebetes im Garten Gethsemane.

Geschichte und Topographie der Stadt Görlitz; Richard Jecht, Görlitz 1927-1934:

Das Heilige Grab.

Die Stiftung des Heiligen Grabes in Görlitz steht nicht vereinzelt da, sondern gehörte einer religiösen Strömung an, welche in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts weithin in Deutschland gleiche Baulichkeiten veranlaßte. Es sind in Deutschland nicht weniger als 17 ähnliche fromme Stiftungen nachgewiesen. So weisen Nürnberg, Köln, Berlin, Torgau, Koblenz, Augsburg, Hof solche auf. Erhalten sind außer der Görlitzer Stiftung noch die in Nürnberg (1459) und Augsburg (1508). Die Görlitzer Anlage hat von allen nicht weniges voraus: „Nirgends sonst ist der Versuch gemacht, die Kalvarienstelle in Jerusalem so nachzubilden, wie es in Görlitz geschieht, nirgends sonst gibt die Grabkapelle ein so anmutiges und im allgemeinen treues Bild wie in Görlitz, nirgends sonst ist die Gruppe der heiligen Stätten so glücklich in einem Garten vereinigt. Auch als Baumerk - im Rahmen der Zeit, in der sie entstanden - muß die Görlitzer Stiftung als beste Leistung gelten. Spätgotik und die romanische Kunst sind hier zu einer stimmungsvollen Wirkung vereinigt.“ Eine wirkliche Nachbildung des Görlitzer Heiligen Grabes hat Sagan auf dem Friedhofe der Bergelkirche.

Man hat zu unterscheiden:

1. die Kapelle zum Heiligen Kreuz, erbaut 1481-1504, enthaltend ein
    Obergeschoß und ein Untergeschoß;
2. die Salbungskapelle;
3. die Grabkapelle, das eigentliche Heilige Grab (vor 1500). Außerhalb des
    Gartens liegt;
4. der Ölberg mit der Gebetstätte, dem Ölbaum und der Jüngerwiese;
5. der Schmerzensweg von der Peterskirche bis zum Heiligen Grabe.

Zu einer Festlegung der Stationen des Schmerzensweges zur Zeit der Erbauung der Kreuzkapelle 1481-1504 ist es, wenn nicht alles täuscht, nicht gekommen. Der Schmerzensweg wird durch die Peterskirche (Richthaus des Pilatus), ferner durch den Bildstock beim Lunitzbäcker (das Kapellchen ist 1625 von dem Nikolaikirchhof dorthin genommen und bezeichnet die Stelle, wo Simon von Kyrene dem Herrn das Kreuz abnahm) gekennzeichnet; sodann steht an der Stelle, wo der Herr das Kreuz wieder auf sich nahm, ein zweiter Bildstock kurz vor dem Eingang zum Heiligen Grabe. Ferner wurde der Ort, wo Jesus geruhet (Heiligegrabstraße Nr. 85/84), bezeichnet durch ein Häuschen des Ahasverus, der den Herrn forttrieb. (In Jerusalem findet sich keine Hindeutung, daß Ahasverus auf dem Schmerzenswege eine Rolle gespielt habe). Schließlich sollen die drei Linden, welche an der Südseite der Kreuzkapelle stehen, den Kreuzen Jesu und der beiden Schacher entsprechen. Im übrigen ergibt sich für den Schmerzensweg in Jerusalem eine dem Görlitzer nahestehende Entfernung, und es ist wohl zu glauben, daß sie auf einer in Jerusalem genommenen Schrittzahl beruht. Die Ausbauung des Schmerzensweges ist neben anderen ein fesselnder Beweis, wie die in katholischer Zeit erbauten heiligen Stätten in der protestantischen Zeit pietätvoll übernommen und würdig behandelt wurden.

Das Äußere der Kreuzkapelle ist in der spätgotischen Kunstform erhalten, wie sie sich sonst in Görlitz findet. Ein Versuch, irgendwelche Einzelheiten des spätromanischen Baues der Grabkirche in Jerusalem nach Deutschland zu verpflanzen, ist hierbei nicht gemacht. Die Görlitzer Künstler Caspar Aye (1481), Conrad Pflüger (1490) und Blasius Bohrer (1498) werden als Baumeister genannt. Das Innere des Obergeschosses entspricht der Kalvarienkapelle in Jerusalem, das Innere des Untergeschosses dem Golgatha oder Unsrer lieben Frauen und St.-Johannes-Kapelle, auch Frauen- oder Adamskapelle. Über die Salbkapelle mit den Figuren des vom Kreuz genommenen Christus und seiner Mutter fehlt jede Notiz der Erbauung, sie entspricht der Salbkapelle in Jerusalem.

Den Kernpunkt der heiligen Stätte bildet die Grabkapelle. Ihr Äußeres ist so eigenartig im Stil von der Kreuzkapelle abweichend, daß man ohne weiteres veranlaßt ist, an ein Vorbild in fremdem Lande, und zwar im Orient, zu denken. Sie zerfällt in Vorkammer und Grabkammer. Das Görlitzer Gebäude gibt den Zustand des Heiligen Grabes in Jerusalem vor seiner Erneuerung im Jahre 1555 wieder, ja, es lehrt uns den Zustand im wesentlichen so kennen, wie ihn die Kreuzfahrer 1099 vorfanden.

Diese Erkenntnis gab uns Gustaf Dalman, ein geborener Oberlausitzer, theologischer Professor und Vorsitzender des Deutschen evangelischen Instituts für Altertumswissenschaften in Jerusalem, der seinen durch den Weltkrieg veranlaßten unfreiwilligen Aufenthalt in Deutschland dazu benutzte, seine in Jerusalem gesammelten Kenntnisse mit gründlichen Studien in Görlitz zu verbinden, und wie kaum ein anderer imstande war, den Stoff, namentlich durch Vergleich mit den Baulichkeiten in Jerusalem auszuarbeiten und zum Drucke zu befördern.

Als Erbauer des Heiligen Grabes gilt der bekannte König von Görlitz Georg Emmerich (1422-1507). Sicherlich hat er die Veranlassung dazu gegeben. Durch seine Wallfahrt nach Jerusalem und durch den Ritterschlag zum Ritter des Heiligen Grabes befreite er sich von dem Makel, den er sich durch eine sittliche Verfehlung zugezogen hatte. Genauere Forschungen haben ergeben, daß er zwar 1465 in Jerusalem gewesen ist, nicht aber 1476. Schon unsicher ist es, ob er 1465 einen Werkmeister mitnahm und ob der Begleiter der Agnes Fingerin 1476, der unterwegs als ihr Gatte galt, als Vermesser des Heiligen Grabes anzunehmen ist. Wahrscheinlich ist das eigentliche Heilige Grab und die Salbungskapelle auf Emmerichs Kosten allein erbaut worden. Zu den Kosten für die Kreuzkapelle trugen auch andere wesentlich bei.

1325 wird an der Stelle des späteren Heiligen Grabes ein Hof bei dem Kreuze, vor der Stadt gelegen, genannt ). 1453 wird ein Garten auf der Kummerau bei des Heiligen Kreuzes Kapelle aufgegeben ). 1464/65 hatte der Görlitzer Pfarrer Petrus Bartholomaei zur Erbauung einer neuen steinernen Kapelle für die bis dahin hölzerne Kapelle Geld gesammelt; das Geld aber wurde für einen anderen Zweck verbraucht.

1473 überließ Caspar Fechsel einen Garten auf der Kummerau bei der Kapelle für den Neubau. 1480 wird vom Bischof von Meißen die Errichtung einer (neuen) Kapelle Zum Heiligen Kreuz genehmigt. 1482, 1485, 1503 werden Ablässe erteilt, dazwischen erfolgen Stiftungen, darunter besonders von Jacob Weinrich 50 ungarische Gulden. 1504 wird vom Meißner Bischof die Genehmigung erteilt, daß der neue Altar in der Kapelle zum Heiligen Kreuz vom Bischof Johann von Waradin geweiht werde. 1489 werden die ersten Kirchenväter Zum Heiligen Kreuz genannt. 1578 werden zwei Denkmäler für Georg Emmerich von einem seiner Nachkommen in die Kreuzkapelle gestiftet. Ein Streit zwischen Hans Emmerich und der Stadt wegen des Besitzes des Heiligen Grabes wird zwar 1595 beigelegt, schlägt aber seine Wellen noch bis ins folgende Jahrhundert hinein. Damit in Zusammenhang steht, daß man aufhört, im Garten des Heiligen Grabes Ungetaufte und Gerechtfertigte zu beerdigen). Ein Grabhüter, später Glöckner, wurde ursprünglich von der Familie Emmerich, dann aber vom Rate eingesetzt.

Das Heilige Grab war bis ins 19. Jahrhundert ein Wahrzeichen der Stadt Görlitz und wurde viel besucht. Es gibt über die Besuche eine Reihe Fremdenbücher, beginnend mit 1690, und sich fortsetzend bis zur Gegenwart. Dazwischen sind Lücken. Eine Forschung über die Bücher fehlt ). Neuere Stiftungen von Fräulein Eichler (1886) und von Auguste Stolz, geb. Adam, in Tormersdorf (1906), für Ausschmückung der Kapelle und gottesdienstliche Feier zu Ostern bestätigen, daß auch in neuester Zeit noch eine katholische Stiftung vor der Reformation auf gläubige Christen und sinnende Gemüter den tiefsten Eindruck macht.

Literatur: Gustaf Dalman: Das Heilige Grab in Görlitz und sein Verhältnis zum Originale in Jerusalem, N.L.M. 91 (1915) S. 198 bis 247. Mit 9 Tafeln, Abbildungen, Grundrissen, Zeichnungen. Auf S. 242 bis 244 ist die zahlreiche Literatur angegeben. Nachträgliche Bemerkungen gab Dalman im N.L.M. 92 (1916) S. 211 bis 214 und ebd. 95 (1917) S. 140 bis 143.- Pufe, Umgangszettel verfaßt von Christian Jancke 1815 und 1816. - Büsching, N.L.M. 3 (1824) S. 385 bis 388.- H. Lutsch: Verzeichnis der Kunstdenkmäler der Provinz Schlesien III S. 675-680. - Rich. Jecht: Urkundliche Nachrichten über Georg Emmerich, N.L.M. 68 (1892) S. 85 bis 163. - Alfred Zobel: Festschrift zur 26.

Das Heilige Grab als Beerdigungsstätte. Es war bis 1581 der Kirchhof der armen Sünder, ungetauften Kinder usw. ).

 

Literatur:

weiterführende Texte: