Gerichtsflügel des Rathauses

Geschichte und Topographie der Stadt Görlitz; Richard Jecht, Görlitz 1927-1934:

Hinter der Treppe nach Westen folgten im Erdgeschoß die Wachstube und Läden, dann an der Ecke der Apothekergasse die Apotheke, die seit mindestens 1476 dort lag ) und an der Bildnisse berühmter Aerzte und Inschriften angebracht waren ). 1771 im November verlegte sie Benjamin August Struve an die jetzige Stelle, an die Ecke des Untermarktes und der Petersgasse. - Der erste Stock des Rathauses an der Brüdergassenseite enthielt einen großen Gerichts- und Repräsentationssaal, der jetzt durch ein großes Zimmer verbaut ist. In diesem größten Saale der Stadt tanzten die vornehmen Geschlechter und fanden größere Festlichkeiten und Gastereien statt; fein Hauptzweck war die Hegung des Gerichts, in Sonderheit saßen Richter und sieben Schöppen in dem nördlich anstoßenden Gerichtserker (erbaut 1564). In diesem Saale wurde am 8. Oktober 1637 dem neuen Landesherrn, Johann Georg I. von der Gesamtoberlausitz unter großem Gepränge gehuldigt. 229 Jahre zuvor, im Jahre 1408, etwa an demselben Oktobertage, saß König Wenzel „Gericht“ und fand eine zufriedene Gemeinde ). - Nach Westen hin, an der Apothekergasse, liegt die Handelsstube oder auch Prätorium genannt, bestimmt hauptsächlich für Eintragungen in die alten Stadtbücher. Das Zimmer, das noch jetzt die schöne Renaissancedecke aus dem Jahre 1566 von Meister Marquirt trägt, ist 1807 ziemlich um gestaltet. Damals wurde ein alter Erker, ein Werk des jüngeren Wendel Roßkopf, das in die Apothekergasse ragte, wegen Belastung des Gebäudes abgenommen und für die zwei Fenster der Südseite nur eins eingemauert; vor allem wurde auch die schöne Renaissancedecke durch eine Gipsdecke unterzogen; erst nach 66 Jahren (1872) wurde die alte Decke, die in Vergessenheit geraten war, wieder freigelegt und erneuert. Ferner wurde 1807 der alte Ausgang nach Nordost vermauert und dieses gotische Portal als Ausgangspforte aus dem Saal nach den nördlichen Räumen benutzt. Die Tür, die aus dem Prätorium nach Norden führt, ist neu eingebrochen, sie führt in den Archivvorraum, dessen westlicher Teil die „fürstliche Küche“ hieß.

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