Frauenkirche

Die Geschichte der Görlitzer Frauenkirche geht auf ein Mitte des 14. Jahrhunderts errichtetes Spital zurück, zu dem sie gehörte.

1449-58 ersetzte der Rat die Kirche durch einen Neubau, der 1473 geweiht wurde. Der massive vorgesetzte Turm war ursprünglich niedriger und bekam bei einem Umbau in den Jahren 1696/97 seine jetzige Höhe und 1735 seine barocke Haube.

Die Verkündigungsgruppe über dem Westportal, die hohen Maßwerkfenster, das Netzrippengewölbe mit seinen verzierten Schlusssteinen (Sieben Freuden Mariae, vier Evangelistensymbole, vier weibliche Heilige) und die Orgelempore aus sandsteinernem Maßwerk gehören zu den wichtigen Zeugen gotischer Steinmetzkunst im Görlitz des 15.Jahrhunderts.

Geschichte und Topographie der Stadt Görlitz; Richard Jecht, Görlitz 1927-1934:

Die Frauenkirche.

Die Entstehung der Kirche Unserer Lieben Frauen ist chronikalischen Berichten nach einer Freveltat des Besitzers des Städtchens Friedland zu verdanken ). Im Jahre 1349 nämlich wurde Friedrich von Biberstein, der neben der großen Herrschaft Friedland auch Tauchritz und die Landeskrone (mit Kunnerwitz, Neundorf und Klein-Biesnitz) besaß, von berittenen Bürgern der Stadt Görlitz in Tauchritz aufgesucht. Sie führten Klage gegen einen seiner Vasallen, Nitsche von Rackwitz. Friedrich versprach ihnen gegen den Frevler, der in das Weichbild der Stadt eingefallen war, Hilfe. Als aber die Görlitzer von dannen ritten und den Räuber selbst unterwegs antrafen, da „ jageten sie ihn bis Friedland „. Inzwischen kam Herr Friedrich ebenfalls zurück nach Friedland und fand die Görlitzer in seiner Stadt. Da sprach er: „ Nun schlagt unsere rechten Feinde, die uns suchen in unserer Feste“. Da schlugen sie der Bürger zwene tot zu Friedland, fünf andere erlagen dem Bibersteinschen Volke auf freiem Felde. Ihren Namen nach gehörten die sieben so gewaltsam zu Tode Gekommenen vornehmen Görlitzer Familien an. Der mächtige Bibersteiner aber mußte diese Gewalttat teuer bezahlen. Nach vielem Hinundherhandeln gab er als Sühnegeld 200 Schock Groschen zur Erbauung einer Kirche. „Davon begann man die Kirche Unsrer Lieben Frauen, zu den Seelen zu genaden, die er erschlagen hatte. Da begriff man die Kirche zu Unser Frauen also köstlich, daß man mit dem Gelde keines (nichts) vollenden mochte (konnte). Da hub sich ein großes Sterben (gemeint ist „der schwarze Tod“), da beschied manch Mensch groß Geld darzu, daß „die Kirche vollbracht ward, daß die Altäre und Priester bestätigt wurden“.

1363 wird ein Glasfenster für die neue Kirche der heiligen Jungfrau gestiftet ). Im selben Jahre bestätigt der Meißnische Bischof Johann eine Schenkung, bestehend aus einer Wohnung für die Altaristen der Kirche oder, wie sie hier genannt wird, der Kapelle der Jungfrau Maria und 1 Mark Zins ). 1431 im März traf man Anstalten, das Gebäude niederzulegen, ohne Zweifel deshalb, damit sich die hussitischen Feinde dort nicht festsetzen konnten ). Nach etwa 10 Jahren plante man, den alten, wahrscheinlich hölzernen Bau, durch einen festen zu ersetzen; davon finden sich Spuren schon 1442 und 1451; 1453 arbeiteten daselbst Steinmetzen ). Sculteti Chronicon ) erzählt von einer Grundsteinlegung am 7. Mai 1459; ferner wird von einer Einweihung am 29. Mai 1473 noch vor der Vollendung erzählt, 1486 wird für die Kapelle der Heiligen Maria ein päpstlicher Ablaß erwähnt ).  1494 wird ein neues Dach gebaut.
Bemerkenswert erscheint, daß Jakob v. Salza, Bischof von Breslau, 1517 bis 1523 in der Frauenkirche am Altar St. Hedwig Altarist war ). In der spätgotischen Stilperiode ist nun das Gebäude, wie wir es jetzt vor uns haben, abgesehen vom oberen Teile des Westturmes, entstanden. Das Gotteshaus macht außen und innen einen recht gefälligen, wenn auch schlichten Eindruck. Der Chor ist ein-, das Langhaus dreischiffig; der Unterbau des Turmes ist ganz aus Werkstücken mit Quaderadern gefertigt, die aus Langenau stammen. „Das Äußere ist mit Strebepfeilern besetzt, deren Wimperge (giebelförmige Überdachungen) in einer schönen Kreuzblume endigen. Die Fenster sind hoch, alle in Spitzbogen und dreifach geteilt. Von trefflicher Wirkung ist das Westportal; viel belacht wird an ihm die Darstellung von zwei Paar Hunden in merkwürdiger Stellung, eine Schöpfung, die, wie oft im Mittelalter, die Laune und der Humor der Steinmetzen hervorbrachte. Über dieser Eingangspforte ist ein breites, sechsfach geteiltes, doch nicht sehr hohes Fenster angebracht, wie es englische Kirchen häufig aufweisen. Im Innern entstammt dem gotischen Stile außer anderem noch ein schönes Brüstungsgeländer der Orgelbühne. Der obere Teil des Turmes wurde in der Barockzeit aufgesetzt. Denn die Knopfinschrift besagte: 1696 wurde der Turm, welchen die Vorfahren von schönen Quaderstücken zu 32 1/2 Ellen hoch zu bauen angefangen, mit dergleichen Steinen 10 1/2 Ellen erhöht und ein Holzwerk 40 Ellen kostbar aufgeführt ). 1735 wurde der Turm von neuem inwendig gestiefelt, auswendig mit Blech belegt und grün angestrichen. Das Innere der Kirche ist jetzt an Altertümern arm, früher, noch 1850, sah man daselbst den Grabstein eines Altaristen aus dem 14. Jahrhundert; er ist jetzt leider verschwunden, und damit hat Görlitz eines seiner ältesten Grabdenkmäler verloren ). 1898 fand man hinter dem Altare auf altem Putz noch Inschriften von Bauhandwerkern und Steinmetzzeichen aus den Jahren 1541, 1543 und 1696. Holzfiguren aus der Kirche wurden 1855 nach Priebus geschenkt.

Nur wenig tritt die Frauenkirche bis 1870 in der Geschichte unserer Stadt hervor; es kommt wohl daher, weil sie hauptsächlich nur als Beerdigungskirche diente. Daneben pflegte um 1700 der Archidiakonus zu gewissen Zeiten in ihr zu predigen. 1705 diente die Kirche vorübergehend als Garnisonkirche ). Das hat sich nun seit Vergrößerung der Stadt nach dem Bahnhof zu geändert. Seit Erneuerung der Kirche im Jahre 1869-1871 ist sie allsonntäglich bis auf den letzten Platz besetzt. Als 1927 das Äußere der Kirche neu verputzt wurde, fanden sich an der Nord- und Südseite 77 verschiedene Steinmetzzeichen ).

Literatur: Zobels Bibliothek Mspt. fol. 329 S. 677 bis 712. Von Knauthe gibt es ein sorgfältiges, etwas breit gearbeitetes Manuskript (L. III 57 S. 1 bis 115), das er für den Druck bestimmt hatte. - Ernst Christlieb Richter, Umgangszettel 1811-1819. Die Arbeit ist vom älteren Jancke und sehr beachtenswert wegen der Grabsteine. - Büsching, N.L.M. 3 (1824) S. 16-26. – H. Lutsch, Verzeichnis der Kunstdenkmäler der Provinz Schlesien III S. 664 bis 668. - Buchwald und Kirchhofer, Zur Geschichte der Frauenkirche 1899, 20 S.

Frauenkirche und Frauenfriedhof als Beerdigungsstätten. Daß gleich bei Entstehung der Frauenkirche in ihr Leichen gebettet wurden, beweist der Grabstein des Altaristen Martinus Martini, der 1363 starb ). Später nach Neubau der Kirche (1459) ist diese Sitte immer mehr aufgekommen. Erwähnt werden 33 Grabstellen ). Der Friedhof wurde 1395 im Juni geweiht ), eine zweite Einweihung wird 1458 gesetzt, doch fehlt die urkundliche Bestätigung. Da der Platz auf dem Nikolaifriedhof sehr eng war, nahm man auch den Frauenfriedhof immer mehr in Gebrauch. 1475 oder kurz vorher kaufte man zu diesem Zwecke einen halben Garten ). Zu Anfang scheinen auf diesem Friedhof nur Einwohner geringen Standes ihre Ruhestätte gefunden zu haben, auch Enthauptete und Uebelbeleumundete setzte man dort bei. So 1468 die beiden Bürger Martin Lauterbach und Martin Schleiffe, die infolge der Pulververschwörung geköpft wurden ). 1524 wurde hinter der Kirche die „landflüchtige Hure“ eingescharrt, deren Grab 1616 aufgedeckt wurde ). Bis 1581 waren die „armen Sünder“ auch auf dem Heiligen Grabe beerdigt worden; da beschloß der Rat, sie mit der Schule auf dem hinteren Teil des Frauenfriedhofes beisetzen zu lassen. Der erste, der beigesetzt wurde, war der Ebersbacher Christoph Schubert, der einen Bauer am Kreuztore zu Tode gestochen hatte ).

Selbstverständlich fanden auch die Insassen des Frauenhospitals auf diesem Kirchhof ihre Ruhe. Im 17. Jahrhundert fingen nun verschiedene vornehme Familien (vornehmlich auch zahlreiche auswärtige Edelleute) an, sich Grabstätten neben der Frauenkirche herrichten zu lassen, auch schöne Grufthallen zu bauen. Beerdigungen erfolgten bis um 1848. 1837 legte man auf höheren Befehl ein Leichenhaus an. Man mußte dabei etliche neuere Gräber verlegen. Weil nun diese Arbeiten nachts bei geschlossener Kirchhofstür vorgenommen wurden, entstand unter den Bürgern das Gerücht, man gehe dabei frevel vor, zerschlage die Särge und mißhandle die Leichen. Da scharten sich vor dem Friedhof aufgeregte Volksmassen zusammen, drückten in der Nacht zu dem 20. Juli das Tor ein, erstiegen die Kirchhofsmauer und verjagten die Arbeiter. Man warf auch dem Ratsherrn und Hauptmann der Bürgergarde, dem Seilermeister Prüfer, der den Leichenhausbau leitete, die Fenster ein. Es kam soweit, daß der Landrat, der Magistrat und die Polizei Warnungen erließen und königliche Truppen im Park in Bereitschaft standen. Die Hausbesitzer mußten ihre Türen um 8 Uhr abends schließen. So kehrte dann Ruhe ein ). -

Der ganze Friedhof lag gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts inmitten des dort entstehenden Stadtteiles und wirkte verkehrsstörend. Zunächst fiel 1840 die große Kirchhofsmauer, die auch zwei Basteien hatte. In der Mauer angebracht befand sich gegenüber dem Hospital ein steinernes Kreuz aus dem Jahre 1542, zeigend ein Messer, zur Erinnerung daran, daß damals Hans Scholtzens, des Vorwerksmanns (bei der Jakobskirche) Knecht, den Martin Groman, eines Vorwerksmanns (am Jugendbrunnen) Sohn, in dieser Gegend mit einem Brotmesser erstochen hatte. An die Stelle der Mauer trat ein eisernes Gitter, 1865 ein Staketenzaun. Seit 1864 ging ein Fußweg über den Friedhof von der jetzigen Struvestraße nach dem Postplatz. Damals war schon längst der Kirchhof nicht mehr in Gebrauch. 1888/89 wurden die Gräber eingeebnet und eine Fahrstraße hinter der Kirche geschaffen. Denkwürdige Grabsteine wurden an den Chor der Kirche gebracht und mit einem Gitter abgeschlossen. Die Gebeine der namhaften Familien Crudelius – Tzschoppe - Vogelsang wurden auf den Nikolaifriedhof an die Ostmauer übergeführt.

Literatur: Sam. E. Christlieb Richter, Umgangszettel 1816, 1817, 1818, L. IV 275 d. Ferner die unter dem Nikolaikirchhof angegebenen Quellen Nr. 2 und 3 von Knauthe, Nr. 5 von O. Jancke. Die Zeichnungen und Abschriften des Zeichners Johann Gottfried Schultz sind aufgeführt N.L.M. 11 (1833) S. 169-175.

 

Literatur:

weiterführende Texte: