Fleischerstraße

Geschichte und Topographie der Stadt Görlitz; Richard Jecht, Görlitz 1927-1934:

Fleischergasse, Fleischbänke.

Die Gasse geht jetzt vom Obermarkt bis zum Jüdenring. Früher hieß nur der Teil von der Langengasse bis Jüdenring Fleischergasse, der sich südlich anschließende Teil bis zum Obermarkt hieß Fleischbänke.

Die Fleischbänke bildeten ein längliches Viereck, sie hatten die Hauptfront im Norden an der Langengasse, waren aber auch im Süden durch ein Quergebäude vom Obermarkt abgeschlossen. Das nördliche Grenzgebäude hatte ein schöngebautes Portal aus Sandstein und war bestimmt für die Zusammenkünfte der Altmeister und der Handwerker ); eine steinerne Treppe führte von außen hinauf. Auf dem breiten Gesimse der Eingangspforte lag ein großer Ochse mit weitgebogenen Hörnern behaglich ausgestreckt, darunter die Jahreszahl 1568. Rechts vom Portal an der Hausecke schaute ein gut gearbeitetes steinernes Brustbild mit einem großen Barte und dem Abzeichen des Fleischermittels hervor. Der südliche Ausgang am Obermarkt hatte zwei Obergeschosse, die neben der Garküche die Räume für einwandernde Fleischhauer enthielten. Hier befand sich ein schönes, kräftig gebautes Portal, auf dessen Gesimse ein großes Kalb und ein Schöps lagen; an der westlichen Ecke zeigte sich ein kleiner bärtiger Kopf, an der östlichen ein Brustbild mit „erschrecklichem“ Schnauzbart und trotzigem Aussehen. Oben hing ein eiserner Korb, in dem bei Nacht ein helloderndes Kienfeuer brannte, ähnlich wie es in jeder Herberge vor Einführung der Straßenlampen angebracht war. Nach Westen hin zur Apotheke war ein schmaler Anbau mit zwei Obergeschossen, durch dessen unteres Gewölbe ein Eingang zum „Fleischergässel“ hindurchging. Zwischen diesen beiden Fronten lagen nun in zwei Reihen 60 ) gewölbte Bänke, etwa im Aussehen von kleinen Klosterzellen, mit flachem Ziegeldache. Zwischen den Bänken ging ein breiter Gang für das kaufende Publikum.  Etwas nach hinten stehend waren oben hohe spitzbogig gewölbte Fenster, die Licht von oben schafften. Außer dem erwähnten Fleischergässel befand sich auf der anderen (östlichen) Seite ein sehr enges Gässel zum Eingang für die Fleischer, genannt das Bankgässel ).

Die Fleischbänke gehörten nicht der ursprünglichen Gründung der Stadt an, sondern sind erst mit der Neustadt angelegt ). 1298 wird eine Fleischbank an der Ecke dem Kloster gegenüber erwähnt ). Sie waren zunächst hölzern; der zeitgenössische Scultetus schreibt in seinem Chronikon: „Vom 3. März 1568 riß man die alten hölzernen Fleischbänke ein, den 12. April fing man an zu mauern, ganz zierlich und mit großen Unkosten, dazu die Fleischer 300 Taler gegeben, das andere ward von einem Rate verleget; am 14. August hielt man in den neuen Bänken wieder feil.“ 1642 brannte ein Teil der nördlichen Fleischbänke ab, auch 1691 alle Bänke bis auf wenige Reste, ebenso 1717. Nach und nach begannen die Fleischer, das Fleisch in ihren eigenen Gewölben zu verkaufen, der Kuttelhof (gelegen am nördlichen Ausgange der Hothergasse), in dem nach der Ordnung jedes Stück Vieh geschlachtet werden mußte, und der schon 1325 vorkommt ), brannte 1691 ab und wurde nicht wieder aufgebaut. Man schlachtete also das Vieh seitdem in den Häusern und verkaufte es auf den Bänken, zuletzt auch in den Häusern. Die Bänke verfielen.  In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs auf ihnen Moos und wildes Gestrüpp, Ungeziefer, Marder, Ratten, Mäuse hatten sich eingenistet, die Gebäude stürzten ein oder drohten einzufallen. Schon 1826 stellten die Fleischer den Antrag, die Bänke verkaufen zu dürfen. Nach vielen Verhandlungen kam 1852 ein Vertrag zustande, worin die Stadt die Bänke einschließlich der Bankberechtigung für 9000 Taler erwarb, dem Besitzer aber der Obermarkt-Apotheke, Mitscher, ein Summe von 500 Taler für die Überlassung des westlichen Teiles gezahlt wurde. Der Abbruch geschah 1852/53. Die Einrichtung der neuen Gasse geschah in unmittelbarem Anschluß daran. An den Fleischbänken in der Plattnergasse lag bis 1493 auch eine Badestube (über die weiter unten zu handeln ist). Die Garküche am Obermarkte wurde auch zum Roten Ochsen genannt, in dem man in einfachster Weise Beköstigung erhalten konnte.