Brüderstraße 8, Schönhof

ikon museum

Der Görlitzer Schönhof selbst zählt zu den ältesten Bürgerhäusern aus dieser Epoche, die in Deutschland im Original erhalten sind. Er wurde 1526, nach einem Stadtbrand im Jahre 1525, durch den städtischen Werkmeister Wendel Roßkopf d.Ä. ausgeführt. Die heute erlebbaren Grundrissstrukturen und eine ganze Reihe von Befunden der Bauforschung an diesem Objekt lassen aber noch auf eine ältere Geschichte als die der Renaissance schließen.

Ursprünglich bestand das Gebäude aus drei einzelnen Hauseinheiten, die vermutlich bereits vor 1400 vereint wurden. Im westlichen Teil des heutigen Schönhofes ist beispielsweise einer der Ursprungsbauten in Grundriss und Mauerwerk nachweisbar.

Von der gotischen Geschichte zeugen auch viele gotische Sandsteingewände und die gotischen Kelleranlagen. Nicht zuletzt spiegelt auch die Struktur der Fassade mit den leicht ablesbaren unterschiedlichen Geschossebenen die vormalige Trennung des heutigen Gebäudes in mehrere ältere Hausachsen wider.

Im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau des Gebäudes nach dem Brand von 1525 verwendete Wendel Roßkopf zum ersten Mal in Görlitz Renaissanceformen. Interessant ist, dass Wendel Roßkopf, soweit dies aus den Akten bekannt ist, nie in Italien weilte, also nie „originale“ Renaissancegebäude oder gar antike Architektur vor Augen hatte. Vermutlich brachte er die Erfahrungen im Umgang mit dieser für Görlitz absolut neuen Formensprache aus Prag mit, wo er bei Benedikt Ried (1450-1534), einem der bedeutenden Baumeister auf der Prager Burg (Hradschin – Wladislawsaal,1484-1502), gelernt hatte. Was ihm an antiker Kenntnis fehlte, erfand er selbst und schuf damit die Grundlage für die gewisse Eigenständigkeit der Renaissanceform dieser Zeit in dieser Region.

Eines dieser typisch Roßkopfschen Merkmale Görlitzer Architektur der Frührenaissance ist die bandartige Reihung der Fenster und deren Verbindung durch Gesimse und zwischen den Fenstern stehenden Pilastern, deren Kapitelle und Sockel sehr eigenwillige Formen entwickeln.

Das Portal des Hauses stammt inschriftlich aus dem Jahr 1617 und markiert damit das Ende der Renaissance in Görlitz. Ein Vergleich der hier verwendeten Formen und Ornamente verdeutlicht sehr schnell die Veränderung der Formensprache, welche sich unter sehr verschiedenartigen Einflüssen im Verlauf des 16.Jahrhundert ergeben hat. Die in der Archivolte verwendeten Blütenmotive wie auch die Ornamente der Zwickel rechts und links des Bogens erscheinen im Vergleich mit den Formen der frühen Renaissance relativ grob, reihen sich aber in den Formenkanon der inzwischen entwickelten Renaissance in Deutschland ein.

Betritt man durch das Portal die erdgeschossige Halle, erlebt man eine Raumsituation, die sich im Wesentlichen zu Beginn des 17.Jahrhundert herausgebildet hat. Der jetzt überwölbte Raum besaß ursprünglich eine Holzbalkendecke und die Treppe zur Halle des 1. Obergeschosses stand bis zum Jahr 1617 frei.

Das Gewölbe der Erdgeschosshalle wird von einer Atlassäule getragen, die wohl auch aus dem Jahr 1617 stammt. Ab dem 1.Obergeschoss kann man eine Vielzahl von Räumen mit bemalten Holzbalkendecken erleben. Für die Bauphase 1526 wurde von den Restauratoren der Neubau von 13 Holzbalkendecken nachgewiesen, 11 davon sind ganz oder teilweise erhalten. Der wohl interessanteste Raum des Schönhofes ist der Festsaal mit seiner dreiachsigen, durch zwei ionische Säulen der Görlitzer Frührenaissance gegliederten Fensterfront und natürlich der bemalten Holzbalkendecke.

Der heute erlebbare Giebel zum Görlitzer Untermarkt wurde im Zusammenhang mit den Rekonstruktionsarbeiten im Jahr 1995 auf der Grundlage alter Zeichnungen und mit Hilfe von Befunduntersuchungen wieder hergestellt. Das Gleiche trifft auf den Dachreiter zu.

 

Geschichte und Topographie der Stadt Görlitz; Richard Jecht, Görlitz 1927-1934:

Das berühmteste Gebäude ist hier der Schönhof, das älteste mit Jahreszahl (1526) versehene bürgerliche Renaissancehaus in ganz Deutschland. Er hatte früher oben hohe Giebel, die, wie an vielen anderen Görlitzer Häusern, um 1700 abgebrochen sein mögen. Das Haus ist sehr geräumig, greift in die Brüdergasse über und geht durch bis zum Fischmarkt. Im Innern findet sich noch vielfach Schmuck aus der Zeit von 1526. Er war einer der vornehmsten Höfe der Stadt und sah in seinen Mauern den Kaiser Wenzel 1408, für den man damals eine Brücke nach dem Rathaussaale schlug - noch 1479 hieß ein Gemach des Hauses „des Königs Kammer“ -, König Albrecht 1438, seinen Sohn Ladislaus Posthumus, Georg Podjebrad, den Brandenburgischen Markgraf Johann Georg von Jägerndorf 1620/21, der sein Hauptquartier hier aufgeschlagen hatte, den Kurfürsten Johann Georg I. Die Besitzer waren fast immer führende Leute; sie lassen sich lückenlos bis 1400 zurückführen. Ich nenne Caspar Lelau, den einflußreichen Bürgermeister aus der Hussitenzeit, den Niclas Jeronimi, der, als Ratmann des Hochverrats beschuldigt, 1479 aus der Stadt getrieben wurde, den Onuffrius Schneider, der 1526 den eingeäscherten Hof in der Gestalt, wie wir ihn jetzt sehen, aufbaute, drei Vertreter der Familie Schmidt von Schmiedeburg, die 1554 geadelt wurde, den Hans Glück von Miltzitz auf Sercha, Sohrneundorf und Florsdorf, der aus der Schützenchronik bekannt ist und der „den schönen oder roten Hof mit verschiedenen Malereien, auch das erneute Türmchen schön verzieren“ ließ (1617) und den Georg Endermann, der fünfmal Bürgermeister war (gest. 1663). In diesem Brauhofe wurde noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts Bier gebraut; die Namen der zehn Personen, die 1831 das Hinterhaus „zu einem zeitgemäßen Brau- und Malzhause“ ausbauten, sind über dem Ausgange am Fischmarkte zu lesen. Der Schönhof wurde 1909 mit einer Beihilfe von Staat, Provinz, Ständen und Privaten von der Stadt gekauft, die dieses wahrhafte Schmuckstück der Altstadt wieder erneuerte  ).

Splitter:

Restaurationen / Gaststätten  
Quelle Rubrik Name Adresse
AB 1905/06 Restauration Schönhof-Brauerei  Brüderstraße 8

weiterführende Texte:

historischer Pressespiegel: