Annenkapelle

Die Annenkapelle entstand 1508-12, im Gegensatz zu den anderen Kirchen der Stadt Görlitz, als Privatkirche des reichen Görlitzer Bürgers Hans Frenzel (1463-1526). Enttäuscht über seine bis dahin kinderlose Ehe gelobte er, die Kapelle zu errichten, würde seine Frau ihm ein Kind gebären. Das Kind kam, die Kapelle auch.

Die Außenwände werden durch einen spätgotischen Statuenzyklus geschmückt. Dazu gehören Anna Selbdritt, Maria mit dem Kinde, der heilige Johannes, Vater Joseph, Johannes der Täufer, ein segnender Christus und Laurentius.

Der Haupteingang lag auf der Nordseite. Sein Kielbogenportal trägt die Darstellung der Verkündigung des Engels Gabriel an Maria.

Nach der Reformation bekam die Kapelle verschiedene Nutzungen, bis sie schließlich 1903 der inzwischen vollendeten benachbarten Mädchen-Mittelschule als Turnhalle und Aula diente. Dazu musste die Kapelle einige Umbauten über sich ergehen lassen. Ursprünglich besaß die Kirche eine mit Maßwerkbrüstungen versehene Empore und 3 Altäre.

Trotz mehrerer Umbauten sind die Maßwerkfenster zwischen den innen liegenden Wandpfeilern und das Netzrippengewölbe erhalten.

Geschichte und Topographie der Stadt Görlitz; Richard Jecht, Görlitz 1927-1934:

Die Annenkapelle.

Die Annenkirche ist ein Denkmal der Frömmigkeit eines reichen Görlitzer Bürgers, des Großkaufmanns Hans Frenzel, welcher aus seinem eigenen Vermögen die Kapelle erbaute und ausstattete, so herrlich, daß die alten Chroniken mit Recht sagen: „es sei dies mehr ein Gestifte eines Fürsten, denn eines Bürgers“. Über Abstammung, Name und wirtschaftliche Tätigkeit Hans Frenzels (1465-1526) ist schon oben S. 256 ff. gehandelt.

Im Jahre 1505 zeigte Frenzel seine Absicht, eine Kapelle zu bauen, dem Rate an und bat um einen Bauplatz sowie um die Genehmigung zum Bau. Zuerst machte der Rat Schwierigkeiten, endlich erhielt Frenzel den Platz am Frauentore, westlich gegenüber dem Frauenturme, angewiesen. Die Kirche sollte der Heiligen Anna gewidmet werden. Am 26. Juni 1508 wurde der Bau begonnen und der Grund zu graben angefangen. Der Bauplatz unweit der Stadtmauer wurde dadurch schwierig, daß man auf einen alten, verschütteten Wassergraben stieß; wahrscheinlich gehörte derselbe zu dem alten Schlosse, das auf Befehl Kaiser Karls IV. dort angelegt und 1474 abgebrochen worden war. Darum mußte der Grund 14 Ellen tief gesucht werden. Der Bau war im Jahre 1512 so weit vollendet, daß die Kirche am 28. Mai, Freitag vor Pfingsten, eingeweiht werden konnte. Frenzel stattete die Kirche auch reich aus und setzte sechs Priester ein. Der Bau kostete 8550 Gulden. Der Künstler, der die Kirche baute, war Albrecht Stieglitzer, der auch sein Brustbild an einem Kragstein anbrachte, wo es noch heute zu sehen ist. Einen kunstvollen Altar, welcher die Heilige Anna mit ihrer ganzen Familie darstellte, lieferte schon 1503 der berühmte Bildschnitzer Hans Olmützer. 1559 wurde dieser Altar in die Peterskirche versetzt und fand dort bei dem großen Brande von 1691 seinen Untergang. Hans Frenzel starb am 16. September 1526 und hinterließ einen unmündigen Sohn Joachim. Die Stürme der Reformation, vielleicht auch die Mühe der Verwaltung vermochten den jungen Joachim schon 1531 ), die Kirche und das Stiftsvermögen dem Rate abzutreten. In dem Besitze der Stadt ist denn auch bis auf den heutigen Tag die Kapelle. Man kann die vier Jahrhunderte hindurch die Beobachtung machen, daß die Stadt das Gotteshaus immer stiefmütterlich behandelte. So ließ der Rat schon 1539 zwei Glocken aus dem Türmchen nehmen und auf den Niklas- und Reichenbacher Turm hängen. Und als 1562 ein heftiger Sturm das Türmchen an der Ostseite der Kirche herunterriß, wurde es nicht wieder aufgebaut. Auf eine Beschwerde eines Nachkommen des Stifters hin erneuerte man 1584 die verfallene und öde Kirche und ließ die Fenster neu verglasen. 1597 wurde das Kirchlein mit Schindeln gedeckt. 1615 ff. fand eine abermalige Erneuerung statt, so daß 1620 der Markgraf Johann Georg v. Brandenburg, der damals in Görlitz sein Hauptquartier hatte, in der Kirche predigen und reformierten Gottesdienst abhalten ließ. - Auf eine erneute Klage eines Nachkommen Frenzels hin wurde die Kirche, die in der Belagerung (1641) stark beschädigt worden war, von neuem instand gesetzt. 1692 wurde das sogenannte kleine Predigerkollegium hierher verlegt, das 40 Jahre bestand. Um 1715 erfreute sich die Kirche verschiedener Stiftungen. Um 1773 wurden dort sonntägliche Katechisationen abgehalten. Als um 1730 im Westen anstoßend das Waisenhaus, später Zuchthaus, angebaut wurde, diente die Kapelle als Waisen- und Zuchthauskirche. 1845 hielt die christlich-katholische Gemeinde, deren Leiter Johann Ronge war, ihren ersten Gottesdienst in der Kirche, die jahrelang wüste gelegen hatte. Der erste Prediger dieser Gemeinde war Hermann Förster aus Görisseiffen. Vom Februar 1909 bis Juni 1910 wurde in der Aula der Annenkapelle während des Baues an der Frauenkirche der Gottesdienst abgehalten. Von etwa 1928 bis 1933 hielt die Freireligiöse Gemeinde dort ihre Versammlungen ab. Seit der Auseinandersetzung zwischen Kirche und Stadtgemeinde 1865 ist die Kirche säkularisiert und gehört der Stadt (nicht der Kirchengemeinde).

Literatur: Christian Gabriel Funcke, Zobels Bibliothek Mspt. 329 S. 586 bis 603; Knauthe, Kurze Nachricht von dem Prediger-Kollegium zu St. Annae und derselben Kirche in Görlitz 1740; L. III 445 Bl. 101 bis 102, Sammlung von Bürgermeister Neumann; Knauthe-Jancke, Mspt. Milichsche Bibliothek 40 226 S. 78 bis 81; (Gustav Köhler): Die Annenkirche in Görlitz 1845, 32 S.; Neumann, Geschichte von Görlitz 1850 S. 661 (Anhang S. 34); Büsching, N.L.M. 3 (1824) S. 164 bis 168; Schultz, Altertumswerk, Siehe N.L.M. 11 S. 173; Lutsch, Verzeichnis der Kunstdenkmäler Schlesiens III (1891) 668 bis 670.

Die Annenkapelle als Begräbnisstätte. Die Kapelle hat nie einen Friedhof gehabt. In der Kirche selbst sind im 30-jährigen Kriege etwa sieben Beerdigungen vorgenommen morden. Die Steine sind teilweise noch vorhanden und werden aufgeführt von Joh. Gottfr. Schultz ).

 

Literatur:

weiterführende Texte: