Am Fischmarkt 11/12 (Grundschule Innenstadt)

Geschichte und Topographie der Stadt Görlitz; Richard Jecht, Görlitz 1927-1934:

Fischmarkt 11 (61) ist seit 1895 in die Gemeindeschule VI eingebaut. Es hatte eine gewisse Berühmtheit. Denn in ihm wohnte der ehemalige Stadtsyndikus Gottfried Glich von Milziz (1582-1630). Er war bei der Krönung Friedrichs von der Pfalz zum König von Böhmen, ging dann 1622 als Gesandter nach Ungarn zu Ferdinand II. und wurde bekannt mit dem kaiserlichen Statthalter, dem Fürsten Karl v. Liechtenstein. Wohl durch den Verkehr mit ihm wurde er katholisch, worauf er zum kaiserlichen Rat ernannt wurde. Infolge dieses Glaubenswechsels mußte er natürlich sein Amt als Görlitzer Syndikus 1623 niederlegen. Er zog sich nunmehr in das Haus Fischmarkt 11 zurück und lebte ganz einsam. In seinem Wohnhause hatte er nach katholischem Brauche allerhand Gemälde über die Türe und im Innern, auch Aussprüche und Sentenzen malen lassen. Über der Tür brachte er das Glichsche Wappen, darüber die Hausbezeichnung „Glücksburg“ und ein steinernes Marienbild an. Das Haus kam nach seinem Tode in Besitz des Bartholomäus Gehler (bis etwa 1640) ). Knauthe sah noch an dem aus- und inwendigen Hause 1738 die Zierate.

Auch die ehemaligen Nummern 12 bis 15 sind beim Bau der Gemeindeschule VI (1895 ff.) verschwunden. In Nr. 14 wohnten die Apotheker Gottfried Dietrich (gest. 1727) und Gottlob Erdmann Breitenfeld (gest. 1772).

Nr. 15 (64) war ein alter, sehr umfangreicher Brauhof, der mit einem großen Gartengrundstück (1728) bis zur Stadtmauer an der Elisabethstraße reichte, wie denn dem General von Miltitz, der mit einem Landwehrbataillon 1817 nach Görlitz in Garnison kam und in dem Hause wohnte, die Benutzung der Stadtmauer gewährt wurde. Von mindestens 1545 bis ins folgende Jahrhundert saßen dort die Schnitter (Schneider), 1545, 1575 Onuffrius Schnitter, 1603 Tobias Schnitter, 1700 die Christiane Preibisch, geb. Alberti, Frau des Amtssekretärs Christoph Preibisch (gest. 1704), dann 1725 die unverehelichte Anna Christiane Schmied, Tochter des Kaufmanns Samuel Schmied (gest. 1755); in den Händen dieser Familie ist das Haus noch 1775. Dann folgt die Familie Leuschner. 1813 zahlten nicht weniger als 11 Personen in dem Hause zur Blücherschen Kontribution. 1865 erwirbt die Stadt den Brauhof für 24000 Taler. Als das Haus 1895 wegen des Neubaues der Gemeindeschule VI abgebrochen wurde, hob man das Portal auf und verwandte Bogensturz, Kämpfer und Zwickel 1902 für den Eingang des Nebenrathauses Jüdengasse 1; siehe unten.

Büttelei, Stockhaus und Inquisitoriat.

Hinter Fischmarkt 10-14 lag, in Norden etwa in der Mitte des jetzigen Durchganges beginnend und südlich bis an die Stadtmauer reichend, die Büttelei, (zuerst 1377 erwähnt), gewöhnlich Stockhaus genannt. Es wurde 1589 auf Grund des alten prächtig aufgebaut ), im fünften Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts wurde auf das vordere Haus noch ein Stockwerk aufgesetzt, damit man die Gefangenen einzelner aufbewahren könne ). In dem Hause wohnte der Büttel, zu Zeiten, so von 1589 bis 1601, auch der Henker (Scharfrichter), dem dann für alle folgende Zeit seine Behausung am Finstertore angewiesen wurde. Man mußte 1601 die Stelle am Finstertor, wo schon vorher die Scharfrichterei gewesen war, einem Privatmanne wieder abkaufen. 1822 überließ der Rat dem königlich preußischen Inquisitoriat die Büttelei, die Stadt blieb Eigentümer; ein Haus, Fischmarkt 14, das die Justizbehörde für ihren Zweck besonders angekauft hat, überließ sie dann der Stadt gegen die 272 Morgen auf dem Postplatze, wo sie dann 1865 ein neues Gerichtsgebäude baute. Die Stadt aber errichtete 10 Jahre später die Elisabethschule und 20 Jahre später die Gemeindeschule VI, die 1875 und 1897 eingeweiht wurden. Die Häuser Fischmarkt 11-15 sind eingebaut. - Zwischen Fischmarkt 15 (64) und dem folgenden Privathause 14 (63) war ein sehr enges Gässel, darinnen nur eine Person gehen konnte, genannt das Stockgässel.

 

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