Wilhelm Heinrich Sohr (22.11.1785 – 11.10.1861)

W.H. Sohr ist am 22. November 1785 in Görlitz, also als Sachse, geboren, wo seine Familie in hohen Ehren stand. Das Ansehen und der Wohlstand derselben scheinen von seinem Großvater mütterlicher Seits, Dr. Samuel Gottlieb Frölich, herzustammen. Dieser, der Sohn eines Görlitzer Kaufmanns, geboren 1721, war auf dem dortigen Gymnasium unter Baumeister gebildet und von diesem mit glänzenden Zeugnissen entlassen worden, hatte in Leipzig die Rechte studirt (1742-1746) und ebenda, nachdem er bereits anderthalb Jahre in seiner Heimath als Advokat praktizirt hatte, auf den besonderen Wunsch seines Vaters, den juristischen Doktorgrad erworben, (Juni 1748), durch Vertheidigung einer Dissertation de poena jurare nolentium. Später trat er in den Rath seiner Vaterstadt ein, die ihre eigenthümliche mittelalterliche Verfassung sich unversehrt bewahrt hatte; - erst in den dreißiger Jahren hat sie der preußischen Städteordnung Platz gemacht. Wir finden ihn im Jahre 1771 als Scabinus und Stadthauptmann, und im Jahre 1773 wurde er Stadtrichter. Durch den Ankauf des in der Nähe von Görlitz gelegenen Gutes Posottendorf und Leschwitz (Im Oktober 1768 sub hasta für 18.000 Thlr. verkauft.) erwarb er einen ansehnlichen Grundbesitz, der dann durch seine einzige Tochter Friederike Gottliebe, die Gattin von Samuel August Sohr, auf die Familie Sohr überging. Und nicht nur in diesem Verhältnisse, sondern auch in seinen städtischen Aemtern wurde Samuel August Sohr der Nachfolger seines Schwiegervaters. Seit 1780 gehörte er dem Rathe an, 1790 wurde er Stadtrichter und hat dann seit 1800 durch eine lange Reihe von Jahren bis tief in die preußische Zeit hinein als Bürgermeister an der Spitze seiner Vaterstadt gestanden. Seine Ehe mit Friederike Frölich war reich mit Kindern gesegnet, von denen neun herangewachsen sind. Unser Sohr nahm unter ihnen die vierte Stelle ein und entwickelte sich so inmitten älterer und jüngerer Brüder und Schwestern unter den glücklichsten äußeren und inneren Bedingungen des Gedeihens. Bis zum 13. Lebensjahre gehörte seine Erziehung und sein Unterricht lediglich dem Hause an. Es war ein edler, freier, ächt patriarchalischer Geist, der in dem Sohr´schen Familienkreise herrschte, dessen allverehrtes Haupt bis zu seinem im höchsten Lebensalter erfolgten Tode (er starb am 3. Dezember 1801 als 80jähriger Greis) der Großvater Frölich bildete. Seine, wie der Mutter Geburtstage pflegten die Kinder durch kleine dramatische Szenen zu feiern, deren Gegestand die Unterhaltung über irgend eine in ihren Gesichtskreis fallende Frage des sittlichen oder Naturlebens war, z.B. die Höflichkeit, das gewitter. Unsern Wilhelm finden wir in diesen Darstellungen schon als 5jährigen Knaben mitwirkend. Unter seinen Geschwistern stand ihm in der Kindheit sein nächst älterer Bruder, Karl Friedrich, am nächsten, der sich dann als Kaufmann in Görlitz etablirte und der erste war, der nach einer kurzen glücklichen Ehe mit Fräulein Auguste Quandt am 5. Januar 1815 durch den Tod dem schönen Familienkreise entrissen wurde. Wilhelm, der damals längst die Heimat verlassen hatte, schrieb bei dieser traurigen Gelegenheit an den Vater: „Es thut mir wohl, in die Zeiten unserer Kinderwelt zurückzugehen, als wir Krieg und Frieden mit einander schlossen, er die Preußen und ich die Schweden kommandirte, als er mich zu einer Weihnachtszeit mit dem Bruder Doktor mit einem vollständigen Regimente beschenkte und es zu meiner unsäglichen Freude aufziehen ließ, als wir zu einer ähnlichen Zeit Trommeln erhalten hatten und gemeinschaftlich den Zapfenstreich schlugen, als wir in dem alten Gemäuer auf Entdeckungsreisen, wie wir es in kindlicher Lust nannten, auszogen, als wir in den Gärten uns herumtummelten, die lüsternen Augen öfters nach verbotenen Früchten warfen und Genuß und Strafe theilten, als wir den schmalen Weg in den Zwinger des Nachbarn fanden und uns mit dessen Kindern zu den hart verpönten gymnastischen Uebungen, wo freilich kein Gutsmuths uns Salzmann zugegen war, vereinigten.“ Aber an diese heitere Kinderlust schlossen sich bald auch ernstere Beschäftigungen. Die damals eben erschienenen Kinderschriften von Weise, Basedow und Campe boten dem sich entfaltenden Geiste die erste Nahrung und er hat den ersteren, der während seines akademischen Aufenthaltes in Leipzig im Jahre 1804 starb, in dankbarer Erinnerung  an die lehrreiche Kinderlektüre zur letzten Ruhestätte begleitet. Daß der lernbegierige Knabe aber auch sonst durch eine ausgebreitete Lektüre, schon ehe er die gelehrte Schule besuchte, sich einen reichen Schatz von Wissen angeeignet hatte, davon geben einige noch vorhandene Bücher Zeugniß, in die er, was ihm in seiner Lektüre besonders gefiel, zu seinem und der Seinigen Gebrauch, höchst mühsam und sauber zusammengetragen hat. Naturgeschichtliche Skizzen, durch farbige Abbildungen erläutert, wechseln mit belehrenden und erheiternden Erzählungen aller Art, zum Theil auch solchen, von denen es uns allerdings überraschen muß, daß sie durch die Feder eines 12jährigen Knaben gegangen sind. Im Ganzen sind es in Form und Anordnung Nachbildungen der Kinderzeitschriften, die er kannte, die ersten kindischen Erzeugnisse jener Lust am literarischen Produziren, die ihm bis in sein Alter treu geblieben ist. Ostern 1798 im 13. Lebensjahre wurde der Knabe dann in das Gymnasium zu Görlitz aufgenommen und hat ihm fünf Jahre lang, bis Ostern 1803 angehört, von denen er 4 Prima zugebracht hat. In einer kurzen Lebensskizze, die Sohr im April 1811, also als 26jähriger Jüngling bei Gelegenheit seiner Aufnahme in den Freimaurer-Orden zu Dresden entworfen hat, schildert er selbst diese seine Schulzeit und den Zusatnd der Schule mit den folgenden Worten: „Blühend, sehr blühend war diese öffentliche Schulanstalt in der Mitte des vorigen Jahrhunderts gewesen, wo bei größerem Trieb zum Studiren, weniger kostbaren Mitteln ihn zu befriedigen und vielen Hindernissen für den Privatfleiß, die erlesenen Schulkenntnisse eines Baumeister, mehr noch sein Ruf  eines Schöpfers neuer, jetzt zwar kaum gekannter philosophischer Systeme, ferne Schüler anlockte. War zwar jetzt nur noch die Erinnerung des alten Glanzes übrig, so suchte die Anstalt, deren Bürger ich wurde, mit ihren Schwestern wenigstens gleichen Schritt zu halten. Neumann, ein tief gelehrter Mann, stand damals an ihrem Direktorio; doch verhinderten Mangel an Mittheilungsgabe und pedantische Denkart, daß er vortheilhaft wirkte. Dankbar sei indessen sein Andenken in mir, dem es bisweilen gelang, einen Blick in das verschlossene Innere des düsteren Lehrers thun und aus seinen sonst unzugänglichen Kenntnissen manche Belehrung schöpfen zu dürfen. Heilig aber, unnennbar heilig bleibe mir stets die Erinnerung an Dich, verewigter Schwarze, der DU, als treuer Freund des Vaters, den Sohn brauchbar durch Lehre und Beispiel zu bilden suchtest. O vergieb, Verklärter, wenn kindischer Leichtsinn und jugendliche Unbesonnenheit Deine seltenen Bemühungen je verkannt, den Unterricht Dir minder angenehm, als die Erkenntnis reiferer Jahre es wünscht, gemacht haben sollte, und vernimm in Deinem ewigen Glücke den schwachen Dank, den der treue Schüler Dir immer weihen wird.“ Daß der so warm verehrte Lehrer auch seinerseits dem eifrigen Schüler mit eingehender Theilnahme zugetan war, dafür spricht die am 27. April 1802, jedenfalls auf seinen Vorschlag, von Seiten des Rathes ihm zuerkannte Gersdorf´sche Prämie und vor allem das von Christian August Schwarze als Rektor (als solcher war er erst am 3. Januar 1803 feierlich eingeführt worden) ihm ausgestellte Abgangszeugnis vom 14. April 1803, welches, nach guter alter Sitte frei von dem jetzt in solchen Dingen beliebten Schematismus, den 17jährigen Jüngling mit den individuellen Zügen charakterisirt und ihm die väterlichen Wünsche und Warnungen mit in das Leben gibt. Es rühmt an dem „juvenis nobis carissimus“ neben seinem rechtschaffenen und liebenswürdigen Charakter (morum probitas et suavitas) ingenii felicitatem atque alacritatem, glückliche Begabung und Lebhaftigkeit des Geistes, Eigenschaften, vermöge deren er sich von seinen älteren Mitschülern nicht habe übertreffen lassen, und welche die sicherste Hoffnung erweckten, er werde die Laufbahn, auf der mehrere der Seinigen ihm vorangeschritten, mit dem besten Erfolge betreten.

Und so bezog denn Sohr wohl vorbereitet und von der herzlichen Liebe seines treuen Lehrers und der Seinigen begleitet, die Universität Leipzig, um dem Beispiele des Großvaters, seines Vaters und eines älteren Bruders folgend, sich für die juristische Laufbahn vorzubereiten. Der Letztere, der als Aeltester die Namen des Vaters, Samuel August, trug, befand sich noch den größten Theil des ersten Jahres über mit ihm zusammen in Leipzig, wo er nach Vollendung seiner Studien damit beschäftigt war zu promoviren und wo er Wilhelms Eintritt in die Welt mit brüderlicher Treue leitete. Dieser hat sein akademisches Triennium in herkömmlicher Weise in Leipzig ununterbrochen absolvirt und man könnte nicht sagen, daß diese Zeit für ihn, wie für so viele Jünglinge, hinsichtlich der Entwicklungen seines Charakters oder Geistes besonders Epoche machend gewesen wäre, daß ihn dieser oder jener Lehrer besonders gefesselt, eine Idee besonders ergriffen oder auch das Universitätsleben selbst seine so selten versagende Anziehungskraft auf ihn in besonderem Maße ausgeübt hätte. Vielmehr bezeugt er in der oben angeführten Aufzeichnung von 1811 ausdrücklich das Gegentheil. „Die akademische Freiheit war für mich minder reizend als für manchen, der mit mir zugleich diese frohe Periode unserer Jugendjahre zu leben anfing. Das Vaterhaus war mir kein drückender Kerker gewesen, und auch dem Gymnasio, daß mich vorbereitet hatte, waren fesselnde Einschränkungen fremd. So anziehend daher Andern das bequemere, ungebundenere Leben erschien, so wenig vermochte es auf mich nahtheilig zu wirken und auch die Neuheit der Verhältnisse, die mich vielleicht im Anfange zerstreuend angesprochen hatten, verloren mit der Gewohnheit ihr Verführendes. Ueberdem hatte Leipzig selbst mich nie sonderlich angezogen, ich trennte mich darum zu Ostern des denkwürdigen 1806ten Jahres gern von dem Sitze der Musen, ungern aber von den Freunden“ u.s.w.

Uebrigens geht aus tagebuchartigen Notizen, die sich aus dem ersten und letzten Jahre dieses Leipziger Aufenthaltes erhalten haben, deutliche hervor, daß wir uns Sohr´s Leben in jenen Jahren darum keineswegs als ein zurückgezogenes, einförmiges, philisterhaftes zu denken haben. In seiner genzen Art lag es nicht, die goldenen Jahre der Jugend ungenützt vorüber gehen zu lassen, und seine Freigebigen Eltern ließen es an ausreichenden Mitteln für einen mannigfachen Lebensgenuß nicht fehlen. Theater und Kunst zogen ihm umsomehr an, als er selbst ein leichtes poetisches Talent und eine glückliche Begabung für Musik in sich früh entwickelt hatte. Die letztere wußte er besonders durch sein Flötenspiel auch gesellig zu verwerthen, und da er mit einer zart empfindenden Seele eine auf angeborner Leichtigkeit und früher Gewöhnung beruhende Gewandtheit in dem Gebrauch der verschiedensten Umgangsformen verband, so konnte es ihm an freundschaftlichen und geselligen Beziehungen aller Art auch in Leipzig nicht lange fehlen und auch von mancher mehr oder minder tief gehenden Herzensangelegenheit haben sich Andeutungen erhalten. Bei weitem am meisten aber füllte ihn der Verkehr mit seinen Universitätsfreunden aus und er hat mit einzelnen unter ihnen Verbindungen geknüpft, die sich für das Leben bewährt haben. Mit den übrigen in Leipzig studirenden Lausitzern trat er zu einer förmlich konstituirten Landsmannschaft zusammen, und es scheint, daß er bald der belebende Mittelpunktdieses Kreises geworden ist. Mit dem Anfange des Jahres 1806 ging diese schöne Zeit zu Ende und es begann die ernste Periode der Prüfungen, über deren Verlauf Sohr mit der gewissenhaften Genauigkeit eines Geschäftsmannes Buch geführt hat, die ihn sein ganzes Leben hindurch nicht verlassen hat und die es uns möglich macht, seine ganze amtliche Laufbahn in allen ihren Schritten und Wendungen aktenmäßig zu verfolgen. Da die betreffenden Einrichtungen in Sachsen damals von dem, woran wir jetzt gewöhnt sind, völlig abwichen, si wird, denke ich, eine kurze Darlegung des Herganges nicht ohne Interesse sein. Es gab in Sachsen damals nur eine Prüfung für den praktischen Juristen und diese lag durchaus in den Händen der Fakultät, welche auch für die Rechtspflege selbst eine über die noch jetzt fortbestehende Wirksamkeit der Juristen-Fakultäten als Spruchkollegien weit hinausgreifende Bedeutung hatte. Sie begann mit einer öffentlichen Disputation, an die sich dann das eigentliche Examen pro praxi et candidatura anschloß, welches aus einem schriftlichen und einem mündlichen Theile bestand. Es begann mit zwei Relationen in Prozeßsachen, die der Juristen-Fakultät zur Entscheidung vorlagen, von denen die eine dem Gebiete des Civil-, die andere dem des Kriminal-Rechts angehörte. Darauf folgte die schriftliche lateinische Interpretation zweier Texte, des einen aus dem kanonischen, des anderen aus dem römischen Rechte. An diese schriftlöichen Leistungen schloß sich dann die mündliche Prüfung im Petrinum durch 2 Examinatoren, die mit dem einzelnen Kandidaten allein vorgenommen, 2 Stunden dauerte und sich in ihren beiden Abschnitten an die Texte aus dem römischen und kanonischen Rechte unmittelbar anschloß.

Sohr leistete alle diese Prästanda zur Zufriedenheit, so daß er zum baccalaureus juris creirt und zum  notarius denominirt wurde und die erste Censur erhielt. Nach einem fröhlichen Besuche in Grimma, wo eine Tochter des Dr. Worst sein Herz besonders gefesselt hatte, kehrte er dann im Juli 1806 mittelst einer Fußwanderung in die liebe Heimath zurück.

Hier galt es nun vor allen Dingen über die Zukunft eine wichtige Entscheidung zu treffen. Sohr hatte schon von Leipzig aus dem Vater seinen lebhaften Wunsch zu erkennen gegeben, nicht in der Vaterstadt, überhaupt nicht in der Lausitz, sondern, wie er es ausdrückt, in den Erblanden, d.h. indem eigentlichen Sachsen, seine Karriere zu beginnen. Als Gründe dafür bezeichnet er selbst in den schon mehrfach benutzten Dresdener Aufzeichnungen einen gewissen Ehrgeiz, der sich nicht von vornherein in den engen Bezirk der Vaterstadt einschließen wollte, den Wunsch, dereinst in der Hauptstadt zu leben, die als Mittelpunkt von si vielen Großen, Schönen und Wissenswürdigen schon auf den Knaben einen mächtigen Eindruck gemacht hatte, und endlich noch besondere Motive, die später ihre Kraft von selbst verloren, - ohne Zweifel eine Hindeutung auf jene Grimma´schen Beziehungen. Wie viel von diesen Beweggründen und in welcher Art er sie dem Vater gegenüber geltendgemacht hatte, ist nicht ersichtlich, - wohl aber, daß es ihm nicht leicht wurde,diesen für seine Wünsche zu gewinnen, der nur ungern einen der Seinigen der Heimath dauernd den Rücken kehren sah, wo sich seine ganze Familie nach allen Richtungen hin eines so sichtlichen Gedeihens erfreute und wo auch sein ältester Sohn August unter den Augen des Vaters schon mit gutem Erfolge die juristische Praxis im Dienste des Görlitzer Rathes begonnen hatte. Indessen war der Vater auf der anderen Seite doch viel zu human und zu einsichtig, als daß er den Lebensplan des Sohnes ein kategorisches Nein entgegengestellt hätte. Er machte daher zwar diesem gegenüber seine  schon brieflich geäußerten Bedenken wiederholt geltend; als er ihn aber fest fand, und als auch die Mutter, deren Liebling gerade dieser Sohn immer gewesen war, dessen Wünsche unterstützte, gab er nicht nur seine Einwilligung, sondern war ihm auch selbst zur Verwirklichung seiner Wünsche behülflich, indem er ihm ein Empfehlungsschreiben an einen Landsmann und Universitätsfreund, den Hofrath Dürisch, damals Amtmann zu Chemnitz, gab. Dieser stand einem der bedeutendsten Justizämter vor. Es arbeiteten bei demselben 6 Aktuare, darunter 4 wirklich angestellte und 2 substituirte. Er genoß nicht nur in seinem Kreise die größte Verehrung, sondern galt auch etwas bei Hofe und man pflegte in Dresden die unter ihm gebildeten jungen Juristen besonders zu beachten. Es ließ sich also für Sohr kein besserer Anfang seiner amtlichen Laufbahn denken, als unter den Fittichen dieses Mannes, dem den Empfehlungsbrief seines Vaters schon im September 1806 mit Bangigkeit überreichte und von dem er auf´s freundlichste aufgenommen und eingeladen wurde, wofern er Lust hätte, viel zu arbeiten und recht fleißig zu sein, seine Thätigkeit sobald als möglich zu beginnen. Indessen erlitt dieser Anfang durch die große welthistorische Katastrophe des Jahres 1806 eine unvermeidliche Verzögerung. Sohr war von Chemnitz aus, nicht ohne Grimma zu berühren, noch einmal nach Leipzig gegangen, hatte seine dortigen Beziehungen nun erst definitiv gelöst, sich von seinen dortigen Freunden in Saus und Braus verabschiedet, und war kaum nach dreiwöchentlicher Abwesenheit abermals in die Heimath zurückgekehrt, wo er sich zur förmlichen Uebersiedlung nach Chemnitz anzuschicken gedachte, - als der Tag von Jena und in seinem Gefolge das Einrücken der Franzosen in Sachsen und die Ungewißheit über das fernere Schicksal des Landes die Ausführung dieses Planes für´s erste unthunlich machte. Sohr brachte daher den nächsten Winter im Vaterhause zu, wo ihn neben Privatstudien, die besonders der Ausbildung im Französischen gewidmet waren, ein sehr ausgebreiteter und reger geselliger Verkehr in Anspruch nahm, der durch politische Besorgnisse nur wenig gestört wurde, da ja Sachsen bekanntlich, seine Verbindung mit Preußen lösend, die nie eine ehrliche gewesen war, in unanständiger Hast seinen Frieden mit Napoleon machte und jene politische Richtung einschlug, die ihm zuerst die Königskrone und zuletzt den Verlust seines halben Gebietes eintrug.

Sohr´s Tagebuchblätter aus jener Zeit zeigen, daß er an Musik und Tanz und den übrigen Freuden der Görlitzer Gesellschaft mit Lust und jugendlichem Feuer sich betheiligte, ja daß er in den ersten Kreisen seiner Vaterstadt sogar ebenso durch die Stellung seiner Familie, wie vermöge seiner persönlichen Vorzüge keine unbedeutende Rolle spielte; sie zeigen aber auch, daß er weit entfernt war, sich durch diese Zerstreuungen auch nur einen Augenblick von der Verfolgung seiner ernsteren Lebensziele abziehen zu lassen. Vielmehr war er es, der, als das Frühjahr 1807 heranrückte und die politische Lage Sachsens in dem neuen Verhältnisse sich zur Genüge befestigt hatte, seine Abreise nach Chemnitz dem noch immer bedenklichen Vater gegenüber auf´s äußerste betrieb und zuletzt selbst eine unschuldige List nicht verschmähte, um sich von der Heimath loszumachen. Nach einer vorbereitenden Reise nach Chemnitz und Dresden im März war der 24. April 1807 der entscheidende Tag des Abschieds, seit welchem er Görlitz nur noch als Gast wiedergesehen hat. Die Mutter und zwei seiner Geschwister begleiteten ihn bis Dresden, wo er mit ihnen noch einige Zeit verlebte und darauf am 30. April nach Chemnitz gelangte, um dort seine öffentliche Laufbahn als Amtsaccessist mit dem Prädikat eines Vice-Aktuarius zu beginnen. Die rsten Tage gingen mit der häuslichen Einrichtung hin, für die der Vater freigiebig die nöthigen Mittel bewilligt hatte. Nachdem am 14. Mai die königliche Bewilligung eingelaufen war, wurde er am folgenden Tage in Eid und Pflicht genommen und fing nun unverzüglich zu arbeiten an. Die fast durchaus mechanischen Arbeiten, die den Anfang seiner amtlichen Thätigkeiten bildeten: Mundiren, Kopiren, Rubriciren, Heftung und Foliirung der Akten, das Registriren (Protokollführen) in geringfügigen Sachen, das Annehmen von Klagen und Beschwerden u.s.w. konnten den lebhaften Geist des jungen Mannes natürlich nicht ausfüllen; in geselliger Beziehung bot ihm die kleine Stadt namentlich im Vergleich mit dem, was er in Leipzig gehabt und in Görlitz soeben verlassen hatte, auch gar wenig. „Die üppige weichliche Lebensart, der frivole nur am Seichten hängende Ton und die ermangelnde Vorliebe für Kunst und Wissenschaft,“ denen er dort unter den dortigen Fabrikanten begegnete, die dem Leben der Stadt sein eigenthümliches Gepräge gaben, stießen ihn sogar zurück und verleideten ihm den dortigen Aufenthalt. Zwar verkehrte er in dem Hause des Hofraths, sowie mit einigen seiner Amtsgenossen (namentlich mit dem Aktuar Sahr), auch hatte er Zutritt in der Familie eines Engländers Whitefield, des Erbauers und Inhabers einer Maschinenspinnerei bei Chemnitz, in der Nachbarschaft fanden sich sogar Verwandte, ein Vetter Weigel zu Lichtenstein, Gerichts-Direktor auf den Fürstlich Schönburgischen Gütern, und die Familie des Pastors zu Remsa. Aber das alles unterbrach doch nur spärlich das im ganzen recht einförmige und leere Leben und verhinderte nicht ein gewisses Gefühl der Vereinsamung und Schwermuth, welches sich in den Aufzeichnungen aus den ersten Zeiten des Chemnitzer Aufenthaltes – leider den letzten, die überhaupt vorhanden sind – deutlich ausspricht. Die Bearbeitung zweier größerer Probearbeiten die als specimina pro praxi juridica seiner förmlichen Anstellung vorhergehen mußten, nahm ihn nur kurze Zeit in Anspruch. Auch diese seine Leistungen wurden unterm 6. April 1808 für gut und tüchtig befunden. So fehlte es ihm denn in Chemnitz nicht an Muße. Neben poetischen und belletristischen Arbeiten, mit denen er in Verbindung mit einigen Befreundeten das Chemnitzer Wochenblatt versorgte, und der wahrscheinlich durch die Verbindung mit jener englischen Familie angeregten Beschäftigung mit englischer Sprache, zu der sich Sohr mit großem Eifer anschickte, bot ihm wenigstens während der Sommermonate vor Allem die anziehende und vielfach interessante Umgebung seines Wohnortes Trost und Unterhaltung. Fast alle Sonntage wurden zu Ausflügen in die reizende Berglandschaft verwendet, die sich am Nordabhange des sächsischen Erzgebirges ausbreitet; und auch an größeren mehrtägigen Exkursionen fehlte es nicht. Das romantische Zschopauthal, die alten kurfürstlichen Schlösser Augustusburg und Sachsenburg mit ihren historischen Erinnerungen, der Park von Lichtenwalde, die Arsenikgruben von Hohnstein, Freiberg, das Centrum des sächsischen Bergbaus, die industriellen Etablissements des Gebirges wurden zum Theil wiederholt besucht, Leipzig und Dresden wurden die Ziele weiterer Wanderungen. Aber das Hauptziel Sohr´s war doch von vornherein, diese erste Stufe seiner Staatskarriere sobald wie möglich wieder verlassen zu können, und eine Stellung zu gewinnen, die mehr Annehmlichkeit und Ehre und die Anfänge materiellen Lohnes brächte. Schon im September des ersten Jahres richtete er seine Gedanken auf eine Vice-Aktuariusstelle im Schulamte zu Meißen. Dann wurde er im Verlaufe des Jahres 1808 durch seinen Universitäts-Freund Heinrich Reinhard von Dresden aus wiederholt auf vakante Stellen aufmerksam gemacht. Dieser war Accis-Inspektor und durch seinen Vater, den Geheimen Finanz-Sekretär Reinhard, in der Lage, seinem Freunde nicht nur nützliche Winke zu geben, sondern seine Bemühungen auch in Dresden selbst zu fördern, da die in diesen ASngelegenheiten entscheidende Behörde das geheime Finanzkollegium war. Trotz solcher begünstigenden Umstände schlugen Sohr´s Bewerbungen mehrmals fehl und er erlangte weder das neu fundirte Vice-Aktuariat in Schwarzenberg noch die erledigte Stelle in Rochlitz, obgleich, wie ihm sein Freund schrieb, das Gedränge bei dem dortigen etwas unfläthigen und flegelhaften Amtmann, bei der „Rochlitzer Amtsgeißel“ seinen Aerger zu finden, nicht groß sein werde. Vergeblich bemühte er sich um die letztere Stelle persönlich in Dresden und ließ sich die  erforderlichen offiziellen Bütten nicht verdrießen; er erhielt freundliche Worte, erlitt aber doch einen abermaligen Repuls. Auch die Pläne seines Vetters Weigel schlugen fehl, der ihn im Dienst seines Herrn, des Fürsten von Schönberg, zu placiren gedachte und ihm erst das Sekretariat in der fürstlichen Kanzlei zu Waldenburg, dann ein fürstliches Aktuariat zuwenden wollte. Um die erste Stelle, die 300 Thlr. Fixum, nebst freiem Logis und Holz bringen sollte, hatte sich Sohr wirklich beworben und sich der Herrschaft persönlich vorgestellt; bei der zweiten minder vorteilhaften war er es, der Bedenken trug, die Karriere im königlichen Dienste aufzugeben, die, wenn auch langsam, doch weitere Aussichten biete.

Und die Verwirklichung dieser Aussichten ließ den auch nicht gar zu lange mehr auf sich warten. Am 1. September 1809 meldete ihm Freund Reinhard von einem neuen Vice-Aktuariat in Kolditz, das mit 100 Thlr. Gehalt fundirt werden sollte, welches freilich, wie sich aus einer bald folgenden Berichtigung ergab, eigentlich nur eine Accessistenstelle mit 100 Thlr.Gratifikation war, deren Verleihung hauptsächlich von dem Vorschlage des dortigen Amtmanns Cuno abhing. Gegen Sohr´s damalige Situation gehalten, war das immerhin ein erwünschter Fortschritt, und obgleich er nach seinen bisherigen Erfahrungen wenig Hoffnung hatte, besonders da er fürchtete, daß der Amtmann Cuno einen ihm befreundeten Accesisten seines Amtes poussiren werde, so schrieb er ihm doch und stellte sich im darauf mit einem Privatschreiben seines bisherigen Vorgesetzten, des Hofraths Dürich, ausgrüstet, selbst vor, erhielt auch wirklich auf Grund so gewichtiger Empfehlungen die Zusage, daß Niemand anders als er in Vorschlag gebracht werden solle.

Soweit war dieses Projekt gediehen, als es sich mit einem Plane ganz anderer Art kreuzte. Der durch seine patriotische Haltung zur Zeit der Freiheitskriege bekannte und nachher in preußische Dienste übergetretene GeneralThielemann suchte nämlich einen Sekretär. Da wandte sich in Sohr´s Interesse sein Vater an den Major von Tettenborn, seinen Gevatter, der ihm von früher her verpflichtet war. Auf diesem Wege wurde er wirklich dem General empfohlen, der ihn nun persönlich kennen zu lernen wünschte. Schon war er in dieser von dem Vater mit eben so viel Umsicht als väterlicher Sorge um das Wohl des Sohnes betriebenen Abgelegenheit nach Dresden gereist, als die schnelle und günstige Entscheidung des Kolditzer Projektes weitere Bemühungen nach jener Richtung überflüssig machte. Am 21. Oktober 1809 meldete ihm der Amtmann Cuno, daß er für die offene Stelle vorgeschlagen sei und schon am 1. November theilte ihm von Dresden aus sein Freund Reinhard mit ausgelassener Lustigkeit die wirklich erfolgte Ernennung mit.  So ging denn also nach etwa drittelhalbjähriger Dauer der Chemnitzer Aufenthalt zu Ende und es galt Abschied zu nehmen von einem Orte, der, wenn auch an sich wenig fesselnd, doch durch ein paar treue Freund, die Sohr in der letzten Zeit dort gefunden, ihm theuer geworden war. Am 30. November reiste er nach Kolditz, wo er am folgenden Tage für sein neues Amt verpflichtet wurde, welches ihn mit einem Gehalt von 100 Thlr. Zu einem Mittelding von Accesisten und Vice-Aktuar machte und seine Beschäftigung noch kaum über das Chemnitzer Niveau erhob. Der ausgeprägt kleinstädtische Typus dieses stillen Landstädtchens, gegen welches Chemnitz wahrhaft großartig erschien, war zu der an und für sich nichts weniger als glänzenden Stellung eben keine empfehlende Zugabe für einen Mann, der seiner ganzen Natur nach für größere Verhältnisse geschaffen war und nicht für einen Ort, wo, wie er selbst sagt, „der den allgemeinen Blick auf sich zog, welcher sich dem Auge zu entziehen suchte, und wo Jeder den Anderen von seiner Entstehung an kannte und der Neuling bald wie der Eingeborene unterrichtet war.“ Indessen das Alles wurde aufgewogen durch die Thatsache, daß doch eben eine wirkliche Anstellung im königlichen Dienste erreicht war. Ueberdies erwies sich Kolditz mit seinem „verengten Leben“ nur als eine schnell zurückgelegte Zwischenstation auf dem Wege nach dem von Jugend auf ersehnten Ziele, einer Stellung in der Hauptstadt. Denn noch war nach einem mehrwöchigen Urlaub Sohr kein halbes Jahr in seinem neuen Amte thätig, kaum hatte er begonnen die mit solcher Stellung vereinbare Advokatenpraxis vor anderen Gerichten zu treiben, als der Konferenzminister von Nostitz am 8. Juni 1810 nach Kolditz kam, um  die dortige Korrektionsanstalt zu besichtigen. Dieser Besuch wurde, man kann es wohl sagen, für Sohr´s ganzes Lebensschicksal entscheidend. Nostitz, der aus der Lausitz stammte, kannte seinen Vater wohl und erinnerte sich, so schreibt Sohr selbst: „daß der Sohn seines wärmsten Verehrers hier angestellt sei.“ Er begegnete ihm mit herablassendem Wohlwollen, und dem befangenen jungen Manne erschien“der vertraute der Musen diesen seinen holden Freundinnen gleich heiter, zu freundlich, als daß jener nicht jede Aengstlichkeit, von dem weiten Abstande des höchsten Ranges in ihm, dem Geringeren, erzeugt, weggedrängt gefühlt hätte.“ Die Unterredung schloß seitens des Ministers mit der Aufforderung, „die so selten lohnende Amtskarriere mit einer vorteilhafteren zu vertauschen,“ d.h. wie wir mit unserem Sprachgebrauche sagen würden, von der Justiz zur Verwaltung überzugehen, obgleich allerdings eine so strenge Scheidung beider Sphären, wie sie in Preußen seit langer Zeit durchgeführt ist, in dem damaligen Sachsen nicht bestand. Dieser Begegnung mit dem Minister folgte denn auch nach kurzer Pause am 21. Juni die Aufforderung an Sohr, nach Dresden zu kommen, da ein hohes Finanzkollegium revolvirt habe, ihn zur Ausarbeitung einer Probeschrift zu admittiren. Es handelte sich um ein erledigtes Sekretariat bei dieser Behörde, in welcher die Finanz- undDomänenverwaltung des Landes centralisirt war und welche ungefähr dieFunktionen unseres Finanzministeriums hatte. Ein wenige Tage jüngerer Brief seines Freundes Reinhard bestätigte ihm, „daß ein hohes Geheimes Finanzkolleg ihm die Spitze seines Scepters zuneige“ und drückte ihm die Freude darüber aus, „daß ein Philister nach dem anderen aus der Provinz der residenz zuwandere, so daß am Ende das ganze Universitätskolleg hier beisammen sein werde.“ Sohr´s Verpflanzung nach Dresden ging nun in ziemlich schnellem Tempo ihren vorschriftsmäßigen Gang. Durch eine Unpäßlichkeit aufgehalten, traf er am 1. Juli in Dresden ein, meldete sich bei dem Geheinrath von Gutschmid als dem Direktor des 3. Departments und machte seine Visiten bei dem Minister und den geheimräthen. Besonders befriedigt war er von der Aufnahme, die er bei Herrn von Carlowitz fand. Er erhielt dann die Akten für seine Probeschrift, die er in Dresden ausarbeitete, am 3. August  einreichte und dann gleich nach Kolditz zurückkehrte. Die Schrift betraf einen Rechtsstreit zwischen einer Gemeinde und dem königlichen Fiskus über die von jener begehrte Einhütung ihres Viehs in den benachbarten königlichen Wald, also einen Gegenstand, dessen Erörterung tief in die praktischen Fragen aus dem Gebiete der Forstwirtschaft hineinführte und von den bisherigen Beschäftigungen Sohr´s weit verschieden war. Indessen er bewährte schon hier die Leichtigkeit und geistige Beweglichkeit, mit der er es sein ganzes amtliches Leben hindurch verstanden hat, auf den veschiedensten Gebieten der Praxis zu orientiren, eine Eigenschaft, die ihn zu einem Geschäftsmann von so eminenter Brauchbarkeit machte. Seine Probearbeit wurde approbirt, das Finanzkollegium erstattete Bericht an das geheime Kabinet, auf Grund dessen der König Sohr´s Anstellung als Finanz-Sekretär mit einem Gehalt von 300 Thlr. genehmigte.

Im November 1810 trat er sein neues Amt in Dresden an, offenbar in Erwartung, an diesem längst ersehnten Orte für lange Zeit, ja aller Wahrscheinlichkeit nach für die Dauer seines Lebens sich niederzulassen.  Alle seine Einrichtungen waren auf die Dauer berechnet, er gründete sich einen eigenen Hausstand, indem er eine seiner Schwestern zu sich nahm, er schloß sich dem Freimaurer-Orden an, indem er sich am 2. August 1811 in die Loge „Zum Goldenen Apfel“ aufnehmen ließ, und neben seiner eigentlichen Amtsthätigkeit begann er nach der damaligen sächsischen Verwaltungspraxis Agenturgeschäfte für seine heimathliche Provinz zu betreiben, die ihm gleich von vorn herein einen nicht unbeträchtlichen Nebenerwerb gewährten. Aber schon im folgenden Jahre wurden alle diese kaum geknüpften Beziehungen wieder gelöst. Sohr wurde nämlich im April 1812 nach Frauenstein im Erzgebirge geschickt, dem Mittelpunkte für die Verwaltung eines Domänen-Rent- und Forstamtes, zu dem namentlich ansehnliche landesherrliche Waldungen gehörten. Die Leitung dieses Amtes hatte er interimistisch zu übernehmen, da der dortige Rentbeamte, ein Amts-Inspektor Hermann, wegen pflichtwidriger Handlungen ab officio removirt und in Untersuchung genommen war. Am 1. Mai trat er die dortigen Geschäfte an, für die er diätarisch  mit 1 Thlr. 18 Ggr. Täglicher Auslösung in der Weise bezahlt wurde, daß er diese Summe selbst aus den Amtseinkünften zu entnehmen und in Rechnung zu stellen hatte. Ohne Zweifel hatte Sohr diese Kommission als einen ehrenden Beweis des Vertrauens in seine Zuverlässigkeit und Gewandtheit aufzunehmen; auch ist der Gewinn an Erfahrung und Uebung im Gebiete der Verwaltungspraxis, den er aus dieser neuen Stellung zog, sicher nicht gering anzuschlagen, während er zugleich in diesem verhältnisse wieder gelegenheit fand, sich nebenbei eine bedeutende Advokatenpraxis zu erwerben. Aber diese Vortheile mußten andererseits durch die beschwerlichsten und empfindlichsten Opfer erkauft werden. Schon an und für sich war für ihn, der kaum recht angefangen hatte, sich des großstädtischen Behagens zu erfreuen, Frauenstein, ein elendes Bergstädtchen mit ungefähr 800 Einwohnern, gegen Dresden ein schlechter tausch. Dazu kam die unbestimmte Dauer des neuen Aufenthaltes, welche ihn veranlaßte, seine Wohnung in Dresden beizubehalten, während er zugleich gezwungen war, ansehnliche Summen aufzuwenden, um in dem halb verfallenen alten Schlosse zu Frauenstein, auf das er angewiesen war, einige Zimmer wenigstens in einen leidlich wohnlichen Zustand zu versetzen, ohne doch die feuchte und ungesunde Luft aus diesen düsteren Räumen vertreiben zu können. Diese in der Sache selbst liegenden Beschwerden traten aber bald in den Hintergrund gegen die schweren Heimsuchungen des Krieges von 1813, denen Sohr grade in der gegenwärtigen Lage doppelt ausgesetzt war. Frauenstein liegt 4-5 Meilen in süd-südwestlicher Richtung von Dresden entfernt und bis zu der böhmischen Grenze beträgt die Entfernung kaum 1 ½ Meile. Diese Lage des kleinen Ortes brachte es mit sich, daß er in den Tagen unmittelbar vor und nach der Schlacht von Dresden zum Schauplatz des wildesten Kriegsgetümmels wurde. Die große böhmische Armee überstieg im August 1813 nach Ablauf des Waffenstillstandes den Kamm des Erzgebirges auf der Marienberger Straße, südwestlich von Frauenstein, eigentlich in der Absicht, einen Stoß in der Richtung nach Leipzig zu führen, wo man die Hauptmacht der Franzosen zu treffen glaubte. Erst auf sächsischem Boden wurde man eines Besseren belehrt und nun wurde mit einer schnellen Aenderung des Planes die Richtung Dresden eingeschlagen, ein beschwerlicher Weg, der die zahlreichen Flußthäler am Nordabhange des Erzgebirges fast unter einem rechten Winkel durchschneidend gerade durch die Gegend von Frauenstein führte. Sohr hat die Vorfälle, deren Augenzeuge und deren Opfer großentheils er auf diese Weise in den Monaten August, September und Oktober geworden ist, von Tage zu Tage genau verzeichnet. Bis zum 22. August gab es französische Einquartierung. An diesem Tage Abends 7 Uhr marschirte diese gegen Dresden zu ab, schon vor 8 Uhr erschienen preußische Husaren, denen in den folgenden Tagen Preußen, Russen und Oesterreicher in Menge unter dem Fürsten von Lichtenstein folgten. Nun gehen aus den umliegenden Dörfern von allen Seiten auf dem Rentamte Nachrichten von der allgemeinen Verwüstung auf den Bauernhöfen wie in Wiese, Feld und Wald ein, ein Pachter meldet; daß ihm sein gesammtes Vieh genommen worden sei; Sohr selbst büßt sein Dienstpferd ein. Am 26. Und 27. August, während die der Armee folgenden Lazarette und Bagagewagen noch die Gegend von Frauenstein passiren, vernimmt man schon die Kanonade der dresdener Schlacht und sieht den Himmel in jener Richtung in Feuerröthe glühen. Am 28. beginnt nun das traurige Schauspiel des Rückzuges der geschlagenen Armee. Die Kanonade zieht sich näher und näher, es kehren zuerst die Bagagewagen in Unordnung zurück; mit ihnen einige Kosaken, dann am 29. August erscheint das Gros der Oesterreicher (die Preußen berührten auf ihrem Rückzuge Frauenstein nicht). Aber schon am Abende dieses Tages sprengen ein paar verfolgende französische Dragoner in die Stadt ein und machen ganze Trupps österreichischer Infanterie zu Gefangenen. Nun verwandelte sich der Rückzug in eine wilde Flucht mit allen ihren Schrecken. „Bei dem Zuruf eines einzigen französischen Reiters“, schreibt Sohr, „warfen gegen 40 Infanteristen ihre wohlgeladenen Flinten weg und verließen zwei Bagagewagen, die sie decken sollten. Es war ein schmerzlicher Anblick, Deutsche so sich entwürdigen zu sehen und bitter drängte die Erfahrung weniger Tage die Bemerkung auf, daß der Fluch des Himmels selbst auf den deutschen Unternehmungen zu ruhen scheine.“ Der weitere Verlauf des Krieges hat Gott sei Dank dieser trüben Anschauung widersprochen, in der übrigens auf eine wohltuende Weise die patriotische Sympathie eines Deutschen hervorbricht, der durch die unselige Politik der Regierung, der er damals diente, dazu verurtheilt war, ein unthätiger und leidender Zuschauer unsers großen Nationalkampfes zu sein.

Wie viel schlimmer ein fliehendes Heer in den durchzogenen Landstrichen zu hausen pflegt, als ein siegreich vordringendes, das bewährte sich übrigens auch hier. Die einzelnen Züge, die Sohr aus jenen Tagen aufgezeichnet hat, sind wie ein Kommentar zu Göthe´s Worten: (Herrmann und Dorothea VI.):

Ach, da fühlen erst das traurige Schicksal des Krieges!

Denn der Sieger ist groß und gut; zum wenigsten scheint er´s,

Und er schonet den Mann, den Besiegten, als wär´er der Seine,

Wenn er ihm täglich nützt und mit den Gütern ihm dient.

Aber der Flüchtige kennt kein Gesetz, denn er wehrt nur den Tod ab

Und verzehret nur schnell und ohne Rücksicht die Güter,

Dann ist sein Gemüt auch erhitzt und es kehrt die Verzweiflung

Aus dem Herzen hervor das frevelhafte Beginnen.

Nichts ist heilig ihm mehr, er raubt es.

 

Es ist hier der Ort, die Wechselfälle des Krieges, von denenEs ist hier der Ort, die Wechselfälle des Krieges, von denen Frauenstein in den nächsten Wochen betroffen wurde, weiter in´s Einzelne zu verfolgen. Bis zur Schlacht bei Leipzig wurde die Gegend von Soldaten eigentlich nicht leer, jeder Tag brachte neue Durchzüge, neue Requisitionen und Erpressungen erst von Seiten der Franzosen und dann der wieder vorrückenden Alliierten. Selbst Baschkiren und Kirgisen statteten einmal der kleinen, scheinbar so entlegenen Stadt ihren Besuch ab. Für Sohr persönlich waren die schrecklichsten Tage der 22. Und 23. September, an denen das Schloß von Kosaken nach einem in nächster Nähe von Frauenstein stattgefundenen Gefechte mit der französischen Brigade Cambacérès förmlich ausgeplündert wurde und er also den größten und wertvollsten Theil seines Besitzthums einbüßte. Was ihm etwa noch geblieben war, ging kurze Zeit darauf durch einen Brand des Schlosses zu Grunde, der auch viele seiner Papiere und Handschriften verzehrte, und so traf Alles zusammen, um ihm den Aufenthalt in Frauenstein zu erschweren. Ganz besonders mußten aber auch die Nachrichten, die er von den Seinigen erhielt, dazu beitragen, seine Stimmung zu trüben und zu verdüstern. Denn auch seine Vaterstadt Görlitz, an der großen Heerstraße zwischen Sachsen und Schlesien gelegen, wurde von den Leiden des Krieges auf das schwerste heimgesucht und sein Vater wurde als Haupt einer zahlreichen Familie, als Grundeigenthümer und vor Allem als Oberhaupt der Stadt selbst doppelt und dreifach davon betroffen. Die Briefe, in denen er dem Sohne sein bekümmertes Herz ausschüttet, die lebendigen Schilderungen, die er ihm von dem Elend in Haus und Stadt entwirft, machen noch heut nach einem halben Jahrhundert auf den unbetheiligten Leser einen erschütternden Eindruck. Wie müssen sie damals auf den von Vaterhause entfernten Sohn gewirkt haben, der, ohne helfen zu können, seinen wackeren Vater der Last der Sorgen und Geschäfte und der ungeheuern Verantwortlichkeit fast erliegen, die Seinigen von den durch die Soldaten eingeschleppten Seuchen unaufhörlich bedroht, eine geliebte Schwester unter dem Eindrucke der Schreckenscenen des Krieges dem Wahnsinn verlassen sah. Sohr´s Thätigkeit in Frauenstein dauerte gerade so lange, daß ihm Zeit blieb, die Verwüstungen, die der Krieg in seinem Amtsbezirke angerichtet hatte, nach Kräften einigermaßen wieder auszuheilen.

Am 25. August 1814 gab er die über zwei Jahre geführte Verwaltung in die Hände seines suspendirten und nun wieder rehabilitirten Vorgängers zurück und trat wieder in seine dresdener Stellung als Finanzsekretär ein, in der ihm diesmal freilich eine noch viel kürzere Wirksamkeit beschieden war, als zuvor. Der König von Sachsen war nach der Schlacht von Leipzig als Kriegsgefangener nach Berlin geführt und sein Land von Seiten der Sieger unter ein General-Gouvernement gestellt worden, welches anfangs von dem russischen Fürsten geleitet, am 8. November 1814 in preußische Hände überging. Als der preußische Minister von der Recke und der General Gaudy mit einer Anzahl preußischer Beamter von Dresden aus die Verwaltung des Landes ubernahmen, wurde dieser Schritt ausdrücklich als Vorbereitung für die völlige Vereinigung Sachsens mit Prußen bezeichnet. Der Gang der Verhandlungen auf dem Wiener Kongresse führte dann freilich zu einem anderen Ergebnisse und statt der gänzlichen Einverleibung kam es zu einer Theilung des Landes. A. 28. Mai 1815 willigte der König von Sachsen in die Abtretung der Hälfte seines Landes, wozu auch Görlitz, Sohr´s Heimat, gehörte. Am 27. Mai kam die Nachricht von dieser Entscheidung nach Dresden. An diesem Tage begegnete Sohr auf der Straße dem Geheimen Finanzrath Behrnauer, einem sächsischen Beamten, der in dem General-Gouvernement als Kodirektor der 1. Sektion angestellt war. „Dieser, der selbst entschlossen war, ganz in den preußischen Staatsdienst überzutreten, sprach mich an, als er hörte, daß ich als nunmehro geborner Preuße meine Laufbahn im sächsischen Dienste nicht füglich fortsetzen könne, für eine Anstellung im Preußischen für mich zu sorgen.“ Sohr hatte also seinen Entschluß ebenfalls schnell genug gefaßt, und wenn er dabei auf seine Zugehörigkeit zu einem der abgetretenen Landestheile besonderes Gewicht zu legen schien, so dürfen wir wohl annehmen, daß ihm dieser Umstand mehr zu einer schicklichen Motivirung seines Wunsches dienen sollte, als daß in ihm gerade das wichtigste oder gar das ausschließliche Motiv desselben gelegen hätte.  Wenigstens findet sich nirgends eine Spur, daß ihm ein solcher Wechsel schwer geworden wäre und andererseits fehlt es ja auch nicht an Beispielen anderer sächsischer Beamten, die ohne einen solchen äußeren Anlaß den gleichen Schritt gethan haben, wofür ich nur an Körner, Schiller´s edlen Freund, zu erinnern brauche. Wie dem auch sein mochte, dem schnellen Entschlusse folgte die schnelle That. Sohr stellte sich sogleich dem preußischen Geheimrath Krüger vor undwurde von diesem aufgefordert, nach Merseburg zu gehen. Hierher verlegte nämlich nach festgestellter Theilung das bisher in Dresden residirende General-Gouvernement seinen Sitz und verwaltete zunächst von da aus die abgetretenen Landestheile weiter, die den Namen eines Herzogthums Sachsen erhielten. An einer solchen mündlichen Aufforderung ließ sich Sohr aber nicht genügen. Vielmehr richtete er am 31. Mai an das General-Gouvernement ein förmliches Gesuch um Anstellung in Preußen, worin er sagt, er halte es für unangemessen, im Dienste des ihm fremd gewordenen Fürsten zu bleiben und wünsche nichts sehnlicher, als seine geringen Kräfte dem hohen Monarchen widmen zu dürfen, dem er der Geburt nach unterthänig sei. Er hebt hervor, daß er sich mit dem gerichtlichen Geschäftsgange bei früheren Anstellungen in mehreren Justizämtern vertraut gemacht habe, daß er dann in Dresden den Organismus einer Centralbehörde kennen gelernt, und ferner bei einer zweijährigen Administration eines bedeutenden Rentamtes Gelegenheit gefunden habe, die innere Finanz- und Domänenverwaltung kennen zu lernen. Auf dieses Gesuch erfolgte schon am folgenden Tage, am 1. Juni, die Antwort von von der Reck und Gaudy im Namen des General-Gouvernements unterzeichnet, nach welcher wegen der gewünschten Anstellung demnächst die erforderlichen Anträge gemacht und die desfalsigen Einleitungen getroffen werden sollten. Einstweilen solle Sohr dem General-Gouvernement nach Merseburg folgen. Dies geschah denn auch in den nächsten Tagen und schon am 6. Juni begann er dort seine Thätigkeit in preußischen Diensten, obgleich die förmliche Entlassung aus dem sächsischen Dienstverhältnisse, die er vorher nachgesucht hatte, erst vom 17. Juni datirt ist.

Sohr´s Stellung in Merseburg war die eines vortragenden Hülfsarbeiters und er bezog zunächst mit dem Titel eines Geheimen expedirenden Sekretärs dieselben Einkünfte fort, die er in Dresden gehabt hatte, d.h. ein Fixum von 400 Thlr. jährlich und als Aequivalent für die dort genossenen Emolumente 1 Thlr. täglicher Diäten. Ohne demnach äußerlich irgendwie glänzend situirt zu sein, fand er doch während der Fortdauer des provisorischen Zustandes, in dem sich die Verwaltung der neuerworbenen Landestheile noch längere Zeit befand, reiche Gelegenheit, eine vielseitige und einflußreiche Thätigkeit zu entfalten. Er trat in der ersten Sektion des Gouvernements in Merseburg als votirendes und beratendes Mitglied ein, welche alle den Abtheilungen der Polizei und des Innern, sowie des Kirchen- und Schulwesens der königlichen Regierung später zugewiesenen Geschäfte neben der Justiz-Verwaltung übernahm und bearbeitete die Präsidialia, die Kirchen- und Schulangelegenheiten, sowie die Hoheitssachen, unter welche letzteren auch die Ausgleichungsangelegenheiten mit Sachsen gehörten, die für die besonders in Dresden eingesetzte königlich preußische Ausgleichungs-Kommission präparirt werden mußten.

Daß er dieser schwierigen Aufgabe zur vollen Zufriedenheit seiner neuen Vorgesetzten genügte, darüber liegt ein von dem Geheimen Staatsrath Bülow, dem ersten Oberpräsidenten der neugebildeten Provinz Sachsen, unterzeichnetes Zeugnis vor, welches seine vorzügliche Umsicht, Kenntniß und Geschicklichkeit, seinen lobenswerten Eifer und seine rühmliche Ausdauer hervorhebt. Daß er aber dabei auch seine alten Beziehungen zu der Heimath nicht vergaß, dafür fehlt es ebensowenig an Beweisen; denn wenn er auch von manchen seiner Landsleute als Abtrünniger getadelt wurde, so überwog doch die Zahl derer, die durch ihn in ihren eigenen Angelegenheiten gefördert sein wollten, guten Rath für ihr Verhalten in den neuen Verhältnissen, wirksame Fürsprache bei der preußischen Behörde oder vortheilhafte Anstellung durch ihn zu erlangen wünschten: und wo er konnte half er gern. Er wußte diesen oder jenen seiner Universitätsfreunde zu placiren; seinem Vater, der ja als Bürgermeister von Görlitz von der Veränderung mit am nächsten und stärksten berührt wurde, hat er manchen nützlichen Wink gegeben, manchen wesentlichen Dienst geleistet.  Auch den Grafen Stolberg-Stollberg und Stolberg-Roßla, deren Besitzungen mit zu den an Preußen gekommenen Theilen von Sachsen gehörten, hat er sich bei der Ordnung der neuen Verhältnisse zu der Krone Preußen nützlich gemacht. Und bei solchem vereinzelten und zufälligen Einwirken blieb es nicht. Die ganze Oberlausitz, soweit sie preußisch geworden war, wo die einflußreiche Stellung, die einer der Ihrigen bei dem Gouvernement gewonnen hatte, keine geringe Sensation erregte, sah ihn als den natürlichen Vertreter ihrer Interessen an; er wurde von den Städten und den Landständen dieses Landestheiles förmlich zum Agenten bestellt und übernahm als solcher unter Anderm eine regelmäßige Berichterstattung über Alles, was seine Auftraggeber interessiren konnte, und als im August 1815 in Merseburg die Huldigung durch Deputirte der neu erworbenen Landestheile erfolgte, - zu denen natürlich auch sein Vater gehörte – da wurde seine Hülfe und Vermittelung von der Heimath vielfältig in Anspruch genommen und auf das bereitwilligste geleistet, wofür er denn seinerseits wieder reichen Dank einerntete.

Sohr hatte also wohl alle Ursache, in dem Wirkungskreise, den er in Merseburg gefunden hatte, sich befriedigt zu fühlen. Aber diese Befriedigung machte nur zu bald einer Reihe von Widerwärtigkeiten und Enttäuschungen Platz, die ihn zuletzt fast dahin brachten, den Uebertritt aus Sachsen nach Preußen zu bereuen. Seine Thätigkeit in Merseburg konnte ihrer Natur nach nur von beschränkter Zeitdauer sein.  Die provisorische Verwaltung der ehemals sächsischen Gebietstheile, an der Sohr hier betheiligt war, machte im Anfang des Jahres 1816 einer definitiven Organisation Platz. Am 14. März wurde das General-Gouvernement aufgelöst, nachdem der größere Theil des abgetretenen Landes mit älteren preußischen Territorien zu der Provinz Sachsen verbunden war., während die Lausitzen den Provinzen Brandenburg und Schlesien überwiesen wurden. Es war also der Zeitpunkt da. Wo auch die bei der aufgelösten Behörde beschäftigten Beamten eine definitive Verwendung finden mußten. Sohr hatte erwartet, bei einer der beiden sächsischen Regierungen, die für die neuen Erwerbungen gebildet wurden, in Merseburg oder in Erfurt, als Regierungsrath angestellt zu werden, wie es in zwei gleichzeitig mit ihm aus Sachsen in den preußischen Dienst herübergezogenen Finanz-Sekretären in der That geschehen war. Schon am Tage der Auflösung des General-Gouvernements, am 14. März, wendete sich Sohr an den Fürsten von Hardenberg mit der Forderung, in gleicher Stellung wie jene beiden, die ihm noch dazu in Sachsen nachgestanden hätten, an eine der sächsischen Regierungen zu kommen. Er sei, fügt er hinzu, in dem früheren Staatsdienste nie zurückgesetzt, vielmehr öfters vor Anderen ausgezeichnet worden, und habe auch dem neuen Vaterlande seine Kräfte in einer Zeitperiode, wo die größten Anstrengungen verlangt wurden, redlich und ohne irgendeinem seiner Mitarbeiter nachzustehen, mit vollem Beifall seiner hiesigen Vorgesetzten gewidmet. Da dieses Gesuch unbeantwortet blieb, so ließ Sohr am 30. April ein zweites, dringenderes nachfolgen. Inzwischen waren Alle, die mit ihm in gleicher Geschäftsbeziehung gestanden hatten, placirt worden, die sächsischen Regierungen waren in ihrer Organisation vollendet, auch der Etat der Liegnitzer Regierung, wo er demnächst eine Stelle zu finden erwartet hatte, erschien ohne seinen Namen; er fing an zu zweifeln, ob er wirklich in den preußischen Staatsdienst aufgenommen sei, und begehrte bei Formirung  der noch nicht gebildeten Regierungen der Provinzen Pommern, Ober- und Nieder-Rhein, Cleve, Berg und Westphalen berücksichtigt zu werden.  In einer dritten, vom 6. Mai datirten Eingabe fand er es schon geboten, sich auf die oben mitgetheilte schriftliche Zusicherung des General-Gouvernements zu berufen, welches ausdrücklich autorisirt gewesen sei, sächsische Staatsdiener nach Preußen herüberzunehmen.  Das damals bei seiner Uebersiedlung nach Merseburg gegebene Versprechen sei noch immer unerfüllt gebleiben. Auch seinen Vater, der im Jahre 1813 die Bekanntschaft Hardenberg´s gemacht hatte, veranlaßte er sich in ganz ähnlicher Weise an diesen zu wenden, und er selbst ließ den noch immer erfolglosen Eingaben an Hardenberg in den nächsten Tagen Beschwerden an den Minister der Innern von Schuckmann (10. Mai) und an den Finanzminister Grafen Bülow (21. Mai) nachfolgen. Auch seinen sächsischen Landsmann Behrnauer, der mit ihm von Dresden nach Merseburg gegangen war und nun schon seinen Platz in Berlin als Geheimer Regierungs-Rath im Ministerium der Innern gefunden hatte, setzte er für sich in Bewegung. Denn seine Lage in Merseburg wurde in der That nachgerade unerträglich. Die neu formirte Regierung war in volle Thätigkeit getreten. Der Präsident derselben, von Schönberg, der selbst mit zu den aus Sachsen herübergekommenen Beamten gehörte, wollte ihm zwar wohl und schätzte ihn sehr. Eine Zeit lang hatte er ihn zur Führung der Korrespondenz mit der königlich preußischen Ausgleichungs-Kommission in Dresden gebraucht. Aber diese Geschäfte gingen zu Ende und es kam der Augenblick, wo für ihn in Merseburg schlechterdings nichts mehr zu thun blieb und wo selbst die materiellen Bedingungen seiner Existenz in Frage gestellt wurden. Denn er konnte von der dortigen Regierungshauptkasse ohne höhere Anweisung die Fortzahlung seines Dienst-Einkommens nicht weiter verlangen. So auffallend diese Vernachlässigung eines Beamten erscheint, der für seine Thätigkeit von Seiten derer, unter deren Augen er gearbeitet hatte, die günstigsten Zeugnisse beizubringen vermochte, und so sehr man sich daher versucht fühlen muß, ein besonderes Motiv für dieses Verfahren zu suchen, so habe ich doch keine Spur eines solchen entdecken können, Sohr selbst schob die Schuld hauptsächlich auf den Regierungspräsidenten in Erfurt, Grafen Keller, welcher den anderen beiden sächsischen Regierungspräsidenten in Merseburg und Magdeburg ausdrücklich zugesichert habe, er werde ihn placiren, hinterher aber ihn doch bei seinen Vorschlägen unberücksichtigt gelassen habe. So sei es gekommen, daß auch die Andern, weil sie auf jene Zusage gerechnet, nichts für ihn hätten thun können. Daß solche Dinge vorkommen können, dafür würden sich wohl auch aus geordneteren und minder drangvollen Zeiten manche Beispiele beibringen lassen. Um so weniger dürfen wir uns darüber wundern in einer Periode massenhafter Neugestaltungen und gegenüber einem Manne, der, so verdient er auch war, doch in seinem neuen Vaterlande alle die Verbindungen und Beziehungen entbehrte, die andern zu Gute kamen und deren Mangel auch dem Tüchtigen, wie die Verhältnisse einmal sind, seine Laufbahnerschweren muß. Erzählt uns doch auch Friedrich von Raumer in seinen Lebenserinnerungen (Leipzig 1861) wie sogar er, der in Berlin erzogen war und seine Laufbahn von vornherein im preußischen Staatsdienste begonnen hatte, wenige Jahre vor den hier berichteten Erfahrungen Sohr´s von den kurmärkischen Junkern in Berlin, weil er in Dessau geboren war, als ein „Fremdling“ scheel angesehen wurde. Wie dem auch sein mochte, jedenfalls war es ein kluger Entschluß, den Sohr ausführte, nachdem ihm schon ganz andere Pläne durch den Sin gefahren waren, z.B. in Sachsen-Weimar Dienste zu suchen – daß er nach Berlin ging, um seine Sache dort selbst zu betreiben.

Während des Juni und Juli 1816 hat er sich zwei Monate lang dort aufgehalten, er, der noch eben in Merseburg eine viel geltende  und gesuchte Persönlichkeit gewesen war, jetzt in der wenig beneidenswerten Rolle eines Kandidirenden. Zwar hatte ihn sein Gönner, der Präsident von Schönberg, durch einen günstigen Bericht vorgearbeitet und ihn auch jetzt mit Empfehlungsbriefen ausgestattet, aber er hatte nichtsdestoweniger auf dem ihm ganz fremden Berliner Terrain mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen. Zwar daß er überhaupt in Preußen eine angemessene Anstellung finden sollte, galt überall als ausgemacht, aber die Fragen nach dem Wie, Wo und Wann waren, als er nach Berlin kam, noch weit von ihrer Erledigung entfernt. Namentlich erfuhr er, daß die Absicht vorgewaltet habe, ihn für die Regierung in Aachen zu bestimmen, daß sich aber neuerdings wieder Ausfichten für eine Vakanz in Erfurt eröffnet und jenen Plan in den Hintergrund geschoben hätten. Das Gefühl, dadurch abermals von dem guten Willen des Grafen Keller abhängig zu sein, dem er, ich weiß nicht, mit welchem Grunde, eine entschieden abneigende Gesinnung zuschrieb, verstimmte ihn in hohem Grade, obgleich er sich trotzdem die Mühe nicht verdrießen ließ, sich selbst an ihn zu wenden. Aber auch die übrigen Erfahrungen, die er in Berlin machte, waren größtentheils eben nicht von freundlicher Art. Er spricht sich selbst darüber, sowie über seine Hoffnungen und Wünsche in einem ausführlichen Briefe an den Präsidenten von Schönberg vom 25. Juni folgendermaßen aus:

„Selbst bei dem beispiellosen Truge, der mir seit dem Ende des vorigen Jahres unaufhörlich geboten wurde, vermag ich den Glauben an ein endliches Gelingen meines beschwerlichen Strebens nicht aufzugeben; ich halte ihn sogar in diesem Augenblicke noch fest, wo nur unsichere und ungewisse Aussichten mit geboten sind und wo mein Schicksal zunächst den Launen des Grafen Keller abermals preisgegeben worden ist. Mein Eintreffen in Berlin überraschte den Herrn Geheimen Regierungs-Rath Behrnauer, er hatte zu meinem Besten nicht das allergeringste gethan und fürchtete nunmehr von mir hier zu sehr in Anspruch genommen zu werden. Ich konnte ihn jedoch nur bewegen, mich dem Herrn Minister des Innern, Herrn von Schuckmann, und dem Herrn Staatsrath Köhler, welcher von Seiten des Ministerii des Innern im Organisationsgeschäfte den Vortrag hat, zu empfehlen. Im Finanzminsterio hatte er keine Bekanntschaft. Bei dem Staatskanzler war Fürsprache, wenn sie wirklich hätte bewirkt werden wollen, nicht von Nutzen, da bei demselben vorzukommen nicht möglich ist, er auch ohnlängst beendigter Organisation mit neuen Stellenbesetzungen nichts mehr zu thun haben mag. Indeß war ich mit den erhaltenen Empfehlungen zufrieden, da Schuckmann mich sehr artig, Köhler äußerst theilnehmend aufnahm und beide mir Zusicherungen ertheilten, daß ich in keinem anderen Maße angestellt werden sollte, als es die wären, die mit mir früher und später in gleichem Geschäftsverhältnis standen, hiernächst mir auch eröffneten, daß in den Regierungen in Aachen und Erfurt Vakanzen eintreten würden, bei welchen man mich berücksichtigen wolle …. Der Geheime Ober-Regierungs-Rath Rother ist wie der liebe Gott: man sieht und hört ihn nicht und vermuthet sein Dasein nur. Um den von Demselben mir geneigtest mitgegebenen Brief abzugeben, mußte ich ihn, nachdem ich acht Tage lang unaufhörlich und zu verschiedenen Stunden in seiner Behausung und im Büreau Nachfrage gehalten hatte, im letzteren bloquiren.  Hier stand ich von ½ 12 Uhr bis 4 Uhr, ließ mich mehrere Male melden, wurde immer abgewiesen und überraschte ihn endlich beim Nachhausegehen. Ich überreichte ihm den Brief, er spielte den geschäftigen und bestellte mich des folgenden Tages um 12 Uhr. Dies war die Stunde, wo er immer bei dem Staatskanzler ist und soll er gern  mit armen Sollicitanten sein Spiel treiben. Ich wiederholte jedoch die Scene des vorigen Tages und wartete ihn abermals ab. Auch sprach ich jetzt etwas mehr mit ihm, doch ohne tröstliche Antwort zu erhalten, als daß der Bericht von Erfurt abgewartet werden müsse …. Abgehen darf ich von hier nicht eher, als bis ich reüssirt habe. Köhler und Rother rathen mir wenigstens dazu und insbesondere spricht Ersterer wie von einem gewissen Vergessenwerden, wenn ich jetzt vom Platze weichen wollte. Leider quälen mich aber außer den unangenehmen Empfindungen, die so vielfach gereizten Gefühle und eine gewiß sehr zu entschuldigende bittere Reue erregen, Müßiggang und Geschäftslosigkeit. Vorwürfe, die aus dem Vaterhause, wohin ich seit dem November vorigen Jahres alle meine falschen Hoffnungen unvorsichtig meldete, mit ohnlängst gemacht wurden, haben meinen Körper bereits so angegriffen, daß ich schon seit acht Tagen fast unausgesetzt die Stube hüten muß. Die Meinigen müssen Mißtrauen in meine Nachrichten setzen, da sie sich bisher niemals bestätigten, untrennbar peinigend ist es aber, schuldlos als geächteter Windbeutel zu erscheinen“ …

So hoffnungslos, wie sie in diesem von der bitteren Stimmung diktirten Briefe erscheint, war die Lage der Dinge für Sohr übrigens bei weitem nicht. Vielmehr war sein Schicksal in dem Augenblicke, wo er die eben mitgetheilten Worte schrieb, wahrscheinlich schon entschieden. Denn nur wenige Tage später, am 4. Juli, erhielt er von dem Staatsrath Köhler die offizielle Benachrichtigung, daß er zum Regierungsrath in Reichenbach ernannt sei, und bald darauf war die vom 13. Juni datirte Kabinetsordre in seinen Händen, durch welche ihm die 17. Rathsstelle an der dortigen Regierung mit einem Gehalt von 800 Thlr. übertragen wurde, die er denn auch nach einem kurzen besuche des Vaterhauses verwendeten Urlaub mit dem September des Jahres 1816 antrat. Damit war also die Hauptsache erreicht. Sohr war in aller Form in den preußischen Staatsdienst eingeordnet. Welche Umstände übrigens gerade für diesen in den früheren Verhandlungen nie genannten Ort den Ausschlag gegeben haben, darüber finden sich in den mir vorliegenden Papieren keine Andeutungen. In Sohr´s Wünschen lag eine solche Wahl jedenfalls nicht, ja sie stand mit ihnen sogar im Widerspruche, wenn es auch jedenfalls eine Uebertreibung des augenblicklichen Unmuths war, die ihn später in einem Schreiben an den Staatskanzler (23. Mai 1818) sogar von einer Verweisung nach Reichenbach sprechen ließ. Sein Sinn war immer vorzugsweise auf eine Thätigkeit in einem der vormals sächsischen Landestheile gerichtet geblieben. Schlesien dagegen war ihm ein völlig fremdes Land, für welches er damals keinerlei besonderes Interesse hegte. Dazu kam, daß gerade das Leben in Reichenbach seine besonderen Beschwerden mit sich führte. „Vin persönlichem Wohlbefinden“, schreibt er nach mehrmonatlichen Aufenthalte daselbst an den Präsidenten von Schönberg in Merseburg, 21. Dezember 1816, „kann in einem Orte von 450 Feuerstellen, wo niemand die Regierunghat gern einziehen sehen und wo es an so vielen Bedürfnissen fehlt, nicht die Rede sein. So artig ich auch von meinem Kollegen behandelt werde, so wenig gefällt es mir. Die hier gegen Sachsen auffallend vorherrschende Theurung mag mein Mißvergnügen wohl hauptsächlich verursachen; es rechtfertigt sich dasselbe aber einigermaßen, wenn ich für ein Quartier in einem Lehmhäuschen, das nicht die mindeste Bequemlichkeit gewährt und das vor mir eine ehrsame Tagerlöhnerfamilie inne hatte, 100 Thlr. bezahlen und noch froh sein muß, dieses bewohnbare Plätzchen gefunden zu haben. Das Holz ist so theuer wie in Merseburg, die Steinkohlen dagegen nicht so nutzbar und nicht so wohlfeil als die dortige Braunkohle. Andere Bedürfnisse sind durch die hohen Zölle und durch die Gewerbesteuer im Preise unglaublich gesteigert und selbst mein Buchhändler in Breslau bewilligt mir nicht nur keinen Rabatt, sondern schlägt den Ladenpreis selbst noch unter dem allerdings nicht ungegründeten Vorwande, daß das Porto den ganzen sonstigen Gewinn wegnehme, bedeutend auf. Die Viktualien haben hier, wo von der Einwohnerzahl des Kreises sich ziemlich 30.000 Menschen in den Raum von zwei Meilen im Umkreis der Stadt, in dem die bevölkerten Dörfer Langenbielau, Ernsdorf und Peilau liegen, drängen, immer so hoch als in Berlin gestanden u.s.w.“

Aehnliche Klagen wiederholen sich auch in anderen Schreiben aus jener Zeit und in der That gehört nicht viel Phantasie dazu, um sich die Zustände auszumalen, die in der kleinen bisher ganz allein auf sich selbst angewiesenen Stadt entstehen mußten, als sich dort ganz unerwartet eine Regierungsbehörde von etwa 20 Räthen und mehr als 60 Subalternbeamten niederließ, die noch dazu von den Einwohnern in einer  nichts weniger als entgegenkommenden Weise aufgenommen wurde. War doch der Präsident selbst auf den engen Raum eingeschränkt, den einer der dortigen Kaufleute nach manchem Widerstreben einzuräumen gezwungen werden mußte. Der Mangel an geeigneten Beamtenwohnungen war denn auch so in die Augen springend, daß der König sich veranlaßt sah, zur Anregung des Unternehmungsgeistes ansehnliche Baubenefizien zu bewilligen, 40 Prozent für den Neubau und 20 Prozent für den Ausbau innerhalb massiver Wände. Indessen es wurden an diese Bewilligungen von dem Finanzminister so drückende Nebenbedingungen geknüpft, daß sich nur zwei Personen fanden, die solche Neubaue unternehmen wollten. Dagegen wurden manche Quartiere, die Anfangs zwangsweise vermiethet werden mußten, nach Ablauf der einjährigen Zwangsfrist wieder eingezogen, so  daß sich die Noth um Unterkommen eher vergrößerte als verminderte. Das waren denn freilich Uebelstände, gegen welche die von Sohr lebhaft empfundenen und in ihrem ganzen Werthe geschätzten Reize der Umgegend, sowie der dort angeknüpfte und später auch von Breslau aus brieflich, sowie in vielfachen persönlichen Berührungen fortgesetzte Verkehr mit der gräflich Stolberggischen Familie auf Peterswaldau, der er durch den ihr nahe verwandten Präsidenten von Schönberg freundlichst empfohlen war, doch kein ausreichendes Gegengewicht bildeten, und welche sich für alle Betheiligten um so fühlbarer machten, als Reichenbach seinen Besoldungsverhältnissen nach in die dritte Klasse der Regierungen gestellt war und die Anstrengungen, die man von dort aus machte, in die zweite aufgenommen zu werden, erfolglos blieben.

Zu diesen auch auf allen seinen Amtsgenossen mehr oder minder hart lastenden Schwierigkeiten kamen nun aber für Sohr noch persönliche, die auf seiner fremden Herkunft beruhten und recht eigentlich seine amtliche Thätigkeit betrafen. Wir haben gesehen, daß ihm selber dieses fremde Element anfangs durchaus nicht erwünscht war. Indessen hier kam ihm seine rüstige Arbeitskraft und seine seltene geistige Gewandtheit zu Statten, und weit entfernt, die Anstrengungen zu scheuen, die ihm das Einarbeiten in völlig neue Verhältnisse nothwendig kosten mußte, fand er vielmehr bald gerade hierin  und in den schnellen Erfolgen, die er vor Augen sah, volle Befriedigung und Ersatz für so manche Entbehrung, die er sich aufzuerlegen gezwungen war. Er spricht über diese seine amtliche Stellung in einem Briefe an Streckfuß, den bekannten Dante-Uebersetzer, der auch zu den aus Sachsen in preußische Dienste herübergezogenen Beamten gehörte und damals noch Regierungs-Rath in Merseburg war, folgendermaßen aus: „Was die geschäfts- und Dienstverbindung, in welche ich durch meine Anstellung bei der Regierung gekommen bin, anbelangt, so bin ich vollkommen zufrieden. Zwar kann ich freilich nicht beurtheilen, ob man mich gern oder ungern hat kommen sehen, indeß darf ich das Letztere nicht befürchten, da ich hier Niemandem in den Weg getreten bin, … für mich aber hatte es ein besonderes Interesse, so plötzlich und mit einem Schlage in eine Provinz versetzt zu werden, wo die neue Verfassung, in die ich nur Schritt vor Schritt eingeweiht zu werden geglaubt hatte, nun ohne weitere Vorbereitung gekannt sein mußte. In der Voraussetzung, daß der neue Landsmann in der alten preußischen geschäftsbehandlung ein Böotier sein würde, wollte man auch mit mir recht säuberlich verfahren und ließ mich mein Direktor anfangs nur zwischen ein Paar tüchtigen Leitpferden, Kodecernenten genannt, am Geschäftsstrange ziehen. Ich versuchte jedoch gleich in den ersten Tagen mich in den mit übertragenen Departments, so gut als es bei einigem Fleiße möglich ist, einzuarbeiten und konnte daher schon nach acht Tagen zufällig ein paarmal mit gesetzstellen aus den Breslauer und Liegnitzer Amtsblättern, die wir beide, da unser Department aus Theilen von den vormals in Breslau und Liegnitz für Schlesien allein bestandenen Regierungen zusammengesetzt ist, in Anwendung bringen müssen, gegen meine Kodecernenten ausschlagen und ihre Vota umwerfen. Dabei fand ich bald eine Gelegenheit, den etwas für sich eingenommenen Schlesiern zu beweisen, daß man in Sachsen ebenfalls fleißig und gründlich arbeiten lernte, und ließ man mich daher ruhig von den statistischen, Juden-, Städte-, Real-, Gewerbe-gerechtigkeits-, Ablösungs- und Feuersozietätssachen, die mir als Department zugewiesen wurden, alleinigen Besitz nehmen.“

In dem schon oben benutzten Schreiben an den Präsidenten von Schönberg ergeht sich Sohr noch ausführlicher über seine in Reichenbach gesammelten amtlichen Erfahrungen. Er entwirft hier ein umfassendes Bild von dem ganzen Organismus der Behörde, in die er eben eingetreten war, und ich kann nicht umhin, die Hauptzüge dieser Schilderung hier mitzutheilen, da sie als Zeugnis von dem Eindruck, den auf einen sachkundigen Fremden die Eigenthümlichkeiten der preußischen Verwaltung gemacht haben, an und für sich ebenso interessant ist, wie sich andererseits die schnelle und eindringende Auffassungskraft des Schreibers, der nach einer Beobachtung weniger Monate so zu beurteilen verstand, darin auf das glänzendste bewährt.

„Der Präsident (Freiherr von Lüttwitz) ist ein Mann von ebenso trefflichem Herzen als gebildetem Geiste, der allgemeine Liebe und Zuneigung genießt und durch einnehmende Güte und wahre Humanität  die Behandlung der Geschäfte angenehm zu machen weiß. Er war früher Kreis-Direktor im Fürstenthum Bayreuth, dann Dirigent des oberschlesischen Landes-Oeconomie-Kollegii. Im Kriege von 1806 und 1807 zeichnete er sich durch Anstrengungen und Aufopferungen vieler Art aus und erwarb sich des Königs persönliche Achtung, von dem er das eiserne Kreuz und den roten Adlerorden trägt. Außerdem ist er Schwager vom Minister Schuckmann …. Daß die sonstigen schlesischen Regierungen mit den ihnen oggelegenen Geschäften wirklich nicht fertig werden konnten, und eine Vervielfältigung dieser Provinzialbehörden nothwendig war, legt sich aus den ansehnlichen Resten zu Tage, die die Regierungen in Breslau und Liegnitz an uns abgegeben haben. Die Administration war durch neuere gesetzliche Einrichtungen zu sehr beschwert worden. Die Einwirkung der Landesbehörden in die städtische Verwaltung durch Erlaß der Städteordnung, die Einführung der Gewerbesteuer, die Ausdehnung des indirekten Abgaben- und Stempelsteuerwesens, die Säkularisationen der geistlichen Güter, die Domänenverkäufe, die Dienst- und Zinsablösungen und andere wesentliche Veränderungen in der Verfassung herbeiführende Geschäfte konnten mit dem bisherigen Personal wirklich nicht bearbeitet werden, und es mußten Rückstände entstehen. Von diesen sind mir die über die Ablösung der Real-Gewerbe-Gerechtigkeiten aufgenommen und bisher völlig unbearbeitet gebliebenen Verhandlungen zugetheilt worden. Ihre Abarbeitung wird mir binnen Jahresfrist wenig freie Stunden lassen. Zum kurrenten Vortrage sind mir die Juden-, Feuersozietäts-, Armen- und Unterstützungssachen und die mir sehr interessant gewordenen Städte-Angelegenheiten zugewiesen. Auf die gründliche Behandlung der Geschäfte hat man sich in Schlesien immer viel zu gute gethan. Auch hier wird hiervon wenigstens in unserer Abtheilung (der ersten) und unter unserem Direktorio nicht abgewichen. Ueber die Leitung der Arbeiten habe ich zwar im Ganzen keine Beschwerde, es wird jedoch in Allem ein offizieller Charakter beibehalten, der das ganze gegenseitige Zutrauen nicht sonderlich befördert. In der Form selbst befolgen alle schlesischen Regierungen eine Ordnung. Die Sessionen für die Abtheilungen werden von 10 Uhr bis 4 Uhr Dinstags und Freitags abgehalten. Das Plenum tritt Mittwochs zu der nämlichen Zeit zusammen ….. Die Zeit von 10 Uhr bis 2 Uhr bringt der Präsident in den Abtheilungen zu, um die zum Vortrage in seiner Gegenwart ausgesetzten Sachen mit anzuhören. Diese schreibt er selbst den Decernenten zu, alle übrigen werden von den Direktoren vertheilt. Das große Schneckenrad aber, was die Kette des ganzen Werks zusammenhält, ist das Journal. An dieses ist alles gewiesen, jede Sache geht von demselben aus und geht an selbiges zurück, jedem Mangel muß es abhelfen, mit allen Registraturen sich in Verbindung erhalten und allen, allen Orakel sein. Der Präsident sendet das Eingegangene ins Journal jeder Abtheilung, von ihm erhalten die Direktoren die Sachen, die solche wieder in´s Journal schicken. Der Decernent bekommt aus dem Journal das Seinige und sendet es dahin wieder zurück, wäre es auch nur, um ein Stück besser präparirt zu erhalten, ein fehlendes Aktenstück zu erfordern u.s.w. Die Expedition legt mir das Journal ebenfalls wieder vor und empfängt sie wieder, um sie der Kanzlei und endlich der Registratur zuzustellen. Bei dieser Einrichtung ist die Stelle eines Journalisten, von denen jede Abtheilung nur einen hat, zwar etwas Unerträgliches, denn die Stunden des Tages gehen ihnen  blos damit hin, die eingehenden und abgehenden Sachen zu notiren und zu befördern: die Einrichtung selbst hat jedoch das Gute, daß zu jeder Zeit auf das Genaueste ausgemittelt werden kann, wo die Sache, welche defiderirt wird, zu suchen ist.

Bei der ersten Abtheilung wird nur ein Journal gehalten, in welches alle Sachen ohne Unterschied der verschiedenen Materien eingetragen werden, bei der zweiten Abtheilung hält man für die Abgabensachen ein besonderes Journal und für die anderen Gegenstände, als Handlungs- und Gewerbewesen, Forstsachen – eins desgleichen. Nach den Abtheilungen ist ferner das Sekrtariat … und die Registratur gesondert. Von beiden Abtheilungen in Gemeinschaft wird aber die Kontrolle und die Kanzlei genutzt u.s.w.“

Das Vorstehende wird zur Genüge zeigen, wie schnell und vollkommen sich Sohr in diesen komplizirten Mechanismus einer preußischen Verwaltungsbehörde hineingedacht und eingelebt hatte, dem er von nun an eine lange Beamtenlaufbahn hindurch seine rastlose Thätigkeit zu widmen berufen war.

Daß er zu einer solchen Thätigkeit in der That eine nicht gewöhnliche Begabung mitgrachte, geht auch aus der schnellen Anerkennung hervor, die seine Leistungen bei denen fanden, unter deren Augen sie ausgeführt wurden. Diese Anerkennung zeigte sich freilich anfangs weniger in glänzenden Belohnungen und Auszeichnungen, - die ersteren  wurden mit ziemlich karger Hand gespendet, die letzteren ließen überhaupt noch lange auf sich warten, - als in der Uebertragung neuer wichtiger Arbeiten und Funktionen, die einem Fremden gegenüber, den man noch vor Kurzem gewissermaßen unter Aufsicht arbeiten lassen zu müssen geglaubt hatte, gewiß ein Beweiß des ehrendsten Vertrauens war. Sohr wurde schon in Reichenbach nach kurzer Amtsthätigkeit mit den Geschäften des Kassenrathes betraut, die er dann auch in Breslau so lange versehen hat und bei denen ihm seine Frauensteiner Erfahrungen sehr zu statten kamen, - dort hatte er ja unter den schwierigsten Verhältnissen während des Krieges einer ansehnlichen öffentlichen Kasse mit dem besten Erfolge vorgestanden und seine Geschicklichkeit in der Behandlung finanzieller Angelegenheiten zum ersten Male bewährt. – Außerdem ist er wiederholt und für längere Zeit mit wichtigen Vertretungen beauftragt worden. So versah er geraume Zeit hindurch die Departementsgeschäfte des Regierungsraths von Massow, und acht Monate hindurch hatte er zu allen seinen üblichen Funktionen die Handels-, Gewerbe- und Fabriksachen zu bearbeiten, in Stellvertretung des erkrankten und dann gestorbenen Regierungsrathes Heerwagen. Uebrigens wurde dieser letztere Auftrag Veranlassung zu einem Konflikte mit den höchsten Staatsbehörden, den Sohr so ernst nahm, daß er alle Anstalten traf, um die kaum geknüpfte Verbindung mit seinem neuen Vaterlande für immer wieder zu lösen. Nach achtmonatiger Dauer jener Funktion wurde er nämlich von denselben wieder entbunden und der zeither in Berlin bei der technischen Deputation des Ministerii des Handels angestellt gewesene Fabrik-Kommissar Severin mit ihnen betraut. Diese Anordnung war in einem von den Ministern des Handels, des Innern und der Finanzen unterzeichneten Reskripte damit motivirt, „daß im Reichenbacher Regierungs-Kollegio kein Mitglied zu Bearbeitung dieser Geschäfte geeignet sei.“ Sohr, bei dem das Andenken an die kränkenden Erfahrungen, die er vor wenigen Jahren in Berlin gemacht hatte, noch frisch war, unddessen Empfindlichkeit dadurch vielleicht über das natürliche Maß hinaus gereizt erscheint, sah in dieser von drei Ministern gegebenen amtlichen Erklärung eine offenbare Verletzung seiner Amtsehre; er fand darin ein verwerfendes Urtheil über seine eigenen Leistungen auf dem betroffenen Gebiete, ja geradezu den Vorwurf der Unfähigkeit, und fühlte sich davon so schwer getroffen, daß er seine Vorbereitungen für den Wiederaustritt aus dem preußischen Staatsdienste traf. Er erbat sich von seinem Regierungspräsidium ein Zeugnis über seine bisherige Amtsführung. Dieses Zeugnis, welches so günstig wie möglich lautete und „seine ausgezeichnete Beflissenheit und Gründlichkeit, den Umfang seiner allgemeinen und speziellen Kenntnisse, sein schnelles Eindringen, seinen gebildeten Geist und seine Humanität“ rühmte, übersendete er am 27. Januar 1819 an den Staatskanzler Fürsten Hardenberg und erbat sich auf Grund desselben ein Attest behufs seines zu bewirkenden Austritts aus dem preußischen Staatsdienste. Auf diese unterm 20. März wiederholte Gesuch antwortete der Staatskanzler am 7. April in begütigender Weise. Das so überaus günstige Zeugnis hatte einen sichtlichen Eindruck auf ihn gemacht, und weit entfernt, Sohr ziehen zu lassen, bot er ihm vielmehr, um ihn zufrieden zu stellen, die Versetzung zu einer anderen Regierung an. Dieser konnte in der Wirkung, die seine Beschwerde bei dem Staatskanzler gethan hatte, mit Recht eine vollkommene Genugthuung für die ihm widerfahrene und wohl kaum beabsichtigte Kränkung sehen. Von dem Plane, Preußen ganz zu verlassen, war daher nicht weiter die Rede. Vielmehr ging er auf die Anerbietungen des Staatskanzlers mit Eifer ein und trat wegen seiner Versetzung von Reichenbach mit ihm in Unterhandlung.  Dieser Ort, schrieb er ihm, sei ihm durch die letzten Vorfallenheiten vollends verleidet. Auch klagte er über den Mangel aller Nahrung für den Geist und aller zu dessen Ausbildung nöthigen Hülfsmittel. Er wünschte dringend in einer größeren Stadt zu leben und seine Gedanken richteten sich zunächst auf die Ober-Rechnungskammer in Potsdam, wo eine Vakanz war. Nachher dachte er auch an die dortige Regierung. Während sich diese Verhandlungen unter mehrfachem Schriftwechsel durch das Jahr 1819 hinzogen und während Sohr inzwischen noch einmal im September des Jahres die interimistische Verwaltung des Handels-, Fabrik- und Gewerbe-Departements übernommen hatte, von der der Anstoß zu ihnen gegangen war, änderte sich die ganze Situation auf einmal durch den höheren Orts gefaßten Beschluß, die Regierung in Reichenbach überhaupt wieder aufzulösen. Seine ganze Thätigleit war nun darauf gerichtet, bei der dadurch nothwendig gewordenen Vertheilung der dortigen Räthe unter die übrigen schlesischen Regierungen nicht nach Liegnitz oder Oppeln, sondern nach Breslau zu kommen. In diesem Sinne schrieb er an Hardenberg (16. Februar 1820), an den Minister Schuckmann (3. März), an mehrere Berliner Freunde. Der Wunsch, Schlesien überhaupt zu verlassen, trat mehr und mehr in den Hintergrund, wenn er auch eine angemessene Stellung in der Hauptstadt des Landes oder in deren unmittelbarer Nähe immer noch jeder anderen Situation vorgezogen haben würde. Denn wie sehr er in Schlesien innerhalb weniger Jahre schon heimisch geworden war, geht unter anderem aus diesen Worten hervor, die er damals an seinen Landsmann Streckfuß schrieb, der inzwischen Geheimer Rath in Berlin geworden war. „In Schlesien bliebe ich gern, sehr gern, da ich die Verfassung der Provinz kenne und edle es treu mit mir meinende Freunde gefunden habe.“ Was nun übrigens die Entscheidung über sein Schicksal betrifft, so lag sie, wenn sie gleich formell von den Centralbehörden ausging, doch im Grunde allein in der Hand des Oberpräsidenten der Provinz, des unvergeßlichen Merckel, der hier zum ersten Mal entscheidend in Sohr´s Leben eingriff und für dasselbe seitdem, man kann wohl sagen – bis ans Ende, bestimmend geblieben ist. Wann und wie die so folgenreiche persönliche Bekanntschaft beider Männer begonnen hat, habe ich nicht ermitteln können. Um so gewisser ist es, daß die seltene Tüchtigkeit des jungen Rathes dem geübten Scharfblicke Merckel´s schon in der Reichenbacher Periode nicht entgangen war und daß dieser sich deshalb die Gelegenheit nicht entgehen ließ, ihn nach Breslau in seine Nähe zu ziehen. Er scheint mit den von Sohr in Berlin getahnen Schritten von vornherein einverstanden gewesen zu sein, und so erfolgte denn auch auf seine Empfehlung hin die Berufung nach Breslau. Am 25. April erhielt Sohr von Merckel selbst die Anweisung, seine Funktionen in Breslau unter Vorbehalt höherer Genehmigung einstweilen anzutreten, und vom 1. Mai an gehörte er dem Etat der Breslauer Regierung an. Die wirkliche Uebersiedlung  nach Breslau verzögerte sich indessen durch die Nothwendigkeit, seine Geschäfte in Reichenbach abzuwickeln und namentlich dem dortigen Kassenabschlusse zu attestiren. Erst am 17. Mai wurde er von dem inzwischen in die Stelle des Freiherrn von Lüttwitz getretenen Regierungspräsidenten Troschel in Reichenbach aus seiner bisherigen Dienstverbindung entlassen. Als am 3. Juni die vorbehaltene höhere Genehmigung zu seiner Versetzung in Berlin ausgefertigt wurde, hatte er seine amtliche Thätigkeit in Breslau schon begonnen und damit den Platz eingenommen, auf dem er seitdem dem Staate während einer vierzigjährigen treuen Amtsführung die wesentlichen und mannigfachsten Dienste geleistet hat. Leider beginnen gerade hier, wo Sohr´s Wirksamkeit mit jedem Jahre bedeutendere Dimensionen annimmt, die Quellen spärlicher zu fließen, und ich muß mich daher auf die allgemeinere Charakteristik der Hauptrichtungen beschränken, in denen sich diese Bewegte. Es verging noch eine geraume Zeit, ehe Sohr´s amtliche Stellung in Breslau in einer ihn selbst befriedigenden Weise geordnet und befestigt war. Schon das war kein günstiges Vorzeichen, daß sein Gönner Merckel, einer der ehrwürdigen Träger des Geistes unserer Befreiungsepoche von 1813, in Folge des unheilvollen Umschwunges, den die preußische Politik im Jahre 1819 erfahren hatte, fast in demselben Augenblicke aus seinem Amte schied, in welchen er nach Breslau übersiedelte, und von Berlin her wehte gerade jetzt ein für Sohr so wenig günstiger Wind, daß er auf die Erfüllung der gerechtesten Forderungen hinsichtlich seiner Gehaltsverhältnisse Jahre lang warten mußte, eine Veränderung seiner amtlichen Stellung dringend begehrte und im Jahre 1823 wieder so weit gebracht war, an ein gänzliches Verlassen des preußischen Staatsdienstes zu denken. Er wollte sich pensioniren lassen und sich nach Frauenstein im sächsischen Erzgebirge zurückziehen, wo er sich durch Advokatenpraxis si viel zu verdienen hoffte, „um wenigstens frei von dem Schmerze, welcher ihn hier drückte, sein Brot zu essen.“ Er schrieb das Mißgeschick, welches er erfuhr, einer unbekannten feindseligen Hand zu, die aus dem Finanzministerium Allem, was zu seinem Besten eingeleitet werde, entgegenarbeite; während er im Ministerium des Innern sich einer wohlwollenden Rücksichtnahme zu erfreuen glaubte. Wie dem nun auch sein mochte, so viel geht jedenfalls aus den mir vorliegenden Akten hervor, daß es von Breslau aus an der eifrigsten Unterstütztung seiner gerechten Forderungen  nicht fehlte; denn auch seine neuen Oberen, Richter und Kottwitz, die nach Merckel´s Abgange während des Provisoriums der Regierung vorstanden, hatten schnell Gelegenheit gehabt, sich von Sohr´s seltener Tüchtigkeit zu überzeugen. Namentlich hatte er sich als Kassenrath gleich Anfangs durch die neue Organisation und Verwaltung der Haupt-Instituten-Kasse ein großes Verdienst erworben. Er verstand es, durch die ununterbrochene zinsbare Benutzung der entbehrlichen Geldbestände, die nur durch die genaueste Kenntnißnahme von den vorkommenden Einnahmen und Ausgaben bei einer Menge getrennter und in sich verschiedener Fonds möglich war, ohne Störung der Verwaltung ansehnliche Ueberschüsse zu erziehlen. Die wiederholten dringenden Empfehlungen konnten denn auch in Berlin auf die Dauer ihren Eindruck nicht verfehlen und im Jahre 1823 wurde durch Gehaltsverbesserung und Gratifikationen Sohr´s Beschwerden eine vorläufige Abhülfe zu Theil, wenn er auch noch später zuweilen gerechte Veranlassung hatte, über Zurücksetzung und Vernachlässigung zu klagen. Aber was ihm seitdem von den obersten Regionen der Verwaltung her etwa noch Widriges begegnete, das wurde reichlich aufgewogen durch das ungemein fruchtbare Verhältniß, in welches er zu Merckel trat, seitdem dieser im Jahre 1825 die Verwaltung der Provinz wieder übernommen hatte. Er übertrug ihm die Bearbeitung der Oberpräsidialgeschäfte und zog ihn so in seine unmittelbare Nähe, weil er in ihm schon in Reichenbach einen Mann kennen gelernt hatte, der mit einer seltenen Gewandtheit und Umsicht in der Erledigung der laufenden Geschäfte eine umfassende und vielseitige, durch Ideen befruchtete Bildung, einen weiteren Horizont und einen scharf beobachtenden und in der Tiefe der Dinge eindringenden Geist verband. Daß die zahlreichen brieflichen Dokumente über den vertrauten Verkehr beider Männer von ihnen selbst zum größten Theile vernichtet worden sind, das ist für die Geschichte unserer Provinz während eines zwanzigjährigen Zeitraums gewiß ein unersetzlicher Verlust. In wie durchaus befriedigender Weise sich aber für Sohr selbst durch diese Verhältniß seine amtliche Stellung gestaltete, dafür liegt der sicherste Beweis eben in der Thatsache, daß er trotz mancher lockenden Aussichten, die sich ihm darboten, sich nicht entschließen konnte, sie aufzugeben.

Zwar in den ersten Jahren nach Merckel´s Wiedereintritt in sein Amt schaute er noch nach dieser oder jener Seite hinaus. Als im Jahre die Provinzial-Steuer-Direktion für Schlesien errichtet wurde, dachte er dachte er einen Augenblick an einen Uebertritt zu diesem Zweige der Verwaltung. Auch sein altes Verlangen nach der Oberrechnungskammer in Potsdam tauchte um diese Zeit noch einmal auf. Aber wie schnell und vollständig er in Breslau gefesselt wurde, zeigte sich, als ihm kurze Zeit darauf die Verwirklichung gerade dieses alten Wunsches so nahe trat, daß es eben nur noch auf seinen eigenen Entschluß ankam. Der Präsident Ladenberg bot ihm nämlich im Jahre 1829die durch den Tod des Geheimen Oberrechnungsrathes Wilkens bei jener Behörde erledigte Stellung an, er wartete längere Zeit auf Sohr´s Entscheidung und erbot sich auch von freien Stücken ihm Dispensation von dem vorschriftsmäßigen Probedienst höheren Orts zu erwirken; zuletzt mußte er sich doch zu seinem nicht geringen Verdrusse eine abschlägige Antwort von Sohr gefallen lassen. Wie hier die Nähe der Hauptstadt und der Reiz einer geehrteren unabhängigen Stellung als Mitglied einer Centralbehörde wirkungslos blieben, so erprobte einige Jahre darauf die Vaterstadt Görlitz ohne Erfolg ihre Anziehungskraft. Man hatte dort den früh entfremdeten Landsmann nie aus den Augen verloren, sich vielmehrseines Fortschreitens im Staatsdienste mit Theilnahme gefreut. Die privilegirte Oberlausitzer Gesellschaft der Wissenschaften hatte ihn durch ihren Sekretär, Johann Gotthelf Neumann, am 29. Juli 1829 unter die Zahl ihrer Mitglieder aufgenommen und im Jahre 1831 wurde er auch von der naturforschenden Gesellschaft in Görlitz zum Ehrenmitgliede ernannt. Als nun im Jahre 1832 bei Gelegenheit der Einführung der Städteordnung sein greiser Vater, der Bürgermeister von Görlitz, nach langer ehrenvoller Amtsführung pensionirt wurde, fiel man dort auf den Gedanken, unsern Sohr an die Spitze der Kommune zu stellen. Als dieser Vorschlag in einer Ausschuß-Konferenz der Stadtverordneten laut wurde, entstand, wie ihm sein Schwager Maurer schrieb, ein ungeheurer Jubel, und man beschloß sogleich das Gehalt soweit zu erhöhen, um die Stelle für ihn annehmbar zu machen. Sohr wußte diese so mächtig hervorbrechende Anhänglichkeit an seine Person und seine Familie vollkommen zu schätzen. Auch der sich ihm darbietende Wirkungskreis selbst widerstebte ihm keineswegs. „Mein dermaliger Wirkungskreis“, schreibt er, „führt zwar zu der Erlangung größerer und umfassenderer, aber nicht immer zu so belohnenden Resultaten, als die wenn auch auf den Umfang eines einzigen Ortes beschränkte, aber zu weit gesegneteren Leistungen drängende Amtsthätigkeit des Bürgermeisters einer Stadt, deren Finanzzustand in Ordnung ist, in deren Mauern Gewerbefleiß herrscht, und deren Bewohner so verständigen und freundlichen Sinnes sind, daß mit ihnen und für sie zu arbeiten nur eine Lust sein kann.“

Aber diesen Erwägungen gegenüber gaben doch diesmal wieder die Vorzüge seiner Breslauer Stellung den Ausschlag. Seitdem ist, soweit ich aus den mir vorliegenden Papieren ersehen kann, noch einmal ernstlich von einer Verpflanzung die Rede gewesen. Sohr wurde 1834 von dem Geheimen Rath Behrnauer unterrichtet, daß man ihn zu versetzen beabsichtige, und aufgefordert, zur näheren Verhandlung der Sache nach Berlin zu kommen. Er machte sogleich seinem Oberpräsidenten Mittheilung von dem, was man mit ihm vorhabe und erhielt darauf von Merckel einen Brief, den ich um so lieber hier vollständig mittheile – er gehört zu den wenigen erhaltenen – da er beide Männer gleich sehr ehrt und ein schönes Denkmal der zwischen ihnen bestandenen freundschaftlichen Verbindung ist:

Ober-Thomaswaldau, am 15. Oktober 1834

Ew. Hochwohlgeboren

Remittire anbei mit ergebenstem Danke die mittelst gefälligen Schreibens vom 12. D. Mts. Mit gütigst mitgetheilte Zuschrift des Herrn Geheimen Rath Behrnauer vom 6. D. Mts. Wofern es die Absicht ist, Ew. Hochwohlgeboren einen erweiterten Wirkungskreis, Ihren geistigen Fähigkeiten entsprechend, und ein verbessertes Einkommen als wohlverdiente Anerkennung Ihrer unermüdlichen Anstrengungen und verdienstvollen Leistungen anderswo um deshalb zu gewähren, weil eine Gelegenheit dazu hier soeben sich nicht aufthut: so ist dies wohl ganz in Ordnung und höflich zu billigen. Gewiß gehört es zu den vornämlichen Obliegenheiten des Königlichen Ministeriums, das Verdienst herauszufühlen und die anerkannte Ueberlegenheit dahin zu verwenden, wo Talent, Wissen und Erfahrung noch ungleich wertvollere Erfolge verbürgen und dem Verdienste sich die Bahn eröffnet, an einem höheren Zielpunkte den würdigen Lohn seiner gemeinnützlichen Bestrebungen ungesucht zu erreichen. Ohne mir daher ein voreiliges Urtheil zu erlauben, dürfte der Antrag an und für sich vorweg ebenso wenig abzulehnen, als zu hurtig anzunehmen sein. Würde dabei die Allgemeinheit Ihres verdienstvollen Trachtens nicht befriedigt, so werden Sie gewiß nicht nach Kleinigkeiten greifen, um bloß in einem neuen Bereiche Ihrer Thätigkeit am Ende wertlose Früchte zu sammeln. Aber im fünfzigsten Lebensjahre, wenn viel von dem Treiben der Menschen erlebt und beobachtet haben und wie Sie das Talent besitzen, die gewonnenen Erfahrungen für das öffentliche Leben zu benutzen, dürfen wir uns demjenigen Rufe nicht versagen, der uns auf den rechten Weg leitet, den höchsten Zweck unseres Seins im Gesellschaftsleben zu erfüllen und der Menschheit wesentliche Dienste zu leisten. Je mehr gerade ich bei der Ihnen bevorstehenden Versetzung, wenn sie eintritt, verliere, da ich mich in Ihnennicht nur der schwer ersetzbaren Hülfe eines ausgezeichneten Mitarbeiters und für mein selbstthätiges Wirken der meinen zunehmenden Jahren benöthigten Unterstützung eines geistreichen, mein ganzes Wesen erfassenden Organs erfreue, sondern in Ihnen auch für meine alten Tage einen Freund mehr gewonnen zu haben glaube, desto unparteiischer, weil uneigennützig, ist mein Urtheil über die Nothwendigkeit einer richtigen Würdigung des Ihnen bevorstehenden Rufs zu einer anderweitigen Wirksamkeit, die, falls eine wesentliche, alle Brücksichtigung fordert, wo nicht, als bloße Verä#nderung werthlos erscheinen würde. Wie aber auch Ihr Entschluß ausfallen möge, immer werde ich mich dessen aufrichtig erfreuen, wenn Sie den Ruf annehmen, weil ich dann weiß, daß Sie die Ueberzeugung gewonnen, an dem Orte Ihrer neuen Bestimmung dem Staate noch wichtigere Dienste leisten zu können; und wofern Sie hier verbleiben, weil alsdann der Besitz Ihrer einflußreichen Wirksamkeit und Geistesregsamkeit der Provinz, die als Ihr adoptives Vaterland vielleicht ein legitimes Recht an Ihren Dienstleistungen zu haben meint, und mir eine sehr lieb gewordenen, mit ganz zusagende Geschäfts- und Freundschaftsverbindung gesichert ist. Auch werde ich mir immer in dem Bewußtsein gefallen dürfen, zur Ebnung Ihrer hinanführenden Lebensbahn meine, wie immer geringen, Mittel gern und aufrichtig verwendet zu haben. Ihre Reise nach Berlin ist nothwendig, darf nicht verzögert und, wenn Sie sonst nicht wollen, auch nicht bis zu meiner Rückkehr, die übrigens in acht Tagen bevorsteht, verschoben werden.

Merckel

Die Reise nach Berlin erfolgte wirklich und hier erfuhr Sohr, daß es sich um eine vom Minister Rochow betriebene Versetzung als Ober-Regierungsrath nach Merseburg handle, und was er sonst über die Motive und näheren Umstände des Planes in Erfahrung brachte, konnte ihn freilich in keiner Weise geneigt machen, dafür die Vorzüge seiner Breslauer Stellung zu opfern. Denn die Verbindung mit einem Vorgesetzten von so edler, humaner und wohlwollender Gesinnung, wie Merckel, mußte natürlich für Sohr mit jedem Jahre inniger und fruchtbarer werden und ihn an sein Breslauer Amt immer fester ketten. Die äußeren Vortheile und Auszeichnungen, die ihm die Gunst des Oberpräsidenten zuwendete, waren keineswegs die Hauptsache, obgleich es an wiederholten Gehaltsverbesserungen, an reichlichen Gratifikationen und Remunerationen, zuletzt auch an Ordensdekorationen nicht fehlte.

Was bei einem Manne mit so reicher Begabung und so rastloser Arbeitslust weit stärker ins Gewicht fiel, war die Gelegenheit, die er hier zu der vielfältigen und segensreichen Thätigkeit fand. Wenn mir auch die fragmentarische Beschaffenheit meiner Quellen nicht gestattet, von dieser ein erschöpfendes und lebendiges Bild zu geben, so wird doch schon eine Aufzählung der Hauptrichtungen, in denen sie sich bewegte, genügen, um wenigstens annähernd ihren Umfang und ihre Bedeutung ermessen zu lassen. Die Bearbeitung der Oberpräsidialgeschäfte brachte Sohr namentlich zu den Provinzialständen und den ständischen Instituten in eine ununterbrochene Beziehung. An der Gründung der Provinzial-Irren-Anstalten in Lebus und Brieg hatte er einen hervorragenden Antheil und er hat die Verwaltung als Staats-Kommissarius in den betreffenden ständischen Verwaltungs-Kommissionen bis in die Tage seiner letzten Krankheit hinein fortgeführt. Nicht minder viel verdanken ihm die Provinzial-Land- und die Provinzial-Städte-Feuer-Sozietäten. Der Bau des Ständehauses wäre ohne ihn schwerlich zu Stande gekommen und er hat sich durch alle Stadien dieser Angelegenheit hindurch Verdienste erworben, die von den Ständen selbst bereitwillig anerkannt worden sind, sowie er auch die Verwaltung des Ständehauses selbst geführt hat. Ebenso standen unter seiner Leitung die Provinzial-Stände-Hauptkasse, die ständischen Freistellen bei der Blinden-Unterrichts-Anstalt, sowie bei den Taubstummen-Anstalten zu Breslau, Liegnitz und Ratibor. Die in diesen Angelegenheiten den Provinzial-Landtagen bei ihrem jedesmaligen Zusammentritte im Namen des Oberpräsidenten überreichten Denkschriften sind sämtlich aus seiner Feder geflossen. – Seiner Verdienste um das Kassenwesen der Breslauer Regierung ist schon gedacht worden. Seit 1831 führte er auch, so lange es noch bestand, die Aufsicht über das Münzamt. Auch die Aufsicht über das Sparkassenwesen der Provinz gehörte zu seinem Geschäftsbereich, nicht minder die über das Landgestüte in Lebus und die schlesische Pferdezucht. Er hatte ferner über das akademische Institut für Kirchenmusik, sowie über die Singakademie die der Regierung zustehende Aufsicht zu handhaben, - eine Funktion, die ihn zu dem Direktor dieser Institute, zu Mosevius, in die freundschaftlichsten Beziehungen brachte und der er erst ein Jahr vor seinem Tode entsagte.

Von ganz heterogener Art war die Beschäftigung, die er seit 1826 als Censor der Schriften hatte, die sich auf Staatsverwaltung, Verfassung,  Landeskultur, Politik und auswärtige Verhältnisse bezogen, ein Amt, welches seitdem Gott sei Dank zu einer bloßen Reminiscenz aus der Vergangenheit geworden ist. Den eigentlichen Schwerpunkt seiner Thätigkeit bildete aber das Kirche- und Schulwesen, seitdem er auf Grund des Königlichen  Ernennungspatentes vom 5. Dezember 1833 am 1. Februar 1834 Ober-Regierungsrath und Dirigent der II. Abtheilung für die Kirchenverwaltung und das Schulwesen und Mitglied des Konsistorium geworden war. Er unternahm überhaupt seine Arbeit, ohne sich weit über das unmittelbare praktische Bedürfniß hinaus in den Gegenstand wissenschaftlich zu vertiefen. Mit besonnener Vorliebe aber hat er sich stets auf dem zuletzt genannten Gebiete bewegt. Durch die gewissenhafteste Durchforschung der älteren Akten bis in die Zeit Friedrich´s des Großen zurück hatte er sich von dem Werden der Einrichtungen, die er weiter zu bilden hatte, die genaueste  Kenntniß verschafft, wie eine nicht geringe Zahl theils gedruckt, theils handschriftlich hinterlassener Aufsätze dieses Inhalts beweist. Und ganz besonders waren es die Verhältnisse der katholischen Kirche, die er mit einem regen Interesse verfolgte, in dem sich ein echt protestantischer Freimuth ebenso erkennen läßt, wie jener humane und tolerante Geist, der die ältere Generation der preußischen Verwaltungsbeamten auszeichnete. Den Kampf, der seit den dreißiger Jahren durch den Kölner Konflikt in Leben und Literatur besonders über die Grenzen der Kirchen- und der Staatsgewalt angeregt wurde und der seitdem noch nicht zum Abschlusse gekommen ist, verfolgte er in allen seinen Phasen mit der regsamen Theilnahme. Es ist ihm wohl kaum eine irgend bedeutende Schrift dieser Kategorie entgangen. Er hat sie alle gesammelt, gelesen und zum Theil mit handschriftlichen Bemerkungen begleitet. Bei so gründlicher Vertiefung in die Gegenstände seiner regelmäßigen amtlichen Thätigkeit blieb ihm gleichwohl noch Zeit und Kraft, verschiedene besondere Aufträge, die das Vertrauen in seine bewährte Umsicht und Gewandtheit ihm zuwendete, mit dem besten Erfolge zu erledigen. So hatte er im Auftrage des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten in der Oberlausitz verschiedene Grenzregulirungsarbeiten auszuführen. 1834 kam es darauf an, die kirchlichen und Schulverhältnisse der durch die Theilung der Oberlausitz berührten Kirchspiele zu ordnen und die Beziehungen zwischen dem Bisthume Breslau und dem Domstifte St. Petri zu Budissin zu regeln, 1841 handelte es sich um die Auseinandersetzung mit Sachsen wegen der von Schönberg´schen Stiftung zur Begründung einer Irrenanstalt. Er freute sich wegen der Behandlung dieser Angelegenheitten, die ihn zu längerem Aufenthalte in jener Gegend veranlaßten, der wärmsten Anerkennung von Seiten seiner Auftraggeber, und 1844 war wiederum er es, der bei Gelegenheit der Weberunruhen im Reichenbacher Kreise mit einem besonderen Kommissorium dorthin geschickt wurde, eine Sendung, für die er freilich nicht genug polizeilichen Eifer besaß, um den Anforderungen des Ministeriums des Innern ganz zu genügen. Auch mit dem Ministerium der geistlichen, Unterrichts – und Medizinal-Angelegenheiten stand Sohr, abgesehen von den allgemeinen amtlichen Beziehungen in einem regen persönlichen Verkehr. Der Minister von Altenstein erforderte wiederholt Gutachten von ihm über Gegenstände verschiedener Art, besonders aber über Schriften aus dem Fache der Obstbaumzucht; denn auch auf diesem Felde der Praxis war der in seltenster Weise vielseitige Mann  nicht nur einer der kompetentesten Urtheiler, sondern er übte in den ersten Jahren seines Breslauer Lebens die Kunst des Gartenbaues selbst mit so glänzendem Erfolge, daß die Obstsorten, die von ihm selbst gezogen, auf seine Tafel kamen, für die feinsten galten, die man damals in Breslau finden konnte. Besonders aber trug er Sorge, daß die Zöglinge des evangelischen Schullehrer-Seminars zugleich zur Obstzucht angeleitet wurden, eine Bemühung, die schon früh die Aufmerksamkeit der höheren Behörden erregte. – So ist er, mit den angesehensten Pomologen Deutschlands in ununterbrochenem brieflichen Austausche stehend, einer der besten gewesen, die in diesem wichtigen Kulturzweige Schlesien auf die Höhe der Zeit gehoben haben. Und auch hierin blieb er, so sehr sein Sinn auch auf das Praktische gerichtet war, nicht bei dem unmittelbar Nützlichen stehen. Er wendete seltenen Blumen und exotischen Gewächsen keine geringere Theilnahme zu als den Früchten des Landes. Die Botanik nahm unter seinen mannigfaltigen Geschäften keinen geringen Raum ein, auf allen seinen Reisen verfolgte er dieses Interesse, und ansehnliche Herbarien, die er hinterlassen, geben Zeugnis von dem emsigen Sammlerfleiße und dem strengen Ordnungssinne, womit er auch diese von seiner Berufsthätigkeit am weitesten abgelegenen Gegenstände behandelte. Wie sehr er aber bei aller Beweglichkeit seines Geistes und bei aller Vielseitigkeit seiner Interessen sich in der Provinz so zu sagen einwurzelte, die ihm eine zweite Heimath geworden war, das zeigt neben dem Antheil, den er an so manchen prvinziellen Unternehmungen, z.B. an der Errichtung des Standbildes Friedrichs des Großen, genommen hat, namentlich die thätige und ausdauernde Mitwirkung an zwei echt schlesischen Instituten, - ich meine die Provinzialblätter, deren Redaktion er im Jahre 1829 übernommen und die er seitdem mit einer großen Zahl eigener Arbeiten von kleinerem und größerem Umfange bereichert hat, - und die schlesische Gesellschft für vaterländische Kultur, deren Mitglied er am 5. Juli 1829 geworden ist. Er hat sich seitdem an den Arbeiten dieser gelehrten Gesellschaft auf dem Felde der Landesgeschichte mehrfach betheiligt und wurde im Jahre 1854 an Stelle des verstorbenen Geheimen-Archiv-Rathes Professor Dr. Stenzel zum Direktor und Mitglied des Präsidiums gewählt, was er seitdem bis an seinen Tod geblieben ist.

Man kann diesen Wirkungskreis von so gewaltigem Umfange, den ich so eben in seinen allgemeinsten Umrissen zu skizziren versucht habe, nicht überschauen, ohne sich zu beugen vor der Kraft des Geistes und der Arbeit, die so Großes zu leisten vermochte. Und doch erfaßt dieser Blick auf seine amtliche und literarische Thätigkeit die reiche Natur Sohr´s immer nur von der  einen Seite. Die Natur hatte ihn mit den Gaben des Herzens nicht weniger freigiebig ausgestattet, als mit denen des Geistes. Das zeigte sich in der treuen Anhänglichkeit, die r durch die Wechselfälle des Lebens hindurch seinen Jugend- und Universitätsfreunden bewahrte, denen gegenüber er bis in seine letzte Lebenszeit hinein im brieflichen Verkehre den übermüthigen burschikosen Ton seiner akademischen Jahre anzuschlagen liebte; es zeigte sich in dem mächtigen, unverwüstlichen Familiensinne, der ihn mit Vater und Geschwistern verband und der sich bis zu lebhafter und werkthätiger Theilnahme für die Nachkommenschaft der letzteren ausdehnte; es zeigte sich vor Allem in der Liebe und Treue, mit der an seinen Nächsten hing und für sie sorgte, an seiner Gattin, die ihn durch ein langes Leben treu pflegend zur Seite stand und die ihm erst, als sein eigener Geist sich zu umnachten begonnen hatte, durch den Tod entrissen wurde, und an seinen Töchtern, von denen die eine ihn durch die Anmuth ihres Wesens unwiderstehlich an sich fesselte, die andere  mit der vom Vater ererbten rastlosen Lebendigkeit ihres Geistes, mit der sie sich ganz in dessen Gedanken und Wirkungssphäre einzuleben wußte, ihm von Jahr zu Jahr unentbehrlicher wurde.

Wer sich nun diese ganze Existenz in ihrer Fülle noch einmal vergegenwärtigt, - den reichen Geist, das warme Herz, die vielfältige Bildung, die männliche Kraft gegenüber dem Ernste des Lebens, den aufgeschlossenen Sinn für seine Freuden – und dieser inneren Ausstattung entsprechend die äußere Lage: einen bedeutenden Wirkungskreis, Ehre und Wohlstand, einen großen Kreis älterer und neuerer Freunde, ein glückliches Familienleben, - der wird bekennen müssen, daß hier die Bedingungen  des Glückes und der Befriedigung in einem Maße vereinigt waren, wie es im Leben nicht eben häufig gefunden wird. Es kommt zu dem Allen aber noch eins hinzu, worauf wir schließlichunsern Blick zu richten haben, nämlich die lange Dauer dieses reichen Lebens. Man hat sich oft über den frühen Verlust bedeutender Menschen mit dem Gedanken getröstet, daß ihnen selbst die Hinfälligkeit des Alters erspart geblieben sei, daß die Fülle der Kraft, in der sie dahin gegangen, nun gleichsam eine unvergängliche Dauer empfange in dem Andenken der Ueberlebenden, welches nun nicht gestört werde durch die Züge greisenhafter Schwäche, die von einer längeren Lebensdauer unzertrennlich seien. Es soll solchem Troste seine Kraft und sein Werth nicht abgesprochen werden. Aber er bleibt doch eben nur ein Trost im Unglück. Als den  glücklicheren und der Natur mehr gemäßen Fall wird jeder natürlich empfindende Mensch doch immer den ansehen, wenn es einem bedeutenden Menschen vom Geschicke gegönnt wird, die in ihn gelegte Lebenskraft nun auch ganz herauszuleben und das äußerste von der Natur dem menschlichen Dasein gesteckte Ziel zu erreichen, wenngleich einem solchen das Gefühl der sinkenden Kräfte, das Bewußtsein des Herabsteigens nicht erspart bleiben kann. Dieses letzter Los war unserm Sohr beschieden und wir haben ihn nun noch auf diesem letzten abwärts führenden Theile seiner Lebensbahn zu begleiten. Auch hier blieb ihm das Glück insofern zugethan, als ihm auch das vorgeschrittene Alter noch neue Lebensgenüsse zuführte, und die Abnahme der Kräfte erst spät eintrat, dann aber so schnell fortschritt, daß das Gefühl für den nun freilich eingetretenen Zusatnd der äußeren Hülflosigkeit und Erschöpfung bald stumpf wurde.

Ich gehe bei diesem letzten Theile meiner Aufgabe aus von der Zeit des Thronwechsels von 1840 und der zahlreichen Veränderungen, die er im Bereiche der höheren Verwaltung zur Folge hatte. Sohr konnte seiner ganzen geistigen Richtung nach nicht zu denen gehören, die bei diesen Veränderungen gewannen. Nichts lag seiner klaren, nüchtern-praktischen, im besten Sinne rationalistischen Natur ferner, als die romantisch mystische Geistesrichtung, die unter Friedrich Wilhelm IV. an die Tagesordnung kam. Aber andererseits war er im Bewußtsein seines Werthes und im Vollgefühle seiner Kraft, - er stand damals im 55. Lebensjahre, - weit entfernt, vor dem neuen Winde, der von obenher wehte, die Segel zu streichen. Vielmehr eilte er im Frühjahr 1841 nach Berlin, zwar nicht, wie sein jüngster Bruder Gustav, der als Kreisgerichtsrath in Neisse lebt, vorausgesetzt hatte, um sich dort um höhere Aemter und Würden zu bemühen, wohl aber, um der neuen Verwaltung, mit der er es nun zu thun haben sollte, gleich von vornherein frei in´s Angesicht zu schauen. „Meine Bestimmung,“ schreibt er nach seiner Rückkehr in einem launigen Briefe diesem seinen Bruder, „ist und bleibt Breslau, ich mag dasselbe nicht verlassen und bin glücklicherweise allzusehr in Vergessenheit gekommen, um bei der Ueberzahl von würdigen Kompetenten befürchten zu dürfen, daß ein Andenken an mich in irgend einem Kopfe der Götter des Olymps erwachen könnte, welche mit dem das neue Regiment führenden Jupiter zu Rathe sitzen. Berlin wollte und mußte ich besuchen, um mit den vielen neuen Vorgesetzten, welche in mein Ministerium eingetreten sind, Bekanntschaft zu machen. Es wikrt die gegenseitige Kenntniß der Personen doch auf die Geschäfte zurück, und werden, wenn auch die Grundsätze nicht geändert werden können, selbige doch milder angewendet, wenn der Decernent Gefallen an dem die Ausführung leitenden Individuo gefunden hat. Soll und muß aber eine Purganz eingegeben werden, so werden die Pillen zierlicher gedreht und nicht unversilbert gelassen, wenn der Doktor dem Patienten in die Augen geschaut hat.“

Mit so frischem Humor und so glücklicher Leichtigkeit trat Sohr in die neue Zeit hinüber und ließ sie sich in der selten, den Berliner Einwirkungen nicht so unmittelbar ausgesetzten Stellung, die er in Breslau gewonnen hatte, wenig anfechten. So lange Merckel sein unmittelbarer Vorgesetzter blieb, wurde er wohl in der That von den in den höchsten Regionen des Staats vorgegangenen Umwandlungen kaum berührt, und als darauf 1845 Herr von Wedell und 1848 nach kurzem Interregnum Herr von Schleinitz an die Spitze der Provinz traten, konnte sich natürlich zu diesen neuen Chefs kein Verhältnis bilden, wie es mit Merckel auf Grund langjähriger Gemeinschaft und Freundschaft bestanden hatte, aber die Vorzüge Sohr´s, seine außerordentliche Geschäftskenntniß, sein umfassendes Wissen, seine Vertrautheit mit Menschen und Zuständen in der Provinz mußten gerade jetzt, seitdem die oberste Leitung in die Hände von Männern gelangt war, die Schlesien bisher fern gestanden hatten, doppelt zur Geltung kommen, und so blieb er denn auch unter diesen veränderten Umständen in voller Ausübung aller seiner Funktionen, so lange die Kräfte des Körpers und des Geistes nur irgend dazu ausreichen wollten. Aber freilich mußte auch dieser stark und dauerhaft angelegte Organismus der Natur zuletzt seinen Zoll entrichten. Im Jahre 1847 machte sich zum erstenmale nach so langer und angestrengter Dienstzeit das Bedürfniß einer Erholungsreise in das Bad Teplitz geltend. Einen harten Stoß erlitt dann im folgenden Jahre 1848 Sohr´s Gesundheit durch den unerwarteten Tod seiner zweiten Tochter Aimé, die während einer kurzen dienstlichen Abwesenheit des Vaters in der Blüthe der Jahre dem Nervenfieber erlag. Schon damals traten bei Sohr die ersten Andeutungen der Krankheit hervor, deren Opfer er nachher geworden ist, und ein mehrwöchentlicher Aufenthalt in Tharand, den er mit den Seinigen in stiller Zurückgezogenheit verbrachte, konnte seinem Schmerze wohl Linderung bringen, aber nicht die nachhaltigen Wirkungen des schweren Schlages aufheben, der ihn getroffen hatte. Wie in den Briefen aus den folgenden Jahren die Trauer um die Dahingeschiedene immer wieder durchklingt, so liegt hier der Keim seines körperlichen Siechthums, wenn sich auch der Verfall seiner Kräfte zunächst nur darin zeigte, daß die Nothwendigkeit längerer oder kürzerer Badekuren oder Erholungsreisen sich seitdem fast alljährlich wiederholte. 1850 war Sohr mit den Seinigen in Baden bei Wien, 1851 unternahm er allein eine Reise durch das nördliche Deutschland über Dresden, Weimar, Gotha, Kassel nach Bremen und Hamburg, wobei er sich namentlich der erquickenden Seefahrt zwischen den letzten Städten freute. In den drei folgenden Jahren begleitete ihn seine Tochter auf größeren Reisen, erst nach Tirol und in das Salzkammergut, dann in die Schweiz, zuletzt an den Rhein, der von Basel bis Köln bereist wurde. Sohr hat von allen diesen Reisen ausführliche tagebuchartige Berichte an seine in der Heimath zurückgelassene Gattin gesendet, welche von seinem regen Geiste, von seiner vielseitigen Bildung und von seinem guten Reisehumor das schönste Zeugnis ablegen. Keine irgend bemerkenswerthe Erscheinung auf dem Gebiete der Natur, des wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens, der Kunst, entging seiner Aufmerksamkeit, wie er auch die Stätten großer  historischer Erinnerungen, besonders solcher, die mit der Geschichte der Reformation zusammenhängen, gern  aufsuchte. – So suchte er, wohin er auch kam, für diejenigen Richtungen seiner Thätigkeit Nahrung, auf die ihn zu Hause Amtspflicht oder eigene Neigung  hinwies, und wie er auf seinen Bergwanderungen eifrig botanisirte und für die Bereicherung seiner Herbarien sorgte, so ging er in den Städten, die er besuchte, an keinem botanischen Garten, an keiner Anstalt für Blinde oder Taubstumme, an keinem Irrenhause vorüber, ohne diese Institute einer in der Regel sehr eingehenden Prüfung zu unterwerfen und sich mit ihren Leitern in einen fruchtbaren Ideenaustausch zu setzen. Auf diese Weise verstand er es durch die Erfahrungen, die er auf Reisen sammelte, auch die Zeiten der Erholung für seine Lebensaufgabe nutzbar zu machen.

Indessen rückte das Alter heran, welches auch dieser Art von Erholungen nicht mehr gewachsen war. Noch im Jahre 1850 hatte Sohr gegen seinen alten Freund Giese in Dresden sich seiner Gesundheit rühmen können. Er nennt sie die beste von der Welt: „ Ein anderes Leiden, als Husten und Schnupfen kenne ich nicht und mit den leiben Zähnen, auf welche mich meinSchöpfer wegen des bald erreichten 65. Lebensjahres zu reduziren sich veranlaßt gesehen hat, genieße ich noch alle trink- und eßbaren Artikel seiner Schöpfung … Auf diese Weise würde ich, wenn ich nicht schon drinnen wäre, einem sehr glücklichen Alter entgegensehen.“ Er überließ sich daher damals der Hoffnung nach seinem Austritte aus dem Dienste noch einen heiteren Lebensabend in Muße genießen zu können. Er schreibt: „Meine dienstlichen Verhältnisse sind noch unverändert, mein guter seliger Ober-Präsident von Merckel war mir zu theuer, um ihn zu verlassen. Er hatte auch gut für mich gesorgt und darum deprezirte ich zweimal Beförderungen, welche mit Versetzungen an Orte verbunden waren, bei denen ich nicht das zu finden glaubte, was ich hier besitze, genaue Kenntniß der Provinz, ausgebreitete Bekanntschaft und Vertrauen und Liebe bei Allen, welche über, neben und unter mir stehen. Jetzt bin ich alt, gehöre den verbrauchten Kapazitäten an, habe mir darum selbst ein Ziel gesteckt, bis zu welchem ich noch tagelöhnern werde und gedenke mich dann in den irdischen, nicht himmlischen Hafen der Ruhe einzulootsen, welchen man im Winter Ressource, im Sommer Landparthie oder Reise nennt, von denen man die erstere unbekümmert um Akten und Dekretiren perennirend besuchen, die letzteren ohne auf beschränkte Zeit Urlaub nehmen zu dürfen, in´s Werk setzen kann.“

Wenn sich nun aber sein Lebensende nicht so heiter gestaltete, wie er es sich ausmalt, so liegt der Grund wohl zum großen Theil darin, daß er, der rastlose Greis, sich jenes Ziel seines Dienstes weiter als billig hinausgerückt hatte, so daß er es nur mit voller Erschöpfung seiner Kräfte erreichen konnte. Daß diese in merklicher Abnahme begriffen seien, bekennt er demselben Freunde in einem Briefe vom 29. März 1853. Er klagt über rheumatische Beschwerden und daß der Körper nicht mehr die Dienste leiste, wie früher. „Wir haben unser Gutes genossen, Herr Bruder, und müssen an das Abtreten denken.“ Auch in einem Briefe aus dem Ende des folgenden Jahres (28. Dezember 1854) an seinen Bruder Gustav kehrt ein ähnlicher Gedanke wieder. Er mag sich des künftigen Jahres nicht recht freuen, „denn es führt mich, wenn auch erst im vorletzten Monate, mit aller Gemüthlichkeit in die siebente Lebensdekade, in welcher man an einen gewissen Bibelspruch denkt, der besonders für den herbe zu lesen ist, dem gerade in der innigen Liebe und Zuneigung der nächsten Blutsverwandten die schönsten Lebensblumen blühen und der sich an ihnen noch recht lange erfreuen möchte.“

Aber trotz so früher Ahnungen hielt er aus und suchte in den folgenden Jahren wiederholt in Teplitz Erhaltung und Erfrischung seiner Körperkräfte, die er denn auch so weit fand, daß er die Genugthuung hatte, eben dort im Mai 1857 sein 50jähriges Dienstjubiläum feiern zu können, wo er dann, da er einer prätentiösen Feier aus dem Wege gegangen war, von allen Seiten in offiziellen und nicht offiziellen Begrüßungsschreiben nach Gebühr geehrt wurde. Er spricht sich darüber gegen seine ihn beglückwünschende Schwägerin in schlichter ungeschminkter Frömmigkeit so aus:

Teplitz, 22. Mai 1857.

„Ein Jubelfest zu erleben, dabei ist nicht das eigene Verdienst, sondern nur die Gnade Gottes werkthätig und wem letztere zu Theil geworden, der mag nur dafür dankbar sein, wenn es ihm gelungen, die ihm obliegenden Amtspflichten treu erfüllt zu haben. Ob mir dies geglückt, mögen Andere beurtheilen, ehrlich und redlich habe ich darnach gestrebt, und werde wenigstens das Bewußtsein aus dem Dienste mit fortnehmen, daß ich nicht müßig gewesen, möge nun die Tagelöhnerei Früchte getragen haben oder keine. Wenn es mir im Dienst gut gegangen und ich Vertrauen und Liebe genossen, so ist es mir dabei recht sauer geworden und ich habe mich der ruhigen Stunden nicht erfreuen dürfen.“

Nun aber bedurfte es endlich der Ruhe. Zwar erfreute er sich von Seiten seines Chefs, des Ober-Präsidenten von Schleinitz, der ihn bald wie Alle, die mit ihm in Berührung kamen, schätzen und werthhalten gelernt hatte, der wohlwollendsten und humansten Berücksichtigung für die Verminderung seiner Arbeitskraft und seine zunehmende Hinfälligkeit. Aber er konnte gleichwohl an eine weiter Fortführung seines Amtes jetzt um so weniger denken, da sich als Nachwirkung eines Cholera-Anfalles seit dem Jahre 1857 ein Gehörleiden entwickelte, welches trotz der Konsultation der ersten Autoritäten auf diesem Gebiete in stetem Zunehmen begriffen war, und, wie es ihm zu seinem bitteren Schmerze jeden geselligen Verkehr auf´s äußerste erschwerte, so ihm namentlich auch die Leitung der Verhandlungen, die ihm als Abtheilungs-Dirigenten oblag, so gut wie unmöglich machte. Er beantragte daher im November 1857 seine Dienstentlassung, erbot sich jedoch, gleichsam als wenn er ganz ohne Arbeit nicht zu existiren vermöchte, „die ihm von der Gnade Gottes noch verbliebenen Kräfte zu Fortführung der Geschäfte in provinzialständischen und denjenigen Angelegenheiten auch ferner zu verwenden, welche er auf Grund spezieller Aufträge und unmittelbarer Aufsicht des Ober-Präsidenten bisher bearbeitet hatte.“ Am 30. Dezember unterzeichnete der Prinz von Preußen im Auftrage des erkrankten Königs die Urkunde über die erbetene Entlassung und am 10. April 1858 auf den Antrag der Minister der geistlichen Angelegenheiten, des Innern und der Finanzen das Patent, durch welches er zum Ehren-Mitgliede des Breslauer Regierungs-Kollegiums ernannt wurde. Auch sein mit dem Entlassungs-Gesuche verknüpftes Anerbieten wurde angenommen und er hat die Nebenämter als Staats-Kommissarius bei den Verwaltungs-Kommissionen für die Irren-, Heil- und Versorgungs-Anstalten zu Lebus und Brieg, als Regierungsmitglied und Gehülfe bei der schlesischen Provinzial-Feuersozietäts-Direktion, sowie die ihm von Merckel übertragene Aufsicht über die Sing-Akademie und über das akademische Institut für Kirchenmusik fortgeführt, bis im Oktober 1860 zunehmende Kränklichkeit ihn nöthigte, auch auf die Entbindung von diesen Geschäften anzutragen. Bis zu diesem Zeitpunkte hatte er sich bei wachsender körperlicher Gebrechlichkeit immer noch die volle Frische des Geistes bewahrt, mit der er nach wie vor an Allem, was um ihn her vorging, Antheil nahm. Den Umschwung, der im November 1858 in unserem Staatsleben eintrat, begrüßte er freudig, und besonders war es die von dem Regenten verheißene Rückkehr zu freisinniger Behandlung der kirchlichen Verhältnisse, die ihm wohl that; das Schillerfest im November 1859 hat ihn innerlich noch lebhaft beschäftigt und selbst aus dem Jahre 1860 findet sich noch ein Brief an seinen alten Freund Giese voll heiterer Laune und froher Reminiscenzen aus den akademischen Jahren. – Aber gegen das Ende dieses Jahres nahmen Sohr´s körperliche Gebrechen eine Wendung, die den Geist in Mitleidenschaft zog. Es entwickelte sich eine unheilbare Gehirnkrankheit und so siechte er noch bis in den Herbst 1861 hin, von der treuen Pflege seiner überlebenden Tochter bis zum letzten Atemzuge umgeben, die ihm seine Leiden auf jede Weise zu erleichtern suchte und wie Alle, die Antheil an ihm nahmen, mit tiefem Schmerze diesen lebendigen bedeutenden Geist noch vor dem hinfälligen Körper der Zerstörung verfallen sahen. Am 11. Oktober 1861 ist er erlöst worden und ruht nun an der Seite seiner geliebten jüngeren Tochter und seiner treuen Gattin, die ihm den 26. Januar desselben Jahres vorausgegangen war.