Prof. Dr. Karl Gottlieb Anton (1778-1861)

Professor Dr. Karl Gottlob Anton war von 1809 bis 1854 Rektor des Gymnasium Augustum. Als Mitglied wissenschaftlicher Gesellschaften, Verfasser zahlreicher Schulschriften und geschätzter Kenner und Vermittler alter Sprachen gehörte er zu den maßgeblichen Persönlichkeiten der Stadt. Nicht ohne Argwohn gegen die stärker praxisbezogenen Bürgerschulen, verschloß er sich nicht den Forderungen der Zeit nach einer strafferen Schulorganisation und nach vaterländischer Erziehung. Trotz seiner poltrigen Derbheit erwarb er sich als Görlitzer Original die Anhänglichkeit und Achtung der Schüler. (SKG nf 19)

aus "Neues Lausitzisches Magazin - 39 / 1862":

Karl Gottlieb Anton (1778-1861)

Doktor der Theologie und Philosophie, königlicher Professor, Ritter des rothen Adler-Ordens dritter Klasse mit der Schleife, Rektor emeritus des Görlitzer Gymnasiums, Ehrenmitglied der lateinischen Gesellschaft in Jena, der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften, der naturforschenden Gesellschaft in Görlitz, Mitglied der Gesellschaft für deutsche Sprache in Berlin und korrenspondirendes Mitglied der toskanischen Akademien für Künste und Wissenschaften in Arezzo, Pistoja und Modigliana.

Derselbe hat in einem Schulprogramme 1854 seinen Lebensgang selbst dargestellt. Da jedoch diese Schulschrift nur in einem kleinen Kreise bekannt geworden sein dürfte, so soll bei der großen Bedeutung des Mannes aus seiner Lebensbeschreibung, wie er sie selbst verfaßt hat, das wichtigste ausgehoben werden.

Er wurde in Wittenberg am 31. Dezember 1778 geboren. Seine Eltern waren Konrad Gottlob Anton, Doktor der Philosophie und Bakkalaureus der Theologie, damals ordentlicher Professor der Moral, später der morgenländischen Sprachen, und Karoline Louise Sophia geb. Lüder aus Wittenberg. Schon im Mai 1778 ward er nach der Sitte der Akademiker jener Zeit als civis academicus vom Rektor magnificus Ebert in das Album der Universität eingetragen. Den ersten Unterricht ertheilte ihm der Vater; im Griechischen und Lateinischen aber hatte er einen Studenten Göbel, im Rechnen und Schreiben den Küster Boost zum Lehrer. Außerdem besuchte er das Hiller´sche Seminar und die Weber´sche Schulanstalt, wo neben Latein und Mathematik auch Religion gelehrt wurde. Von 1791 bis 1794 war er Schüler des Lyceums seiner Vaterstadt, dem Messerschmid und nachher Beyer als Rektor vorstand. Von seinem Vater  und von Beyer, die beide eine große Fertigkeit im Sprechen des Lateinischen besaßen, eignete er sich die bewundernswürdige Leichtigkeit und Gewandtheit im Gebrauche dieser Sprache an, so daß er sich derselben nicht nur bei der Erklärung griechischer und römischer Klassiker, sondern auch bei den wöchentlichen Disputirübungen und überhaupt in mündlichen und schriftlichen Darstellungen mit ungewöhnlicher Geläufigkeit bediente, und die fähigeren unter seinen Schülern dahin brachte, daß ihnen das Sprechen der Sprache Latiums keine Mühe verursachte. Von Ostern 1794 bis zu Ostern 1795 lebte er bei seinem früheren Lehrer dem Pastor M. Göbel in Oberwiesa bei Greifenberg, wissenschaftlichen Studien hingegeben.  Hierauf bezog er 17 ¼ Jahr alt die Universität Wittenberg und studirte vier Jahre  hindurch, von Ostern 1795 bis Ostern 1799 Theologie und Philologie, und ging dann, nachdem er vorher von Ostern bis Weihnachten noch besonders der Philologie oblag und Mitglied sowohl der unter Beck blühenden philologischen, als der unter Gottfried Hermann eben damals entstehenden und berühmt gewordenen griechischen Gesellschaft war. Noch ward er im Sommer dieses Jahres in Wittenberg unter dem Dekanate seines Vaters Doktor der Philosophie, durch die öffentliche Verteidigung seiner Disputation: de lingua primaeva ejusque in lingua hebraica antiquissima reliquiis. Am 19. Februar disputirte er pro loco über seine Dubitationes de cognitione a priori, qualem Kantius statuere videtur, ward am 21. Februar als Adjunkt der philosophischen Fakultät aufgenommen, und Magister der freien Künste. Am 28. Januar 1800 habilitirte er sich bei der philosophischen Fakultät in Wittenberg und begann am 9. Juni seine Vorlesungen über Logik. In demselben Jahre erwarb er sich auch das Bakkalaureat der Theologie. Nach bestandenem Fakultätsexamen und abgehaltener Disputation über seine Schrift: Locus Gal. III, 20 critice, historice et exegetice tractatus ward ihm zu Vorlesungen auch über das Alte Testament Berechtigung ertheilt. Seine Thätigkeit als akademischer Lehrer, welche drei Jahre dauerte, bezog sich auf Philosophie und alttestamentarische Exegese. Im Jahre 1802 wurde er von der Jenaischen lateinischen Gesellschaft als Ehrenmitglied aufgenommen. Nach Meerheim´s Tode ward er mit zum Professor der Poesie denominirt. Aber gerade jetzt nahm sein Lebensgang eine andere Richtung. Sein Oheim Dr. Karl Gottlob von Anton, den hochverdienten Mitstifter unserer Gesellschaft, führte eine Reise nach Wittenberg. Auf dessen Anrathen wurde er am 19. März 1803 zum Konrektor am Görlitzer Gymnasium gewählt. Dieses Amt, in das er am 12. Mai eingewiesen ward, trat er am Tage darauf bei Gelegenheit des Sylverstain´schen Gedächtnisaktus an. Als Konrektor übernahm er den mathematischen Unterricht und das Bibliothekariat bei der Milich´schen Bibliothek, welches er bis 1854 verwaltete. Am 6. Mai 1809  ward er der Amtsnachfolger des am 12. Februar desselben Jahres verstorbenen Rektors M. Schwarze, und am 31. Mai vom Bürgermeister Neumann, der ihn ein langes Wirken gleich dem Rektor Baumeister voraussagte, in das neue Amt eingeführt. Am 13. Mai 1828 verband er sein 25jähriges Amtsjubiläum mit dem Syvertain´schen Aktus, wobei ihn seine Primaner einen silbernen Becher mit einem lateinischen Chronostichon und eine griechische Hymne überreichten und Abends einen solennen Fackelzug veranstalteten. Bei seinem 25jährigen Rektorjubiläum am 2. Juni 1834 ward er von seinen Schülern durch einen zweiten silbernen Becher und ein lateinisches Gedicht erfreut, und die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften, der er seit dem 21. April 1804 als wirkliches Mitglied angehört hatte, verlieh ihm das Diplom als Ehrenmitglied. Durch königliche Kabinetsordre vom 13. September 1829 erhielt er das Prädikat eines königlichen Professors, am 10. April 1850 aber den rothen Adlerorden vierter und am 13. Mai 1853 beim goldenen Jubiläum seiner Wirksamkeit am Gymnasium denselben Orden dritter Klasse mit Schleife. Am 17. Oktober 1849 beim 50jährigen Jubiläum als Doktor der Philosophie sandte ihm die philosophische Fakultät in Halle-Wittenberg ein Glückwunsch-Diplom und am 20. Oktober 1850 ertheilte  ihm die theologische Fakultät in Halle-Wittenberg die theologische Doktorwürde honoris causa.

Ein Tag hoher Freude war für ihn der 13. Mai 1853, an welchem er das 50jährige Jubiläum seiner Wirksamkeit am Görlitzer Gymnasium festlich beging. Da über diese Feier bereits im 30. Bande des Neuen Lausitzischen  Magazins (Nachrichten S. 45-48) ausführlich berichtet worden ist, so kann sie hier übergangen werden. Nur ist zu erwähnen, daß er bei dieser Gelegeheit eine Stiftung machte, die durch das k. Provinzial-Kollegium zu Breslau unterm 10. März 1857 genehmigt wurde. Er legte nämlich 500 Thaler verzinslich an und traf folgende Bestimmungen:

„Die Stiftung soll nicht eher in den Gang kommen, als bis sich die 500 Thaler zu 2000 Thalern vermehrt haben, welches muthmaßlich in 50 Jahren geschehen sein wird. Sie soll aber, wo möglich, nach meinem Wunsche am 13. Mai 1903 zur hundertjährigen Feier meines Eintritts in´s Schulamt allhier, in´s Leben treten. Von den 2000 Thalern sollen die Zinsen des einen Tausend zu einem Stipendium für einen auf der Akademie Studirenden verwendet werden, der in Görlitz oder, wenn hier das Gymnasium aufgehoben wäre, in Oels, oder wenn auch dieses nicht mehr bestände, in Wittenberg, oder wenn auch dieses eingegangen wäre, in Lauban, oder nach Aufhebung auch dieses Gymnasium, auf irgend einem preußischen Gymnasium die Schulstudien wenigstens 2 Jahre lang gemacht hat. Diejenigen, welche sich zu Schulmännern ausbilden wollen, sollen den Theologen, diese den Juristen und diese den Medicinern ceteris paribus vorgehen. Die Zinsen des zweiten Tausend sollen wieder so lange zu Kapital gemacht werden, bis von dessen Zinsen, außer dem Tausend, wovon das Stipendium gezahlt wird, wieder 2000 Thaler, also mit jenem 3000 Thaler beisammen sind. Dann soll wieder von den Zinsen des anderen Tausend ein zweites Stipendium entstehen und die Zinsen des anderen Tausend sind wieder zu kapitalisiren, bis sie abermals zu einem neuen Tausend angewachsen sind.  Immerfort sollen die Zinsen des einen Tausend zum Kapital geschlagen werden und der Stipendien so viele im Gange sein, als die Stiftung Tausende in sich begreift weniger eins. Jedoch sollen nicht alle Stipendien für akademische Studirende bestimmt sein, sondern nur das erste, dritte, fünfte, siebente, neunte u.s.w. Das zweite, vierte, sechste, achte, zehnte u.s.w. bestimme ich für ihres Vaters durch den Tod beraubte unverheiratete Töchter von Gymnasiallehrern mit Vorzug der Töchter von Gymnasialrektoren. Wie die Studenten auf den angegebenen Gymnasien studirt haben sollen, so müssen auch die verstorbenen Vater der Töchter an den Gymnasien zu Görlitz, oder zu Oels, oder Wittenberg, oder Lauban angestellt gewesen sein, und zwar so, daß das folgende erst in die Rechte eintritt, wenn das vorher genannte aufgehoben worden ist. Sollte die Aufhebung aller vier erfolgen, so gehört das Stipendium für die Lehrerstöchter auf, und alle werden an akademische Studenten vergeben. Meine Nachkommen sollen bei beiden Stipendien den Vorzug vor Anderen haben, selbst so, daß die Studierenden unter ihnen, die auch auf anderen Schulen als den genannten gewesen sein können, vor den verwaisten Lehrerstöchtern einen Vorzug haben und ein der Reihe nach diesen zufallendes Stipendium bekommen sollen. Die akademischen Stipendien sollen auf drei Jahre, die an Lehrerstöchter auf Lebenszeit, wenn sie nicht heiraten, verliehen werden. Durch solche, denen ich ein Vorrecht vor anderen zugesprochen habe, können freilich manche, die im Genusse waren, denselben verlieren, z.B. Lehrerstöchter durch eine eintretende Rektorstochter, nicht verwandte Studirende durch einen Nachkommen von mir, der die Universität bezieht. Die Kollatur will ich dem Lehrerkollegium desjenigen Gymnasiums übertragen, bei dem die Stiftung steht, in der Weise, daß der Rektor zwei Stimmen und im Fall der Stimmengleichheit noch die entscheidende, also drei Stimmen hat, jeder Lehrer eine Stimme. Wären mit Einschluß des Rektors sieben Lehrer, so wären acht Stimmen und des Rektors Stimme wäre schon entscheidend, wenn ihm zwei Lehrer beiträten. So soll das Lehrerkollegium zwei Studirende wählen, aus welchen der Magistrat oder die zu jener Zeit dem Gymnasium zunächst vorgesetzte Behörde den Stipendiaten ernennt. Ebenso soll es mit der Wahl der Lehrerstöchter gehalten werden, wenn deren mehrere Ansprüche  haben. Ueber die Religion der Genußinhaber will ich nichts bestimmen, obschon ich erwarte, daß sie in der Regel christlichen evangelischen Glaubensbekenntnisses sein werden. Sollte die Zahl der Universitätsstipendien und die der dazwischen liegenden Stipendien für unverheiratete Lehrerstöchter jede auf zwanzig anwachsen, so sollen die Zinsen des einen Tausend zwar immerfort zum Kapital geschlagen werden, aber die Zinsen des übrigen Kapitals, welche über die Stipendienzahl hinausreichen, können nach Maßstabe der Umstände zu anderen Schulzwecken, z.B. zur Erhöhung der Stipendien für die Lehrerstöchter oder zur Verbesserung der Lehrergehälter verwendet  werden. Segnet Gott die Stiftung mit der Zeit soweit, daß der Fonds 100.000 Thaler beträgt, so soll das Kapitalisiren der Zinsen von einem Tausend aufhören, aber nicht früher.“

Der Abend seines Lebens war nunmehr gekommen und die wohlverdiente Ruhe war ihm zu gönnen. Er nahm daher seine Entlassung, die ihm mit ehrender Anerkennung dessen, was er gethan, gewährt wurde. Zu Ostern 1854 schied er aus dem Amte, in welchen er Tausenden zum Segen mit unermüdeter Treue gearbeitet und reiche Frucht geschaffen hat. Als Rektor hat er 2345 Schüler inskribirt und 2322 Schüler entlassen. Ein heller Freudenschein strahlte noch in sein Greisenalter, da ihm das Glück zu Theil ward, zu den vielfachen Jubiläen, die er, wie selten Jemand, gefeiert hatte, am 10. Februar 1857 bei voller Rüstigkeit das goldene Ehejubiläum hinzufügen zu können. Am 10. Februar 1807 hatte er sich mit seiner treuen Lebensgefährtin Frau Florentine Friederike, einer Tochter des verstorbenen Bürgermeisters Karl Gottlob König in Görlitz, ehelich verbunden, und mit ihr ein halbes Jahrhundert hindurch in herzlicher Vereinigung gelebt, überhäuft mit Beweisen der göttlichen Gnade. Denn wohl konnte man ihn einen beglückten Mann nennen, wenn ein schöner Familienkreis, eine ehrenvolle Stellung im Leben, eine gesegnete Wirksamkeit, wenn bereitwillig gezollte Hochachtung und Liebe, eine feste Gesundheit und sich gleichbleibende Geistesfrische ein Recht dazu verleihen. In seiner Zurückgezogenheit fuhr er fort, den lebendigsten Antheil an der Literatur zu nehmen und am 10. November 1859 sahen wir den beinahe 82jährigen Greis bei der Säkularfeier der Geburt des Dichters Friedrich Schiller mit fast jugendlicher Munterkeit in der Mitte der Festgenossen. Vgl. Band 37. S. 46 ff. Am 28. August 1860 überreichte  ihm der Präsident der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften Landesältester Graf von Löben bei Gelegenheit der 116. Hauptversammlung die silberne Ehrenmedaille. Vgl. Bd. 38. S.444. Ein schmerzlicher Schlag traf ihn am 22. November 1860, als seine innig geliebte ältere Tochter Florentine Liddy durch den Tod abgerufen ward. Dieser herbe Verlust beugte ihn tief und ehe noch ein Jahr abgelaufen war, folgte er der beweinten Tochter nach. Am 11. September 1861 entschlummerte er sanft in dem Alter von 83 Jahren 7 Monaten und 11 Tagen. An seinem Grabe trauern die Wittwe, zwei Söhne und eine Tochter. Der ältere Sohn Dr. Bernhard Karl Egbert Anton ist Gymnasial-Oberlehrer in Oels, der jüngere Oswin Karl Edgar Anton gegenwärtig Direktor des königlichen Kreisgerichts in Dramburg, die Tochter aber Frau Alwine Elfriede ist verheirathet an den königlichen Stabsarzt Dr. Karl Adolph Moritz, Ritter des rothen Adlerordens vierter Klasse, in Görlitz. Die Freude, welche er an seinen Kindern erlebte, erhöhte sein häusliches Glück.

Mit der dankbaren Anerkennung ist noch das große Verdienst zu erwähnen, welches er sich um die seit 1716 in Görlitz bestehende Priester-Wittwen- und Waisen-Sozietät erworben hat. Üeber 30 Jahre führte er als Provisor die Geschäfte dieser wohlthätigen Anstalt mit solcher Umsicht und Treue, daß unter seiner Leitung das Vermögen zu einer sehr anshenlichen Summe anwuchs und die Kasse in den Stand gesetzt ward, die jährlichen Wittwenpensionen angemessen zu erhöhen. Der strenge Ordnungssinn und die unbestechliche Redsamkeit, die ihn in Allem, was er that, auszeichnete, beförderten das gedeihen eines Vereins, der wie ein kleines Senfkorn begonnen hat und jetzt zu einem kräftigen Baume herangewachsen ist. Mit sichtbarer Vorliebe pflegte er als ein guter und getreuer Haushalter die Stiftung und beschäftigte sich, wie ich aus seinem Munde vernommen habe, eifrig damit, die Geschichte der Gesellschaft von ihrem ersten unscheinbaren Anfange bis auf die Gegenwart in einer Denkschrift darzustellen. Wie weit er damit gekommen sein mag, weiß ich nicht anzugeben; doch ist zu vermuthen, daß in seinen nachgelassenen Papieren sich die Vorarbeit befindet.

Eine höchst angenehme Ueberraschung hatte er seinen zahlreichen Schülern noch zugedacht, indem er im Jahre 1856 ein „Verzeichniß der Schüler des Görlitzer Gymnasiums, welche in den Jahren von 1803 bis 1854 die Prima oder auch nur die Sekunda besucht haben“ im Drucke herausgab.  Darin sind mit der ihm eigenen Sorgfalt und Genauigkeit nicht allein die Namen, sondern auch die späteren Lebensverhältnisse der von ihm unterrichteten Schüler angegeben. Damit hat er uns, denen sein Andenken heilig ist, ein sehr liebes Geschenk gemacht. Sinnend verweilt man bei diesem und jenem Namen, und die schönsten Erinnerungen an die goldene Zeit der Jugend werden wachgerufen. Viele, sehr viele sind bereits dem Lande der Zeitlichkeit entrückt und vom Glauben zum Schauen gekommen. Manche wandelten einen glatten, geebneten Pfad; auf ANDERE WIEDER LEIDET DAS Wort des Sängers der Aeneis Anwendung: per varios casus, per tot discrimina rerum tendimus in Latinum. Einzelne stiegen zu hohen Stellungen im Staate und in der Kirche auf, während Andere in untergeordnete  Berufskreise kamen; die Mehrzahl aber erkannte in dem „medio tutissimus ibis“ ihre Lebensregel. Welche Verschiedenheit der Gaben und ihrer Verwendung! Diesem waren fünf oder zehn, jenem nur ein Pfund gegeben; der Eine wucherte mit dem Empfangenen und gewann damit einen Schatz für das Leben, der Andere ließ das Gegebene unbenutzt und empfand zu spät die bitterste Reue!

Doch ich kehre zum Vater Anton zurück und lasse noch aus dem Programme des Gymnasiums zu Görlitz, herausgegeben von seinem Nachfolger, dem Direktor J.K.G. Schütt (Görlitz 1862. 4. S. 18 fg.), eine Charakteristik folgen, die aus dem von Pietät erfüllten Herzen eines mit dem Entschlafenen genau bekannten ehemaligen Schülers geflossen ist, und mit treffenden Zügen das Bild des würdigen Lehrers zeichnet.

„Ein Hinblick auf ihn, auf eine so erfüllte Laufbahn ist voll des erhebendsten Gefühls für jeden, der neben ihm wandeln, mit ihm wirken, seiner Liebe und Theilnahme sich erfreuen durfte, ja erhebend für jeden, in dessen Brust ein Herz für sittliche Hoheit, für Recht und Wahrheit glüht, dessen Sehnsucht und Streben der Verwirklichung der schönsten Ideale der Menschen gilt.

Er war mit einer dauerhaften Gesundheit ausgestattet, die er durch regelmäßiges Leben und Genügsamkeit sich erhielt; sein nie rastender Geist, sein durchdringender Verstand, mit eiserner Willenskraft und dem herrlichsten Gedächtnis gepaart, war fort und fort bemüht, in vielfältiger Weise in die Wissenschaften einzudringen. Nichts war ihm bei seiner fast peinlichen Gewissenhaftigkeit zu gering, und doch beherrschte er Alles in Allem; denn in seinem Kopfe wurde Alles zur Klarheit. Und dies Klarheit im Wissen wie im Wollen, seine unerschöpfliche Herzensgüte, wie seine unerschütterliche Gerechtigkeit machten ihn ebenso zum vollendeten Lehrer und Hort der Jugend, wie zum sichern treuen Leiter der Anstalt, deren Schiff in bewegten und schreckenvollen, wie in ruhigen Tagen er mit fester Hand und unerschrocken steuerte.

Wenn er auch seine Studien vorzugsweise der Theologie, Philosophie und Philologie zugewendet hatte, so war sein mit Kenntnissen reich geschmückter Geist doch zugleich kräftig geübt, in jedes wissenschaftliche Gebiet, das sich ihm darbot, siegreich einzudringen, auch solche Gebiete mit seinem Ueberbilcke zu beherrschen, die ihm ganz fern zu liegen schienen. – In hohem Grade bewundernswerth war sein seltenes Gedächtnis, indem alles darin Niedergelegte wie in einem wohlverwahrten Schatzhause geborgen und doch zu augenblicklicher Verwendung bereit lag. Sein scharfer Verstand war außer der anderweiten wissenschaftlichen Beschäftigung besonders durch Disputationen gebildet, die er seit dem akademischen Leben in Wittenberg bis in die spätesten Zeiten mit Freuden und Ehren abhielt. Mancher seiner Schüler erinnert sich noch mit Freuden der in der Prima in lateinischer Sprache abgehaltenen Disputationen: wie er das Zerstreute zusammen zu fassen, das Unlogische logisch zu gestalten und die streitenden Parteien durch sein streng logisch geschlossenes Résumé nach beendigter Disputation zu der Wahrheit zu führen wußte, jeden Gedanken mit Unparteilichkeit und Schärfe behandelnd. Wer unter seinen Zuhörern gedächte nicht mit Freuden seines lateinischen Redeflusses, wie er so gedankenreich in Fülle dahinströmte! Worte sokratischer Weisheit flossen dabei von seinen Lippen; seine Zöglinge, manche schon selbst im Silberhaar, bewahren sie wie ein kostbares Gut in ihrem Innern auf und haben wohl auf ihrem Lebenswege die Wahrheit derselben und ihren tiefen Sinn besser noch würdigen gelernt, als zu der Zeit, wo sie zu seinen Füßen sitzend dieselben in sich aufnahmen. In allen Fächern seines Unterrichts; der Religion, Erklärung der Klassiker, Geschichte, Mathematik, in der Grammatik der alten Sprachen zeichnete er sich durch die größte Klarheit aus und suchte auch seine Schüler zu derselben zu führen. Wie er mit mathematischer Bestimmtheit seine Fragen stellte, forderte er auch die Beantwortung derselben und konnte bei Nachlässigkeit in den heiligsten Eifer gerathen. Wie unbequem auch manchem flatterhaften Schüler solche Genauigkeit war, so konnte doch keiner umhin, die Gründlichkeit anzuerkennen und schließlich zu bewundern. Jeder wurde von der Ueberzeugung durchdrungen, daß Alles, was der gute Rektor Anton gesagt und geschrieben, seine wohlbegründete Berechtigung haben müsse.

Nichts konnte ihn, der selbst das Muster und Vorbild strengster Sittlichkeit war, bei seinen Schülern mehr schmerzen, nichts so erbittern, als wenn die Wahrheit umgangen werden sollte. Durch alle Sophismen und Ausflüchte hindurch wußte er dieselbe mit ungemeinem Scharfsinn zu erkennen und durch ungewöhnlich gewandte Fragen dem Munde des Lügenden zu entlocken, den die Blitze gerechter Entrüstung, die aus dem sonst so milden Auge auf ihn zuckten, tief ergeben machten und dem es bald zum klaren Bewußtsein wurde, die Wahrheit müsse an das Licht. Der reuig bekannten Schuld fehlte nie die Milde. – Wie unermüdlich, wie mühsam war er, wenn es galt, einem seiner Kinder – denn so betrachtete er seine Zöglinge – fortzuhelfen auf seinem vielleicht steilen Lebenspfade! Wie atmete da Alles an ihm Wohlwollen und Güte, nicht in rührenden, zärtlichen Worten, aber in desto wirksameren Thaten! Ach, wie viele unruhige, sorgenvolle Stunden brachte der Kampf zwischen strenger Pflichterfüllung und den Forderungen seines liebevollen Herzens in sein Leben! – Bei einem festen, konsequenten Charakter immer bemüht, selbständig zu sein, übte er über Alles, was er hörte, sah und las, die genauste Kritik; darum kämpfte er auch mit unerschütterlichem Muthe für Alles, was ihm nach seiner Erziehung, seinem Forschen und seiner Beobachtung der Verhältnisse als Wahrheit erscheinen mußte. – Wenn er auch der Geselligkeit im gewöhnlichen Sinne des Wortes nicht lebte, so verkehrte er doch gern mit Allen, die sein Amt als Rektor, Bibliothekar und Provisor der Wittwenkasse ihm zuführte; und die oft scheinbar so einfachen Unterredungen wurden für ihn, den philosophischen Beobachter, Quellen der tiefbegründetsten Kenntniß der Menschen und ihrer Verhältnisse, deren Resultate er gern zusammenfaßte in eigenen originellen Worten oder wiederfand in dem geistreichen Ausspruche eines Weisen neuer oder alter Zeit.

Bis in das höchste Greisenalter blieb der seltene Mann lebensfrisch und empfänglich für Alles, was das Leben des Menschen und Christen ziert und verschönt; darum verstand er auch die Wünsche und Bedürfnisse der Jugend zu würdigen, er theilte ihre unschuldigen Freuden, verklärte, heiligte sie durch seine Gegenwart. Welcher von seinen Schülern knüpfte nicht hieran freudige, unvergeßliche Erinnerungen! Nie wird die dankbare Erinnerung an diesen ausgezeichneten Mann aus der Seele seiner Schüler verschwinden.“

In den vorstehenden Worten wird wohl jeder seiner gewesenen Schüler den geliebten Lehrer wiedererkennen, der in der That kaum Einen zurückgelassen hat, der nicht in innigster Ehrfurcht seiner gedächte. Nur eine Eigenschaft mag noch hervorgehoben werden, die seinem Charakter zu hohem Ruhme gereicht. Er war frei von dem, was man „Nachtragen“ nennt, und gerade  dies fesselte auch solche Schüler an ihn, die durch jugendlichen Leichtsinn und  Uebermuth ihn manchmal gegen sich aufbrachten.  Zu manchen Zeiten war er reizbar und wurde auch bei kleinen Veranlassungen leicht heftig. Dann übte er wohl das Amt der Zucht bisweilen, wie es schien, mit rücksichtsloser Schärfe; aber war die erste Aufregung vorüber, so wußte er absichtslosen Muthwillen von vorsätzlicher Kränkung zu unterscheiden und brachte dem vielleicht durch harte Worte Verletzten ein mildes, väterliches Wohlwollen entgegen, welches wie ein warmer Sonnenstrahl die Eisrinde, die sich um das Herz dessen, den die scharfe Rüge getroffen hatte, legen wollte, zum Schmelzen brachte.

Sein Unterricht war stets anregend und durchaus gründlich, nie oberflächlich. Auch anscheinend Trockenes verstand er anziehend zu machen und bei Erklärung der alten Klassiker drang er tief in ihren Geist ein. Cicero´s berühmte Schrift „de officiis“ sprach seinen scharfen Verstand besonders an und er gab dazu gediegene Erläuterungen. Vielleicht weniger glücklich in der Auffassung der feineren Schönheiten in den Werken der alten klassischen Dichter, war er doch nicht unempfänglich dafür; aber die philologische Gründlichkeit ließ ihn zuweilen leichter darüber hinweggehen, als er dem Schüler erwünscht war. Dagegen war sein Sinn dem Geiste verwandt, welcher aus den Psalmen und prophetischen Büchern der heiligen Schrift zu uns redet. Mit fühlbarer Wärme folgte er dem erhabenen Schwunge der hebräischen Sänger, mit deren Spracheigenthümlichkeiten er innigst vertraut war, und flößte den Schülern, wie sehr diese auch noch mit den Schwierigkeiten des semitischen Idioms zu ringen hatten, die Ahnung des göttlichen Hauches ein, der diese Schöpfungen, die so einzig in ihrer Art sind, durchweht.

Doch genug von dem Leben des theuren Vollendeten! Sein Leichenbegräbniß am 14. September gab Zeugnis davon, wie fest gegründet die Achtung war, in der er verdientermaßen stand.

(NLM alt 039/1862)