Joseph Theodor Hertel (8.7.1808-22.2.1861)

Oberlehrer am Gymnasium in Görlitz

Joseph Theodor Hertel ward am 8. Juli 1808 in Posen geboren. Sein Vater Ludwig hertel, Sekretär an der königlichen Kriegs- und Domänenkammer, verlor bald nach des Sohnes Geburt durch die Zeitverhältnisse sein Amt und zog nach Prausnitz in Schlesien, ward aber 1809 als Polizeisekretär nach Schweidnitz, 1816 als Regierungssekretär nach Reichenbach und 1820 als solcher nach Liegnitz versetzt, wo er 1835 starb. Die Mutter Marie geb. Zingler aus Profen bei Jauer starb schon 1819; doch erhielt er an der noch lebenden Henriette  geb. Ludovici aus Grünberg eine liebevolle, treulich sorgende Pfegemutter. Nachdem er die erste Vorbildung durch Privatunterricht erfahren hatte, besuchte er von Michaelis 1820 bis dahin 1828 die Ritterakademie in Liegnitz, wo er den Studiendirektor Becher, die Professoren Franke, Keil, Kaumann (gegenwärtig Direktor der Realschule in Görlitz), Mosch und Schultze, sowie die Inspektoren Malcolm, Hering und Hennicke zu Lehrern hatte. Hierauf bezog er die Universität in Breslau, um sich vorzugsweise dem Studium der Mathematik und Physik zu widmen. Er hörte besonders die Vorlesungen der Professoren Scholz, Branitz, Wachler, Passow, Jungwitz, Fischer und Steffens. Nach Vollendung seiner akademischen Studien bestand er am 30. Oktober 1832 das Examen für Kandidaten des höheren Schulamts, hielt bis Michaelis 1833 am Gymnasium in Liegnitz sein Probejahr ab und blieb an dieser Anstalt bis Ostern 1836 als Hülfslehrer. Am 19. Februar 1836 unterzog er sich der Prüfung pro loco und wirkte seit dem 13. April desselben Jahres am Gymnasium in Görlitz als Lehrer der Mathematik und Physik mit dem Prädikate Oberlehrer. Auch besorgte er seit Michaelis 1856 die Rendantur der Gymnasialkasse. Die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften erwählte ihn am 31. August 1836 zum wirklichen Mitgliede; auch ward er korrespondirendes Mitglied der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur in Breslau und der Akademie dárchéologie de Belgique in Antwerpen.

Mit großem Eifer erfüllte er die Obliegenheiten seines Amtes und machte sich auch sonst durch seine gründlichen Kenntnisse vielfach nützlich. Da er die abstrakten Lehrsätze der Mathematik auch solchen Schülern, die dafür weniger Anlage und Neigung zeigten, deutlich zu machen wußte, so gelang es ihm durch die krystallhelle seines Vortrages allmählich eine Zahl von Schülern heranzubilden, welche die Trefflichkeit seines Unterrichts erkannten und der von ihm empfangenen Anregung folgten. Auch in dem Gewerbevereine und der mit ihm verbundenen Friedrich-Wilhelms-Stiftung hielt er auf Veranlassung des Magistrats mehrere Jahre hindurch Vorträge über Geometrie und Physik und ihre praktische Anwendung auf die verschiedenen Gewerbe.

Vom Jahre 1836 an stellte er in Görlitz, vom Professor Scholz in Breslau dazu aufgefordert, meteorologische Beobachtungen an, Behufs einer genaueren barometrischen Ermittlung des Höhen-Unterschiedes zwischen hier und Breslau. Bald erweiterte er dieselben auf Temperaturverhältnisse, Windrichtung, Windstärke, Nordlichter u.s.w. Die Beobachtungen, welche er ohne Unterbrechung bis zu seinem Tode mit der größten Sorgfalt fortgesetzt hat, sollten die Grundzüge zu einer Klimatologie von Görlitz nebst Umgegend liefern. Die gewonnenen Resultate sind niedergelegt im Neuen Lausitzischen Magazin Band 16-24, 27, 30, 37 und 39 (die noch rückständigen, in Hertel´s literarischem Nachlasse vorgefundenen Wetterbeobachtungen werden in den späteren Bänden des Magazins veröffentlicht werden), sowie in den Abhandlungen der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur in Breslau in den Jahrgängen 1840-1849, wo auch die in Görlitz gewonnenen Resultate nach Vergleichung mit den Beobachtungen der Breslauer Sternwarte und nach Prüfung derselben nach der Methode der kleinsten Quadrate vom Direktor der Sternwarte Dr. von Boguslavsky als gediegen bezeichnet werden.

Als die Wichtigkeit dieser Beobachtungen immer mehr erkannt und auf Anregung Alexander von Humboldt´s mit dem statistischen Bureau in Berlin 1848 das meteorologische Institut errichtet wurde, erging an Hertel die Aufforderung, seine Beobachtungen einzuschicken, und Görlitz wurde unter die meteorologischen Stationen des Staates aufgenommen.

Zugleich beschäftigte sich Hertel mit einem vollständigen Nivellement der preußischen Oberlausitz und der angrenzenden Gegenden. Als Ergebniß seiner dahin gerichteten Arbeiten veröffentlichte er im Programme des Görlitzer Gymnasiums von 1840 „Die Höhe von Görlitz und einigen in der Umgegend liegenden Punkten über dem Spiegel der Nordsee“ und im Programme von 1850 „Barometrische Höhenmessungen in der preußischen Oberlausitz und der angrenzenden Gegenden“, worin mehr als 100 Höhenbestimmungen gegeben sind. Nächstdem sollte das Nivellement des Queiß und der Spree, soweit ihr Lauf der Oberlausitz angehört und zuletzt die Höhenbestimmung der Gebirgszüge folgen.

In seinem glücklichen Familienleben, umringt von acht blühenden Kindern, fand er Erholung von anstrengenden Arbeiten. Im geselligen Umgange war er freundlich und liebenswürdig. In Mußestunden, wenn es die Witterung gestattete. Gab er sich auch gern der Pflege seines Gartens hin, wo man ihn oft mit sichtlichem Wohlgefallen verweilen sah. Ein hervorstechender Zug seines Charakters war Offenheit und Biederkeit, Festigkeit und Geradheit. Dabei aber war er nichts weniger als schroff oder abstoßend, sondern vielmehr gemüthlich. Als Lehrer war er tüchtig, in Geschäften zuverlässig und von musterhafter Ordnungsliebe, als Gatte und Vater redlich für das Wohl der Seinigen besorgt. – Diese Eigenschaften erwarben ihm allgemeine Achtung und Liebe. Unsere Gesellschaft legte in seine Hände die Kassengeschäfte und er hat dieselben viele Jahre hindurch treu geführt. Zweimal wurde seine rastlose Thätigkeit auf einige Zeit unterbrochen. Denn im Sommer 1852 erkrankte er lebensgefährlich am Nervenfieber und im Herbste 1855 verlor er durch einen Unfall das rechte Auge.

Am 22. Februar 1861, Mittags bald nach 12 Uhr, nachdem er seinen Morgenunterricht beendigt und, zu Hause angekommen, noch seine Gattin begrüßt hatte, fand ihn sein kleiner Sohn, der ihn zu Tische rufen wollte, in seinem Arbeitszimmer entschlafen auf einem Stuhle sitzen. Ein Gehirnschlag hatte plötzlich seinen Tod herbeigeführt in dem kräftigen Mannesalter von 52 Jahren 7 Monaten 14 Tagen. Ein unübersehbarer Trauerzug geleitete am Tage seines Begräbnisses die verblichene Hülle auf den Friedhof. Er hat ein gutes Gedächtnis hinterlassen. Friede umschwebe sein stilles Grab!

Hirche.