Gottlob Traugott Leberecht Hirche (23.7.1805-24.5.1863)

Verewigten Sekretärs der Gesellschaft der Wissenschaften, von ihm selbst verfasst, nebst einer Charakteristik des Hochverdienten von einem Freunde desselben

Ich, Gottlob Traugott Leberecht Hirche, bin am 23. Juli 1805 in Rauscha geboren, stehe mithin gegenwärtig im 53. Lebensjahre. Den ersten Unterricht erhielt ich in der Elementarschule des Ortes und außerdem genoß ich Privatunterricht im Lateinischen, Französischen und Griechischen beim Ortspfarrer M. Trabert. Von Ostern 1817 bis dahin 1823 besuchte ich die beiden oberen Klassen des hiesigen Gymnasiums und bezog nach bestandener Maturitätsprüfung die Universität zu Breslau, wo ich an den theologischen Vorlesungen der Professoren Dr. David Schulz, Dr. v. Cölln, Dr. Gaß, Dr. Middeldorpf, Dr. Scheibel, Dr. Schirmer, Dr. Bernstein, sowie an den Gerichtsvorträgen des Prof. Dr. Wachler und an den Vorlesungen über lateinische und griechische Klassiker bei den Professoren Dr. Rohovsky, Dr. Schneider und Dr. Passow als fleißiger Zuhörer Theil nahm, die philosophischen Disciplinen aber durch die Professoren Dr: Henrich Steffens, Dr. Thilo und Dr. Hinrichs näher kennenlernte, auch zwei Jahre hindurch Mitglied des exegetisch-kritischen und des patristischen Seminars war. Noch jetzt blicke ich mit Vergnügen auf meine akademische Zeit zurück und es freut mich, daß ich das Zeugnis geben kann, dieselbe gut angewendet zu haben.

Zu Ostern 1826 verließ ich, 20 ½ Jahre alt, die Universität und übernahm die Hauslehrerstelle in der Ostpriegnitz, später in Niederschlesien, bis ich zu Michaelis 1829 nach Görlitz kam, um mich angemessener, als es im Hauslehrerleben hatte geschehen können, auf die beiden theologischen Examina vorzubereiten, die ich im Januar 1830 und im Mai 1831 in Breslau bestand. Zugleich errichtete ich eine Knaben-Unterrichtsanstalt, die von einem kleinen Anfange ausging, nach und nach aber wuchs und einen ansehnlichen Umfang gewann.

Im Jahre 1833 wurde ich in Cunnersdorf zum Pastor gewählt. Das Pfarramt habe ich bis 1852 bekleidet. In dieser Zeit habe ich mich in Mußestunden viel der Mathematik und mit alten Sprachen beschäftigt, indem ich namentlich Cicero und Plato zu meinen Lieblingsschriftstellern erwählte und mich mit ihren Schriften vertraut machte, auch daneben den größten Theil des Alten Testaments in der Ursprache las.  Noch erlernte ich in den Jahren Meiner Amtsführung das Englische und Italienische, und unterrichtete meine ältesten Sohn, der jetzt als Auscultator beim hiesigen Königlichen Kreisgerichte arbeitet, so daß er in Secunda des hiesigen Gymnasiums eintreten konnte.

Seit dem 2. Mai 1852 wohne ich mit meiner Familie, meiner Frau Alwine Louise geb. Oettel und 7 Kindern, hier und habe vielfach gelegenheit gehabt, Privatunterricht zu ertheilen. Damit habe ich ziemlich umfassende und eingehende Studien über griechische und lateinische Grammatik verbunden und meine Lectüre der alten Klassiker fortgesetzt, mit vorzüglicher Berücksichtigung der Meisterwerke des Livius, Virgil, Homer, Sophokles und Euripides, dabei aber erfahren, was Cato bei Cic. Off. II. 1,1. Vom P. Scipio berichtet, daß derselbe oft gesagt habe: Nunquam se minus otiosum esse, quam cum otiosus, nec minus solum, quam cum solus esset.

Noch füge ich schließlich bei, daß ich als Pfarrer dem Volksschulwesen und dessen Hebung viel Fleiß zugewendet habe, worüber die Königliche Regierung in Liegnitz mir mehrmals ihre Anerkennung ausgesprochen hat. Ingleichen bin ich auch eine Reihe von Jahren mit der Leitung einer Diöcesan-Lehrerconferenz beauftragt gewesen.

Görlitz, den 5. Februar 1858

G.T.L. Hirche

 

Nach dem Tode des Sekretärs unserer Gesellschaft, Neumann, wurde der Verewigte zur Verwaltung dieses durch die Organisation unserer Gesellschaft hochwichtigen Amtes von der Hauptversammlung berufen und führte er dieselbe bis zu seinem nach längeren Leiden am 24. Mai 1863 erfolgten Hinscheiden mit bekannter Treue. Er wurde am 27. Ej. Ehrenvoll unter zahlreicher Theilnahme der Gesellschaft beerdigt.

Unser Hirche war eine geistig hochbegabte Natur, befähigt zur Aneignung eines reichen Wissens auf den verschiedensten Gebieten menschlicher Erkenntniß, angelegt indeß besonders für Sprache, Literatur, Geschichte und Mathematik, mehr kritisch als schaffend, obgleich ihr die produktive Kraft nicht fehlte. Die intellektuelle Befähigung war in ihm verbunden mit einem regen Eifer, dieselbe auszubilden und durch unermüdlichen Fleiß den Kreis wissenschaftlicher Erkenntnis auf dem Gebiete der Theologie, vorzüglich der exegetischen, der klassischen Literatur, der neueren Sprachen ind er Mathematik zu erweitern, ein Fleiß, der bei seiner großen geistigen Kraft mit dem schönsten Erfolge gekrönt wurde. Sein Sinn war frei von kleinlichen Bestrebungen, immer auf das Höhere und das ganze gerichtet, daher oft geneigt, sich über Rücksichten hinwegzusetzen, deren Vernachlässigung ihm manche Verlegenheiten und ihm zuweilen bitteren Kummer bereitete. Als Mensch und Gesellschafter war er in jüngeren Jahren überaus heiter, anregend, witzig und gefällig, er diente gern Anderen und war dabei der Selbstverleugnung und Aufopferung fähig, wie Wenige. In späteren Jahren nahm sein Wesen in Folge bitterer Erfahrungen und schmerzlicher Ereignisse das gepräge eines gemessenen Ernstes an und seltener brach durch denselben ein heiterer Strahl des Witzes und der Laune, die ihn früher kennzeichneten. Als Pädagog wußte er auf seine Schüler sehr anregend zu wirken. In Verkehr mit Anfängern war er überaus freundlich und fesselte sie durch heiteren Scherz und milden Ernst, älteren Zöglingen imponirte er durch sein gründliches Wissen und hat viele derselben in ihrer Bildung tüchtig gefördert, die ihm ein dankbares Andenken für immer bewahren. Er hätte als Lehrer jeder höheren Lehranstalt zu einer Zierde gereichen können. Als Diener der Kirche hat er reichen Segen gestiftet zunächst durch sein klares von todter Orthodoxie, rationalistischer Verflachung und pietistischer Ueberschwänglichkeit freies Zeugnis von Christo in seinen Predigten, sodann durch seine Theilnahme am Missionswesen und durch seine Eifer für die Sache der Enthaltsamkeit und ganz besonders auch durch sein Wirken im Kreise der Lehrer, deren Conferenzen er in der Diöcese, welcher er angehörte, mehrere Jahre unter wiederholter Anerkennung der vorgesetzten Behörde mit Erfolg geleitet hat. Von diesem Wirkungskreise trennte er sich mit großem Schmerze und sein Herz gehörte demselben bis zum letzten Hauche

Als er nun in unserer Mitte das Amt eines Sekretärs übernahm, da geschah es von seiner Seite in Anerkennung des Vertrauens, das ihm geworden war, mit dem festen Vorsatze, sein Amt mit aller Treue zu führen. Und jetzt, nachdem er es nach Gottes heiligem Rathschlusse niedergelegt hat, müssen wir alle ihm das Zeugnis geben, daß er seinen Vorsatz gehalten und seine Zeit und Kraft unserer Gesellschaft mit der anerkennenswerthesten Hingebung gewidmet hat. Wir wissen ja, wie vieles er geordnet, was nicht in Ordnung war, wie er durch seine Correspondenz neue Mitglieder wieder belebt, zweifelhafte der Gesellschaft erhalten, wie er die Zahl derselben vermehrt, die wissenschaftliche Verbindung mit anderen Vereinen ähnlicher Tendenz gepflegt und erweitert, wie er unseren wissenschaftlichen Versammlungen aus dem Schatze seine reichen Wissens genützt, wie eifrig er die vorhandenen Kräfte in Thätigkeit zu setzen suchte, wie er durch die sorgfältige Herausgabe des Magazins und durch seine Berichte über unser wissenschaftliches Leben die Ehre und Würde der Gesellschaft der Wissenschaften und noch, als seine Kräfte durch schwere Erkrankung erschüttert waren, in der letzten Hauptversammlung thätig Theil genommen hat. Wir müssen es aussprechen, daß er unter den um unserer Gesellschaft hochverdienten Sekretären eine hervorragende Stellung einnimmt und sein Andenken in unserer Mitte in hohen Ehren gehalten zu werden verdient. Mögen seine Nachfolger in seinem Geiste arbeiten und unter ihnen die Gesellschaft zu noch schönerer Blüthe gelangen! Friede seiner Asche!

(NLM alt 041/1864)