Dr. Johann August Rösler (1778-1862)

Dr. Johann August Rösler, Sohn eines Görlitzer Schmiedemeisters und Freund Demianis, war 1809-1856 Lehrer für Mathematik und Physik am Gymnasium Augustum, leitete zugleich 1815-1845 die Gersdorffsche private Mädchenschule, unterrichtete unentgeltlich an der von ihm gegründeten Fortbildungsschule für Gesellen und Lehrlinge (1830-1838) und war Sekretär der Oberlausitzischen Gesellschaft (1831-1833). Bis ins 77. Lebensjahr täglich im Schuldienst, erhielt er zum 50. Dienstjubiläum die Ehrenbürgerwürde der Stadt. Für Görlitz war er ein Pionier des naturwissenschaftlichen Unterrichts, der Mädchenbildung und der Berufsschulen. (SKG nf 19)

 

Johann August Rößler (27.8.1778-28.2.1862)

Doktor der Philosophie, emeritirter Gymnasial-Oberlehrer, Ehrenmitglied der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften

Johann August Rößler entschlief bald nach Anton, welchen er noch zu Grabe geleitete, ebenfalls in hohem Alter, als zweiter Vetran unter den Lehrern des Görlitzer Gymnasiums. Auch er hat eigenhändig einen Abriß0 seines Lebens aufgezeichnet, welcher hier, nur in einigen Stellen etwas verkürzt, eine Stelle finden soll, da es manchem Pädagogen erwünscht sein wird, einen Mann, wie Rößler, die reichen Erfahrungen, die er auf dem Felde der Erziehung und des Unterrichts gemacht hat, aussprechen zu hören. Dabei ist diese Autobiographie auch ein willkommener Beitrag zur Geschichte des Unterrichtswesens der Stadt Görlitz in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und enthält fruchtbare Winke über Wollen und Können auf einem Gebiete, auf dem so viel experimentirt wird, ohne daß immer die wissenschaftlichen Principien zuvor klar in´s Bewußtsein getreten sind. Der Verewigte erzählt Folgendes:

„Ich, Johann August Rößler, bin den 27. August 1778 zu Görlitz geboren. Meine Eltern waren Sebastian Rößler und Sophia geb. Gardt aus Muskau. Mein Vater war Oberältester der Nagelschmiede; später betrieb er Tabak- und Garnhandel, zugleich verwaltete er mehrere städtische Aemter, als Holzverwalter, Billeteur, bürgerschaftlicher Deputirter, theils mit, theils ohne Gehalt.

Im Tabakgeschäfte mußte ich bis zwei Jahre vor meinem Abgange auf die Universität viel helfen, als Karotten rappiren, und nach Beendigung der Schulstunden in dem kleinen Laden verkaufen, was, da der Handel flott ging, mich im Lernen, welches ich zugleich mit dem Laden vornehmen mußte, sehr störte.

Meine Geschwister, die sämmtlich bereits verstorben sind, waren: 1) Johanne Christiane, verheiratet mit dem Zeichenlehrer Jacobi in Görlitz; 2) Johann Friedrich Rößler, Eisenhändler in Görlitz; 3) Johann Karl Rößler, ordentlicher Professor an der Malerakademie in Dresden; 4) Johann Immanuel Rößler, Oberältester der Tischler in Dresden; 5) Johann Samuel Rößler, welcher schon 1812 als Oberarzt in der königl. Sächsischen Armee zu Warschau starb.

In unserer Kindheit wurden wir streng erzogen, mußten stets die Kirche besuchen und außerdem an Sonn- und Feiertagen der Kinderstunde von 3 bis 4 Uhr des Nachmittags beiwohnen, da die Eltern sich zur herrnhutischen Brüdergemeinde hielten, der auch der Vater sein gutes Auskommen zu danken hatte.

Den ersten Unterricht empfing ich in der Waisenhausschule, als der besten Elementarschule; 1789 kam ich nach der Quinta des Gymnasiums und zu Ostern 1800 begab ich mich nach Leipzig auf die Universität. Mit dank verehre ich noch in meinem hohen Lebensalter die würdigen Lehrer Hortzschansky, Tzschoppe und Schwarze. Die in Geld bestehende von Gersdorf´sche Schulprämie wurde mir in allen Klassen ertheilt; auch erhielt ich das von Sylvertain´sche Schulstipendium durch das Loos auf drei Jahre. Von nicht geringem Nutzen war es für mich, daß ich in allen Klassen bei den jährlich zweimal stattfindenden öffentlichen Redeaktus mehrmals auftreten durfte, da die meisten meiner Mitschüler zu zaghaft waren. Dies hatte für mich den Vortheil, daß ich mich an eine deutliche Aussprachegewöhnte und später als Kandidat der Theologie furchtloser die Kanzel betrat. Zwar verließ ich mit einem sehr günstigen Zeugnisse, welches damals nur vom Rektor ausgestellt wurde, die Schule, fand aber bald in Leipzig, in welchem Abstande unsere Kenntnisse gegen die aus anderen Schulen Kommenden waren.

In Leipzig verband ich schon im Laufe des zweiten Jahres das theologische Studium mit dem pädagogischen, wozu die unter Plato und Dolz blühende Rathsfreischule mich hinzog. Diese Männer verstanden es, Studirende an sich zu ziehen, indem sie ihnen nicht blos pädagogische Schriften mittheilten, sondern ihnen auch verstatteten, zu jeder gelegenen Zeit die Lektionen aller Lehrer zu besuchen, was für uns das Gute hatte, daß wir den Vortrag des Einen uns zum Muster wählten und eines Anderen Verhalten in der Zukunft vermieden. Für mich war es eine Schule des Lebens, aus welcher ich mehr Gewinn hatte, als aus den meisten Kollegien, in welchen Professoren ihre geschriebenen Hefte ablasen, zumal da die meisten Studirenden es für ihre unerläßliche Pflicht erachteten, Alles wörtlich nachzuschreiben.

Bis 1804 besuchte ich die theologischen Kollegia von Burscher, Keil, Beck, Krüger u.a.m., die philosophischen von Seidlitz, Platner, Hermann, Rabe, die mathematischen und physikalischen von Hindenburg, Tauber u.a.m.

Schon 1802 erlangte ich die Magister- und Doktorwürde in der Philosophie. Trat später in die wendische (damals nur deutsche) und in die donnerstägige Predigergesellschaft. In Folge davon ergingen oft an mich Aufforderungen zum Predigen, so daß ich in allen Kirchen Leizig´s mehrmals den Nachmittagsgottesdienst, zweimal auch die Vormittagspredigt in der Johanneskirche abgehalten habe. Hier in Görlitz habe ich nur zweimal gepredigt, und einmal als ich von Leipzig hier zum Besuche war.

Zu meinem Unterhalte konnte ich von den Eltern nicht viel erhalten; doch hatte ich das Schulstipendium im Betrage von 150 Thalern gesammelt, und da mir auf der Universität das von Gersdorf´sche Stipendium verliehen wurde, so reichte ich in der ersten zwei Jahren damit und mit dem, was ich von Zeit zu Zeit vom Vater erhielt, ziemlich aus.

Da es nun nicht schwer hielt, Unterrichtsstunden in Familien zu erlangen, so begann auch ich schon 1802 als Lehrender, und ich glaube dadurch mehreren Familien nicht ohne Nutzen gewesen zu sein. Unterdessen war im Jahre 1803 die Leipziger Bürgerschule errichtet worden, in welcher, wie in der Rathsfreischule, oft eine Kollaborattur durch Versetzung zur Erledigung kam. Befreundet mit den Lehrern an der Schule erhielt ich die Aufforderung, auch um eine solche nachzusuchen, und ich entschied mich für die unter Gedike, Goldhorn, Krug, Lindner blühende Bürgerschule, zumal da der Direktor Gedike bei meine vielen in Familien zu ertheilenden Lektionen auf meine beschränkte Zeit Rücksicht nahm und mir weniger Lektionen zutheilte. Dies geschah an Ostern 1805, von welchem Zeitpunkte ab ich dem Predigerkollegium schied und in Leipzig nicht mehr weiter predigte.

Waren meine Verhältnisse durch den Unterricht in Familien bereits sehr angenehm gewesen, so wurden sie es jetzt dadurch noch mehr, daß ich nun auch in einer öffentlichen und zwar ausgezeichneten Schule wirken konnte. Auch habe ich nie Ursache gehabt, diesen Schritt zu bereuen, da ich durch den Unterricht in den mittleren Knaben- und in den oberen Mädchenklassen, sowie durch die wahrhaft belehrenden Konferenzen und durch anderweitige Besprechungen in pädagogischer Hinsicht ungemein gewonnen habe.

Der Ruf der Leipziger Bürgerschule verbreitete sich durch ganz Deutschland; von hochgestellten und berühmten Männern waren die Lehrstunden sehr oft besucht, und viele Lehrer wurden deshalb in die Städte Sachsens und Deutschlands überhaupt berufen. Auch an mich erging schon 1805 eine Einladung nach Görlitz zur Uebernahme einer Stelle am Gymnasium, die ich aber ablehnte, und 1806 eine solche zur Gründung einer Mädchenschule, wozu ein Fonds (wohl der Gersdorf´sche ?) da sei; aber Leipzig war mir zu werth, zumal da ich mich hier noch sehr vervollkommnen konnte. Im Jahre 1809 aber konnte ich einer neuen Einladung zur Uebernahme der zweiten Kollegenstelle am Gymnasium nicht widerstehen, da bei den günstigen Zusagen mir von Gedike und Lindner, wie ungern sie mich auch scheiden sahen, zugeredet wurde. So nahm ich denn nach großer Ueberwindung, da Schüler und Schülerinnen, wie deren Eltern mir ihre Liebe unverkennbar bezeugten, das Anerbieten an. Ohne erst zu einer Probelektion veranlaßt worden zu sein, erhielt ich vom Magistrat alsbald die Vokation.

Der Abschied von Leipzig wurde mir nach einem neun Jahre langen schönen Aufenthalte sehr schwer; doch der bekannte Spruch: „Lipsia vult exspectari“ trieb zuletzt, so sicher auch die Aussichten waren, in Leipzig  als Hauptlehrer oder Prediger endlich angestellt zu werden, obgleich viele ebenfalls würdige Exspektanten vorhanden waren, dergestalt, daß ich Leipzig beruhigter verließ.

Am 4. Mai 1809 wurde ich von einer Deputation des Magistrats feierlich in mein neues Amt eingewiesen; das Rektorat war gerade erledigt. Mein Eintritt selbst erregte Mißstimmung bei den Kollegen, da der damalige Kollaborator (M. Prätor) übergangen worden war, woran ich freilich keine Schuld hatte.

Mein Muth aber sank am 5. Mai beim Eintritt in den großen Saal, welcher der Quarta, deren Klassikus ich wurde, angewiesen war. Gewöhnt an die prächtigen Lehrzimmer der Leipziger Bürgerschule, mußte ich durch eine niedrige, enge, vom Zimmermanne verfertigte Thüre gebückt einige Stufen hinaufgehen, sah vor mir ein unsauberes, seit vielen Jahren nicht geweißtes Gewölbe, kleine vergilbte Fenster, fand als Sitz für den Lehrer einen alten hohen Schemel und als Tisch ein mit Unschlitt-, Brand- und Tintenflecken besudeltes, auf einen alten Holzbock aufgenageltes Brett, die Schultafeln und Sitzbänke in eben solchem Zustande. Da verließen mich Muth und Freudigkeit, so daß vor den versammelten erwartungsvollen Schülern alsbald laut erklärte, daß in einem solchen Lokale weder Lehrer noch Schüler in Freudigkeit thätig sein könnten, und daß, sollte ich in Görlitz gehalten werden, das Aeußere eine freundliche Gestalt erhalten müsse.

Da man sich viel von mir zu versprechen schien, so ergingen wenige Tage darauf von Seiten obrigkeitlicher Personen Fragen an mich, wie es mir gefalle? Worauf ich freimüthig meinen Unmuth über das Aussehen des Klassenzimmers aussprach und meinen Entschluß, wieder fortzugehen, wenn es nicht anders würde, nicht zurückhielt. Einige Abhülfe fand schon zu Pfingsten, die gänzliche Umgestaltung während der Ferien statt – eine größere, ordentlich aussehende Thüre, neue Fenster, Schultafeln, Sitzbänke, Tisch, Stuhl wurden besorgt, der Lehrsaal wurde geweißt – was freilich durch das damalige Bauamt nicht so ausgeführt worden sein würde, wenn ich nicht überall dabei gewesen wäre und bei den Arbeitern durch Trinkgelder nachgeholfen hätte. Da sich sämmtliche Klassenzimmer in einer ähnlichen traurigen Verfassung bestanden, so sahen mich einige Kollegen scheel an, als sei ich der  allein Begünstigte. Nur Prima erhielt später auch eine Abänderung. Als ich im Jahre Klassikus in tertia wurde, machte ich bei der Annahme die Bedingung, daß das Klassenzimmer gänzlich erneuert werde, und als ich im Jahre 1828 zugleich das Amt eines Klassikus (für den Subrektor Mauermann) in Sekunda mit übernahm, erfuhr auch diese Klasse durch meine großen Bemühungen eine völlige Umgestaltung. Bevor Solches nicht in´s Werk gesetzt war, konnte von freudigem Wirken nicht die Rede sein. In den Jetzigen Zeiten sorgen die Behörden selbst dafür, woran aber in früheren Zeiten nicht zu denken war.

Von Mißgünstigen wurde ich freilich als Neuerer, als Einer, der Alles durchsetze u.s.w. ausgeschrieen, was ich aber geduldig ertrug, da Besseres dadurch hergestellt war und mir die Zustimmung der Meisten nicht fehlte. Diesen Beifall erntete ich in hohem Grade durch Lehre und Disciplin und wird mir heute noch zu erkenne geben von mehreren der 52 Schüler, die 1809 meiner besonderen Obhut übergeben waren und jetzt als ältere geachtete Männer hier leben.

Mein Hauptaugenmerk richtete ich auf bessere Disciplin unter den zum Theil sehr verwilderten Knaben, was freilich viel Kampf und große Strenge erforderte. Wenn auch nicht sogleich, gelang es doch allmählich bei vielen, wozu nach dem Osterexamen 1810 die auf meine Kosten gedruckten und den Schülern ertheilten Censuren und Zeugnisse der Zufriedenheit das Meiste beitrugen. Zwei dieser Zeugnisse aus den Jahren 1814 und 1815 zeigten zwei hochachtbare Männer beim Festmahle am Tage meines Lehrer-Jubiläums den 4. Mai 1855 mit tiefer Rührung der ansehnlichen Versammlung mit der ausdrücklichen Erklärung vor, daß sie für Alle von Wichtigkeit gewesen seien. Diese Zeugnisse und Censuren konnten deshalb mit ziemlicher Genauigkeit ausgestellt werden, weil hierbei jeden Sonnabend das sogenannte „Sittengericht“ half, in welchem je nach Verdienst Jedem Lob oder Tadel zuerkannt wurde. Diese Jury war von ungemeinem Einfluß und den Schülern selbst so wichtig, daß sie selten ausfiel. Noch im Jahre 1856 wurde sie von meinen Schülern gefordert. In der Regel flossen dabei Thränen der Reue und zur Fassung guter Vorsätze wurde Veranlassung gegeben.

Auch die Lehre trug bald herrliche Frucht. Das Gedeihen des gesammten Unterrichts muß von den Religionsstunden ausgehen (vgl. mein Programm von 1814: „Mittheilungen über die vierte Klasse des Görlitzer Gymnasiums“); auf diese richtete sich daher mein ganzes Augenmerk, und so gelang es, die Schüler an Aufmerksamkeit und häußlichen Fleiß, sowie an Ordnung zu gewöhnen und zu Fortschritten zu bringen, welche schon zu Ostern 1810 im öffentlichen Examen sich augenfällig zeigten. Besonders überrascht waren die zahlreichen Zuhörer durch die Fortschritte im Rechnen nach Pestalozzi, was hier bisher noch ganz unbekannt war, und in der deutschen Sprache, so daß mir nachher immer die Auszeichnung widerfuhr, viele Zuhörer bei der öffentlichen Prüfung zu haben, was dem Lehrer wie den Schülern zum Sporn diente.

Zum Gedeihen der Schüler trug der Konfirmandenunterricht und die Konfirmationshandlung selbst wesentlich bei. Bis zum Jahre 1821 konfirmirten wir Lehrer ohne Beistand eines Geistlichen; von jenem Jahre ab ertheilten wir den Vorbereitungsunterricht, die Konfirmation aber hielt einer der Geistlichen der Dreifaltigkeitskirche. Bisher hatte die Konfirmation durch den Lehrer ohne Zulassung von Zuhörern, nicht einmal der Eltern, Statt gefunden. Schon zu Ostern 1810 gab ich derselben eine größere  Feierlichkeit, indem der Schulinspektor (Bürgermeister Sohr), Kollegen, Väter und Mütter der Konfirmanden meiner Einladung folgend, beiwohnten und der Gesang mit Blasinstrumenten begleitet wurde. Da dies Beifall fand, zumal nachdem ich 1811 auf eigene Hand eine kleine Orgel für die Klasse angekauft hatte, wozu mir später auch der Magistrat eine Beihülfe gewährte, so faßte man von da ab bei der jedesmal am Palmsonntage stattfindenden Konfirmationsfeier der ziemlich große Schulsaal nicht Alle, welche der Feier beizuwohnen wünschten. Obrigkeitliche Personen, Kollegen, zuweilen auch ein Geistlicher, waren stets da, und zwar, wie sie sich ausdrückten, der Erbauung halber. Die Feier hatte aber auch, ich darf es wohl aussprechen, etwas Ergreifendes. Der berühmte Organist Schneider, der Musikdirektor Blüher begleiteten mehrmals die Wechselgesänge mit ihrem schönen Orgelspiele. Bei überfülltem Saale empfingen sie mit sanften Orgeltönen die jetzt erst von mir eingeführten Konfirmanden, auf welche die ansehnliche, in feierlicher Stille harrende Versammlung, die äußere Einrichtung, z.B. ein mit weißem Tuche bedeckter Tisch, worauf eine große Bibel lag und ein Krucifif stand, ein an der Wand aufgehängtes schönes Christusbild u.s.w., einen merklichen Eindruck hervorbrachte. Was aber nach geendigter Rede ganz besonders auf die Jünglinge und die Anwesenden eindringlich wirkte und Rührung erweckte, waren die für jeden Konfirmanden sorgfältig gewählten Bibelsprüche und die Worte, die ich hinzufügte, den häuslichen Verhältnissen eines Jeden und seiner bisherigen Führung angepaßt. Eine solche Ansprache haben Viele durch ihr Leben treu im Herzen bewahrt, wofür mir schöne Beweise mündlich und schriftlich, aus weiter Ferne, selbst noch am Tage meines Jubiläums geliefert worden sind. Solche Konfirmationsakte können auch nur von Lehrern eindrücklich gehalten werden, die Jahre lang täglich die zu konfirmirenden jungen Seelen väterlich behüten.

Im Jahre 1815 erließ der Magistrat an mich die Aufforderung ergehen, einen Plan zur Wiedereröffnung der von Gersdorf´schen Mädchen-Erziehungsanstalt einzureichen. (Vgl. mein Programm von 1823 „Die von Gersdorf´sche Mädchen-Erziehungsanstalt in Görlitz“). Dieselbe war seit 1779 und 1797 zweimal eröffnet, aber jedesmal nach nur einjährigem Bestehen wieder geschlossen worden. Dieser Aufforderung leistete ich bald Genüge, da mir dadurch die Aussicht wurde, meinen Lieblingswunsch in Erfüllung gehen zu sehen, nämlich meinen Wirkungskreis auch auf Töchter gebildeter Stände ausgedehnt zu wissen. Es wurde mir alsbald der Ruf als Direktor und erster Lehrer zu Theil; zur Vorsteherin aber und Lehrerin der französischen Sprache und weiblichen Arbeiten wurde aus Dresden berufen die in ihrem Leben  schwer geprüfte und, wie sich bald zeigte, hochgebildete Fräulein von Clauer. Außerdem ward Kandidat Wagner als zweiter auch ganz der Anstalt lebender Lehrer angestellt. In den wöchentlich zum gedeihen der Anstalt abgehaltenen Lehrerkonferenzen fanden der Direktor und die Vorsteherin bald gegenseitige Hochachtung, Vertrauen und Zuneigung zu einander. So schlossen wir bereits an Ostern 1816 den Bund der Liebe in der heiligen Ehe. Dadurch erhörte der himmlische Vater eines meiner innigsten Gebete, indem ich, bei mancherlei Aussichten, in reiche Familien einzuheirathen, Gott sehr oft inständig bat. Mir eine Erzieherin zur Gattin zu gewähren. Unser Leben war, obschon meine Louise gar keine Ausstattung mitbringen konnte, wir also einen sehr beengten Hausstand begannen, ein meist frohes und zufriedenstellendes. Wir genossen die Liebe und das Vertrauen der Schülerinnen und ihrer Eltern, und hetten uns überhaupt der Achtung unsrer Nebenmenschen zu erfreuen. An Arbeit und Sorge fehlte es uns freilich nicht; Jahre lang war ich von Morgens 5 Uhr bis Abends 11 Uhr für die Jugend thätig: doch bestand meine Louise darauf, daß ich mir täglich anderthalb Stunden zur Erholung, meist in der Ressourcengesellschaft oder auf Spaziergängen, gönnte. Unsre Ehe war mit fünf Kindern gesegnet, von denen zwei schon in ihren ersten Lebensjahren starben, drei aber, Klara, Adolph und Emil, heranwuchsen und schon ein Ziel erreicht hatten, als das Jahr 1848 mit seinen Folgen meine beiden Söhne nach Amerika führte, wo sie leider im Jahre 1855 gestorben sind, Emil unverehelicht, Adolph verehelicht und als Vater eines Sohnes und zweier Töchter.

Im Jahre 1828 wurde die Verwaltung der Gymnasialkasse vom Magistrate dem Lehrerkollegium übergeben und meine Kollegen wählten mich zum Rendanten, was, da die Kasse viele Kapitalien auf Hypothek ausgeliehen hat, viele neue ungewohnte Arbeit und Zeitaufwand verursachte. In demselben Jahre wählte mich der Magistrat zum Vorstande der Schul- (Armen-) Bibliothek.

Das erste Verhältnis führte mich in den mir nützlich gewordenen Verkehr mit vielerlei Menschen; das zweite benutzte ich alsbald zur Abschaffung von mancherlei Mißbräuchen und zur Einführung neuer Einrichtungen. Bisher hatten nicht bloß unbemittelte, sondern auch wohlhabende Schüler aus der Bibliothek ihren Bedarf an Schulbüchern geliehen. Die Masse von solchen Büchern war ungewöhnlich groß geworden, da von dem zu verwendenden Gelde nur Schulausgaben römischer und griechischer Klassiker angeschafft wurden, so daß beispielsweise gegen 80 Exemplare des Curtius, Cornelius Nepos, Homer u.s.w. vorhanden waren. Von nun an wurden nur bedürftige Schüler bedacht, und neue Schulbücher dieser Art überhaupt nicht mehr angekauft. Vielmehr ward das Geld dazu angewendet, die Musterschriften der deutschen Klassiker, gute Lehr- und Lesebücher, Karten für den geografischen Unterricht u dgl., natürlich mit Vorwissen und Genehmigung des Lehrerkollegiums, anzuschaffen. Im Lokale der Bibliothek sah es aber wirklich grauenhaft aus. (Vgl. mein Programm von 1838: „Ausführliche Beschreibung der Gymnasial-Armenbibliothek“). Mit Beistand der Schulinspektion erhielt das große Gewölbe ein neues Gewand und bessere regale; mit Hülfe einiger Oberprimaner wurden die Bücher gezählt, übersichtlich aufgestellt und viele Hunderte untauglich gewordener verkauft. Ich machte einen neuen wissenschaftlichen und einen alphabetischen Katalog, worein die bis Michaelis 1856 angekauften zahlreichen Bücher unter meiner Aufsicht sorgfältig eingetragen wurden. Daß manches Buch abhanden gekommen sein mag, ist nicht zu verwundern, da ich an sämmtliche Schüler in jeder Woche oft mehr als 150 Lesebücher unter großem Zudrange austheilte, da ferner nach Abbruch des Klostergebäudes und dem drohenden Einsturze des Saales im Jahre 1853 die ganze Bibliothek auf Schlitten in das interimistische Schullokal, wo ich sie von Neuem aufstellte, fast ohne Aufsicht geschafft, und zu Michaelis 1856 abermals von dort in das neu erbaute Gymnasium versetzt wurde. Mich kostete es viel Zeit, ohne alle Remuneration. Außerdem verfertigte ich noch den aus zwei großen Foliobänden bestehenden Programmkatalog. Dafür habe ich das lohnende Bewußtsein, etwas Gutes für das Gymnasium bewirkt zu haben.

Dem Bürgermeister Demiani lag ungemein viel daran, hier eine Schule für Handwerkslehrlinge zu errichten. Er zog mich 1830 zu Rathe; ich entwarf einen Plan dazu, der seine Billigung fand, und die Schule wurde in demselben Jahre mit einer großen Schülerzahl eröffnet. (Vergl. Mein Programm von 1833 über die Schule für Handwerkslehrlinge in Görlitz). Ich übernahm die Leitung des Ganzen und ertheilte in den Abendstunden von 8 bis 9 Uhr Unterricht in Mathematik und Physik. Obgleich ermüdet von den Tagesarbeiten, that ich es doch gern und unentgeltlich aus Liebe zu dem braven Manne, meinem theuersten Freunde. Als aber 1837 nach Eröffnung der höheren Bürgerschule Direktor Kaumann die Leitung der Schule zu übernehmen wünschte, gab ich sie 1838 gern ab, zumal diese Abendstunde im Sommer wie im Winter nicht eben angenehm war. Nutzen hat dieselbe unläugbar gestiftet, was auch dadurch erleichtert ward, daß die beiden Klassen nur drei Lehrende unterrichteten; Fechner ertheilte den meisten Unterricht. Von 1838 haben viele Lehrer einzelne Lektionen gegeben, wobei keiner rechtes Interesse für das Ganze gehabt haben kann, wie es sich auch gezeigt hat.

Von 1831 bis 1833 übernahm ich, nach dem Tode des Archidiakonus Neumann, die Geschäfte des Sekretärs und Bibliothekars der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften. Schon bald nach meiner im Jahre 1810 erfolgten Aufnahme als Mitglied dieser Gesellschaft hatte ich bis 1812, bis zur Wahl des Dr. Fielitz, diese Geschäfte zusammen mit dem Amtssekretär Baumeister verwaltet. Bei dieser ersten Uebernahme lag fast alles im Argen. In Verbindung mit Dr. Sohr brachten wir die nöthigen Einrichtungen in der Bibliothek einigermaßen zu Stande. Das physikalische Kabinett stand noch unbenutzt, bis ich, nachdem ich es geordnet hatte, für meine Schüler davon Gebrauch machte. (Vergl. Mein Programm von 1828: Nachricht über die Versuche aus der Experimentalphysik am Gymnasium zu Görlitz). Nach dem Tode Neumann´s, der neues Leben in die Gesellschaft gebracht hatte, war die Korrespondenz und der Fremdenbesuch zur Besichtigung der Sammlungen so umfangreich und groß, daß ich bei der Hauptversammlung 1833 bat, wegen meiner beschränkten Zeit mich nicht wieder zu wählen, welchem Wunsche auch entsprochen ward. Für meine Schüler und Schülerinnen machte ich jährlich Gebrauch von den Instrumenten und ließ auch Neues anfertigen. Nur dreimal hielt ich auf Ersuchen für Erwachsene Vorträge über Elektricität und die Luftpumpe. Obgleich dieses Unternehmen Beifall fand, so raubte mir doch die Vorbereitung der Besuche zu viel Zeit, und diese hatte ich nicht übrig; darum konnte ich mich nicht mehr darauf einlassen.

Als am Michaelis 1837 die höhere Bürgerschule errichtet wurde, erhielt das Gymnasium eine andere Gestaltung. Von den bisherigen fünf Klassen blieben nur drei, und da Prima aus vier Jahresordnungen bestand und jetzt getheilt ward, so waren vier Klassen vorhanden. Ich behielt meine mir lieb gewordene Stellung, nur daß Tertia nunmehr den Namen Quarta erhielt. Durch die Abzweigung von zwei Klassen und bei dem geringen Zuwachs an Schülern schmolz in allen Klassen die Schülerzahl bedeutend zusammen, so daß in Quarta einmal nur 16 Schüler waren, während dieselbe sonst immer 70 bis 80 zählte. Diese Verminderung war für Lehrende und Lernende sehr ersprießlich. Nach einigen Jahren aber vermehrte sich die Zahl wieder, und im Jahre 1855 hatte z.B. Quarta schon wieder 64 Schüler.

Im Jahre 1843 traf mich das schmerzliche, obschon schon längst gefürchtete Geschick. Gott erlöste meine geliebte Louise von langen Leiden und nahm sie auf zu sich in sein ewiges Reich. Wir Alle, so sehr uns auch dieser Verlust betrübte, mußten der Entschlafenen die Ruhe gönnen, zu welcher sie eingegangen war. Miene Wirksamkeit in der Mädchen-Erziehungsanstalt war mir seit diesem Schlage weniger lieb; denn eben für die Anstalt war die Vollendete schwer zu ersetzen, wie die Erfahrung nur all zu bald lehrte. Die sich zur Stelle Meldenden paßten nicht; keine war befähigt, den Unterricht im Französischen und in  weiblichen Arbeiten zugleich zu übernehmen. Schon seit mehreren Jahren waren unsre ausgezeichneten Schülerinnen Emilie und Emma Brotze Gehülfinnen der Lehrerin gewesen. Zum Glück für die Anstalt ließ sich Emma bewegen, die weiblichen Arbeiten nach Louise´ns Tode allein fortzuführen, und mehrere Französinnen wechselten oft, da keine die erforderliche Fähigkeit zum Unterrichte und zur Ausdauer hatte.

Ueberhaupt ist mir das Leben in der Anstalt, namentlich durch die zweiten Lehrer, oft recht sauer geworden. Der erste, Kandidat Wagner, war ein braver Mann und guter Lehrer; aber nach kurzer Zeit hinderte öftere Kränklichkeit, während welcher ich für Stellvertreter sorgen mußte, sein segensreiches Wirken, bis er 1820 zur ewigen Ruhe einging. Sein Nachfolger eignete sich für eine derartige Anstalt gar nicht. Zu seiner Stelle meldete sich Kandidat Kröhne, welcher von 18222 ab in den ersten Jahren recht brav war, aber matt wurde, als er auf seine Gefahr eine ähnliche Schule für andere Mädchen errichtete. In die Anstalt durften nur Töchter aus höheren Ständen nach erfolgter Bewilligung des magistrats aufgenommen werden. Kröhne verlangte von mir die schönsten Vormittagsstunden zu seiner Verfügung, was doch gar nicht anging. Da er nun auf seinen Willen bestand, si erhielt er vom Magistrate 1829 seine Entlassung. Jetzt aber trat wieder in Fechner ein Lehrer auf, wie alle sein sollten, als Lehrer in Guben bereits im Unterrichten geübt. Mit ihm gedieh in Kurzem die Schule auf´s Neue; er fand überall Beifall und die Zahl der Schülerinnen nahm wieder zu. Zum Nachtheile der Anstalt erhielt er 1837 einen Ruf als Oberlehrer an die höhere Bürgerschule, dem er folgte. Um seine Stelle bewarb sich der erst aus einem Seminar tretende Eichner; Anfangs war er voll Eifer, ward aber bald kränklich, so daß er während seine 4 ½ jährigen Amtsführung fast 2 ½ Jahr von der Anstalt zu verschiedenen Zeiten entfernt war und vertreten werden mußte. Im Jahre 1842 starb er und Kandidat Graf trat an seine Stelle. Dieser stete Lehrerwechsel und das geringe Gedeihen des Unterrichts im Französischen und in weiblichen Arbeiten verleideten mir das Ganze, störten mich oft durch Mißmuth in meinen sonstigen Lektionen, so daß ich ohne großen Kampf den Entschluß faßte, dieses Amt niederzulegen. Dies geschah zu Michaelis 1845 in sehr feierlicher Weise, nachdem die Anstalt gerade 30 Jahre hindurch von mir geleitet worden war. Zwar suchte die Anstalt ihr Bestehen noch einige Zeit zu fristen; allein sie ging bald ein und wird wohl nicht wieder auferstehen, da man das geld zu Gunsten der Mädchenschule für eine Selekta verwendet, was ganz gegen die Stiftung ist. Und doch muß es die königliche Regierung gebilligt haben.

Im Jahre 1852 beehrte mich die philosophische Fakultät zu Leipzig mit einem neuen Ehrendiplom und Glückwunsch zum erlebten 50jährigen Doktorjubiläum.

Am 4. Mai 1855 waren gerade 46 Jahre verflossen, seit ich hier am Gymnasium zu lehren angefangen hatte. Dazu wurden die vier Jahre gerechnet, während welcher ich an der Bürgerschule zu Leipzig als Lehrer wirksam gewesen war, so daßich also genau 50 Jahre an öffentlichen Schulen gelehrt hatte. Dieser mein Jubeltag wurde auf eine ausgezeichnete Weise gefeiert von meinen ältesten (seit 1809) und jetzigen Schülern, vom Gymnasial-Lehrerkollegium, vom Magistrat und dem Vorstande der Bürgerschaft, von meinen Freunden u.s.w. Unter mannigfachen werthvollen Geschenken, die ich erhielt, erfreute mich am meisten das Ehrenbürgerrecht der Stadt. Auch liefen viele Zuschriften aus der Ferne ein von früheren, jetzt in hohen Aemtern stehenden Schülern.

Bis zu Michaelis 1856 verwaltete ich noch mein Amt, obwohl unter Kränklichkeit und Ermattung. Am 16. Mai hatte ich um meine Entlassung gebeten und dieselbe am 25. Juni in den ehrendsten Ausdrücken erhalten. Mein Abschied von der Schule erfolgte am 26. September.“

Dem Vorstehenden ist nur noch wenig hinzuzufügen. Er zog sich nun von allen Geschäften zurück und verlebte seine letzten Lebensjahre in wohlerworbener Ruhe. Dem Gedeihen der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften, der er stets eine rege Theilnahme bewahrte, widmete er auch jetzt noch eine freundliche Aufmerksamkeit. Bei den Hauptversammlungen war er stets gern gesehen, da er mit den früheren Verhältnissen sehr genau bekannt und daher vorzugsweise im Stande war, Rath zu geben. Darum war es auch eine verdiente Auszeichnung, die ihm durch Verleihung der silbernen Ehrenmedaille der Gesellschaft am 28. August 1860 von der 116. Hauptversammlung erwiesen wurde.

Nachdem er nur kurze Zeit bettlägerig gewesen, entschlief er am 28. Februar 1862 in einem Alter von 83 Jahren 6 Monaten und 1 Tage. Seine einzige Tochter, Frau Julie Klara, die mit dem Oberlehrer an der Realschule, Karl August Fechner, verheiratet ist, und zwei Enkelinnen betrauern seinen Hingang.

Ueber Rößlers pädagogische Wirksamkeit ist zu bemerken, daß er eine bedeutende Lehrgabe, verbunden mit der Fähigkeit klarer und faßlicher Darstellung besaß, wodurch er für die untern und mittlern Klassen des Gymnasiums ein nützlicher Lehrer wurde. Besonderer Hervorhebung werth ist sein Eifer für gute Disciplin, die erbis in sein hohes Alter zu handhaben wußte. Geregelte Thätigkeit, gewissenhafte Berufstreue, strenge Ordnung in Schule, Haus und in allen Geschäften waren Grundzüge seines Wesens.

Hirche

(NLM alt 039/1862)