Alfred Messel

von: Albert Hoffmann in Berlin

aus: Deutsche Bauzeitung, XLIII. Jahrgang N.26, Berlin, den 31.3.1909

Der Heimgang Alfred Messel`s, den wir mit kurzen Worten gemeldet haben, bedeutet für die deutsche Baukunst der Gegenwart einen schweren Verlust; denn Messel war ein ausgeprägter künstlerischer Charakter, nicht in dem Sinne, wie ihn die Tagespresse mit den durch die Bewegungen des Augenblickes der Todesnachricht hervorgerufenen erklärlichen Uebertreibungen zu zeichnen versuchte, sondern in einem maßvolleren, bescheideneren, doch immerhin bedeutenden Sinne, der sich ergibt, wenn sein Wirken mit dem Maßstabegemessen wird, den das in den Jahrhunderten und unmittelbar vor ihm Geschaffene sowie die Arbeiten seiner Zeitgenossen bilden. Doch ehe wir darauf eingehen, sei in Kürze der äußere Lebensgang des Verstorbenen darzustellen versucht.

Alfred Messel wurde am 22. Juli 1853 in Darmstadt als Sohn eines; wie berichtet wird, kunstsinnigen Bankiers geboren; er starb also in dem vorzeitigen Alter von nicht ganz 56 Jahren. Die Grundlagen seiner wissenschaftlichen Bildung erwarb er sich auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt, von welchem er 1873 zum Studium der Baukunst an die Kunstakademie in Cassel überging, die er aber bereits 1874 wieder verließ, um seine Studien von 1874-1878 an der damaligen Bauakademie in Berlin fortzusetzen und zu beendigen. Die sechs darauf folgenden Jahre, bis 1888, war Messel nach erfolgter Ablegung des Examens als Regierungsbaumeister im Staatsdienste tätig. In diese Zeit fallen seine ersten Studienreisen nach Italien, Frankreich, England, Spanien, Belgien usw., deren Eindrücke die Grundlage wurden für die feine, hier und dort mit teils stärkeren, teils schwächeren persönlichen Regungen durchsetzten Wahlkunst, die er schließlich infolge seiner Psychisch-Physischen Veranlagung bis zu einem solchen Grade sensiblen Unterscheidungsvermögens auszubilden verstand, daß er zu der Aufgabe berufen werden konnte, bei welcher diese Eigenschaft eine ausschlaggebende Rolle spielt, zur Errichtung und Einrichtung der Neubauten der königlichen Museen auf der Museumsinsel zu Berlin. Wie manche seiner bedeutenden Fachgenossen war auch Messel längere Jahre im Lehrberuf tätig, zunächst von 1885-1893 als Assistent der Bau-Abteilung der Technischen Hochschule zu Charlottenburg, dann von 1893-1896 als Professor und Leiter einer Architektur-Klasse der Unterrichts-Anstalt des königlichen Kunstgewerbe-Museums zu Berlin. 1896 verließ er den Lehrberuf, um sich der Tätigkeit als Privat-Architekt zu widmen.

Der Schwerpunkt dieser Tätigkeit liegt in Berlin. Sie begann hier schon in den Jahren 1886 und 1887 mit der Errichtung eines heute noch bestehenden Kaufhauses am Werder´schen Markt, welches, den Arbeiten seiner besten Zeit entgegengehalten, den großen Weg zeigt, den seine künstlerische Entwicklung im Laufe von nur zwei  Jahrzehnten genommen hat. Es folgten im Jahre 1890 Speisehäuser und Volkskaffeehallen in der Invaliden-Straße und der Schönhauser Allee zu Berlin; der Beginn der neunziger Jahre sieht ferner Wohnhäuser im Hansa-Viertel und in der Tiergarten-Straße entstehen, die bereits das Wahlstudium verschiedener nationaler und stilistischer Ausdrucksformen verraten und teil an die moderne Hervorbringung Englands, teils an die französische und die italienische Frührenaissance anschließen. Die Formen der deutschen Renaissance suchte der Künstler darauf in einer Häusergruppe des Kurfürstendammes, die des theresianischen Barock in einem charakteristischen Wohnhause der Tauentzien-Straße in Berlin auf. Einen entscheidenden Schritt zu sachlicher und persönlicher Gestaltung und zu dem Zweck, dem Warenhause einen seiner Bestimmung entsprechenden baukünstlerischen Ausdruck zu geben, unternahm er bei dem im Jahre 1897 entstandenen ersten Teile des Warenhauses Wertheim in der Leipziger-Straße, dem bald darauf, mit geringem Erfolge, das Warenhaus der gleichen Firma in der Oranien-Straße folgte, während er bei dem späteren Warenhause Wertheim in der Rosenthaler-Straße wieder in hohem Maße den Erfolg einer glücklichen Erfindungsgabe in der Gestaltung des Aeußeren fand. Die deutlich und schon früh bemerkbaren Schwankungen in der Kraft der Gestaltung, die wohl auf körperliche Verhältnisse zurückzuführen waren, die sich schon vor längeren Jahren bemerkbar machten, läßt sich nicht allein zwischen den Bauten verschiedener Jahre, sondern auch an einem einzigen Bau, wenn er durch längere und selbst kürzere Zeit dauerte, feststellen. Sie zeigen sich schon beim ersten Teile des Kaufhauses Wertheim, sie zeigen sich in noch höherem Maße beim Bau des Museums in Darmstadt, bei welchem in Hinblick auf die künstlerische Gestaltungskraft wie auf die subjektive Vertiefung in die Aufgabe sich zwischen den einzelnen Gebäudeteilen sich solche Verschiedenheiten geltend machen, daß man anzunehmen versucht wird, sie seien nicht von der gleichen Hand. Die geschlossenste Einheit zeigen die Bauten von kürzerer Errichtungsdauer wie das Gebäude der Landesversicherungs-Anstalt am Köllnischen Park, das Lettehaus am Viktoria-Luisen-Platz, das Bankgebäude der Berliner Handelsgesellschaft, Haus Schulte, Unter den Linden, sämtlich in Berlin, und andere. Es scheint aber, als ob seine Persönlichkeit innerlich am meisten bei den Wohnhäusern beteiligt gewesen sei, die er im Tiergarten-Viertel zu Berlin in seiner besten Zeit errichten durfte, wie das Haus Eduard Simon in der Margareten-Straße. Die unzweifelhaft glücklichste Form jedoch fand er für das Landhaus; die Landhäuser Harden, Wertheim, und Dotti im Grunewald, das Haus Springer in Wannsee und eine Reihe anderer Landhäuser verraten ein völliges Aufgehen der Persönlichkeit in einer ihrer Empfindung liegenden Aufgabe. Nicht im gleichen Maße ist das der Fall, wo Messel herrschaftliche Landhäuser gestalten durfte wie bei dem Landsitze Mendelssohn bei Bernau. Es scheint überhaupt, als ob die Gestaltung von Aufgaben von begrenztem Umfang, insbesondere des Innenraumes, ihn seelisch am meisten beschäftigt habe, denn der Ministersaal im Zwischenbau zwischen den Gebäuden des Herren- und des Abgeordneten-Hauses des preußischen Landtages, sowie der Thronsaal des Palazzo Caffarelli in Rom, bei welchem allerdings ein gutes Teil der Wirkung auf die Fresken Prells und die bildnerischen Arbeiten von Christian Behrens kommt, sind vornehme Beispiele abgeklärter künstlerischer Pracht. Besonders stark fällt die wechselnde persönliche Anteilnahme auf an dem Erweiterungsbau des Warenhauses Wertheim in der Leipziger-Straße und an dem Geschäftsgebäude der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft am Schiffbauer Damm im Berlin. Seine feine kritische Begabung, die ohne Zweifel den Hauptteil seiner künstlerischen Tätigkeit ausmachte und bei seinen Wohnhäusern sich in der Wahl der architektonischen Ausdrucksformen geltend machte, beim Darmstädter Hessischen Landesmuseum in der Verschmelzung des Ausstellungsgegenstandes mit dem Ausstellungsraum Triumphe feierte, war es, die die Berufung Messel`s zum Architekten des Neubaues der königlichen Museen auf der Museumsinsel zu Berlin zur Folge hatte, denn hier wollte Bode Gestaltungen schaffen, bei welchen Ausstellungsgegenstand und Umgebung zu gegenseitiger Steigerung der Wirkung berufen sein sollten. Von diesen Entwürfen ist auffallender Weise  der Oeffentlichkeit nichts mitgeteilt worden, so daß das Urteil darüber fehlt, ob sie, entsprechend der Bedeutung der Aufgabe, die Krone des Lebenswerkes des Künstlers geworden wären.

Wer die Entwicklung dieses Lebenswerkes von seinem Beginn bei den Geschäftshäusern des Werder´schen Marktes bis zu seinen Entwürfen für die Neubauten der Museumsinsel zu Berlin, die bis in das Jahr 1907 zurückgehen, überblickt, erkennt bald, daß der Schwerpunkt des künstlerischen Schaffens des Verstorbenen in der zweiten Hälfte der hier in Betracht kommenden Periode von etwa zwei  Jahrzehnten liegt. Messel ist keineswegs ein feuriger, mit neuen Gedanken erfüllter Stürmer in die baukünstlerische Bewegung dieser beiden Jahrzehnte eingetreten. Seine Geschäftshäuser am Werder´schen Markt, die heute nur noch als Anfang der Entwicklungsperiode eines zu schöner Reife gelangten feinsinnigen Künstlers Bedeutung haben, vermochten sich selbst im Spiegel ihrer Zeit keine Stellung zu erringen, denn vor ihnen und bald nach ihnen ist in Berlin und im Auslande Besseres geschaffen worden. Bereits in den Jahren 1881-1883 errichtete Paul Sédille in Paris seine Epoche machenden „Magasins du Printemps“ am Boulevard Haussmann und bestätigte mit ihnen  das von ihm geschriebene Wort, man sei schnell bei der Hand zu sagen, unsere Zeit besitze keine ihr eigene Architektur, man gestehe ihr höchstens zu, daß eine Erneuerung der Studien in eklektizistischer Richtung stattgefunden habe, „mais les gens du métier, les architectes presque seuls, savent quelle transformation latente, mais prolonde subit notre art contemporian. Depuis bienót cinquante ans, les tendances nouvellesse sont essayées en nombre d´oeuvres, si non également réussies, assurément trés-modernes, aussi bien dans l´architectrue monumentale que dans l´architecture privée“.

Und in den ersten Tagen des Jahres 1885 wurde der Wettbewerb für die Erbauung der Kaiser-Wilhelm-Straße in Berlin entschieden, bei welchen die Architekten Cremer & Wolffenstein in Berlin mit einem für die damaligen Verhältnisse glänzenden Entwurf an erster Stelle siegten, dessen Ausführung noch heute in allen Ehren besteht. In diesem Wettbewerb gelangte Messel nur bis zur engeren Wahl. Er war überhaupt keine Kampfnatur, sondern geschaffen, in beschaulicher Ruhe die architektonische Kleinarbeit bis zu seltener Meisterschaft zu reifen. Diese Eigenschaften bestätigte er bald bei einer Reihe privater Bauten, deren Erscheinung er viel von seinem tiefen Gemüt zuführte. Es überrascht bei seiner Veranlagung nicht, daß sie sich u.a. an belgische und englische Vorbilder anlehnen. So schuf er am Dönhoff-Platz in Berlin ein eingebautes Wohnhaus unter Anregung der Zunfthäuser der Grand´Place in Brüssel; so schuf er den Eckbau am Leipziger Platz der Erweiterung des Warenhauses Wertheim in Berlin unter dem Einfluß eines Vorbildes, wenn wir nicht irren, aus Gent oder Mecheln. Daß dabei viel Eigenes, wenn auch oft nur auf kritischem Wege, in die Entwurfsarbeiten einströmte, ergibt sich aus der reflektierenden Natur des Künstlers.

Diese dem Wagen abgewendete Natur hat ihn selbst da vor der Verfolgung eines neuen Gedankens bis in seine letzten Ausläufer zurückgehalten, wo die natürlichen Bedingungen dafür gegeben waren. Als der erste Teil des Warenhauses Wertheim an der Leipziger Straße entstand, ist die Ausführung trotz des Mangels der vollen Ausreifung, der sich allenthalben erkennen läßt, die aber wohl wegen der Schnelligkeit der Ausführung nicht möglich war, mit Recht als eine künstlerische Tat gepriesen worden. Messel hatte es hier unternommen, eine Warenhausfassade gegen die Straße völlig in Pfeiler aufzulösen und dabei später, aber entschiedener die Grundlage verfolgt, die schon Sédille beim Bau des Printemps in Paris aufgestellt hatte. Er hat damit charakteristischen Typus des deutschen Warenhauses geschaffen, der aber vielleicht reiner ausgefallen wäre, wenn er vor der letzten Konsequenz zurückgeschreckt wäre und im obersten Geschoß des Hauses Einstellungen gemacht hätte., die geeignet waren, die strenge Durchführung des gewählten Typus zu mildern, ja zu verschleiern. Dieser Ausführung gegenüber war Bernard Sehrings Gestaltung des Warenhauses Tietz in der Leipziger-Straße, die Auflösung der ganzen breiten Fassade in zwei riesige, von den Eingangsachsen in Stein umrahmte Glasflächen die ungleich kühnere Tat, wenn auch die Sehring´schen Einzelheiten hinter den Messel´schen zurückstehen. Man würde Messel Unrecht tun, wenn man Zweifel in seine Entschlußfähigkeit überhaupt setzte; die lange Wahl, unter der bisweilen dieser oder jener architektonische Gedanke reifte, zeugt sowohl von der Tiefe der Auffassung, die er für die Dinge, die ihm zur Lösung übergeben waren, hatte, wie von der künstlerischen Gewissenhaftigkeit, mit der er die Lösung bis zu dem Augenblicke betrieb, in dem sein körperlicher Zustand versagte und er das begonnene fremden Händen zur Vollendung übergeben mußte. Manches, was an den Arbeiten, die unter dem Namen Messels gehen, auffällt, ist daher weniger dem Künstler selbst als diesen Verhältnissen zuzuschreiben. Ich rechne hierzu z.B. auch die beiden kupfernen Brücken im Lichthof des Erweiterungsbaues der Warenhauses Wertheim am Leipziger-Platz in Berlin, nach meiner Auffassung Anordnungen arger Verlegenheit in der Gestaltung und Bezwingung eines großen Raumes, die auch die nächsten Verehrer des Künstlers nicht genügend zu rechtfertigen vermögen.

Es nag sein, daß ihn physische Verhältnisse und psychische Veranlagung auch davon zurückhielten, einen in ihm aufkeimenden großen Gedanken, wie er unzweifelhaft in der Anlage des Warenhauses Wertheim liegt, in voller Geschlossenheit durchzuführen; denn deutlich zerfällt dieser Baukörper in eine Anzahl Teile, die jeder für sich von hoher Schönheit sind, aber des Geistes des straffen künstlerischen Zusammenschlusses entbehren. Was Messel in diesen einzelnen Teilen in liebevoller Einzelarbeit leistete, mit wie feinem Verständnis er hierfür seine künstlerischen Mitarbeiter, wie die Bildhauer Naager, Rauch, Wrba, Vogel, Taschner und andere zu wählen wußte, davon zeugt als Krone seiner größten Schöpfungen der Eckbau des Wertheim´schen Warenhauses am Leipziger-Platz in Berlin. Es ist schon ein nicht hoch genug anzuschlagendes künstlerisches Verdienst, daß er in der Gesamtauffassung dieses Baues die ausgetretenen Pfade der überlieferten Ecklösungen verließ, um zu neuen Bildungen zu kommen, die im Aeußeren wie im Inneren zum Besten durchgeistigter Baukunst unserer Tage gehören.

Dieser Bauteil ist das treueste Spiegelbild des künstlerischen Charakters des Verstorbenen. Will man diesem und seinem künstlerischen Schaffen,  wie es sich im Laufe etwa der letzten 15 Jahre entwickelte, ohne Uebertreibung gerecht zu werden versuchen, soweit ein Mitlebender überhaupt objektiv und gerecht sein kann, so wird man aussprechen dürfen, daß als ein in die Baugeschichte übergehender dauernder künstlerischer Charakterzug Messels erkannt werden dürfte ein heißes Wollen zur Größe, gedämpft durch eine nicht gleich große und gleich entschiedene Entschlußfähigkeit, und ein noch brennenderes Verlangen zu gemütvollen durchgeistigten Schöpfungen als Ausfluß einer empfindsamen, für die höchsten Eindrücke aufnahmefähigen Seele. Die Ausdrucksformen seiner Kunst waren die einer bis zur höchsten Sensibilität getriebenen Wahllust. Seine Veranlagung war eine mehr lyrische als heroische; er war unter den Baukünstlern etwa das, was Felix Mendelssohn-Bartholdy unter den Tonkünstlern war.

Wie schon erwähnt, ist in diese Würdigung nicht das einbezogen, was Messel für die Museumsinsel in Berlin plante. Es wurde weiteren Kreisen nicht zugänglich gemacht. Das Schicksal der hier in Aussicht genommenen Bauten nach dem Hinscheiden ihres künstlerischen Urhebers ist aber so wichtig, daß wir namentlich in Hinblick auf die bereits in der Tagespresse Berlins einsetzende Zuweisung an Nachfolger und mit Rücksicht auf die Interessen der Allgemeinheit der preußischen Baukünstler auf diese Frage getrennt einzugehen uns vorbehalten.